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Epistola in Carcere et Vinculis

Oscar Wilde

Epistola in Carcere et Vinculis

Deutsch von Max Meyerfeld

1925
S. Fischer Verlag Berlin

Ungekürzte Urausgabe, mit Genehmigung von Oscar Wildes Erben

*

Siebente bis zehnte Auflage

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin

Geleitwort

»Bist Du also mein Testamentsvollstrecker – schrieb Oscar Wilde aus Reading in einem Briefe vom 1. April 1897 an seinen Freund Robert Ross –, so mußt Du im Besitze des einzigen Dokuments sein, das über mein außergewöhnliches Verhalten Aufschluß gibt ... Wenn Du den Brief gelesen hast, wirst Du die psychologische Erklärung für ein Betragen finden, das dem Außenstehenden eine Verbindung von absolutem Blödsinn und vulgärer Renommisterei scheint. Eines Tages muß die Wahrheit bekannt werden – es braucht ja nicht bei meinen Lebzeiten zu sein ... Aber ich habe keine Lust, für alle Zeit an dem lächerlichen Pranger zu stehn, an den man mich gestellt hat; aus dem einfachen Grunde, weil ich von meinem Vater und meiner Mutter einen in der Literatur und der Kunst hochgeehrten Namen geerbt habe, und ich kann nicht in alle Ewigkeit dulden, daß dieser Name geschändet sein soll. Ich verteidige meine Handlungsweise nicht. Ich erkläre sie. In meinem Briefe finden sich auch etliche Stellen, die von meiner geistigen Entwicklung im Zuchthaus handeln und der unausbleiblichen Wandlung meines Charakters und meiner intellektuellen Stellung zum Leben, die sich vollzogen hat ...

Wird die Abschrift in Hornton-Street hergestellt, so läßt man die Schreibdame vielleicht durch einen Schieber in der Tür füttern, wie die Kardinäle, wenn sie zur Papstwahl schreiten, bis sie auf den Balkon hinaustritt und der Welt verkünden kann: ›Habet Mundus Epistolam‹; denn tatsächlich ist es eine Enzyklika, und wie die Bullen des Heiligen Vaters nach den einleitenden Worten heißen, mag man von ihr als der ›Epistola: In Carcere et Vinculis‹ sprechen ...

Nahezu zwei Jahre habe ich die immer schwerer werdende Bürde der Verbitterung in mir getragen; viel davon habe ich jetzt abgeschüttelt.«

Zu Oscar Wildes Lebzeiten ist, gemäß der Weisung, nichts von dieser Epistel bekannt geworden. Bruchstücke daraus habe ich als erster in der ›Neuen Rundschau‹ (Januar- und Februar-Heft 1905) mitgeteilt; die deutsche Buchausgabe folgte kurz darauf. Sie zog die Veröffentlichung in der Ursprache nach sich. Hier waren die Stellen, die von der geistigen Entwicklung des Briefschreibers im Zuchthaus handelten, mit großem Geschick aneinandergereiht, alles, was den Briefempfänger betraf, mit größerer Kühnheit ausgeschaltet. Für seine – milde gesagt – Umredigierung erfand Robert Ross den Titel ›De Profundis‹. »Mag Ross dem Ideal eines philologischen Herausgebers nicht entsprechen, die Beteiligten werden ihn als das Ideal eines taktvollen Menschen rühmen.«

In meiner etwas erweiterten Ausgabe des Jahres 1909 bin ich dann zu dem vom Verfasser vorgeschlagenen Titel zurückgekehrt, wenn er ursprünglich auch halb im Scherz gemeint war.

»Erst jetzt rückt das Werk in die rechte Beleuchtung, wo es als Brief kenntlich wird. ›De Profundis‹ oder das, was wir ›De Profundis‹ zu nennen pflegen, ist ... ein Brief Oscar Wildes aus dem Zuchthaus in Reading an seinen Freund Lord Alfred Douglas; ein sehr langer Brief allerdings von achtzig eng beschriebenen Seiten, aber doch seinem ganzen Charakter nach ein Brief. Und daß sein Verfasser ihn als solchen empfunden, zeigt der von ihm vorgeschlagene Titel ›Epistola: In Carcere et Vinculis‹. Da ihn Wilde selbst gewählt hat, entschloß ich mich, ihn beizubehalten, obwohl sich ›De Profundis‹ schon, eingebürgert hat.«

Robert Ross hat im Jahre 1909 dem Britischen Museum in London die Urschrift des Werkes mit der ausdrücklichen Bestimmung übergeben, daß es nicht vor dem Jahre 1960 in England veröffentlicht werden solle. Die Rücksicht auf den noch lebenden Adressaten des Schreibens bewog ihn dazu. Als dieser im Frühjahr 1915 einen Beleidigungsprozeß gegen den Schriftsteller Arthur Ransome führte, wurde das gesamte Werk, um die Darstellung des Angeklagten zu erhärten, vor Gericht verlesen; die englischen Zeitungen der ganzen Welt, auch deutsche, brachten spaltenlange Auszüge, so daß es für keinen Menschen mehr ein Geheimnis war, was die von Ross unterdrückten Stellen enthielten.

Diese völlig ungekürzte, zum ersten Mal erscheinende Buchausgabe der ›Epistola‹ erfolgt mit besonderer Genehmigung von Oscar Wildes Erben.

Berlin, 4. August 1924

Max Meyerfeld

Epistola: in carcere et vinculis

I. M. Gefängnis Reading

Lieber Bosie!

Nach langem, fruchtlosem Warten habe ich beschlossen, selbst an Dich zu schreiben, ebensosehr in Deinem wie in meinem Interesse; denn der Gedanke widerstrebt mir, daß ich zwei lange Gefängnisjahre durchgemacht haben soll, ohne jemals eine einzige Zeile von Dir empfangen zu haben oder eine Nachricht oder auch nur einen Gruß, außer solchen, die mich schmerzten.

Unsre unselige, höchst beklagenswerte Freundschaft hat für mich mit Verderben und öffentlicher Schande geendet. Doch die Erinnrung an unsre frühere Zuneigung verläßt mich selten, und der Gedanke, daß Abscheu, Verbitterung und Verachtung für immer den Platz in meinem Herzen einnehmen könnten, den Liebe vordem innehatte, ist sehr traurig für mich; und Du selbst wirst wohl im Herzen fühlen, daß es besser ist, an mich, der ich in der Einsamkeit des Gefängnislebens liege, zu schreiben, als ohne meine Genehmigung Briefe von mir zu veröffentlichen oder, ohne mich zu fragen, mir Gedichte zu widmen, mag auch die Welt nichts erfahren von Worten des Kummers oder der Leidenschaft, der Gewissensbisse oder der Gleichgültigkeit, die es Dir als Antwort oder Rechtfertigung zu schicken beliebt.

Zweifellos wird in diesem Brief, den ich über Dein und mein Leben zu schreiben habe, über die Vergangenheit und die Zukunft, über Süßes, das sich in Bitterkeit gewandelt, und über Bittres, das vielleicht zur Freude werden kann, vieles stehn, was Deine Eitelkeit bis aufs Blut verletzt. Sollte dem so sein, dann lies den Brief immer wieder, bis er Deine Eitelkeit ertötet. Wenn Du darin etwas findest, das Dich Deinem Gefühl nach zu Unrecht beschuldigt, so vergiß nicht: man soll dankbar dafür sein, daß es Fehler gibt, deren man zu Unrecht beschuldigt werden kann. Wenn eine einzige Stelle darin vorkommt, die Tränen Dir in die Augen treibt, dann weine, wie wir im Gefängnis weinen, wo der Tag, nicht minder als die Nacht, Tränen aufgespart ist. Es ist das einzige, was Dich retten kann. Wenn Du zu Deiner Mutter gehst und Dich beklagst, wie damals, über die Verachtung, die ich in meinem Brief an Robbie gegen Dich äußerte, damit sie Dir schmeichle und Dich wieder in Selbstgefälligkeit und Überhebung einlulle, so bist Du völlig verloren. Wenn Du Eine Ausrede für Dich findest, wirst Du bald hundert finden und ganz das sein, was Du vorher warst. Behauptest Du noch, wie Du es in Deiner Antwort an Robbie tatest, ich schriebe Dir »unwürdige Motive« zu? Ach, Du hattest keine Motive im Leben. Du hattest nur Gelüste. Ein Motiv ist ein geistiges Ziel. Behauptest Du noch, Du seist »sehr jung« gewesen, als unsre Freundschaft begann? Dein Gebrechen war nicht, daß Du so wenig, sondern daß Du so viel vom Leben wußtest. Die Morgenröte der Knabenzeit mit ihrem zarten Flaum, ihrem klaren, reinen Licht, ihrer unschuldigen, erwartungsvollen Freude hattest Du weit hinter Dir gelassen. Sehr geschwinden, laufenden Fußes warst Du von der Romantik zum Realismus gelangt. Die Gosse und was darin lebt hatten Dich zu fesseln begonnen. Daraus ging die Unannehmlichkeit hervor, in der Du Hilfe bei mir suchtest, und ich ließ sie Dir, unklugerweise nach dem, was dieser Welt als Klugheit gilt, aus Mitleid und Güte zuteil werden. Du mußt diesen Brief von A bis Z durchlesen, mag jedes Wort auch für Dich zum Feuer oder zum Messer des Wundarztes werden, so daß das zarte Fleisch brennt oder blutet. Bedenke: der Tor in den Augen der Götter und der Tor in Menschenaugen sind etwas ganz andres. Wer gar nichts von den Formen offenbarter Kunst, von der Entwicklung fortschrittlichen Denkens, von dem Gepränge des lateinischen Verses, von der klangvolleren Musik des vokalreichen Griechisch, von toskanischer Skulptur und elisabethanischer Lyrik weiß, kann doch der allerholdesten Klugheit voll sein. Der wahre Tor, den die Götter verspotten oder verderben, ist der, welcher sich selbst nicht kennt. Ich war ein solcher zu lange. Du warst ein solcher zu lange. Sei es nicht mehr! Fürchte Dich nicht! Das höchste Laster ist Seichtheit. Alles, was zum Bewußtsein kommt, ist richtig. Denke auch daran, daß alles, was Dich zu lesen betrübt, mich ärger betrübt niederzuschreiben. Gegen Dich sind die unsichtbaren Mächte sehr gut gewesen. Sie haben Dich die seltsamen, tragischen Gestalten des Lebens sehn lassen, wie man Schatten im Glase sieht. Das Haupt der Meduse, das lebendige Menschen in Stein verwandelt, war Dir vergönnt, bloß im Spiegel zu schaun. Du selbst bist frei zwischen Blumen dahingeschritten. Mir ist die schöne Welt der Farbe und der Bewegung genommen.

Ich will damit anfangen, Dir zu sagen, daß ich mir schreckliche Vorwürfe mache. Während ich hier in der dunklen Zelle in Sträflingskleidung sitze, ein entehrter, vernichteter Mann, mache ich mir Vorwürfe. In den qualvollen Nächten mit ihren Angstanfällen, in den langen, eintönigen Tagen mache ich mir selbst Vorwürfe. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich eine ungeistige Freundschaft, eine Freundschaft, deren ursprünglicher Zweck es nicht war, Schönes zu schaffen und zu schaun, mein Leben völlig beherrschen ließ. Von Anbeginn war eine zu weite Kluft zwischen uns. Du bist in der Schule faul gewesen, schlimmer als faul auf der Universität. Es kam Dir nicht zum Bewußtsein, daß ein Künstler, zumal einer wie ich, will sagen: einer, bei dem der Wert der Arbeit von der innern Kraft der Persönlichkeit abhängt, zur Entfaltung seiner Kunst den Umgang mit Ideen, ein geistiges Milieu, Ruhe, Frieden und Einsamkeit nötig hat. Du bewundertest meine Arbeiten, wenn sie fertig waren; Du ergötztest Dich an den glänzenden Erfolgen meiner Premierenabende und den glänzenden Festessen hernach; Du warst stolz darauf, ganz natürlicherweise, der intime Freund eines so hervorragenden Künstlers zu sein. Aber Du konntest die zum Schaffen künstlerischer Werke erforderlichen Bedingungen nicht verstehn. Ich spreche nicht in rhetorisch übertriebenen Phrasen, sondern in durchaus wahren, auf reinen Tatsachen beruhenden Worten, wenn ich Dir zu Gemüte führe, daß ich während der ganzen Zeit, die wir zusammen waren, nie eine einzige Zeile geschrieben habe. Ob in Torquay, Goring, London, Florenz oder sonstwo, mein Leben ist, solange Du an meiner Seite warst, völlig unfruchtbar und unschöpferisch gewesen. Und mit nur wenigen Unterbrechungen warst Du leider immer an meiner Seite.

Ich erinnre mich zum Beispiel: im September 1895, um nur einen Fall von vielen herauszugreifen, mietete ich mehrere möblierte Zimmer, lediglich um ungestört zu arbeiten; ich hatte nämlich meinen Kontrakt mit John Hare gebrochen, dem ich ein Theaterstück zugesagt hatte und der auf schleunige Erledigung drängte. Während der ersten Woche ließest Du Dich nicht blicken. Wir hatten uns, nur zu natürlich, über den künstlerischen Wert Deiner Übersetzung der »Salome« gestritten. Du begnügtest Dich deshalb damit, mir törichte Briefe in der Angelegenheit zu senden. In dieser Woche schrieb und vollendete ich bis ins kleinste den ersten Akt des »Idealen Gatten«, so wie er schließlich aufgeführt wurde. In der zweiten Woche kamst Du wieder, und mit meiner Arbeit war es tatsächlich aus. Ich begab mich jeden Vormittag um ½ 12 nach St. James's Place, um Gelegenheit zum Nachdenken und Schreiben zu haben ohne die von meinem Haushalt unzertrennliche Störung, so still und friedlich dieser auch war. Aber der Versuch war nutzlos. Um 12 Uhr kamst Du angefahren und bliebst, Zigaretten rauchend und plaudernd, bis ½2 Uhr; dann mußte ich Dich zum Lunch ins Cafe Royal oder ins Berkeley mitnehmen. Das Lunch mit seinen Schnäpsen dauerte gewöhnlich bis ½4 Uhr. Auf eine Stunde zogst Du Dich in White's Club zurück. Zur Teezeit erschienst Du wieder und bliebst, bis es Zeit war, sich zum Diner umzuziehn. Du speistest mit mir, entweder im Savoy oder in Tite-Street. Wir trennten uns in der Regel erst nach Mitternacht, da ein Souper bei Willis den berauschenden Tag zum Abschluß bringen mußte. Das war mein Leben während jener drei Monate, jeden einzigen Tag, mit Ausnahme der vier Tage, die Du verreist warst. Ich mußte dann selbstverständlich nach Calais hinüberfahren und Dich zurückholen. Für einen Menschen meines Schlags und meines Temperaments war es eine gleichermaßen groteske und tragische Lage.

Du mußt das jetzt gewiß begreifen. Du mußt jetzt einsehn, daß Dein Unvermögen, allein zu sein, Dein begehrliches Wesen, das an die Rücksicht und die Zeit der andern beständig Forderungen stellte, Deine Unfähigkeit zu anhaltender geistiger Konzentration, der unglückliche Zufall – denn ich möchte nicht gern es für mehr nehmen –, daß Du noch nicht imstande gewesen, Dir »Oxforder Sinnesart« in geistigen Dingen anzueignen, ich meine: nie ein Mensch gewesen bist, der mit Ideen anmutig spielen konnte, sondern bloß zu ungestümen Ansichten gelangt war – daß all das im Verein mit der Tatsache, daß Deine Wünsche und Interessen dem Leben, nicht der Kunst galten, für Deinen eignen Bildungsfortschritt ebenso schädlich war wie für meine künstlerische Arbeit. Wenn ich meine Freundschaft mit Dir der Freundschaft mit noch Jüngern Männern, wie John Gray und Pierre Louys, vergleich«, schäme ich mich. Mein wahres Leben, mein höheres Leben gehörte ihnen und ihresgleichen.

Von den grauenhaften Folgen meiner Freundschaft mit Dir spreche ich jetzt nicht. Ich denke bloß an ihr Wesen, solange sie währte. Sie war geistig entwürdigend für mich. Ansätze eines künstlerischen Temperaments im Keimen fanden sich bei Dir. Aber ich bin Dir entweder zu spät oder zu früh begegnet – ich weiß nicht, welches von beiden. Wenn Du weg warst, war alles in bester Ordnung mit mir. In dem Augenblick, Anfang Dezember des Jahres, auf das ich vorhin anspielte, als es mir gelungen war, Deine Mutter zu bestimmen, Dich aus England fortzuschicken, sammelte ich wieder das zerrissene, verwirrte Netz meiner Phantasie, bekam wieder Gewalt über mein Leben und beendete nicht nur die übrigen drei Akte des »Idealen Gatten«, sondern ersann auch zwei andre Stücke von gänzlich verschiedener Grundform: die »Florentinische Tragödie« und »La Sainte Courtisane«, und hatte sie fast vollendet. Da plötzlich kamst Du unaufgefordert, unwillkommen, unter Umständen, die für mein Glück verhängnisvoll waren, nach Hause. Die beiden damals noch unvollendeten Werke vermochte ich nicht wieder aufzunehmen. Die Stimmung, aus der sie geflossen waren, konnte ich nie wiedererlangen. Du wirst jetzt, nachdem Du selbst einen Gedichtband veröffentlicht hast, imstande sein, die Wahrheit alles dessen, was ich hier gesagt habe, zu erkennen. Ob Du es kannst oder nicht: es bleibt als gräßliche Wahrheit im tiefsten Herzen unsrer Freundschaft. Solange Du bei mir warst, warst Du der vollkommne Verderb meiner Kunst; und darüber, daß ich Dich beständig zwischen der Kunst und mir stehn ließ, empfinde ich Scham und Gram in vollstem Maße. Du konntest nicht wissen, konntest nicht verstehn, konntest nicht würdigen. Ich hatte kein Recht, es überhaupt von Dir zu erwarten. Deine Interessen galten lediglich Deinem Gaumen und Deinen Launen. Deine Wünsche richteten sich einfach auf Vergnügungen, auf gewöhnliche oder minder gewöhnliche Freuden. Die brauchte oder dachte Dein Temperament im Augenblick zu brauchen. Ich hätte Dir mein Haus und meine Arbeitsräume verbieten sollen, außer wenn ich Dich besonders einlud. Ich mache mir ob meiner Schwäche rückhaltlose Vorwürfe. Es war nur Schwäche. Eine einzige halbe Stunde in der Gesellschaft der Kunst bedeutete für mich stets mehr als ein Zyklus in Deiner Gesellschaft. Nichts war wirklich zu irgendeiner Zeit meines Lebens jemals von der geringsten Bedeutung für mich neben der Kunst. Aber beim Künstler kommt Schwäche einem Verbrechen gleich, wenn es eine Schwäche ist, welche die Phantasie lähmt.

Ich mache mir Vorwürfe, daß ich Dich meinen völligen, schimpflichen finanziellen Zusammenbruch herbeiführen ließ. Ich erinnre mich eines Vormittags Anfang Oktober 1892, als ich in den vergilbenden Wäldern zu Bracknell bei Deiner Mutter saß. Damals wußte ich noch sehr wenig von Deiner wahren Natur. Ich hatte mich von einem Sonnabend bis Montag bei Dir in Oxford aufgehalten. Du warst zehn Tage bei mir in Cromer gewesen und hattest Golf gespielt. Die Unterhaltung kam auf Dich, und Deine Mutter begann, über Deinen Charakter mit mir zu sprechen. Sie erzählte mir von Deinen beiden Hauptfehlern: Deiner Eitelkeit und davon, daß Du, wie sie es ausdrückte, keine Ahnung vom Geld hättest. Ich entsinne mich genau, wie ich lachte. Ich ließ mir nicht träumen, daß die erste Eigenschaft mich ins Gefängnis, die zweite zum Bankrott bringen werde. Ich hielt Eitelkeit für eine Art anmutiger Blume, die ein junger Mensch trägt; was Verschwendungssucht betrifft – denn ich dachte, Deine Mutter meine nicht mehr als Verschwendung –, so lagen die Tugenden der Bedachtsamkeit und Sparsamkeit meinem eignen Wesen und meinem Stamme fern. Aber eh' unsre Freundschaft vier Wochen älter war, sah ich langsam, was Deine Mutter wirklich meinte. Dein Beharren auf einem Leben rücksichtslosen Vergeudens, Deine unablässigen Geldforderungen, Dein Anspruch, ich solle für alle Deine Vergnügungen zahlen, ob ich bei Dir war oder nicht, brachten mich nach einiger Zeit in ernste Geldschwierigkeiten; und was die Ausschweifung, für mich wenigstens, so einförmig uninteressant machte, während Dein beharrlicher Eingriff in mein Leben immer stärker wurde, war, daß das Geld wirklich für kaum etwas andres ausgegeben wurde als für die Freuden des Essens, Trinkens und dergleichen. Dann und wann ist's eine Lust, seinen Tisch mit Wein und Rosen rot zu haben; doch Du gingst über allen Geschmack und alle Mäßigkeit hinaus. Du fordertest ohne Höflichkeit und empfingst ohne Dank. Du dachtest allmählich, Du hättest eine Art Recht, auf meine Kosten und in einer üppigen Schwelgerei zu leben, an die Du durchaus nicht gewöhnt warst und die aus diesem Grunde Deine Begierden immer heftiger werden ließ; und zuletzt, wenn Du beim Spiel in einem Kasino in Algier Geld verlorst, telegraphiertest Du mir einfach nach London am nächsten Morgen, ich möchte den Betrag Deines Verlustes Deinem Bankguthaben überweisen, und dachtest an die Sache ganz und gar nicht mehr.

Wenn ich Dir sage, daß ich vom Herbst 1892 bis zum Zeitpunkt meiner Gefangenschaft mit Dir und für Dich mehr als 5000 Pfund in barem Gelde verausgabte, abgesehn von Schulden, die ich machte, so wirst Du eine Vorstellung von der Art Leben bekommen, die Du durchaus führen wolltest. Glaubst Du, ich übertreibe? Meine gewöhnlichen Ausgaben mit Dir für einen gewöhnlichen Tag in London – für Mittag-, Abendessen, Nachtmahl, Vergnügungen, Droschken und das übrige – schwankten zwischen 12 und 20 Pfund, und die wöchentlichen Ausgaben waren natürlich dementsprechend und schwankten zwischen 80–130 Pfund. Während unsers Vierteljahrs in Goring betrugen meine Ausgaben (die Miete selbstverständlich mitgerechnet) 1340 Pfund. Schritt für Schritt mußte ich mit dem Konkursverwalter jeden Posten meines Lebens durchgehn. Es war greulich. »Einfache Lebensweise und hoher Gedankenflug« war allerdings ein Ideal, das Du damals nicht hättest würdigen können, aber eine solche Verschwendung war eine Schande für uns beide. Eines der entzückendsten Essen, an die ich mich erinnre, hatten Robbie und ich zusammen in einem kleinen Café in Soho es kostete ungefähr so viel Schilling wie die Essen, die ich Dir gab, gewöhnlich Pfund kosteten. Bei diesem Essen mit Robbie entstand der erste und allerbeste meiner Dialoge. Idee, Titel, Behandlung, Form, alles wurde bei einem Menü zu 3 Francs 50 c. entworfen. Von den leichtsinnigen Schmausen mit Dir bleibt nichts zurück als die Erinnrung, daß zu viel gegessen und zu viel getrunken wurde. Und daß ich mich Deinem Begehren fügte, war schlecht für Dich. Du weißt das jetzt. Es hat Dich oft anspruchsvoll gemacht; manchmal recht rücksichtslos; immer ungnädig. Bei allzuvielen Gelegenheiten war es eine zu geringe Freude oder Ehre, Dich zu bewirten. Du vergaßest – ich will nicht sagen: die formelle Höflichkeit zu danken, denn formelle Höflichkeiten zerren an einer engen Freundschaft –, sondern einfach die Anmut lieber Gesellschaft, den Zauber angenehmer Unterhaltung, jenes τερπνὸν καλόν, wie die Griechen es nannten, und all die sanften Menschlichkeiten, die das Leben liebenswert machen und eine Begleitung dazu sind, die, ähnlich wie die Musik, keine Verstimmung aufkommen läßt und die mißtönenden oder stummen Stellen mit Melodie erfüllt. Und wenn es Dir auch seltsam erscheinen mag, daß jemand in der schrecklichen Lage, in der ich mich befinde, zwischen einer Schande und der andern einen Unterschied macht, so bekenne ich doch unumwunden, daß die Torheit, all das Geld für Dich wegzuwerfen und Dich mein Vermögen zu Deinem Schaden ebenso wie zu meinem verschleudern zu lassen, mir und in meinen Augen meinem Bankrott eine Note gemeiner Liederlichkeit gibt, deren ich mich doppelt schäme. Ich war zu andern Dingen geschaffen.

Am allermeisten jedoch mache ich mir Vorwürfe, daß ich Dich meine völlige ethische Erniedrigung über mich bringen ließ. Die Grundlage des Charakters ist Willenskraft, und meine Willenskraft wurde durchaus der Deinen Untertan. Das klingt grotesk, ist aber trotzdem wahr. Diese unaufhörlichen Szenen, die für Dich gradezu ein physisches Bedürfnis zu sein schienen, worin Geist und Körper sich bei Dir verzerrten und Du ebenso schrecklich anzusehn wie anzuhören wurdest; diese gräßliche Manie, die Du von Deinem Vater geerbt hast: die Manie, empörende, widerwärtige Briefe zu schreiben; der gänzliche Mangel, Deine Gefühlsregungen zu beherrschen, wie er in langen Verstimmungen mürrischen Schweigens von Dir nicht minder zur Schau gestellt wurde als in den plötzlichen Ausbrüchen einer fast epileptischen Wut – alle diese Dinge, worüber einer meiner Briefe an Dich, den Du im Savoy oder sonst einem Hotel herumliegen ließest, so daß er vom Anwalt Deines Vaters dem Gericht vorgelegt wurde, eine von Pathos nicht freie Beschwörung enthielt, wärst Du damals imstande gewesen, Pathos in seinem Grundwesen oder seinen Äußerungen zu erkennen – diese Dinge, sage ich, waren der Ursprung und die Veranlassung, daß ich Dir in Deinen täglich wachsenden Ansprüchen so verhängnisvoll nachgab. Du hast einen abgenutzt! Es war der Triumph der kleinern über die größere Natur. Es war ein Fall von jener Tyrannei der Schwachen über die Starken, die ich irgendwo in einem meiner Stücke als »die einzige Tyrannei von Dauer« bezeichne.

Und sie war unausbleiblich. In jedem Verhältnis des Zusammenlebens muß man ein moyen de vivre finden. In Deinem Falle mußte man entweder Dir nachgeben oder Dich aufgeben. Es blieb keine andre Wahl. Aus tiefer, wiewohl übel angebrachter Zuneigung zu Dir; aus großem Mitleid mit den Gebrechen Deiner Natur und Deines Naturells; aus meiner eignen sprichwörtlichen Gutmütigkeit und keltischen Trägheit heraus; aus künstlerischer Abneigung gegen rohe Auftritte und häßliche Worte; aus der für mich damals bezeichnenden Unfähigkeit heraus, einem etwas nachzutragen; aus Widerwillen, das Leben bitter und unschön gestaltet zu sehn durch das, was mir, der seine Augen wirklich auf andre Dinge gerichtet hatte, bloße Lappalien, zu geringfügig für mehr als momentanes Nachdenken oder Interesse, schien – aus diesen Gründen, so einfach sie klingen mögen, gab ich Dir immer nach. Als natürliche Folge wuchsen Deine Ansprüche, Dein Herrschbestreben, Deine erpresserischen Forderungen immer unvernünftiger an. Dein schäbigster Beweggrund, Dein niedrigstes Gelüst, Deine gemeinste Leidenschaft wurden für Dich Gesetze, von denen sich das Leben andrer Menschen jederzeit sollte lenken lassen und denen sie, wenn nötig, skrupellos geopfert werden sollten. Da Dir bekannt, daß Du bloß eine Szene zu machen brauchtest, um Deinen Willen stets durchzusetzen, war es nur natürlich, daß Du – fast unbewußt, wie ich nicht zweifle – die ordinäre Gewalttätigkeit bis zum Übermaß steigertest. Schließlich wußtest Du nicht, zu welchem Ziel Du eiltest oder welcher Zweck Dir vorschwebte. Nachdem ich Dich aus meinem Genius, meiner Willenskraft und meinem Vermögen erschaffen hatte, verlangtest Du in der Blindheit unersättlicher Gier mein gesamtes Sein. Du nahmst es. In dem einen zu allerhöchst und in tragischer Weise kritischen Augenblick meines ganzen Lebens, just bevor ich den beklagenswerten Schritt unternahm, meinen albernen Prozeß einzuleiten, griff auf der einen Seite Dein Vater mich mit scheußlichen Karten an, die er in meinem Klub abgab, griffst Du auf der andern Seite mich mit nicht minder widerwärtigen Briefen an. Der Brief, den ich von Dir am Morgen des Tages bekam, als ich mich von Dir zur Polizeiwache schleppen ließ, um den lächerlichen Haftbefehl gegen Deinen Vater zu beantragen, war einer der schlimmsten, die Du je geschrieben hast, und zwar aus dem schändlichsten Grunde. Zwischen euch beiden hatte ich den Kopf verloren. Mein Urteil verließ mich. Furcht nahm seine Stelle ein. Ich sah keine Möglichkeit des Entrinnens, wie ich offen sagen will, vor euch beiden. Blind schwankte ich dahin wie der Ochs zum Schlachthaus. Ich hatte einen riesenhaften psychologischen Irrtum begangen. Ich hatte immer gedacht, es habe nichts zu bedeuten, daß ich Dir in Kleinigkeiten nachgab; ich selbst könnte, wenn ein großer Augenblick käme, meine Willenskraft in ihrer natürlichen Überlegenheit wieder geltend machen. Es war nicht so. In dem großen Augenblick versagte meine Willenskraft vollständig. Im Leben gibt es tatsächlich nichts Großes oder Kleines. Alles ist von gleichem Wert und gleicher Größe. Meine Gewohnheit – im Anfang hauptsächlich eine Folge von Gleichgültigkeit –, Dir in allem nachzugeben, war unmerklich ein wesentlicher Teil von mir geworden. Ohne daß ich es wußte, hatte sie mein Temperament zu einer ständigen, unheilvollen Stimmung schematisiert. Darum sagt Pater in dem feinen Nachwort zur ersten Auf läge seiner Essays: »Unterliegen ist Gewohnheiten annehmen«. Als er das aussprach, meinten die stumpfen Leute in Oxford, der Satz sei bloß eine eigensinnige Umkehrung des etwas langweiligen Wortlauts Aristotelischer Ethik, aber es ist eine wundervolle, schreckliche Wahrheit darin verborgen. Ich hatte meine Charakterstärke von Dir untergraben lassen, und bei mir hatte sich die Annahme einer Gewohnheit nicht nur als ein Unterliegen, sondern als der Untergang erwiesen. In ethischer Hinsicht warst Du für mich noch verderblicher gewesen als in künstlerischer.

Nachdem der Haftbefehl einmal ausgestellt war, lenkte Dein Wille selbstverständlich alles. Zu der Zeit, als ich in London hätte sein, sachverständigen Rat einholen und über die scheußliche Falle, in der ich mich hatte fangen lassen – die Gimpelschlinge, wie Dein Vater sie heute noch nennt –, ruhig hätte nachdenken sollen, da bestandest Du darauf, daß ich mit Dir nach Monte Carlo ginge, grade diesem abstoßenden Ort auf Gottes Erdboden, damit Du den ganzen Tag wie die ganze Nacht, solange das Kasino geöffnet blieb, spielen könntest. Was mich betrifft – da Baccarat keine Reize für mich hat –, so wurde ich draußen allein gelassen. Du lehntest es ab, auch nur fünf Minuten lang die Lage zu besprechen, in die Du und Dein Vater mich gebracht hatten. Meine Aufgabe war lediglich, Deine Hotelrechnung und Deine Verluste zu bezahlen. Die geringste Anspielung auf die Höllenpein, die mich erwartete, wurde als öde empfunden. Eine neue Champagnermarke, die man uns empfahl, interessierte Dich mehr.

Bei unsrer Rückkehr nach London beschworen mich diejenigen meiner Freunde, denen es wirklich um mein Wohl zu tun war, ins Ausland zu flüchten und nicht einen unmöglichen Prozeß herauszufordern. Du schobst ihnen gemeine Motive unter, weil sie solchen Rat erteilten, und mir Feigheit, weil ich darauf hörte. Du zwangst mich zu bleiben; ich sollte die Sache, wenn möglich, vor Gericht durch geschmacklose, dumme Lügen dreist ausfechten. Schließlich verhaftete man mich, und Dein Vater wurde der Held der Stunde, ja, mehr noch als der Held der Stunde nur: Deine Familie zählt jetzt, komisch genug, zu den Unsterblichen; denn mit der grotesken Wirkung, die gleichsam ein gotischer Bestandteil der Geschichte ist und Klio zu der am wenigsten ernsten sämtlicher Musen macht, wird Dein Vater allezeit unter den gütigen, rein gesinnten Eltern der Erbauungsliteratur fortleben. Dein Platz ist bei dem Kinde Samuel; und im tiefsten Schlamm von Malebolge sitze ich zwischen Gilles de Retz und dem Marquis de Sade.

Natürlich hätte ich mich von Dir losmachen sollen. Ich hätte Dich aus meinem Leben abschütteln sollen, wie einer von seinem Gewand etwas abschüttelt, das ihn gestochen hat. In der wundervollsten aller seiner Tragödien erzählt uns Aischylos von dem großen Herrn, der in seinem Hause ein Löwenjunges, λέοντος ἶνιν, aufzieht und es Hebt, weil es seinem Lockruf leuchtenden Auges folgt und sich, wenn es Nahrung will, an ihn schmiegt: φαιδρωπῶς ποτὶ χεῖρα σαίνοντα γαστρὸς ἀνάγκαις, und das Geschöpf wächst heran und zeigt die eingeborene Art, ἤϑος τὸ ρπὸς τοκέων, und vernichtet den Herrn und sein Haus und alles, was er besitzt. Ich fühle, ich war ein solcher wie er. Aber mein Fehler war: nicht daß ich mich nicht von Dir trennte, sondern daß ich mich viel zu oft von Dir trennte. Soweit ich mich entsinnen kann, habe ich regelmäßig meine Freundschaft mit Dir alle drei Monate beendet. Und jedesmal, wenn dies geschehn war, brachtest Du es durch dringende Bitten, Telegramme, Briefe, die Vermittlung Deiner Freunde, die Vermittlung der meinen und dergleichen dahin, mich umzustimmen und Dich wiederkommen zu lassen. Als Du Ende März 1893 mein Haus in Torquay verließest, hatte ich beschlossen, nie mehr mit Dir zu sprechen und Dir unter keinen Umständen mehr zu gestatten, bei mir zu sein, so empörend war der Auftritt gewesen, den Du am Abend vor Deiner Abreise machtest. Schriftlich und telegraphisch batest Du mich aus Bristol, Dir zu verzeihn und mit Dir zusammenzukommen.

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