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Entführt in den Palast der Leidenschaft

1. KAPITEL

Zahir Ra’if Quarishi, Erbkönig des Golfstaates Maraban, fuhr von seinem Chefsessel hoch, als sein jüngerer Bruder Akram ins Büro platzte.

„Was ist passiert?“, herrschte Zahir den Eindringling an. Instinktiv brachte der ehemalige Offizier seinen ein Meter neunzig großen durchtrainierten Körper in Alarmstellung.

Verlegen, weil er in seiner Aufregung nicht auf die Hofetikette geachtet hatte, deutete Akram eine Verbeugung an. „Ich bitte mein unangekündigtes Erscheinen vielmals zu entschuldigen, Eure Majestät …“

„Schon gut, Akram. Du wirst deine Gründe haben.“ Und zwar private Gründe, wenn er den besorgten Gesichtsausdruck seines jüngeren Bruders richtig deutete.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll …“

„Setz dich erst mal hin, und atme tief durch“, riet Zahir, der zu seiner natürlichen Ruhe und Gelassenheit zurückgefunden hatte. Er ging zu einer Sitzgruppe hinüber und forderte Akram auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Wir können über alles reden. Von Einschüchterung halte ich nichts! Ich bin nicht wie unser verstorbener Vater.“

Akram wurde bleich, als Zahir seinen tyrannischen, ungeliebten Vorgänger erwähnte, der nicht nur seine Familie, sondern sein ganzes Volk terrorisiert hatte. Da Fareed der Großartige – auf diesem Namen hatte er bestanden – die durch das Ölvorkommen in Maraban erwirtschafteten Milliarden in die eigene Tasche gesteckt hatte, war der Golfstaat zu einem der rückständigsten Länder des Nahen Ostens verkommen. Der immens reiche Herrscher ließ sein Volk wie im Mittelalter leben, verweigerte ihm Schulbildung, moderne Technologien und angemessene medizinische Versorgung.

Sofort nach seiner Thronbesteigung vor drei Jahren hatte Zahir umwälzende Veränderungen auf den Weg gebracht, deren vollständige Umsetzung jedoch noch einiges an Kraft und Zeit benötigen würde. Akram bewunderte seinen Bruder, der fast rund um die Uhr für eine bessere Zukunft seines Volks arbeitete und zauderte erneut, Zahir mitzuteilen, was er gerade erfahren hatte.

Zahir sprach nie über seine erste Ehe. Das Thema war einfach zu brisant. Das war Akram nur zu bewusst. Sein Bruder hatte einen hohen Preis dafür bezahlt, sich gegen seinen Vater zu stellen und eine Ausländerin zu heiraten, die auch noch aus einem völlig anderen Kulturkreis stammte. Leider hatte die Frau sich zudem als seiner unwürdig erwiesen, was die Sache noch schlimmer machte.

„Akram?“ Langsam wurde Zahir ungeduldig. „In einer halben Stunde habe ich eine Besprechung.“

„Es geht um … sie. Die Frau, die du geheiratet hast.“ Akram hatte die Sprache wiedergefunden. „Sie ist in unserer Hauptstadt unterwegs und stellt sich zur Schau.“

Zahir erstarrte. Unter dem honigfarbenen Teint war er blass geworden. Die sinnlichen Lippen waren zusammengepresst. „Was, um alles in der Welt, soll das heißen?“

„Sapphire dreht hier einen Fernsehwerbespot für Kosmetik“, erklärte Akram voller Abscheu. Er fand es unentschuldbar, seinen Bruder so zu beleidigen.

Der König ballte die schlanken kraftvollen Hände zu Fäusten. „Willst du damit sagen, Sapphire filmt hier in Maraban?“, fragte er ungläubig.

„Ich weiß es von Wakil.“ Der Mann hatte einmal als Zahirs Leibwächter gearbeitet. „Er konnte es auch kaum fassen. Im Nachhinein müssen wir unserem Vater wohl sogar noch dankbar sein, dass er deine Ehe vor dem Volk geheim gehalten hat“, fügte Akram erschüttert hinzu.

Seine Exfrau wagte es, in sein Land zu reisen? Das war ja ungeheuerlich! Wütend sprang Zahir auf. Er hatte sich so bemüht, nicht verbittert zu werden und seine gescheiterte Ehe zu vergessen. Kein leichtes Unterfangen, wenn die Ex sich zu einem weltberühmten Supermodel entwickelte, das einem von unzähligen Zeitschriftentiteln und Plakaten zulächelte. Sogar am New Yorker Time Square hatte ein riesiges Werbeplakat gehangen!

Vor fünf Jahren war er leichte Beute für eine so berechnende Frau wie Sapphire Marshall gewesen. Es war der Tyrannei seines Vaters zuzuschreiben, dass Zahir mit seinen damals fünfundzwanzig Jahren sexuell noch völlig unerfahren gewesen war und keine Ahnung von der westlichen Welt und ihren Frauen gehabt hatte. Trotzdem hatte er versucht, das Beste aus seiner Ehe zu machen. Seine Braut dagegen hatte gar nichts unternommen, um ihre Eheprobleme zu lösen. Er hatte um eine Frau gekämpft, die gar nicht seine Frau sein wollte und schon zurückgezuckt war, wenn er sie nur berührte.

Ich war so ein Idiot, dachte Zahir. Inzwischen war er nicht mehr so unschuldig, was Frauen betraf, und konnte sich Sapphires seltsames Verhalten erklären. Sie hatte ihn nur wegen seines unermesslichen Reichtums geheiratet und wegen seines Status als Prinz, nicht weil sie in ihn verliebt war. Es war unverzeihlich, dass sie es offensichtlich nur auf die Abfindung abgesehen hatte, die bei einer Scheidung fällig wurde. Er hatte einen unglaublich hohen Preis bezahlt, während sie völlig ungeschoren davongekommen war, noch dazu mit einer Millionenabfindung!

„Es tut mir so leid, Zahir“, sagte Akram leise. So wütend kannte er seinen sonst so gelassenen Bruder gar nicht. „Aber ich dachte, du solltest wissen, dass sie die Frechheit hat, hier aufzutauchen.“

„Wir sind seit Jahren geschieden. Warum sollte mich interessieren, was sie treibt?“, erkundigte er sich harsch.

„Weil ihr Auftreten hier peinlich ist. Nicht auszudenken, wenn die Medien erfahren, dass sie mal mit dir verheiratet war. Es ist schamlos und unverfroren von ihr, ausgerechnet in Maraban ihren albernen Werbespot zu drehen.“

„Du reagierst viel zu emotional, Akram“, sagte Zahir beruhigend. Insgeheim rührte ihn die Reaktion seines Bruders jedoch. „Vielen Dank für die Information. Aber was erwartest du jetzt von mir?“

„Dass du sie mit ihrer Filmcrew sofort des Landes verweist“, antwortete Akram wie aus der Pistole geschossen.

„Wie jung und impulsiv du bist, Bruderherz.“ Zahir lächelte trocken. „Für die Paparazzi, die meiner Exfrau auf Schritt und Tritt folgen, wäre es natürlich ein gefundenes Fressen, wenn ich das weltberühmte Supermodel deportieren lassen würde. Warum sollte ich für Schlagzeilen sorgen? Die Presse würde doch sofort anfangen herumzuschnüffeln und dabei genau das entdecken, was ich all diese Jahre verborgen gehalten habe.“

Enttäuscht, weil sein Bruder offenbar nicht vorhatte, sich an seiner Ex zu rächen, schlich Akram schließlich von dannen und wäre sehr erstaunt gewesen über die Telefongespräche, die Zahir führte, sowie er wieder allein war.

Zahirs scharfer Verstand stand in ständigem Widerspruch zu seinem leidenschaftlichen Temperament. So war sein Wunsch, Sapphire persönlich wiederzusehen, völlig unlogisch. Aber vielleicht musste er ihr noch einmal begegnen, um einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Langsam musste Zahir sich nämlich mit dem Gedanken anfreunden, wieder zu heiraten. Vorher wollte er sich jedoch davon überzeugen, dass die Probleme, die damals zwischen ihm und Sapphire gestanden hatten, wirklich darauf zurückzuführen waren, dass sie es tatsächlich nur auf sein Geld abgesehen hatte und dass es nichts Psychisches oder Physisches gewesen war, wie er anfangs vermutet hatte.

Unfassbar, wie viele Bücher er damals gelesen hatte, um dem Problem auf die Spur zu kommen! Sapphires derzeitige Lebensumstände bestärkten seinen Verdacht, es damals mit einer ganz ausgekochten, geldgierigen Person zu tun gehabt zu haben. Inzwischen lebte sie nämlich mit dem preisgekrönten schottischen Tierfilmer Cameron McDonald zusammen. Vermutlich hatte sie keine Probleme, mit ihm ins Bett zu gehen.

Allein die Vorstellung entfachte Flammen des Zorns in Zahir und ließ seine Augen in unnatürlicher Helligkeit erglühen.

Pflichtbewusst hielt Saffy ihr erhitztes Gesicht in den Luftstrom aus der Windmaschine, damit die blonde Mähne dekorativ über die Schultern gepustet wurde. Mit der Selbstbeherrschung eines echten Profis verbarg sie, wie sehr ihr die unerträgliche Hitze zusetzte. Ständig musste ihr Gesicht neu abgepudert werden. Immer wieder wurden die Filmaufnahmen unterbrochen, weil die Sicherheitskräfte der Crew zu enthusiastische Zuschauer zurückdrängen mussten, damit das Team genug Platz zum Arbeiten hatte. Es war ein Riesenfehler, den Werbespot für die Desert Ice Kosmetiklinie an einem Ort zu filmen, an dem die Infrastruktur fehlte, die von der Filmcrew normalerweise vorausgesetzt wurde.

„Zeig mir deinen sexy Blick, Saffy!“ Dylan, der die Aufnahmen machte, verzweifelte langsam. „Was ist denn diese Woche mit dir los?“

Wie elektrisiert riss Saffy sich zusammen und zauberte den gewünschten Ausdruck in ihr Gesicht. Es sollte doch niemand merken, dass sie abgelenkt war. Sie konzentrierte sich auf den Tagtraum, der den viel gepriesenen begehrlichen Blick fast wie von selbst kreierte. Wie paradox, diesen Traum abrufen zu müssen, der sich nie erfüllt hatte, dachte Saffy. Das Schicksal kann so grausam sein! Doch davon durfte sie sich jetzt nicht beirren lassen. Der Kunde zahlte eine Stange Geld dafür, dass sein Produkt perfekt beworben wurde. Sie durfte sich jetzt keine Sentimentalitäten leisten.

Mithilfe ihrer sprichwörtlichen Selbstbeherrschung verdrängte Saffy die verstörenden Erinnerungen und dachte sehnsüchtig an den Mann mit pechschwarzem Haar, breiten Schultern und der unwiderstehlichen animalischen Anziehungskraft seines wie Goldbronze schimmernden Körpers. Dieser Traummann musterte sie begehrlich mit seinen dicht bewimperten glitzernden Augen. So leidenschaftlich, dass es Saffy den Atem raubte. Ihr Körper reagierte sofort auf diese heiße Fantasie. Brennendes Verlangen pulsierte zwischen ihren Schenkeln, die harten Brustwarzen zeichneten sich unter dem dünnen Seidentop ab, das sie trug.

„Perfekt! Bleib so!“, rief Dylan begeistert und fotografierte sie aus jedem erdenklichen Blickwinkel, während Saffy sich lasziv rekelte, wobei sie sich vorstellte, dass der Mann ihrer Träume ihr zuschaute. „Jetzt senk die Lider eine Spur. Wir wollen den Lidschatten sehen. Super machst du das, Schätzchen. Und nun zeigst du mir deinen verführerischen Schmollmund!“

Es dauerte eine Minute oder auch zwei, bevor Saffy aus ihrer Traumwelt zurückkehrte und wieder in der harten Realität landete, die sich aus Hitze, Lärm und neugierigen Zuschauern zusammensetzte. Jetzt war ihren unglaublich großen blauen Augen wieder anzusehen, wie unangenehm ihr die Aufmerksamkeit war, die sie beim Filmen auf sich zog. Zum Glück hatte Dylan jetzt alle Aufnahmen im Kasten und machte Luftsprünge vor Freude. Erschöpft ließ Saffy den Blick über die Menschenmenge gleiten und entdeckte dahinter einen auf einer Düne parkenden Wagen. Daneben stand ein Mann in weißem Gewand. Im gleißenden Sonnenlicht blitzte etwas in seiner Hand auf.

Durch ein Fernglas betrachtete Zahir seine wunderschöne Exfrau. Sie saß auf einem Stapel riesiger Plastikeiswürfel, das lange goldblonde Haar umwehte ihr Gesicht wie kostbar schimmernde Seide. Der Anblick dieser atemberaubenden Schönheit erzürnte Zahir maßlos. Was fiel ihr ein, sich mitten in Maraban nur mit zwei himmelblauen Fetzen bekleidet in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen? Jeder konnte ihre vollen festen Brüste, die schlanke Taille und die schier endlosen Beine anstarren!

Die Männer der Filmcrew umschwirrten Sapphire wie Motten das Licht, boten ihr kühle Getränke und Snacks an und fummelten an Haar und Gesicht herum. Rasend vor Eifersucht, fragte Zahir sich, welcher der Männer die Freude hatte, ihren wunderschönen Körper zu besitzen. Sie lebte zwar mit Cameron McDonald zusammen, doch in den Gazetten wurde immer wieder über Affären mit anderen Männern spekuliert. Von Treue schien sie demnach nicht viel zu halten.

Es ärgerte Zahir, dass er Sapphire noch immer begehrte, obwohl sie offensichtlich ein Flittchen war. Diese Selbsterkenntnis war so niederschmetternd, dass er wütend die Zähne zusammenbiss. Bereits dieser eine Blick auf Sapphires perfektes Äußeres hatte seinen gesamten Körper in Erregung versetzt und glühende Begierde in ihm entfacht.

Sapphire – der einzige Fehler, den er sich je geleistet hatte. Die Strafe dafür war unvergesslich brutal gewesen. Er hatte Unbeschreibliches ertragen, um wenigstens ein Jahr mit ihr verheiratet zu bleiben. Zwölf Monate lang hatte er ihretwegen Höllenqualen gelitten. Oh ja, Sapphire war ihm definitiv noch etwas schuldig! Zudem hatte sie nach der Scheidung Millionen von ihm kassiert. Dabei war die Ehe eine einzige Farce gewesen.

Vielleicht ist nun endlich die Zeit der Rache gekommen, überlegte Zahir grimmig.

Sapphire hätte mit ihrer Filmcrew ja nicht ausgerechnet nach Maraban kommen müssen, um ihren Werbespot zu drehen. Noch dazu ohne Genehmigung. Jetzt hatte er sie in der Hand.

Das Bild einer ihm hilflos ausgelieferten Saffy hatte etwas ungemein Verführerisches. Langsam ließ Zahir das Fernglas sinken. Er hatte sich geändert, sie beide hatten sich geändert. Dieses Mal würde er Saffy dazu bringen, sich nach ihm zu verzehren!

Je mehr er darüber nachdachte, desto fester wurde Zahirs Entschluss, sich diesen Wunsch zu erfüllen. In seinem bisherigen Leben hatte er nur selten Gelegenheit gehabt, seine privaten Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Das sollte sich nun ändern!

Er hatte sich bereits über Sapphires Reisepläne informiert und wusste daher, dass sie Maraban bereits in einigen Stunden wieder verlassen wollte. Zahir überlegte sich genau, wie er vorgehen würde. Mit der gleichen, nahezu selbstmörderischen Entschlossenheit hatte er damals eine Ausländerin geheiratet, ohne seinen despotischen Vater zuvor um Erlaubnis zu bitten …

Erleichtert, nicht mehr in der sengenden Hitze posieren zu müssen, zog Saffy sich in den Trailer der Filmcrew zurück, um sich umzuziehen. Bandeau-Top und hoch geschlitzter Rock machten weißer Leinenhose und hellblauem T-Shirt Platz. Den Nabelschmuck hatte sie auch abgelegt. Noch zwei Stunden, dann konnte sie Maraban wieder den Rücken kehren. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet hierherzukommen, doch die Crew war gezwungen gewesen, kurzfristig einen neuen Drehort zu finden, weil im Nachbarstaat Unruhen ausgebrochen waren. Auf Sapphires Einwände hatte niemand gehört. Natürlich hatte sie geheim gehalten, früher einmal mit dem König des Golfstaates verheiratet gewesen zu sein. Ihre Karriere hatte ja erst nach der Scheidung begonnen.

Interessant, dass Zahir den Thron bestiegen hatte, obwohl er doch ein erklärter Gegner der korrupten Monarchie in seinem Land gewesen war. Die Zeitungen hatten allerdings berichtet, die Bevölkerung von Maraban hätte nicht gewusst, was sie mit dem Angebot einer demokratischen Regierung anfangen sollte und hätten sich um ihren ausgesprochen populären Prinzen geschart, der die Armee hinter sich versammelt und zum Wohl seines Volkes die Diktatur seines grausamen Vaters abgeschafft hatte. Überall hingen Bilder von Zahir. Unter dem Porträt im Hotelfoyer stand eine Vase mit frischen Blumen auf dem Tisch. Fast wie ein Heiligenschrein, dachte Saffy und lächelte verbittert. Zahir war ein durch und durch anständiger Mann, der sich sehr für Gerechtigkeit einsetzte und wahrscheinlich ein ausgezeichneter König war. Es war unfair, ihm etwas übel zu nehmen, wofür er nichts konnte.

Ihre Ehe war eine Katastrophe gewesen. Noch heute verdrängte Saffy sofort jeden aufkeimenden Gedanken an diese Zeit. Zahir hatte ihr das Herz gebrochen und sie fallen lassen, als sie versagt hatte. Es war unfair, ihn dafür zu hassen. Zumal sie ihn selbst monatelang um die Scheidung gebeten hatte. Das Leben bestand leider nicht nur aus Happy Ends.

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, dachte Saffy, als sie, flankiert von Sicherheitskräften, durch die jubelnde Menge zur wartenden Limousine ging, die sie zum Flughafen bringen sollte. Verträumt berührte sie sacht ein seidiges Blütenblatt des wunderschönen Blumenstraußes, der im Fond des Wagens in einer Hängevase dekoriert war, und freute sich, weil nun drei freie Tage vor ihr lagen.

Wenn sie wieder in London war, wollte sie sich zuerst mit ihren Schwestern in Verbindung setzen. Eine war schwanger, eine versuchte verzweifelt, schwanger zu werden, und eine ging noch zur Schule.

Ihre älteste Schwester Kat war sechsunddreißig Jahre alt, hatte kürzlich einen russischen Milliardär geheiratet und spielte mit dem Gedanken, sich einer Hormonbehandlung zu unterziehen. Saffy war nicht besonders gut auf ihren Schwager Mikhail zu sprechen, denn er hatte sie entrüstet zur Rede gestellt, weil sie Kat nicht geholfen hatte, als diese in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt hatte. Dabei wusste ich gar nichts von den Schulden, dachte Saffy wütend. Und selbst wenn, eine so große Summe hätte sie gar nicht so schnell aufbringen können. Gleich zu Beginn ihrer Karriere hatte sie angefangen, sich in Afrika zu engagieren und unterstützte regelmäßig eine Schule für Aids-Waisen. Dafür verzichtete sie gern auf ein Leben im Luxus.

Saffys Zwillingsschwester Emmie erwartete ein Baby – ohne den werdenden Vater an ihrer Seite, was Saffy allerdings nicht wunderte. Leider wusste sie aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass ihr Zwilling niemandem verzieh, der sie verletzt oder beleidigt hatte. Vermutlich hatte der Vater des Kindes diesen Fehler gemacht. Als Kinder waren Emmie und sie durch dick und dünn gegangen. Das hatte sich in der Pubertät geändert. Sie waren in schlechte Gesellschaft geraten, und durch Saffys unbedachtes Verhalten war Emmie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Es hatte Jahre gedauert, bis sie sich davon erholt hatte. Es gibt eben Dinge, die unverzeihlich sind, dachte Saffy traurig.

Mikhail und Kat würden schon dafür sorgen, dass es Emmie und dem Baby an nichts fehlte. Hilfe von ihr würde Emmie sowieso ablehnen. Warum sie wohl so ein großes Geheimnis um die Identität des werdenden Vaters macht? Na ja, ich bin auch nicht viel besser, musste Saffy sich eingestehen. Bis heute hatte sie keiner ihrer Schwestern die demütigende Wahrheit über ihre gescheiterte Ehe gestanden. Kat hatte sie damals noch gewarnt, nichts zu übereilen. Aber wenn man achtzehn Jahre alt und schwer verliebt war, wollte man keine Ratschläge hören. Also hatten Zahir und sie nach zwei Monaten geheiratet, ohne überhaupt je zusammengelebt zu haben. Natürlich war das völlig verrückt gewesen!

Saffy, die damals noch sehr unreif und idealistisch gewesen war und noch nie auf eigenen Füßen gestanden hatte, hatte sich nur schwer in ihre Rolle als Ehefrau hineingefunden. Zumal sie plötzlich auch noch in einem völlig anderen Kulturkreis lebte. Während sie sich bemühte, sich einigermaßen zurechtzufinden, wurde Zahir ihr immer fremder. Wochenlang ließ er sie allein, weil er Wehrübungen machen musste. Ausgerechnet dann, wenn sie ihn am meisten brauchte. Sicher hatte sie Fehler gemacht, aber Zahir war auch nicht unschuldig am Scheitern ihrer Ehe.

Zufrieden mit dieser Erkenntnis, durch die sie die Schuld für vergangene Fehler gerecht auf beide Seiten verteilt hatte, kam Saffy wieder in der Gegenwart an. Erstaunt bemerkte sie, dass sie auf einer schnurgeraden breiten Straße unterwegs waren, die an eine Landebahn mitten in der Wüste erinnerte. Die Gegend wirkte vollkommen verlassen. Doch die Route zum Flughafen führte eigentlich durch die belebte Innenstadt. Hier gab es nur Wüstensand, Felsen, erloschene Vulkanformationen und kaum Vegetation.

Saffy hatte Zahirs Heimat nie etwas abgewinnen können. Hitze und karge Wüstenlandschaft waren nicht ihr Ding. Wo, um alles in der Welt, sind wir hier? überlegte sie fieberhaft. Vielleicht auf einer Umgehungsstraße, um dem dichten Stadtverkehr auszuweichen? Verunsichert klopfte sie an die Trennscheibe, um den Chauffeur auf sich aufmerksam zu machen. Der sah nur kurz in den Rückspiegel, ignorierte sie jedoch gleich wieder. Verärgert klopfte sie heftiger gegen das Glas und forderte ihn auf, sofort anzuhalten. Was hatte der Mann vor? Sie würde noch ihr Flugzeug verpassen!

Als sie frustriert die Hand zurückzog, streifte sie den Blumenstrauß in der Vase und bemerkte einen Umschlag. Hastig griff sie danach, riss ihn auf und las die Karte: Es ist mir eine große Freude, meinen Gast für dieses Wochenende begrüßen zu dürfen!

Das durfte doch nicht wahr sein! Fassungslos starrte Saffy die Einladungskarte an. Sie war nicht unterschrieben. Hatte ein lüsterner Scheich die Dreharbeiten verfolgt und Gefallen an der leicht bekleideten Hauptdarstellerin gefunden? Wahrscheinlich der Typ, der sie durchs Fernglas beobachtet hatte. Wofür hält der mich? Saffy dachte gar nicht daran, ihr freies Wochenende zu opfern, um das Ego eines reichen Mannes zu streicheln, der sich einbildete, sie wäre käuflich! Durch ihren Vertrag mit Desert Ice war sie gezwungen, VIP-Veranstaltungen zu besuchen. Die Kosmetikfirma verlangte eben, dass das Gesicht der Werbekampagne sich unter den Reichen und Schönen präsentierte. Leider dichtete die Boulevardpresse ihr nach jeder Veranstaltung einen neuen Lover an.

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