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Entführt in den Palazzo des Prinzen

Raye Morgan

Entführt in den Palazzo des Prinzen

1. KAPITEL

„Es wird ja immer schlimmer“, sagte Isabella Casali laut vor sich hin. Ihre Worte wurden jedoch von dem plötzlich aufkommenden Sturm verweht.

Was hatte sie sich da für eine Nacht ausgesucht, um auf dem Grund und Boden des Prinzen herumzulaufen! Als sie von zu Hause weggefahren war, hatte der Mond noch sein fahles Licht verbreitet, auch wenn vorbeiziehende Wolken ihn ab und zu verdunkelt hatten. Jetzt war der Himmel schwarz, und es war stockfinster.

„Wahrscheinlich gibt es ein Gewitter. Die Pechsträhne der letzten Zeit scheint sich fortzusetzen“, flüsterte sie, während ihr der Wind das dunkle gelockte Haar ins Gesicht blies.

Doch nachdem sie endlich all ihren Mut zusammengenommen und sich überwunden hatte, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte sie jetzt nicht aufgeben und die Aktion abbrechen.

Über den Palazzo und das Anwesen des Prinzen erzählte man sich Schauergeschichten, die sie bisher nicht geglaubt hatte. So sollte es angeblich hier von allen möglichen übernatürlichen Wesen wimmeln. Doch jetzt bekam auch sie eine Gänsehaut wie alle Leute vor ihr. Bei jedem Windstoß, jedem knackenden Zweig und beim Knarren der Bäume zuckte sie zusammen und sah sich ängstlich um.

„Pass auf, dass der Prinz dich nicht erwischt“, hatte Susa, die etwas altmodische Küchenchefin ihres Restaurants, sie gewarnt.

Isabella hatte nachsichtig gelächelt. Obwohl Susa ihr oft kluge Ratschläge erteilte, waren ihre Befürchtungen dieses Mal bestimmt unbegründet, dessen war Isabella sich sicher gewesen.

„Es wird behauptet, er durchstreife sein riesiges Anwesen nachts auf der Suche nach einer jungen Frau, die in den Wäldern umherirrt“, hatte Susa hinzugefügt.

„Oh Susa, bitte, das ist doch übertrieben. Dasselbe hat man in den letzten hundert Jahren jedem Prinzen angedichtet, der in diesem alten Schloss gelebt hat. Die Di Rossis haben schon immer sehr zurückgezogen gelebt, wie man sich erzählt. Wenn man sich nicht unter die Leute mischt und sich von allem und allen fernhält, erwirbt man sich ganz automatisch früher oder später einen zweifelhaften Ruf.“ Isabella hatte gespielt unbekümmert gelacht.

Jetzt wünschte sie, sie wäre zu Hause geblieben und hätte es sich mit einem guten Buch gemütlich gemacht.

„Das ganze Gerede entsteht doch nur, weil sie sich so zurückhalten“, hatte sie erklärt. „Ich wette, die Di Rossis sind in Wirklichkeit sehr nette Menschen.“

Susa zog die Augenbrauen hoch, was sie ziemlich überlegen wirken ließ. „Ich bin gespannt, wie nett du ihn findest, wenn er dich in seinen Kerker einsperrt.“

„Susa!“ Isabella war sowieso nicht wohl bei der Sache, und die Skepsis und Schwarzmalerei der älteren Frau machten das Ganze nicht gerade besser. „Außerdem hat mein Vater auch immer das Monta-Rosa-Basilikum gepflückt, das schon so lange unseren Gerichten diesen ganz besonderen Geschmack verleiht. Soweit ich weiß, ist er nie einem Mitglied der königlichen Familie begegnet. Also, ich glaube das ganze Gerede nicht.“

Ihr Vater Luca Casali hatte vor vielen Jahren die geradezu magischen Eigenschaften dieses feinen Gewürzkrauts entdeckt und damit sein einfaches italienisches Lokal in ein weithin berühmtes Feinschmeckerrestaurant verwandelt. Die Gäste kamen von überall her wegen der köstlichen Pasta und der besonderen Tomatensauce, die Lucas Spezialität war.

Das Rezept und der Name der speziellen Zutat, die nur an einem einzigen Hügel auf dem Grundbesitz des Prinzen in Monta Correnti wuchs und den Gerichten den besonderen Geschmack verlieh, blieben ein Familiengeheimnis.

Jahrelang hatte ihr Vater das Basilikum einmal im Monat selbst gepflückt. Doch jetzt war er krank, und es wurde ihm zu mühsam. Deshalb musste Isabella wohl oder übel diese Aufgabe übernehmen. Um das Risiko, entdeckt zu werden, zu verringern, beschloss sie, sich im Dunkeln auf den Weg zu machen. Natürlich war sie sehr nervös. Es war immerhin ihr erster Ausflug dieser Art, aber sie war auch zuversichtlich, dass sie es schaffte, denn ihr Vater hatte nie ein Problem damit gehabt.

Doch der plötzlich einsetzende Sturm, die schwarzen Wolken am Himmel und das drohende Gewitter änderten alles. Momentan kam ihr jedes schaurige Gerücht über den Palazzo und seine Bewohner sehr plausibel vor, und sie blickte sich immer wieder ängstlich um.

Bei dem Sonnenschein am Nachmittag hatte sie sich vorgestellt, es könne ganz interessant sein, dem Prinzen zu begegnen.

„Wie ist er eigentlich?“, fragte sie Susa. „Ich meine, wenn er nicht gerade junge Frauen in sein Schlafzimmer lockt“, scherzte sie.

Susa zuckte die Schultern. „Ich weiß nur, dass seine junge Frau vor einigen Jahren gestorben ist und er seitdem wie ein Einsiedler lebt.“

„Oh, wie traurig.“ Isabella hatte davon gehört, kannte jedoch keine Einzelheiten.

„Man erzählt sich, sie sei unter mysteriösen Umständen gestorben“, fügte Susa geheimnisvoll hinzu.

„Ist für dich nicht immer alles etwas mysteriös?“

Susa warf ihr einen überheblichen Blick zu und wandte sich ab. Isabella fiel ein, was ihre frühere Köchin Noni Braccini zu sagen pflegte, die ihr als ganz jungem Mädchen alles beigebracht hatte, was sie über die italienische Küche wusste.

„Von so einem Ort kommt nichts Gutes.“ Sie hatte in Richtung des alten Palazzos gewiesen und geflüstert: „Fledermäuse.“

Verblüfft sah Isabella sie an. „Fledermäuse?“

„Ja, du willst sie doch nicht in deinem Haar haben, oder?“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Schaudernd war sich Isabella durch die wilden Locken gefahren.

Mehr wusste sie nicht über den Prinzen, außer natürlich, dass das für das Restaurant so wichtige Basilikum auf seinem Anwesen wuchs.

Noni Braccini war schon lange tot. Jetzt erzählte Susa an ihrer Stelle solche Gruselgeschichten.

„Als ich ein junges Mädchen war, wusste jeder, dass der damalige Prinz ein Vampir war“, behauptete sie, als Isabella zur Tür hinausgehen wollte.

„Wie bitte?“ Isabella musste laut lachen. „Susa, das ist doch verrückt.“

„Er war der Großvater des heutigen Prinzen.“ Die ältere Frau zuckte die Schultern. „Wir werden ja sehen, nicht wahr?“

Auf dem Weg zu ihrem Auto hatte Isabella immer noch gelacht, doch das Lachen war ihr mittlerweile vergangen. Susas Warnung und viele andere alte Geschichten, die sie früher einmal gehört hatte, gingen ihr durch den Kopf. Wenn sie während ihrer Kindheit bei einer Freundin übernachtete, hatten sie sich viele solcher Storys erzählt. Es ging dabei um Vampire, die nachts umherstreiften auf der Suche nach schönen Jungfrauen, und um Verführer mit dunklen funkelnden Augen, die unschuldige junge Mädchen in ihre luxuriösen Schlafzimmer lockten. Plötzlich hielt sie alles für möglich und bereute fast, dass sie sich ausgerechnet in dieser Nacht auf den Weg gemacht hatte. Doch dann ärgerte sie sich über ihre Ängstlichkeit.

Was konnte ihr schon passieren? Der Prinz war bestimmt nicht so boshaft und gefährlich, wie Susa ihn geschildert hatte. Ein einziges Mal hatte sie ihn als Teenager flüchtig von Weitem gesehen, bei einem Besuch in einem Thermalbad mehrere Autostunden von ihrem Ort entfernt. Eine Freundin hatte sie auf ihn aufmerksam gemacht, und damals hatte sie ihn für sehr attraktiv und ausgesprochen arrogant gehalten.

„Alle Mitglieder des Hochadels sind so hochnäsig“, erklärte ihre Begleiterin. „Sie glauben, sie seien etwas Besonderes. Man geht ihnen am besten aus dem Weg.“

Und daran hatte sich Isabella all die Jahre gehalten, bis heute. Je schneller sie hier fertig war, desto besser für sie.

Bald hatte sie den Abhang erreicht, den ihr Vater beschrieben hatte. Sie würde rasch die Leinentaschen, die sie mitgebracht hatte, mit dem Basilikum füllen und dann verschwinden. Allerdings hatte sie ein Problem: Der Schein der Taschenlampe reichte nicht weiter als eineinhalb Meter.

Auf einmal rutschte sie aus und wäre beinah gestürzt. Während sie sich bemühte, das Gleichgewicht zu bewahren, fiel ihr die Taschenlampe aus der Hand und rollte den Abhang hinunter in den Fluss.

Es fehlte nicht viel, und Isabella hätte laut geflucht, obwohl das sonst nicht ihr Stil war. Was für ein Desaster! Und was für eine verrückte Idee, mitten in der Nacht allein hierherzukommen.

„Auf solche Abenteuer dürfte ich mich gar nicht einlassen“, sagte sie leise vor sich hin, während sie versuchte, höher hinaufzuklettern. Die Angst, von irgendwelchen Wachleuten oder dem Prinzen selbst entdeckt zu werden, wurde immer größer.

Und als auf einmal das Gewitter losbrach, wollte sie nicht mehr ausschließen, dass hier wirklich nachts Vampire unterwegs waren.

Während der Wind durch die Wipfel der Bäume fuhr und Blitze den Himmel durchzuckten, sah sie sich besorgt um. Und dann befiel sie lähmendes Entsetzen, als sie die dunkle Gestalt bemerkte, die auf dem Pferd auf sie zugestürmt kam.

Plötzlich war ihr alles zu viel, die Dunkelheit, der Sturm, das Gewitter, die Gefahr, in der sie sich befand, und sie fing an zu schreien. Das Echo schien durch das Tal zu hallen, während um sie her Blitze zuckten und der Donner krachte.

Jede einzelne der vielen Schauergeschichten, die sie gehört hatte, schoss ihr in Sekundenschnelle durch den Kopf. Sie zitterte am ganzen Körper, Panik erfasste sie, und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Wie von Sinnen drehte sie sich um und begann zu rennen.

Sie hörte ihn rufen, er kam immer näher, jeden Augenblick würde er sie einholen. Ich muss schneller laufen, noch viel schneller, mahnte sie sich atemlos. Umsonst, denn auf einmal verlor sie das Gleichgewicht, fiel hin und rutschte schreiend den Abhang hinunter, ohne sich an irgendetwas festhalten zu können. Das eisige Wasser spritzte in alle Richtungen, als sie in den Fluss stürzte. Ich ertrinke, war ihr einziger Gedanke.

Doch fast im selben Moment wurde sie von zwei starken Armen gepackt, und der Mann in Schwarz zog sie aus den reißenden Fluten.

Schockiert und erstarrt vor Kälte, war sie sekundenlang orientierungslos. Während der Fremde sie zu seinem Pferd trug, kam sie sich vor wie eine Zuschauerin, die das Geschehen hilflos beobachtete.

Dann passierte etwas Seltsames. Nach der ganzen Aufregung und dem Schrecken fühlte sie sich in den starken Armen des Unbekannten unvermittelt wunderbar geborgen und wie verzaubert. Das Gewitter zog weiter, der Mond kam zwischen den Wolken hervor und hüllte die Landschaft um sie her in ein silbriges Licht. Als sie aufsah, konnte sie das energische Kinn des Mannes erkennen, mehr nicht.

Ich muss mich wehren, überlegte sie. Doch ehe sie auch nur ein einziges Wort herausbrachte, hatte er sie schon auf das Pferd gehoben und schwang sich hinter ihr in den Sattel.

„Was soll das? Das können Sie nicht machen! Lassen Sie mich sofort herunter“, forderte sie ihn schließlich auf.

Vielleicht hörte er sie gar nicht in dem Wind, der in den Zweigen rauschte. Jedenfalls reagierte er nicht, sondern galoppierte auf den Palazzo zu, der vor ihnen auf dem Hügel seltsam drohend emporragte. Sie klammerte sich so fest an den Sattel, als hinge ihr Leben davon ab, und konnte kaum atmen. Schließlich vernahm sie die klappernden Hufe des Pferdes auf dem Kopfsteinpflaster des Vorhofes, der von riesigen Laternen beleuchtet wurde, und dann blieb das Tier stehen. Rasch saß der Mann ab und hob Isabella hinunter.

Sekundenlang taumelte Isabella. Sie war verwirrt und fand keinen Halt. Doch er spürte ihre Unsicherheit, packte sie von hinten an den Schultern und hielt sie fest. Als sie sich zu ihm umdrehte, um ihn anzusehen, wandte er sich ab.

„Hierher.“ Er nahm sie an die Hand und dirigierte sie zu der breiten Eingangstür aus massivem Holz.

„Nein“, protestierte sie schwach, doch er reagierte nicht. Also überließ sie sich seiner Führung. Ihre völlig durchnässte Hose schien ihr an den Beinen zu kleben, die schwere Jacke schlabberte ihr um den Körper, und aus den Schuhen quoll bei jedem Schritt Wasser. Sie befand sich in einem fürchterlichen Zustand und wagte nicht, sich vorzustellen, wie ihr Haar aussehen musste.

Irgendwo auf dem Grundstück fingen zwei Hunde an zu heulen – oder waren es Wölfe? Sie konnte es nicht sagen, ihr Herz klopfte viel zu heftig. Die Atmosphäre wirkte seltsam bedrohlich, die Laternen warfen gespenstische Schatten, und ihr Blick fiel auf die unheimlich aussehenden eisernen Spitzen auf der Mauer, die den Palazzo umgab.

Sie erbebte. War das alles nur ein böser Traum? Oder war sie auf geheimnisvolle Weise in eine der alten Geschichten hineingeraten, die man sich erzählte? War sie vielleicht auf dem Weg in den Kerker, von dem Susa geredet hatte? Und war der Mann, der sie so sehr erschreckt und dann gerettet hatte, ein Held oder ein Schurke?

Eigentlich war es völlig unwichtig, denn sie brauchte ihn, und es gab keinen anderen Menschen, an den sie sich hätte wenden können.

Die breite Tür knarrte in den Angeln, als ein alter Mann mit einem zerfurchten Gesicht sie öffnete. Instinktiv fürchtete sie sich vor ihm und wandte sich Schutz suchend an den Unbekannten. Sekundenlang zögerte dieser, ehe er ihr den Arm um die Schulter legte und es zuließ, dass sie sich an ihn schmiegte. Nach wenigen Sekunden verstärkte er sogar den Griff.

Isabella fühlte sich immer noch wie betäubt und begriff kaum, was da mit ihr geschah. Sie war durchnässt, ihr war kalt, und sie befand sich vor dem alten Palazzo in Begleitung eines Mannes, den sie beinah für einen Vampir gehalten hatte und der ihr jetzt den Arm um die Schulter legte. Zu allem Überfluss fühlte es sich auch noch verdammt gut an. Sie gestand sich ein, dass sie schon lange keinen Mann mehr kennengelernt hatte, auf den sie so heftig mit allen Sinnen reagierte wie auf ihn, auch wenn sie sich vor ihm fürchtete.

Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, romantische Beziehungen seien nicht ihre Sache. Es lohnte sich nicht, es gab doch immer nur Probleme. Weshalb sie ausgerechnet von diesem Fremden, der sie aus dem Wasser gezogen hatte, so fasziniert war, war ihr allerdings rätselhaft. Vielleicht suchte sie die Gefahr und brauchte den Nervenkitzel.

„Wir sind gleich da“, versprach er, wie um sie zu beruhigen.

Was hatte er vor? Warum behandelte er sie so rücksichtsvoll? Ach, wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken, ich habe einfach zu viele Horrorfilme gesehen, sagte sie sich dann.

Sie seufzte, schloss die Augen und wünschte, sie könnte ihre Fassung wiederfinden, aber sie war zu keinem klaren Gedanken fähig. Sie war müde und erschöpft. Doch wenn sie die Lider öffnete, würde sie merken, dass alles nur ein böser Traum war und sie sicher und geborgen zu Hause in ihrem Bett lag.

Prinz Maximilliano Di Rossi runzelte die Stirn, während er die Frau ansah, die sich da an ihn klammerte. Es überraschte ihn, dass sie bei ihm Schutz suchte, und genauso erstaunte ihn, wie er sich verhielt. Im ersten Augenblick hatte er sich zurückziehen und jeden Körperkontakt vermeiden wollen. So reagierte er schon seit dem Unfall vor zehn Jahren. Nur die Menschen, die ihm seit der Kindheit vertraut waren, ließ er näher an sich heran. Besucher empfing er nie, und dass er diese Fremde mitbrachte, war die absolute Ausnahme.

Aber sie wandte sich so vertrauensvoll an ihn, dass Erinnerungen geweckt wurden. Er sehnte sich danach, nach so vielen Jahren wieder den warmen, weichen Körper eines weiblichen Wesens in den Armen zu halten und an sich zu pressen. Es kam ihm vor wie ein unerwartetes Geschenk.

Diese Regungen würden ihm jedoch bald vergehen. Sobald sie sein Gesicht klar und deutlich sehen konnte, würde sie ihn bestimmt nicht mehr berühren wollen, sondern sich sogleich zurückziehen.

Er verzog zynisch die Lippen, während er sie durch die breite Tür in den Palazzo führte. Ihre Schritte hallten in der riesigen, hohen Eingangshalle wider. Als er jemanden husten hörte, sah er auf und merkte, dass sein Mitarbeiter Renzo ihn beunruhigt anschaute. Über dem Schlafanzug trug er einen Bademantel, und seine Füße steckten in uralt aussehenden Fellhausschuhen.

„Schöne Babuschen haben Sie da“, stellte Max fest und zog eine Augenbraue hoch.

„Vielen Dank, Hoheit“, antwortete Renzo und trat leicht verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Max überlegte, ob er die Frau in die Obhut seines treuesten Mitarbeiters geben sollte, der sein persönlicher Assistent und sein Butler zugleich war, seit er denken konnte. Dann wäre er in der Lage wegzugehen und musste keinen Gedanken mehr an die Fremde verschwenden. Auf Renzo konnte er sich in jeder Hinsicht verlassen, er würde die Sache regeln. Ja, es war die beste Lösung, es so zu handhaben wie immer, zumal Renzo es auch zu erwarten schien.

Doch dann fiel sein Blick auf die Frau. Sie schmiegte sich noch immer so vertrauensvoll an ihn, als wäre sie bei ihm in Sicherheit. Plötzlich regte sich etwas in ihm – doch das war gefährlich. Allein der Anblick ihres wunderschönen zerzausten vollen Haares weckte Regungen in ihm, die er nicht gebrauchen konnte. Er schaffte es jedoch nicht, sich von ihr zu lösen.

Später versuchte er sich einzureden, es sei nichts anderes gewesen als der typisch männliche Instinkt, sich als Beschützer aufzuspielen, und er hätte genauso gehandelt, wenn es sich um einen jungen Hund oder ein Kätzchen gehandelt hätte. Der Wunsch, einem hilflosen Wesen zu helfen, sei stärker gewesen als jede Vernunft.

Doch davon war er nicht überzeugt. Er fand die Frau ausgesprochen faszinierend, und deshalb wäre es das Beste, er würde es Renzo überlassen, sich um sie zu kümmern. Dennoch entschied er sich anders.

Er sah seinen Mitarbeiter an und schüttelte den Kopf. „Ich mache das schon“, erklärte er, während er den langen schwarzen Umhang abstreifte und auf einen Sessel in der Eingangshalle legte.

Ihm wurde bewusst, was er da tat: Er handelte wider besseres Wissen und war im Begriff, der Frau sein Gesicht zu zeigen.

„Aber Hoheit …“, begann Renzo alarmiert.

„Bitten Sie Marcello, zu uns in den Salon zu kommen“, unterbrach der Prinz ihn.

Renzo blinzelte verblüfft. „Entschuldigen Sie, Hoheit, ich glaube, der Doktor schläft schon.“

„Dann wecken Sie ihn“, forderte Max ihn auf. „Er soll sich die junge Dame hier anschauen. Sie ist gestürzt.“

„Du meine Güte“, sagte Renzo leise und räusperte sich, als wollte er etwas hinzufügen. Max war jedoch nicht bereit, ihm zuzuhören, sondern wappnete sich gegen das, was kommen würde.

Sein Zögern hatte natürlich einen Grund. Seine eine Gesichtshälfte war mit Narben übersät und sehr entstellt, und deshalb ging er Fremden aus dem Weg.

Bei dieser Frau eine Ausnahme zu machen stellte für ihn einen wichtigen Schritt dar. Er musste endlich seine Schwäche überwinden, sich umdrehen und sie sehen lassen, mit wem sie es zu tun hatte. Er würde sie dabei keine Sekunde aus den Augen lassen und sich zwingen, das Entsetzen und den Abscheu in ihrem Blick zu ertragen.

„Kommen Sie mit“, sagte er hart und zog sie durch die Eingangshalle. Die riesigen Porträts an den Wänden und die alten, verschlissenen Gobelins nahm Isabella nur flüchtig wahr. Er führte sie in einen großen Raum, der mit schweren blauen Samtvorhängen und insgesamt sehr luxuriös ausgestattet war. In dem riesigen Kamin glomm noch das Feuer unter der Asche.

„Nehmen Sie Platz.“ Er wies auf ein antikes Sofa. „Mein Cousin Marcello ist Arzt, er wird Sie gleich untersuchen.“

„Das möchte ich aber nicht.“ Sie schüttelte den Kopf und sah an sich hinunter. „Und so schmutzig und durchnässt, wie ich bin, kann ich mich auch nicht hinsetzen. Ich würde nur ihre Polstermöbel ruinieren.“

„Das macht nichts“, antwortete er kurz angebunden.

Meint er das ernst?, überlegte sie.

„Ich möchte es trotzdem nicht“, entgegnete sie und spürte ihre Lebensgeister zurückkehren. „Vielleicht sehe ich momentan nicht so aus, aber ich habe Manieren. Ich weiß, wie man sich in feiner Gesellschaft benimmt.“

„In feiner Gesellschaft?“, wiederholte er und stieß einen Laut aus, der wie ein missglücktes Lachen klang. „Das erwarten Sie also hier, eine feine Gesellschaft? Okay, dann muss ich wohl versuchen, Ihnen etwas in der Richtung zu bieten.“

Er ging ruhelos im Raum hin und her, und Isabella bemühte sich, ihn im Blickfeld zu behalten. Sie war sich ziemlich sicher, zu wissen, wer er war, und wünschte, sie könnte endlich sein Gesicht sehen, dann wäre sie ganz sicher.

„Sie machen mich ganz nervös“, beschwerte sie sich und hielt sich an der Rückenlehne eines Sessels fest.

Wieder stieß er einen undefinierbaren Laut aus, ohne im Laufen innezuhalten. Beunruhigt fragte sie sich, was er mit ihr vorhatte. Glücklicherweise schien er sie nicht einsperren zu wollen, wie Susa prophezeit hatte, aber vielleicht beabsichtigte er, die Polizei zu rufen und sie anzuzeigen. Immerhin hatte sie unbefugt sein Land betreten.

Während sie wartete, was geschehen würde, fiel ihr auf, wie geschmeidig er sich bewegte. Er strahlte verhaltene Kraft und Stärke aus und wirkte unberechenbar. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mit ihm umgehen soll, gestand sie sich ein und bekam Herzklopfen.

Als er kurz stehen blieb und in die Eingangshalle blickte, fragte sie angespannt: „Was ist los?“

„Mein Cousin nimmt sich viel Zeit“, erwiderte er ruhig. „Ich möchte es hinter mich bringen.“

„Ich auch“, stimmte sie ihm aus tiefstem Herzen zu. „Warum lassen Sie mich nicht einfach gehen und …?“

„Nein“, unterbrach er sie. „Sie bleiben hier.“

Seine herrische Art weckte ihren Widerstand. „Natürlich weiß ich Ihre Großzügigkeit zu schätzen“, erklärte sie leicht ironisch und wandte sich zur Tür. „Aber es ist Zeit, dass ich …“

„Nein!“ Mit einem einzigen großen Schritt war er bei ihr und packte sie am Handgelenk. „Sie gehen erst, wenn ich es Ihnen erlaube.“

„Ah ja?“ Sie versuchte vergebens, sich aus seinem Griff zu lösen. „Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Heutzutage lassen die Menschen sich nichts mehr befehlen, es sei denn, sie werden dafür bezahlt, dass sie Anordnungen ausführen.“

Mit halb abgewandtem Gesicht zog er sie zu sich heran. „Sind Sie darauf aus? Wollen Sie Geld haben?“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie blickte ihn schockiert an. Wie konnte er ihr so etwas unterstellen?

„Was wollen Sie denn sonst?“

Sie schluckte. Es war sicher nicht der richtige Zeitpunkt, ihn zu bitten, einmal im Monat sein Anwesen betreten zu dürfen.

„Nichts“, antwortete sie deshalb.

„Lügnerin.“

Da hatte er natürlich recht, dennoch hörte sie es nicht gern. „Sie würden es sowieso nicht verstehen. Ich wollte Ihnen jedenfalls nicht schaden.“

„Sie wollten mir nicht schaden?“, wiederholte er, als wäre es nur eine leere Phrase. „Der Schaden wurde schon vor vielen Jahren angerichtet.“

Die Verbitterung, die in seiner Stimme schwang, ließ Isabella zusammenzucken. Irgendetwas in seinem Leben war ganz und gar nicht in Ordnung. Die bedrückende, düstere Atmosphäre, die hier herrschte, wurde noch verstärkt durch die seltsam ablehnende Haltung dieses Mannes. Normalerweise hielt sie sich von solchen Menschen fern.

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