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Er hat eben das heiße Herz

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Ulrich Döge

„Er hat eben das heiße Herz“ Der Verleger und Filmunternehmer Karl Wolffsohn

Inhalt

BIOGRAFIE KARL WOLFFSOHN

Die Familie

Verleger der LBB

Kino- und Varietébetreiber, Filminvestor und Berater

Politische Haltung

Freundes- und Bekanntenkreis

Verfolgung, Haft und Flucht nach Palästina

Exil in Tel Aviv

Entfristeter Aufenthalt in Deutschland

Zeitzeuge der Filmgeschichte

GESCHICHTE DER FIRMA GEBR. WOLFFSOHN

Übernahme der LBB

Reise in die USA

Der Ullstein Verlag als Mitgesellschafter

Die Allianz Gebr. Wolffsohn, Ullstein und Terra-Film

Karl Wolffsohn und Heinz Ullstein

Buchprogramm

LBB-Fachbibliothek und -Archiv

Camouflage der Eigentumsverhältnisse

Aufkauf der Firma Gebr. Wolffsohn durch die Industria

Erwerb des Film-Kuriers auf Anraten Karl Wolffsohns

Paul Franke, der neue Eigentümer der LBB

Rudolf Buhrbanck, der neue Herausgeber der LBB

Die LBB in den Plänen der NS-Kulturgemeinde

DIE ANTISEMITISCHE REICHSKULTURKAMMER

GESETZESLAGE ZUR WIEDERGUTMACHUNG

WIEDERGUTMACHUNGSPROZESS GEBR. WOLFFSOHN

Die Position Karl Wolffsohns

Die Position Paul Frankes

Prozessverlauf: Beweisaufnahme und Vergleich

DIE FILMBIBLIOTHEK

Die Position Karl Wolffsohns

Die Position der UFA

Gescheiterter Vergleich und Urteile

Bewertung des endgültigen Urteils

Verbleib der Fachbibliothek nach 1936

DIE FILMSAMMLUNG

Die Beschlagnahme

Wiedergutmachungsverfahren

Die Position Karl Wolffsohns

Die Position des Finanzsenators

Vernehmung und Gutachten des Sachverständigen Kümmerlen

Das Urteil

Der Treuhänder Deutsches Institut für Filmkunde

LICHTBURG ESSEN

Planung des Kinos

Feierliche Eröffnung

Die ersten Pächter: Rex-Film AG und Vereinigte

Die Rex-Film AG als Treuhänder von Wolffsohn und Ullstein

Lichtburg-Theaterbetriebs GmbH

Exkurs. Die Viktoria-Lichtspiele in Hagen

Hans Neumann als erster Geschäftsführer 1928-1930

Karl Wolffsohn wird alleiniger Pächter

Geschäftsentwicklung

Pachtverhandlungen zwischen Wolffsohn und UFA

Zwischenpächter Karl Veith und Geschäftsführer Otto Köstle

Das nationalsozialistische Essen 1933

Wolffsohns Widerstand gegen die Wegnahme seines Kinos

Ein Pachtvertrag zugunsten der UFA

Vertrag zwischen Burgplatzbau AG, UFA und Karl Wolffsohn

Konflikte zwischen Wolffsohn und dem Nachfolger UFA

Wiedergutmachungsverfahren

Wolffsohns Forderungen

Die Positionen der Antragsgegner

Die Ufa als übrig gebliebener Antragsgegner

Beschluss der Wiedergutmachungskammer Essen

Angemessener Wert des Pachtvertrags

lnventar

Das Urteil

OLYMPIA-THEATER IN DORTMUND

Politische Situation in Dortmund 1932/33

Raub des Olympia-Theaters

Die neuen Betreiber bis 1943

Wiedergutmachungsverfahren

Urteil der Wiedergutmachungskammer Dortmund

Beschluss des Oberlandesgerichts Hamm

Entscheid des Obersten Rückerstattungsgerichts Herford

Rechtskräftiges Urteil der Wiedergutmachungskammer Dortmund

KÖLNER LICHTSPIELE DES WESTENS

Wiedergutmachungsverfahren

Die Position Karl Wolffsohns

Die Position der Antragsgegner

Urteile der Gerichte

KÖLNER LICHTSPIELE DES ZENTRUMS

Abgewiesene Restitution, symbolische Entschädigung

ALHAMBRA-LICHTSPIELE IN DÜSSELDORF

Wiedergutmachungsverfahren

LICHTBURG BERLIN

Das unverwirklichte Kinoprojekt der UFA

Karl Wolffsohn als Pächter

Kinogebäude, Eröffnung und ausgewählte Programme

Gescheiterte Umwandlung in ein Theater 1932/33

Umwandlung in das Theater in der Lichtburg 1933

Die Folgen des Rotter-Skandals

Die Lichtburg als Teil der Gartenstadt Atlantic

Konflikte zwischen Atlantic und Ullstein

Thomas & Co. als Unterpächter

Streit um die Kosten des maroden Kinogebäudes

Der neue Rechtsanwalt der Atlantic Walther Neye

Neyes gescheiterte Übernahme der Atlantic

Karl Wolffsohns Kauf der Atlantic

Misslungener Weiterverkauf der Atlantic

„Arisierung“ der Atlantic auf Druck der WBK

Konflikte zwischen Wilmar Wienholz und Karl Wolffsohn

Kündigung des Lichtburg-Pachtvertrags

Prozess gegen die Kündigung des Pachtvertrags

Erste Instandsetzungsarbeiten des Kinos nach Kriegsende

Beschlagnahme durch französisches Militär und Wiederaufbau

Der Pachtvertrag zwischen BBG und Heinz Borchardt

Die Corso-Theater und Lichtspielhaus GmbH

Das Corso-Programm. Ein Potpourri aus Operette und Film

Wolffsohn und die französische Vermögenskontrolle

Thomas & Co. als neuer alter Pächter

Antrag auf Restitution 1950

Urteil der Wiedergutmachungskammer

Urteil der Revisionsinstanz, des Kammergerichts

Vergleich 1960

Schließung des Corso-Theaters und Abriss

SCHLUSSBETRACHTUNG

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

DANK

ABBILDUNGSNACHWEIS

PERSONENINDEX

Exil in Tel Aviv

Anfang Mai 1939 kamen Karl und Recha Wolffsohn mit dem Schiff aus Marseille in Haifa an. Sie bezogen eine Wohnung in Tel Aviv, Nathan Strauss Str. 3. In demselben Haus lebte bereits die befreundete Familie Grete und Bruno Boas. An Bruno Boas überwies Wolffsohn aus Deutschland von 1936 bis 1939 über einen Mittelsmann wiederholt Geldsummen.162

Ihre Ankunft in Palästina fiel in eine Zeit, in der die britische Mandatsregierung die seit 1933 stark steigende Zahl jüdischer Einwanderer zu begrenzen suchte.163 Während sich im Zeitraum 1920 bis 1932 knapp 120.000 Juden in Palästina ansiedelten, trafen dort allein im Jahr 1935 135.000 Personen ein – Tendenz steigend. Unter den emigrierten deutschen Juden fand zwar nur eine Minderheit – rund 18 Prozent – in Palästina Zuflucht. Doch gemessen an der gesamten Einwohnerzahl des britischen Mandatsgebiets lag ihr offizieller Anteil im Zeitraum 1933 bis 1941 bei 26 Prozent (= 60.000 Personen), illegale Immigranten hinzugerechnet sogar bei einem Drittel (= 75.000 Personen). Sie trafen auf alteingesessene, aus Osteuropa stammende Juden, die sich häufig gezielt in „Eretz Israel“ niedergelassen hatten und den seit 1933 aus Deutschland einwandernden Juden distanziert gegenüberstanden: „,Kommen Sie aus Überzeugung oder aus Deutschland?‘, so lautete eine vielgestellte Frage zur Begrüßung, die mehr ernst als ironisch gemeint war.“164 Förderten die Zionisten diese Migrationsbewegung, lehnte sie die arabisch-palästinensische Nationalbewegung strikt ab. Zwischen beiden gegensätzlichen Positionen hin und her schwankend, verschärfte die britische Mandatsregierung schließlich im April 1939 ihre ohnehin restriktive Vergabe von Einreisevisa an europäische Juden. Doch die Zuwanderung ließ sich so nicht stoppen, denn mittlerweile kamen die meisten illegal ins Land. Private und institutionelle Fluchthelfer, zionistische Vereinigungen und der Mossad organisierten Schiffspassagen von rumänischen und bulgarischen Häfen aus. Zumeist vergeblich hielt die Royal Navy seit Ende April 1939 solche Boote von der Küste Palästinas fern. Einen Monat später erklärte die britische Mandatsregierung in einem Weißbuch, der jüdische Bevölkerungsanteil dürfe nicht mehr als ein Drittel der Gesamteinwohner betragen. Bis 1944 beschränkte man daher die Quote auf maximal 75.000 jüdische Immigranten. Mit regulären Visa kurz vor Kriegsausbruch nach Palästina einzureisen wie Karl und Recha Wolffsohn, war also die Ausnahme von der Regel. Wahrscheinlich setzte sich Sohn Willi bereits um 1938 erfolgreich bei den Briten dafür ein, dass seine Eltern die erforderlichen Papiere erhielten und legal nachziehen konnten. 1942 wurden Karl und Recha Wolffsohn palästinensische Staatsbürger.

Gegründet von jüdischen Siedlern 1909 bei Jaffa am Mittelmeer, entwickelte sich der zunächst Ajuhat Bahit, im folgenden Jahr Tel Aviv genannte Ort in den 1930er Jahren zum kulturellen Mittelpunkt Palästinas.165 Jerusalem hingegen stellte das religiöse und politische Zentrum dar. Nachum Sokolow übersetzte den Roman „Altneuland“ von Theodor Herzl (1860-1904) noch im Erscheinungsjahr 1902 ins Hebräische. Den deutschen Titel „Altneuland“ übertrug er in den hebräischen Titel „Tel Aviv“, zu Deutsch „Frühlingshügel“. Auf Herzls utopischen Roman soll die nach seinem Tod entstandene Siedlung zurückgehen. Der Begründer des politischen Zionismus erzählt in „Altneuland/Tel Aviv“ die Geschichte eines fiktiven autonomen jüdischen Gemeinwesens in Palästina, angelehnt an sein 1896 veröffentlichtes Sachbuch „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“.

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7a + b: Dokumente zu Karl Wolffsohns palästinensischer Staatsbürgerschaft 1942, Institut für Zeitgeschichte, Archiv; oben: Certificate of Naturalization, unten: Particulars relating zu Applicant

Den unscheinbaren Vorort von Jaffa am Mittelmeer wollte der schottische Stadtplaner Patrick Geddes in seinem Bebauungsplan von 1925 in eine Gartenstadt verwandeln. 1934 erhielt Tel Aviv den Status einer eigenständigen Stadt mit Bürgermeister und Parlament. Infolge gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden im benachbarten Jaffa 1936 errichtete man einen eigenen Hafen, um die steigende Immigration verfolgter deutschsprachiger Juden sicherzustellen. Zudem diente der neue Hafen dem Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse. „Weiße Stadt“ nennt man Tel Aviv bis in die Gegenwart, weil aus Deutschland und Österreich geflohene ehemalige Architekten des Bauhauses viele Gebäude entwarfen.

Im Jahr 1939 lebten in Tel Aviv 132.000 Menschen, anders als in Jaffa überwiegend Juden. Auf dem Wohnungsmarkt überstieg die Nachfrage bei weitem das Angebot. Von 1933 bis 1939 wanderten circa 80.000 deutschsprachige Juden in Palästina ein, darunter ein Viertel aus Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei. Von den 60.000 deutschen Juden ließen sich 20.000 in Tel Aviv und 13.000 in Haifa nieder.166 Unter den Jeckes, wie osteuropäische Juden die deutschen und österreichischen Zuwanderer mit spöttischem Unterton nannten, versuchten viele seit 1933 in ihrer Landsmannschaft das vertraute Leben in der fremden Umgebung fortzuführen. Im Unterschied zu den Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls vor antisemitischen Übergriffen nach Palästina Geflohenen, handelte es sich für die meisten Nachfolger nicht um einen Sehnsuchtsort, wo sie sich ihren Traum von einem neuen Leben in „Eretz Israel“ erfüllten. Vielmehr entschieden sie häufig mangels Alternativen, nach Palästina auszuwandern. Dort lebten häufig bereits Verwandte und Freunde, die halfen, die erforderlichen Visa zu erhalten.

Karl Wolffsohn integrierte sich nie in das Exilland, denn eine hierfür unerlässliche Schlüsselkompetenz fehlte ihm: die hebräische Sprache. Dank der Parallelwelt, die sich die Jeckes erschaffen hatten, konnte er sich in seinem Wohnumfeld weiterhin auf Deutsch unterhalten, in Geschäften einkaufen und Cafés besuchen. Mindestens zwei große Kinos existierten in Tel Aviv: das 1930 eröffnete Cinema Mograbi und ab 1935 das Cinema Allenby. Seit 1932 gab der Jeckes-Verband Hitachduth Olej Germania das gemeinschaftsstiftende Mitteilungsblatt heraus. 1942 entstand sogar eine eigene politische Partei der Jeckes, die Alijah Chadascha, zu Deutsch: „Neue Einwanderung“ oder „Neuer Aufstieg“.167 In diesem abgekapselten Milieu lebte Wolffsohn ein Jahrzehnt.

Zum Zeitpunkt, als sich Karl und Recha Wolffsohn in Tel Aviv niederließen, stand sein 58. Geburtstag bevor. In diesem Alter und durch die sechsmonatige Gestapohaft gesundheitlich beeinträchtigt, bestand für ihn kaum eine Chance, eine feste, existenzsichernde Stelle zu finden. Seine langjährig ausgeübten Tätigkeiten als Verleger, Druckerei-, Kino- und Varietéunternehmer waren an die deutsche Sprache gebunden. Ihr Gebrauch in Palästina außerhalb der Jeckes-Gemeinschaft erregte aber zunehmend Anstoß, je mehr sich das Wissen um die systematische Ermordung von Juden durch Wehrmachts- und SS-Angehörige über die Massenmedien und Augenzeugen verbreitete. Dringend gesucht wurden Landwirte, Techniker, Ingenieure, Handwerker, aber für solche Berufe konnte sich Karl Wolffsohn beim besten Willen nicht mehr umschulen. Ohnehin mittellos das Exil erreichend, lebten er und seine Ehefrau fortan in ärmlichen Verhältnissen, die mit dem bis 1933 in Berlin gewohnten Wohlstand scharf kontrastierten. Rückblickend schilderte Wolffsohn seine prekäre Lage:

„Über meine Verdienste vor 1945, die ich in Palästina hatte, kann ich nur erklären, dass ich infolge meiner fehlenden Sprachkenntnisse nicht in der Lage war, mich in die Wirtschaft des Landes einzureihen. Ich habe bis zu diesem Tage von den Geldern gelebt, die ich während der Hitlerzeit bis zu meiner Auswanderung durch USA-Freunde ins Ausland transferieren lassen konnte. Vom Jahre 1945 bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland lebte ich gleichfalls noch von diesen transferierten Geldern. ‚Verdienste‘ hatte ich im üblichen Sinne nicht, weil die von mir versuchten und in die Wege geleiteten Geschäfte keinen Verdienst ergaben.“168

Ergänzend heißt es:

„Ich bin am 26. April 1939 aus Deutschland [sic] mit 10 RM geflüchtet, nachdem ich mir die Schiffskarte noch beschaffen konnte. (…) Von 1945 bis 1947 hatte ich hin und wieder ein kleines Geschäft, eine Vermittlung etc. durchzuführen, das mir nach meiner Erinnerung im Monat einen Gewinn von ca. 10 IL [israelischen Pfund] einbrachte. Ich musste daher in Israel in sehr bescheidenen Verhältnissen leben, habe von meiner zwei Zimmer-Wohnung ein Zimmer vermietet und weiter von meinen beiden Söhnen Unterstützung bekommen.“169

Generell fiel es jüngeren Einwanderern wie Max und Willi leichter, sich in die fremde Gesellschaft zu integrieren. Beide beherrschten zumindest das Hebräische. Dennoch konnten sie ihre Eltern erst nach Kriegsende ein wenig finanziell unterstützen, zumal beide 1943 heirateten, Väter wurden und ihre Familien zu versorgen hatten.

Willi ging unter seinem neuen Vornamen Seev (zu Deutsch „Wolf“) nach seiner Ankunft in Palästina 1935 vier Jahre lang in der Nähe von Tel Aviv auf die Landwirtschaftsschule „Mikve Israel“, bekannt durch die dortige Begegnung von Theodor Herzl und Kaiser Wilhelm II. 1898. Damit setzte sich Willi über den Willen des Vaters hinweg, der seinem Sohn geraten hatte, in den USA Agronomie zu studieren.170 Dennoch finanzierte er bereitwillig dessen Ausbildung in Palästina bis zur eigenen Flucht dorthin. Bei Kriegsausbruch wurde der älteste Sohn von den Briten zum Dienst in der Royal Airforce verpflichtet. Nach seiner Entlassung zog er mit Ehefrau und Kindern in einen Kibbuz, wo jedes Mitglied für das Kollektiv arbeitete, das im Gegenzug für Unterkunft, Ernährung und Schulunterricht sorgte. Gehalt oder Lohn gab es nicht. Seit 1947 bewirtschaftete er ein kleines, wenig ertragreiches Stück Land und lebte mit seiner Familie am Rand des Existenzminimums. Seine aktuelle Notlage bestätigte ihm 1955 der Sozialverband Olej Irgun Merkaz Europa in Haifa. Sie folgte aus seiner von den Nationalsozialisten im Ansatz zerstörten beruflichen Karriere. Als Jude hatte ihm die Berliner Technische Hochschule 1935 ein Studium verweigert. Sein Berufswunsch lautete damals Elektroingenieur. 1951 beantragte er beim Berliner Entschädigungsamt 10.000 DM für den erlittenen Schaden an der Ausbildung. 1955 wurde ihm ein Vorschuss von 5.000 DM, 1965 der Rest der geforderten Summe ausgezahlt.171 Bevollmächtigt von Willi ebenso wie von Max, ihre Entschädigungsinteressen zu vertreten, intervenierte der Vater vor Ort zugunsten der Söhne.

Wie Willi hatte auch Max Wolffsohn das Charlottenburger Bismarck-Gymnasium besucht. Von Mitschülern und Lehrern rassistisch angefeindet, verließ er im März 1936 mit dem Zeugnis der Obersekunda vorzeitig die Schule. Sein Wunsch, Volkswirtschaft zu studieren und anschließend im väterlichen Verlag zu arbeiten, blieb unerfüllt. Selbst wenn er das Abitur erworben hätte, wäre ihm aus denselben Gründen wie bei seinem Bruder ein Studium in Deutschland verwehrt worden. Stattdessen vermittelte ihm der Vater Volontariate bei Verlagen und Druckereien, um sich zum Reproduktionsfotografen auszubilden. Nach dem Schulabbruch stand fest, dass die nun angestrebte berufliche Qualifikation die Auswanderung erleichtern sollte. Zwischen Oktober 1936 und Dezember 1938 absolvierte Max Wolffsohn Praktika bei den Firmen Klimsch in Frankfurt am Main, Max Jovishoff in Halle an der Saale und Gustav Lyon in Berlin, Hersteller von Modejournalen und Schnittmustern. Letztere beide Unternehmen zahlten ihm monatlich 150 RM. Anfang Januar 1939 bewarb sich der Angelernte auf die offene Stelle eines Technikers für fotografische Reproduktionen in England, angezeigt in den Jüdischen Nachrichten, und bat den Herausgeber, die Jüdische Gemeinde, Mitteilungen des potenziellen Arbeitgebers an ihn c/o Boas, Tel Aviv, Nathan Strauss Str. 3 weiterzusenden, denn in der zweiten Januarhälfte werde er den dort lebenden Bruder besuchen.172 In Tel Aviv ankommend fand der jüngste Sohn aber keine Anstellung. Auch die Bewerbung in England scheiterte. Vielmehr absolvierte Max Wolffsohn vom 1. Dezember 1939 bis 30. Juni 1940 in Tel Aviv ein unbezahltes Volontariat im Schmalfilmstudio von Helmar Lerski (Pseudonym von Israel Schmuklerski, 1871-1956), einem frühen deutschen Kameramann.173 Vorübergehend beschäftigt als Einlasser in Kinos, folgte eine Ausbildung zum Diamantenschleifer, verbunden mit einer bezahlten Anstellung in der Diamantenindustrie bis Kriegsende. Danach arbeitete der Reproduktionsfotograf nur kurzfristig im graphischen Gewerbe.

1941 umfasste das vererbbare Vermögen Karl Wolffsohns neben der Wohnungseinrichtung einen Großteil oder sämtliche Anteile an der Tel Aviv Building Limited.174 Diese Firma und zwei weitere von ihm um 1945 in Tel Aviv gegründete Unternehmen, die Glasschleiferei und Spiegelfabrik Raavah sowie die Glasversicherung Zigug, erwirtschafteten aber keine Gewinne, wie seiner zitierten Aussage zu entnehmen ist. Sohn Max übernahm später die Geschäftsführung der Raavah und war Vertreter der Zigug.175

Schon bei Wolffsohns Ankunft 1939 virulente Spannungen zwischen Juden und Arabern in Palästina mündeten 1947 in einen Bürgerkrieg, der sich im folgenden Jahr zu einem regionalen militärischen Konflikt ausweitete.176 1942 hatten inländische, amerikanische und europäische Zionisten im Biltmore-Programm ihr gemeinsames Ziel definiert, nach Kriegsende einen jüdischen Staat zu gründen. Am 29. November 1947 beschloss die II. UNO-Vollversammlung, gestützt auf eine einfache Stimmenmehrheit, eine Zwei-Staaten-Lösung für Palästina. Umgesetzt werden sollte der Plan im folgenden Jahr, sobald das britische Mandat endete. Die UN-Resolution 181 (II) sah konkret vor, das britische Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabisch-palästinensischen Staat aufzuteilen. Beide Staaten sollten mit der neutralen, jüdisch, muslimisch und christlich geprägten Enklave Jerusalem eine Wirtschaftsunion bilden. Zu dieser Zeit lebten in dem strittigen Gebiet 1.300.000 Araber und 608.000 Juden. Von den arabischen Staaten in der Vollversammlung bereits einhellig abgelehnt, fiel der Tag, an dem das britische Mandat endete, und Ministerpräsident David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel ausrief, zusammen mit dem Beginn des ersten Nahostkriegs: Am 14. Mai 1948 griffen ägyptische, syrische, transjordanische, libanesische und irakische Militäreinheiten Palästina an, um zu verhindern, dass sich ein jüdischer Staat konstituierte. Nachdem die Invasoren den Krieg verloren hatten, schlossen sie zwischen Februar und Juli 1949 bilaterale Waffenstillstandsverträge mit Israel. Gemessen an dem in der UN-Resolution zuerkannten Territorium, erweiterte die Siegermacht das Staatsgebiet um circa 60 Prozent. Infolge dieses ersten Nahostkriegs flohen rund 700.000 Araber aus Israel in die Nachbarstaaten. Von dort wurden ebenso viele Juden nach Israel vertrieben. Im Unterschied zu den in dieser Region wiederkehrenden militärischen Auseinandersetzungen herrschte in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin ein nirgendwo sonst in Deutschland so spürbarer „Kalter Krieg“. Aber dort blieben Karl Wolffsohn Kämpfe wie im April 1948 zwischen Juden und Arabern in der Umgebung von Tel Aviv erspart. Dies könnte auch ein Grund gewesen sein, weshalb er das Ende seiner Deutschland-Reise immer wieder hinausschob.

Mitte 1943 schlug ein Jurist im Mitteilungsblatt vor, wie Juden geraubtes Vermögen restituiert werden sollte und verwendete dabei frühzeitig den später gängigen Begriff „Wiedergutmachung“.177 In dieser Wochenzeitung, gelesen von den Jeckes, handelte es sich um einen der ersten Artikel zu diesem Thema. Bereits am Jahresanfang hatte Karl Wolffsohn mit der NIR Limited in Tel Aviv einen Vertrag abgeschlossen, über dessen konkreten Inhalt nichts Näheres bekannt ist, der aber dem Kontext nach wahrscheinlich seine umfangreichen Restitutionsansprüche betraf. 178 Wolffsohn kannte den lokalen Leiter der NIR, Fritz Pick (1887-1974), aus Berliner Zeiten gut. Vor Gericht hatte ihn der promovierte Rechtsanwalt und Notar, spezialisiert auf Filmrecht, in zahlreichen Prozessen seit den 1920er Jahren vertreten und gelegentlich Artikel in der LBB veröffentlicht,179 bis sich beide um 1937 zerstritten. Pick durfte ab 1937 nur noch als Rechtsberater für Juden tätig sein. 1939 emigrierte er nach Holland und gehörte dem Amsterdamer Judenrat an. Die deutschen Besatzer deportierten ihn zunächst ins Konzentrationslager Westerbork, dann nach Bergen-Belsen. Durch einen Austausch kam er frei und lebte fortan mit seiner Ehefrau in Tel Aviv. Unter dem Pseudonym Jacob Harari erschien dort 1944 beim Verlag des Immigrantenverbands Irgun Olej Merkaz Europa die Monografie: „Die Ausrottung der Juden im besetzten Holland. Ein Tatsachenbericht“. Für das 1948 gegründete United Restitution Office (URO) leitete Pick die Filiale in Tel Aviv, später in München.180

Im gemeinsamen Exil Palästina nahmen Pick und Wolffsohn die bewährte Zusammenarbeit kurzfristig wieder auf. Folglich bereitete sich Wolffsohn noch vor Kriegsende auf die erwartete, aber noch nicht konkret gesetzlich geregelte Wiedergutmachung im militärisch besiegten Deutschland vor. Berücksichtigt man neben dem Verlag mit Druckerei, Bibliothek und Filmsammlung nur seine entzogenen Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen im Unterhaltungssektor einschließlich der Gartenstadt Atlantic mit der Lichtburg, summierten sich die Wiedergutmachungsforderungen auf einen mehrstelligen Millionenbetrag in RM. Diese Kalkulation kann nur eine ungefähre Vorstellung davon geben, in welcher Dimension sich sein weitaus größerer Vermögensverlust bewegte, denn außer Betracht fallen beispielsweise privater Hausrat, darunter Bilder und Möbel, eine Lebensversicherung, ein Villengrundstück in Berlin-Zehlendorf und seine Kapitalanteile an der Bäder- und Verkehrs AG. In dieser Studie geht es um den filmbezogenen Verlag mit Druckerei einschließlich Bibliothek und Filmsammlung, die Kinos in Berlin, im Rheinland und Ruhrgebiet, das Olympia-Varieté in Dortmund und die Gartenstadt Atlantic, soweit sie Wolffsohn kaufte, um die gepachtete Lichtburg vor der „Arisierung“ zu schützen.

Jahrzehnte später den angemessenen Wert von Firmen zu ermitteln, die seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 wie die Verlags- und Unterhaltungsbranche generell gravierende Umsatzeinbußen verzeichneten, bis sich in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die Konjunktur erholte, konnten selbst ausgewiesene Fachleute nur annäherungsweise leisten. Häufig existierten keine Geschäftsunterlagen mehr, so dass Zeugenaussagen und eidesstattliche Versicherungen die schriftlichen Quellen ersetzten. Einige seiner zwangsübertragenen Vermögenswerte, darunter die Lichtspiele des Zentrums in Köln, das OIympia-Varieté in Dortmund und die Firma Gebr. Wolffsohn, waren am Kriegsende zerstört. Trotz erheblicher Schäden wurden hingegen die Lichtburg Essen, die Lichtburg Berlin inmitten der relativ unversehrten Gartenstadt Atlantic und die Kölner Lichtspiele des Westens in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre wieder aufgebaut und von den letzten oder neu eingesetzten Pächtern geleitet. Einen Sonderfall stellen die Betriebsgesellschaften der Kinos dar. Sie unterstanden der Gebr. Wolffsohn GmbH und besaßen bis zu ihrer Löschung aus dem Handelsregister von Amts wegen dieselbe Geschäftsadresse wie dieser Verlag mit Druckerei – Berlin, Friedrichstraße 225.

Alle angeführten Unterhaltungsunternehmen und die Gartenstadt Atlantic lagen teils in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands, teils in den Westsektoren Berlins. Nachdem die amerikanische und die französische Militärregierung für ihr jeweiliges Besatzungsgebiet im November 1947 ein Restitutionsgesetz erlassen hatten, das zwischen 1933 und 1945 zwangsübertragene Vermögenswerte wie Firmen, Immobilien, Aktien, Pachtverträge unter anderem rassisch Verfolgter betraf, setzte die britische Besatzungsmacht deutlich verzögert im Mai 1949 ähnliche Regelungen für ihre Zone durch.

Wolffsohn beauftragte seit 1948 Vertrauensmänner in Deutschland, den aktuellen unrechtmäßigen Betreiber seiner ehemals gepachteten Lichtspiele des Westens in Köln und die Adresse eines Berliner Notars herauszufinden. Im Dienst der UFA bewahrte er von ihr ausgestellte Wechsel im Wert von 100.000 RM auf. Unter bestimmten Bedingungen sollte sie Wolffsohn zusätzlich zu einem ausgezahlten Geldbetrag für die Essener Lichtburg erhalten, die er Ende 1933 an die UFA verkaufen musste. Obwohl er sich an die Vereinbarung hielt, händigte ihm der Notar die Wechsel nie aus.

Hinsichtlich der 1947 unter dem Namen Corso-Theater wieder eröffneten Berliner Lichtburg im Bezirk Wedding verlangte Wolffsohn vergeblich vom Chef der französischen Vermögenskontrolle, dem von ihm autorisierten Pächter den unrechtmäßigen Betrieb des Filmtheaters unverzüglich zu verbieten.

Entfristeter Aufenthalt in Deutschland

Von Tel Aviv aus reichte Karl Wolffsohn 1949 mehrere Anträge beim Zentralamt für Vermögensverwaltung in Bad Nenndorf ein, das sie an die Wiedergutmachungsämter bei den Landgerichten weiterleitete. Allein prozesstaktische Gründe begründeten einen befristeten Aufenthalt in Deutschland. Eine dauerhafte Rückkehr in das Land, in dem er Jahre zuvor entrechtet, gedemütigt, beraubt, inhaftiert und dann verjagt worden war, kam ihm zu dieser Zeit nicht in den Sinn. Von Palästina aus ließen sich aber die vielen Wiedergutmachungsprozesse nicht erfolgreich führen. Das Gericht verlangte vom Kläger stichhaltige Beweismittel, dass ihm das angemeldete Vermögen tatsächlich auch gehörte und im Zeitraum 30. Januar 1933 bis 8. Mai 1945 verfolgungsbedingt entzogen worden war. Für die Urteilsfindung kaum zu unterschätzende schriftliche Dokumente befanden sich, wenn überhaupt, dann in Deutschland bei Personen und an Orten, die mitunter nur der Antragsteller kannte. Ersatzweise oder ergänzend mussten nach den Kriegswirren eventuell an eine unbekannte Adresse verzogene Zeugen, vorzugsweise ehemalige Mitarbeiter, aufgefunden, befragt und zu Aussagen vor Gericht motiviert werden.

Am 4. Dezember 1949 flogen Karl und Recha Wolffsohn von Israel nach Rom mit einer Maschine der einheimischen Luftfahrtgesellschaft El Al. Sie unterhielt zwar keine Verbindung mit Deutschland, akzeptierte aber im Unterschied zu ausländischen Fluglinien eine Zahlung der Tickets in israelischen Pfund. Devisen auszuführen, war streng verboten. Nach einem Zwischenaufenthalt in Rom landete das Ehepaar am 9. Dezember auf dem Münchner Flughafen und wurde von Geschäftsfreunden empfangen. Wahrscheinlich bis Neujahr wohnten er und seine Frau in der Villa ihrer Gastgeber in Rottach-Egern am Tegernsee. Zwischendurch verließ Wolffsohn nur für wenige Tage diese von Kriegsschäden verschonte scheinbare Idylle:

„Zur Regelung diverser Wiedergutmachungssachen und Beschaffung diverser Urkunden mußte ich nach Nürnberg-Fürth (Sitz des Amtes) und Bamberg. Überall ausgebrannte Häuser, Schutt und Verwüstung. Die Menschen sehen das nicht mehr, der Gedanke einer Vergeltung kommt niemand. In den Ämtern in Bamberg ist man mir in jeder Weise entgegen gekommen, hat die Bestätigungen anstandslos gegeben, obschon dazu 10 Jahre zurückliegende Feststellungen notwendig waren. Trotzdem fehlt die Atmosphäre und man merkt, daß die Aversion im Blicke steckt, die [man] dem Volk ein Jahrzehnt gepredigt hatte.“181

Verglichen mit Karl Wolffsohns 1924 in der LBB veröffentlichten Schilderungen der Amerikareise, erfüllten seine Aufzeichnungen über den ersten Deutschlandbesuch zehn Jahre nach der Flucht einen grundlegend anderen Zweck. Der Verfasser notierte aus privaten Gründen seine überwiegend negativen Eindrücke von einem militärisch besetzten Land und dessen Bewohnern. Schreibend wollte er sich die empfundene Distanz zu seinen ehemaligen Landsleuten verständlich machen. Wie viele jüdische Emigranten, die sich seit Kriegsende in den drei westlichen Besatzungszonen und West-Berlin vorübergehend aufhielten, registrierte Wolffsohn aufmerksam Aussagen und Verhaltensweisen seiner Gesprächspartner. Verschiedene Diskussionen veranlassten ihn, von der Ansicht abzurücken, die Deutschen seien kollektiv verantwortlich für die begangenen Verbrechen an den Juden. Vielmehr hatten sich vor allem staatliche Institutionen schuldig gemacht. Daher waren sie – auf Befehl und unter Kontrolle der alliierten Siegermächte – zur Wiedergutmachung verpflichtet. Wenngleich der Antisemitismus seit 1933 für staatliche Instanzen wie Verwaltung, Polizei, Justiz und Schulen handlungsleitend war, bestanden für den Einzelnen jedenfalls bis zum Kriegsbeginn noch Handlungsspielräume. Man konnte sich dem institutionalisierten, schrittweise legalisierten Rassismus widersetzen oder ihn selbst für eigene Zwecke ausnutzen. Mehrfach entpuppten sich scheinbar uneigennützige und zuverlässige Geschäftspartner Karl Wolffsohns als gewissenlose Kriminelle. Jedoch betrachteten sie sich selbst als vorbildliche „Volksgenossen“, da sie im Einklang mit Moral und Gesetzen des NS-Staates handelten. Je höher das Vermögen eines Juden war, das zur Disposition stand, umso mehr Begehrlichkeiten weckte es unter Mitmenschen, die die vielleicht einmalige Chance wahrnehmen wollten, sich daran mühe- und risikolos schadlos zu halten. Wer an sich das bürgerliche Eigentum für unantastbar erklärte und jeden anzeigte, der es wagte, dieses „Tabu“ zu verletzen, fand auf einmal nichts Anstößiges dabei, Wertsachen eines „Nichtariers“ zu rauben. Daher klagte Wolffsohn in bestimmten Restitutionsverfahren nicht nur gegen den West-Berliner Senat, die Essener und Dortmunder Kommune als Rechtsnachfolger nationalsozialistischer Vorläufer, sondern auch gegen einzelne Personen.

Was ihm in Nürnberg und Bamberg an den Blicken seiner ehemaligen Landsleute auffiel, bemerkte er überall auf seiner Reise: zumeist fehlendes oder anbiedernd vorgespieltes Schuldbewusstsein, was auf dasselbe ...

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