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Entführung auf die Insel des Glücks

PROLOG

Er war durchtrainiert, über einen Meter neunzig groß und sehr, sehr wütend.

Blauschwarzes Haar und Augen wie das schimmernde Grün der Tiefsee. Die hohen Wangenknochen hatte er von seiner Mutter, einem Halbblut, und das energische Kinn von seinem texanischen Vater.

In dieser Nacht sprudelte das indianische Temperament über.

Fahles Mondlicht schien ins Zimmer. Unheil verkündende Schatten lauerten in den Ecken. Draußen heulte der Wind und rüttelte beunruhigend an den Fenstern.

Diese Stimmung spiegelte sich in dem unruhigen Schlaf der Frau im Himmelbett wider.

Die Frau, von der er angenommen hatte, sie zu lieben. Er kannte sie so gut – ihren dezenten Duft, der an Flieder erinnerte, das seidige, von der Sonne mit goldenen Highlights versehene kastanienfarbene Haar, die Süße ihrer Brustspitzen auf seiner Zunge.

Oh ja, er kannte sie! Wenigstens hatte er das geglaubt.

Endlose Augenblicke verstrichen. Die Frau wisperte im Schlaf und warf unruhig den Kopf hin und her. Ob sie von ihm träumte? Davon, wie sie ihn zum Narren gehalten hatte?

Ein Grund mehr, heute Nacht herzukommen.

Er war hier, um einen Schlussstrich zu ziehen. Mit diesem Begriff gingen die überbezahlten Psychiater des einundzwanzigsten Jahrhunderts so leichtfertig um. Dabei wussten sie überhaupt nicht, was er bedeutete.

Aber Alex wusste es. In dem Moment, in dem er die Frau ein letztes Mal nahm – und zwar wohl wissend, was sie war –, würde der Schlussstrich gezogen. Sie hatte ihn nur benutzt. Und ihr Zusammensein so zu einer einzigen Lüge gemacht.

Er würde sie aus ihren Träumen reißen, sie entkleiden, ihre Hände festhalten und dafür sorgen, dass sie ihm in die Augen sah, wenn er zu ihr kam. Ihr sollte bewusst sein, dass sie ihm nichts bedeutete, dass er nur mit ihr schlief, um die sexuelle Spannung abzubauen.

Vor ihr hatte er etliche Frauen gehabt, nach ihr würden mindestens genauso viele sein Bett teilen. Sie war nur eine von vielen.

Das sagte ihm sein Verstand.

Nun musste er dafür sorgen, dass auch sie das so sah.

Alex beugte sich über das Bett und schlug die Bettdecke zurück.

Die Frau trug ein Seidennachthemd. Genau wie er liebte sie Seide. Er ließ gern die Hände über den glatten Stoff gleiten, und er mochte das leise Knistern, wenn er der Frau das Nachthemd abstreifte, bevor er ihren Körper mit Mund und Händen zärtlich liebkoste.

Ergriffen betrachtete er sie und musste zugeben, dass sie eine wahre Schönheit war. Mit einem wunderbaren Körper –schlank und doch kurvenreich –, wie gemacht für die Liebe.

Unter dem dünnen Seidenstoff zeichneten sich die Brüste ab, die sofort auf seine Berührungen reagierten, wenn er die Zunge über sie gleiten ließ oder ganz leicht über sie hauchte. Das mochte die Frau besonders gern.

Als sein Blick weiter nach unten wanderte, entdeckte er den Schatten des Venushügels und erinnerte sich daran, wie er sie dort gestreichelt und mit der Zunge die Liebesknospe liebkost hatte. Wie sie sich ihm sehnsüchtig entgegengereckt, vor Verlangen geschrien und mit seinem Namen auf den Lippen unaufhaltsam dem Höhepunkt entgegengestrebt war.

Alles Lügen! Es überraschte ihn nicht, denn sie liebte Bücher und die Fantasiewelten, in die sie beim Lesen eintauchen konnte.

Während er sich als Krieger stets der Wirklichkeit stellen musste, um zu überleben. Wie hatte er das nur vergessen können?

Wieso erregte ihn der bloße Anblick dieser Frau? Es machte ihn wütend, dass er sie noch immer begehrte.

Daher redete er sich ein, das wäre nur eine körperliche Reaktion.

Um sich zu vergewissern, wollte er sich ein letztes Mal mit ihr vereinen, sie ein letztes Mal spüren, ein letztes Mal schmecken und tief in sie hineingleiten. Dann müsste seine Wut doch verrauchen, oder?

Jetzt, dachte er und berührte sanft ihre Brustspitzen.

„Cara.“

Seine Stimme klang angespannt. Cara seufzte im Schlaf, wachte jedoch nicht auf. Wieder sagte er ihren Namen, berührte sie, und sie schlug die Augen auf, in denen er Todesangst las.

Bevor sie schreien konnte, zog er sich die schwarze Sturmmaske ab, damit Cara sein Gesicht sah.

Und die Panik wich einem anderen Ausdruck, den er nicht deuten konnte.

„Alex?“, flüsterte sie.

„Ja, leibhaftig, Baby.“

„Wie bist du denn hier hereingekommen?“

Er lächelte kalt. „Glaubst du wirklich, ich ließe mich von einer Alarmanlage aufhalten?“

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie fast nackt war. Verlegen wollte sie die Bettdecke über sich ziehen, doch Alex verhinderte das.

„Die brauchst du nicht.“

„Ich weiß, dass du sehr wütend auf mich bist, Alexander, aber …“

„So, so.“ Er bedachte sie mit einem Furcht einflößenden Lächeln, mit dem er seine Gegner früher gern erschreckt hatte. Doch das war in einem anderen Leben gewesen. „Zieh das Nachthemd aus!“

„Nein. Bitte, Alex, du kannst doch nicht …“

Statt zu antworten, beugte er sich vor und brachte sie mit einem wilden Kuss zum Schweigen. Dann griff er ihr in den Ausschnitt und zerriss das Seidennachthemd.

„Du irrst dich, Cara. Ich kann und ich werde – das verspreche ich dir.“

1. KAPITEL

Für Alexander Knight war Angst ein Fremdwort. Natürlich kannte er nervliche Anspannung aus seiner Zeit als Geheimagent. Die verdeckten Operationen hatten für eine ganze Menge Adrenalin gesorgt. Aber was er jetzt empfand, hatte damit nichts zu tun.

Alex parkte den Wagen hinter dem Gebäude, dem er drei Jahre zuvor den Rücken gekehrt, das er jedoch nie ganz vergessen hatte. Wie oft war er mitten in der Nacht aus Albträumen aufgeschreckt?

Bevor er sich mit seinen Brüdern selbstständig gemacht und eine Firma für Risikomanagement gegründet hatte, schworen sie einander, das Gebäude nie wieder zu betreten.

„Ich werde mich da bestimmt nicht mehr blicken lassen“, hatte Matthew gesagt.

„Ich auch nicht“, nickte Cameron zustimmend.

„Genau!“ Auch Alex wollte nie wieder auch nur in die Nähe des verhassten Hauses fahren.

Und nun? An einem kalten trüben Novembermorgen stieß er die Glastür des Gebäudes in Washington auf und ging auf den Sicherheitsbeamten am Empfangstresen zu.

Alles genau wie immer. Automatisch griff Alex in die Brusttasche, um seinen Sicherheitsausweis zu zücken, bevor er realisierte, dass er ihn vor drei Jahren abgegeben hatte. Stattdessen steckte ein Brief in der Tasche. Wegen dieses Briefs stand er jetzt hier.

Der Beamte fragte nach seinem Namen, den er dann auf einer Liste und im PC suchte.

„Treten Sie bitte vor, Mr. Knight.“

Alex passierte eine Sicherheitsschranke, wobei er gescannt wurde. Dies war seine letzte Chance, kehrtzumachen und das Gebäude schleunigst zu verlassen.

Ein anderer Sicherheitsbeamter reichte ihm einen Besucherausweis. „Bitte gehen Sie geradeaus zu den Fahrstühlen, Sir.“

Im Fahrstuhl drückte Alex auf einen Knopf. In zwei Sekunden würde sich die Fahrstuhltür schließen. Die Fahrt zum sechzehnten Stock dauerte sieben Sekunden – wie immer. Als er ausstieg, erstreckte sich vor ihm ein Gang, ausgestattet mit der neuesten Lasertechnik, um jeden Besucher unauffällig abzutasten. Vor einer schwarzen Tür mit der Aufschrift: „Eintritt nur für Befugte“ blieb Alex stehen, berührte mit dem Daumen ein Tastenfeld und blickte in eine Linse. Und ein weiterer Laser scannte seine Netzhaut. Nur um sicherzugehen, dass es sich wirklich um den ehemaligen Agenten Alexander Knight handelte.

Lautlos öffnete sich die schwarze Tür.

Alles wie immer – selbst die Frau im dunkelgrauen Kostüm am Schreibtisch war die gleiche. Sie stand auf – wie mindestens hundertmal zuvor, wenn Alex das Büro betreten hatte.

„Der Direktor erwartet Sie, Mr. Knight.“

Keine Begrüßung, keine Frage nach seinem Befinden, nur die übliche nüchterne Aufforderung, zum Direktor zu gehen.

Alex folgte ihr bis zu einer Tür, die in ein großes Büro führte. Durch die Panzerglasfenster sah man auf die Umgehungsstraße, die um Washington herum führte.

Der Mann am Kirschholzschreibtisch sah auf, lächelte und erhob sich. Vor einiger Zeit hatte ein neuer Direktor den alten Vorgesetzten, für den Alex gearbeitet hatte, abgelöst. Ein gewisser Shaw, den Alex noch nie hatte leiden können.

„Wie schön, Sie wiederzusehen, Alex“, sagte Shaw.

„Schön, Sie zu sehen“, antwortete Alex.

„Nehmen Sie doch bitte Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Tee oder Kaffee?“

„Nein, danke.“

Shaw setzte sich wieder in seinen Schreibtischsessel aus Leder und faltete die Hände über einem leichten Bauchansatz. „Wie ich höre, geht es Ihnen gut, Alex.“

Alex nickte.

„Über Ihre Firma … wie heißt sie doch gleich, ach ja, Knight, Knight & Knight, natürlich, hört man ja nur Gutes.“ Shaw zwinkerte ihm zu. „Was wir als Kompliment betrachten. Wir freuen uns, dass die Techniken, die Sie bei uns gelernt haben, sich als nützlich erweisen.“

Alex rang sich ein Lächeln ab. „Ja, die Ausbildung hier war für meine Brüder und mich sehr nützlich. Wir werden die Arbeit hier nie vergessen.“

„Tatsächlich?“ Alle Freundlichkeit war plötzlich wie weggefegt. Mit einem Gesicht wie ein strenger Vater beugte Shaw sich vor, legte die gefalteten Hände auf den Schreibtisch und musterte Alex mit scharfem Blick. „Ich hoffe, Sie erinnern sich an Ihr Gelübde, Ihr Land in Ehren zu halten, es zu verteidigen und ihm zu dienen.“

„Zu ehren und zu verteidigen“, sagte Alex kühl. Langsam hatte er genug von dem Getue des Direktors und wollte endlich zur Sache kommen. „Natürlich erinnere ich mich daran. Vielleicht erinnern Sie sich, dass meine Brüder und ich damals den Dienst quittiert haben, weil uns missfiel, wie unser Arbeitgeber das Gelübde ausgelegt hat.“

„Das waren doch Skrupel von Schuljungen“, erwiderte der Direktor ebenso kühl. „Völlig überzogen und unangebracht.“

„Wenn Sie mich hergebeten haben, um mir darüber erneut einen Vortrag zu halten, werde ich sofort gehen.“

„Ich habe Sie um ein Gespräch gebeten, weil Sie Ihrem Land erneut dienen müssen.“

„Nein.“ Alex stand auf.

„Meine Güte, Knight!“ Der Direktor atmete tief durch. „Setzen Sie sich und hören mich wenigstens an.“

Alex betrachtete den Mann, der über zwanzig Jahre die Nummer zwei des Dienstes gewesen war, dann setzte er sich wieder.

„Danke“, sagte Shaw. „Wir haben ein Problem.“

„Es ist Ihr Problem.“

„Bitte keine Spitzfindigkeiten. Lassen Sie mich einfach kurz umreißen, worum es geht.“

Für Alex gab es nichts zu verlieren, denn in wenigen Minuten würde er das Gebäude wieder verlassen, gleichgültig, was Shaw zu sagen hatte!

„Das FBI hat mich um Amtshilfe gebeten“, sagte der Direktor.

Das erstaunte Alex. Normalerweise weigerten sich FBI wie der Dienst, überhaupt von der Existenz des jeweils anderen Geheimdienstes zu wissen.

„Der neue Leiter des FBI ist ein alter Bekannter von mir, und er sitzt in der Klemme.“

„Wieso?“, fragte Alex nun doch neugierig, weil der Direktor eine Weile schweigend vor sich hin sah.

Shaw räusperte sich. „Übrigens sind Sie noch an das Verschwiegenheitsgelübde gebunden.“

„Dessen bin ich mir bewusst.“

„Hoffentlich.“

„Wollen Sie mich beleidigen, Sir?“, fragte Alex ironisch.

„Schluss mit dem Unsinn, Knight. Sie waren einer unserer besten Mitarbeiter. Wir brauchen Sie.“

„Ich bin nicht interessiert.“

„Haben Sie schon einmal von den Gennaros gehört?“

„Ja.“

Wer das Gesetz vertrat, kannte diesen Namen. Die Familie Gennaro hatte ihre Hände im Drogenhandel, in der Prostitution und im illegalen Glücksspiel.

„Und wissen Sie auch von der Anklageschrift gegen Anthony Gennaro?“

Alex nickte. Vor zwei Monaten hatte der Generalstaatsanwalt in Manhattan Anklage gegen das Familienoberhaupt erhoben – wegen Mordes und anderer Verbrechen. Bei einer Verurteilung verschwände Tony Gennaro für den Rest seines Lebens hinter Gittern. Das würde das Ende des Familienimperiums bedeuten.

„Das FBI behauptet, ausgezeichnetes Beweismaterial zu besitzen. Offenbar verfügen sie über Aufzeichnungen von Telefongesprächen, Computerdateien und so weiter. Außerdem haben die Kollegen noch ein Ass im Ärmel. Einen Zeugen.“

„Und was hat das alles mit mir zu tun?“

„Der Zeuge verhält sich nach anfänglicher Bereitschaft zur Zusammenarbeit nicht mehr kooperativ. Offensichtlich aus Angst. Das Justizministerium weiß nicht, wie es weitergehen soll. Nun hat sich der Zeuge doch wieder zur Zusammenarbeit bereit erklärt, aber …“

„Man hat ihn unter Druck gesetzt“, warf Alex ein.

Was der Direktor geflissentlich überhörte. „Aber …“

„… die Gennaros könnten ihn zuerst erwischen.“

„Ja. Oder der Zeuge überlegt es sich wieder anders.“

„Ich weiß noch immer nicht, was das mit mir zu tun hat“, sagte Alex.

„Ich bin seit vielen Jahren mit dem Generalstaatsanwalt befreundet, Alex.“ Der Direktor rückte nur zögernd mit seinem Anliegen heraus. Da der Mann sonst immer gleich auf den Punkt kam, wurde Alex unruhig. „Er ist der Meinung, dass das normale Zeugenschutzprogramm in diesem Fall nicht ausreicht. Ich stimme ihm zu.“

„Er will den Mann also nicht in einer billigen Absteige in Manhattan unterbringen und ihn von einem einzigen Beamten rund um die Uhr bewachen lassen und darauf hoffen, dass das Hotelpersonal dichthält, statt die Story über den Stargast an den Höchstbietenden zu verscherbeln“, bemerkte Alex ironisch. „Vielleicht haben Sie ja während meiner Abwesenheit doch dazugelernt.“

„Sie brauchen, das heißt, wir brauchen einen erfahrenen Agenten. Einen Mann, der weiß, wie er sich verhalten muss, wenn er in der Schusslinie steht, der weiß, dass er niemandem trauen darf, und der keine Angst hat, den Zeugen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu schützen.“

Alex stand auf. „Sie haben recht. So einen Mann brauchen Sie, aber ich bin es nicht.“

Auch der Direktor erhob sich. „Ich habe mir das sehr gut überlegt. Sie sind der Richtige für diesen Auftrag.“

„Nein!“

„Erinnern Sie sich an Ihr Treuegelübde, Knight!“

„Ich habe Nein gesagt. Hören Sie schwer, Shaw?“ Beim Dienst galt es als ungeschriebenes Gesetz, den Direktor niemals mit seinem Namen anzureden. Alex wollte demonstrieren, dass er nicht mehr dazugehörte. „Ich würde ja gern sagen, dass mich unser Wiedersehen gefreut hat, aber warum sollte ich lügen?“

„Ohne Ihre Hilfe wird es niemals zu einer Verurteilung kommen.“

Alex öffnete die Tür.

„Man wird den Zeugen umbringen. Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?“

Alex sah den älteren Mann an. „Mein Gewissen bleibt davon gänzlich unberührt“, sagte er ausdruckslos. „Das sollten Sie am besten wissen.“

„Knight! Kommen Sie zurück!“

Doch Alex schloss die Tür hinter sich und verließ wenig später das Gebäude.

Am Flughafen stellte er den Leihwagen ab und buchte einen Platz in der nächsten Maschine nach New York.

In dieser Stadt, in der Politiker Babys küssten, während Geheimdienste auf Staatskosten Mordkomplotte schmiedeten und ausführten, wollte er keine Minute länger als nötig bleiben.

Um die Stunde bis zum Abflug zu überbrücken, setzte er sich in die Lounge der ersten Klasse und bestellte einen Bourbon. Eine Brünette, die eben noch in ihre Modezeitschrift vertieft gewesen war, sah interessiert auf und schenkte Alex ein betörendes Lächeln.

Fasziniert beobachtete er, wie der Minirock ihres Kostüms sich noch etwas höher schob und makellose Beine enthüllte. Nicht nur die Beine waren makellos …

Als die Schönheit ihm ein zweites Mal zulächelte, stand Alex auf und setzte sich zu ihr.

Innerhalb kürzester Zeit wusste er alles über sie, was ein Mann wissen musste, auch dass sie in Austin wohnte – also in erreichbarer Entfernung von Dallas.

Und das Mädchen interessierte sich lebhaft für ihn.

Leider war dieses Interesse einseitig, wie Alex erst jetzt und zu seiner eigenen Überraschung bemerkte.

Vielleicht lag es an dem Gespräch mit Shaw, dass sich nichts in ihm regte. Vielleicht auch an den unangenehmen Erinnerungen, die der Aufenthalt in Washington in ihm wachrief. Wie naiv er doch damals gewesen war, als er das Treuegelübde geleistet hatte! Niemand hatte ihn darauf vorbereitet, dass unter dem Deckmantel von Begriffen wie „dienen“ und „Treue“ Dinge geschahen, die ihm bis an sein Lebensende auf der Seele lasten würden.

Jetzt war er dem Dienst nicht mehr verpflichtet. Außerdem betraf das von Shaw vorgebrachte Anliegen nicht die Verteidigung des Vaterlandes. Es ging um eine kriminelle Familie und einen Zeugen, der in Lebensgefahr schwebte.

Die brünette Schönheit rückte näher und sagte lächelnd etwas. Alex hatte nicht zugehört und lächelte automatisch.

Shaw neigte nicht zu Übertreibungen. Dienst fürs Vaterland, Treue, Gewissen – diese Begriffe verwendete er nur, wenn es ihm wirklich ernst war.

Ich hätte auf Matt und Cam hören sollen, dachte Alex. Vor seiner Abreise hatte der Familienclan beim gemeinsamen Abendessen getagt. Das Verhältnis der drei Brüder zu ihrem Vater hatte sich nach einigen dramatischen Ereignissen merklich gebessert. Cam wäre fast ums Leben gekommen, und Matt hatte sich im kolumbianischen Regenwald unter anderem mit dem Drogenkartell angelegt.

Als seine Schwägerinnen sich in der Küche um den Nachtisch kümmerten, erzählte Alex, dass der Direktor ihn sehen wollte.

„Ich soll mich morgen bei ihm melden.“

Matt lachte nun. „Er glaubt doch nicht im Ernst, dass du kommst.“

„Du hast ihm sicher zu verstehen gegeben, was er dich kann, oder?“, fragte Cam.

„Ich muss zugeben, dass ich neugierig bin“, sagte Alex zögernd.

Matt fluchte unterdrückt. „Von Shaw ist noch nie etwas Gutes gekommen.“

Später nahm sein Vater ihn beiseite. „Du hast nie ein Wort über die Arbeit beim Geheimdienst verloren“, sagte Avery. „Offensichtlich war die Zeit dort nicht besonders angenehm. Aber du musst an die Sache geglaubt haben, sonst hättest du das Treuegelübde nicht abgelegt.“

Ja, es war ihm wichtig gewesen, seinem Land zu dienen. Und ein Gelübde war nun einmal ein Gelübde.

Alex stand auf.

„Tut mir leid“, sagte er zu der Brünetten, die immer noch lächelte. „Meine Pläne haben sich geändert. Ich bleibe in Washington und muss hier noch etwas erledigen.“

Nachdem sie sich von ihrer offensichtlichen Enttäuschung erholt hatte, zog sie eine Visitenkarte aus der Tasche. „Rufen Sie mich doch an, wenn Sie Gelegenheit dazu haben.“

Bereitwillig nahm er die Karte, obwohl er genau wusste, dass er sich nicht melden würde, und die Brünette machte sich bestimmt auch keine Illusionen.

Etwas später stand Alex wieder im Büro des Direktors. Shaw begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln und reichte ihm die Hand zur Begrüßung. Alex ignorierte sie geflissentlich.

„Eines möchte ich von vornherein klarstellen“, sagte er kühl. „Ich erledige diesen Auftrag für Sie, aber danach möchte ich nie wieder etwas von Ihnen hören.“

Shaw nickte.

„Ich arbeite allein.“

„Aber das …“

„Ich arbeite allein oder gar nicht!“ Alex schnitt ihm das Wort ab.

Unzufrieden presste Shaw die Lippen zusammen.

„Sie geben mir uneingeschränkte Vollmacht, das Leben des Zeugen zu schützen, und mischen sich nicht ein.“

Wieder nickte Shaw. „In Ordnung.“

„Gut, dann weisen Sie mich jetzt kurz ein.“

„Die Person lebt in New York City.“

„Verheiratet oder Single? Wie alt ist er?“

„Unverheiratet, Mitte zwanzig, und es ist eine Zeugin.“

Eine Frau. Das machte die Sache nicht gerade einfacher. Der Umgang mit Frauen war schwieriger. Ihre Gefühle, die Hormonschwankungen …

„In welchem Verhältnis steht nun die Zeugin zu den Gennaros?“

Shaw lächelte geringschätzig. „Sie war Anthony Gennaros Geliebte.“

Kein Wunder also, dass sie dem FBI wichtig war.

„Hier sind alle Informationen, die wir haben“, sagte Shaw und reichte Alex einen Umschlag.

Alex öffnete den Umschlag und nahm ein Foto heraus. Was Frauen anging, hatte Gennaro einen ausgezeichneten Geschmack.

„Sie heißt Cara Prescott“, sagte Shaw. „Bis vor kurzem hat sie mit Gennaro zusammengelebt und für ihn gearbeitet.“

Auf der Rückseite des Fotos standen die Personalien: Name, Geburtsdatum, letzte bekannte Anschrift, Haarfarbe: braun, Augen: braun. Die Beschreibung wurde dem Foto nicht gerecht.

Cara Prescotts Haar besaß die Farbe reifer Kastanien, in den braunen Augen tanzten goldfarbene Punkte, und auf ihren Lippen lag ein zarter Rosaton.

Sie wirkte zierlich, fast zerbrechlich. Auf diesen Frauentyp fuhren Kerle wie Gennaro vermutlich besonders ab.

Als Alex aufsah, begegnete er dem amüsierten Blick des Direktors.

„Eine wunderschöne Frau, oder?“

„Sie sagten zuerst, sie wäre Gennaros Geliebte gewesen. Dann, dass sie für ihn gearbeitet hat. Was denn nun?“

„Beides.“

„Und nun ist sie plötzlich bereit, gegen ihn auszusagen? Wieso?“ Erneut betrachtete Alex das Foto.

„Weil es ihre Bürgerpflicht ist.“

„Unsinn! Warum stellt sie sich als Zeugin zur Verfügung, Shaw?“

Betont gleichmütig schnippte der Direktor einen Fussel von seinem dunkelgrauen Jackett. „Vielleicht weil sie nicht ins Gefängnis will.“

„Da wäre sie aber sicherer. Sich gegen die Gennaros zu stellen ist lebensgefährlich.“

Shaw lächelte kühl. „Vielleicht wirft man ihr Landesverrat vor, dann schmort sie bis ans Ende ihrer Tage.“

„Hat sie sich dessen schuldig gemacht?“

„Möglich ist alles, Alex. Das wissen Sie selbst am besten.“

Natürlich! Es spielte auch keine Rolle. In der Welt der Geheimdienste heiligte der Zweck stets das Mittel.

„Sonst noch etwas, das ich wissen müsste?“

Zum ersten Mal schien der Direktor sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. „Möglicherweise habe ich etwas übertrieben, was ihren Kooperationswillen angeht.“

„Was soll das heißen?“

„Es kann sein, dass sie sich dem Schutz widersetzt, den die Regierung ihr anbietet.“

Alex musterte ihn scharf. „Und dann?“

„Dann müssen Sie ihre Meinung ändern. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache.“

Jetzt verstand Alex, warum das FBI um Hilfe ersucht hatte: Die wollten sich selbst nicht die Hände schmutzig machen!

Genau das war aber das tägliche Brot seines ehemaligen Arbeitgebers. Und auch die Firma, die er mit seinen Brüdern gegründet hatte, bewegte sich häufig im Grenzbereich der Legalität.

„Nun zu unserem Plan“, sagte Shaw unverdrossen. „Sie nehmen die Mittagsmaschine nach New York. Dort wartet ein Leihwagen auf Sie. Sie steigen im Hotel …“

Alex schnitt ihm das Wort ab. „Das wird nicht nötig sein.“

„Natürlich ist das nötig, Knight. Schließlich handelt es sich hierbei um unseren Einsatz.“

„Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, Shaw.“ Alex machte zwei Schritte auf Shaw zu. „Ich führe diesen Auftrag durch, wie ich es für richtig halte. Und zwar allein. Sie kommen erst ins Spiel, wenn ich Sie um Unterstützung ersuche. Ist das klar?“

Nach langem Schweigen gab der Direktor schließlich nach. „Also gut. So wird es gemacht.“

Jetzt lächelte Alex zum ersten Mal. „Na also.“ Dann drehte er sich um und verließ das Büro.

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