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ErbRache: Wegners schwerste Fälle (5.Teil)

Thomas Herzberg

ErbRache: Wegners schwerste Fälle (5.Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel:

ErbRache

(aus der Reihe Wegners schwerste Fälle)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 2.1

 

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann – lohmann@worttaten.de

 

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

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Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

  

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Inhalt:

Was mit dem scheinbar willkürlichen Mord an einem jungen Farbigen beginnt, mündet in einer grausamen Auseinandersetzung, deren Ursprünge viele Jahrzehnte zurückliegen. Selbst in Berlin und im fernen Israel beobachtet man schon bald die Arbeit der Hamburger Mordkommission mit Argusaugen. Immer tiefer werden Wegner, Hauser und ihr neuer Kollege Busch in Geschehnisse verstrickt, deren Hintergrund nur eines ist: Rache! (Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn man auch die vorangegangenen Fälle kennt ...;)

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

Prolog

»Der ist tot!«

»Quatsch! Ich hab’ nicht mal mit halber Kraft zugeschlagen ...«

»Der ist tot. Wenn ich es dir sage, mausetot ...«

»Wie kommst du darauf, Alter?«

»Dem läuft das Gehirn aus der Nase ... aus’m Mund auch.«

»Scheiße! Du hast Recht.«

»Sag’ ich doch. Der ist mit dem Kopf auf den Kantstein und knack! Game over.«

»Pack das Schwarzbrot an den Beinen, ich nehm’ die Arme, und dann rein in den Müllcontainer ... da drüben, bevor einer kommt.«

Nur eine Minute später hatten die beiden Glatzköpfe den schlaksigen, farbigen Jungen hochgehievt und versuchten zuletzt nur noch, seine Beine in dem überfüllten Container zu verstauen.

»Scheiße! Wie sollen wir den Rest denn da reinkriegen? Das Ding is’ proppenvoll.«

»Halt ihn mal vorne fest, ich versuch was ...«

Mit lautem Knacken brach das erste Bein in Höhe des Knies und baumelte seltsam verdreht über die schmutzige Kante des Containers nach unten. Dann folgte das zweite, das der ungezügelten physikalischen Gewalt ebenso wenig entgegensetzen konnte.

»Siehst du, geht doch!« Der riesige Glatzkopf packte die beiden Glieder und stopfte sie ohne jegliche Skrupel zwischen Müllsäcke und Papiertüten.

»Hast du seine Taschen durchsucht?«

Nur ein zögerliches Kopfschütteln.

»Dann mach es, du Idiot.«

»Alter, das glaubst du nicht ...«

»Was?«

Glatzkopf Nummer zwei hielt drei sauber gefaltete Hunderteuroscheine empor. »Volltreffer! Wenigstens hat der Arsch ’nen Haufen Kohle in der Tasche gehabt.«

»Wahrscheinlich dealt die Sau mit Koks oder Crystal. Am Ende haben wir noch was Gutes getan.«

Kurz darauf eilten die beiden verschwitzen Männer bereits über die schmalen Straßen Richtung Landungsbrücken davon.

»Warum musst du Spacken das Schwarzbrot auch gleich kaltmachen? Die Hose kann ich wegschmeißen. Überall Blut und Gehirn von diesem Schwachkopf. Und bis ich die Stiefel wieder sauber habe ...«, keuchte der Kleinere atemlos.

»Halt die Schnauze! Denk lieber nach, wer uns ein wasserdichtes Alibi verschaffen kann. Falls uns doch einer gesehen hat und die Bullen morgen vor deiner Tür stehen, solltest du bis dahin wissen, was du denen erzählst.«

»Wie immer ...«

»Was meinst du?«

»Ich war bei Mutti und sie hat gekocht. Danach haben wir zusammen vor der Glotze gehockt. Ich kau’ ihr die Geschichte vor, und sie brauch den Schwachsinn hinterher nur nachzuplappern. Wie immer eben ...«

»Und ich war auch dabei, das macht die Sache rund.«

»Lecker die Rouladen, oder?«

1

»Ich habe dir gesagt, dass ich eigentlich schwul bin. Von Anfang an habe ich es dir gesagt, also komm mir heute nicht daher und mach einen auf Überraschte«, Stefan Hauser lief aufgeregt von einer Ecke seines Wohnzimmers in die andere.

»Was heiß denn eigentlich schwul

»Na, schwul eben. Ich stehe auf Männer. Schon immer. Du wusstest es, und wir waren uns einig, dass wir es trotzdem versuchen wollen, obwohl du eine Frau bist ...«

»Das klang damals aber ganz anders, als du mich gefragt hast, ob ich zu dir ziehen will. Jetzt hab ich meine Wohnung gekündigt, mein Hausrat verschimmelt in irgendeinem muffigen Lagerraum und du willst mich auf die Straße setzen. Das ist nicht fair, Stefan.«

»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass ich dich auf die Straße setzen will. Davon habe ich nie gesprochen, mit keiner Silbe.« Hauser rieb sich nervös die Halbglatze. »Du kannst gerne bleiben und wir können hier in einer Art Wohngemeinschaft leben. Nur ...«

»... schlafen wir nicht mehr in einem Bett«, beendete Michaela Stein seinen Satz. »Toll! Ich kümmere mich dann ums Bad, und du um die Küche. Das sind wirklich tolle Aussichten.«

»Mach du lieber die Küche. Im Bad hab’ ich so meine Rituale ...«

***

»Mein Gott, Stefan! Du siehst ja aus, als ob du die Nacht durchgemacht hättest.« Wegner ließ sich grinsend in seinen Stuhl fallen. »Wieder Streit mit der lieben Michi?«

Hauser nickte kraftlos. »Ich hab’ es ihr gesagt, gestern Abend.«

»Dass du schwul bist und bleibst? Du hast es ihr wirklich gesagt?«

Dieses Mal war es nur ein Nicken, das noch träger wirkte, als die Antwort zuvor.

»Endlich! Bald ist alles wieder so, wie es mal war. Dann kann ich ruhig schlafen und mein Weltbild passt auch w...«

»Manfred, halt die Fresse! Es ist schon schwer genug, da brauch ich deine sinnentleerten Kommentare am allerwenigsten. Lass mich einfach nur in Ruhe!«

Das Telefon unterbrach diesen Austausch von Freundlichkeiten.

»Manfred Wegner, wer stört?«

Dreißig Sekunden später ließ der Hauptkommissar den Hörer auf die Gabel krachen und erhob sich müde. »Es gibt Arbeit, Kollege. Wir vertagen das Krisengespräch und widmen uns lieber unserem Job. Dann kommst du auch auf andere Gedanken und bläst hier nicht ...«

»Manfred!«

»Trübsal! Ich meinte Trübsal. Ehrenwort.«

»Fahr doch endlich zu, mit deiner gummibereiften Kasperbude, sonst schieb’ ich dich von der Straße, du Blödmann ...«

»Manfred! Du solltest an deinen Blutdruck denken. Vera hat mir letzte Woche erzählt, dass du beim Arzt warst und ...«

»Diese gottverdammte Verräterin!«

»Hat sie dir wirklich mit Sexentzug gedroht, wenn du dich nicht endlich vernünftig untersuchen lässt?«

Wegner nickte mit zusammengekniffenen Lippen.

»Und?«

»Was ... und?«

»Na, wie hoch ist dein Blutdruck?«

»130.«

»Ist das der obere oder der untere Wert?«

»Wenn das der obere wäre, würde sich Vera wohl kaum Sorgen machen.«

»Da vorne musst du rechts rein.« Hauser war froh, das Thema wechseln zu können. »Unsere Streifenkollegen sind schon da.«

»Das sehe ich auch, du Schlauberger.«

Vor der Tür des dreistöckigen Mietshauses hatte sich eine Handvoll Beamter versammelt, die abrupt verstummten, als die beiden Kommissare sich jetzt mit langen Schritten näherten.

»Gibt es keine Falschparker oder Temposünder, die unsere werten Streifenkollegen ergreifen können, damit das Urlaubsgeld gesichert ist, anstatt hier den Tatort zu verunreinigen«, begrüßte Wegner die Uniformierten in seiner unnachahmlich sympathischen Art.

Da keinem eine sinnvolle Antwort einfallen wollte, zerstreute sich die Gruppe augenblicklich in sämtliche Richtungen. Nachdem die beiden Kommissare endlich vor der richtigen Wohnungstür angekommen waren, keuchte Wegner wie eine Dampflok, während Hauser den Gerichtsmediziner Dr. Dieter Specht herzlich begrüßte.

»Muss der Kerl seine Frau ausgerechnet im dritten Stock umbringen. Im Parterre hätte es mir besser gefallen«, röchelte Wegner atemlos.

»Du siehst ja grauenvoll aus, Manfred. Soll ich dich mal abhorchen. Deine Gesichtsfarbe erinnert mich stark an eine holländische Gewächshaus-Tomate.«

»Lass lieber die Finger von mir, Dieter. Deine Patienten sind in der Regel tot und ich habe noch nie gesehen, dass du einen zu neuem Leben erweckt hättest. Also mach einfach deine Arbeit und überlass die Lebenden besser den Profis.«

Dieter Specht nickte mürrisch und führte seine beiden Kollegen in die Wohnung hinein. »Es ist zwar euer Job, aber die Spuren sprechen für mich eine eindeutige Sprache ...«

»Da bin ich aber mal gespannt, Kommissar Oberschlau. Leg los!«, ermunterte Wegner ihn grinsend.

»So, wie ich es sehe, hat der Streit in der Küche angefangen. Mann und Frau, vermutlich Ehekrach, das Übliche.« Der Gerichtsmediziner deutete auf ein paar Blutspritzer, die am Kühlschrank deutlich zu erkennen waren. »Aus irgendeinem Grund hat sich das Ganze dann ins Wohnzimmer verlagert, wo der Kerl die Sache zu Ende gebracht hat.«

Dort angekommen hob Hauser die Plane ein Stück an, mit der man den Leichnam der Frau provisorisch abgedeckt hatte. »Der Schädel ist eingeschlagen. Da war viel Wut im Spiel. Der hat mindestens zehn Mal zugeschlagen ...«

»Fünf der Schläge wären für sich allein schon tödlich gewesen«, unterbrach Specht die Ausführungen. »Aber das scheint ihm nicht gereicht zu haben ...«

Stefan Hauser zog die Plane weiter beiseite und es verschlug ihm augenblicklich die Sprache. Jetzt trat Wegner dazu und betrachtete nachdenklich die zahlreichen Einstiche im Unterleib der Frau.

»Donnerwetter! Da wollte aber jemand auf Nummer sicher gehen.« Der Hauptkommissar stapfte in die Küche zurück. Specht und Hauser folgten ihm, während sie skeptische Blicke tauschten. Wegner zog die Kühlschranktür auf und musterte gedankenversunken eine weitere verwischte Blutspur, die eines der Glasregale zierte. Direkt dahinter standen mehrere Bierflaschen, fein säuberlich aufgereiht. Eine weitere neben dem Kühlschrank, halb ausgetrunken. »Wann ging der Notruf ein?«, wollte der Hauptkommissar wissen, nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte.

»Eine Nachbarin hat um 9.27 Uhr die 110 gewählt, weil sie Schreie gehört hat. Wohnt nebenan.« Dieter Specht deutete auf eine der offensichtlich dünnen Wände.

»Und wann war die erste Streife vor Ort?«

»Nur zwei bis drei Minuten später. Die kamen von einem Einbruch, ein paar Straßen weiter.«

Wegner schaute den Gerichtsmediziner grinsend an. »Du bist nicht schlecht, Dieter. Aber deine Theorie ist leider falsch. Wir können nur hoffen, dass wir dich noch ein paar Jahre als Pathologen mit durchschleifen können. Ansonsten seh’ ich schwarz für dich ...«

»Wie kommst du darauf?«, gab Specht giftig zurück.

»Weil es nicht in der Küche angefangen hat, es hat hier geendet.«

Seine Kollegen starrten den Hauptkommissar mit großen Augen an. Fragen wollte keiner der beiden, denn es war davon auszugehen, dass Wegner seinen Vortrag auch ohne Ermunterung fortsetzen würde.

»Abgespielt hat sich alles im Wohnzimmer, und es ist schnell gegangen. Als der Typ fertig war, standen unsere Streifenkollegen mit Sicherheit schon fast vor der Tür.«

»Woher willst du das wissen?«, erkundigte sich Stefan Hauser in gequältem Ton.

»Im Wohnzimmer liegt seine Brieftasche, an der Garderobe hängt seine Jacke und hier ...«, Wegner nahm eine Zigarettenschachtel vom Küchentisch und hielt sie den beiden entgegen, »... sind seine Kippen. Eine Frau raucht wohl kaum Camel ohne ...« Wegner hob oberlehrerhaft den Finger und fuhr fort: »Das Blut am Kühlschrank und drinnen, direkt vor den Bierflaschen, ist erst danach dorthin gekommen. Da war seine Frau schon tot.«

»Meinst du etwa, dass der Kerl nach dem Mord in aller Seelenruhe noch ’ne halbe Flasche Bier getrunken hat und jetzt irgendwo ...?«, platze Stefan Hauser heraus.

»Das meine ich, allerdings.«

»Und wo?«

Wegner schüttelte den Kopf und schaute nachdenklich durch alle hindurch. »Hat das Haus einen Keller?«

Einer der gerade eingetroffenen Streifenkollegen verneinte seine Frage.

»Einen Dachboden?«

»Ich schätze schon.« Der gleiche Uniformierte starrte Richtung Decke. »Zumindest führt noch eine Treppe nach oben, da sind aber keine Wohnungen mehr.«

»Dann werden wir unseren Mörder garantiert dort finden. Wo soll er sonst geblieben sein, wenn zwischen Notruf und dem Eintreffen der Kollegen nur ein paar Minuten lagen. Sollte ich falsch liegen, dann gibt es heute Mittag was vom Chinesen, auf meine Kosten.«

»Das halte ich für noch unwahrscheinlicher, deshalb hast du vermutlich Recht«, kommentierte Stefan Hauser lachend und machte sich bereits zum Gehen auf.

2

»Mirko hat die Dachpappe weggeklatscht, einfach so. Ich wollte es verhindern, aber konnte nicht ...«

Ralf Hoffmann hob die Hand, um weiteren Ausführungen Einhalt zu gebieten. Jetzt erhob er sich hinter seinem massiven Schreibtisch, den man bedenkenlos auch ins Jahr 1940 hätte transferieren können. Bilder vom Führer und seinen Getreuen standen sauber aufgereiht in exakter Linie. An den Wänden rundherum prangten riesige Landkarten, auf denen die Truppenbewegungen der Deutschen Wehrmacht verzeichnet waren. Eine weitere Landkarte zeigte Europa zu einem Zeitpunkt, an dem es fast so schien, als ob das übermächtige Nazi-Bollwerk einen ganzen Kontinent in die Knie zwingen könnte. Juwel der Sammlung allerdings war eine penibel gereinigte SS-Uniform, die dereinst Ralf Hoffmanns Großvater gehört hatte. Bis zum Obersturmbannführer hatte der es gebracht, bevor er, nach wochenlanger Belagerung, im eisigen Stalingrad einer verirrten Kugel zum Opfer gefallen war.

»Mirko!« Ralf Hoffmann atmete tief durch. Diese Pause ließ die beiden Glatzköpfe noch weiter in sich zusammensacken. Die standen ihrem Anführer ohnehin schon auf wackeligen Beinen gegenüber. Schließlich mussten sie davon ausgehen, dass jetzt ein gründlicher Anschiss, wenn nicht sogar der Ausschluss aus der Gruppe folgte. Sie hatten in der Vergangenheit schon einen Haufen Mist gebaut, aber einfach jemanden zu töten ...

»Ich bin stolz auf dich«, fuhr Hoffmann dann unerwartet freundlich fort. »Mehr Soldaten von deiner Sorte, und wir wären längst dort angekommen, wo wir hingehören. Endlich hat einer von uns bewiesen – bewusst oder unbewusst –, was am Ende stehen wird.«

Die beiden Glatzköpfe schienen zusehends zu wachsen und erwiderten sogar die Blicke ihres Führers.

»Ihr zwei steht stellvertretend für das, was dieses Land braucht.«

Fragende Gesichter.

»Männer! Männer, die bereit sind, für ihre Überzeugungen und ihre Ziele alles zu tun, was nötig ist. Das ist nur der Anfang und es werden noch viele solcher Taten folgen.«

Fünf Minuten später beendete Ralf Hoffmann seine Lobeshymne und entließ seine Helden, die mittlerweile nur noch dämlich grinsten. Nachdem er die Tür hinter den beiden Glatzköpfen geschlossen hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch zurück und starrte eine ganze Weile an die Decke. Diese Neuigkeit sollte eine Art Initialfunken darstellen. Den lang ersehnten Beginn einer Aktion, die er schon seit Langem plante. Dass ihm nun der Zufall zur Hilfe kam, war ein willkommenes Geschenk. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die sich jahrelang in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Selbst mitten in der Nacht, aus dem Tiefschlaf erwacht, hätte er sie vorwärts und rückwärts herunterbeten können.

Es wurde Zeit – höchste Zeit!

Eines der Urgesteine nach dem anderen musste sich dem Alter ergeben. Kaum ein Monat verging, in dem man nicht einen der altverdienten Helden zu Grabe trug. Aber es gab einen harten Kern. Männer, die mitten in der Blüte der Naziherrschaft erst Anfang zwanzig waren und es gleichwohl bereits zu Ruhm und Ehre gebracht hatten. Verbündete, die in erster Linie über eines verfügten, und bereit waren, es der gerechten Sache zur Verfügung zu stellen: Geld.

***

Wegner, Hauser und zwei Streifenkollegen tasteten sich vorsichtig die Stufen zum Dachboden empor. Sogar Dieter Specht folgte ihnen mit einigem Abstand, obwohl Einsätze dieser Art kaum zu seinem Aufgabenbereich gehörten. Vor der breiten Holztür angekommen, blieb die Gruppe einen Moment lang stehen. Skeptisch betrachteten die Beamten ein paar verwischte Blutstropfen, die auf dem staubigen Boden vor ihren Füßen unnatürlich glänzten und zum möglichen Tatverlauf irgendwie nicht passen wollten.

Wegner wies die beiden Uniformierten wortlos an, sich neben der Tür zu positionieren. Kein Geräusch war zu hören, nicht mal ein Atmen.

Als einer der Beamten kurz darauf die dünne Tür zum Bodenraum auftrat, erwartete die Männer ein grauenvoller Anblick, den selbst hartgesottene Polizisten kaum vergessen konnten.

Nur ein paar Schritte von der Tür entfernt lag ein hagerer Mann auf dem Rücken, aus dessen Brust ein langes Küchenmesser ragte. Direkt daneben eine Frau, deren seltsam verdrehte Gliedmaßen darauf hindeuteten, dass auch sie bereits tot war. Wegner drehte ihren Körper um und schreckte sogar ein wenig zurück.

»Ihre Kehle ist durchtrennt. Da kommt jede Hilfe zu spät«, stellte er in dünnem Ton fest.

Noch bevor die Beamten die Leichen genauer untersuchen konnten, hörten sie ein leises Stöhnen, das aus der dunkelsten Ecke des Dachbodens kam.

»Kann mal jemand das Licht anmachen«, fauchte Wegner die Uniformierten an.

Ein ganzes Stück weiter, zwischen Glaswolle, beschädigten Dachziegeln und Schmutz lag ein weiterer zusammengekrümmter Körper. Rundherum waren Unmengen von Blut zu erkennen. Wenn es überhaupt eine Rettung gab, dann müsste sich diese schnell einfinden.

»Noch eine Frau!«, polterte Hauser hervor. »Ruft einen Rettungshubschrauber.«

Die beiden Kommissare zogen den zitternden Körper vorsichtig ein Stück ins Licht. Eine ganze Reihe von Stichverletzungen war schon auf den ersten Blick auszumachen. Wegner sackte auf die Knie und wischte der Frau eine Haarsträhne aus dem blutverschmierten Gesicht.

»Es kommt gleich Hilfe. Halten Sie durch ... gleich kommt Hilfe.«

3

 

Seitdem sie aufgestanden war, irrte Juma Kahini ziellos durch ihre winzige Wohnung. Thabo war noch nie über Nacht weggeblieben. Zumindest nicht, ohne sie vorher anzurufen oder seinem Bruder eine SMS zu schicken. Noch nie! Es musste etwas passiert sein, da war sie sich ganz sicher. Die Krankenhäuser hatte sie alle durch und fast sämtliche Polizeireviere. Sogar auf ihre sonst hinderliche Scheu hatte sie keine Rücksicht genommen: Ihr gebrochenes Deutsch reichte nur selten aus, aber den Namen ihres Sohnes und ihre Sorge um ihn hatte sie allen deutlich mitteilen können.

Ausgerechnet in diesem Moment erinnerte sie sich an die Tage, die sie und ihre beiden Söhne auf einem winzigen Boot auf stürmischer See verbracht hatten. Hundertvierzig Menschen in einer Nussschale, die kaum für die Hälfte ausgelegt war. Wie oft hatte sie auf dieser Reise Richtung Europa bereits mit ihrem Leben abgeschlossen und überlegt, ob sie den Säugling in ihren Armen einfach ersticken sollte. Ihm einen gnädigen Tod schenken, der ihn von allen Plagen und dem Elend befreien würde. Immer dann, wenn sie besonders verzweifelt war, war es Thabo, der sie aufbaute und ihr neuen Mut schenkte. Mit seinen damals zwölf Jahren war er schon lange mehr Mann als Kind. Er hatte so viel Tod und Gewalt gesehen, so viel Folterungen und Leid – kein Wunder also, dass er auf eine eigene Kindheit fast vollständig verzichten musste.

Am südlichsten Zipfel Italiens angekommen, erwartete sie kaum ein besseres Schicksal. Wieder trieb man sie zusammen und sperrte sie ein. Willkommen waren sie auch hier nicht, und sie konnte es den unfreundlichen Männern nicht einmal übel nehmen, dass sie unentwegt brüllten oder um sich schlugen. Aber zumindest brauchten sie sich hier keine Sorgen mehr um ihre Gesundheit oder gar ihr Leben zu machen.

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft im vermeintlich gelobten Land, setzte man Juma und ihre Kinder in ein Flugzeug. Nicht mal das Ziel ihrer Reise wollte man ihnen verraten, aber eines war klar: Es ging Richtung Norden und keinesfalls zurück nach Afrika. Alles, was vor ihnen liegen würde, war besser – weit besser als das, was hinter ihnen lag.

 

Erneut griff Juma jetzt zum Telefon, legte es aber, nach kurzem Überlegen, wieder beiseite. Wen sollte sie denn noch anrufen?

Als ihr Handy einen kurzen Moment später klingelte, zuckte sie erschrocken zusammen. Endlich! Das konnte nur Thabo sein, wer sonst?

»Thabo?«, schrie sie fast in den Hörer.

»Nein. Ich bin es, Zinedine. Hat er sich schon gemeldet?« Thabos Onkel schien ebenso besorgt zu sein wie seine Mutter.

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