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Erben nicht erwünscht: Krimi

Horst Bieber

Erben nicht erwünscht: Krimi

Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Erben nicht erwünscht

Kriminalroman von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress,Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

ERBEN NICHT ERWÜNSCHT, Krimi von Horst Bieber, 2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

Martha Schreiber ist eine sehr reiche Witwe.

Vor 24 Jahren verschwand ihr Mann spurlos – im selben Jahr auch ihre Tochter.

Und plötzlich steht unangemeldet eine junge Frau in Marthas Salon und behauptet, sie sei Marthas Enkelin, gibt allerdings weder Namen noch Anschrift preis.

Der Detektiv Rolf Kramer macht sich auf die Suche nach dieser jungen Frau. Im Laufe seiner Nachforschungen stößt Kramer, unbelehrbar, neugierig und zäh, auf ein geheimnisvolles Band aus einer Hülsmannschen Firma.

Hat der Inhalt dieses Bandes etwas mit dem spurlosen Verschwinden von Vater und Tochter zutun?

Je mehr er erfährt, desto tiefer gerät er in ein Spinnennetz von Politik, Betrug und krimineller Vergangenheitsbewältigung.

Doch wenn man ihn einschüchtern oder ausbremsen will, legt Rolf Kramer erst richtig los. Auch wenn es dabei Tote zu beklagen gibt!

Personen:

Martha Schreiber, geborene Hülsmann, Witwe, die unerwartet und gegen ihren Willen eine Enkelin bekommt

Juliane Becker behauptet, sie sei Marthas Enkelin

Ursula (Ulla) Schreiber, Marthas Tochter, ist vor vielen Jahren spurlos untergetaucht

Walther Schreiber wurde vor einem Bordell mit einem französischen Karabiner erschossen

Dr. Gerold Ackerknecht, erfolgreicher und skrupelloser, übergewichtiger Anwalt

Heinrich Völker, Fahrer und Faktotum in der Villa Schreiber, hat als letzter die Tochter Ulla gesehen

Corinna Völker, Heinrichs Tochter, tut nicht gut

Rolf Kramer, Privatdetektiv, wird von Martha Schreiber engagiert

Max Halbe, Rentner und Nachtwächter, kommt auf schreckliche Art ums Leben

Eva-Maria Gönter, Max Halbes geschiedene Tochter

Hella Gönter, Max Halbes Enkelin

Jürgen Bockholt hat was gesehen und wird zum Schweigen gebracht

Paul Becker glaubt, er habe gut vorgesorgt

Peter Becker, Pauls Bruder, gelernter Fahrer bei der Deutrans

Rita Oppermann, schlagkräftige Fahrerin bei Neutaxi

Anielda beantwortet Zukunftsfragen auf wissenschaftliche Basis

Holger Weisbart, Journalist, weiß und merkt sich viel, trinkt aber auch zuviel

Heike Saling, Staatsanwältin, Rolf Kramers Intimfeindin

Caro(line) Heynen, Kriminalhauptkommissarin, mit Rolf Kramer befreundet

Alle Namen und Personen, Ereignisse und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Stadt Tellheim ist erfunden, zusammengesetzt aus bekannten Plätzen und Vierteln deutscher Großstädte.

Erster Tag

Die schöne Jugendstil-Villa in der Gellertstraße verfiel sichtlich. Der wilde Wein war bis zu den Regenrinnen hochgewachsen und verdeckte im ersten Stock gnädig bereits blinde Fenster. Auf den noch sichtbaren Flächen bröckelte der Verputz, von den Holzteilen der Fenster splitterte der Lack. Modern und gepflegt sah nur die nachträglich angebaute Doppelgarage mit mindestens einer Wohnung für Chauffeure oder Personal darüber aus. Entlang der leicht ansteigenden Zufahrt wucherten Sträucher, die seit Jahren nicht mehr zurückgeschnitten worden waren und die mit dem seit Monaten nicht mehr gemähten Gras um die Wette wuchsen. Mehrere lose Platten des Gehwegs schwankten bedrohlich. Ob in den verrosteten Wegleuchten die Glühbirnen tatsächlich noch leuchteten, schien mehr als zweifelhaft. Es war kein Haus, das zum Eintreten einlud. Es fehlte nur noch ein Schild: "Besucher unerwünscht".

Unbehaglich zog er die Schultern hoch und klingelte.

Die junge Frau starrte ihn missmutig an: "Ja?"

"Guten Tag, mein Name ist Kramer. Frau Schreiber erwartet mich."

"Ach ja", murmelte sie geringschätzig und drehte sich schwungvoll um. "Kommen Sie!"

Die Höflichkeit hatte sie nicht erfunden, vielleicht, weil sie glaubte, bei ihrer Figur und Schönheit das nicht nötig zu haben. Sie mochte Mitte zwanzig sein und hatte ein rundliches, leidlich hübsches Gesicht mit einem Schmollmund, der Kramer ohne diese permanent beleidigte Miene sogar gefallen hätte. Die dunkelbrünetten Haare trug sie kurz geschnitten und kunstvoll verwuselt. Das dünne weiße Hemdchen war zu eng und zu kurz und verbarg, weil sie keinen BH trug, so wenig wie das superkurze weiße Röckchen. Auf albern hohen Plateausohlen stakste sie auch noch so durch die Halle, dass der Saum hochwippte. Man konnte sie für eine Amateurnutte halten oder eine Halbprofessionelle.

Wortlos folgte Kramer ihr und sah sich dabei verstohlen um. Eine richtige Halle, zwei Stockwerke hoch, über die ganze Tiefe des Hauses, die rotschwarzen Fliesen zeigten allerdings tiefe Sprünge und Risse, mit einer breiten, geschwungenen Treppe an der linken Seitenwand, die zu einer Galerie im ersten Stock hochführte. Auf der rechten Seite der Halle gähnte ein riesiger Kamin, in dem noch Asche und verkohlte Holzscheite lagen. Das rote Leder der vor den Kamin gerückten Sessel war brüchig geworden. In dem dunkelroten Plüschbezug der unbequem aussehenden Stühle und Hocker klafften Löcher und Risse, als habe eine riesige Katze daran ihre Krallen geschärft. Verfall, wohin man blickte, aber, wie Kramers Freund und Büronachbar Harald Posipil sagen würde, Verfall auf hohem Niveau.

Die Brünette klinkte eine Tür linker Hand auf und drehte sich spöttisch nach ihm um, klopfte dann an die erste Tür an dem kurzen Flur und steckte nur den Kopf in das Zimmer: "Der Herr Kramer." Als er sich an ihr vorbeischlängelte, bemerkte er noch ihren höhnischen Blick und roch ein süßlich-schweres Parfüm. Wenn sie einen Zentimeter weiter zurückgetreten wäre, hätte ihn ihr Busen nicht streifen müssen.

"Kommen Sie doch herein!"

Eine hohe, heisere, scharfe und nörgelnde Frauenstimme, die vor Unzufriedenheit kratzte.

"Guten Tag“, grüßte Kramer höflich und ging auf sie zu.

"Guten Tag", erwiderte sie ungeduldig und musterte ihn ungeniert. Ihre weißgrauen, kunstvoll gekämmten Haare hatte sie lila getönt, dazu trug sie ein violettes Kleid und fünf oder sechs schwere Halsketten. Die Sechzig hatte sie mit Sicherheit überschritten, aber jenseits dieser Grenze konnte so ziemlich jede Zahl möglich sein. Gut vorstellbar, ja wahrscheinlich, dass sie früher eine sehr attraktive Frau gewesen war, Spuren der verblichenen Schönheit waren noch zu erkennen. Doch in dem faltigen, hageren Gesicht gruben sich jetzt zwei tiefe Falten neben dem schmallippigen Mund ein, so, als habe sie vor vielen Jahrzehnten zum letzten Mal herzhaft gelacht oder ehrlich gelächelt. Ihre dunkelgrauen Augen waren klein und weil sie kurzsichtig war, aber wohl aus Eitelkeit keine Brille trug, blinzelte sie angestrengt, was ihrem Gesicht einen lauernden, gehässigen Ausdruck verlieh. Ihr schien niemand willkommen zu sein, und Kramer fiel der Spruch einer früheren Freundin ein: "Wer sich selbst nicht leiden kann, mag auch keine anderen Menschen." Über den Backenknochen spannte die Haut, da verbot sich eine Behandlung mit Botox, und als er näherkam, bemerkte er, dass sie beide Hände um die Polster der Stuhllehnen klammerte. Bleiche Hände, mit vielen braunen Altersflecken und Fingern wie Krallen, die Nägel lila lackiert in der Farbe ihres Kleides. Kramers Urteil stand nach wenigen Augenblicken fest: Sie mochte ihn so wenig leiden, wie er sie.

"Nehmen Sie doch Platz!"

"Vielen Dank."

Das Zimmer war groß und hoch und seltsam dunkel trotz der Sonne, die durch die Fenster schien. Eine Biedermeier-Einrichtung, die Armlehnstühle mit grün-gold gestreiftem Brokat überzogen. Der dunkelblaue Seidenteppich mit dem gold-silbernen Muster passte nicht zu den Farben, und die verschossene Tapete mit blau-roten Blumengirlanden verriet wenig Geschmack, aber ein würdiges Alter. Ein Zimmer, in dem die Zeit, aber nicht der Verfall stehenblieb.

Sie hatte ihre Inspektion beendet und entspannte sich etwas.

"Mein Rechtsanwalt hat Sie empfohlen", begann sie. "Herr Dr. Ackerknecht. Kennen Sie ihn?"

"Ja", sagte er und zerkaute ein Lächeln. Ackerknecht war zwei Meter groß und mindestens drei Zentner schwer, so breitschultrig, dass alle Türöffnungen zu schmal erschienen. Seine Stimme erinnerte an ein verrostetes Nebelhorn, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ging er so zartfühlend wie eine wild gewordene Straßenwalze vor. Wie mochten die beiden miteinander auskommen?

"Er meint, ich könnte Ihnen vertrauen. Vor allem sollen Sie verschwiegen sein."

"Vielen Dank", verbeugte Kramer sich leicht. Jede Wette, dass sie ihm nichts anbieten würde. Und sollte er den Fauxpas begehen, Zigaretten hervorzuholen, würde sie ihm die Tür weisen. Wie hielt es Ackerknecht, ein gewaltiger Zigarrenraucher, mit ihr in einem Zimmer aus?

"Es geht um eine – Familiengeschichte."

Weil sie ihn aufgebracht fixierte, nickte er verbindlich. Es ging fast immer um "Familiengeschichten", wenn man auf Anraten eines Anwaltes einen Privatdetektiv rief.

"Um eine unangenehme – also, um etwas, an das ich nicht gerne denke."

"Ja."

"Vor einer Woche ist ein junges Mädchen hier gewesen. Ohne Erlaubnis, unangemeldet", setzte sie verbittert hinzu.

"An welchem Tag war das, Frau Schreiber?"

"Am Donnerstag. Plötzlich klopfte sie an und kam herein. Einfach so." Noch in der Erinnerung schauderte sie. "So ein – dummes, junges Ding. Ganz kurze Höschen, wissen Sie, die Beine viel zu hoch abgeschnitten, die Fäden hingen noch herunter, und ein dünnes Hemdchen ohne was drunter, also, das war richtig – unanständig. Und ungekämmt war sie auch."

"Wie meinen Sie das?"

"Sie hatte so lange braune Haare, die ihr einfach auf die Schultern runterhingen. Unmöglich."

Darüber, was sie für unanständig und unmöglich hielt, lohnte es keinen Streit. "Wann am Donnerstag ist die junge Dame gekommen?"

Sie wedelte ungnädig mit einer Hand: "Am Nachmittag. Kurz vor meinem Tee."

"Und was wollte sie von Ihnen?"

"Was sie wollte – ich weiß es nicht. Plötzlich steht sie im Zimmer, starrt mich frech an, zieht die Nase hoch und sagt ganz dreist: ‚Du bist also die Martha Schreiber. Ich wollte dich nur mal sehen, weil die Ursula mich immer gewarnt hat, Juttakind, hüte dich vor der Oma Martha, wenn du noch Freude an deinem Leben haben willst, am besten erfährt sie gar nicht, dass es dich gibt.‘ Sagt dieses freche Gör, dreht sich um und läuft weg."


Ihre Stimme hatte sich hysterisch in die Höhe geschraubt, und deswegen blieb Kramer völlig ernst. Sie atmete jetzt schwer und keuchte vor Zorn. Nach einer Weile wagte Kramer zu fragen: "Wer ist Ursula?"

"Meine Tochter hieß Ursula."

"Dann war diese junge Frau Ihre Enkelin?"

"Ich habe keine Enkelin!", fuhr sie ihn an.

Ausdruckslos musterte er sie. Mit schwierigen Kunden hatte er so oft zu tun, dass er Geduld gelernt hatte und ein völlig ausdrucksloses Gesicht aufsetzen konnte. Die erste Hürde war schließlich genommen, sie hatte berichtet, was sie beschäftigte oder beunruhigte, und wenn sie sich bei ihrem Rechtsanwalt schon nach einem Privatdetektiv erkundigt hatte, wollte sie ihm einen Auftrag erteilen.

"Das heißt, genauer, ich habe bis zum vorigen Donnerstag nicht gewusst, dass ich eine Enkelin habe", sagte sie gepresst.

"Hat Ihre Tochter Ihnen nie ...?"

"Nein! Nie! Meine Tochter ist im Alter von zwanzig Jahren weggelaufen. Das war vor vierundzwanzig Jahren. Seitdem habe ich nie wieder ein Lebenszeichen von ihr erhalten."

Jede Wette, diesen ausdrucksstarken Satz hatte sie sich vorher zurechtgelegt. "Haben Sie Ihre Tochter denn vor vierundzwanzig Jahren nicht suchen lassen?"

"Nein!", fauchte sie ihn an, als habe er ihr was Unanständiges unterstellt. "Sie hatte einen unverschämten Brief auf ihr Bett gelegt, sie wollte nie wieder etwas mit der Familie zu tun haben und würde nie irgendwelche Ansprüche an uns stellen. Zwecklos, sie suchen zu lassen, sie werde nie wieder ihr Elternhaus betreten. Als ob sie gestorben wäre, damit müsste ich mich abfinden."

Wenn sie damals schon so selbstgerecht gewesen war wie heute, hatte sie der Tochter den Abschieds-Wunsch nur zu gern erfüllt. Bis eine junge Frau ins Zimmer trat und indirekt behauptete, sie sei ihre Enkelin. Wenn sie tatsächlich die Enkelin war ...

"Herr Kramer, ich möchte, dass Sie diese junge – Frau finden und feststellen, ob sie wirklich meine Enkelin ist."

Was in ihren Augen wohl die einfachste Sache der Welt war. Er seufzte unterdrückt und erkundigte sich: "Hat sie einen Namen genannt? Oder gesagt, wo sie wohnt, woher sie kommt?"

"Nichts!" Martha Schreiber schüttelte empört und heftig den Kopf, und nicht eine Haarsträhne lockerte sich. "Nur das, was ich Ihnen gesagt habe. Kein Wort mehr."

Großartige Anhaltspunkte! "Unterstellen wir mal, die junge Dame war wirklich Ihre Enkelin – wissen Sie denn, wohin Ihre Tochter damals gegangen ist?"

Die Frage hätte er sich schenken sollen, sie stieß ihr spitzes Kinn vor und beschied ihn giftig: "Nein. Es hätte mich auch nicht interessiert. Ursula war für mich gestorben."

"Haben Sie Familie? Schwestern, Brüder, Schwäger, mit denen sich Ihre Tochter vielleicht in Verbindung gesetzt hat?"

"Nein." Das Wort knallte wie ein Peitschenhieb. "Ich bin ein Einzelkind. Wie mein Mann – mein verstorbener Mann."

Eine Weile sah er nachdenklich an ihr vorbei in den Garten. Es gab Aufträge, die man am besten sofort ablehnte, weil sie geradezu nach Ärger und Schwierigkeiten stanken. Was er auch getan hätte, wenn sie nicht Ackerknecht erwähnt hätte. Der Anwalt hatte sich einen Namen als erfolgreicher Strafverteidiger gemacht, ihm musste deshalb klar sein, dass ein Privatdetektiv mit diesen mageren Hinweisen weder eine Enkelin noch eine Frau finden konnte, die sich vielleicht nur einen schlechten Scherz erlaubt hatte. Trotzdem hatte er Kramer seiner Mandantin empfohlen, und deshalb sollte er mit Ackerknecht sprechen, bevor er sich entschied.

Sie funkelte ihn böse an.

"War an diesem Donnerstag die junge Frau im Hause, die mich eben hereingelassen hat?"

"Corinna? – Ja."

"Wer ist diese Corinna?"

Sie runzelte ärgerlich die Stirn ob seiner ihm nicht zustehenden Neugier, gab aber Auskunft: "Corinna Völker. Die Tochter meines Angestellten. Er kümmert sich um das Haus und chauffiert mich."

"Hat Corinna dieser jungen Frau aufgemacht?"

"Ja, leider." Diesen Fehler würde sie der Brünetten nie verzeihen.

"Gut, Frau Schreiber, ich werde mit Corinna sprechen. Und mit Ihrem Anwalt."

"Nehmen Sie den Auftrag an?"

"Das kann ich erst entscheiden, wenn ich mit den beiden Personen gesprochen habe."

"Lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung warten." Nach diesem Befehl neigte sie huldvoll den Kopf. Ende der Audienz, er war entlassen.


Corinna Völker fand er nach längerer Suche in der großen Küche. Die Brünette saß an einem Tisch und rauchte, der Kaffee, den man ihm nicht angeboten hatte, stand vor ihr in einem großen Becher. Sie schaute hoch und schnitt eine Grimasse. "Na, Herr Schnüffler, alles klar?" Der "Schnüffler" ärgerte ihn, und deswegen würde er es ihr zeigen. Sie hatte ein großes Mundwerk und einen kleinen Verstand.

"Sie haben die junge Frau hereingelassen?"

"Ja, habe ich, und seitdem überlegt die Alte, ob sie mich rausschmeißen soll."

"Sie haben sicherlich gelauscht?"

"Wie kommen Sie denn darauf", brauste sie auf.

"Weil Sie so aussehen."

"Sie wissen, wo die Tür ist?"

"An Ihrer Stelle würde ich den Mund nicht so weit aufreißen und die Nase wieder runternehmen. Ich könnte sonst der Alten verraten, dass die junge Frau Ihnen Geld gegeben hat, damit sie hereingelassen wurde."

Sie griff nach dem Becher, als wollte sie das gute Stück Kramer an den Kopf werfen. Dabei war es gar nicht schwer zu erraten gewesen. Martha Schreiber liebte keinen unangemeldeten Besuch, das wusste dieses geile Miststück vor ihm ganz genau, und wenn die junge Frau dennoch ohne Erlaubnis bis in den Salon vordringen konnte, war mit Sicherheit Geld im Spiel; und zwar eine Summe, die nicht erst an der Haustür ausgehandelt worden war, als "Juttakind" klingelte. Wenn Corinna Völker gelauscht hatte, wusste sie sicherlich schon vorher, dass die junge Frau eine für die Chefin unangenehme Botschaft überbringen würde.

"Ich glaube, Sie gehen jetzt besser", bemerkte die Brünette in einem gemessen-würdevollen Ton, über den Kramer laut lachen musste.

"Mach ich gern, aber dann komme ich wieder und rede mit deinem Vater über deine privaten Transaktionen hier im Haus." Damit traf er ins Schwarze. Sie zuckte zusammen und drehte den Kopf zur Seite. Vor ihrem Vater schien sie Manschetten zu haben, und Kramer konnte sich auch gut vorstellen, warum. Völker Senior spielte in dem Haus als einziger Mann zweifellos eine wichtige Rolle, dank derer er hier mehr Geld leichter verdiente als mit anderer Arbeit. Und wenn seine Tochter das aufs Spiel setzte, weil sie in die eigene Tasche wirtschaften wollte und gegen Bezahlung Fremde hereinließ, setzte es wohl was.

"Okay, Mädchen", fuhr Kramer energisch fort, "ich überlege mir das mit deinem Vater noch einmal, wenn du jetzt ausspuckst, wann und wo du diese Jutta getroffen hast."

Nein, die Intelligenz hatte sie nicht gepachtet. Sie staunte Kramer an, als habe der gerade einen ganzen Taubenschwarm aus dem Hut gezaubert. "Im Mokkahaus", sagte sie unwillkürlich, und biss sich sofort auf die Lippen. So ehrlich hatte sie nicht sein wollen.

"Du meinst das Mokkahaus in der Cortistraße?"

"Kennst du das?

"Aber sicher."

Bevor sie noch eine Frage stellen konnte, klingelte es ziemlich laut. Corinna sprang auf, löschte ihre Zigarette unter dem Wasserhahn und schimpfte: "Die blöde Kuh will ihren Tee."

"Na schön, ich komme noch einmal wieder."

"Meinetwegen muss das nicht sein."

"Kann ich mir denken. Also tschüss, bis die Tage."


Rechtsanwalt Dr. Gerold Ackerknecht hatte Zeit und betrachtete Kramer unverhohlen spöttisch. Sein schöner hellgrauer Maßanzug war zerknittert, als habe er darin geschlafen, auf der blauen Seidenkrawatte mit den roten Tupfen prangte ein großer weithin sichtbarer Fettfleck. "Na, wie finden Sie das Prachtstück?"

"Zum Kotzen."

"Da sind Sie nicht der Einzige. Haben Sie den Auftrag angenommen?"

"Noch nicht."

"Hat sie Ihnen von der jungen Frau erzählt, die da plötzlich im Salon stand und behauptete, sie sei ihre Enkelin?"

"Sicher, hat sie."

"Hatten Sie zum Zwecke der Täuschung Ihr besonders vertrauenswürdiges Gesicht aufgesetzt?"

Kramer überhörte die Frage, schließlich entschied immer noch er, wer ihn wie, wann und womit beleidigen konnte: "Unterstellen wir mal, diese unerwünschte Besucherin heißt tatsächlich Jutta und war wirklich die Enkelin der alten Martha Schreiber. Dann dürfte die Tochter Ursula wohl schwanger gewesen sein, als sie vor 24 Jahren weglief."

"Anzunehmen", murmelte Ackerknecht und stieß eine gewaltige Rauchwolke aus.

"Haben Sie eine Ahnung, wer der Erzeuger ihres damals noch nicht geborenen Kindes war?"

"Nein."

"Hat es die Mutter Martha damals nicht interessiert?"

"Ich kannte Martha Schreiber damals noch nicht und kann deshalb Ihre Frage nicht beantworten."

"Würden Sie mir verraten, wann Sie Martha Schreiber kennengelernt haben?"

"Ein paar Wochen, nachdem ihre Tochter Ursula fortgelaufen war. Marthas Ehemann Walther wurde ermordet."

"Von wem?"

"Der Staatsanwalt meinte zuletzt, von seiner Ehefrau Martha, die ihm nicht verzeihen konnte, dass er schon wieder im Regenbogen in Holkersdorf gewesen war."

"Regenbogen?"

"Seinerzeit ein renommierter Puff der gehobenen Preisklasse, den Walther Schreiber ziemlich häufig frequentierte. Er ist vor der Tür dieses Etablissements erschossen worden. Und zwar mit einer ganz ungewöhnlichen Waffe."

"Duell-Pistole oder Vorderlader?"

"Weder noch. Mit einem französischen Karabiner, den die Grande Armée kurz vor dem zweiten Weltkrieg ausgemustert hatte."

"Zu dem Martha Schreiber Zugang hatte?"

Ackerknecht nickte ungerührt. "Und zu der passenden Munition. Martha wusste wahrscheinlich auch, wo sich der Teure herumtrieb und wann ungefähr er wegen nachlassender Potenz den Puff verlassen würde, um zu seinem Wagen auf dem Parkplatz auf der anderen Straßenseite zu gehen."

"Nicht nur wahrscheinlich?"

"Das habe ich so genau nicht wissen wollen", knurrte der Anwalt.

"Zu einer Verurteilung haben die Beweise des Staatsanwaltes trotzdem nicht gelangt?"

"Nein, die Kammer hat Martha mangels Beweisen freigesprochen. Und die Staatsanwaltschaft hat das Urteil sofort akzeptiert."

"Wahrscheinlich, weil Martha hervorragend verteidigt worden war von einem gewissen Dr. Gerold Ackerknecht."

"Ob hervorragend, das wage ich nicht zu beurteilen, jedenfalls wirkungsvoll."

"Was hat denn Martha zu dem Mordvorwurf gesagt?"

"Sie habe erstens kein Motiv und sei zweitens zu der fraglichen Zeit am Flughafen gewesen, um die Tochter Ursula abzuholen, die habe nämlich am Mittag zuvor angerufen und ihre Heimkehr angekündigt."

"Natürlich ist sie nicht mit dem Flieger gekommen?"

"Nein, aber Martha war auf dem Flughafen. Sie ist von mehreren Bekannten in der Ankunftshalle gesehen worden. Eine Freundin hat ihr sogar angeboten, sie mit in die Stadt zurückzunehmen, was sie dankend abgelehnt hat. Der Chauffeur warte draußen auf Mutter und Tochter."

"Außer Martha gab es keine Verdächtigen?"

"Nein. Warum fragen Sie?"

"Ungeklärte Mordfälle reizen mich."

"Das ist mir bekannt. Und manchmal geht Ihre Neugier sozusagen ins Auge, was? Wie auch immer, Herr Kramer, die Anklage gegen Martha Schreiber ist verbraucht. Ich bitte Sie herzlich, in dem Fall nicht mehr herumzustochern. Sehen Sie eine Chance, die junge Frau zu finden?"

"Woher wollen Sie wissen, dass meine Neugier manchmal ins Auge geht?"

"Ich hab' einen guten Draht zu meinem Kollegen Dr. Christian Bülow."

"Aha", sagte Kramer ehrlich verärgert. Für Rechtsanwalt Bülow arbeitete er manchmal.

"Wie ist das nun? Können Sie die junge Frau finden?"

"Ja. Wenn Sie mir verraten, welche Rolle Vater und Tochter Völker im Hause Schreiber spielen."

"Corinna ist eine Amateurnutte, die so tut, als sei sie eine Haushaltshilfe und wohne im Hause ihrer Arbeitgeberin. Mag sein, dass Martha Schreiber sie wirklich bezahlt, aber den Hauptteil ihres Einkommens beschafft sich Corinna von den männlichen Gästen des Mokkahauses in der Cortistraße. Den Vater kümmert nicht, was seine Tochter so treibt, er scheint etwas über Martha Schreiber zu wissen, womit er sie erpresst. Sie beschäftigt ihn deshalb als Chauffeur und Gärtner und eine Art Hausmeister."

"Womit erpresst er sie?"

"Das weiß ich nicht. Wenn Sie das zufällig herausfinden sollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden."

"Ich hatte den Eindruck, dass Martha Schreiber und die Völkers sich arrangiert haben."

Ackerknecht grinste so breit wie furchteinflößend, er besaß gewaltige braun-gelb verfärbte Hauer dort, wo andere Menschen manierliche Schneidezähne haben. "Gut möglich. Trotzdem – meiner Meinung nach gehören beide Völkers hinter Gitter."

"Okay. Ich fahre noch einmal zu Martha Schreiber und sage ihr, dass ich mit Ihrem Segen den Fall annehme. Vor allem brauche ich ein Bild von Ursula Schreiber."

"Viel Glück, Herr Kramer."

Auch Ackerknecht stand auf, was Kramer verwunderte. Der massige Anwalt, unter dem jeder Stuhl knarrte und ächzte, war nicht eben für seine verbindliche Höflichkeit berühmt. Im Vorzimmer packte Marlies Henkel ihre Handtasche. Sie war eine kleine, zierliche Frau, die der Kleiderschrank von Ackerknecht sich unter den Arm klemmen und dort vergessen konnte, während er im Zimmer auf und ab lief. Trotzdem führte sie unbestritten das Kommando in der erfolgreichen Kanzlei Ackerknecht. Wer sich mit "Tant' Marlies" überwarf, hatte ganz schlechte Karten.

"Hat er Sie herumgekriegt?"

"Ja", murmelte Kramer und lächelte sie an. Marlies hätte es sowieso erfahren. "Er hat mir allerdings nicht verraten, warum das Auftauchen einer möglichen Enkelin ihn beunruhigt."

"Ich fürchte, das müssen Sie ohne meine Hilfe herauskriegen, Herr Kramer."

"Mach' ich, tschüss, Frau Henkel."

Aus dem Auto rief er bei Martha Schreiber an.

"Haben Sie mit Ackerknecht gesprochen? Nehmen Sie meinen Auftrag an?"

"Ja, würde ich, wenn Sie ein gutes Bild von Ihrer Tochter Ursula für mich haben."

"Wozu brauchen Sie ein Bild meiner Tochter?"

"Wahrscheinlich muss ich erst Ihre Tochter Ursula suchen, um dadurch Ihre Enkelin Jutta aufzustöbern."

"Das Bild wäre über zwanzig Jahre alt", warnte sie.

"Das macht nichts."

"Ist Dr. Ackerknecht damit einverstanden?"

"Ja, ich war gerade eben bei ihm."

"Für mich ist es dann schon ziemlich spät. Heinrich wird Ihnen ein Bild geben."

"Wer ist Heinrich?

"Heinrich Völker. Fahrer, Gärtner und eine Art Hüter des Hauses."

"Und Vater von Corinna, nicht wahr?"

"Genau. Bis dann mal, Herr Kramer." Du meine Güte, das klang ja regelrecht aufgekratzt, wenn er nicht aufpasste, würde sie noch Freundschaft mit ihm schließen.

Sie hatte aufgelegt, bevor er sich verabschieden konnte.


Heinrich Völker überraschte Kramer. Zweifellos hatte Völker ebenfalls die Sechzig überschritten, sich aber sehr gut gehalten. Groß, hager, aber muskulös, eisengraues, volles, gewelltes Haar, das eher an Draht erinnerte denn an Haare, ein längliches Gesicht mit einem ausgeprägt energischen Kinn. Über seine Stirn verlief eine auffällige waagerechte Narbe, die ihm seltsamerweise gut stand: Ein harter und verwegener Kerl, der sich oft und mit Erfolg hatte wehren müssen. Er wirkte so, als sei mit ihm nicht gut Kirschen essen. Dazu eine tiefe, markante Stimme. Kramer staunte, Völker sah nicht so aus und trat auch nicht so auf, als sei er ein Faktotum an der langen Leine der Martha Schreiber, trotz des grauen Kittels und des Eimers voller Asche und Holzresten aus dem Kamin. Seine Tochter Corinna würde sich hüten müssen, dachte Kramer unwillkürlich, sollte sie ihrem Vater ernsthaft in die Quere kommen. Dem Mann war sie nicht gewachsen, und er hatte wenig Hemmungen, seinen Willen auch mit Gewalt durchzusetzen.

"Herr Kramer?"

"Ja, guten Abend. Sie sind Herr Völker?"

"Ja. Frau Schreiber hat mich gebeten, Ihnen dieses Bild zu geben. Das Foto ist gut einen Monat, bevor Ursula weglief, aufgenommen worden."

"Danke. Kannten Sie damals schon die Familie Schreiber?"

"Ja. Walther Schreiber hatte mich schon eingestellt."

"Haben Sie eine schwache Ahnung, mit wem oder wohin Ursula Schreiber weggelaufen sein könnte?"

"Nein. Tut mir leid."

"Ursula ging noch zur Schule?"

"Nein, sie hatte im Jahr zuvor ihr Abitur auf dem Waldeck-Gymnasium gemacht."

"Hat die Familie die Tochter bei der Polizei als vermisst gemeldet?"

"Ja, hat sie." Kramer ließ sich nichts anmerken. Völkers Chefin hatte das Gegenteil behauptet. "Zuständig war damals ein Kriminalobermeister Grembowski."

"Den gibt es immer noch, allerdings mehrfach befördert und jetzt Leiter der Abteilung. Hauptkommissar Grembowski."

"Sie kennen ihn?"

"Aber ja. In meinem Job hat man häufiger mit der Vermisstenabteilung zu tun."

"Dann muss ich Sie ja nicht vor Grem dem Groben warnen."

"Nein. Vielen Dank, mittlerweile kommen wir ganz gut miteinander aus." Woher kannte Völker Grems Spitznamen im Präsidium?

"Viel Glück, Herr Kramer."

"Danke."

Völker verschwand im Haus und schloss sehr leise die Tür hinter sich. Ein beeindruckender und selbstbewusster Typ, dachte Kramer flüchtig, ganz und gar nicht ein Hausmeister und Chauffeur.

Im Auto schaute er sich die Aufnahme genau an und verspürte ein ganz merkwürdiges Gefühl in der Magengrube. Ursula Schreiber war eine schöne junge Frau, mit einem sanften Gesicht, großen Augen und einem irgendwie traurigen Ausdruck. Für schöne Frauen hatte Kramer viel übrig, aber das war es nicht allein. Er hatte mit einem Mal das seltsame Gefühl, dass er diese Frau schon seit Ewigkeiten in seinen Träumen und Vorstellungen gut kannte und nur darauf gewartet hatte, ihr endlich einmal in der Realität zu begegnen. Seine Freundin und Opern-Begleiterin würde jetzt spotten: "Na, lieber Rolf, ein neuer Ausbruch des Tamino-Gefühls?" Automatisch war er Richtung Ruhlandhaus gefahren, und als er seinen Wagen auf dem Hof abgestellt hatte, fiel ihm ein, dass Freund Harald Posipil, von Beruf "Ahnenforscher" mit einem Büro auf dem gleichen Flur wie Kramer, in letzter Zeit abends wieder lange arbeitete. Einen Versuch war es wert.

Und es lohnte sich. Posipil saß vor seinem Computer und schien sich über die Ablenkung sogar zu freuen. "Was kann ich für dich tun?"

"Ich habe hier ein Foto, das ist über zwanzig Jahre alt. Ich soll diese Frau im Auftrag ihrer Mutter jetzt suchen, die Tochter müsste jetzt erste Hälfte vierzig sein. Unterstellen wir mal, sie hatte keine entstellende Krankheit und keinen entstellenden Unfall, wie kann sie dann heute ungefähr aussehen?"

"Lass mal sehen!"

Posipil schaute sich das Foto genau an und verzog neidisch das Gesicht: "Wie schaffst du das immer, so attraktive Kundinnen an Land zu ziehen? Bei mir tauchen nur alte, verkniffene Schachteln kurz vor Ablauf der Haltbarkeitsdauer auf."

Erstens stimmte das nicht, und zweitens musste Kramer den Irrtum sofort korrigieren. "Meine Kundin ist alt, eingetrocknet, verkniffen, rechthaberisch und zänkisch. Aber reich. Dass sie die Mutter dieser Schönheit sein soll, ist in der Tat schwer zu glauben. Aber 'natura facit saltus', wie du weißt."

Posipil lachte; er wusste, worauf Kramer anspielte. Posipil war die Unmusikalität auf zwei Beinen und hatte eine Tochter Eva, die Geige studiert hatte und jetzt zielstrebig die ersten Schritte zu einer Solisten-Karriere tat.

"Wenn du eine Viertelstunde Zeit hast ...?"

"Kein Problem." Der Ahnenforscher war ein großer Computerfreak, der mit seinen Maschinen so lässig umging wie Kramer mit Kugelschreiber und Bleistift. In Nullkommanichts hatte er das Foto eingescannt und auf Kramers Bitte ein paar Buntausdrucke der Originalaufnahme angefertigt. "Willst du die dir übers Bett hängen?"

"Nein, ich wollte sie später Anielda überlassen."

Anielda, deren korrekten Namen Kramer immer wieder vergaß, betrieb neben Posipils Büro ihr Studio Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis. Kramer und Anielda waren sehr gut befreundet, obwohl sie nie miteinander geschlafen hatten, was auch Posipil insgeheim bezweifelte, was er aber als höflicher Mensch nicht aussprach.

"Zwanzig Jahre älter?"

"Ja."

Es war erschreckend, mit welcher Schnelligkeit die Frau auf dem Bildschirm vor ihnen alterte. Dabei verlor sie nichts von ihrer jugendlichen Schönheit, und als Kramer das monieren wollte, meinte Posipil nur: "Der Computer ist halt schneller als du. Er hat vor den Veränderungen nachgemessen und herausgefunden, dass sie zu den sogenannten symmetrischen Typen gehört. Die meisten Männer empfinden Frauen als besonders schön, deren Gesichtszüge an einer Linie von der Stirnmitte zur Kinnspitze gespiegelt erscheinen. Sie gehört zu diesem Typus. Wie viele Ausdrucke?"

"Bis die Farbpatronen schwach werden, okay?"

"Du willst mich ja nur zu Anielda schicken."

Die Seherin in die Zukunft litt wegen mangelnder Nachfrage ihrer Fähigkeiten fast immer an Ebbe in der Kasse. Kramer und Posipil hatten ihr deswegen einen Nebenjob organisiert. Sie füllte leere Druckerpatronen mit Farbtinten auf, Posipil kümmerte sich um die Steuerchips, die eben das Nachfüllen verhindern sollten, und Kramer machte gewaltige Mundpropaganda für gute und preiswerte Farbpatronen. Er hatte den Eindruck, dass Anielda inzwischen für ihren grauhaarigen, aber kreglen und energischen Helfer mehr als nur büronachbarliche Gefühle entwickelt hatte.

"Es täte dir gut, mal wieder unter lebende Menschen zu kommen und dich nicht immer nur mit Toten zu beschäftigen. Und Anielda ist eine reizende Frau."

Das stimmte nun auch nicht hundertprozentig. Anielda war eine hübsche, eigensinnige Kratzbürste, schnell beleidigt, aber rasch auch wieder friedlich und bei allen ihren Launen eine gute, zuverlässige Freundin. Sie hätte sich nie geleistet, was Posipil, ehemals Beamter im Landesarchivdienst, mit seiner Frau erlebt hatte. Die war aus heiterem Himmel abgehauen und hatte nur einen Brief hinterlassen, der an der Kanne mit dem Frühstückskaffee lehnte. "Ich verlasse dich wegen eines richtigen Mannes."

Es hatte ihn aus der Bahn geworfen. Posipil schied aus dem Dienst aus, verkaufte das kleine Häuschen, bezahlte für die gemeinsame Tochter Eva im Voraus das Internat und den Geigenunterricht bis zum Abitur und gondelte als Späthippie durch die Südsee. So unvermutet, wie er verschwunden war, so unerwartet erschien er wieder in Tellheim und etablierte sich vor einigen Jahren als "Ahnenforscher" im Ruhlandhaus. Noch konnte er kein Vertrauen in Frauen setzen und aus Anieldas Mund würden Treueschwüre auch klingen wie eine Warnung: "Vorsicht, mein Lieber, ich kann auch ganz anders."

Kramer verließ Posipils Büro mit zwei kleinen Stapeln von Ausdrucken: Ursula Schreiber als etwa Zwanzigjährige und als Vierzigjährige.

Weil noch Zeit war, fuhr er ins Archiv des Tageblatts. Dort kannte man ihn so gut, dass eine der Damen seinen Wunsch sofort erfüllte. Eine Liste der Schüler, die vor 24 Jahren am Waldeck-Gymnasium Abitur gemacht hatten. Tatsächlich, eine Ursula Schreiber war verzeichnet. Sie kopierte ihm die Namensliste, die zum Glück auch einige sehr ungewöhnliche, also seltene Familiennamen enthielt. Denn die Familien Müller oder Meier ohne weitere Anhaltspunkte zu finden, war immer ein mühseliges Geschäft. Kramer bedankte sich höflich, wuchtete den Band ins Regal zurück und schaute sich nicht mehr um – dass die Damen sofort seinen Freund Holger Weisbart, den langjährigen Gerichtsreporter des Tageblatts, informieren würden, wusste er auch so.

Um sich ein langes Telefonat zu ersparen, ging Kramer in die Redaktion und erwischte Holger dort noch. Sein Freund hatte sehr schlechte Laune, Holger hatte nämlich eine fertig gebaute Seite mit seiner täglichen Gerichtsreportage wieder aufreißen müssen, weil in vorletzter Sekunde noch eine Todes-Anzeige gekommen war, die der Verlag nicht zurückweisen wollte, dazu war der Anzeigenkunde zu wichtig.

Aber eine neue Anzeige hieß auch, dass Holger seinen Artikel kürzen musste, und eher konnte man einen Löwen durch ein Nadelöhr zwingen, als Holger Weisbart zehn mit Herzblut geschriebene Zeilen wegnehmen. Kramer hörte sein Gebrüll schon auf dem Gang vor seinem Zimmer.

"Was willst du denn noch von mir?", raunzte er Kramer an, der ihn lange genug kannte, um ihm diesen Ton nicht zu verübeln.

"Ich wollte dich zum Bier in die Handschelle einladen."

"Und was muss ich dafür tun?"

"Entweder dein Gedächtnis anstrengen oder die Sammlung deiner Stenoblöcke und Notizbücher durchforsten."

"Und wonach, du edler Spender?"

"Nach einem Mordprozess. Angeklagt war Martha Schreiber, geborene Hülsmann. Das Opfer hieß Walther Schreiber. Erschossen vor der Tür eines renommierten Puffs in Holkersdorf."

"Freigesprochen mangels Beweisen."

Weisbart besaß ein sprichwörtlich gutes Gedächtnis, und weil er tagaus, tagein ein ehemals weißes oder hellgraues Leinenjacket trug, das im Laufe der Jahre dunkelgrau angelaufen war und jede elegante Form verloren hatte, sondern sich gewaltig ausgebeult hatte, nannte man ihn im Amts- und im Landgericht, wo er sich seit zwanzig Jahren jeden Verhandlungstag herumtrieb, den weißen Elefanten.

"Bekannt, Holger. Das reicht nicht einmal für ein Bier. Geschweige denn für Bratkartoffeln."

"Okay, ich melde mich – wenn ich diese ruchlosen Anschläge des Verlags auf meine Gesundheit und meine emotionale Stabilität überlebt habe."

"Ach, das wirst du schon. So long."


Als Kramer wie üblich die Reste seines Schlummertrunks über den riesigen Stachelkaktus goss, der neben seinem Wohnzimmerfenster stand und sich für die abwechslungsreiche Befeuchtung aus Weinschorle, Whisky, Bier – an hohen mexikanischen Feiertagen gab es auch mal ein Schlückchen Tequila gegen das Heimweh – mit vielen kleinen rosa Blüten bedankte, die entgegen allen klugen Gärtnerei-Büchern und Ratgebern über Monate den mesquita mexicano schmückten, fiel ihm wieder ein, an wen ihn die Aufnahme von Ursula Schreiber erinnerte. An ein Nachbarskind in seinem Heimatort Neustadt/Ulitz, an Anna Fehrenholz, die er vor und während der Pubertät bewundert und sehr diskret, um nicht zu sagen: schüchtern umschwärmt hatte. Im Morse-Lehrgang hatte er ihren älteren Bruder Arno kennengelernt, der schon Elektrotechnik studierte und auch Amateurfunker war. Kramer lernte viel von ihm, Theorie und Praxis, Basteln und Berechnen. Außerdem besaß Arno eine Spulenwickelmaschine, und Spulen blieben Kramers bastelmäßiger Schwachpunkt. Arno und er waren in der Nachbarschaft gefürchtet, weil ihre Sender immer wieder mal den Fernsehempfang störten.

Kramer geriet dann mit seinem Hobby sogar in die Spalten der örtlichen Presse, als es ihm gelang, mit einer Sende-Leistung, die dem Verbrauch zweier Taschenlampenbirnchen entsprach, eine Kurzwellen-Verbindung mit Neuseeland herzustellen, was der dortige Amateur durch eine QSL-Karte bestätigte. Wer in Neustadt an der Ulitz erhielt schon Post aus Neuseeland? Es sprach sich herum.

So gut er sich mit Arno verstand, so wenig wollte es mit Anna klappen. Sie übersah Rolf Kramer einfach, zwar freundlich und nett, aber auch ganz entschieden. Kramers Vater machte eine sehr kluge Bemerkung, als sie Anna zufällig bei einer Wanderung an der Ulitz trafen.

"Eine sehr schöne Frau, du hast Recht, in sie hätte ich mich auch verguckt. Aber nimm dir Zeit, sie wird noch schöner, je älter sie wird. Hoffentlich bleibt sie mit beiden Füßen auf dem Boden."

Das tat sie wohl nicht, wie Arno manchmal erzählte, sie wurde ein umschwärmtes und wegen seiner zahlreichen Affären auch bekanntes Fotomodell, und lächelte Kramer oft von den Titelseiten der Illustrierten an. Wie sein Vater vorhergesagt hatte – sie wurde schöner und auch begehrenswerter. Sie starb auf dem Beifahrersitz eines Sportwagens, den ihr neuer Freund, mit Drogen bis unter die Haarwurzeln zugedröhnt, auf der Schnellstraße gegen einen Brückenpfeiler steuerte.



Zweiter Tag

Der Tag würde lang werden, und Kramer verspürte schon sehr bald Kaffeedurst. Er hatte seine Mini-Kamera mitgenommen, ein elektronisch-optisches Wunderwerk, so klein, dass es unauffällig in seine Jackentasche passte, mit einem Speicherchip fast unglaublicher Kapazität und einem Wunder-Objektiv. Kramer hatte sehr viel Geld für dieses Werkzeug hinblättern müssen. Aber es hatte sich bislang auch schon bezahlt gemacht.

Auf der anderen Seite des Berner Platzes begann die Cortistraße, und dort gab es das Mokkahaus. Früher war es ein ganz normales Café gewesen, dessen Inhaber Tempel hieß. Café Tempel oder etwas verballhornt das Tempelcafé. Das alte Gemäuer war schwer beschädigt und erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von einem Enkel des ursprünglichen Betreibers renoviert, erweitert und aufgepeppt worden. Der esoterisch angehauchte Enkel meinte, wenn der neue Spitzname schon Kaffeetempel lautete, sollten Inneres und Äußeres auch daran erinnern. Er hatte sich allerdings zwischen Romanik, Gotik, Barock, Rokoko, Shintoismus und Buddhismus und New Age nicht so recht entscheiden können und deshalb von jedem etwas einbauen lassen. So war ein großer Saal mit einer hohen gewölbten Decke, Rippenbögen, viel Stuck und gotisch großen Fenstern entstanden, die immerhin den Vorteil boten, dass man sie im oberen Teil zwecks Frischluftzufuhr klappen konnte. Der Boden war mit einem weinroten dicken Teppich ausgelegt worden, trittfest selbst für schwer beladene Kamele, und abwechselnd mit blauen und goldenen Bourbonen-Lilien verziert; in der Mitte des Saales plätscherte ein kleiner Springbrunnen aus imitierter Jade. Es gab runde Tischchen mit Marmorplatten, rot gepolsterte, sehr bequeme Armsessel. Gedämpfte Beleuchtung aus farbigen Lampen, keine Musik. Die Wände waren bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Fotos schöner Frauen bedeckt, nach allgemeinem Spott die früheren Bedienungen, denen der Ruf nachschlich, eine Auswahl der jugendlichen Schönen der Stadt zu sein. Alles war schauerlich schön geraten; für weiteren Kitsch gab es einfach keinen Platz mehr. Das Publikum hatte das Mokkahaus begeistert angenommen, auch die lange Karte mit den vielen Kaffeevarianten und phantastischen, preiswerten Kuchen, außerdem rühmte sich der Wirt, in seinem Geschäft liefen die schönsten Bedienungen mit den längsten Beinen in den kürzesten Röckchen umher, die als gerade noch jugendfrei durchgingen. Besonders gut machten sie sich, wenn die attraktiven Damen, die gerade nichts zu tun hatten, an der langen Bar saßen. Die einzelnen Gänge und Abteilungen waren mit echten Palmen in Kübeln abgeteilt, in einigen saßen oben kleine braune Plüschaffen. Niemand rauchte. So war die Luft angenehm zu atmen, trotz des merkwürdigen Parfümgeruchs, der über die Gäste hinwegwaberte.

Nach längerem Suchen fand Kramer noch einen Platz an einem Tisch, an dem drei junge Damen saßen, die nach Alter, Aussehen und Aufzug eher in eine Disco als in das Mokkahaus passten. Er wurde unfreundlich gemustert, als habe er bereits laut verkündet, er werde sofort alle jungen Frauen in Reichweite handgreiflich belästigen, so dass sie am besten in die noch freien Palmwipfel flüchten sollten.

Der gedeckte Apfelkuchen mit Sahne war hervorragend, der Kaffee heiß und stark und schwarz wie die Erbsünde. Dazu wurde automatisch ein Glas Mineralwasser serviert. Über den Service konnte er nicht klagen. Als die junge Bedienung das nächste Mal in seiner Nähe vorbeischwebte, hielte er sie an. "Wissen Sie zufällig, ob Jutta Schreiber schon da ist?"

Die junge Frau tat ihm den Gefallen, stehen zu bleiben und so zu tun, als überlege sie angestrengt. Dann zuckte sie die Achseln. "Das weiß ich nicht. Soll ich mich mal erkundigen?"

"Das wäre sehr freundlich von Ihnen."

Nach drei Minuten kam sie zurück, stellte erst auf einem Nebentisch ein Tablett mit Getränken und Kuchen ab und sagte ihm dann nicht unfreundlich, aber etwas kurz angebunden: "Jutta hat heute keinen Dienst."

"Vielen Dank."

Nach dem Kaffee wollte Kramer innerlich Platz für weitere Getränke schaffen und verzog sich über die Treppe in den Keller Richtung Toiletten. Hier war es heller und kühler, und vor allem leiser. Vielleicht deswegen fielen ihm die Schritte der beiden Männer auf, die hartnäckig hinter ihm hergingen. Nun ja, pinkeln war ein Menschenrecht, deswegen kümmerte er sich nicht darum. Doch dann wurden hinter ihm die Schritte schneller und kamen näher. Bevor er sich umdrehen konnte, erhielt er einen heftigen Stoß in den Rücken und geriet ins Taumeln, knallte mit dem Kopf gegen die gekachelte Wand und fiel hin. Ein echter Menschfreund versetzte ihm einen schmerzhaften Tritt in die Seite, er rollte sich instinktiv herum und sah nur zwei maskierte Typen, die sich über ihn beugten. Maskiert, aber als Paar doch auffällig. Der eine war sehr groß und zeigte ein gewaltiges Messer. "Verpiss dich, du Hurensohn, und lass dich hier nie wieder blicken, sonst amputiere ich dir die Eier." Zuzutrauen war es dem ordinären Brutalo ohne weiteres. Sein Kumpel wirkte daneben klein und pummelig. Beide Typen wollten keine Antwort abwarten und machten danach kehrt. Pat und Patachon oder Dick und Doof.

Kramer brauchte ein paar Minuten, bis er sich aufrichten und hinstellen konnte. Seine Seite und Hüfte schmerzten höllisch. Auf seiner Stirn ertastete er eine Beule. Dann rappelte er sich hoch, schlich in den nächsten Raum mit den Pinkelbecken und leerte die Blase, wobei er schon wieder hämisch grinsen konnte.

So dumm waren diese Kerle, dass sie eigentlich laut jammernd durch die Gegend laufen mussten. Da hatte er mit seiner harmlosen Frage an die Bedienung ja hundertprozentig ins Schwarze getroffen. Jutta Schreiber. "Die Enkelin" war hier also bekannt. Vielleicht hatte sie tatsächlich mal als Bedienung hier gearbeitet. Dann lag die Vermutung nahe, dass diese Corinna Völker früher hier ebenfalls bedient hatte.

Als er zurückkam, räumten seine drei Grazien das Feld und er hatte einen Tisch für sich, bestellte einen Schoppen Wein und Mineralwasser, zahlte sofort und gab sich ganz entspannt der Betrachtung der jungen, hübschen Mädchen in den kurzen Röckchen und stramm sitzenden weißen Shirts hin. Sie hatten gut zu tun. Dann betrat eine Besucherin das Mokkahaus, die er kannte. Corinna Völker setzte sich neben eine junge Frau mit einem dichten, langen, kastanienbraunen Pferdeschwanz, die schon länger an der Bar hockte und dem großen Saal bisher den Rücken zugekehrt hatte. Sie drehte kurz den Kopf zu der Nachbarin und schien etwas zu sagen, worauf Corinna zu einer ausführlichen Rede ansetzte, bis zwei Männer, einer auffällig groß, der andere klein, aus einem Raum hinter der Bar erschienen. Sie schoben die Frauen an einer der Kaffeemaschinen zur Seite und redeten eifrig auf Corinna und ihre Nachbarin ein. Corinna drehte sich um und musterte die Gäste im Saal. Kramer hatte den Eindruck, dass sie ihn erkannte und das umgehend den beiden Männern mitteilte. Die Frau mit dem auffälligen Pferdeschwanz und dem knallig bunten Tuch, mit dem sie ihr Haar zusammengebunden hatte, stand sofort auf und verließ das Mokkahaus. Allerdings nicht schnell genug, Kramer hatte, sobald sich Corinna neben sie setzte, seine Kamera schussfertig gemacht, den Blitz ausgeschaltet und den Apparat auf die Tischplatte gelegt. Er konnte ihn mit dem Handteller so abdecken, dass das Objektiv zwischen seinen Fingern auf die Bar gerichtet war; wenn er alles richtig gemacht hatte, wurden Corinna und die Pferdeschwanz-Besitzerin abgebildet. Als die junge Frau mit den braunen Haaren den Kopf zu ihrer Nachbarin drehte, drückte er auf den Auslöser.

Danach beeilte er sich, um noch vor der Mittagspause auf der Cortistraße zu telefonieren. Die Braunhaarige mit dem auffälligen Haarschopf war nicht zu sehen. Die Auskunft verband ihn mit Renate Helmesberger. Den musikalischen Namen auf der Abiturientenliste hatte er sich gemerkt.

Kramer stellte sich vor und fragte als erstes: "Sind Sie die Renate Helmesberger, die mit Ursula Schreiber zusammen Abitur auf dem Waldeck-Gymnasium gemacht hat?"

"Warum wollen Sie das wissen?"

"Weil mich Ursulas Mutter beauftragt hat, ihre Tochter zu suchen."

"Sind Sie ein Detektiv?"

"Ja, ein Privatdetektiv."

"Und wie soll ich Ihnen dabei helfen?"

"Ich hatte gehofft, Sie könnten mir etwas über Ursulas Freunde erzählen. Und möglicherweise den Mann kennen, von dem sie ein Kind bekommen hat."

"Ein Kind ... ? Herr Kramer, können Sie irgendwie beweisen, dass Frau Schreiber Ihnen den Auftrag gegeben hat, Ursula zu suchen?"

"Nein. Sie müssten, wenn Sie Zweifel haben, schon Martha Schreiber anrufen."

"Die alte Hexe? Nie. Tut mir leid, ich fürchte, wir kommen nicht zusammen, Herr Kramer."

Zornig und enttäuscht steckte er das Handy ein und drehte sich um, gerade noch rechtzeitig, um die junge Frau mit dem auffälligen Pferdeschwanz zu bemerken. Sie kam aus einem Geschäft auf der anderen Straßenseite und schwenkte eine Papiertüte. Kramer kannte sie nicht, aber ihr Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor, so, als habe er sie schon einmal gesehen. Und als er das Handy einsteckte, fühlte er in der Jackentasche die Ausdrucke, die Posipil gemacht hatte. War die Kastanienbraune etwa Jutta Schreiber? Oder war die Braunhaarige dafür zu jung? Eher zwanzig als vierzig? Nachdenklich ging er ins Büro zurück und klopfte zuerst an Posipils Tür.

Der Ahnenforscher stöhnte aus Leibeskräften: "Seit dieser Gesetzesänderung, dass Familien den Namen der Frau annehmen dürfen und der Name des Mannes gänzlich verschwindet, suche ich mich zu Tode, um einen simplen Stammbaum zusammenzukriegen."

Kramer kannte seine Klage schon: "Du hast doch gestern eine Frau elektronisch altern lassen."

"Ja, und?"

"Sie ist vor 24 Jahren untergetaucht."

"Ach, und du meinst, ich solle mal eben in alten Zeitungen und Archiven nachsehen?"

"Kann nicht schaden. Sie heißt Ursula Schreiber. Mutter ist Martha, geborene Hülsmann, Vater Walther Schreiber. Walther mit -th. Vor ebenfalls 24 Jahren ermordet. Bisher hat mir gegenüber noch keiner angedeutet, zwischen dem Verschwinden der Tochter und dem Mord an dem Vater könne es einen Zusammenhang geben. Ehefrau Martha war angeklagt, ist aber mangels Beweisen freigesprochen worden."

"Jetzt suchst du die Tochter und den Mörder des Vaters sozusagen parallel, was?"

"V

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