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Líebesreíse ín díe Karíbík

Emma Darcy

Líebesreíse ín díe Karíbík

Entscheídung auf Tortola

1. KAPITEL

Die große Schar einheimischer Kinder, die ins Hotelfoyer strömte, fiel Adam Cazell zuallererst auf – ein höchst ungewohntes Bild, da es Cocktailstunde war und das Raffles Hotel „Le Royal“ als Mekka der reichen Touristen in Phnom Penh galt. Adam hielt auf dem Weg zur berühmten Elephant Bar inne, wo er mit dem Rest seiner Gruppe verabredet war, und beobachtete amüsiert die fröhlich schwatzenden Kinder in ihren schwarzen Hosen und weißen Jacken.

Dann bemerkte er die Frau, die die Kleinen vor sich her scheuchte. Sie ließ Adam wie angewurzelt stehen bleiben. Ihre Schönheit raubte ihm den Atem, beschleunigte seinen Puls und löschte jeden anderen Gedanken aus.

Heller, makelloser Teint, schimmernd wie Perlmutt.

Glattes, seidig glänzendes schwarzes Haar, das ihr bis über die Taille fiel.

Exotische samtschwarze Augen, mandelförmig und von langen, dichten Wimpern umrahmt.

Fein geschwungene Augenbrauen, die das herzförmige Gesicht betonten.

Eine gerade, schmale Nase über dem sinnlichsten Mund, den Adam je gesehen hatte, volle rosige Lippen, die keinerlei kosmetischer Hilfsmittel bedurften. Soweit er es erkennen konnte, trug sie kein Make-up.

Ein wahres Kunstwerk der Natur.

Im Gegensatz zu den Kindern kam sie eindeutig nicht aus Kambodscha.

Sie war groß, schlank und besaß eine angeborene Anmut. Adam hatte nicht die leiseste Ahnung, aus welchem Land sie stammte und welche Gene in ihr vereint waren. Er wusste nur, dass er noch nie jemandem wie ihr begegnet war. Unter all den hinreißenden Frauen, die seine Bekanntschaft suchten, konnte sich keine mit ihr vergleichen, und da er einer der wenigen Multimillionäre im besten Alter war, hatte er ganze Heerscharen von Schönheiten getroffen.

Er konzentrierte sich darauf, sie mit purer Willenskraft dahingehend zu beeinflussen, dass sie in seine Richtung schaute.

Vergeblich.

Sie sprach mit den Kindern, die ihr so andächtig lauschten, als wäre sie eine Göttin, der es zu huldigen galt.

„Gütiger Himmel!“ Der erstaunte Ausruf kam von seiner derzeitigen Begleiterin Tahlia Leaman. Sie hakte sich bei ihm unter. „Das ist ja Rosalie James!“

Als er Tahlia verlassen hatte, war sie damit beschäftigt gewesen, sich im Bad das lange blonde Haar zu föhnen – eine langwierige Angelegenheit, die seine Geduld stets aufs Äußerste strapazierte.

Sie hob den freien Arm und winkte. „Hallo, Rosalie!“

Der Gruß bewirkte ein leichtes Stirnrunzeln, einen kurzen Blick – die dunklen Augen sahen an Adam vorbei –, ein flüchtiges Nicken in Tahlias Richtung, und das war’s. Nicht mehr als eine lästige Unterbrechung ihrer Unterhaltung mit den Kindern.

„Ist wohl wegen ihrer Kinderstiftung hier“, meinte Tahlia. „Komm, Liebling, die anderen warten wahrscheinlich schon in der Bar auf uns.“

Es irritierte ihn, dass die Frau von ihm nicht einmal Notiz genommen hatte. Dabei hob er sich allein durch seine Größe von knapp eins neunzig von der Masse ab, ganz zu schweigen von seiner breitschultrigen, athletischen Gestalt und dem markanten Gesicht, das die meisten Frauen attraktiv fanden. Für seine achtunddreißig Jahre hatte er sich gut gehalten. Sein dunkelbraunes, an den Schläfen leicht angegrautes Haar verlieh ihm etwas Respektables. Nein, er war es nicht gewöhnt, von irgendjemandem ignoriert zu werden!

„Wer ist Rosalie James?“, erkundigte er sich.

Sie zog ungläubig die Brauen hoch. „Das weißt du nicht?“

„Wenn ich es wüsste, würde ich wohl kaum fragen.“ Er wollte Informationen und kein Geschwätz.

Tahlia seufzte. „Nur die Königin des Laufstegs für alle wichtigen Designer in Europa und Amerika, das perfekte Model, um das sich alle reißen. Der Rest von uns steht nicht einmal zur Diskussion, wenn Rosalie James verfügbar ist.“

„Schwingt da so etwas wie Neid mit?“

„Es ist die schlichte Wahrheit. Man kann einfach nicht neidisch auf sie sein, obwohl ihr die Spitzenjobs hinterhergetragen werden. Wenn sie nicht posiert, rackert sie sich für Waisenkinder ab. Ich wette, dass sie einen Großteil ihrer Gagen in die Stiftung steckt. Sie zeigt sich kaum in der Gesellschaft und verabscheut Partys.“ Tahlia warf ihm einen koketten Seitenblick zu. „Sie ist nicht dein Typ, Adam.“

„Nein.“

Gemeinsam gingen sie in die Bar.

Die Erinnerung an Rosalie James ließ sich jedoch nicht verdrängen, ihr Bild hatte sich ihm unauslöschlich eingeprägt – eine Seltenheit, die ihn sowohl ärgerte als auch neugierig machte. Warum sollte eine schöne Frau ihre gesamte Freizeit der Wohltätigkeit widmen und zudem ihren Verdienst dafür opfern? Was trieb sie dazu?

Adam war ein Macher. Es beflügelte ihn, erfolgreiche Unternehmen aufzubauen, aber sobald sie Gewinn erwirtschafteten, begannen sie ihn zu langweilen. Seine jüngste Herausforderung war die Gründung einer neuen Fluglinie, und da er mit der Idee spielte, Billigflüge nach Südostasien zu organisieren, hatte er die Recherchen vor Ort mit dieser Vergnügungsreise verbunden.

Seiner Meinung nach hatte Kambodscha Touristen eine Menge zu bieten. Hier in Phnom Penh boten beispielsweise der Königspalast und die Silberpagode mit ihren berühmten Buddhas – einer war mit über neuntausend Diamanten verziert, ein anderer aus Kristall – so viele unglaubliche Kostbarkeiten, dass einem der Kopf schwirrte. Und ein Abstecher nach Angkor Vat, jenem berühmten Tempelkomplex aus dem zwölften Jahrhundert, lohnte sich in jedem Fall.

Adam hatte ein paar seiner Führungskräfte und deren Ehefrauen mitgebracht, und als er mit Tahlia die „Elephant Bar“ betrat, war seine Begleitung dort bereits versammelt und schwärmte von den Sehenswürdigkeiten von Angkor Vat. Er schickte Tahlia zu ihnen und ging an die Bar, um Drinks zu bestellen.

„Eine Gruppe von Kindern ist gerade ins Hotel gekommen“, sagte er zum Barmann. „Wissen Sie, warum?“

„Sie singen für eine Reisegruppe, die heute Abend am Swimmingpool das Dinner einnimmt. Es findet dort eine Tombola statt, der Erlös geht an ihr Waisenhaus. Miss James hat das kleine Konzert als Dankeschön organisiert.“

„Kennen Sie diese Miss James?“

Der Mann nickte lächelnd. „Die Kinder nennen sie den Engel. Sie singt auch wie einer. Sie tut hier viel Gutes für die Waisen.“

Adam stutzte. Der Engel. Sie war ihm nicht wie ein überirdisches Wesen erschienen. Sein Eindruck von ihr war äußerst real gewesen. Körperlich. Sinnlich. Sexuell. Daher war es noch frustrierender, dass sie seine Anwesenheit nicht registriert hatte. Keinerlei Anzeichen, dass sie ihn erkannt hätte. Selbst bei der Erwiderung von Tahlias Gruß hatte sie offenbar keinen Gedanken an den Begleiter ihrer Kollegin verschwendet.

Welche Frau nahm von solchen Dingen keine Notiz?

Die meisten Frauen seines Bekanntenkreises waren wie Schmetterlinge, die instinktiv den süßen Nektar des Geldes suchten. Wie Tahlia, zum Beispiel. Das gefragte Model genoss die Reise und seine Gesellschaft – solange sie eben dauerte. Adam betrachtete seinen Reichtum nicht als Lockmittel, sondern als Selbstverständlichkeit. Er schätzte es, die schönsten Frauen der Welt um sich zu haben, genauso wie sie sich an dem Luxusleben erfreuten, das er ihnen bieten konnte.

Für ihn war dieses Arrangement so natürlich, dass es eigentlich auf eine Frau mehr oder weniger nicht hätte ankommen sollen. Außer … Ignoriert zu werden hatte ihn in seinem Stolz getroffen, insbesondere da ihn jemand ignoriert hatte, den er genauso tief hatte beeindrucken wollen, wie er von ihr beeindruckt war. Ein vorübergehendes Ärgernis, redete er sich ein. Rosalie James lebte auf einem anderen Planeten als er. Ihr nachzustellen wäre absurd. Unproduktiv. In ihrer Welt zählten gute Taten eindeutig mehr als … sündhafte Vergnügungen.

Er versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, und plauderte mit seinen Managern über die Chancen, eine Flugroute von Saturn Airline nach Kambodscha einzurichten. Als sie sich jedoch von der Bar in den Speisesaal begaben, hörte er sie singen. Ihre Stimme – es konnte nur ihre sein – trug glockenhell und rein den Text eines melodischen Liedes vor. Einfach engelsgleich.

Keiner der Künstler, die er in den letzten Jahren für Saturn Records verpflichtet hatte, konnte sich auch nur annähernd mit dieser Stimme messen. Ein Schauer durchrann ihn. Rosalie James besaß das Zeug, zu einem Star in der Musikwelt aufzusteigen. Mit ihrem Aussehen, ihrem Talent …

Dann fielen die Kinder in den Chor ein. Sie sangen allerdings mehr mit Begeisterung als mit Musikalität und übertönten mit ihren sich fast überschlagenden Stimmen Rosalies Sopran.

Vergiss sie, ermahnte Adam sich.

Er hatte die Plattenfirma verkauft, um die Fluggesellschaft zu finanzieren.

Es versprach absolut keinen Profit, die Bekanntschaft mit Rosalie James zu erzwingen – weder auf persönlicher noch auf geschäftlicher Ebene.

Sechs Monate später sah Adam Cazell sie wieder.

Und war wieder einmal bezaubert von ihrer Schönheit.

Er war in der New Yorker Met. Es war der Premierenabend von Puccinis „Turandot“. Adam war kein großer Opernfan, aber seine derzeitige Gespielin hatte ihm die Teilnahme an diesem gesellschaftlichen Ereignis abgeschmeichelt. Sacha Rivken liebte Events, bei denen die Prominenz zusammenströmte, um zu sehen und gesehen zu werden. Und da ihre Affäre noch jung war, hatte er ihr gern diesen Wunsch erfüllt.

Zusammen mit einer Gruppe von Freunden saßen sie in einer Loge der berühmten Metropolitan Opera und genossen die knisternde Atmosphäre. Sacha hatte für sich und Adam Plätze in der ersten Reihe gesichert, damit sie einen ungehinderten Blick auf die Besucher der beiden Hauptlogen hatte, die der Bühne gegenüberlagen.

Die weiter entfernte Loge füllte sich zuerst. Sacha spekulierte gerade darüber, wer das angrenzende Abteil gemietet haben mochte, als die Gäste erschienen. Adam zuckte zusammen, als hätte ihn ein Schlag getroffen.

Rosalie James … Sie führte ihren Begleiter in die vorderste Reihe.

Das glänzende schwarze Haar war zu einer eleganten Hochfrisur aufgesteckt und entblößte einen hellen Schwanenhals, den ein atemberaubendes Collier aus Rubinen und Diamanten schmückte. An diesem Abend trug sie keine geschlechtslose weiße Jacke und schwarze Hose, sondern eine Kreation aus dunkelrotem Samt, die jede ihrer weiblichen Kurven liebevoll betonte. Der herzförmige Ausschnitt gab den verführerischen Ansatz ihrer Brüste frei. Ihre Haltung war hoheitsvoll. Sie wirkte hoheitsvoll. Hätte sie eine Tiara getragen, hätten sich die Leute gefragt, welcher königlichen Familie sie entstammen mochte.

Als sie ihren Platz am Ende der Reihe einnahm, blickte sie lächelnd zu dem Mann auf, der im Begriff war, sich neben sie zu setzen – ein großer Mann, dessen Statur Adams in nichts nachstand, ungefähr Ende dreißig, mit silbernen Strähnen im kastanienbraunen Haar. Er erwiderte das Lächeln, als würden sie eine besonders herzliche, intime Erinnerung teilen.

Adam hatte noch nie Eifersucht empfunden, doch in diesem Moment durchzuckte ihn der Zorn wie eine schwarze Woge. Wenn er Rosalies Begleiter durch pure Willenskraft in Stücke hätte zerreißen können, wäre der Mann binnen Sekunden zerfetzt worden. Sie hatte für ihn Platz in ihrem Leben – für einen Mann, der Adam äußerlich so ähnlich war. Adam fühlte sich betrogen und benachteiligt, jeder Muskel in seinem Körper verkrampfte sich vor Wut über die Grausamkeit des Schicksals.

„Da ist Rosalie James“, flüsterte Sacha entzückt. „Sie hat das Prunkstück der diesjährigen Ballavanti-Kollektion an. Ich wette, man hat es ihr für die Premiere zur Verfügung gestellt, damit der Designer noch mehr Publicity bekommt. Schau dir nur dieses Collier an! Garantiert eine Leihgabe von Bergoff. Muss ein Vermögen wert sein!“

Sie gibt also wirklich kein Geld für sich selbst aus, überlegte Adam. Es handelte sich auch um keine Geschenke eines Liebhabers, was ihn ein wenig besänftigte. „Wer ist der Mann neben ihr?“, fragte er, in der Hoffnung, einen Namen zu erfahren, der ihm mehr über ihren Geschmack verriet.

„Keine Ahnung. Ein ziemlicher Hüne. Sehr beeindruckend.“

Adam presste die Lippen zusammen.

„James … Ist sie mit dem Tenor verwandt, der heute sein Debüt gibt?“, erkundigte sich einer der Opernkenner in ihrer Gruppe.

Adam schlug das Programmheft auf, das er zuvor gekauft hatte. Der betreffende Sänger hieß Zuang Chi James. „Sie ist keine Chinesin“, meinte er ironisch.

„Du hast seine Biografie nicht gelesen, Adam“, konterte sein Freund. „Zuang Chi wurde zwar in China geboren, wurde dann aber von seiner Familie nach Australien geschmuggelt, weil er eine Chance bekommen sollte, seine Stimme zu schulen. Er wurde offiziell vom früheren australischen Botschafter in China und dessen Frau – Edward und Hilary James – adoptiert. Sie schickten ihn aufs Musikkonservatorium von Sydney, wo er ein Stipendium gewann und …“

„Hey! Rosalie James ist ebenfalls Australierin“, warf Sacha ein. „So abwegig ist die Verbindung gar nicht.“

Australierin? War das ihre Nationalität? Adam betrachtete sie eindringlich. Er konnte sich keine englischeren Namen vorstellen als Edward und Hilary, aber Rosalie wirkte weder englisch noch australisch. Und der Bursche mit dem rötlichen Haar neben ihr glich eher einem riesenhaften, streitlustigen Schotten. Ihre schmale zarte Hand verschwand in seiner, als die Lichter erloschen.

Adam durchlitt den ersten Akt der Oper, die ihm herzlich gleichgültig war. Er konnte Rosalie James und ihren Begleiter nicht aus seinen Gedanken verbannen, beide schienen vom Geschehen auf der Bühne wie gebannt. Sie blickte nicht einmal in die Richtung von Adams Loge. Wann immer Zuang Chi James sang, beugte sie sich vor und konzentrierte sich ganz auf den Tenor, als hätte sie ein persönliches Interesse an seiner Darbietung. War er ihr Adoptivbruder? Zumindest erntete er unter allen Künstlern den meisten Applaus von ihr.

Andererseits war es sein Debüt in der Met, ein Meilenstein in der Karriere jedes Opernsängers, und sogar Adam musste einräumen, dass er eine wundervolle Stimme hatte. Diese Tatsachen allein könnten ihren Enthusiasmus erklären. Schließlich sang sie selbst wie ein Engel, wenn auch nicht mit dem vollen Timbre einer ausgebildeten Sopranistin. Am Ende fiel Adam ein, dass die Einnahmen der Premiere einer wohltätigen Einrichtung zugute kommen sollten.

Deshalb war Rosalie James also hier.

Aus karitativen Gründen.

Wahrscheinlich waren die meisten Besucher ihrer Loge in der einen oder anderen Weise sozial engagiert, entweder als Leiter diverser Organisationen oder als großzügige Sponsoren. Allerdings war sie mit dem großen Mann neben ihr viel zu vertraut, als dass Adam ihn zu diesem Kreis gezählt hätte. Das allzu offensichtlich enge Verhältnis zwischen ihnen war ihm ein Dorn im Auge und Anlass wachsender Gereiztheit.

Er war froh, als der letzte Vorhang fiel.

Das anschließende Supper im „Four Seasons“ war mehr nach seinem Geschmack.

Drei Monate später kreuzten sich ihre Pfade erneut.

Unbeabsichtigt.

Unerwartet.

Mit der gleichen erstaunlichen Wirkung wie zuvor, aber mit einem großen Unterschied. Dieses Mal wurde Adam nicht von einer Frau begleitet. Und Rosalie James war allein.

Es war in England, an einem Sonntag im Hochsommer. Adam verließ sein Londoner Haus und freute sich darauf, mit seinem Aston Martin aufs Land zu fahren, um seine Tochter von Davenport Hall abzuholen, wo sie die erste Woche der Schulferien mit ihrer besten Freundin verbracht hatte, die zufälligerweise die Nichte des Earls of Stanthorpe war.

Adams Exfrau war entzückt über die Verbindung zur britischen Oberklasse. Ihre Tochter nach Roedean zu schicken war purer Snobismus von Sarah gewesen – Adam fand es lächerlich, aber nicht wichtig genug, um darüber zu streiten. Außerdem schien Cate dort glücklich zu sein und hatte sich bislang noch nie beklagt.

Sein einziges Kind aus seiner einzigen Ehe war gerade dreizehn geworden und überaus temperamentvoll. Er war stolz auf sie und genoss jede Minute, wenn sie bei ihm war. Sie hatten viel Spaß miteinander und amüsierten sich mit Beschäftigungen, die ihrer Mutter zuwider waren, wie zum Beispiel abenteuerlichen Spritztouren oder dem Sammeln neuer Erfahrungen.

Für Sarah gab es nichts anderes als England, woanders war sie einfach nicht glücklich, das hatte sie ihm bei der Scheidung drei Jahre nach der Hochzeit unmissverständlich klargemacht. Sie wollte nicht ihr Leben lang mit ihm um die Welt vagabundieren. Inzwischen war sie mit einem Parlamentsmitglied verheiratet, die perfekte Politikergattin und im Vorstand etlicher Wohltätigkeitseinrichtungen.

Adam wünschte ihr alles Gute. Es herrschte keine Verbitterung zwischen ihnen. Er hatte sie mehr als großzügig bei der Scheidung abgefunden und zahlte noch immer alles, was Sarah für Cate verlangte. Mit Geld erkaufte man sich Harmonie, das hatte er festgestellt. So konnte er seine Tochter bei sich haben, wenn er wollte. Nachdem er wegen Cates Sommerferien sämtliche Geschäftstermine verschoben hatte, kränkte es ihn allerdings ein wenig, dass sie es vorgezogen hatte, die erste Woche mit ihrer besten Freundin zu verleben. Hatte sie in der Schule nicht schon genug Gesellschaft von Celeste? Oder war Davenport Hall eine so große Attraktion?

Da man ihn zum Lunch eingeladen hatte, damit er Celestes Familie kennen lernte, bevor er mit Cate aufbrach, begutachtete Adam das Anwesen bei seiner Ankunft besonders gründlich. Er passierte das Tor und fuhr eine lange Allee entlang, deren hohe Bäume mit ihren Ästen einen sonnengesprenkelten Tunnel bildeten. Irgendwie hatte er dabei das sonderbare Gefühl, in eine Zeitschleife geraten zu sein.

Cate hatte ihm erzählt, dass das Herrenhaus über vierhundert Jahre alt sei, und die mächtigen Baumstämme deuteten auf ein ähnliches Alter hin, obwohl das frische grüne Laub von der Beständigkeit des Lebens zeugte. Die Straße mündete in einer kreisrunden Auffahrt, in deren Mitte ein massiger Steinbrunnen plätscherte. Dahinter erhob sich ein imposantes, dreistöckiges Gebäude, dessen Fassade mit Efeu überwuchert war.

Der Eindruck von Solidität und Dauerhaftigkeit war überwältigend. Dies war also seit fast einem halben Jahrtausend das Heim der Earls von Stanthorpe. Adam besaß keine so tiefen Wurzeln, aber er spürte die Faszination und die Geborgenheit, die sich aus dem Wissen ergab, dass sich nichts jemals ändern würde. Strahlte dieser Ort einen besonderen Zauber aus, der Cate fesselte? Oder war sie bereits zu stark von Sarahs Wertvorstellungen geprägt?

An der Vordertür wurde er von einem alten Butler begrüßt, der der Familie vermutlich seit Jahrzehnten diente. Nachdem er seinen Namen genannt hatte, wurde Adam in eine geräumige Halle gebeten. Ein breiter roter Läufer teilte den schwarz-weiß gefliesten Boden. Von den Wänden blickten die Porträts zahlreicher früherer Earls mit strengen Mienen auf den Besucher herab. Plötzlich durchzuckte Adam der Gedanke, dass er die Last eines solch gewaltigen Erbes nicht gern tragen und ein Leben lang an einen Platz gefesselt sein würde.

Als er jedoch in einen elegant möblierten Salon von imposanten Ausmaßen geleitet wurde, bekam er einen Eindruck von der verführerischen Macht alten Besitzes. Es gab drei Sitzgruppen, bestehend aus Sofas, Sesseln und Tischen, eine davon direkt vor einem massiven Marmorkamin, in dem allerdings kein Feuer brannte. Strahlender Sonnenschein fiel durch eine Reihe von sechs Fenstern am Ende des Zimmers, wo ein Mann und eine Frau sich lächelnd von einer anderen Polstergruppe erhoben.

„Mr. Adam Cazell, Mylord“, verkündete der Butler.

Der Earl of Stanthorpe war groß und schlank, aber ohne das blutarme Flair, das Adam stets mit Aristokraten verband. Er hatte intelligente dunkle Augen und einen kräftigen Händedruck. „Hugh Davenport“, stellte er sich zwanglos vor. „Es ist mir ein Vergnügen, Cates Vater kennen zu lernen. Dies ist meine Frau Rebel.“

Ein sonderbarer Name für eine Dame des Establishments, und sie war zweifellos eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit – lockiges schwarzes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, leuchtende braune Augen, ein markantes Kinn und ein warmherziges, gewinnendes Lächeln.

Adam erwiderte das Lächeln und begrüßte die Gastgeberin.

„Sie hatten hoffentlich eine angenehme Reise von London, Mr. Cazell?“

„Adam.“

„Danke.“ Ihr Lächeln bekam eine verschmitzte Note. „Ich habe gelernt, dass man hier in England vorsichtig ist, was den spontanen Gebrauch von Vornamen betrifft. Da ich aus Australien stamme, kann ich alte Gewohnheiten nur schwer ablegen.“

Ein waschechter englischer Earl, der mit einer Australierin verheiratet war? War er am Ende auch ein Rebell?

„Bitte setzen Sie sich.“ Sie deutete auf einen Sessel. „Die Kinder sind mit den Hunden draußen und müssten gleich wieder zurückkommen.“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als Cate in den Raum stürmte. „Hallo, Dad! Ich habe deinen Wagen in der Auffahrt gesehen.“

Celeste folgte Cate auf den Fersen, zusammen mit zwei Yorkshireterriern. „Wir haben uns beeilt, aber Sie waren schneller, Mr. Cazell. Fluffy und Buffy, seid still!“

Der Befehl beeindruckte die Hunde nicht im Mindesten. Sie betrachteten Adam als einen Eindringling in ihrem Revier und kläfften ihn an.

Zwei kleine Jungen rannten an den Mädchen und den Hunden vorbei und blieben abrupt stehen, als sie Cates Vater bemerkten. Sie beäugten ihn von Kopf bis Fuß, bevor der Ältere – Adam schätzte ihn auf ungefähr fünf – fast ehrfürchtig meinte: „Er ist so groß wie Onkel Zachary, Mum.“

Rebel lachte.

Dann kam Rosalie James herein.

Sie sah ihn direkt an.

Und Adam hatte das dunkle Gefühl, dass die Zeitschleife aus dem Blättertunnel ihn eingeholt hatte.

2. KAPITEL

Dies war also Adam Cazell … Cates Vater … Wie ihr Neffe soeben gesagt hatte, so groß wie Zachary Lee, aber wie war es um sein Herz bestellt? Aus Gesprächen mit seiner Tochter hatte Rosalie den Eindruck gewonnen, dass Adam Cazell Cate davon nicht genug schenkte, deren Unzufriedenheit mit ihrem häuslichen Leben allzu offensichtlich war. Celeste hielt den Vater ihrer besten Freundin für „hinreißend“, doch das hing mehr mit ihrem Bild von ihm als kühnen, millionenschweren Geschäftsmann zusammen, der über eine enorme Kaufkraft verfügte.

Ein facettenreicher Mann, dachte Rosalie, wenn man seine erstaunlichen Erfolge betrachtete, aber aus der Nähe …

Plötzlich trafen sich ihre Blicke. In den Augen des großen Mannes lag so viel Machtbewusstsein, dass ihr der Atem stockte und ein sonderbarer Schauer über den Rücken rann. Silbergraue Augen – wie Stahl – durchdrangen die Abwehrmauern, die sie vor langer, langer Zeit um sich errichtet hatte. Tapfer erwiderte sie seinen Blick, außer Stande zu irgendeiner anderen Reaktion. Sie spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen.

Hugh rettete sie, indem er die Jungen zu sich heranzog. „Dies sind meine Söhne Geoffrey und Malcolm.“

Während Adam Cazell gezwungen war, die beiden anzuschauen und etwas Passendes zu äußern, hatte Rosalie Gelegenheit, sich wieder zu fangen, bevor sie vorgestellt wurde.

„Und das ist Rebels Schwester, Rosalie James.“

Die Höflichkeit verlangte, dass sie seine Hand berührte. Er umfasste die ihre, schloss seine starken Finger, als wollte er ihr seinen Stempel aufdrücken und Besitzansprüche anmelden. Als wollte er nicht nur ihre Hand, sondern ihren ganzen Körper nehmen.

Widerwillen regte sich in ihr.

Niemand nahm sie. Niemand!

„Ihre Schwester?“ Erstaunt über den Verwandtschaftsgrad sah er stirnrunzelnd zwischen Rebel und Rosalie hin und her.

„Keine Ähnlichkeit“, sagte sie trocken.

„In Rebels Familie wurden alle adoptiert, Mr. Cazell“, warf Celeste ein. „Kinder aus der ganzen Welt. Rebel ist Australierin.“

„Und Sie?“, fragte er Rosalie.

Der Instinkt riet ihr, ihm private Informationen zu verweigern. Sie ahnte allerdings, dass er gnadenlos nachhaken würde.

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