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Er ist doch mein Boss!

1. KAPITEL

Sabrinas Puls beschleunigte sich, und unwillkürlich ging sie ein wenig langsamer. Wäre das Gehalt nicht so erstaunlich hoch, käme es ihr nicht in den Sinn, sich ausgerechnet um diese Stelle zu bewerben. Aber eine solche Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen, Melly und sie brauchten das Geld. Sie drückte beide Daumen, dass sie den Job auch bekommen würde.

Dieser Stadtteil im Norden von London war ihr fremd, und während sie die kurze Straße entlangging, fiel ihr auf, dass die Villen etwas vernachlässigt wirkten. Kurz darauf blieb sie vor der Hausnummer dreizehn stehen, der Adresse, nach der sie Ausschau hielt. Hier war von Vernachlässigung keine Spur: Die imposante dunkelblaue Eingangstür war frisch gestrichen, Türklopfer und Klinke glänzten golden in der Sonne des milden Septembermorgens. Aber der beeindruckende Zustand des Hauses war auch nicht verwunderlich, wenn man bedachte, wer hier wohnte …

Sie drückte auf den Klingelknopf und wartete. Ob sie ihn erkennen würde? Sein Bild erschien oft genug in Zeitungen und Zeitschriften – schließlich war er ein weltberühmter Autor –, aber auf Pressefotos konnte man sich nicht immer verlassen.

Die Tür ging auf, und sie erkannte das markante Gesicht mit den tiefen Denkfalten auf der Stirn sofort wieder, ebenso das dunkle, leicht zerzauste Haar. Er musste Ende dreißig, Anfang vierzig sein, denn an den Schläfen zeigten sich bereits die ersten Spuren von Grau. Seine Augen waren blauschwarz, sein Blick prüfend, wenn auch nicht unfreundlich.

„Sabrina Gold?“

Sie nickte. „Ja.“

„Alexander McDonald. Bitte kommen Sie herein.“ Er zog die Tür weiter auf und trat zur Seite. „Haben Sie die Adresse ohne Schwierigkeiten gefunden?“

Seine Stimme war tief und wohlklingend, der Ton sachlich, sein Auftreten weltmännisch und ein wenig einschüchternd. Als er vor ihr die mit dickem Teppichboden belegte Treppe hinaufging, glitt ihr Blick über seine hochgewachsene athletische Gestalt. Anscheinend besucht er regelmäßig ein Fitnessstudio und hat seinen eigenen Trainer.

Nun, Geld spielte in dieser Familie bekanntermaßen keine Rolle, weder für ihn noch für seinen Bruder Bruno McDonald, der sich als Intendant und Produzent erfolgreicher Musicals einen Namen gemacht hatte. Auf der Sunday-Times – Liste der reichsten Engländer belegten die beiden Dauerplätze.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ihm die Antwort auf seine Frage schuldig geblieben war – außer „Ja“ bei der Begrüßung hatte sie bisher keinen Ton gesagt.

Sie räusperte sich. „Das war nicht schwer, ich bin mit der U-Bahn gekommen. Und bei dem schönen Wetter war der Weg von der Haltestelle zu Ihrem Haus ein Vergnügen.“

Er drehte sich kurz nach ihr um, und was er sah, gefiel ihm. Sie war klein, etwa eins sechzig, und unauffällig mit heller Hose und cremefarbener Seidenbluse gekleidet. Das glatte blonde Haar war aus der Stirn gekämmt, ihr Gesicht regelmäßig und ohne Make-up. Und sie hatte sehr schöne Augen – ausdrucksvoll, mandelförmig und grün. Katzenaugen, ging es ihm durch den Sinn.

Im Obergeschoss angekommen, öffnete er eine Tür und trat zur Seite. „Mein Arbeitszimmer – gewissermaßen das Büro.“

Als sie an ihm vorbeiging, stieg ihm ein diskreter Duft in die Nase. Ein weiterer Pluspunkt! Er verabscheute schwere Düfte und mied Frauen, die wie ein Parfumladen rochen. Die Wahl des Parfums war in Bezug auf seine zukünftige persönliche Assistentin also unerlässlich – wenn er sie nur endlich finden würde! Er seufzte innerlich – war Miss Gold Kandidatin Nummer sechs oder sieben? Er konnte sich nicht mehr erinnern.

Unauffällig musterte Sabrina ihre potenzielle Arbeitsstätte. Der Raum war groß und hell, mit hohen Wänden und bodenlangen Fenstern. Ein Perserteppich bedeckte den größten Teil des dunklen Parkettbodens, und auf den Wandregalen reihten sich Hunderte von Büchern. Im Zentrum prangte ein schwerer Mahagoni-Schreibtisch mit Computer und Telefon, Notizblöcken und weiteren Schreibutensilien. Ein wenig abseits stand der Schreibtisch für seine Mitarbeiterin – kleiner, aber gleichfalls mit Computer und Telefon ausgerüstet. Zwei Polstersessel und ein altmodisches braunes Sofa vervollständigten die Einrichtung.

Alexander rückte einen davon zurecht. „Nehmen Sie Platz, Miss … äh … Gold“, sagte er, bevor er sich in den tiefen Drehsessel hinter seinem Schreibtisch fallen ließ.

„Vielen Dank.“ Während Sabrina der Aufforderung nachkam, drückte sie erneut die Daumen – hoffentlich klappte es …

„Wie ich sehe, haben Sie ein Diplom in Psychologie“, bemerkte er nach einem Blick auf das Bewerbungsschreiben vor ihm. „Sind Sie sicher, dass Ihnen die Tätigkeit einer Sekretärin … äh …“, unmerklich zuckte es um seine Lippen, „… zusagen würde?“

Überrascht sah sie auf – von jemandem mit seinem Prestige hatte sie diese Frage nicht erwartet. Vielleicht wäre es besser, ihm, was ihre gegenwärtige Lage betraf, reinen Wein einzuschenken.

„Was Sie meinen, Mr McDonald, ist, warum suche ich nicht eine Position, die meinem Können entspricht, habe ich recht? Die Antwort ist simpel: Bei den derzeitigen Budgetkürzungen ist das aussichtslos. Das Personal der Firma, bei der ich tätig war, wurde um die Hälfte reduziert, und ich gehöre zu denen, die man, wie es so schön heißt, freigestellt hat.“ Sie machte eine Pause. „Im Klartext bedeutet das, ich wurde entlassen, weil man sich jemanden mit meinen Qualifikationen nicht mehr leisten konnte und ich nicht bereit war, eine minderwertige Tätigkeit bei geringerer Bezahlung zu akzeptieren.“ Sie schwieg einen Moment. „Das Gehalt, das Sie zu zahlen bereit sind, hat mich bewogen, mich um die Stelle bei Ihnen zu bewerben.“

Sabrina schluckte – wie sich das anhörte! Ein paar Worte der Erklärung ließen sich wohl nicht umgehen. „Es ist nicht so, dass ich auf Reichtümer versessen bin“, sagte sie ruhig. „Aber ich kann es mir nicht leisten, für einen Hungerlohn zu arbeiten. Ich brauche das Geld.“

Und wie ich es brauche! Vor ein paar Monaten hatten Melly und sie ein kleines Reihenhaus erworben und mit ihm eine gesalzene Hypothek.

Alexander betrachtete sie stumm – ihre Offenheit gefiel ihm. Sie hätte ihm etwas vorlügen können – den Wunsch nach neuen Erfahrungen, ein Interesse an Literatur, irgendetwas. Stattdessen sagte sie die Wahrheit, auch wenn es ihr nicht leichtzufallen schien.

Er beugte sich erneut über das Bewerbungsschreiben. „Hier steht, dass Sie mit allen Büroarbeiten vertraut sind und sich mit Computern gut auskennen. Letzteres ist besonders wichtig, denn ich konnte mich mit ihnen nie richtig anfreunden. Block und Bleistift sind mir lieber, aber leider geben sich mein Agent oder der Verleger damit nicht zufrieden.“ Mit einem schiefen Lächeln sah er auf. „Ich nehme an, das liegt an meiner Handschrift.“

„Bürotechnik ist für mich kein Problem, Mr McDonald, aber natürlich wüsste ich gern, was sonst noch auf mich zukommen würde.“

Eine Weile blieb es still. Während Sabrina auf eine Antwort wartete, studierte sie eingehend das Teppichmuster zu ihren Füßen.

„Sind Sie verheiratet, Miss Gold?“, fragte er abrupt. „Haben Sie Kinder?“

„Weder noch. Meine Schwester und ich, wir leben zusammen. Nur sie und ich“, bekräftigte sie. „Vor Kurzem habe ich – ich meine, haben wir – ein Haus gekauft, das wir nicht verlieren möchten.“

Er nickte. „Ist Ihre Schwester berufstätig?“

„Sie hat keine Vollzeitbeschäftigung“, erwiderte Sabrina, seinem Blick ausweichend. „Ihre … Gesundheit ist nicht die beste; sie war schon immer ein wenig anfällig. Wenn ihr nichts fehlt, gibt sie Aerobic-Klassen und Tanzunterricht.“ Dass Melly eine hervorragende Tänzerin war und sehr gut singen konnte, behielt sie für sich. Ebenso, dass sie schon zwei Mal erfolglos für seinen Bruder, den Produzenten, vorgesungen hatte.

Alexander ließ sie nicht aus den Augen. In den Sessel zurückgelehnt, verfolgte er das Wechselspiel der Emotionen auf ihrem Gesicht; die Schwester stand ihr offenbar sehr nahe. Abrupt setzte er sich auf.

„Genau genommen suche ich keine Sekretärin, sondern eine Assistentin, Miss Gold. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass die Arbeitszeit nicht unbedingt neun bis fünf ist. Wie Sie wissen, bin ich Schriftsteller, und es kommt vor, dass ich mit dem Abgabetermin eines Buchs in Schwierigkeiten gerate. In dem Fall würde ich von Ihnen erwarten, dass Sie abends länger bleiben oder morgens früher kommen, manchmal auch beides.“ Das Haar aus der Stirn streichend, lehnte er sich wieder zurück. „Ihrer Vorgängerin Janet wurde die Arbeit letztlich zu anstrengend. Sie war bedeutend älter als Sie und zog es vor, in den Ruhestand zu gehen, um sich ganz ihrem Garten zu widmen. Nach über zehn Jahren als meine Assistentin kann ich ihr das nicht verdenken.“ Er schwieg eine Weile. „Um auf Ihre Frage zurückzukommen – was ich von Ihnen erwarte, ist, dass Sie gleichzeitig Vorleserin, Redakteurin und Sekretärin sind. Das heißt, Sie erledigen Ablage, Tagespost und alle Anrufe. Sie übertragen meine Manuskripte in den Rechner, finden alles, was ich irgendwo hinlege und dann vergesse, und behalten die Nerven, wenn ich frustriert bin. Die Zusammenarbeit mit mir ist nicht ganz einfach, das gebe ich zu.“ Er lächelte schief. „Nun? Könnten Sie damit leben?“

Einen Moment lang hingen seine Worte wie ein Fragezeichen in der Luft, dann lächelte Sabrina – der illustre Autor wurde ihr langsam sympathisch.

„Ich glaube schon, Mr McDonald“, antwortete sie sanft.

Sofort stand er auf und kam um den Schreibtisch. „Wunderbar! Dann ist die Sache abgemacht.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Heute ist Mittwoch – können Sie nächsten Montag anfangen?“

Nachdenklich durchquerte Sabrina den Vorgarten des kleinen Reihenhauses, in dem Melly und sie wohnten. Ihre Geldsorgen war sie erst einmal los, und wegen der Tätigkeit hatte sie keinerlei Bedenken – was sie beunruhigte, war ihr Arbeitgeber. Sie gab zu, dass sie ihn attraktiv fand, sehr attraktiv. Wollte sie einen Mann wie ihn wirklich jeden Tag um sich haben? Für sie war dieses Kapitel ein für allemal abgeschlossen, Komplikationen in der Richtung konnte und durfte sie nicht riskieren.

Als sie das Haus betrat, kam ihre Schwester gerade die Treppe herunter, offenbar auf dem Weg nach draußen. Im Gegensatz zu ihr war Melly groß, dunkelhaarig und braunäugig.

„Hi, Sabrina. Hat es geklappt mit dem Job?“

„Ja, Montag fange ich an. Wahrscheinlich ist es nur für ein paar Wochen, aber immerhin … Mal sehen, wie ich mit meinem neuen Chef zurechtkomme. Er ist Schriftsteller.“ Den Namen erwähnte sie nicht. „Hast du eine Aerobic-Klasse?“ Sie ging in die Küche, um Teewasser aufzustellen.

„Ja, und danach zwei Tanzstunden. Heute Morgen kam ein Anruf; die Lehrerin ist krank geworden, und ich soll für sie einspringen. Vor acht werde ich kaum zurück sein.“

„In Ordnung. Wie wär’s mit Lasagne zum Abendessen? Ich koche.“

„Prima. Bis später.“ Melly lief aus dem Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Sabrina brühte sich einen Tee, dann trat sie mit der Tasse ans Fenster, in Gedanken noch immer bei dem Gespräch vom Vormittag mit ihrem zukünftigen Chef. Auf den ersten Blick machte er den Eindruck eines typischen Machos, selbstsicher, selbstgefällig und arrogant. Aber gleichzeitig hatte er etwas Grüblerisches, etwas Undefinierbares, das nicht so recht zu diesem Bild passte. Wahrscheinlich lag es an den außergewöhnlichen blauschwarzen Augen. Was verbarg sich dahinter? Über sein Privatleben war so gut wie nichts bekannt – weder in der Regenbogenpresse noch in den Gesellschaftsspalten von Magazinen las man darüber, und auf Fotos sah man ihn nie in weiblicher Begleitung. Sein Bruder war der Don Juan in der Familie und sorgte oft genug für Schlagzeilen.

Sie krauste die Stirn. Alexander McDonalds Persönlichkeit war zweifellos faszinierend, aber das machte ihn nicht gerade zum idealen Vorgesetzten. Dann zuckte sie mit den Achseln – bei dem Gehalt konnte man schon über einiges hinwegsehen.

Etwas später, als sie in der Küche das Abendessen vorbereitete, klingelte ihr Handy. Sie wischte sich die Hände und drückte auf die Antworttaste – hoffentlich war mit Melly alles in Ordnung. „Hallo?“

„Miss Gold? Hier spricht Alexander McDonald.“

Sabrinas Puls schlug plötzlich schneller. „Ja, Mr McDonald?“

„Ich habe mir überlegt … Bis zum Wochenende bleiben noch zwei Arbeitstage – könnten Sie eventuell schon morgen anfangen?“

„Gern, Mr McDonald“, erwiderte sie ein wenig atemlos. Den geplanten Einkaufsbummel konnte sie auf ein andermal verschieben. Sie würde anziehen, was sie hatte. Die Auswahl war beschränkt, aber er erwartete wohl kaum, dass sie nach der letzten Mode gekleidet zur Arbeit erschien.

„Gut. Sagen wir, so gegen neun? Oder früher, wenn Sie möchten.“ Es klickte, und die Leitung war tot.

Sabrina starrte auf das kleine Telefon. Der Mann verschwendete seine Zeit nicht mit Höflichkeitsfloskeln, so viel war gewiss.

Ein Glas Whisky in der Hand, kehrte Alexander an seinen Schreibtisch zurück. Er hatte ein gutes Gefühl, was die neue Mitarbeiterin betraf. Ihre sachliche, direkte Art gefiel ihm, ebenso die unlackierten Fingernägel, das ungeschminkte Gesicht und der offene Blick. Außerdem sprach sie mit einer weichen melodischen Stimme, die etwas Besänftigendes hatte.

Nun, die Zukunft würde zeigen, ob er sich in ihr täuschte oder nicht. Seine Anforderungen waren hoch und die Arbeitstage manchmal sehr lang.

Wenn er richtig verstand, war sie ungebunden, und ihre Familie bestand lediglich aus einer erwachsenen Schwester – von seiner Warte aus ein großes Plus. Janet war Großmutter und dachte in erster Linie an ihre Familie, abends länger zu bleiben, war stets problematisch gewesen. Auf Sabrina würde das hoffentlich nicht zutreffen.

Er leerte das Glas und stellte es auf den Schreibtisch. Wie so oft, wenn die letzten Kapitel eines Romans bevorstanden, fühlte er sich rastlos. Was er nötig hatte, war ein kleiner Spaziergang, danach würde er noch ein Weilchen arbeiten.

Der Abend war mild, und eine leichte Brise wehte, als er ins Freie trat. Während er auf den Park zusteuerte, dachte er voll Sehnsucht an sein Landhaus in Südfrankreich. Wenn alles planmäßig verlief, konnte er Ende Oktober eine Ruhepause einlegen und hinfliegen, viel zu selten machte er davon Gebrauch. Vielleicht würde er sogar über Weihnachten dortbleiben, auf diese Weise ersparte er sich den Vorweihnachtsrummel und leidige Familienfeiern. Ganz davon abgesehen wäre ein wenig Abgeschiedenheit ideal, um sich wegen des nächsten Romans ein paar Gedanken zu machen.

Im Geist sah er alles vor sich – das schöne Haus, den im Winter geheizten Swimmingpool, die weite Terrasse, dahinter die Weinberge und Olivenhaine. Er dachte an seine Nachbarn Marcel und Simone, mit denen er halbe Nächte im Freien sitzen und über Gott und die Welt reden würde, während sie sich den guten Rotwein der Region und Oliven aus der eigenen Ernte schmecken ließen – und plötzlich konnte er es kaum erwarten, wieder dort zu sein.

Inzwischen war es fast dunkel, und als er vor sich hin träumend durch den menschenleeren Park schlenderte, wäre er um ein Haar über ein Pärchen auf dem Rasen gestolpert. Gerade noch rechtzeitig wich er zur Seite und murmelte eine verlegene Entschuldigung. Die Mühe hätte er sich sparen können – die zwei waren so miteinander beschäftigt, dass sie von ihrer Umwelt nicht das Geringste wahrnahmen.

Aus irgendeinem Grund ergriff ihn beim Weitergehen eine seltsame Traurigkeit. Die beiden waren so jung und verliebt, dass er sich auf einmal wie ein Greis fühlte. Er dachte an seine eigene Jugend und die Frauen in seinem Leben, aber an keine konnte er sich richtig erinnern. Nach der katastrophalen Geschichte mit Angelica hatten ihm Frauen nur noch wenig bedeutet, und heute, zehn Jahre später, war das immer noch so. Lag es an ihm? War er zu selbstbezogen?

Daheim angekommen, schenkte er noch einen Whisky ein, dann streckte er sich aufs Sofa und schloss die Augen. Zehn Minuten, danach würde er das vorletzte Kapitel in Angriff nehmen.

Er schlief sofort ein und hatte einen unglaublichen Traum. Er träumte, er lag nackt neben einer ebenfalls nackten Frau und streichelte sinnlich ihren schönen Körper. Sie war zierlich, mit kleinen festen Brüsten, schlanken Schenkeln und einer Haut wie Seide. Auf jede seiner Liebkosungen reagierte sie mit unverhohlenem Genuss. Als er sich über sie beugte, um sie ganz zu besitzen, öffnete sie einladend die vollen Lippen und erwiderte seinen Kuss mit hemmungsloser Leidenschaft …

Schweißgebadet fuhr er hoch. Was in aller Welt war über ihn gekommen? Woher dieser plötzliche Sinnesrausch? Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so erregt gewesen war, weder im Traum noch bei Bewusstsein.

Er erhob sich und trank einen Schluck Whisky, dann ging er ins Badezimmer und zog sich aus. Was er brauchte, war eine lange eiskalte Dusche.

Denn die Frau, mit der er sich so leidenschaftlich geliebt hatte, war kein Hirngespinst – sie existierte. Nur zu deutlich sah er sie vor sich: klein und zierlich, mit langem blondem Haar und grünen Katzenaugen.

2. KAPITEL

In schwarzer Hose und grau-weiß gestreifter Hemdbluse traf Sabrina am nächsten Morgen kurz nach acht an ihrem neuen Arbeitsplatz ein. Sie war gerade im Begriff, auf die Klingel zu drücken, als die Haustür von innen geöffnet wurde und eine untersetzte grauhaarige Frau mit zwei leeren Einkaufstaschen auf der Schwelle stand.

„G… guten Morgen“, begann Sabrina unsicher. „Ich … äh …“

„Miss Gold?“ Die Frau trat beiseite, um Sabrina vorbeizulassen. „Ich bin Maria, Mr McDonalds Haushaltshilfe. Er hat mir eine Nachricht hinterlassen, dass er Sie heute Morgen erwartet.“ Sie lächelte freundlich. „Er ist noch nicht auf – wahrscheinlich kam er erst spät ins Bett.“

„Ich … ich verstehe“, erwiderte sie, einigermaßen verwirrt. Nach dem gestrigen Anruf hatte sie ihn eigentlich für einen Frühaufsteher gehalten.

„Wie auch immer, gehen Sie ruhig hinauf, meine Liebe. Angeblich wissen Sie, welches das Arbeitszimmer ist. Er lässt sich bestimmt bald blicken. Die Küche ist übrigens hier unten, am Ende des Flurs, sollten Sie einen Kaffee brauchen. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.“ Wieder lächelte sie. „Guten Start.“ Mit einem aufmunternden Nicken ging sie davon.

Ein wenig verloren schaute Sabrina ihr nach, dann stieg sie achselzuckend die Stufen hinauf. Die Küche würde sie ein andermal auskundschaften – Kaffee getrunken hatte sie daheim.

Nichts rührte sich in dem großen Haus, und die Vorstellung, dass ihr Chef hinter einer der geschlossenen Türen im Bett lag, war ihr irgendwie peinlich.

Zögernd öffnete sie das Arbeitszimmer – hier sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Der Perserteppich war verrutscht, der Schreibtisch mit beschriebenen Blättern und aufgeschlagenen Büchern übersät, dazwischen standen drei leere Kaffeetassen. Auch auf dem Fußboden lagen Bücher und neben den zwei randvollen Papierkörben noch mehr Blätter, diesmal zusammengeknüllte. Der Raum roch muffig, und Staub hing wie ein durchsichtiger Schleier in der Luft. Sabrina rümpfte die Nase – anscheinend wurde hier weder gelüftet noch sauber gemacht. Sie hatte den bestimmten Verdacht, dass Maria der Zugang zu Mr McDonalds Allerheiligstem untersagt war.

Spontan ging sie zu einem der Fenster und machte beide Flügel weit auf – sie brauchte Sauerstoff!

Tief einatmend sah sie in den Garten hinunter. Er war lang, aber nicht sehr breit. Auf dem gepflegten Rasen standen mehrere Tontöpfe mit leuchtend roten Geranien.

„Guten Morgen.“

Beim Klang von Alexanders Stimme drehte sie sich um, und ihr Puls schlug sofort schneller. Er trug Jeans und darüber ein leicht geöffnetes Hemd. Sein Gesicht war unrasiert und das Haar noch feucht von der Dusche. Wie gebannt starrte sie einen Moment auf die schwarz gekrausten Härchen, die im Ausschnitt sichtbar waren, dann blickte sie schnell beiseite.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht da war, um Sie willkommen zu heißen, noch dazu an Ihrem ersten Tag.“ Er trat neben sie, und einen Herzschlag lang begegneten sich ihre Blicke. Er erinnerte sich an den erotischen Traum von gestern und wandte sich ab. „Ich bin erst sehr spät schlafen gegangen, genauer gesagt, sehr früh – es war fast drei. Aber wenn ich mich in meine Arbeit verbohre, vergesse ich, auf die Uhr zu schauen. Nicht, dass es diesmal viel genutzt hätte“, fügte er trocken hinzu.

Was sollte man darauf erwidern? „Manchmal fällt einem am nächsten Tag etwas ein.“ Sie wurde rot und rückte ein wenig von ihm ab.

Verdrossen, dass sie sich durch seine Nähe so verwirren ließ, trat sie an ihren Schreibtisch. Gestern hatte sie damit kein Problem gehabt, warum also jetzt? Die Antwort war nicht schwer: Gestern hatte sie nur eins im Sinn gehabt – diesen Job zu ergattern. Darauf hatte sie sich konzentriert, für dumme Gedanken war kein Platz gewesen. Und bekommen hatte sie den Job bereits. Aber jetzt wurde ihr zum ersten Mal bewusst, was sie sich damit eingehandelt hatte.

Während der nächsten Wochen würde sie täglich viele Stunden mit ihm auf engstem Raum verbringen, mit einem Mann, dessen bloßer Anblick ihre Pulsrate in die Höhe trieb. Man brauchte kein Diplom in Psychologie, um zu wissen, wohin das führen konnte. Aber dazu durfte es nicht kommen! Ihr mühsam errungenes seelisches Gleichgewicht nach dem tragischen Ereignis vor zwei Jahren würde sie nicht aufs Spiel setzen. Für Sabrina Gold gab es nur noch zwei Dinge, die zählten – ihr Beruf und ihre Schwester.

Eigentlich wären Stephen und sie heute verheiratet, doch das Schicksal hatte es anders bestimmt. Ihr Verlobter, ein leidenschaftlicher Rugbyspieler, war bei einem Freundschaftsspiel ums Leben gekommen, als ihn ein gegnerischer Ball am Kopf traf und er danach aus dem Koma nicht mehr erwachte. Es war einer dieser Unfälle, die sich ein Mal in hundert Jahren ereignen, aber für sie war es das Ende all ihrer Träume von einem Leben zu zweit gewesen.

Als er sie bat, seine Frau zu werden, war Sabrina der glücklichste Mensch auf Erden gewesen. Stephen sah nicht nur gut aus, er war ein wundervoller Mensch – lebensfroh, sensibel und mit einem Herzen aus Gold. Er hatte ihr versichert, dass Melly, solange sie das wollte, bei ihnen ein Heim haben würde. Wie viele Männer gab es schon, die die enge Verbundenheit zwischen ihr und ihrer Schwester nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert hätten?

Sie waren ohne Vater aufgewachsen – wenige Jahre nach Mellys Geburt hatte er Frau und Töchter im Stich gelassen. Ihre Mutter Philippa heiratete zehn Jahre danach zum zweiten Mal und wanderte kurz darauf mit ihrem Mann nach Australien aus. Die Mädchen lebten ein paar Jahre bei entfernten Verwandten, wo Philippa sie zweimal besuchen kam, danach beschränkte sie sich auf gelegentliche Anrufe. Sabrina als die Ältere wurde so etwas wie eine Ersatzmutter für Melly, und als solche fühlte sie sich auch heute noch. Umso mehr, da sie mit absoluter Gewissheit wusste, dass sie niemals selbst Kinder haben würde. Nach dem tragischen Verlust von Stephen ging sie das Risiko, vom Schicksal ein zweites Mal betrogen zu werden, nicht ein. Liebe und alles, was damit zusammenhing, war für sie ein abgeschlossenes Kapitel.

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