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Erben kann tödlich sein

Meine Erzählungen basieren auf persönlichen Erfahrungen, eigenen Erlebnissen und auf Beobachtungen von Menschen aus meinem privaten Umfeld, aus der Schule und aus der Arbeitswelt.

Vieles ist reine Phantasie. Einiges ist so oder ähnlich passiert. Das meiste habe ich aber frei erfunden.

Jürgen von Harenne

Bisher habe ich sechs Kriminalromane veröffentlicht. Insgesamt ist dieses mein siebtes Buch

Dieses Buch widme ich meiner Frau Gisela von Harenne und unseren Kindern Nicola und Manuel von Harenne

Alle Namen, Personen und Ereignisse sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig
.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 1

Marie und Georg Brinkmann wohnen am Stadtrand von Münster in einer Wohnsiedlung in dem früher eigenständigen Dorf Hahnbeck, das seit 1975 zu Münster gehört. Seit einigen Jahren sind ihre beiden Kinder selbstständig und haben ihre eigenen Wohnungen in der Nähe der Innenstadt.

Den heutigen Freitag hat sich Georg frei genommen. Es ist ein schöner, warmer Sommertag Ende Juni, nicht zu warm und trocken. Er will die freie Zeit nutzen, um einige Arbeiten im Haus und im Garten zu erledigen. Sie haben vor mehr als zwanzig Jahren dieses große Einfamilienhaus für sich und ihre zwei Kinder gebaut. Georg ist Ingenieur für Allgemeinen Ingenieurbau und Programmierer. Marie war bis vor fünf Jahren Konrektorin an der Hauptschule in Hahnbeck. Wegen einer schweren Krebserkrankung musste sie aus dem aktiven Beruf ausscheiden. Seit etwa zwei Jahren hat sie sich von mehreren Operationen soweit erholt, dass sie sich inzwischen wieder besser fühlt, obwohl ihr Immunsystem geschwächt ist und ihre Lunge seit den Operationen auf 60 % der normalen Leistung eingeschränkt ist.

Heute Morgen bringt Georg Marie um kurz vor zehn mit dem Auto zur Bushaltestelle im Ortskern von Hahnbeck. Marie fährt regelmäßig meistens am Dienstag und am Freitag in die Innenstadt von Münster. Dort gibt es für sie immer etwas zu erledigen. Hier geht sie regelmäßig zu ihren Ärzten, zur Apotheke, zum Frisör, zu Buchläden und zu bestimmten Modegeschäften, die es in Hahnbeck nicht gibt. Nach ungefähr zwei Stunden, mittags gegen halb eins, fährt Marie mit dem Bus wieder nach Hause. Wenn Georg wie heute nicht im Büro ist, essen sie zusammen.

Georg holt das Auto aus der Garage und lässt Marie einsteigen. Im Auto fragt er Marie:

„Hast du gesehen, dass gegenüber Herr Frisse an der Vorderseite seiner weit geöffneten Garage eine Leiter an die Vorderwand gestellt hat?“

„Ja“, wundert sich auch Marie. „Hoffentlich will er nicht auf die Leiter steigen und das Efeu über dem Garagentor abschneiden.“

Georg schüttelt nur den Kopf: „Das kann er nun wirklich nicht. Er ist ja schon lange nicht mehr in der Lage, ein paar Meter mit dem Hund zu gehen. Wie oft haben wir und die anderen Nachbarn ihn schon zu seinem Haus zurück gebracht, wenn er mal wieder gefallen war und nicht mehr alleine gehen konnte.“

Klaus Frisse wohnt in einer Haushälfte eines Doppelhauses auf der anderen Straßenseite genau gegenüber von Marie und Georg Brinkmann. Das Doppelhaus haben Klaus Frisse und seine Frau Karin damals vor mehr als 20 Jahren fast zur gleichen Zeit zusammen mit dem Ehepaar Simon, den Eigentümern der anderen Haushälfte, gebaut. Erst zwei Jahre später sind Marie und Georg in ihr neues Haus gegenüber eingezogen. Herr Simon ist schon vor etwa zehn Jahren gestorben. Seine Frau Walburga Simon ist Witwe und lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in ihrem Haus.

Auf der kurzen Fahrt zur Bushaltestelle sagt Georg zu Marie:

„Hast du gesehen, dass vor unserem Haus ein Handwerkerwagen der Firma Holtkamp stand? Als wir losfuhren, trugen zwei Monteure der Firma gerade die neuen Rollläden für Frau Simon zu ihrem Haus. Die alten Rollläden an ihrem Schlafzimmerfenster sind seit einer Woche defekt. Sie lassen sich wohl nicht mehr bewegen. Frau Simon hatte sie Tag und Nacht geschlossen.“

„Mein Gott, auf was du alles achtest. Das habe ich überhaupt noch nicht bemerkt.“

„Na ja, ihr Schlafzimmerfenster liegt doch genau gegenüber von unserem Küchenfenster. Wir essen morgens und abends in unserer großen Wohnküche. Da sieht man doch automatisch, was draußen passiert“, entgegnet ihr Georg.

Zur gleichen Zeit, als Georg auf der Hauptstraße Marie an der Bushaltestelle absetzt, kommen zwei Krankenwagen und ein Polizeiwagen mit laut heulendem Martinshorn an ihnen vorbei und fahren in das Wohngebiet.

„Was da wohl wieder passiert ist?“ wundert sich Marie.

„Hier in Hahnbeck und auf der nahe gelegenen Bundesstraße nach Münster kommt das doch fast täglich vor“, stellt Georg fest. Noch kann er nicht ahnen, was passiert ist und was er heute noch alles erleben wird.

Sie verabschieden sich mit einem Kuss und Georg fährt zurück zum Haus. Schon beim Einbiegen in die Wohnstraße sieht er am Ende der Sackgasse direkt vor ihrem Haus den großen rot-weißen Krankenwagen, einen Notarztwagen und den blau-silbernen Polizeiwagen stehen. Langsam fährt er bis zu den drei Fahrzeugen, die direkt vor seiner Garageneinfahrt die gesamte Straße versperren. Vorsicht rangiert er sein Auto über die Zufahrt des Nachbarn in seine Garage. Es passt so gerade.

Langsam geht er zum gegenüberliegenden Nachbarhaus, dem Doppelhaus von Frau Simon und von Klaus Frisse. Auf den Eingangsstufen des vorderen Hauses von Frau Simon sitzt einer der beiden Handwerker. Er ist leichenblass und offensichtlich völlig geistesabwesend. Der andere Handwerker steht mit Frau Simon am Ende der Garagenzufahrt direkt vor dem geöffneten Garagentor von Klaus Frisse.

Georg sieht, dass dort ein Mensch auf der Erde liegt. Der Notarzt und zwei Sanitäter knien vor der Person. In kurzen Abständen drückt und pumpt der Notarzt mit seiner ganzen Kraft auf den Brustkorb des Verletzten. Er versucht offensichtlich, ihn wiederzubeleben. Die beiden Polizisten, Frau Simon und der Handwerker stehen in einigem Abstand daneben. Georg sieht, dass sie geschockt sind und schweigend auf den Notarzt starren.

Als Georg langsam zur Haustür von Frau Simon geht und dort stehen bleibt, kommen der Handwerker und Frau Simon zu ihm. Frau Simon ist sehr aufgeregt: „Herr Frisse ist von der Leiter gefallen und ganz unglücklich mit dem Kopf auf das Pflaster vor dem Garagentor aufgeschlagen. Alles ist voll Blut.“

„Ist er tot?“ fragt Georg direkt.

„Der Notarzt meint, noch einen schwachen Puls gespürt zu haben“, antwortet Frau Simon.

Jetzt ist auch Georg betroffen:

„Herr Frisse ist zwar erst 61 Jahre alt aber doch schon seit vielen Jahren schwer zuckerkrank. Schon lange kann er wegen seiner kranken Füßen nicht mehr richtig gehen und trägt Spezialschuhe. Dreimal täglich kommt ein Krankendienst der Caritas und gibt ihm die erforderlichen Diabetes-Spritzen. Wie kann er nur so leichtsinnig sein und in diesem Zustand versuchen, auf die Leiter zu steigen?“

Frau Simon nickt: „Er war immer schon unvernünftig. Er wollte wohl das vom Garagendach herab hängende Efeu abschneiden.“

„Die Leiter steht dort noch immer an der Seite. Sie ist nur knapp zwei Meter lang. Dann ist er aus einer Höhe von höchstens zwei Metern gefallen“, überlegt Georg.

„Wie es möglich, dass er bei solch einem Sturz so unglücklich aufschlägt, dass er dabei stirbt? Offensichtlich hat er nicht einmal mehr reagieren können. Er muss schutzlos mit dem Gesicht auf die Betonplatten aufgeschlagen sein. Normalerweise versucht jeder, sich bei einem Sturz aus dieser Höhe mit den Armen zu schützen“, ergänzt Georg.

Während der Notarzt und die Sanitäter noch eine halbe Stunde lang versuchen, Klaus Frisse zu retten, kommt einer der beiden Polizisten zur Haustür von Frau Simon.

„Es ist ein schrecklicher Unfall. Aber ich benötige einige Angaben von Ihnen“, wendet er sich an Frau Simon. Doch schnell muss er feststellen, dass die 82- jähtige alte Dame am ganzen Körper zittert und nicht ansprechbar ist. Sie kann das schreckliche Geschehen nicht fassen. Sie braucht erst einmal Abstand von diesem Unglück. Gleich nach dem Eintreffen der Polizei und den zwei Krankenwagen hatte der Polizist, Hauptwachtmeister Heinz Rölwer, Frau Simon gefragt, ob die Polizei Angehörige des Verunglückten benachrichtigen muss. Sie hatte ihm in ihrer Aufregung eine Telefonnummer gegeben, die es überhaupt nicht gibt.

Jetzt wendet sich der Polizist Herr Rölwer an Georg: „Können Sie mir Angaben über Herrn Frisse machen?“

„Ja, was wollen Sie wissen?“

„Hat der Verletzte Kinder? Ist er verheiratet? Müssen wir seine Frau benachrichtigen?“

Georg geht mit dem Hauptwachtmeister ein paar Schritte vom Eingang weg, um ihm ungestört antworten zu können:

„Herr Frisse hat keine Kinder. Er ist oder war verheiratet mit Karin Frisse. Ich weiß nicht, ob sie inzwischen geschieden sind. Frau Frisse lebt seit mehr als zehn Jahren auf Gran Canaria in Puerto Mogan. Ich kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie noch lebt. Vor vielen Jahren war sie ein paar Tage hier in Münster. Sie wollte bei uns einen Teil ihres Hausinventars verkaufen. Nach ein paar Tagen war sie wieder verschwunden. Ihr Mann, Klaus Frisse, hat nie über seine Frau mit uns geredet. Ich weiß aber ganz sicher, dass beide damals beim Kauf des Grundstücks und dem Neubau des Hauses zu gleichen Teilen im Grundbuch als Eigentümer eingetragen waren.“

„Das ist im Moment noch nicht so wichtig. Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen müssen?“

„Ja, die amtlich bestellte Betreuerin Gabriele Müller kümmert sich seit einigen Jahren um Herrn Frisse. Seit einem halben Jahr wohnt sie in seinem Haus im Obergeschoss.“

„Haben Sie die Telefonnummer?“

„Ja, ich habe von ihr eine Visitenkarte zu Hause an unserem Telefon liegen für den Fall, dass Klaus Frisse wieder etwas passiert. Am besten ist es, wenn Sie mit mir in unser Haus kommen.“

Hauptwachtmeister Rölwer geht zusammen mit Georg zur Haustür. Gleich im Eingangsbereich an dem kleinen Telefontisch nimmt Georg die Visitenkarte und schreibt zwei Telefonnummern auf einen Zettel:

„Das ist der Festnetzanschluss des Büros von Frau Müller bei der Stadtverwaltung in Greven und das hier ist ihre Handy-Nummer.“

„Sonst gibt es keine Verwandten oder Angehörige?“

„Herr Frisse hat noch eine Tante, die sich bis vor einigen Jahren um ihn gekümmert hat. Sie heißt Dr. Irmgard Kötter. Seit Frau Gabriele Müller als Betreuerin eingesetzt ist kümmert sich die Tante nicht mehr um ihren Neffen. Da hat es wohl Unstimmigkeiten und Streit zwischen der Tante und der Betreuerin gegeben.“

Inzwischen ist es fast elf Uhr. Hauptwachtmeister Rölwer bedankt sich bei Georg: „Wir werden uns mit Frau Müller in Verbindung setzten. Bitte unternehmen Sie nichts und informieren Sie Frau Müller nicht selbst. Wenn sie erschrickt und sich aufregt, verursacht sie unter Umständen auch noch einen Unfall.“

Georg geht zusammen mit dem Polizisten zurück zur Haustür von Frau Simon: „Wie es genau zu dem Unfall von Herrn Frisse kam, kann ich Ihnen nicht sagen. Als ich kam, war der Notarzt schon da und versuchte Herrn Frisse zu helfen.“

„Das Unglück und den Sturz hat wohl niemand gesehen“, erklärt Herr Rölwer. „Aber die beiden Monteure haben wohl zuerst bemerkt, dass vor der Garagentür jemand lag und irgendetwas passiert sein musste, weil der Mann auf der Leiter verschwunden war. Die kurze Leiter stand noch vor der Garage. Die beiden Männer und Frau Simon haben sofort den Notruf 112 abgesetzt. Diese Angaben haben wir protokolliert.“

Nach einer halben Stunde entscheidet der Notarzt ganz plötzlich: „Wir bringen den Verunglückten in die Klinik. Vielleicht können wir ihn noch retten.“

Innerhalb von nicht einmal einer Minute bringen die Sanitäter den verletzten Klaus Frisse mit der Bahre in den Krankenwagen und fahren mit Blaulicht und lautem Martinshorn los. Kaum sind die beiden Fahrzeuge verschwunden, schellt im Haus von Georg das Telefon. Georg läuft zum Haus. Am Apparat ist Frau Müller, die Betreuerin von Klaus Frisse:

„Ich war bis jetzt in einer Besprechung hier im Büro in Greven. Die Polizei hat wohl mehrmals versucht, mich anzurufen. Was ist denn passiert?“

Georg nimmt den Hörer von der Basis und geht nach draußen zu den beiden Polizisten: „Frau Müller, ich gebe Ihnen zuerst die Polizei. Ich darf Ihnen keine Auskunft geben. Zuerst will die Polizei mit Ihnen sprechen.“

Zu den beiden Beamten sagt er: „Frau Müller, die Betreuerin von Klaus Frisse ist am Apparat.“

Während Hauptwachtmeister Rölwer den Hörer nimmt, ein Stück zur Seite geht und leise mit Frau Müller spricht, stellt sich der andere Polizist vor mit Wachtmeister Norbert Fiene und fragt Georg Brinkmann:

„Ich habe für das Protokoll noch eine Frage an Sie. Können Sie uns sagen, dass der Schwerverletzte, der gerade auf dem Weg ins Krankenhaus ist, mit Sicherheit Ihr Nachbar Klaus Frisse ist?“

„Nein“, erwidert Georg. „Jetzt beim Abtransport habe ich den Mann auf der Bahre nicht gesehen und vorher, als der Notarzt eine halbe Stunde versucht hat, den Mann am Boden wieder zu beleben, habe ich mich natürlich nicht neugierig daneben gestellt und zugeschaut. Ich finde es ohnehin sehr schlimm, wenn bei jedem Verkehrsunfall die Leute gaffen.“

„Da haben Sie vollkommen recht. Ich frage Frau Simon. Sie hat den Verletzten zusammen mit den beiden Handwerkern zuerst gesehen. “

Inzwischen hat Hauptwachtmeister Rölwer das Telefongespräch mit Frau Müller beendet und wendet sich an seinen Kollegen:

„Frau Müller fährt jetzt aus Greven los und will spätestens in einer halben Stunde hier sein. Wir werden hier vor dem Haus von Klaus Frisse auf sie warten, weil wir von ihr weitere Angaben benötigen. Außerdem muss sie noch heute mit uns zum Krankenhaus fahren und Klaus Frisse eindeutig identifizieren.“

„Ich werde die Örtlichkeit und alle Spuren vor dem Haus an der Garage dokumentieren“, sagt Wachtmeister Fiene und nimmt seinen Fotoapparat. Beide Polizisten messen mit einem Zollstock die Leiter, die Garagenhöhe und die Abstände von der immer noch offenstehenden Haustür bis zur Garage.

Als Georg nach all der Aufregung wieder zu seiner Haustür geht, fällt ihm plötzlich ein, dass er den Hund Waldi in dem Durcheinander nicht gesehen hat. Er geht noch einmal zu den Polizisten:

„Haben Sie den kleinen Hund von Klaus Frisse gesehen?“

„Nein“, wundert sich Hauptwachtmeister Rölwer.

„Ach, der hat bestimmt die günstige Gelegenheit genutzt und ist weggelaufen. Die Haustür stand die ganze Zeit weit offen“, vermutet Wachtmeister Fiene.

„Das glaube ich nicht“, überlegt Georg. „Der kleine Waldi ist ein ganz ruhiges und oft verängstigtes Tier. Er liegt bestimmt in seinem Körbchen im Wohnzimmer oder hat sich aus Angst im kleinen Garten hinter dem Haus verkrochen. Am besten wir lassen ihn da bis Frau Müller kommt. Zu ihr hat er großes Vertrauen. Haben Sie ihn nicht im Haus gesehen?“

„Nein. Wir waren nur in dem Eingangsbereich. Wir haben kein Recht, das Haus und den Garten zu durchsuchen. Das wäre Aufgabe der Kripo, wenn der Staatsanwalt das anordnet. Bis jetzt gibt es aber dafür keinen Grund. Nach allem, was wir wissen, war es ein unglücklicher Unfall. Herr Frisse ist von der Leiter gestürzt. Die beiden Monteure, die bei Frau Simon arbeiten, haben ihn regungslos und blutend auf den Betonplatten vor der Garage gefunden. Ein Fremdverschulden liegt wohl nicht vor.“

Georg verabschiedet sich von den beiden Polizisten und geht in sein Haus. Immer wieder muss er daran denken, dass hier vor einer Stunde sein Nachbar Klaus Frisse durch diesen Sturz von der Leiter gestorben ist, ohne dass die vielen anderen Bekannten in der Nachbarschaft überhaupt etwas davon bemerkt haben. Irgendwie hat er ein beklemmendes Gefühl und denkt:

„Wie schnell und lautlos kann plötzlich das Leben vorbei sein und kaum jemand bemerkt es.“

Die beiden Beamten warten vor dem Haus auf Frau Gabriele Müller, die Betreuerin von Klaus Frisse. Nach einer halben Stunde kommt sie. Gabriele Müller ist etwa 45 Jahre alt. Sie wirkt sehr kräftig und resolut, obwohl sie klein ist, nur 1,60 Meter groß. Sie ist nicht verheiratet, lebt aber eng zusammen mit ihrem Freund Manfred Werlemann. Er ist fast zehn Jahre älter als sie und wirkt auf den ersten Blick unsympathisch. Sie arbeitet bei der Stadtverwaltung in Greven im Sozialamt. Ihr Freund Manfred ist arbeitslos und beschäftigt sich fast täglich damit, irgendwelche Arbeiten im Haus oder im Garten des Hauses von Klaus Frisse zu erledigen. Seinen Minderwertigkeitskomplex versucht er durch sein gewollt großspuriges Auftreten zu vertuschen.

Zusammen gehen die Polizisten mit ihr ins Haus, um weitere persönliche Einzelheiten von Klaus Frisse zu protokollieren. Bei einem derartigen Unfall mit einem tödlich Verunglückten muss die Polizei ein umfassendes Protokoll erstellen und der Staatsanwaltschaft vorlegen.

Um halb eins kommt Marie Brinkmann mit dem Bus aus der Stadt nach Hause. Georg hat das Mittagessen in der Mikrowelle zubereitet. Schon in der Haustür platzt es aus ihm heraus:

„Du glaubst gar nicht, was hier heute Morgen in den letzten zwei Stunden alles passiert ist. Hier war ein Großeinsatz von Notarzt und Polizei. Klaus Frisse ist von der Leiter gefallen und war wahrscheinlich sofort tot. Der Notarzt hat zwar eine halbe Stunde lang versucht, ihn wieder zu beleben, aber dann haben sie ihn mitgenommen, angeblich um ihn im Krankenhaus doch noch zu retten.“

„Als du mich zum Bus brachtest, habe ich die Krankenwagen und den Polizeiwagen noch gehört und gesehen. Da konnte ich nicht ahnen, dass sie direkt vor unserer Haustür wegen Klaus Frisse einen Einsatz hatten. Wer denkt schon an so etwas?“

Beim Essen haben beide natürlich nur ein Thema: Der Todessturz von Klaus Frisse.

Nachdem die Betreuerin Gabriele Müller der Polizei die notwendigen Angaben zu Klaus Frisse, seiner Krankheit Diabetes und den persönlichen Verhältnissen gegeben hat, fahren die beiden Polizisten nach über einer Stunde zurück zu ihrer Dienststelle.

Eine viertel Stunde später fährt Gabriele Müller mit ihrem Auto zum Krankenhaus.

Nachmittags um etwa vier Uhr sieht Georg vom Küchenfenster aus, wie Frau Müller in der offenen Garage alte blutverschmierte graue Filsdecken in große blaue Plastiksäcke stopft. Eine Nachbarin, Frau Gabert, hilft ihr dabei.

Georg geht langsam zur Unglücksstelle und schaut Frau Müller nur fragend an. Sein Blick fragt: „Tot?“

Sie nickt schweigend und weint still. Offensichtlich ist sie von den Vorfällen der letzten Stunden ziemlich fertig.

Im Garten neben der Garageneinfahrt arbeitet der Nachbar Bücker. Frau Müller hat ihn wohl über alles informiert. Er schiebt einen Gartenschlauch durch den Drahtzaun und bittet Georg, den Schlauch anzunehmen. Frau Gabert nimmt sofort den Schlauch und beginnt, das Steinpflaster vor der Garage mit dem Wasserstrahl zu reinigen. Sie gehört zu dem Typ Hausfrau, die alles besser können als die Männer. Davon ist sie so fest überzeugt, dass sie Georg erst gar nicht die Chance gibt, bei den Arbeiten zu helfen.

Georg stellt erschrocken fest, dass Klaus Frisse bei seinem Todessturz sehr viel Blut verloren hat. Die blutverschmierten Flächen vor dem Garagentor und die verschmutzten Filzdecken geben einen widerlichen intensiven Geruch ab. Georg ist froh, dass seine zusätzliche Hilfe nicht notwendig ist und er zurück ins Haus gehen kann.

Marie und Georg Brinkmann haben an diesem Tag nur noch ein Thema. Marie spricht es aus:

„Wie konnte Klaus Frisse bloß auf die Idee kommen, in seinem Gesundheitszustand auf die Leiter zu steigen und das Efeu an der Vorderseite der Garage zu entfernen Dazu war er doch schon lange nicht mehr in der Lage.“

Georg nickt:

„Außerdem war doch ständig der Freund von Gabriele Müller, dieser Manfred, am Haus, um diese Arbeiten durchzuführen. Wahrscheinlich hat Klaus Frisse geärgert, dass das Efeu schon fast das Schild mit der Hausnummer an der Garage verdeckte.“

„Ja, man kann es nicht verstehen“, sagt Marie.

Kapitel 2

Die beiden Polizeibeamten Hauptwachmeister Heinz Rölwer und Wachmeister Norbert Fiene schreiben noch am gleichen Tag auf ihrer Dienststelle das Protokoll. Bei einem derartigen Unfall mit einem tödlich Verletzten müssen sie der Staatsanwaltschaft ein Protokoll vorlegen.

Drei Tage später sitzt Hauptkommissar Hans Gerdemann wie an fast jedem Morgen um acht Uhr in seinem Büro im Polizeipräsidium. Die letzten Tage waren relativ ruhig. Im Moment gibt es zum Glück nicht sehr viele dringende Fälle. Das ist in seiner Abteilung selten genug. Im Eingangsfach liegen ein paar neue Akten.

Inzwischen ist auch seine Kollegin Kommissarin Dorit Bender gekommen:

„Morgen Hans. Alles klar?“

„Was soll schon sein? Es ist wie immer mehr oder weniger viel zu tun. Du kennst das ja. Und? Hast du dein Auto zum TÜV gebracht?“

„Ja, in die Werkstatt. Der Mann vom TÜV kommt dorthin. Heute Nachmittag um vier Uhr kann ich das Auto wieder abholen. Hoffentlich mit der neuen Plakette und hoffentlich nicht so teuer.“

„Normalerweise geht immer alles glatt. Ich habe bisher gute Erfahrungen damit gemacht, dass die Werkstatt eine Inspektion macht und der TÜV dort das Auto prüft“, sagt Hans. „Das kann zwar etwas teurer sein, als wenn du dein Auto selbst und ohne Werkstatt beim TÜV prüfen lässt. Aber so hat man nicht dieses eigenartige Gefühl beim TÜV, ob der Prüfer vielleicht doch irgendwelche Mängel feststellt und die Plakette verweigert.“

Während Dorit sich an ihren Schreibtisch setzt, nimmt Hans die letzte neue Akte aus dem Fach und überfliegt das Protokoll von dem Todessturz von Klaus Frisse.

Hans wendet sich an Dorit: „Hier ist eine neue Akte von der Staatsanwaltschaft. Am 26. Juni ist morgens Klaus Frisse an seinem Haus von der Leiter gefallen und gestorben. Er war erst 61 Jahre alt.“

„Wie konnte das denn passieren?“ wundert sich Dorit. „In dem Alter fällt niemand einfach so von der Leiter. Was schreiben die Polizisten in ihrem Bericht?“

„Ich gebe dir gleich das Protokoll. Lies es dir selbst durch. Er hatte die zwei Meter lange Leiter vor seiner Garage an die Wand gelehnt und wollte das Efeu über seinem Garagentor abschneiden. Dabei ist er von der Leiter und auf die Betonplatten gefallen und gestorben.“

„Gibt es dafür Augenzeugen?“ fragt Dorit.

„Nein. Erst als er schon am Boden lag und sich nicht mehr bewegte, hat ein Monteur, der im Nachbarhaus die Rolläden reparierte, den bewusstlosen Klaus Frisse gefunden.“

Dorit ist überrascht: „Dann ist Klaus Frisse aus einer Höhe von nicht einmal zwei Metern in den Tod gestürzt? Das ist eigenartig. Da muss er aber sehr unglücklich gefallen sein. Gibt es schon einen Bericht von der Gerichtsmedizin?“

Hans verneint: „Hier ist nichts in der Akte. Wir müssen alle Angaben der Polizisten prüfen, vor allem die Fotos und Skizzen vom Unfallort und die Aussagen der Zeugen. Auf jeden Fall ist es erforderlich, dass er in der Gerichtsmedizin untersucht wird. Es kann weitere Gründe für seinen Sturz geben. Wir können erst dann ein Fremdverschulden ausschließen, wenn wir den Bericht der Gerichtsmedizinerin Dr. Sabine Atalay haben.

Dorit nimmt sich das Protokoll und wundert sich:

„Klaus Frisse wohnte bis vor einem halben Jahr allein in dem Einfamilienhaus. Vor sechs Monaten ist die Betreuerin Gabriele Müller in die Dachwohnung des Hauses eingezogen. So konnte sie sich neben ihrer Arbeit in Greven ständig um ihn kümmern. Klaus Frisse litt schon seit Jahren an Diabetes. Seit einiger Zeit konnte er nur noch ein paar Meter gehen. Seine beiden Füße waren von der Krankheit verkrüppelt. Er trug Spezialschuhe. Für ihn war es sicher sehr gefährlich, auf die Leiter zu steigen. Warum hat er trotz seiner Behinderung versucht, das Efeu zu entfernen?“

Hans Gerdemann nickt:

„Offensichtlich war Klaus Frisse in seiner Bewegung und wohl auch geistig eingeschränkt. Das erklärt, dass sich seit einigen Jahren die Betreuerin Gabriele Müller um ihn kümmerte.“

„In dem Protokoll finde ich nichts darüber, ob Frau Müller eine Verwandte von Klaus Frisse ist“, überlegt Dorit und liest weiter. „Die Polizisten schreiben in ihrem Protokoll, dass sie Frau Müller gefragt haben, ob Klaus Frisse verheiratet ist und ob er Kinder hat. Sie hat dazu kaum Angaben gemacht. Angeblich ist oder war er verheiratet mit Karin Frisse. Seit Jahren hat wohl niemand mehr Kontakt zu ihr. Sie soll mit einem anderen Mann auf Gran Canaria leben.“

„Das ist merkwürdig. Wieso verlässt Frau Frisse ihren kranken Mann? Zu dem Privatleben von Klaus Frisse gibt es einige Ungereimtheiten und Fragen. Sobald wir den Bericht von Sabine Atalay haben, müssen wir die Betreuerin Gabriele Müller zu uns bitten. Ich hoffe, dass sie uns alle noch offenen Fragen beantworten kann“, sagt Hans und legt die Akte auf seinen Schreibtisch.

Am nächsten Tag schellt bei den beiden Kripobeamten das Telefon. Dorit nimmt den Hörer. Gabriele Müller, die Betreuerin von Klaus Frisse, ist am Apparat:

„Guten Tag. Man sagte mir, dass Sie die Polizeiakte über den Sturz von Klaus Frisse bearbeiten. Ich wollte Sie fragen, wann seine Leiche freigegeben wird. Ich war schon bei einem Bestattungsinstitut, um die Beerdigung vorzubereiten. Dazu benötige ich von Ihnen einen verbindlichen Termin.“

Dorit stellt das Telefon laut, damit ihr Kollege Hans Gerdemann mithören kann:

„Es ist gut, dass Sie anrufen, Frau Müller. Der Bericht der Gerichtsmedizin ist heute gekommen. Wir haben aber noch einige Fragen an Sie. Vorab schon einmal die Frage: Haben Sie eine Feuerbestattung geplant?“

„Ja. Das hat Klaus so verfügt.“

„In dem Fall ist ohnehin die gerichtsmedizinische Untersuchung vorgeschrieben. Weil der Bericht seit heute Morgen vorliegt, können wir das Ganze beschleunigen. Ist es Ihnen möglich, heute Nachmittag zum Polizeipräsidium am Friesenring zu kommen?“

„Ja, das passt. Am besten um 16.00 Uhr.“

„Dann bis heute Nachmittag. Bringen Sie bitte die Vollmacht, dass Sie die amtlich bestellte Betreuerin sind, und andere wichtige Unterlagen mit. Kommen Sie bitte zum Raum Nummer 214.“

Nachmittags um kurz nach Vier klopft es.

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