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Erben der Sehnsucht: Eine rasante Affäre

Julie Cohen

Erben der Sehnsucht: Eine rasante Affäre

Aus dem Amerikanischen von Christian Trautmann

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Er saß schon so lange, dass er das Gefühl hatte, sein Hintern wurde allmählich taub.

Nick verlagerte sein Gewicht, streckte die Beine aus und machte es sich etwas bequemer. Neben den quietschenden Fahrstühlen hing eine Uhr. Ihr Ticken zerrte an seinen Nerven. Es war nicht einmal das monotone Geräusch, das ihn störte, denn an Geräusche war er von zu Hause gewöhnt – an das Rauschen des Ozeans, das Rascheln der Blätter an den Bäumen und an das Zwitschern der Vögel. Aber dieses Ticken war die präzise Messung vergehender Zeit. Jedes Ticken war eine weitere Sekunde, die er auf die mysteriöse Miss Drake warten musste und auf die Antworten, die er schon so lange hören wollte.

Es war schon über zwei Stunden her, seit er mit dem livrierten Portier unten in der schicken Lobby gesprochen hatte.

Wenn der Verkehr, der Lärm, die Häuser und der Gestank ihn nicht daran erinnert hätten, dass er in New York war, hätte es spätestens dieser Kerl getan. Nirgendwo sonst auf der Welt könnte jemand, dessen Job es war, Leute willkommen zu heißen, dermaßen feindselig sein. Kaum hatte er das Gebäude betreten, musterte der Portier ihn mit finsterem Blick.

Natürlich hatte er ihn ignoriert und war geradewegs zu den Fahrstühlen gegangen.

„Kann ich Ihnen helfen, Sir?“, erkundigte der Portier sich in herablassendem Ton.

„Nein. Ich weiß, wohin ich will.“ Nick betrachtete das bronzene Fahrstuhlgitter.

„Sie werden wohl eine Weile bleiben, nicht wahr?“

Er antwortete nicht und hoffte, der Mann würde einfach verschwinden, wenn er ihm keine Beachtung schenkte.

Leider hatte er kein Glück. „Das ist ein sehr großer Rucksack“, sagte der Portier hinter ihm.

Der große Zeiger über dem Fahrstuhl kroch langsam auf der Anzeige vom zehnten Stockwerk hinunter zum Erdgeschoss.

„Welches Apartment wollen Sie denn besuchen? Oder ziehen Sie ein?“

Der sarkastische Ton veranlasste Nick schließlich doch, sich umzudrehen. Er war gut einen Kopf größer als der Portier, und er wusste, dass er nach Ärger aussah. Der Mann wirkte trotzdem völlig unbeeindruckt.

„Dreiundvierzig“, antwortete er unwillig. „Ich will zu Miss Drake.“

Jetzt stutzte der andere. „Miss Drake?“

Ihm fehlte die Geduld, sich zu wiederholen, zumal seine Auskunft eindeutig gewesen war.

„Sie werden Miss Drake nicht antreffen“, sagte der Portier. Etwas in seiner Stimme veranlasste Nick, ihn anzusehen. Seine Lippen bebten, und die Augen traten ihm praktisch aus dem Kopf. Er sah beinah so aus, als wäre er den Tränen nahe.

Der Fahrstuhl klingelte. „Ich werde warten.“ Nick schob das Gitter auf und betrat die Kabine.

„Da werden Sie lange warten können“, meinte der Portier.

Er drückte einfach den Knopf für den vierten Stock, und die Türen schlossen sich.

Inzwischen musste er zerknirscht einräumen, dass der Portier recht gehabt hatte. Er rieb sich die müden Augen und dachte über seine Möglichkeiten nach.

Er hatte genug Verpflegung, um mehrere Tage durchzuhalten. Aber er bezweifelte, dass der Portier ihn eine Toilette in diesem Gebäude benutzen lassen würde. Und bei seinem Pech würde die Person, auf die er wartete, garantiert genau dann zurückkommen, während er in Manhattan auf der Suche nach einer öffentlichen Toilette wäre.

Nick schloss die Augen. Er würde nirgendwo hingehen. Er würde durchhalten. Er war gut im Warten. Schließlich wartete er schon sechzehn Jahre auf diesen Tag.

Wenn nur das Ticken dieser verdammte Uhr nicht wäre.

Der Fahrstuhl klingelte, und Nick öffnete die Augen. Ohne seinen Platz auf dem Boden vor der Tür von Nummer dreiundvierzig zu verlassen, sah er zu den Fahrstühlen.

Würde er ihn überhaupt erkennen? Waren seine Erinnerungen klar? Das Aussehen eines Menschen konnte sich innerhalb von sechzehn Jahren stark verändern.

Das bronzene Gitter glitt auf, und eine Frau verließ den Fahrstuhl. Sie kam in seine Richtung. Nick war eigenartigerweise sowohl enttäuscht als auch erleichtert.

Sie war mittelgroß, in den Zwanzigern, ihr kurzes blondes Haar hatte sie hinter die Ohren gesteckt. Er wusste nicht viel über Miss Drake, nur dass sie teures Briefpapier mit aufgeprägter Adresse benutzte. Und dass sie in einer Eckwohnung in einem der exklusivsten Gebäude in der Upper Westside Manhattans wohnte. Doch das konnte sie unmöglich sein. Miss Drake würde keine schlecht sitzende alte Lederjacke tragen und schon gar keinen Rock, bei dem selbst er erkannte, wie sehr er aus der Mode war. Von den zerschlissenen Turnschuhen ganz zu schweigen.

Er nahm an, die Frau arbeitete als Putzfrau oder als Babysitterin. Bevor er den Blick abwenden konnte, nickte sie ihm leicht zur Begrüßung zu. Sie lächelte nicht und hielt den Kopf erhoben. Nick erwiderte den Gruß und richtete seinen Blick auf die Wand gegenüber. Es war besser, sich die Haushaltshilfen der Nachbarn nicht zum Feind zu machen.

„Sieht aus, als könnten Sie ein Kissen gebrauchen“, bemerkte sie. Ihre Stimme war erstaunlich tief und kehlig.

„Geht schon. Dieser Fußboden ist weitaus bequemer als ein felsiger Berggipfel“, entgegnete er lächelnd.

„Dafür ist die Aussicht nicht so gut.“

Sie ging an ihm vorbei und machte einen Bogen um seine ausgestreckten Beine. Er trug Wanderstiefel. Nick registrierte ihre trainierten, wohlgeformten nackten Waden, die unter dem hässlichen Rock hervorschauten. Sie war keine dieser eleganten Frauen von Manhattans Schickeria, aber tolle Beine hatte sie trotzdem.

„So schlecht ist sie nun auch wieder nicht“, sagte er.

Sie lachte, und er hörte das Klimpern von Schlüsseln. Nick schaute auf und sah, wie sie einen Schlüssel in das Türschloss von Apartment dreiundvierzig schob.

Im Nu war er auf den Beinen. „Miss Drake?“

Ihr Lächeln verschwand, und sie zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss. „Ja?“

„Mein Name ist Nick Giroux – na ja, eigentlich Nicholas“, stellte er sich vor.

„Aha.“ Sie kniff die blauen Augen zusammen, doch schien sie mit seinem Namen nichts anfangen zu können.

„Ich bin Eric Girouxs Sohn.“

Die blonde Frau musterte ihn. „Wie schön für Sie. Entschuldigen Sie mich, ich würde jetzt gern hineingehen.“ Sie schob den Schlüssel wieder ins Türschloss.

Nick trat mit festem Blick auf sie zu, wie er es bei einem gefährlichen Tier tun würde, dem er zeigen musste, wer der Boss war. Die Frau wich nicht zurück. Die Hand auf dem Türknauf, hielt sie seinem Blick stand.

„Wo ist mein Vater?“, verlangte er zu erfahren.

Und sie hatte geglaubt, der Tag könnte nicht noch seltsamer werden. Zoe unterdrückte ein Kopfschütteln. Sie war angesichts des großen, gut aussehenden und sehr aufgebrachten Mannes vor der Tür sowohl zur Flucht als auch zum Kampf bereit.

Er maß etwa eins fünfundachtzig, ein einziges Muskelpaket. Ungefähr neunzig Kilo, schätzte sie. Seine Hände sahen aus, als könnte er sie damit glatt zerquetschen. Und er war schnell.

Trotzdem würde sie es wohl mit ihm aufnehmen können.

Andererseits wirkte er ein wenig verrückt, und gegen Verrückte zu kämpfen war schwieriger.

„Ich habe keine Ahnung, wo Ihr Vater ist“, sagte sie freundlich. „Verlieren Sie den öfters?“

„Sehr witzig“, sagte er, aber er lachte nicht. Das war auch gut so, denn mit dem Lächeln, das er anfangs gezeigt hatte, sah er noch besser aus. Eine Ablenkung konnte sie allerdings nicht gebrauchen – er könnte schließlich ein irrer Killer mit einem Vaterkomplex sein.

Sie fuhr im gleichen freundlichen Ton fort: „Tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Wenn ich etwas verliere, fange ich meistens dort an zu suchen, wo ich es zuletzt gesehen habe. Allerdings weiß ich nicht, ob das auch bei verschwundenen Personen funktioniert.“

Seine Miene verriet, wie wütend er war. Sie hatte schon häufiger mit aggressiven Menschen zu tun gehabt. In New York gab es reichlich davon, und die meisten schienen früher oder später ihren Weg zu kreuzen. Zwar lag ein Funkeln in seinen braunen Augen, und seine Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepresst, aber er würde ihr nichts tun. Das konnte sie an seiner Haltung und den Lachfältchen um seinen Mund erkennen. Er mochte stark sein, aber er war nicht gewalttätig. Sie hätte darauf gewettet, dass er auch nicht oft wütend wurde.

Bis jetzt war sie ruhig geblieben – soweit das angesichts dessen, was sie in der Wohnung ihrer Großtante erledigen musste, möglich war. Doch als ihr klar wurde, dass er genau ihr Typ war – groß, dunkelhaarig, beherrscht –, bekam sie Herzklopfen.

Dieser Mann war vielleicht nicht gefährlich im herkömmlichen Sinn. Doch er war gefährlich für sie.

„Hören Sie“, sagte er. „Ich warte hier schon ziemlich lange, und ich habe eine weite Reise hinter mir, auf der Suche nach meinem Vater. Machen Sie sich ruhig lustig über mich, aber ich werde ihn schon finden.“

„He, ich mache mich nicht über Sie lustig. Viel Glück. Ich hoffe, Sie finden ihn, wenn es Ihnen so wichtig ist.“ Sie drehte den Türknauf. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, aber jetzt habe ich etwas zu erledigen, auf das ich nicht besonders scharf bin.“

Er legte eine Hand auf ihre, die noch immer auf dem Türknauf ruhte.

Sie spürte seine Wärme und die Kraft seiner Finger, und ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Heißes Verlangen durchflutete sie.

Verdammt!

„Ihr Name ist Drake, richtig?“

Seine Stimme war jetzt leise und vertraulich. Er war noch immer wütend, schien sich aber im Griff zu haben. Sie versuchte zu antworten, konnte es jedoch nicht. Stattdessen nickte sie.

Er kam noch näher, sodass sie seinen Duft wahrnahm. Er hatte sich seit einigen Tagen nicht rasiert und vermutlich wenig geschlafen. Aus der Nähe wirkte sein Gesicht müde.

„Miss Drake, Sie brauchen ihn nicht zu decken. Er hat mir geschrieben. Das bedeutet, er will, dass ich ihn finde. Lassen Sie mich rein und mit ihm reden.“

Lassen Sie mich rein, dachte Zoe und musste sich ein Grinsen verkneifen. Er meinte in die Wohnung, doch ihr fielen bei diesen Worten ganz andere Dinge ein, die mehr mit ihrem Körper, ihrem Leben, ihrer Seele zu tun hatten.

„Sie glauben, Ihr Vater ist in diesem Apartment?“, fragte sie.

„Ja.“

Nun, möglich war alles. Das ganze Footballteam der New York Giants könnte rein theoretisch in der Wohnung sein. Sie war seit Wochen nicht mehr bei Xenia gewesen.

„Haben Sie geklopft?“, wollte sie wissen.

„Es hat niemand aufgemacht. Deshalb habe ich auf Sie gewartet.“

„Sie glauben also, in dieser Wohnung ist ein Mann, der nicht aufmacht?“ Diese Vorstellung war ein wenig unheimlich. Noch unheimlicher als dieser Kerl, der vor der Tür wartete.

„Deshalb möchte ich hinein.“

„Hören Sie“, begann sie und nahm eine entschlossene Haltung an. „Ich kann wirklich nicht …“

„Bitte.“

Das ließ sie innehalten, denn aus seinem Ton sprachen Sehnsucht und Trauer. Dieser Mann, der behauptete, Nick zu heißen, vermisste seinen Vater. Er wollte ihn zurückhaben.

Damit verbanden sie und ihn die gleichen Gefühle, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen und für völlig verschiedene Menschen.

Sie sehnte sich plötzlich heftig nach ihrer Großtante Xenia. Aber die war für immer fort.

Sie drehte den Türknauf unter seiner Hand und stieß die Tür auf. „Nur zu“, sagte sie. „Schauen Sie sich um.“

Er ließ ihre Hand los und war schon in der Wohnung.

„Manieren sind das“, murmelte sie, als er an ihr vorbeistürmte. Aber sie konnte es ihm nicht allzu übel nehmen. Er hatte es eben eilig. Sogar seinen riesigen Rucksack hatte er auf dem Flur stehen lassen. Außerdem könnte sie durchaus Unterstützung gebrauchen, falls sich wirklich jemand in der Wohnung aufhalten sollte.

Moment mal, dachte sie verwirrt. Vor drei Minuten hast du diesen Mann noch für einen Psychokiller gehalten, und jetzt ist er Unterstützung?

Was soll’s, dachte sie. Heute waren ihr schon eigenartigere Dinge widerfahren. Zumindest lenkte dies sie von dem eigentlichen Grund ihres Besuchs in der Wohnung ab, daher folgte sie ihm einfach und machte die Tür hinter sich zu.

Er marschierte bereits den Flur entlang und gab ihr so die Gelegenheit, ihn von hinten zu betrachten – breite Schultern, schmale Taille, knackiger Po. Sein braunes Haar ringelte sich auf dem Hemdkragen. Zoe lehnte sich an den Türrahmen zum Wohnzimmer und beobachtete, wie er sich darin umschaute.

Es war ein großer Raum mit Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten, und er enthielt so viele Möbel und Wandschirme, dass man auf den ersten Blick nicht sicher sein konnte, ob sich außer ihnen beiden jemand darin befand. Er schaute in die Leseecke hinter dem chinesischen Wandschirm aus Seide, hinter die hohen Ohrensessel, in sämtliche Ecken und sogar kurz hinter die schweren Samtvorhänge.

Amüsiert stellte sie fest, dass er dabei die Sammlung von Daumenschrauben an der Wand und die Kettensäge in der Glasvitrine auf dem Sideboard offenbar gar nicht bemerkte.

„Versteckt Ihr Vater sich für gewöhnlich hinter Vorhängen?“

Er schenkte ihr keine Beachtung und öffnete stattdessen die Tür zur Bibliothek. Zoe folgte ihm weiter bis ins Arbeitszimmer. Anschließend wartete sie, bis er die große geflieste Küche durchsucht hatte. Zum Schluss nahm er sich die Schlafzimmer vor.

„Wenn Sie mir verraten, wie Ihr Dad aussieht, kann ich Ihnen helfen“, sagte sie.

„Etwas über einen Meter achtzig groß“, erklärte er, während er eine Schranktür öffnete und wieder schloss. „Braunes Haar, braune Augen, achtundvierzig Jahre alt.“

„Sie meinen, er sieht aus wie Sie, nur älter.“ Sie gab vor nachzudenken. „Und er liebt es offenbar, sich in Kleiderschränken zu verstecken.“

Der Mann, der sich Nick nannte, drehte sich um, verschränkte die Arme vor seiner beeindruckend breiten Brust und betrachtete sie von oben bis unten. Allerdings verweilte sein Blick weder auf ihrem Gesicht noch auf ihrem Körper länger, also war das Interesse wohl einseitig. Was für eine Überraschung, dachte sie voller Sarkasmus. „Ich habe Ihren Vater nicht unter meiner Kleidung versteckt.“

Er reagierte nicht auf den Scherz. „Ich versuche gerade herauszufinden, wie weit ich Ihnen trauen kann.“

„He, Sie waren derjenige, der draußen vor der Tür saß und verdächtig aussah“, konterte sie.

„Aber Sie haben eine Kettensäge in Ihrem Wohnzimmer.“

Er hatte die Vitrine also doch bemerkt. „Na ja, eine Frau sollte sich zu schützen wissen.“ Sie lächelte; er erwiderte ihr Lächeln nicht. „Wann haben Sie Ihren Vater zum letzten Mal gesehen?“

„Vor sechzehn Jahren.“

„Und wie kommen Sie darauf, dass er in diesem Apartment ist?“

„Weil es seine letzte bekannte Adresse ist.“

Zoe war verblüfft, obwohl Xenia viele Besucher gehabt haben musste, darunter auch männliche. Nur weil sie nie geheiratet hatte, hieß das nicht, dass sie Männer nicht mochte. Und wenn der Vater so attraktiv war wie sein Sohn, konnte sie es ihrer Großtante kaum verdenken, wenn sie ihn eine Weile bei sich hatte wohnen lassen.

„Ist er Ihr Liebhaber?“, fragte Nick Giroux.

Jetzt war Zoe wirklich perplex. „Was? Ihr Vater? Nein!“

Er betrachtete sie immer noch eingehender. „Sie sind doch nicht etwa seine Tochter, oder? Sind wir miteinander verwandt?“

Zoe lachte. Als ob sie und dieser attraktive Typ miteinander verwandt sein könnten. „Mein Vater ist Michael Drake, und er lebt in Fairfield, New Jersey. Ich hätte nichts dagegen, wenn er gelegentlich verschollen wäre.“

„Was haben Sie mit meinem Vater zu tun?“

„Gar nichts. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich ihn nicht kenne.“

„Nein, haben Sie nicht. Sie sagten, Sie wüssten nicht, wo er ist.“

Sie überlegte. Er hatte recht. „Ich kenne ihn jedenfalls nicht.“

Er wirkte verärgert, wandte sich ab und legte die Hand auf den Türknauf zu Xenias Schlafzimmer.

„Wenn Sie Ihren Vater seit sechzehn Jahren nicht gesehen haben, woher kennen Sie dann seine letzte bekannte Adresse?“, fragte sie und dachte daran, weshalb sie gekommen war. Sie wollte nicht tun, was sie tun musste, denn es würde ihr die Endgültigkeit dessen, was geschehen war, zu schmerzlich vor Augen führen.

Nick griff in die Innentasche seiner wetterfesten Jacke, zu der er passenderweise eine wetterfeste Hose und wasserdichte Stiefel trug. Er pflegte einen eigenen Stil, das war ihr sympathisch – der raue Naturbursche kam selten vor in New York City. Allerdings würde dieser Mann selbst in einem Plastiksack noch sexy aussehen.

Er reichte ihr einen zerknitterten cremefarbenen Umschlag, den sie sofort erkannte. Seit sie lesen konnte, hatte sie zu jedem Geburtstag Briefe in solchen Umschlägen erhalten, geschrieben auf edlem Briefpapier mit aufgeprägter Absenderadresse. Obwohl sie mitten in Xenias Wohnung standen, war dieser Umschlag eine beinah intime Erinnerung an ihre Großtante.

„Xenia kannte ihn“, sagte sie mehr zu sich selbst.

Nick, der ihr den Umschlag geben wollte, hielt inne. „Xenia? Wer ist Xenia?“

„Meine Großtante. Ihr gehört dieses Apartment.“

Gehörte, verbesserte sie sich im Stillen.

„Sie wohnen gar nicht hier?“

Zoe deutete auf ihre zu große Lederjacke, den hässlichen Rock und die zerschlissenen Turnschuhe – die einzige schwarze Kleidung, die sie besaß, abgesehen von einem hautengen Gymnastikanzug. „Sehe ich aus, als könnte ich mir so eine Wohnung leisten?“

„Warum haben Sie behauptet, es sei Ihre?“

„Das habe ich nicht“, erwiderte sie, froh, dass sie sich diesmal besser an die Unterhaltung erinnerte als er. „Ich habe einen Schlüssel, weshalb Sie es einfach annahmen.“

„Warum haben Sie einen Schlüssel?“

Ah, das war die entscheidende Frage.

„Xenia ist vor drei Tagen gestorben“, erklärte sie. „Ich bin hier, um die Kleidungsstücke herauszusuchen, in denen sie beerdigt werden soll. Ich bekam heute Morgen aus heiterem Himmel einen Anruf vom Bestatter, der mir mitteilte, sie habe mich dazu ernannt, alles für sie zu arrangieren.“

„Oh.“ Seine Züge wurden unvermittelt sanfter. „Mein herzliches Beileid.“

Plötzlich verspürte Zoe den Wunsch, sich in seine Arme zu werfen, das Gesicht an seine Brust zu schmiegen und ihn zu bitten, sie kurz festzuhalten. Sie wusste schon gar nicht mehr, wann sie zuletzt jemand in den Arm genommen hatte. Oder wann sie sich zuletzt danach gesehnt hatte.

Du lieber Himmel, jetzt suchte sie schon nach Gründen, diesen Mann anzufassen.

„Danke. Immerhin ist es ganz lustig, einem Fremden dabei zuzusehen, wie er die Wohnung meiner Großtante durchwühlt.“

Nick deutete mit dem Kopf zur letzten noch nicht geöffneten Tür. „Ist das das Schlafzimmer Ihrer Tante?“ Seine Stimme war so sanft wie seine Miene.

Er war also groß, dunkelhaarig, attraktiv und auch noch nett. Zoe lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust, in der ihr Herz heftig pochte. „Glauben Sie, Ihr Dad ist da drin?“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, sagte der wundervolle Fremde und öffnete die Tür.

2. KAPITEL

Das Bett war riesig, die Bettwäsche aus Seide. Nicks Vater befand sich nicht in dem Raum mit den teuren hellen Möbeln, der Seidentapete, den Quasten und Troddeln und Spiegeln. Zoe stellte erleichtert fest, dass es noch genauso aussah wie bei ihrem letzten Besuch. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Ein Schild auf dem Bett mit der Aufschrift: Sorry, bin tot?

Sie hatte Leere erwartet, aber diese Wohnung wirkte nirgends leer; jeder Winkel erinnerte an Xenia, auch wenn sie nicht mehr da war. Vielleicht brauchte eine Wohnung eine Weile, bis sie begriff, dass ihr Bewohner gestorben war. Und wenn dieser Bewohner jemand wie Xenia war, dauerte es wahrscheinlich noch länger.

Zoe bemerkte, dass Nick neben ihr stand und keine Anstalten machte, das Schlafzimmer zu betreten.

„Wollen Sie den Kleiderschrank nicht durchsuchen?“, fragte sie.

„Warum steht im Schlafzimmer Ihrer Großtante eine Bärenfalle?“

Die Falle stand auf einem Tisch am Fußende des Bettes und wie die Kettensäge im Wohnzimmer in einer Glasvitrine. Die glänzenden, gut geölten Eisenzähne klafften wie immer auseinander.

„Tja, wie ich schon sagte, eine Frau muss sich irgendwie zu schützen wissen.“ Sie betrat das Zimmer und sah sich zu ihm um, da er ihr nicht folgte. Sein Blick ließ sie erröten. Falls er einen Annäherungsversuch starten sollte, würde sie die Bärenfalle ganz bestimmt nicht gegen ihn einsetzen.

Aber er wollte gar nicht flirten. Was sie in seinen Blicken las, war Neugier, kein Verlangen. Daher verzichtete sie auf eine weitere schlagfertige Äußerung und zuckte mit den Schultern. „Xenia hat sie schon lange. Ich weiß nicht, woher.“

Jetzt erst betrat er das Zimmer. „Sie sagten, Sie wollten ein paar Kleidungsstücke für sie holen?“

„Ja, und es dauert nicht lange. Sie können im Wohnzimmer warten, wenn Sie wollen, oder in der Küche. Sie dürfen sich auch gern Kaffee kochen. Sie sehen nämlich aus, als könnten Sie welchen vertragen.“

„Nein, ich bleibe lieber hier. Sie können wahrscheinlich ein bisschen Gesellschaft gebrauchen. Es ist sicher nicht leicht, die Sachen Ihrer Großtante durchzusehen.“

Sie wollte nicht, dass er nett war, doch gleichzeitig tat es erstaunlich gut.

Das sanfte Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht.

Zoe nahm sich zusammen. „Wie Sie wollen“, sagte sie und betrat den begehbaren Kleiderschrank.

Die Kleidung roch nach Xenias würzigem, exotischem Parfüm. Sie atmete tief ein.

Bitte beerdigt mich in meinem schwarzen Gaultierkleid mit den Pailletten, hatte Xenia in ihrer Beerdigungsverfügung geschrieben. Außerdem wollte sie den Silberfuchs und die schwarzen Schuhe von Vuitton tragen. Zoe schob etliche Kleiderbügel zur Seite und fragte sich, wie sie das Kleid erkennen sollte. Ihre Großtante schien eine Million davon zu besitzen, und sie wäre nicht einmal in der Lage, eines von Gaultier zu erkennen, wenn der Designer ihr damit ins Gesicht schlüge.

Aber sie erinnerte sich an die grüne Jacke, die ihr vor der Nase baumelte. Die hatte Xenia getragen, als sie sie das letzte Mal besucht hatte. Sie schob sie zur Seite und suchte mit Tränen in den Augen weiter.

„Lassen Sie eigentlich immer fremde Männer in Ihre Wohnung?“

Erschrocken stellte sie fest, dass Nick ihr in den Schrank gefolgt war und am Pfeiler lehnte.

„Ich habe Ihnen doch schon erklärt, dass es nicht meine Wohnung ist.“

„Es ist trotzdem dumm. Ich hätte sonst wer sein können.“

„Wollen Sie meine Selbstverteidigungskünste auf die Probe stellen?“

Er hob kapitulierend die Hände. „Ich wollte Sie nur auf das Risiko aufmerksam machen.“

„Und ich sage Ihnen: Hören Sie auf, mich zu kritisieren.“

Er hielt sich die Hand vor den Mund, als hätte sie ihn erschreckt, doch seine Augen funkelten belustigt. Sie kehrte ihm wieder den Rücken zu und setzte ihre Suche fort.

Es dauerte einige Minuten, bis sie ihre Trauer wieder im Griff hatte. Ihre Hand landete auf etwas Weichem, Glattem, und ohne hinzusehen, wusste sie, dass es sich um den Umhang aus Silberfuchspelz handelte.

„Fuchs?“, fragte er.

„Komisch, ich hätte Sie nicht für einen Modeexperten gehalten, Nick.“ Sie nahm das Kleidungsstück von der Stange.

„Bin ich auch nicht, aber ich habe solche Pelze in freier Wildbahn gesehen.“

„Bärenfallen, Kettensägen, Fuchspelz. Xenia war vieles, aber nie politisch korrekt.“

Das Gaultier-Kleid hing neben dem Umhang.

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