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Entscheidung im Palast des Prinzen

1. KAPITEL

Als Alexej Woronow den Schrei hörte, der die nächtliche Stille durchbrach, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter, und er war sofort in Alarmbereitschaft. Währenddessen rieselte leise der Schnee und bedeckte das Kopfsteinpflaster des Roten Platzes mit einer feinen Puderschicht. Rechts von ihm erhob sich die Kremlmauer. An deren Ende ragte der Erlösertum mit seinem riesigen Ziffernblatt in den Himmel und erinnerte ein wenig an „Big Ben“ in London. Daneben sah man die Basiliuskathedrale mit ihren farbenprächtigen Zwiebeltürmen.

Es war schon nach Mitternacht, und nichts ließ darauf schließen, dass außer Alexej noch jemand auf dem Platz wäre.

Bis er wieder einen Schrei hörte.

Alexej fluchte. Er wartete auf seinen Kontaktmann, konnte aber nicht länger so tun, als hätte er nichts gehört. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einen Streit vor einem der vielen Clubs, bei dem sich eine Frau die Seele aus dem Leib schrie, während ihr Partner ihre Ehre verteidigte. Trotzdem musste Alexej etwas tun, auch wenn er damit den Verlust wichtiger Informationen riskierte, weil er den vereinbarten Treffpunkt verließ.

Andererseits wartete er selbst schon seit einer halben Stunde im Schatten des Lenin-Mausoleums. Der Kontaktmann war seit fünfzehn Minuten überfällig. Vielleicht hat er es sich anders überlegt?

Wenn Alexejs Gegenspieler Wind von der Sache bekommen hatte, bezahlte er dem Informanten vielleicht noch mehr. Alexej selbst war bereit, ein kleines Vermögen für die Insider-Information auszugeben. Trotzdem konnte er nicht länger hier herumstehen, während eine Frau Hilfe benötigte. Es war sein Schicksal, dass er mit einem ausgeprägten Ehrbarkeitsgen auf die Welt gekommen war, das ihn manchmal sogar gegen seine eigenen Interessen handeln ließ.

Das Kaufhaus GUM gegenüber war hell erleuchtet, und Alexej wollte gerade darauf zugehen, als er ein Geräusch hörte. Schritte! Das Echo auf dem leeren Platz machte es schwierig, sie zu orten. Gleich darauf stürzte eine Frau aus der Dunkelheit direkt auf ihn zu. Er hatte keine Zeit mehr, ihr auszuweichen, und sie wären beinahe beide hingefallen.

Alexej hielt die Frau fest, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Das dauerte eine Weile, da sie sich gebärdete wie eine Wilde. Sie gab keinen Laut von sich, versuchte aber mit aller Kraft, sich von ihm loszumachen. Dabei kam ihr Ellbogen seinem Gesicht gefährlich nahe. Instinktiv wehrte Alexej den Schlag ab, dann drehte er die Frau mit dem Rücken zu sich und hielt ihr den Mund zu. Er spürte, wie sich in ihrer Kehle ein Schrei formte. Wenn er sie jetzt losließ, würden wahrscheinlich seine Trommelfelle platzen.

„Wenn Sie noch einmal schreien“, flüsterte er ihr ins Ohr, „wird Ihr Verfolger Sie finden. Und ich werde mich bestimmt nicht in das Handgemenge zwischen ihm und Ihrem Liebhaber mischen.“

Es wäre sowieso besser, er würde sich da raushalten. Womöglich kam sein Informant doch noch. Ein bedeutender Geschäftsabschluss stand auf dem Spiel, ganz zu schweigen von dem Ziel, auf das er schon seit Jahren hinarbeitete und das nun endlich in greifbarer Nähe lag. Dieses wichtige Treffen zu verpassen, weil zwei Männer im Alkoholrausch aneinandergeraten waren, gehörte nicht zu seinem Plan. Noch konnte er sich umdrehen und wäre mit wenigen Schritten wieder beim Mausoleum.

Unter seiner Hand versuchte die Frau, den Kopf zu schütteln und etwas zu sagen. Es klang ausländisch. Ist sie eine Touristin? Seit der Perestroika gab es sehr viele Ausländer in Moskau. Darum wiederholte Alexej noch einmal auf Englisch, was er ihr zuvor ins Ohr geflüstert hatte.

Die Frau hielt den Atem an, und Alexej wusste, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Er sprach auch Deutsch, Französisch und Polnisch, aber mit Englisch kam man in der Regel am weitesten.

„Ich tue Ihnen nichts“, sagte er, „wenn Sie allerdings noch einmal schreien, überlasse ich Sie Ihrem Verfolger, verstanden?“

Sie nickte rasch, und Alexej drehte sie wieder zu sich um, bevor er sie losließ. Ihre rauchgrauen Augen glänzten im Widerschein der Schaufensterbeleuchtung. Ihre Kapuze war heruntergerutscht. Sie hatte dunkles Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Die Frau besaß feine Züge und wirkte zerbrechlich, obwohl sie sich in der Auseinandersetzung mit ihm alles andere als schwach erwiesen hatte.

Unschlüssig sah sie ihn an. „Bitte helfen Sie mir“, platzte sie dann heraus und schützte sich mit den Armen gegen die Kälte der Moskauer Aprilnacht. „Die dürfen mich nicht kriegen.“

Eine Amerikanerin, dachte Alexej. Das überraschte ihn nicht weiter, aber irgendetwas an ihr war ungewöhnlich. Zum Beispiel, dass sie sich mitten in der Nacht allein auf dem Roten Platz aufhielt.

Lass dich da nicht hineinziehen, riet ihm seine innere Stimme. Doch er überhörte die Warnung und erkundigte sich bei der Frau, wen sie damit meinte. „Die Behörden? Wenn Sie etwas Illegales getan haben, kann ich Ihnen nicht helfen.“

„Nein“, sagte sie und warf einen prüfenden Blick über ihre Schulter. „Ich suche nur meine Schwester und …“

Ärgerliches Rufen scholl über den Platz, und die Frau stürzte wieder in die Nacht. Nach drei Schritten hatte Alexej sie eingeholt, ergriff ihren Arm und wirbelte sie herum. „Hier entlang!“ Er zog sie zum Kaufhaus.

„Da ist es viel zu hell. Sie werden uns sehen“, protestierte sie.

„Eben.“

Der Hall schwerer Stiefel kam donnernd auf sie zu. Es blieben nur Sekunden, bis die Verfolger bei ihnen wären. Das vom Schnee glatte Kopfsteinpflaster würde sie ein wenig aufhalten, aber nicht lange. Alexej schob die junge Frau gegen eines der Arkadenschaufenster.

Sie wehrte sich.

„Legen Sie Ihre Beine um meine Hüften.“

Entsetzt sah sie ihn an. „Lassen Sie mich los! Sie wollen mir überhaupt nicht helfen …“

„Wie Sie meinen, meine Schöne.“ Er trat einen Schritt zurück. „Viel Glück.“

„Nein, warten Sie!“

Alexej blieb stehen, und die Frau atmete tief durch. „Okay, was soll ich tun?“, fragte sie.

„Wir spielen ein Liebespaar!“ Ungerührt lächelnd drückte er sie wieder gegen die Schaufensterscheibe und löste ihren Pferdeschwanz. „Legen Sie Ihre Beine um meine Hüften.“ Sie umarmte ihn. Alexej umfasste ihre Oberschenkel, hob sie hoch und presste sich gegen sie. Sein langer Mantel verhüllte sie beide. Wenn sie es richtig anstellten, würde es so aussehen, als hätten sie Sex. Also drängte er sich noch stärker gegen ihre intimste Stelle, und die Amerikanerin unterdrückte ein leises Stöhnen. Der Laut ging ihm durch und durch wie ein Schluck Wodka, und seine körperliche Reaktion kam unmittelbar, sosehr er sich auch dagegen wehrte. Mist!

Die Amerikanerin war zierlich, fühlte sich gut an und roch wie der Sommer im Ural – nach Blumen, Sonnenschein und kühlem Wasser. Ihr Duft weckte Erinnerungen, Gefühle … Die kann ich mir nicht leisten, dachte Alexej ärgerlich. Sie machten schwach, und man konnte an ihnen zerbrechen.

Der Hall der donnernden Stiefel kam näher.

„Küssen Sie mich“, stieß er hervor, „ und zwar richtig, damit es echt aussieht.“

Paige Barnes sah erstaunt zu dem dunkelhaarigen Fremden hoch, der sie so vertraut an sich drückte. Du liebes bisschen, wie war sie nur in diesen Schlamassel geraten? Sie hätte sofort zu Chad gehen sollen, als Emma nicht aufgetaucht war. Aber zuerst hatte sie gedacht, ihre Schwester habe sich nur in der Zeit vertan. Außerdem wollte Paige ihren Chef nicht belästigen, nachdem er ihr netterweise erlaubt hatte, Emma mit auf diese Geschäftsreise zu nehmen.

Attraktiv, reich und charmant – Chad Russell war einer der begehrtesten Junggesellen in Dallas, und Paige war seine Sekretärin, zumindest während dieser Reise. Seine Chefsekretärin durfte wegen eines erhöhten Thromboserisikos nicht fliegen. Also musste sie jemand vertreten, und obwohl es Kolleginnen mit mehr Berufserfahrung gegeben hätte, war seine Wahl auf Paige gefallen. Sie war begeistert gewesen und wild entschlossen, ihr Bestes zu geben.

Seitdem sie vor zwei Jahren bei „Russell Tech“ angefangen hatte, schwärmte sie für ihren Chef. Er musste sie nur einmal anlächeln, und sie bekam weiche Knie. Bisher hatte sie allerdings geglaubt, keine Chancen bei ihm zu haben. Doch seit Kurzem sah es beinahe so aus, als ginge sein Interesse an ihr über das Berufliche hinaus. Er hatte sie zweimal zum Mittagessen eingeladen und sich nach ihrem Privatleben erkundigt – nach ihrer Schwester und vielen anderen Dingen gefragt, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten.

Paige bemühte sich zwar, nicht zu viel in sein Verhalten hineinzuinterpretieren, doch heute Abend hatte sie es zugelassen, dass ihre Gefühle ihren gesunden Menschenverstand ausschalteten. Sie hätte ihrem ersten Impuls folgen und Chad um Hilfe bitten sollen. Aber sie war so sehr daran gewöhnt, ihre Probleme selbst zu lösen, dass sie ihr mulmiges Gefühl ignorierte und beschloss, Emma auf eigene Faust zu suchen. Jetzt, in dieser intimen Umarmung mit dem Fremden, hätte sie sich dafür ohrfeigen können.

„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte der Mann mit tiefer, volltönender Stimme. Sein Akzent war nicht stark, aber eindeutig russisch.

Als er sie jetzt noch fester an sich drückte, kehrte Paige mit ihren Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Sie musste Emma finden. Aber vorher musste sie diese Situation meistern und wohl oder übel tun, was der Fremde von ihr verlangte. Ein zweites Mal würde sie ihren Verfolgern sicher nicht entkommen.

Nicht, dass sie gewusst hätte, was die Männer von ihr wollten. Nach dem Verlassen des Hotels hatte sie sich verlaufen und war dann auf diese Gruppe Betrunkener gestoßen, die nicht besonders hilfsbereit waren. Zumindest nicht ohne Gegenleistung. Paige erschauerte, wenn sie daran dachte, wie der blonde Riese mit den fleischigen Händen gelallt hatte, dass er ihr helfen würde, wenn sie ihn küsste.

Dabei hatte er gelacht, und die anderen waren mit eingefallen. Es klang furchtbar. Aber erst als der Mann sie gepackt hatte, hatte sie geschrien. Sie hatte ihm zwischen die Beine getreten und war davongelaufen, als die anderen ihm zur Hilfe geeilt waren.

Warum sie jetzt glaubte, dass dieser Fremde ihr mit seiner intimen Umarmung tatsächlich helfen würde, konnte sie nicht sagen. Zumindest war ihre Reaktion auf ihn positiv. Ihr Herz schlug wie verrückt, und ihre Nervenenden prickelten.

Paige wollte ihn näher kennenlernen, seinen Namen erfahren, fragen, warum er ihr half, aber es blieb keine Zeit dafür. Der Hall der schweren Stiefel kam näher. Mit seinen eisgrauen Augen sah der Fremde sie an und wartete darauf, dass sie seiner Aufforderung nachkam. Rasch schloss Paige die Augen und küsste ihn auf die Lippen. Im selben Moment verspürte sie den unbändigen Wunsch, mit ihm zu verschmelzen. Dazu gab es absolut keinen Grund. Um diese Typen zu täuschen, musste es nur so aussehen, als ob sie sich innig küssten.

Aber der Fremde strich mit der Zunge über ihre Lippen, bis sie den Mund bereitwillig öffnete. Während er sie küsste, schlug Paiges Herz wie wild. Ihre Knie hätten mit Sicherheit nachgegeben, wenn er sie nicht längst hochgehoben und gegen die Schaufensterscheibe gedrückt hätte. Er schmeckte nach Brandy und Minze und war so männlich und stark, dass sie sich förmlich nach ihm verzehrte.

Paige war entsetzt: Seit zwei Jahren beherrschte Chad ihre sexuellen Fantasien. Trotzdem hätte sie sich jetzt am liebsten in der Umarmung des Fremden verloren, um herauszufinden, welchen Zauber er auf sie wirken lassen konnte, wenn sie allein wären. Dabei wusste sie von körperlicher Liebe, Lust und Begehren nicht viel. In den vergangenen acht Jahren hatte sie genau ein sexuelles Erlebnis gehabt – und das war nicht der Rede wert gewesen. Wenn man mit achtzehn Erziehungsberechtigte einer Elfjährigen wird, die Ausbildung beenden und irgendwie Geld zum Lebensunterhalt beschaffen muss, blieb nicht viel Zeit für Rendezvous oder gar Beziehungen.

Trotzdem war Paige in ihrem Leben ein paar Mal geküsst worden, aber kein Kuss war auch nur annähernd so gewesen wie dieser. Er rief unglaubliche Reaktionen in ihr hervor. In ihrem Bauch wurde es ganz warm, und sie entbrannte lichterloh für diesen Mann und hätte am liebsten sofort mit ihm geschlafen. Gleich darauf überlegte sie erschrocken, wie sie ausgerechnet in diesem Moment an so etwas denken konnte.

Da stöhnte er und drückte sie noch fester an sich, und dann geriet ihr Kuss völlig außer Kontrolle, und die Fantasie ging mit ihr durch. Paige war nicht mehr sie selbst, nicht mehr die langweilige Sekretärin, die für einen Mann schwärmte, den sie ohnehin nicht haben konnte. Sie war auch nicht mehr die verantwortungsbewusste große Schwester, die sich um alles kümmerte. Sie war sinnlich, verführerisch und heiß auf Sex. Sie nahm ihr Schicksal selbst in die Hand und lebte in einem internationalen Umfeld, in dem Intrigen und die Gefahr für Leib und Leben an der Tagesordnung waren. Sie führte ein aufregendes Leben voller Leidenschaft, schlief mit russischen Männern, die küssen konnten, dass einem Hören und Sehen verging und …

Plötzlich waren ganz in der Nähe Stimmen zu hören, und Paiges aufregender Traum zerplatzte wie eine Seifenblase. Jemand stieß einen anerkennenden Pfiff aus, und ihr blieb vor Schreck beinahe das Herz stehen.

„Keine Angst“, flüsterte der Fremde Wange an Wange mit ihrer, damit die Verfolger ihr Gesicht nicht sahen. „Sie werden gleich verschwinden.“

Gleich darauf liebkoste er ihr Ohrläppchen mit seinen Lippen, und Paige erschauerte – diesmal vor Lust.

„Wie heißen Sie?“, fragte er. Sie dachte: Was für eine Frage! Er war ihr so unendlich nah. Seine Lippen strichen über ihre Haut. Zwischen ihren Beinen spürte sie seine Erregung, und er wusste nicht einmal, wie sie hieß? Wäre die Situation nicht so verrückt gewesen, hätte Paige gelacht.

Jetzt bewegte er die Hüften. Die Berührung ging ihr durch und durch. Wenn er so weitermachte, dann …

„Wie heißen Sie?“, wiederholte er.

„Paige“, konnte sie gerade noch flüstern, bevor er sie wieder küsste.

Das Pfeifen wurde lauter. Jemand sagte etwas im Befehlston, und die Männer blieben stehen. Wieder ertönte die Stimme, diesmal noch lauter und strenger und am Ende des Satzes fragend erhoben. Paige spürte, wie der Fremde erstarrte. Entsetzt begriff sie, was das bedeutete: Der Kerl sprach mit ihnen und wartete auf eine Antwort. Unwillkürlich hielt sie den Atem an.

„Stöhnen!“, raunte ihr der Fremde zu.

Mit seinem Akzent klang die Aufforderung noch eindringlicher, wurde die Bedeutung des Wortes noch sinnlicher. Doch Paige wusste nicht, wie man vor Lust stöhnte.

Als der Fremde ihre Schenkel umklammerte, begriff sie, dass auch er die Situation als gefährlich einschätzte. Dadurch kam ihr die Gefahr noch größer, noch realer vor. Wenn die Männer sie erkannten, hätte er als Einzelner keine Chance gegen sie. Also drückte sie ihr Gesicht an seinen Hals und stöhnte, so gut sie konnte. Doch es klang wenig überzeugend.

„Lauter“, flüsterte er ihr ins Ohr und drängte sich noch mehr an sie. Sie spürte ihn zwischen ihren Beinen, und als sie jetzt stöhnte, klang es verdammt echt. Während er mit einer Hand ihre Wange streichelte, küsste der Fremde sie wieder. Sein Kuss war warm, fest und fordernd. Paige spielte mit dem Pelzbesatz seiner Mütze im Nacken, bevor sie ihm die Finger ins Haar schob.

Der Mann presste sich wieder gegen ihre empfindsamste Stelle und löste damit einen Gefühlsrausch in Paige aus, der ihr völlig neu war. Sie waren nicht einmal nackt, und trotzdem war sie kurz vor dem Höhepunkt.

Wieder stöhnte sie, und als er seine Hand auf ihre Brust legte, hielt sie erwartungsvoll den Atem an. Mit dem Daumen strich er über eine ihrer Brustwarzen, die längst fest und hart war. Er gab einen anerkennenden Laut von sich, der Paige durch und durch ging. Wenn er so weitermachte, würde sie jeden Moment den Gipfel der Lust erreichen. Das sollte eigentlich nicht passieren, nicht so, und doch …

Unvermittelt beendete der Fremde den Kuss und rückte ein wenig von ihr ab. Er hielt sie immer noch fest, schmiegte sich aber nicht mehr an sie. Paige wurde heiß und kalt, aber der Mann schien völlig unbeeindruckt von dem, was gerade zwischen ihnen passiert war.

Dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie einander so nah gekommen waren, und in ihre Verwirrung über die plötzliche Unterbrechung mischte sich Panik. Wollte er sie doch ihren Verfolgern überlassen? Rasch warf sie einen Blick über seine Schulter.

„Sie sind weg.“ Er löste sich von ihr.

Ohne seine Umarmung war ihr plötzlich furchtbar kalt, und sie zitterte so sehr, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.

„Danke“, sagte sie merkwürdig enttäuscht, weil sie den Höhepunkt so kurz vor dem Ziel doch nicht erreicht hatte. Immer noch spürte sie die Nachwehen dieser ungewöhnlichen Situation: zu viel Adrenalin und unerfülltes Verlangen.

„Wir müssen jetzt gehen.“

Paige blickte erstaunt zu ihm hoch und sah ihn das erste Mal richtig an. Vorher war sie so darauf konzentriert gewesen, ihren Verfolgern zu entkommen, dass sie von dem Fremden kaum etwas wahrgenommen hatte. Dafür nahm sie seinen Anblick jetzt umso intensiver in sich auf: jeden Gesichtszug, jedes noch so kleine Fältchen. Er sah überraschend gut aus. In Hollywood hätte man ihn mit der Rolle des Playboys und bösen Jungen besetzt. Nur dass er überhaupt nichts Jungenhaftes an sich hatte.

Unter der Mütze sah sein Haar hervor, das wahrscheinlich braun war, aber bei den Lichtverhältnissen schwarz wirkte. Seine Gesichtszüge waren klassisch, so wie Künstler sie schon seit Jahrhunderten in Marmor bannten. Seine Lippen waren voll und sinnlich, das Kinn ausgeprägt, der Blick eiskalt: Diesem Mann entging nichts.

Und gerade hatte er gesagt, dass sie jetzt gehen müssten. Zusammen.

Verwirrt und unschlüssig wich Paige einen Schritt zurück. Sie hatte schon zu viele Fehler gemacht. Ohne zu überlegen, hatte sie das Hotel verlassen und wäre beinah vergewaltigt worden.

„Ich bin Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar und würde mich freuen, wenn Sie dafür eine Belohnung annehmen würden. Aber wenn Sie glauben, dass ich mit Ihnen irgendwohin gehe, um da weiterzumachen, wo wir aufgehört …“

„Sie bilden sich zu viel ein, Paige“, sagte er mit versteinerter Miene. „Sie kommen jetzt besser mit mir mit, wenn Sie Ihren Verfolgern nicht doch noch in die Hände fallen wollen. In fünf Minuten sind die nämlich wieder da, sobald sie festgestellt haben, dass Sie nicht in der Metro oder in irgendeinem Club sind, der noch offen hat.“

„Ich gehe zurück in mein Hotel. Das ist gleich die Straße runter.“

„Da sind Sie auch nicht sicher.“

„Mein Chef ist da, und er kann mir helfen.“

„Nein, es ist sicherer, wenn Sie jetzt mit mir mitkommen.“

Langsam wurde Paige ärgerlich. Was fiel dem Kerl ein? Und was meinte er damit, dass sie in ihrem Hotel nicht sicher wäre? Dort war es garantiert sicherer als in seiner Nähe – zumindest für sie. „Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, aber meine Schwester ist weg, und ich glaube, Chad ist der Einzige, der mir da weiterhelfen kann.“

„Chad?“ Er kam einen Schritt auf sie zu und wirkte plötzlich sehr angespannt. „Chad Russell ist Ihr Chef?“

Erstaunt sah Paige ihn an. „Sie kennen Chad?“

Sein Lachen klang nicht freundlich. „Und ob ich Chad Russell kenne, meine Schöne. Und jetzt begleiten Sie mich besser, wenn Sie diese Nacht überleben wollen.“

Wieder zitterte Paige. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

Er sah sie an, als würde er sie jeden Moment packen, damit sie ihn begleitete – wohin auch immer. Aber dann zuckte er nur die Schultern. „Es ist Ihr Leben. Tun Sie, was Sie wollen.“

„Aber warum bin ich allein nicht sicher?“, fragte sie mit klopfendem Herzen.

Der Fremde verzog verächtlich den Mund. „Nachts ist es in keiner Großstadt sicher, und schon gar nicht in Moskau. Aber das wissen Sie ja inzwischen aus eigener Erfahrung.“

Damit hatte er natürlich recht. In Dallas würde sie um diese Uhrzeit bestimmt nicht mehr allein herumlaufen. „Ich kann Sie dafür bezahlen, wenn Sie mich zum Hotel zurückbringen.“

Über diesen Vorschlag lachte er so laut, dass Paige errötete. Hatte sie ihn irgendwie beleidigt? Was für eine merkwürdige Nacht!

„Kommen Sie mit mir, oder lassen Sie es. Das liegt ganz bei Ihnen.“ Er drehte sich um und ging. Unschlüssig stand Paige da und überlegte angestrengt, was sie tun sollte.

Vielleicht würde sie es allein zurück zum Hotel schaffen. Dazu müsste sie den Roten Platz überqueren und die Straße entlanggehen, die parallel zur Moskwa verlief. Es war ein langer, dunkler Weg, und es war kalt.

Sie würde einfach rennen. Dabei würde ihr warm werden, und sie wäre in zehn Minuten da. Vielleicht war Emma inzwischen zurück. Und wenn nicht, würde Chad ihr helfen.

Da drangen durch die Dunkelheit Männerstimmen an ihr Ohr. Sie sprachen ziemlich laut Russisch, und hin und wieder lachte einer. Paige wusste nicht, ob es die Männer von vorhin waren. Aber wollte sie sich tatsächlich noch einmal dieser Gefahr aussetzen?

Sie drückte die Fingerspitzen gegen die Schläfen, um besser nachdenken zu können. Was tat sie hier überhaupt? Warum hatte sie gedacht, sie könnte Emma auf eigene Faust wiederfinden? Sie sprach kein Russisch, und manchmal verstand sie es nicht einmal, wenn jemand mit einem starken Akzent Englisch mit ihr sprach. Blinzelnd hielt sie Ausschau nach ihrem Retter. Aber auch er war ein Fremder. Wie konnte sie einem Mann vertrauen, den sie nicht kannte?

Die Stimmen wurden lauter. Paige stand immer noch vor dem Kaufhaus. Bei der Frage, ob sie auf diese Männer treffen oder lieber den Fremden begleiten wollte, wurde ihr etwas klar: Sie hatte keine Wahl.

Also rannte sie los.

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