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Entführung nach Florenz

Margaret McDonagh

Entführung nach Florenz

1. KAPITEL

Dr. Ruth Baxter atmete erleichtert auf, als sie ihr Ziel erreichte. Nur leider war der einzige freie Parkplatz am weitesten vom Eingang des Hotels entfernt. Zu allem Unglück war sie, nachdem sie in der Nacht Bereitschaftsdienst gehabt und nur wenig geschlafen hatte, auch noch länger als geplant unterwegs gewesen, denn an diesem Montagmorgen hatte überall dichter Verkehr geherrscht. So kam sie nun zu der zweitägigen Tagung zu spät.

Ruth nahm ihr Gepäck aus dem Wagen und eilte zu dem großen Gebäude, das auf einem weitläufigen Grundstück an der Morecambe Bay lag. Während der Himmel zu Hause in Strathlochan grau gewesen war und es an der Grenze zu England in Strömen gegossen hatte, schien hier an diesem herrlichen Maimorgen die Sonne.

Auf dem Weg zum Eingang ließ Ruth die Ereignisse der vergangenen vier Wochen Revue passieren. Wegen eines neuen Patienten hatte sie übers Internet Kontakt zu dem bekannten Immunologen und Allergologen Dr. Riccardo Linardi aufgenommen. Dieser hatte ihr nicht nur per E-Mail mit Rat und Tat zur Seite gestanden, sondern sich fachlich mit ihr ausgetauscht und sie schließlich zu dieser Tagung eingeladen.

Über ihn persönlich wusste sie lediglich, dass er aus den USA anreiste. Und nun würde sie ihn kennenlernen. Da sie sich Chancen auf ein inoffizielles Bewerbungsgespräch und eine berufliche Veränderung ausrechnete, war sie sehr gespannt auf die nächsten beiden Tage.

Als sie das Hotel betrat und zum Empfang ging, teilte die freundliche Angestellte ihr mit, dass sie das Kennenlernfrühstück verpasst hätte.

„Der erste Vortrag hat gerade angefangen, aber Sie sind nicht die Einzige, die sich verspätet hat. Wir erwarten noch mehr Teilnehmer“, versicherte sie. „Soll ich Ihr Gepäck in Ihr Zimmer bringen lassen? Dann können Sie gleich zum Vortrag gehen.“

„Ja, gern, vielen Dank.“ Lächelnd nahm Ruth ihren Zimmerschlüssel und die Tagungsunterlagen entgegen, bevor sie den Schildern zum Vortragsraum folgte. Am Morgen hatte sie nur eine Banane gegessen und eine Tasse Kaffee getrunken, doch nun würde sie bis zur Pause warten müssen.

Sie atmete tief durch, um die Nervosität zu bekämpfen, die sie immer befiel, wenn sie Leuten gegenübertrat, die sie nicht kannte. Dann ging sie leise in den Raum, in dem über zweihundert Teilnehmer saßen und den Worten des grauhaarigen Mannes mit Brille lauschten.

Als sie einen freien Platz am Ende der dritten Reihe entdeckte, setzte sie sich schnell dorthin. Seinen Ausführungen nach zu urteilen, konnte es sich bei dem Redner nicht um Dr. Linardi handeln, denn dieser hatte in seinen E-Mails ganz andere Ansichten geäußert.

Ruth verkniff sich ein Lächeln. Das Bild, das sie sich in den letzten Wochen von Dr. Linardi gemacht hatte, war das eines väterlichen Typs, eines netten, vielleicht etwas exzentrischen Mannes, der von seinen Kollegen, Studenten und Patienten gleichermaßen geschätzt wurde.

Als sie in dem Programm zu blättern begann, stellte sie fest, dass Dr. Linardi nicht nur an diesem Nachmittag ein zweistündiges Seminar abhalten und am nächsten Tag die Abschlussrunde leiten, sondern auch als Nächster sprechen würde. Sie war aufgeregt und ängstlich zugleich, denn gleich würde sie den Mann sehen, der sie in den letzten Wochen nachhaltig beeindruckt hatte und möglicherweise über ihre weitere berufliche Laufbahn bestimmen würde.

Sie wusste nicht, was sie erwartete, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Dr. Riccardo Linardi saß vorn im Tagungsraum am Podium und unterdrückte ein Gähnen, denn nach seiner zweimonatigen Vortragsreise durch die USA war er ziemlich erschöpft und sehnte sich nach seinem Zuhause. Allerdings musste er vor seiner Rückkehr nach Italien noch einigen Verpflichtungen nachkommen, und dazu gehörte auch die Teilnahme an dieser Tagung an der Küste von Lancashire.

Zu allem Überfluss hatte er Dr. Ruth Baxter dazu eingeladen, allerdings hatte sie ihn von Anfang an beeindruckt, als sie ihn per E-Mail um Rat zum Fall eines Patienten bat. Da Immundefekte schwer zu diagnostizieren waren, hatte ihn überrascht, dass Ruth, eine junge und offenbar noch unerfahrene Allgemeinmedizinerin, erkannt hatte, was erfahrenere Kollegen übersehen hatten, und diesem Verdacht hartnäckig nachgegangen war.

Da ihr Wissensdurst ihn faszinierte, hatte er in den letzten vier Wochen eine rege Korrespondenz mit ihr geführt und war erstaunt gewesen, wie viel sie sich in der kurzen Zeit angeeignet hatte. Bisher war er nur wenigen derart begabten Medizinern begegnet, und wenn sie ihn jetzt nicht enttäuschte, würde er ihr einen Job anbieten.

Als die Tür geöffnet wurde, wandte Rico den Kopf. Beim Anblick der Frau, die den Raum betrat und sich dann schnell auf einen freien Platz am Ende der dritten Reihe setzte, verflog seine Müdigkeit sofort.

Die Frau war wirklich atemberaubend – etwa Mitte bis Ende zwanzig, elegant und stilvoll, eine typische englische Schönheit. Das lange blonde Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern, und er stellte sich unwillkürlich vor, wie es seine nackte Haut fächelte oder auf einem Kissen ausgebreitet lag.

Vergeblich versuchte er, sich zusammenzureißen und den Blick abzuwenden, denn er hatte weder die Zeit noch die Muße für einen Flirt. Aber er betrachtete sie ja nur, wie er sich einredete. Es hatte nichts zu bedeuten, obwohl es schon lange her war, seit er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen war.

Schließlich gab er doch der Versuchung nach und widmete der schönen Fremden seine ganze Aufmerksamkeit. Obwohl sie Schuhe mit flachen Absätzen trug, war sie nur unwesentlich kleiner als er mit seinen ein Meter fünfundachtzig. Sie trug einen perfekt geschnittenen grauen Hosenanzug, der ihre weibliche Figur vorteilhaft betonte, und als sie die Jacke auszog und sich kurz umdrehte, um diese über den Stuhl zu hängen, erhaschte er einen Blick auf ihren wohlgeformten Po.

Unter der Jacke trug sie einen eng anliegenden dunkelgrünen Kaschmirpullover, der ihre kleinen festen Brüste und ihre schmale Taille hervorhob. Rico atmete scharf ein, als heißes Verlangen in ihm aufflammte, und schlug schnell die Beine übereinander.

Nachdem die Fremde sich gesetzt hatte, betrachtete er ihr Gesicht. Sie hatte ein energisches Kinn, und ihre fein geschwungenen, sinnlichen Lippen luden zum Küssen ein. Ihre schmale, gerade Nase, ihre hohen Wangenknochen und ihre geschwungenen Brauen machten sie zu einer klassischen Schönheit. Die Farbe der Augen konnte er aus dieser Entfernung nicht erkennen, aber er tippte auf Blau. Schon jetzt freute er sich auf die Pause, in der er hoffentlich Gelegenheit haben würde, nahe genug an die Frau heranzukommen, um es herauszufinden.

Als sie nun aufblickte und sich umsah, krauste sie leicht die Stirn und biss sich auf die Lippe – ein Beweis für ihre Nervosität, die im Widerspruch zu ihrem Auftreten stand. Mit angehaltenem Atem verfolgte Rico, wie sie den Blick über die Reihe der Redner auf dem Podium zu seiner Linken schweifen ließ.

Und tatsächlich sah sie ihn wenige Sekunden später an. Er beobachtete, wie sie unwillkürlich die Lippen öffnete, doch er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, denn sein Herz raste, und das Blut pulste ihm durch die Adern.

Es schien ihm, als hätte ihn der Blitz getroffen. Noch nie hatte er beim bloßen Blickkontakt mit einer Frau so empfunden. Natürlich hatte er sich schon oft zu Frauen hingezogen gefühlt oder sogar Verlangen verspürt, aber all das war nichts im Vergleich zu dem gewesen, was jetzt mit ihm passierte. Nichts hatte ihn auf die schockierende Erkenntnis vorbereitet, dass er sie begehrte, haben musste, dass sie die Frau für ihn war.

Dio mio!

Vielleicht spielte seine Fantasie ihm einen Streich, weil er übermüdet war. Es musste eine vernünftige Erklärung dafür geben. Schließlich war er Wissenschaftler, und für ihn zählten nur Fakten. Doch sie sahen sich immer noch in die Augen, und keiner von ihnen schaffte es, den Blick abzuwenden. Rico schien es, als würde die Zeit stehen bleiben. Alles andere trat in den Hintergrund, und er nahm nur noch die Frau wahr.

Warum hier? Warum jetzt? Wie konnte so etwas aus heiterem Himmel passieren? Wie konnte ein einziger Blick seine ganze Welt auf den Kopf stellen? Wer war diese Frau, die seine Sinne so verwirrte?

Er wusste keine Antwort darauf – noch nicht. Allerdings würde er bald alles über diese geheimnisvolle Frau herausfinden, die ihm so unter die Haut ging. Er verstand es nicht, stellte es aber auch nicht infrage, weil es seinem Vater genauso ergangen war. Und auch sein Cousin hatte die Liebe seines Lebens gefunden. Zum ersten Mal konnte Rico nachvollziehen, wie die beiden empfunden hatten. Als er es am wenigsten erwartet und schon geglaubt hatte, ihm würde so etwas nie passieren, hatte er sie gefunden.

Dies war der falsche Zeitpunkt und auch der falsche Ort. Und normalerweise ließ er sich durch nichts von seiner Arbeit ablenken. Dennoch hätte er die Tagung und Dr. Baxter am liebsten vergessen, um mit dieser Frau zu verschwinden und herauszufinden, was zwischen ihnen war.

Als der Vorsitzende sich beim ersten Redner bedankte und die Zuhörer fragte, ob noch Fragen wären, kehrte Rico in die Gegenwart zurück, allerdings ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Bald war er an der Reihe, und er hoffte, überhaupt noch einen zusammenhängenden Satz herauszubringen. Danach folgte die erste Pause. In der musste er die Frau kennenlernen, die gerade sein Leben verändert hatte.

Ruth erschauerte, weil sie spürte, dass sie beobachtet wurde. Verstohlen sah sie sich um, doch alle schienen ihre Aufmerksamkeit dem Redner zu widmen. Nervös biss sie sich auf die Lippe, während sie den Blick zum Podium schweifen ließ, wo die anderen Referenten saßen. Der Mann am Ende der Reihe ihr gegenüber sah sie mit einem Ausdruck in den Augen an, der ihr Angst machte.

Sie atmete scharf aus. Ihr Herz begann wild zu pochen, und ihr wurde ganz heiß. Und plötzlich nahm sie niemanden mehr wahr außer ihm. Panik überkam sie, als sie die Gefühle zu ergründen versuchte, die nun auf sie einstürmten.

Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie den Männern abgeschworen hatte. Ihre einzige feste Beziehung während des Studiums mit einem Kommilitonen war ein Fiasko gewesen, denn Adam hatte keinen Hehl aus ihrer Unzulänglichkeit als Frau gemacht. Seitdem war sie keinem Mann mehr begegnet, der sie auch nur annähernd interessierte. Sie lebte gern allein, zumal Sex ihrer Meinung nach überbewertet wurde – was die verletzenden Dinge, die Adam ihr bei ihrer Trennung an den Kopf geworfen hatte, zu bestätigen schien.

Ihr Selbstwertgefühl hatte so gelitten, dass sie sich vorgenommen hatte, sich nie wieder mit einem Mann einzulassen und sich stattdessen ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Warum nur war sie dann beim Anblick dieses Fremden so entflammt? Warum reagierte ihr Körper so verräterisch? Selbst aus dieser Entfernung war ihr unter seinem Blick ganz heiß geworden.

Dass dieser Mann eine derart starke Wirkung auf sie ausübte, war ihr unbegreiflich, denn noch nie zuvor hatte sie ein so starkes Verlangen verspürt.

Schätzungsweise Anfang bis Mitte dreißig und somit jünger als die anderen Referenten, sah er einfach umwerfend aus. Er wirkte allerdings nicht wie der nette Schwiegersohn, sondern strahlte eine gefährliche Sinnlichkeit aus. Für eine unerfahrene Frau wie sie war er viel zu maskulin – nicht dass sie irgendwelche Absichten gehegt hätte.

Sein dichtes dunkles Haar reichte ihm bis zum Kragen, und er trug einen Dreitagebart, der ihn noch männlicher wirken ließ und eher an einen Freibeuter als an einen Arzt erinnerte. Der bezwingende Ausdruck in seinen Augen ließ sie wieder erschauern. Es schien ihr, als würde dieser Mann sie in seinen Bann schlagen und nie wieder loslassen. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr passierte, spürte allerdings, dass es etwas Grundlegendes war. Ihr Instinkt riet ihr, die Flucht zu ergreifen, aber sie konnte den Blickkontakt nicht unterbrechen.

Nebenbei nahm sie wahr, wie der erste Redner die Fragen aus dem Publikum beantwortete, doch sie hatte ihre ganze Aufmerksamkeit auf den geheimnisvollen Fremden gerichtet. Sie spürte die Gefahr, die von ihm ausging, und musste ihn deshalb um jeden Preis meiden. In der Pause würde sie sofort Dr. Linardi suchen, mit ihm sprechen und sich für seine Hilfe bedanken und dann unter irgendeinem Vorwand vorzeitig abreisen.

Erst als der Vorsitzende Dr. Linardi ankündigte, schaffte Ruth es, sich vom Anblick des Fremden loszureißen. Ihr Puls raste noch immer, und sie öffnete die Hände, die sie unwillkürlich zu Fäusten geballt hatte. Angespannt wartete sie darauf, dass Dr. Riccardo Linardi das Podium betrat.

Die Sekunden vergingen.

Dann stand jemand auf.

Sie erstarrte.

O nein!

Das konnte nicht der Mann sein, mit dem sie sich per E-Mail ausgetauscht und der ihr fachliche Anerkennung gezollt hatte und mit dem sie die nächsten beiden Tage hatte verbringen wollen. Es konnte nicht sein.

Benommen beobachtete sie, wie er lässig zum Mikrofon ging. Als er dann mit seinem Vortrag begann, stellte sie fest, dass er perfekt Englisch mit einem leichten italienischen Akzent sprach. Der Klang seiner tiefen Stimme ging ihr durch und durch, und ein erregendes Prickeln überlief sie.

Nachdem er flüchtig in die Runde geblickt hatte, sah er wieder sie an. Prompt begann sie zu beben, als sie sich bewusst machte, was mit ihr passierte. Dieser Mann hatte ihre Welt völlig aus den Fugen gebracht.

Was sollte sie bloß tun?

Gehen … oder bleiben und sich auf das Ungewisse einlassen?

2. KAPITEL

„Möchten Sie Kaffee oder lieber Tee?“

Auch ohne seine Frage zu hören, wusste Ruth, dass Dr. Linardi sich in der Schlange am Tisch mit den Getränken und Snacks zu ihr gesellt hatte. Sie hatte seine Nähe gespürt, denn seit ihre Blicke sich zum ersten Mal begegnet waren, bestand eine starke Verbindung zwischen ihnen.

Er hatte einen fantastischen Vortrag gehalten, in dem er sein ganzes Wissen über das Thema, das sie in ihren E-Mails behandelt hatten, und seine Leidenschaft dafür unter Beweis gestellt hatte. Und von Angesicht zu Angesicht hatte er sie umso mehr inspiriert und in seinen Bann gezogen. Sobald sie ihren anfänglichen Schock überwunden hatte, hatte sie angefangen mitzuschreiben, bemüht, ihn nicht anzusehen und den Klang seiner Stimme auszublenden.

Dass nicht nur sein Fachgebiet, sondern auch er selbst sie zunehmend faszinierte, versuchte sie zu ignorieren. Allerdings war sie sich die ganze Zeit seiner Blicke bewusst gewesen. Und bei der Vorstellung, ihn bald persönlich kennenzulernen, hatte sie Panik verspürt, weil ihr klar war, dass er ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde.

Was sie gleichermaßen entsetzte und verwirrte, war die Tatsache, dass sie andererseits gern herausfinden wollte, wohin das Ganze führen würde. Und dass es ausgerechnet Dr. Linardi war, der solche Gefühle in ihr weckte, machte alles noch komplizierter. Was war, wenn er ihr tatsächlich einen Job anbot? Würde sie mit ihm zusammenarbeiten können, wenn bei seinem Anblick oder beim Klang seiner Stimme jedes Mal Verlangen in ihr aufflammte? Sicher wollte er keine Mitarbeiterin, die sich wie ein verliebter Teenager verhielt.

Da er beim Verlassen des Podiums von mehreren Leuten aufgehalten worden war, hatte sie schnell ihre Jacke übergezogen und sich auf die Suche nach dem Tisch mit den Getränken gemacht. Da sie furchtbar nervös, befangen und völlig durcheinander war, hatte sie sich erst einmal sammeln müssen, denn sie hatte gewusst, dass er sofort zu ihr kommen würde.

Und nun hatte er sie gefunden und wartete auf eine Antwort. Also wandte sie den Kopf und sah ihn an. „Kaffee, bitte.“ Im Stillen verfluchte sie sich, weil sie sich wie ein schüchternes Schulmädchen fühlte und nicht wie eine dreißigjährige Ärztin.

„Milch und Zucker?“

„Mit wenig Milch und ohne Zucker“, brachte sie hervor.

Als im nächsten Moment plötzlich Gedrängel herrschte, weil ein Gast sich mit einem Tablett an den anderen vorbeizwängte, verlor sie das Gleichgewicht. Dr. Linardi reagierte sofort, indem er sie festhielt und sich dabei zwischen sie und die anderen stellte. Nun war sie ihm so nahe, dass sie den Duft seines Aftershaves wahrnahm, der exotisch und maskulin war und ihre Sinne umso mehr verwirrte. Noch beunruhigender war seine Berührung, denn seine Hand lag auf ihrer Hüfte und schien sie zu verbrennen.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.

„Ja, danke.“

Er zögerte, und sie sahen sich einen Moment lang in die Augen, bevor er sich von ihr löste und umdrehte, um Kaffee einzuschenken. Ruth atmete langsam aus, weil ihr Herz wie wild pochte. Aus der Nähe war er wirklich beeindruckend – über einen Meter achtzig groß und durchtrainiert. Fasziniert beobachtete sie, wie er zwei Becher einschenkte und in den einen Milch und in den anderen Zucker tat.

Er hatte schöne Hände, wie ihr jetzt auffiel, und er trug keinen Ehering. Da er die Ärmel seines blauen Hemds hochgekrempelt hatte, konnte sie seine muskulösen Arme bewundern, die gebräunt und von feinen Härchen bedeckt waren. An seinem linken Handgelenk entdeckte sie eine sportliche Armbanduhr. Sie ließ den Blick höher gleiten. Er trug keine Krawatte und hatte die obersten Knöpfe geöffnet. Dann betrachtete sie sein Profil, genau in dem Moment, als er den Kopf wandte.

Ruth spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Als er dann lächelte, schmolz sie dahin. In seinen Augenwinkeln zeigten sich kleine Fältchen, und das Grübchen in seiner rechten Wange unterstrich seinen jungenhaften Charme. Wieder einmal begegneten sich ihre Blicke, und sie stellte fest, dass er dunkelbraune Augen mit goldenen Sprenkeln und dichte lange Wimpern hatte.

„Kommen Sie, suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen, wo wir uns ungestört unterhalten können.“

Als sie den Becher entgegennahm, zitterte ihre Hand so stark, dass sie fast den Kaffee verschüttet hätte. Lächelnd führte Dr. Linardi sie weg, ohne sich von den Leuten aufhalten zu lassen, die ihnen entgegenkamen und ihn grüßten. Die Hand besitzergreifend auf ihren Rücken gelegt, ging er mit ihr in einen leeren kleineren Raum, in dem sie sich an einen Tisch setzten.

„Wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin Riccardo Linardi, aber meine Freunde nennen mich Rico.“ Dr. Linardi stützte einen Arm auf den Tisch. „Und ich habe das Gefühl, dass wir beide sehr enge Freunde werden.“

Nervös trank Ruth einen Schluck Kaffee. Als sie sich nach vorn beugte, um den Becher abzustellen, klaffte ihre Jacke auseinander, sodass man das Namensschild sah, das sie an ihrem Pullover befestigt hatte.

Dr. Linardi wirkte schockiert. „Sie sind Ruth Baxter?“, fragte er ungläubig. „Meine Ruth?“

Rico brauchte einen Moment, um die Fassung wiederzugewinnen. Diese Frau, zu der er sich vom ersten Augenblick an so stark hingezogen gefühlt hatte, war dieselbe, mit der er vier Wochen lang korrespondiert und die er hierher eingeladen hatte, um ihr einen Job anzubieten? Seine Ruth? Das musste Schicksal sein.

In seinem tiefsten Inneren wusste er, dass ihm genau dasselbe passiert war wie seinem Vater und seinem Cousin Seb, als diese ihre zukünftigen Ehefrauen kennengelernt hatten. Ruth war seine Traumfrau, der Mensch, auf den er sein Leben lang gewartet hatte. Allerdings konnte er es ihr auf keinen Fall sagen – jedenfalls noch nicht. Sie würde ihn für verrückt erklären. Und sie wirkte ohnehin furchtbar angespannt und hätte offenbar am liebsten die Flucht ergriffen. Wenn er also nicht aufpasste, würde er sie vergraulen. Sie mussten sich erst einmal näherkommen, was in dieser Umgebung nicht einfach war. Und bis sie die Gelegenheit hatten, allein zu sein, musste er Privates strikt vom Beruflichen trennen.

Forschend betrachtete er sie. Anders als er vermutet hatte, waren ihre Augen nicht blau, sondern grün und spiegelten jetzt ihre Nervosität und ihre Verwirrung wider. Sie wirkte verlegen und auch ein wenig ängstlich. Ersteres amüsierte ihn, Letzteres machte ihn betroffen. Er hatte ihr sofort angemerkt, wie unerfahren sie war, und im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen, die ihm bisher begegnet waren, schien sie sich ihrer Reize überhaupt nicht bewusst zu sein.

Ruth war wie eine frische Brise, denn sie hatte nichts Gekünsteltes an sich, und für eine hochintelligente Ärztin wirkte sie erstaunlich unschuldig. Die starke Anziehungskraft zwischen ihnen schien sie zu verwirren und sehr nervös zu machen. Das faszinierte ihn umso mehr, und er konnte es gar nicht erwarten, ihre Geheimnisse zu ergründen und herauszufinden, warum sie in ihrem Job so professionell und auf dem gesellschaftlichen Parkett so unsicher wirkte.

Dass das Ganze sie so mitnahm, überraschte ihn nicht, weil es ihm genauso ging. Noch nie zuvor hatte er so etwas erlebt, und er konnte es noch immer nicht verstehen, denn es hatte ihn wie ein Blitz getroffen.

Nun, da er Ruth gefunden hatte, wollte er alles daransetzen, sie nicht wieder zu verlieren. Und da er sie zu nichts drängen wollte, schob er die vielen Fragen, die ihn beschäftigten, beiseite und ließ sie erst einmal in Ruhe ihren Kaffee trinken.

Immer wenn er ihr nahe gekommen war, war ihm ihr Duft in die Nase gestiegen, eine verführerische Mischung aus Lavendel und purer Weiblichkeit, der er bereits verfallen war. Im Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, schimmerte ihr blondes Haar golden. Sie war fantastisch. Rico hoffte, aus den Erfahrungen seines Cousins acht Monate zuvor genug gelernt zu haben, um nicht dieselben Fehler zu begehen, wenn er Ruth umwarb.

Er war ebenfalls angespannt, weil er nicht wusste, was ihn erwartete. Zudem lief er Gefahr, gegen seine eigenen Regeln zu verstoßen, indem er sich mit einer Kollegin einließ. Allerdings hatte er auch noch nie so für eine Frau empfunden.

Rico schob seinen Becher weg, bevor er sie eingehender betrachtete. Falls sie überhaupt geschminkt war, dann ganz dezent. Aus der Nähe sah er nun, dass sie zarte Sommersprossen hatte und ihre Haut makellos, fast durchscheinend war. Abgesehen von einer schlichten Weißgoldkette und einer Armbanduhr trug sie keinen Schmuck.

Enttäuscht stellte er fest, dass jetzt auch andere Leute den Raum betraten. Am liebsten hätte er Ruth ganz für sich gehabt. Da er jedoch von einigen angesprochen wurde, dauerte es einige Minuten, bis er sich ihr wieder widmen konnte.

„Tut mir leid. Hier sind wir leider nicht ungestört“, meinte er frustriert.

„Macht nichts.“ Ihr Lächeln war schüchtern und so unschuldig, dass es ihm den Atem raubte. „Ich glaube, viele wollen mit Ihnen sprechen. Veranstaltungen wie diese sind sicher die ideale Gelegenheit für Sie, sich mit Kollegen auszutauschen.“

Froh, dass sie etwas lockerer wurde, nickte er zustimmend. „Sie sind mein Gast, und deshalb gehört meine Zeit Ihnen, Ruth. Da wir alle viel beschäftigt sind, dauern Tagungen mittlerweile nicht mehr so lange wie früher und haben ein strafferes Programm.“

„Sicher haben Sie in den USA viele Patienten, die auf Sie warten“, bemerkte sie.

„Nein, nicht dort.“ Rico machte eine kurze Pause und bedankte sich bei der Kellnerin, die ihre Becher mitnahm. „Ich habe dort eine Vortragsreise gemacht und einige Kollegen bei bestimmten Fällen beraten, aber mein Zuhause und meine Klinik ...

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