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Entführt von einem Prinzen?

Susan Stephens

Entführt von einem Prinzen?

1. KAPITEL

Dieses Gespräch erforderte all ihren Mut. Kaum zu glauben, wenn man bedachte, dass sie dem besten Freund ihres Bruders früher unbefangen und kumpelhaft begegnet war. Doch seitdem war viel Zeit vergangen. Inzwischen gefiel Ram sich in der Rolle des hocharistokratischen Playboys.

Mia hingegen hatte ganz andere Probleme.

Narben und Probleme und das brennende Bedürfnis, endlich wieder Rennen zu fahren. Sie dachte gar nicht daran, so leicht aufzugeben.

Natürlich reizte sie auch die Gelegenheit, Ram wiederzusehen. Da brauchte sie sich gar nichts vorzumachen.

Wann hatte sie eigentlich zuletzt mit ihm gesprochen? Egal, jedenfalls war es viel zu lange her. Nervös wartete Mia, dass sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Wollte man den Medien Glauben schenken, hatte auch Ram sich sehr verändert. Allerdings war von ihm angekündigt worden, dass er plante, sein Playboy-Dasein demnächst zu beenden, um sich ganz dem Wohl seines Volkes in Ramprakesh zu widmen. Zuvor wollte er noch einmal seinem Hobby frönen und mit seinem Superrennwagen an einer Rallye durch Europa teilnehmen.

Mia war sofort wie elektrisiert gewesen, als sie aus den Nachrichten erfuhr, dass Rams Beifahrer erkrankt war. Das war ihre Chance! Ram brauchte dringend einen neuen Beifahrer, sonst konnte er an der letzten Etappe, die durch die verschlungenen Straßen von Monte Carlo führte, nicht teilnehmen. An diesem mondänen Ort hatte Mia nach einem Rennunfall, der sie fast das Augenlicht gekostet hätte, ein neues Leben angefangen.

Lange hatte sie befürchtet, nie wieder Rennen fahren zu können, und nun bot sich aus heiterem Himmel doch eine Gelegenheit, eine Wettfahrt auf höchstem Niveau zu bestreiten. Vorausgesetzt, Ram würde sie als Kopilotin akzeptieren. Mit ihrer Überzeugungskraft und Sturheit aus Kindertagen würde ihr das hoffentlich gelingen. Wenn er sich gleich meldete, würde sie einfach so tun, als hätten sie sich erst kürzlich gesehen.

Eigentlich hatte Ram früher jede Herausforderung von ihr angenommen. Ihr wurde heiß, als sie sich an seine frech blitzenden Augen erinnerte. Als Teenager war er der Star ihrer heißesten Träume gewesen. Dabei hätte Ram sie niemals angerührt. Diese Sicherheit hatte ihre Fantasie wohl noch weiter angeregt. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken.

Energisch fuhr sie sich durchs kurze dunkle Haar und las erneut die Schlagzeile, die sie auf die verrückte Idee gebracht hatte. Der Maharadscha auf Stippvisite in Monaco. Ram, besser bekannt unter seinem Titel, sah blendend aus und verfügte über immensen Reichtum, ganz zu schweigen von seinem unwiderstehlichen Sex-Appeal. Außerdem war er noch immer der beste Freund ihres Bruders – und Mias …

Jugendschwarm?

Der Versuch, den Deckel auf dieser Büchse geschlossen zu halten, erwies sich als unmöglich. Ram bedeutete ihr so viel mehr, spielte jedoch nach wie vor in einer ganz anderen Liga als sie. Die englische Ausgabe der Monte Carlo Times übte sich nicht gerade in Zurückhaltung, wenn es um die Reichen und Schönen ging, und Ram Varindha war nicht nur das, sondern entstammte auch der alten Herrscherfamilie eines exotischen Landes. Somit zählte er zu den bevorzugten Gästen des glamourösen Fürstentums Monaco.

Mias Herz tat einen Sprung, als eine ihr bekannte, samtweiche Stimme sich verdächtig mürrisch klingend meldete.

„Ram?“ Sie gab sich kühl und selbstbewusst. „Ich bin’s, Ram.“

Stille.

„Ich bin’s. Mia.“

„Mia?“

Erneute Stille. Offensichtlich ging er im Geiste seine Telefonliste nach einer Mia durch, die in Monte Carlo wohnte.

„Welche Mia?“

Es gab also mehrere Frauen namens Mia in seinem Leben.

„Tu bloß nicht so, als würdest du dich nicht an mich erinnern!“ Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. So schwierig hatte Mia sich das Gespräch nicht vorgestellt.

Doch geschlagen gab sie sich natürlich nicht! Hindernisse waren schließlich dazu da, überwunden zu werden.

Unbewusst rückte sie ihre mit Edelsteinen verzierte Augenklappe zurecht.

Als die Wirkung des Narkosemittels einsetzte, träumte ich, ich würde Ram einen Eispickel ins kalte Herz rammen, aber sein Herz war aus Stein und der Eispickel rutschte ab. Als ich aufwachte, war ich blind. Dieser Albtraum hatte sie nach dem Unfall schon unzählige Male gepeinigt. Nun ergab sich endlich eine Gelegenheit, dem Albtraum ein Ende zu setzen und das Gefühl der Verlassenheit zu überwinden, das sie überwältigt hatte, als Ram aus ihrem Leben verschwunden war.

Dieses Erlebnis lag Jahre zurück. Sie hätte längst darüber hinweg sein müssen. Nun bot sich endlich die Chance, zu beweisen, dass sie keine Angst hatte, sich Ram und dem Leben zu stellen. Diese Chance wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

„Du wirst dich doch wohl daran erinnern, wie ich dich auf deinem besten Hengst geschlagen habe, als du so unvorsichtig warst, deine Pferde im Stall meiner Eltern unterzubringen, oder?“

„Mia Spencer-Dayly?“

Na endlich! Aber er könnte ruhig etwas erfreuter klingen.

„Höchstpersönlich.“ Mia gab sich betont gut gelaunt.

Fairerweise musste sie zugeben, dass sie die Blicke der Jungen nicht unbedingt auf sich gezogen hatte. Warum sollte Ram sich also darauf freuen, sie wiederzusehen? Sie war immer der burschikose Typ gewesen, der lieber den Stall ausmistete oder den Traktor kurzschloss, statt mit ihren Geschlechtsgenossinnen über die neuste Mode zu plaudern. Und Ram hatte seinen Kopf wohl kaum in Comics gesteckt, sondern lieber ein anschaulich illustriertes Kamasutra verinnerlicht. Wie auch immer, es kam nicht infrage, die Flinte ins Korn zu werfen!

Und sollte der Bericht in der aktuellen Tageszeitung der Wahrheit entsprechen, dachte auch der auf dem nebenstehenden Foto abgebildete große sonnengebräunte, unverschämt gut aussehende Mann mit dem dichten schwarzen Haar und Dreitagebart nicht ans Aufgeben.

„Was willst du, Mia?“

„Was ich will? Die Frage ist doch wohl eher, wie du aus der Klemme kommst, in der du steckst, Ram.“ Fasziniert blieb ihr Blick auf dem Foto hängen. Ram hatte einen Daumen durch eine Gürtelschlaufe geschoben, die Finger zeigten auf sein bestes Stück.

„Noch mal ganz von vorn, Mia. Woher hast du meine Privatnummer?“

„Von Tom natürlich.“ Den Zusatz ‚Blödmann‘ verkniff sie sich, weil sie verhindern wollte, dass Ram das Gespräch abrupt beendete. Andererseits musste sie zu dem burschikosen Umgangston zurückkehren, der immer zwischen ihnen geherrscht hatte. Nur wenn sie an die alten Zeiten anknüpfte, würde Ram vielleicht auf ihren Vorschlag eingehen.

„Was willst du, Mia?“

Plötzlich herrschte gähnende Leere in ihrem Gehirn.

„Hat Tom dich gebeten, mich anzurufen?“

„Nein.“

„Worum geht es denn?“

Hätte sie sich doch nur besser auf dieses Gespräch vorbereitet! Sie wartete einige Sekunden, bis ihr Herzklopfen nachließ. Tom und Ram waren noch immer beste Freunde, doch der Kontakt zu ihr war schon lange abgebrochen. Kein Wunder, dass Ram ihr mit Misstrauen begegnete. „Um die Zeitung von heute.“ Energisch riss Mia sich zusammen. „In dem Artikel steht, dass du Hilfe brauchst.“

„Mein Beifahrer ist krank. Moment mal …“ Nun schwante ihm, worauf sie hinauswollte. „Willst du etwa vorschlagen …“

„Ich könnte dir helfen.“

„Du?“, rief Ram verblüfft. War sie nun völlig verrückt geworden?

„Wieso nicht? Ich habe genug Erfahrung.“ Sie hatte einige internationale Rallyes für Nachwuchsfahrer gewonnen, bis der Unfall ihre hoffnungsvolle Karriere abrupt beendet, beziehungsweise unterbrochen hatte – vorausgesetzt, Ram gäbe ihr diese Chance zu einem Neuanfang.

„Das ist nicht dein Ernst, Mia.“

„Doch! Sogar mein voller Ernst.“

„Vergiss es! Sonst noch was? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, herumzustehen und mir dummes Zeug anzuhören.“

„Ich auch nicht, du Holzkopf.“

„Wie hast du mich gerade genannt?“

Die Atmosphäre wurde eisig, doch dann überwog Rams Sinn für Humor. Mia spürte, dass sich das Blatt nun zu ihren Gunsten wenden würde. Sie hatten den frotzelnden Umgangston von früher wiederbelebt. „Aber wenn du meine Hilfe ablehnst …“

Deine Hilfe?“

„Ich bin nicht nur Empfangsdame in einem Schönheitssalon, sondern auch preisgekrönte Rallyefahrerin.“

„Von Spielzeugautos vielleicht.“

Mia verkniff sich ein triumphierendes Lächeln. Jetzt zappelte er an ihrer Angel. Sie konnte es deutlich fühlen. Während sie sich praktisch neu erfunden hatte und im glamourösesten Schönheitssalon von Monte Carlo als Empfangsdame arbeitete, gab Ram den kosmopolitischen Playboy. Sie musste den Einsatz erhöhen und ihre Karten klug ausspielen.

Ram, der Playboy …

Eigentlich hätte man das schon damals voraussehen können. Er war ja schon immer geheimnisumwittert, sexy und gefährlich gewesen.

„Bist du noch dran?“, erkundigte er sich barsch, als ihr gerade ein prickelnder Schauer über den Rücken lief.

„Ja, klar.“

„Wo er wohl wohnte? War er mehr Aristokrat oder Herzensbrecher? Berufsrallyefahrer oder schlimmer Junge? Ram war ungefähr zur gleichen Zeit von der Bildfläche verschwunden wie sie selbst. Daher musste sie mühsam alles über ihn herausfinden. Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen?

„Sag mir einfach, was du willst, Mia.“

„Was ich will? Dein Beifahrer hat sich doch einen Virus eingefangen. Vielleicht ist ihm auch aus Angst vor deinem lausigen Fahrstil das Herz in die Hose gerutscht. Ist ja auch egal. Ich habe dich angerufen, um dir mitzuteilen, dass ich für dich da bin, Ramekin.“ Sie wusste, dass ihn sein Kosename zur Weißglut treiben würde.

„Auf dich habe ich gerade gewartet“, raunzte er verächtlich.

„Wer würde denn sonst so kurzfristig einspringen?“ Mia ließ sich nicht beirren. „Wer lässt sich schon freiwillig darauf ein, mit dem größten Angeber der Welt den ganzen Tag lang ein winziges Cockpit zu teilen? Wer aus deinem Bekanntenkreis hat denn noch die Rallye Davington für Nachwuchsfahrer gewonnen und befindet sich zufälligerweise gerade hier?“

„In Monte Carlo?“

„Nein, du Holzkopf, in Ashford, Massachusetts. Natürlich in Monte Carlo! Du bildest dir doch wohl nicht ein, ich würde deinetwegen Geld für ein Ferngespräch ausgeben, oder?“ Langsam kam sie in Fahrt. Es machte ihr richtig Spaß, nach so langer Zeit mal wieder die Klingen mit dem unbezwingbaren Ram zu kreuzen. Damals hatte sie noch Zöpfe getragen und ihren Lutscher wie eine todbringende Waffe geschwungen.

„Na schön, treffen wir uns also.“

Rams unerwartetes Nachgeben elektrisierte sie förmlich. „Wo?“

„Im L’Hirondelle.“

Da sie nicht zu enthusiastisch wirken wollte, kritisierte sie seinen Vorschlag erst einmal. „Ausgerechnet in dem spießigen Schuppen? Ich dachte, du hättest dich inzwischen geändert.“

„Inwiefern?“, fragte er amüsiert.

„Na ja, es hätte ja sein können, dass du nicht mehr ganz so aufgeblasen bist.“

„Wir sehen uns um achtzehn Uhr im L’Hirondelle.“ Er beharrte auf seinem Vorschlag. „Meinst du, das schaffst du?“

Also hatte er nicht vergessen, dass sie meistens zu spät kam. „Können wir uns nicht im Club treffen?“

„In welchem Club, Mia?“

Er klang, als würde er langsam die Geduld verlieren. „Das fragst ausgerechnet du?“ Sie gab sich betont ungläubig. Er konnte ja nicht wissen, dass sie über den gefragtesten Club der Saison nur durch ihre Mitbewohnerinnen Bescheid wusste. Die hübschen Mädchen waren stets über die neuesten Trends informiert, wohingegen Mia sich eigentlich nie für die Clubszene interessiert hatte, weil sie eben einfach kein Partygirl war. „Im Columbus. Wo sonst?“

„Dort verkehrst du?“

Sorglos ging sie darüber hinweg. „Du hast von dem Club gehört?“ Wenn nicht Ram, wer dann?

„Klar. Deshalb weiß ich auch, dass dort um sechs noch nicht geöffnet ist.“

Verflixt! Mia ärgerte sich über ihren dummen Fehler. Die Mädchen hatten doch erzählt, dass im Columbus erst spät in der Nacht etwas los war. Und es war ja klar, dass Ram sich möglichst früh mit ihr treffen wollte, um später ohne sie um die Häuser zu ziehen. „Ich habe erst um achtzehn Uhr Feierabend. Können wir uns nicht später treffen?“ Dann hätte sie wenigstens noch Zeit für eine Rundumerneuerung. Die Mädchen würden es schon richten. Für das Wiedersehen mit Ram wollte sie so gut wie möglich aussehen.

„Dann komm direkt von der Arbeit zum Hotel.“ Ram ging nicht auf ihren Vorschlag ein. „Ich habe sowieso noch am Wagen zu tun. Etwas frische Luft wird mir daher ganz guttun.“

Aha, er betrachtete sie also als willkommene Abwechslung zu seinen Ölputztüchern. Sehr schmeichelhaft!

Die Haarspraywolken im Salon nahmen ihr fast die Luft zum Atmen, und das schwere Parfüm ihres Chefs tat ein Übriges. Wie Ram legte auch Monsieur Michel keinen Wert auf Zurückhaltung. Wahrscheinlich würde Ram sich hier sofort heimisch fühlen. Von wegen! Vielleicht war es ihre einzige Chance, ihn davon zu überzeugen, dass sie die ideale Beifahrerin für ihn war, wenn sie ihn aus dem Gleichgewicht brachte. „Da ich dir einen Gefallen tue, könntest du dich ruhig hierher bemühen.“

Nun hieß es abwarten.

Sie wartete und wartete. War Ram inzwischen eingeschlafen? „Sechs Uhr im Maison Rouge?“, fragte sie nach.

„Maison Rouge?“ Das klang gelangweilt. „Ist das nicht der schicke Frisiersalon in der Hauptstraße?“

„Du brauchst gar nicht so überrascht zu tun.“

„Ich bin lediglich erstaunt, dass du da arbeitest. Wolltest du nicht Karriere als Innenarchitektin machen?“

„Schon.“ Aber wer stellte schon jemanden mit Narben im Gesicht ein? Außer Monsieur Michel. Der hatte sie quasi von der Straße aufgelesen und in seinen Laden gezerrt, weil sie angeblich den faszinierendsten ‚Look‘ hatte, der ihm je unter die Augen gekommen war. Mia war so überwältigt gewesen von seinem lila Lidschatten, dass sie gar nicht in der Lage gewesen war, sich zu widersetzen.

„Machst du deinen Job gut?“, fragte Ram ungeduldig.

„Ich begrüße unsere Kundinnen, Ram. Vereinbare Termine, rede jede Kundin mit ihrem Namen an und lächle freundlich. Da kann man nicht viel falsch machen.“

„Solange man dir keine Schere in die Hand drückt.“

Er spielte darauf an, wie sie als Zwölfjährige seinem preisgekrönten Pferd den Schweif gestutzt hatte. Oje! „Du bist dann um sechs Uhr hier?“ Sie hielt den Atem an.

„Vielleicht.“

Hörte sie ein Lächeln aus seinem Tonfall heraus? Bevor sie sich darüber schlüssig werden konnte, beendete Ram das Gespräch.

Jetzt musste sie dem Schicksal wohl seinen Lauf lassen. Allerdings nicht, ohne etwas nachzuhelfen. Entschlossen telefonierte Mia erneut. Die Mädchen mussten ihr helfen …

2. KAPITEL

Das Leben steckt voller Überraschungen, dachte Ram. Mia Spencer-Daylys unvermuteter Anruf erinnerte ihn an seine Schulzeit, die er in einem englischen Internat verbracht hatte. Der chaotische Lebensstil der Spencer-Daylys hatte ihn fasziniert. Da er von Bediensteten seiner Eltern aufgezogen worden war, fand er es natürlich himmlisch, einmal in einer richtigen Familie zu leben, auch wenn sie ausgesprochen unorganisiert war. Wenn er auf Toms Einladung die Ferien dort verbracht hatte, war Mia immer die Hauptattraktion für ihn gewesen. Ständig hatte sie ihn an der Nase herumgeführt, wohingegen man ihn zu Hause wie einen Gott verehrte.

Irgendwas machte ihn jetzt allerdings stutzig. Tom und er waren in Verbindung geblieben, aber Tom hatte seine Schwester nie erwähnt, und Ram fragte nicht nach ihr, weil er sich nicht aufdrängen oder indiskret sein wollte. Trotzdem hatte er oft an Mia gedacht. Und plötzlich meldete sie sich bei ihm und bot ihm an, für seinen erkrankten Beifahrer einzuspringen.

Sollte er Mias Angebot annehmen?

Und die Büchse der Pandora öffnen?

Mia war die kleine Schwester seines besten Freundes und somit tabu. Allerdings ließ sich nicht abstreiten, dass es heftig zwischen ihnen geknistert hatte. Damals gab es ständige Neckereien und Frotzeleien zwischen ihnen, aber jetzt …

Jetzt war Mia erwachsen. Und selbst während des kurzen Telefongesprächs hatte er wieder das vertraute Knistern gespürt. Aus Erfahrung wusste er, dass aus einem kleinen Funken ein flammendes Inferno werden konnte.

Seit wann scheute er davor zurück, mit dem Feuer zu spielen?

Dieses Mal könnte er sich die Finger verbrennen.

Schon damals hatte er davon geträumt, die kleine Wildkatze zu zähmen. Mias natürlicher Charme reizte ihn – und ihr Esprit und ihre Fröhlichkeit waren eine willkommene Ablenkung gewesen. Mia und er im Bett – das versprach ein Feuerwerk der Lust zu werden.

Genau deshalb musste er auch jetzt die Finger von ihr lassen.

Aber es war ja wohl erlaubt, einen Drink mit ihr zu nehmen. Außerdem hatte Mia es bei Rallyes einfach drauf, und er konnte gut eine Beifahrerin gebrauchen, die mit scharfem Blick morgen die Karte für ihn las. Eigentlich wäre Mia die ideale Besetzung.

In Monte Carlo gab es von allem mehr als anderswo. Mehr Reichtum, mehr Glamour, mehr Sicherheit. Es war definitiv der faszinierendste Ort der Welt, dachte Mia, als sie ihren Posten am Empfang des glamourösen Frisiersalons bezog.

Und genau hier würde sie Ram wiedersehen. Ram, den Maharadscha, den Mann, über den alle Welt spekulierte. Und wie würde ihr alter Kumpel auf die neue Mia reagieren? Die Zeiten der langen Zöpfe waren definitiv vorbei.

Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild und erinnerte sich an den Tag, als Monsieur Michel ihr spontan einen Job in seinem Salon angeboten hatte. Der schlaue Fuchs hatte natürlich sofort richtig vermutet, dass sie über keinerlei Erfahrung im Friseurgewerbe verfügte, aber ihr aristokratisch klingender Name erwies sich als sehr nützlich. Seit seiner bewegten Jugend hatte Monsieur Michel eine Schwäche für exzentrische Vertreter des verarmten Landadels, die sich irgendwie über die Runden brachten. Kurzentschlossen stellte er Mia daher als Empfangsdame ein, denn an die ausgefransten Haarspitzen seiner Herzoginnen konnte er sie natürlich nicht heranlassen.

Monsieur war durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen. Statt sich von Mias Narben erschrecken zu lassen oder entsetzt zu fragen, wie sie dazu gekommen war, bestand der exzentrische Haarkünstler darauf, dass Mia ihre Krankenkassenaugenklappe gegen eine von ihm entworfene, mit Edelsteinen besetzte Augenklappe tauschte. Außerdem sollte Mia mit sofortiger Wirkung auf den Namen Arabella hören, benannt nach der berüchtigten Seeräuberin Arabella Drummond, dem Schrecken der Sieben Weltmeere.

Mia gefiel es, sich zu kostümieren. Schon als Kind hatte sie sich gern verkleidet und war in ihre eigene Fantasiewelt geflüchtet. So ein fabelhaftes Outfit hatte ihr damals allerdings nicht zur Verfügung gestanden.

Monsieur hatte ihr dunkles Haar so geschnitten, dass die Narben verdeckt waren. Von einem Ohr baumelte ein großer Goldring, zu kurzen Leder-Hotpants trug Mia weit über die Knie reichende Lederstiefel. An einem mit Nieten besetzten, um die Hüften geschlungenen Ledergürtel waren Notizblock und Kugelschreiber befestigt – nicht dass es je etwas zu notieren gab –, aber Monsieur meinte, man müsste auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Mia und ihre Kolleginnen lagen ihrem exzentrischen Chef regelrecht zu Füßen, zumal es sein Herzenswunsch war, dass sich alle Menschen unter seinem Dach wohlfühlten. Es tat ihr gut, freundschaftlich und völlig ohne Vorurteile behandelt zu werden. Nach dem Unfall, der sie das linke Augenlicht gekostet und viele Narben – auch auf ihrer Seele – hinterlassen hatte, musste sie sich zunächst durch eine sechsmonatige Reha quälen. Es hatte viel Zeit beansprucht, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Und wie so oft in ihrem Leben war sie auch hierbei von einem Extrem ins andere gefallen. Zuerst hatte sie im eisigen winterlichen Norden Europas als Ranger gearbeitet, ohne Verbindung zur Außenwelt. Anschließend war sie im glamourösesten Fürstentum der Welt gelandet. Hier wurde französisch gesprochen, und es existierten zwei Währungen: gutes Aussehen und Geld. Da sie über keins von beiden verfügte, waren die Voraussetzungen denkbar schlecht. Doch Mia redete sich ein, wenn sie es hier schaffen würde, dann würde sie es überall auf der Welt zu etwas bringen. Dank Monsieur Michel fühlte sie sich in ihrem Glauben bestärkt.

Ihr neuer Look kokettierte damit, dass sie Verletzungen erlitten hatte. Okay, sie war auf einem Auge blind. Na und? So war das jetzt eben. Sie war nie eine atemberaubende Schönheit gewesen, aber wenigstens war sie jetzt etwas Besonderes. Arabella Drummond? Klar, diese Figur verkörperte sie jetzt. Ironisch verzog Mia das Gesicht, als ein Muskel in ihrer Wange zu zucken begann.

Bei einem letzten Blick auf das Foto von Ram auf der Titelseite der Tageszeitung stellte sie fest, dass er wohl zu den attraktivsten Männern der Welt gehörte. Außerdem umgab ihn die Aura eines Draufgängers. Jede halbwegs vernünftige Frau hätte die Beine in die Hand genommen und schleunigst das Weite gesucht.

Genau deshalb traf sie sich heute Abend mit ihm …

„Du hast jetzt lange genug in den Spiegel geschaut, chérie. Du bist wunderschön, und die Kundinnen warten.“

Die Gedanken an Ram mussten einstweilen beiseitegeschoben werden. Mia musste sich auf ihren Job konzentrieren. Mit dem Wissen, dass der Maharadscha ganz in ihrer Nähe war, würde ihr das nicht gerade leichtfallen. Doch sie durfte Monsieur Michels Vertrauen in sie nicht enttäuschen.

Er war so gut zu ihr, und er hatte ihr eingebläut, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Für ihn waren alle Menschen schön.

„Hopp, hopp!“ Lächelnd scheuchte er Mia zu ihrem Arbeitsplatz.

Sie wusste genau, warum der Meistercoiffeur sie eingestellt hatte: Angesichts der entstellten Piratenbraut am Empfang fühlte sich jede Kundin automatisch schön.

Das technische Problem am Rennwagen war schneller behoben als erwartet. Ram duschte und zog sich um. Dabei dachte er an das bevorstehende Wiedersehen mit Mia. Eigentlich könnte er das Treffen doch vorverlegen. Er freute sich richtig auf die Gesellschaft einer aufregenden Frau. Und mit Mia wurde es ihm bestimmt nicht so schnell langweilig wie mit den affektierten Bohnenstangen, mit denen er in letzter Zeit ausgegangen war.

Mia und er hatten sich nicht gerade in aller Freundschaft getrennt. Ihre letzte Begegnung fand auf der Verlobungsfeier ihres Bruders statt. Damals war sein Schicksal bereits vorgezeichnet gewesen: Er musste nach Ramprakesh zurückkehren und eine Frau heiraten, die man für ihn ausgewählt hatte. So war es Tradition in seinem Land.

Besser gesagt: So war es Tradition in seinem Land gewesen.

Als Abschiedsgeschenk hatte er Mia ein Haute-Couture-Kleid aus Paris überreicht. Inzwischen wusste er selbst, dass er damit übertrieben hatte. Aber er wollte ihr doch nur den Abschied versüßen. Vielleicht traf es sie dann nicht ganz so hart, wenn er ihr erklärte, er müsste zu Hause heiraten und seinen Platz in einer Welt einnehmen, die sie niemals mit ihm teilen könnte. Durch diese krasse Geste wollte er Mia zu verstehen geben, dass er sie immer lieben würde, auch wenn er sie jetzt aufgeben müsste, ohne sie je richtig gekannt zu haben.

Beim Einpacken des Kleides hatte er die Vision einer Traumnacht mit Mia gehabt. Wie jung er damals gewesen war. Jetzt war er zynisch und konnte noch immer nicht glauben, dass ihre Traumnacht in einem Desaster geendet hatte.

Müßig, noch einen Gedanken daran zu verschwenden. Energisch riss Ram sich zusammen. Er platzte fast vor Neugier, denn er wusste nicht im Ansatz, welchen Weg Mia seit jener Nacht eingeschlagen hatte.

Monte Carlo lässt sich nicht auf eine Rennstrecke reduzieren, dachte er, als er den kurzen Weg zu Mias Arbeitsplatz zu Fuß zurücklegte. Das Fürstentum Monaco war ein kleines rosa Juwel, reich an Kultur und Traditionen und perfekt gelegen am azurblauen Mittelmeer. Mia schien sich hier heimisch zu fühlen. Seltsam, damals hatte sie Traditionen und übertriebenen Luxus noch strikt abgelehnt.

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