Logo weiterlesen.de
Erben der Sehnsucht: Gegen alle Regeln

Linda Howard

Erben der Sehnsucht: Gegen alle Regeln

Aus dem Amerikanischen von Helga Meckes

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Erschöpft stellte Cathryn ihre Reisetasche ab und blickte sich in der großen Halle des Flughafens von Houston nach einem bekannten Gesicht um. Überall wimmelte es von Menschen, die das lange Wochenende genutzt hatten. Als Cathryn aus dem schlimmsten Gedränge geflüchtet war, runzelte sie die Stirn. Warum holte niemand sie ab? Ihre Maschine war pünktlich gelandet. Seit fast drei Jahren war dies ihr erster Besuch zu Hause. Da hätte Monica doch …

„Cathryn.“

Ihre Überlegungen wurden unterbrochen, als sie die tiefe Stimme hörte und die Hände eines Mannes spürte, der sie an seinen athletischen Körper zog. Cathryn sah einen Augenblick in ein Gesicht mit dunklen Augen, die von langen schwarzen Wimpern gerahmt wurden. Dann kam der Mann ihr noch näher und küsste sie auf ihren vor Überraschung geöffneten Mund.

Der Kuss dauerte zwei, drei Sekunden, ehe sie sich wieder so weit von ihrer Verblüffung erholt hatte, dass sie sich zu wehren begann. Sofort gab der Mann sie frei und trat zurück.

„Was fällt dir ein!“, fuhr sie ihn an und merkte, wie sie unter den belustigten Blicken der Vorübergehenden errötete.

Rule Jackson schob seinen schwarzen Cowboyhut zurück und betrachtete sie schmunzelnd. „Ich dachte, das würde dir gefallen“, gab er gedehnt zurück und nahm ihr die Reisetasche ab. „Ist das alles, was du dabeihast?“

„Nein“, antwortete sie spitz.

„Hätte mich auch gewundert“, brummte er und bahnte sich einen Weg zur Gepäckausgabe.

Cathryn folgte ihm wütend. Sie war jetzt fünfundzwanzig und keine naive Siebzehnjährige mehr. Von Rule Jackson würde sie sich nicht mehr beeindrucken lassen. Schließlich war er nur ihr Angestellter. Er war nichts als der Aufseher ihrer Ranch und nicht der allmächtige Teufelskerl, den sie in ihrer Jungmädchenfantasie in ihm gesehen hatte. Vielleicht ließen Monica und Ricky sich weiterhin von ihm blenden, und sie fragte sich, ob Monica Rule absichtlich geschickt hatte, weil sie wusste, dass sie ihn nicht ausstehen konnte.

Unwillentlich beobachtete Cathryn Rules athletische Gestalt, während er den Koffer mit ihrem Anhänger vom Fließband hob. Sie kämpfte gegen die Gedanken an, die sie auch jetzt wieder erfüllten. Ich hasse ihn, dachte sie, aber dennoch glitt ihr Blick über seine langen, kraftvollen Beine, die sie nur zu gut in Erinnerung hatte.

Rule kam mit ihrem Koffer zurück und deutete mit dem Kopf darauf. „Nur ein Gepäckstück? Du scheinst nicht die Absicht zu haben, lange zu bleiben.“

„Nein“, antwortete Cathryn betont unbeteiligt. Seit jenem Sommer, als sie siebzehn war, waren ihre Besuche auf der Ranch immer sehr kurz ausgefallen.

„Es wird langsam Zeit, dass du für immer zurückkommst“, bemerkte Rule.

„Dafür sehe ich keinen Grund.“

In Rules dunklen Augen blitzte es auf, aber er erwiderte nichts. Er drehte sich um und begann, sich einen Weg durch das Menschengewühl zu bahnen. Cathryn folgte ihm stumm. Manchmal schien es, als würden sie einander nie verstehen. Doch dann gab es auch wieder Augenblicke, in denen Worte überflüssig waren. Sie wusste nicht recht, woran sie bei ihm war, aber sie kannte seinen Stolz, seine Zähigkeit, sein nur mühsam beherrschtes Temperament. Von Anfang an hatte sie gespürt, dass Rule Jackson ihr gefährlich werden konnte. Ihre Jugend war von ihm geprägt worden.

Rasch verließ Rule den Flughafen und steuerte auf den Bereich zu, wo die Privatmaschinen standen. Cathryn hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Da sie nicht wie ein Hund hinter ihm hertrotten wollte, folgte sie ihm gemächlich und achtete nur darauf, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Schließlich blieb Rule neben einer blau-weißen zweimotorigen Cessna stehen. Er öffnete die Ladeluke und verstaute Cathryns Gepäck. Dann blickte er sich ungeduldig nach ihr um.

„Beeil dich ein bisschen!“, rief er ihr zu. Als er sah, dass sie sich Zeit ließ.

Cathryn tat so, als hätte sie ihn nicht gehört. Er stemmte die Hände in die Hüften und wartete, bis sie herankam. Als sie vor ihm stand, öffnete er wortlos die Tür und hob sie ohne viel Federlesens in die Maschine. Ohne zu zögern, rückte Cathryn auf den Copilotensitz und sah zu, wie Rule sich auf seinen Sitz schwang und die Tür hinter sich zuzog. Er nahm seinen Hut ab, warf ihn hinter sich und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Dann griff er nach dem Kopfhörer. Immer noch sagte Cathryn nichts, aber sie musste unwillkürlich daran denken, wie sich dieses dichte dunkle Haar unter ihren Fingern angefühlt hatte.

In diesem Moment wandte sich Rule ihr zu und fing ihren Blick auf. Sie wich ihm nicht aus, weil sie wusste, dass ihr ausdrucksloses Gesicht nicht verriet, was in ihr vorging.

„Gefalle ich dir?“, spottete er und ließ den Kopfhörer von seinen Fingern baumeln.

„Warum hat Monica dich geschickt?“, fragte Cathryn, ohne auf seine Frage einzugehen.

„Monica hat mich nicht geschickt. Hast du vergessen, dass ich die Ranch leite und nicht Monica?“ Sein Blick ließ sie nicht los. Er schien nur darauf zu warten, dass sie auffuhr und ihn zurechtwies, dass die Ranch ihr gehöre und nicht ihm.

Aber Cathryn hatte inzwischen gelernt, sich zu beherrschen und ihre Gedanken für sich zu behalten. Ohne eine Miene zu verziehen, antwortete sie: „Ich dachte, du hast zu viel um die Ohren, um deine Zeit damit zu verschwenden, mich abzuholen.“

„Ich wollte mit dir sprechen, ehe wir zur Ranch kommen. Da erschien mir dies als die beste Gelegenheit.“

„Dann rede.“

„Lass uns erst starten.“

In einer kleinen Maschine zu fliegen war für Cathryn nichts Neues. Wegen der riesigen Entfernungen kam ein Rancher ohne ein Privatflugzeug nicht aus. Mit gemischten Gefühlen lehnte sie sich zurück, um ihre von dem langen Flug verkrampften Muskeln zu lockern. Um sie herum starteten und landeten große Maschinen, aber Rule ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Er sprach mit den Leuten in dem Kontrollturm und steuerte die Cessna auf eine freie Piste.

Wenige Minuten später befanden sie sich in der Luft und flogen Richtung Westen. Südlich von ihnen flimmerte Houston in der Frühlingshitze. Die Landschaft unter ihnen war mit jungem Gras überzogen, und Cathryn nahm den Anblick wehmütig in sich auf. Immer wenn sie zu Besuch nach Hause kam, fiel ihr hinterher der Abschied schwer. Sie liebte dieses Land, ihre Ranch, aber sie hatte sich die Jahre in der selbst gewählten Verbannung bewusst auferlegt.

„Du wolltest mit mir reden“, wandte sich Cathryn an Rule, um ihre Erinnerungen zu verdrängen.

„Ich möchte, dass du von jetzt ab ganz zu Hause bleibst“, sagte er.

Cathryn war, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube erhalten. Für immer bleiben? Gerade Rule musste doch wissen, dass ihr das unmöglich war!

Rasch warf sie ihm einen Seitenblick zu und stellte fest, dass er starr geradeaus sah. Einen Augenblick betrachtete sie sein markantes Profil, dann blickte sie schnell wieder weg.

„Hast du nichts dazu zu sagen?“, fragte Rule.

„Das ist unmöglich.“

„So? Willst du denn nicht einmal wissen, warum du bleiben sollst?“

„Die Antwort würde mir vermutlich nicht gefallen.“

„Nein.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber du kommst nicht darum herum.“

„Dann heraus mit der Sprache.“

„Ricky ist wieder da. Sie trinkt viel und kennt keine Hemmungen. In letzter Zeit hat sie sich so skandalös benommen, dass die Leute sich die Mäuler zerreißen.“

„Sie ist eine erwachsene Frau. Ich kann ihr keine Vorschriften machen“, erwiderte Cathryn kühl, obwohl sie empört war, dass Ricky den Ruf ihrer Familie in den Schmutz zog.

„Ich denke schon. Von Monica dürfen wir nichts erwarten, sie besitzt sowieso keine mütterlichen Gefühle. Auf der anderen Seite ist die Ranch seit deinem letzten Geburtstag in deine Hände übergegangen, Cathryn. Damit ist Ricky von dir abhängig.“

Rule blickte sie durchdringend an. „Ich weiß, dass du sie nicht magst, aber schließlich ist sie deine Stiefschwester und hat den Namen Donahue wieder angenommen.“

„Was?“ Cathryn war fassungslos. „Nach zwei Scheidungen? Wozu?“ Rule hatte recht. Sie mochte Ricky nicht. Ihre zwei Jahre ältere Stiefschwester war unberechenbar. Cathryns Stimme nahm einen spöttischen Ton an.

„Warum nimmst du dir Ricky nicht vor? Du leitest doch die Ranch.“

„Das tue ich auch“, gab Rule zurück. „Aber sie gehört mir nicht. Die Ranch ist dein Heim, Cathryn. Es wird Zeit, dass du das akzeptierst.“

„Du brauchst mir keine Vorhaltungen zu machen, Rule. Mein Zuhause ist jetzt Chicago.“

„Dein Mann ist tot“, unterbrach er sie kalt. „In dieser Stadt hält dich nichts mehr. Was wartet dort schon auf dich außer einer leeren Wohnung und einer langweiligen Arbeit?“

„Meine Arbeit gefällt mir. Außerdem brauche ich nicht zu arbeiten.“

„Du würdest verrückt werden, wenn du untätig in einer leeren Wohnung herumsäßest. Das bisschen Geld, das dein Mann dir hinterlassen hat, dürfte in vier, fünf Jahren aufgebraucht sein. Und ich werde nicht zulassen, dass du die Ranch bluten lässt, um dein Apartment zu bezahlen.“

„Es ist schließlich meine Ranch“, entgegnete sie scharf.

„Sie gehörte deinem Vater. Er hat alles in sie hineingesteckt. Schon seinetwegen werde ich nicht zulassen, dass du sie wegwirfst.“

Widerstrebend hob Cathryn das Kinn, um sich nicht anmerken zu lassen, dass der Hieb saß. Rule warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und fuhr fort: „Ricky benimmt sich täglich schlimmer. Ich werde nicht mit ihr fertig. Ich brauche Hilfe, Cathryn, und dafür bist du genau die Richtige.“

„Ich kann nicht bleiben“, antwortete sie, und zum ersten Mal klang ihre Stimme unsicher. Sie mochte Ricky nicht, aber ihre Abneigung ging nicht so weit, dass sie sie hasste. Ricky war ein Problem, doch früher, als sie jünger waren, hatten sie zusammen lustige Zeiten erlebt. Jetzt führte Ricky wieder den Namen Donahue, den sie nach der Heirat von Cathryns Vater mit Monica angenommen hatte.

„Ich werde noch etwas Urlaub nehmen“, hörte Cathryn sich sagen. Rasch setzte sie hinzu: „Aber nicht für lange. Ich bin an das Leben in der Stadt und die Annehmlichkeiten gewöhnt, die es auf einer Ranch nicht gibt.“ Das stimmte nur halb.

Ihr gefiel das abwechslungsreiche Leben in Chicago, aber sie würde all das gern aufgeben, wenn sie auf der Ranch friedlich leben könnte.

„Du hast die Ranch immer geliebt“, gab Rule zu bedenken.

Cathryn lehnte sich zurück und schloss die Augen. Zumindest in Rules Flugkünste hatte sie absolutes Vertrauen.

Selbst mit geschlossenen Augen war sich Cathryn Rules Nähe deutlich bewusst. Fast konnte sie die Wärme seines Körpers spüren. Der Duft seines Rasierwassers streifte ihre Nase, und sie hörte sein gleichmäßiges Atmen. Wenn er sich bewegte, fühlte sie ein leichtes Prickeln. Werde ich jenen Tag denn nie vergessen, dachte sie verzweifelt. Würde er ihr ganzes Leben überschatten?

Plötzlich stand alles, was sie mit Rule Jackson erlebt hatte, klar vor ihr. Sie hatte ihn von klein auf an gekannt. Sein Vater war ein benachbarter Rancher mit einer kleinen, aber ertragreichen Farm gewesen, und Rule hatte seinem Vater geholfen, seit er im Sattel sitzen konnte. Da er elf Jahre älter war, war er Cathryn damals nicht wie ein Junge, sondern wie ein erwachsener Mann vorgekommen.

Schon als Kind hatte sie erfahren, dass über Rule Jackson getuschelt wurde. Er war als „der wilde Jackson-Junge“ bekannt, und die älteren Mädchen kicherten hinter vorgehaltener Hand, wenn sie über ihn sprachen. Für Cathryn war er jedoch nur ein netter Nachbar gewesen, und sie hatte ihn gern gehabt. Zwar hatte er sie meist nicht weiter beachtet, aber wenn er mit ihr sprach, war er freundlich und half ihr, ihre Schüchternheit zu überwinden. Rule konnte wunderbar mit Tieren umgehen, hatte eine besondere Hand für Pferde und Hunde.

Kurz nach Cathryns achtem Geburtstag starb ihre Mutter, und ihre Welt änderte sich. Sie war jetzt still und gehemmt. Im gleichen Jahr wurde Rule zum Militär eingezogen. Als er drei Jahre später heimkehrte, war zu Hause vieles anders.

Ward Donahue hatte wieder geheiratet, eine schöne, dunkelhaarige Frau aus New Orleans. Cathryn spürte von Anfang eine Ablehnung gegen Monica. Aus Liebe zu ihrem Vater hatte sie jedoch versucht, mit Monica auszukommen. Nicht, dass Monica die typische böse Stiefmutter gewesen wäre, sie war einfach nur keine mütterliche Person, nicht einmal wenn es um Ricky, ihre eigene Tochter, ging. Monica liebte Geselligkeit und Tanz. Anfangs schien sie das harte Leben auf der Ranch nicht ertragen zu können. Da sie ihren Mann liebte, gab sie sich jedoch alle Mühe, sich anzupassen. Das Einzige, das Cathryn nie bezweifelte, war die Liebe ihrer Stiefmutter zu ihrem Vater. Aus diesem Grunde gab es zwischen ihr und Monica auch eine Art unausgesprochenen Waffenstillstand.

Auch in Rules Leben hatte es einen entscheidenden Einbruch gegeben. Nach seiner Rückkehr war er völlig verändert. Zwar hatte er den Vietnamkrieg überlebt, aber manchmal hatte es den Anschein, als sei nur sein Körper zurückgekehrt. Er schien kein Lachen mehr zu kennen, nachdenklich beobachtete er seine Umwelt. Sein Körper war mit Narben bedeckt. Die Wunden, die seine Seele erlitten hatte, zeichneten ihn für immer. Nie redete er darüber, er sprach überhaupt nur selten. Die meiste Zeit blieb er für sich und betrachtete die anderen mit harten, ausdruckslosen Augen. So wurde er bald zum Außenseiter.

Er trank viel, saß allein da und kippte mit starrer Miene Alkohol in sich hinein. Natürlich wurde er dadurch für die Frauen nur noch interessanter. Der Hauch von Gefahr, der ihn umgab, machte ihn für einige unwiderstehlich. Sie wünschten sich, die Ausersehene zu sein, die ihn trösten, ihn heilen und von seinen Albträumen erlösen könnte.

Im Laufe der Zeit wurde Rule in zahllose Skandale verwickelt. Schließlich warf ihn sein Vater hinaus. Danach wollte ihn niemand einstellen. Die Rancher und Kaufleute hielten zusammen und taten alles, um ihn aus der Gegend zu vertreiben. Irgendwie gelang es ihm jedoch immer, Geld für Whiskey aufzutreiben. Manchmal verschwand er tagelang, sodass die Leute überlegten, ob er vielleicht fortgegangen oder gestorben sei. Doch stets tauchte er wieder auf, jedes Mal ein wenig dünner und hagerer.

So war es fast unvermeidlich, dass die Feindseligkeit gegen ihn in Gewalt ausarten musste. Er hatte zu viele Frauengeschichten gehabt und zu viele Männer beleidigt. Ward Donahue fand ihn eines Tages vor dem Ort in einem Graben. Er war zusammengeschlagen worden und so abgemagert, dass seine Knochen weiß durch die Haut schimmerten.

Obwohl er nicht aufstehen konnte, glommen seine dunklen Augen trotzig auf, als er seinen Retter erblickte.

Ohne ein Wort hob Ward den jungen Mann wie ein Kind auf die Arme und bettete ihn auf seinen Transporter. Er brachte ihn auf seine Farm und pflegte ihn. Eine Woche später quälte Rule sich mühsam auf ein Pferd und ritt mit Ward über die Ranch. Er kontrollierte die Koppeln, reparierte schadhafte Zäune und trieb verirrte Tiere zusammen. In den ersten Tagen verursachte ihm das so starke Schmerzen, dass ihm ständig der Schweiß ausbrach. Dennoch machte er verbissen weiter.

Er hörte auf zu trinken und begann wieder normal zu essen. Langsam wurde er kräftiger und nahm zu. Über das, was geschehen war, sprach er nie. Die anderen Rancharbeiter ließen ihn in Ruhe und beschränkten die Kontakte mit ihm auf das Notwendigste. Rule blieb wortkarg.

Er arbeitete, aß und schlief und führte alles, was Ward Donahue ihm auftrug, zäh und entschlossen aus.

Dass die beiden Männer bald ein Herz und eine Seele waren, war nicht zu übersehen. Niemand war daher überrascht, als Rule Aufseher wurde. Ward lobte Rules Gespür für die Pferde und das Vieh und vertraute ihm. Da die übrigen Arbeiter auf der Ranch sich mittlerweile an ihn gewöhnt hatten, ging der Übergang friedlich vor sich.

Kurz darauf starb Ward nach einem Herzinfarkt. Cathryn und Ricky waren zu diesem Zeitpunkt in der Schule. Sehr genau konnte Cathryn sich daran erinnern, wie Rule sie aus dem Klassenraum geholt hatte. Er hatte ihr von dem Tod ihres Vaters erzählt und sie tröstend in den Armen gewiegt, als sie in Tränen ausbrach. Bis dahin hatte sie immer ein wenig Angst vor ihm gehabt, doch jetzt klammerte sie sich an ihn und suchte Trost in seiner Stärke. Ihr Vater hatte ihm vertraut, warum sollte sie es nicht auch tun?

Da Cathryn sich ihm geöffnet hatte, fühlte sie sich daher doppelt verraten, als Rule sich aufzuführen begann, als gehöre ihm die Ranch. Doch den Platz ihres Vaters konnte niemand einnehmen. Wie konnte Rule so etwas auch nur wagen? Von da ab nahm Rule seine Mahlzeiten immer häufiger im Ranchhaus ein. Schließlich bezog er das Gästezimmer, von dem aus er einen Blick auf die Ställe und die Quartiere der Arbeiter hatte.

Was Cathryn besonders in Wut brachte, war, dass Monica keinen Versuch machte, sich gegen Rule durchzusetzen, sondern ihn einfach gewähren ließ. Rückblickend erkannte Cathryn, dass Monica hilflos war, wenn es um Ranchangelegenheiten ging. Und da sie für sich und Ricky kein anderes Zuhause hatte, ließ sie alles einfach laufen.

Cathryn stemmte sich mit aller Macht dagegen, dass Rule die Ranch so einfach in Besitz nahm. Schließlich hatte ihr Vater ihn buchstäblich aus der Gosse aufgelesen. Und zum Dank spielte Rule sich jetzt als Herr auf.

Die Ranch gehörte ihr, Cathryn! Monica war lediglich ihr gesetzlich bestellter Vormund. Doch Cathryn hatte so gut wie nichts zu sagen. Die Männer wandten sich ausnahmslos an Rule, obwohl Cathryn alles Mögliche versuchte, um sich Geltung zu verschaffen. Der Schock über den Tod ihres Vaters hatte ihr die Scheu genommen, und sie kämpfte mit allen Mitteln um ihre Ranch. Bei jeder Gelegenheit versuchte sie, sich Rule zu widersetzen. In dieser Lebensphase war Ricky ihre willige Komplizin gewesen. Ricky war stets bereit, gegen die Regeln zu verstoßen. Doch was immer Cathryn auch anstellte, sie hatte stets den Eindruck, dass Rule sie nicht ernst nahm.

Als er beschloss, auch in die Pferdezucht einzusteigen, stellte Monica ihm trotz Cathryns lautstarker Proteste das dafür erforderliche Kapital aus dem Fonds zur Verfügung, der eigentlich für das Studium der Mädchen vorgesehen war. Rule bekam stets seinen Willen. Er hatte alles fest in der Hand, jedenfalls fürs Erste. Cathryn lag nachts wach und malte sich genüsslich den Tag aus, an dem sie mündig werden würde. Im Geiste legte sie sich bereits die Worte zurecht, mit denen sie Rule Jackson feuern würde.

Rule dehnte seine Einflussnahme auch auf ihr persönliches Leben aus. Als sie fünfzehn war, hatte sie mit einem achtzehnjährigen Jungen eine Verabredung zum Tanzen. Rule erfuhr davon, rief den jungen Mann an und teilte ihm einfach mit, dass Cathryn noch zu jung sei.

Cathryn bekam einen Wutanfall, als sie davon hörte, und schlug Rule mit aller Kraft mitten ins Gesicht.

Er sagte kein Wort. Zornig packte er sie und schleppte sie nach oben. Cathryn zappelte und schlug verzweifelt um sich, aber es nützte nichts. Rule wurde spielend mit ihr fertig, weil sie gegen seine Kraft nichts ausrichten konnte. In ihrem Zimmer legte er sie übers Knie und gab ihr eine Tracht Prügel.

Mit fünfzehn fühlte Cathryn sich bereits als junge Frau, und die Demütigung war schlimmer als die Schmerzen auf ihrem Gesäß. Hasserfüllt starrte sie Rule an.

„Du möchtest wie eine Frau behandelt werden“, sagte Rule mit ruhiger Stimme. „Aber da du dich wie ein Kind benimmst, kannst du keine andere Behandlung erwarten.“

Cathryn wirbelte herum und stürmte die Treppe zu Monica hinunter. Mit tränennassem Gesicht forderte sie, Rule auf der Stelle zu entlassen.

Monica lachte nur.

„Sei nicht kindisch, Cathryn“, erklärte sie. „Wir brauchen Rule, ich brauche ihn.“

Hinter sich hörte Cathryn Rule leise lachen. Er strich ihr beruhigend über das zerwühlte kastanienbraune Haar. „Nur keine Aufregung, kleine Wildkatze. So leicht wirst du mich nicht los.“

Empört hatte Cathryn sich abgewandt, aber Rule sollte recht behalten. Sie hatte ihn nicht loswerden können. Jetzt, zehn Jahre später, leitete er die Ranch immer noch. Sie war es gewesen, die gegangen war. Fluchtartig hatte sie ihr Zuhause verlassen, um nicht ebenso willfährig zu werden wie die Pferde, die er so spielend zähmte.

„Schläfst du?“ Rules Stimme riss sie in die Gegenwart zurück.

Cathryn öffnete die Augen. „Nein.“

„Dann sprich mit mir“, forderte er. „Erzähl mir von deinem Mann.“

Verwundert sah Cathryn ihn an. „Was willst du denn über David wissen?“

„Zum Beispiel, ob er gefragt hat, ob du vor der Ehe mit anderen Männern geschlafen hast“, erwiderte er leichthin.

Cathryn biss sich auf die Lippe. Was konnte sie schon antworten? Dass ihn das nichts anginge? Rule würde ihr nur entgegenhalten, dass ihn das mehr beträfe als jeden anderen, weil er schließlich der erste Mann in ihrem Leben gewesen war.

Widerwillig drehte sie ihm den Kopf zu, und in ihren Augen lag ein verletzter Ausdruck. „Er hat nie danach gefragt“, sagte sie leise.

Rules Profil hob sich klar gegen das Blau des Himmels ab. Sie dachte an jenen Sommertag, an dem er sich über sie gebeugt hatte und seine Gestalt von der Sonne golden gerahmt worden war. Sie verkrampfte sich unwillkürlich und wandte sich ab, damit er den Schmerz in ihren Augen nicht sah.

„Ich hätte dich danach gefragt“, murmelte er mit rauer Stimme.

„David war ein Gentleman.“

„Womit du sagen willst, dass ich das nicht bin?“

„Nein, du bist kein Gentleman. Du bist weder sanft noch feinfühlig.“

„Ich war es damals, als wir zusammen waren.“ Sein Blick glitt langsam über die Rundungen ihrer Brüste und Hüften zu ihren Schenkeln. Wieder hatte sie das Gefühl, dass ihr dieser Mann niemals gleichgültig sein würde.

„Ich möchte nicht darüber reden!“ Sobald die Worte heraus waren, bereute Cathryn sie bereits.

Ihr gequälter Ton musste Rule verraten haben, dass sie den so lange zurückliegenden Zwischenfall immer noch nicht überwunden hatte.

„Du kannst nicht ewig fortlaufen, Cathryn. Du bist jetzt kein Kind mehr, sondern eine Frau.“

Als ob sie das nicht wüsste! Er hatte sie zur Frau gemacht, als sie siebzehn war. Seitdem hatte die Erinnerung an ihn sie verfolgt und gequält. Rule hatte unsichtbar sogar zwischen ihr und ihrem Mann gestanden und David die Liebe vorenthalten, die er verdient gehabt hätte. Aber Cathryn wäre lieber gestorben, als David auch nur ahnen zu lassen, dass sie bei ihm nicht das empfand, was sie einmal kennengelernt hatte. Und natürlich konnte sie Rule nicht sagen, wie tief sie das berührt hatte, was für ihn zweifellos nur eine zufällige körperliche Vereinigung gewesen war.

„Ich bin nicht fortgerannt“, widersprach sie. „Ich bin aufs College gegangen.“

„Und du bist so selten wie möglich heimgekommen“, erklärte er sarkastisch. „Hast du etwa geglaubt, ich würde dich jedes Mal überfallen, wenn ich dich sehe? Ich wusste, dass du damals noch zu jung warst. Eigentlich hatte ich es ja nicht gewollt und mir vorgenommen, es nie wieder dazu kommen zu lassen. Jedenfalls nicht, bis du älter und aufgeklärter warst.“

Cathryn wünschte, sie hätte so getan, als schliefe sie. Denn Rule war wie ein Vollblutpferd. Wenn er einmal ein Ziel vor Augen hatte, konnte ihn nichts aufhalten. „Ja, ich war zu jung“, gab sie unwillig zu.

Grimmig verzog Rule das Gesicht. „Und dabei habe ich versucht, besonders zurückhaltend zu sein.“

Cathryn zuckte innerlich zusammen.

„Ich wollte es nicht, dass …“

„Du wolltest es“, unterbrach er sie grob. „Es hat dir Spaß gemacht, gegen mich zu kämpfen, aber du hast mich begehrt! Du hast mich gereizt und irgendwann ist aus diesem Kampf Verlangen geworden, und du hast dich geradezu an mich geklammert.“

Daran wollte Cathryn nicht erinnert werden. „Ich möchte nicht darüber sprechen!“

Plötzlich gewann Rules ungestümes Temperament die Oberhand. „Das ist dein Problem!“, stieß er gepresst hervor. Er schaltete die automatische Steuerung ein und griff nach Cathryn.

Vergebens bemühte sie sich, ihn abzuwehren. Rule wehrte ihre Hände mühelos ab. Er packte sie an den Oberarmen und zog sie an sich. Seine Lippen waren heiß und fordernd wie damals und schmeckten nur zu vertraut. Cathryn ballte die Hände und trommelte gegen seine Schultern, aber trotz ihres Widerstandes musste sie feststellen, dass sich nichts geändert hatte. Ihr Herz schien schneller zu schlagen, ihr Atem ging nur noch stoßweise, und sie zitterte am ganzen Körper. Sie begehrte ihn, und wie sie ihn begehrte! Alles in ihr drängte ihm entgegen, obwohl sie wusste, dass es nicht sein durfte.

Langsam begann Rule mit der Zunge ihren Mund zu erkunden. Wie von selbst hörte sie auf, mit den Händen zu trommeln, und tastete nach seinen harten Schultermuskeln. Cathryn begann alles um sich herum zu vergessen.

Der Geschmack seines Mundes, sein Geruch, das Gefühl seiner rauen Wange an ihrer Haut machten jenen heißen Sommertag wieder lebendig, als sie nackt aufeinander lagen.

Rules Zorn war verflogen, und in seinen Augen stand bloßes Verlangen. Er flüsterte: „Hast du je vergessen, wie es war?“

Erneut wollte Cathryn ihn an ihre Lippen ziehen, und sie glitt mit den Fingern durch sein dichtes dunkles Haar. „Rule“, flüsterte sie erwartungsvoll.

Er zog den Kopf jedoch zurück. „Hast du es vergessen?“, drängte er.

Jetzt war ihr alles gleich. Rule wusste sowieso, wie es um sie stand. Eine Berührung, und sie würde dahinschmelzen. „Nein, ich habe es nicht vergessen“, antwortete sie leise.

Wieder bedeckte er ihre Lippen mit Küssen, und sie genoss die Süße seiner Zärtlichkeit. Sie merkte, wie Rule ihre Brust ertastete und suchend zu ihrer Taille glitt. Die dünne Seide ihres ärmellosen Sommerkleides bot seiner Berührung keinen Widerstand. Mit den Fingern hielt er an ihrem Knie an, um dann in langsam kreisenden Bewegungen an ihrem Schenkel aufwärtszuwandern. Er schob ihren Rock hoch, sodass ihre langen Beine entblößt wurden.

Doch plötzlich hielt er inne und nahm die Hand fort. „Hier ist nicht der richtige Ort“, flüsterte er heiser.

Verträumt blickte Cathryn ihn an, und er küsste sie erneut. Dann schob er sie auf ihren Sitz zurück. Schwer atmend, überprüfte er den Kurs der Maschine. Mit einer energischen Handbewegung strich er sich das Haar aus der Stirn und wandte sich ihr wieder zu. „Jetzt wissen wir, woran wir sind“, erklärte er befriedigt.

Cathryn beugte sich vor und blickte auf das vorüberziehende Ranchland unter ihr. Närrin, schalt sie sich. Wie konntest du nur so dumm sein! Jetzt wusste Rule genau, welche Waffe er gegen sie besaß. Und er würde nicht zögern, sie einzusetzen. Er brauchte nur seinen sinnlichen Körper einzusetzen, um eine Frau zu beherrschen.

Aber ich werde nicht eine von seinen Frauen sein, schwor Cathryn sich. Rule Jackson kannte keine Moral, keine Hemmungen. Nach allem, was ihr Vater für ihn getan hatte, hatte er nach dessen Tod die Ranch an sich gerissen. Aber das genügte ihm nicht. Er wollte obendrein Wards Tochter. In diesem Moment beschloss Cathryn, nach Chicago zurückzukehren, sobald ihr Urlaub zu Ende war. Rickys Probleme gingen sie schließlich nichts an. Wenn Rule das nicht gefiel, konnte er sich woanders nach Arbeit umsehen …

Wenig später kreisten sie über dem zweigeschossigen Fachwerkhaus. Rule riss die Cessna scharf nach links, um den schmalen Landestreifen anzufliegen. Cathryn war überrascht, wie schnell sie die Ranch erreicht hatten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr jedoch, dass sie länger unterwegs gewesen waren, als sie geglaubt hatte. In Rules Gegenwart schien sie Zeit und Raum zu vergessen.

Ein verstaubter roter Transporter kam ihnen über das Feld entgegen. Rule setzte zu einer flachen Landung an. Sie berührten den Boden so sanft, dass die Maschine kaum erschüttert wurde. Cathryn blickte auf Rules kraftvolle braungebrannte Hände, die den Steuerknüppel eines Flugzeuges ebenso geschickt zu meistern wussten wie ein ungebärdiges Pferd oder eine launische Frau. Rasch wandte sie sich wieder ab.

2. KAPITEL

Langsam stieg Cathryn die drei Stufen der Veranda hinauf, die um das Haus herumführte. Sie war nicht überrascht, dass Monica ihr nicht zur Begrüßung entgegenkam. Auch Ricky erschien nicht, aber mit ihr hatte sie sowieso nicht gerechnet. Monica hatte sonst wenigstens den Schein zu wahren versucht. Als David noch lebte, hatte sie immer eine große Willkommensschau abgezogen.

Cathryn öffnete die Gittertür und betrat die kühle Diele. Rule folgte ihr mit dem Gepäck. „Wo ist Monica?“, erkundigte sie sich.

„Woher soll ich das wissen?“, brummte er bereits halb auf der Treppe. Gereizt folgte Cathryn ihm zu dem Zimmer, das früher ihr gehört hatte. Rule öffnete die Tür, um ihr Gepäck abzustellen.

„Was willst du damit sagen?“, erkundigte sie sich verwirrt.

Er zuckte mit den Schultern. „Monica schwirrt in letzter Zeit immer irgendwo in der Weltgeschichte herum. Auf der Ranch hat es ihr sowieso nie gefallen. Jetzt sucht sie sich ihre Zerstreuungen anderswo.“

Cathryn ließ ihn noch nicht gehen. „Wohin willst du?“, fragte sie.

Mit gespielter Geduld drehte er sich zu ihr um … „Arbeiten. Oder hast du an etwas anderes gedacht?“ Er blickte vielsagend auf ihr Schlafzimmer, aber Cathryn überging die Anspielung.

„Wir sollten nachsehen, wo Monica ist.“

„Spätestens vor Einbruch der Nacht wird sie zurück sein. Der Kombi ist nicht da, und sie fährt nicht gern in der Dunkelheit. Sie müsste also bald kommen.“

„Deine Sorge um sie ist rührend!“, spottete Cathryn.

„Warum sollte ich mich um sie sorgen? Ich bin Rancher, kein Anstandswauwau.“

„Ich darf dich berichtigen. Du bist nur der Aufseher der Ranch.“

Einen Augenblick blitzte es in Rules Augen zornig auf. Dann erlosch der Funke. „Du hast recht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Erben der Sehnsucht: Gegen alle Regeln" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen