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Entfliehen kannst du nie

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
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  21. 16
  22. 17
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  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
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Über den Autor

Karim Miské wurde 1964 in Abidjan geboren. Er ist Journalist und Regisseur von Dokumentarfilmen für das französische Fernsehen und lebt und arbeitet in Paris. Sein Romandebüt ENTFLIEHEN KANNST DU NIE wurde mit dem renommierten GRAND PRIX DE LITTÉRATURE POLICIÈRE 2012 ausgezeichnet.

1

Ahmed betrachtet die Wolken am Himmel. Dahinziehende Wolken. Schöne Wolken.

Heute hat er das Haus nicht verlassen. Er hat noch ein Baguette, eine Packung Schinkentortellini und eine Lachs-Spinat-Quiche in der Tiefkühltruhe, es ist noch ausreichend Butter für drei Sandwichs da und ein Rest selbst gemachte Erdbeermarmelade von seiner Nachbarin Laura, die über ihm wohnt. Vielleicht würde er Laura sogar begehren, wenn er noch wüsste, wie man das macht. Im Kühlschrank stehen sechs Flaschen Evian, und im Küchenschrank befinden sich neben einer Tafel dunkler Nussschokolade noch fünf Flaschen Tsingtao-Bier, eine halbe Flasche Whisky, drei Flaschen Wein und sechs Dosen alkoholfreies Bier, die sein Cousin Mohamed bei seiner Abreise nach Bordeaux vor acht Monaten hier vergessen hat. Außerdem hat er noch ein Paket Tuc-Kräcker, eine halbe Salami, einen drei viertel Valançay-Käse, einen halben Liter Milch und einen kümmerlichen Rest Müsli. Tee und Kaffee reichen auch noch. Ahmed kann sich also getrost den drei Komma sieben Kilo Büchern widmen, die er am Vortag bei Monsieur Paul gekauft hat.

Er kauft seine Bücher antiquarisch in diesem winzigen, altmodischen Laden in der Rue Petit. Monsieur Paul verkauft seine Bücher nach Gewicht, und manchmal legt er wortlos noch einen zusätzlichen Titel auf Ahmeds Stapel. Werke von Ellroy, Tosches und Manchette. Dann zwinkert Ahmed Monsieur Paul zu, dankbar, dass der Buchhändler ihn vor dem endgültigen Absturz bewahrt. Diese Autoren werden ihm im Gedächtnis bleiben.

Ahmed liebt Gedichte. Leider kennt er nur Bruchstücke auswendig, die von Zeit zu Zeit wie Blasen in seiner Seele aufsteigen. Oft sind es nur einzelne Verse, ohne Autor und ohne Titel. Eine Zeit lang hatte er Baudelaire sehr gern gemocht, aber das hatte sich geändert, und dann hatte er schließlich ganz mit dem Lesen aufgehört. Na ja, jedenfalls beinahe. Heute kauft er sich Le Parisien, wenn er morgens mal das Haus verlässt. Und jede Menge Krimis. Von seltenen Ausnahmen abgesehen, verwechselt er oft die Namen der Autoren, weil er häufig das Gefühl hat, immer das Gleiche zu lesen. Aber genau das ist es, was er will. Sich vergessen. Sich in der Ganzheit der Welt verlieren. In etwas abtauchen, das von anderen geschrieben wurde. Er weiß, dass die Bücher seinen Geist kolonialisieren, aber noch braucht er sie. Noch schafft er es nicht, sich ganz allein seinen Dämonen zu stellen. Das Grausen und die manchmal krankhafte Phantasie anderer Menschen helfen ihm, die Ungeheuer zu kontrollieren, die sich irgendwo in seinem Schädel verstecken.

Er liest wirklich viel. Überall an den Wänden seiner Wohnung lagern gelesene Romane. Ahmed besitzt kein Regal. Er stapelt die Bücher. Je mehr er liest, desto enger wird es. Er hat nachgerechnet: Es sind zweieinhalb Tonnen Krimis, alle bei Monsieur Paul erworben. Bei fünf Tonnen will er aufhören. Nach seinen Berechnungen bleibt dann nur noch Platz für den Weg von der Eingangstür bis zu seiner Matratze. An jenem Tag will er die Tür hinter sich schließen, den Schlüssel im Briefkasten deponieren und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Heute Nachmittag aber träumt er. Er betrachtet die wunderschönen Wolken und träumt. Im Geiste verlässt er das Viertel La Villette, in dem er nun schon seit fünf Jahren nicht mehr wirklich lebt. Er spürt, wie er sich langsam löst und davonschwebt.

Mit einem Mal fühlt er einen Tropfen auf seinem himmelwärts gerichteten Gesicht. Ein zweiter fällt auf den sauberen Ärmel seiner Galabija, die sein Cousin Mohamed ihm geschenkt hat. Ahmed senkt den Blick und beobachtet den roten Fleck, der sich auf der weißen Baumwolle des Gewandes ausbreitet. Das ist kein Regen. Der dritte Tropfen zerplatzt auf seiner Nasenspitze. Er kostet ihn: Es ist Blut. Furchtsam blickt er nach oben, als wüsste er, was ihn erwartet. Zwei Meter über ihm hängt in einem merkwürdigen Winkel ein regloser Fuß mit einem geometrischen Tattoo am Knöchel. Am großen Zeh bildet sich ein weiterer Tropfen, der Ahmed auf die Stirn zu fallen droht. Er weicht zurück. Der Tropfen fällt auf die weiße Lilie, die einzige Blume auf seinem Balkon. Lauras Blut hinterlässt eine Spur auf der makellosen Blüte. Und Ahmed kehrt in die Welt zurück. Er blickt auf die Wanduhr, ein rundes, grünes Zifferblatt, auf dem lediglich die Zahl Vier steht. Einundzwanzig Uhr fünfzehn. Die Traumreise war offensichtlich lang.

Der merkwürdige Winkel des Fußes verrät ihm, dass Laura tot ist. Dank seiner Lektüre weiß er, worauf er in einem Fall wie diesem achten muss: Er darf sich nicht verdächtig machen, darf keine Fingerabdrücke hinterlassen und so weiter. Denn eines ist ihm sofort klar: Der Schwarze Peter wird ihm zugeschoben werden. Er weiß es einfach, es gab zahlreiche kleine Hinweise. Wie das Lächeln von Sam, dem Frisör, das sich in ein Brennen im Nacken verwandelt, kaum dass Ahmed ihm den Rücken kehrt. Oder der komplizenhafte Blick zweier angeblich verfeindeter Männer, den er zufällig bemerkt hat. Es geht um irritierende Kleinigkeiten. Ahmed begreift, dass sie rückblickend mit Lauras Tod zu tun haben – aber wie? Er hat nicht die geringste Lust, der Hauptverdächtige zu sein, aber er wird auch nicht die Flucht ergreifen. Er muss unbedingt mehr herausfinden. Er will wissen, was da läuft und warum man ihn mit hineinziehen will. Laura blutet noch, das heißt, der Mord ist noch nicht lange her. Sicher ist, dass der Mörder den Verdacht auf Lauras Nachbarn lenken will, aber er wird vermutlich eine Weile warten, bevor er die Polizei oder die Presse benachrichtigt.

Ahmed besitzt einen Schlüssel zur Zwei-Zimmer-Wohnung der jungen Frau. Er steigt die Treppe hinauf. Er muss jetzt selber nachschauen, muss die Situation in sich aufnehmen. Die Tür ist nur angelehnt und knarrt leise im Durchzug.

Er drückt sie mit der Schulter auf, vermeidet aber jeglichen Kontakt mit der Haut. Durch das weit geöffnete Balkonfenster, das sich in einer Flucht mit dem Flur befindet, strömt ein unangenehmer Geruch in die Wohnung. Über den jetzt grauen Himmel ziehen schwarze Wolken heran. In der Ferne ertönt ein Grollen. Ahmed muss sich beeilen. In der Mitte des Wohnzimmers ist der Tisch sorgfältig für zwei Personen gedeckt. Neben einer entkorkten Bordeauxflasche stehen zwei zu zwei Dritteln gefüllte Gläser. Auf einer weißen Porzellanplatte liegt ein Schweinebraten in einer roten Soße. Mitten im Fleisch steckt ein Messer mit schwarzem Griff.

Wirklichkeit und Scheinwelt vermischen sich, wie bei einem Possenspiel. Der junge Mann schwankt und will sich irgendwo festhalten. Er streckt schon die Hand nach einer Stuhllehne aus, als eine innere Stimme warnend raunt: »Bloß keine Abdrücke hinterlassen!« Schnell weicht er einen Schritt zurück, wendet den Kopf ab und steht plötzlich seinem Konterfei gegenüber. Es ist lange her, dass Ahmed sich zuletzt in einem Spiegel betrachtet hat. Überrascht registriert er seine eingefallenen Wangen, die eher erd- als bronzefarbene Haut und seinen Zehn-Tage-Bart. Die wenigen Frauen, mit denen er sich ab und an vergnügt hat, haben ihm oft gesagt, dass er schön ist. Nie hat er diesen Worten aus einem früheren Leben Bedeutung beigemessen, jetzt jedoch erhalten sie plötzlich einen Sinn. Sein leicht gewelltes Haar, seine vollen Lippen und sein sanfter Blick bilden ein harmonisches Ganzes. Ahmed ist tief bewegt. Er erinnert sich an Lauras sehnsüchtige Blicke, aber auch an die Verschlossenheit seines eigenen Herzens. Er wendet sich von seinem Spiegelbild ab und tritt auf den Balkon. Er muss sich dem Entsetzen stellen, das ihn dort erwartet.

Laura steht aufrecht, sie ist mit weißem Kabelbinder an der Außenseite des Geländers festgebunden. Vorsichtig nähert Ahmed sich den großen, blauen Augen, die leer in den Abgrund starren. Ihm kommt es so vor, als hätte er sie nie richtig angesehen, als gestatte ihm erst der Tod, ihr freundliches florentinisches Madonnengesicht richtig zur Kenntnis zu nehmen. Er erinnert sich an Lauras diskrete Versuche, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Seine Brust zieht sich schmerzhaft zusammen. Erst angesichts dieser unwiderruflichen Endgültigkeit versteht er, was sie ihm hatte sagen wollen. Und was noch schlimmer ist: Er begreift, dass auch er etwas für sie empfand und dass Laura seine Zuneigung zu ihr erkannte, trotz seiner eigenen Blindheit. Sie war schön. Sie hätten sich lieben können. Ahmeds Herz scheint gleichzeitig zu zerspringen und zu erwachen. Seine Hand will zu ihrer Wange, hält aber Millimeter davor inne. Er reißt sich zusammen, die Vernunft siegt. In Ahmed reift ein Gedanke: Laura, ich werde dich rächen. Das ist vielleicht klischeehaft, aber er meint es ernst. Er wagt sich noch einen Schritt vor. Die junge Frau trägt nichts als ein rotes T-Shirt. In ihrem Mund steckt ein Knebel. Der Oberkörper scheint unverletzt zu sein, der Unterleib jedoch ist eine riesige, klaffende Wunde. Inzwischen tropft kein Blut mehr auf Ahmeds Balkon.

Der Wind frischt bedrohlich auf. Unten biegt ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht in die Straße ein. Der Mörder hat also nicht lange gefackelt. Ahmed will gerade Lauras Wohnung verlassen, als er entsetzt feststellt, dass der Mörder die drei Orchideen geköpft hat, die Ahmed während Lauras Dienstreisen immer liebevoll versorgt hat. Nur die Stängel ragen noch aus den Hydrokulturtöpfen. Hastig sucht Ahmed mit den Augen die Arbeitsfläche nach den Blüten ab, findet sie aber nicht. Vorsichtig gleitet er aus der Wohnung, steigt leise die Treppe hinunter und schließt die Tür seines Appartements genau in dem Augenblick, als unten jemand den Aufzugknopf drückt. Er hat keine Abdrücke hinterlassen. Es donnert. Die ersten schweren Regentropfen waschen die Lilie rein. Ahmed schließt Fenster und Fensterläden, zieht die befleckte Galabija aus, rollt sie mit den Ärmeln nach innen zusammen und verstaut sie in einer der Plastiktüten, die man im Supermarkt an der Ecke noch immer kostenlos bekommt. Morgen früh, vor Beginn der Befragungen, wird er sie entsorgen. Er steigt in seinen fadenscheinigen Brooks-Brothers-Pyjama, ein Geschenk seiner letzten Freundin, der Mystikerin Catarina, legt sich ins Bett, schließt die Augen und schläft ein. Träume sind das, was er jetzt am nötigsten braucht. Laura ist tot, er muss leben. Ihm bleibt keine Wahl. Seine Träume werden ihm den richtigen Weg weisen.

Es klingelt. Jemand klopft an die Tür. »Polizei! Machen Sie auf.« Ahmed hört nichts.

Seine Gedanken fliegen zu den Lagerplätzen seiner Vorfahren. Zur Quelle. Hoch steigt er über Felder, Berge, Gewässer, Steine und Sand hinauf, bis er schließlich die Wüste und den großen, blauen Berg erreicht. Hier lässt er sich sinken. Er sieht Zelte aus Kamelhaut, Männer, Tiere und Sklaven. Es ist eine biblische, erstrebenswerte und zugleich auf hässliche Weise grausame Menschheit. Eine widersprüchliche Welt, ein Teil seiner selbst und doch das Gegenteil von ihm. Ein unlösbares Rätsel. Ahmed bleibt vorsichtshalber auf Distanz und begnügt sich wie bei jedem Besuch damit, das Lager seiner fernen Verwandten in einer gewissen Höhe zu überfliegen. Unerkannt lässt er sich zwischen den Wächtern der Wüste treiben, den Geiern mit ihren schweren Flügeln, die ihn als einen der ihren akzeptieren.

Der Geiermensch dreht seine Runden am Himmel und beobachtet, was sich seit seinem letzten Besuch verändert hat. Die Atmosphäre fällt ihm auf. Sie ist undurchdringlicher geworden. In dieser Übergangszone, an der Grenze eines Staates, dem Niemandsland, wo sich Rebellen verstecken, erkennt er für den Kampf ausgerüstete Geländewagen, Menschen in Gewändern und mit Kalaschnikows. Das aber ist nichts Neues. Neu sind die längeren Bärte, die Predigt nach dem gemeinsamen, nach Osten ausgerichteten Gebet, die unruhigen und gequälten Blicke. Die tragische Ironie der Wüstenkrieger ist einer existenziellen Angst gewichen, die sie wie Pech und Schwefel im Selbsthass eint. Aus diesem explosiven Gemisch besteht die Luft, die sie atmen. Schon atmet auch Ahmed das geruchlose, todbringende Gas und spürt dessen Wirkung. Trotzdem weigert er sich, von seinem geheimen Garten Abschied zu nehmen, von diesen Dünen, die ihm allein gehören, von seiner inneren Reinheit. Er verweilt noch. Er trödelt. Und dann entdeckt er hinter einem Zelt das ultimative Bild, eine Karikatur dessen, was er nicht wahrhaben will. Eine merkwürdige, schwarze Gestalt verharrt geduckt im Schatten. Sie hat weder Anfang noch Ende, sondern ist eine Art Geist. Trotzdem hat sie etwas Menschliches, etwas Weibliches sogar, das ihn verwirrt. Die Gestalt wendet die von Schleiern verhüllten Augen zum Himmel, bohrt ihren unsichtbaren Blick tief in seinen und ruft Entsetzen und Verzweiflung in ihm hervor. Der Geiermensch gerät ins Trudeln. Benommen stürzt er dem Boden entgegen. Er kann nicht mehr reagieren. Noch nicht einmal wünschen, er möge nicht abstürzen. Seine gefiederten Freunde beobachten ihn. Sie wissen, dass die verschleierten Augen die zarten Kräfte des Reisenden gebrochen haben. Als Wächter über die Grenze zwischen den Welten zwingen sie ihn, weiterzufliegen.

HÖHER! HÖHER! HÖHER!

VORWÄRTS! VORWÄRTS! VORWÄRTS!

DREH DICH NICHT UM!

Rasch begleiten sie ihn bis an die Grenze ihres Luftreichs. Ahmed weiß, dass er jetzt ein Verbannter ist. Es steht ihm frei, Sibirien oder Patagonien zu erkunden. Aber hier ist er nicht mehr willkommen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat Ahmed nicht trinken müssen, um einzuschlafen. Doch sein Schlaf ist alles andere als friedlich. Der Tod, das alte Biest, reibt sich an ihm. Er widersteht ihm, er will sich nicht hingeben. Da überlässt der Tod seinen Platz schließlich einer betörenden Frau, die häufig durch Ahmeds Träume geistert. Nie kommt es zum Liebesakt. Er sieht sie nicht einmal nackt. Nur ein wenig feucht wird es manchmal. In dieser Nacht jedoch bleibt er standhaft und behält seinen Samen und seine Kraft für sich. Die Geister ziehen sich wütend zurück und verkünden ihm Schreckliches. Eisige Schatten. Wind. Peitschender Regen. Blitz. In Ahmeds Kopf spielt sich das Gleiche ab wie draußen vor dem Fenster. Er windet sich, wacht aber nicht auf. Dann fällt Licht auf das bleiche Gesicht des Mörders, und Ahmed öffnet entsetzt die Augen. Er hat das unangenehme Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, und will nur noch vergessen. Das Bild verschwindet und versteckt sich irgendwo in seinem Kopf. Ahmed weiß, dass es ihn von nun an leiten wird.

In der Wohnung über ihm wird es laut. Die Polizei ist am Werk.

»Was ist das denn hier für eine Sauerei? Wieso ein Schweinebraten? Hier im Viertel wohnen doch nur Juden und Araber. Die einen verrückter als die anderen. Sobald du auf die Straße trittst, hörst du nur noch: ›Salam aleikum, Lieutenant‹ oder ›Shalom, Monsieur le Commissaire‹. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, Rachel, aber ich werd hier noch verrückt. Ganz ehrlich. Und ich kapier nicht, was das mit diesem Braten soll. Das ist mir eine Nummer zu hoch!«

Rachel kennt diese Litanei und unterbricht ihn. »Komm, wir hauen ab. Wir müssen noch den Bericht schreiben.«

Ahmed hört und hört doch nicht. Er weiß. Die Bullen, die Polente. Schon seit langer Zeit kreuzen sich ihre Wege immer wieder einmal. Dieses Mal jedoch wird er ihnen nicht aus dem Weg gehen können. Er sieht die rothaarige Rachel und den dunklen Jean vor sich. Sie tun, was sie können, aber das ist sehr wenig. Vielleicht auch viel. Morgen muss er vor sechs Uhr seine Galabija loswerden. Und bis dahin: Gute Nacht, Lieutenant.

2

Viertel vor vier. Wenn die Nacht ein Herz hat, dann ist es diese Stunde. Die Lieutenants Hamelot und Kupferstein rauchen geschmuggelte Zigaretten. Sie sitzen unter dem Sternenhimmel im Innenhof des »Bunkers« – der Polizeiwache des 19. Arrondissements. Hier arbeiten sie.

Nach ihrer Ankunft hatte Mercator sie zu sich gerufen. Er hatte in seinem fast leeren, weiß gestrichenen Büro gesessen und Kreise gezeichnet. Kreise zu zeichnen ist seine Art, Zeit und Raum zu füllen. Alle Polizisten der Wache kennen diesen Spleen ihres Chefs. Sie wissen, dass man ihn dabei auf keinen Fall unterbrechen darf. Hamelot hat Kupferstein einmal darauf aufmerksam gemacht, dass Mercator immer auf die gleiche Weise vorgeht. Da ist zunächst einmal das Papier. Nie lässt der Chef sich dazu herab, seine Kreise auf das offizielle Dienstpapier zu zeichnen, er kauft sich vielmehr eigene Blöcke mit gutem, reinweißem 90-Gramm-Papier. Als Stift benutzt er ausschließlich einen Füllfederhalter der Marke Sheaffer Legacy Heritage. Auch der Rest ist immer gleich. Ein Kreis pro Blatt, immer genau in der Mitte und immer gleich groß. Die fertigen Blätter stapelt er zu seiner Rechten. Alle exakt aufeinander, kein einziges Blatt ragt heraus.

Hinter seinem Schreibtisch aus lackiertem Ebenholz wirkt Mercator immer wie eine unbegreifliche Gottheit. Trotzdem hat man das Gefühl, dass jede seiner Handlungen einen Sinn hat. Seine geheimnisvolle Aura ist die Grundlage seiner Macht. Er ist wie ein mit Hieroglyphen beschriebener Papyrus – für jeden sichtbar, aber nicht zu entziffern. Letzteres aber reizt Jean. Als gehorsamem Sohn eines vernunftbetonten Kommunisten fällt es ihm schwer, auf das Verstehen zu verzichten. Und so sammelt er Hinweise auf die Eigentümlichkeiten seines Chefs, vertieft aber damit das Mysterium nur noch. Für Rachel hingegen besteht das Geheimnis des Chefs darin, kein Geheimnis zu haben. Sie sieht ihn eher als eine Art Zen-Meister, dessen Lehren sie gerne lauscht. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.

Mercator hat die Figur eines Tenors. Nicht ganz so beeindruckend wie Pavarotti, aber er wirkt ausgesprochen gutmütig. Sein Körperbau entspricht in gewisser Weise seinem Charakter und der Autorität, die er ausstrahlt, und er hat durchaus einen Bezug zum wirklichen Leben. Rachel kann in Mercator lesen wie in einem Kinderbuch. Seine bemerkenswerte Intelligenz zeigt sich sogar in seinen Augen und in seinen präzisen und erstaunlich geschmeidigen Bewegungen. Die runden Wangen, die vollen Lippen und die Rettungsringe über seinem Gürtel verraten, dass er kein Kostverächter ist. Trotzdem wirkt er nicht fett, zwischen Speck und Muskeln herrscht vielmehr ein ausgewogenes Gleichgewicht: Er ist füllig genug, um seine Gegner in Sicherheit zu wiegen, und hat doch ausreichend Muskelmasse, um sich im richtigen Moment auf die Beute zu stürzen – was hoffentlich niemals nötig sein wird. Auf seine Art sieht Mercator gut aus. Ein bisschen wie Marlon Brando in der Rolle des Colonel Kurtz. Nicht jeder erkennt diese Schönheit. Rachel schon, vom ersten Augenblick an. Seine Arbeitsweise spiegelt in ihren Augen das Zusammenspiel zwischen seiner Intelligenz, seiner verborgenen Schönheit und seiner Einstellung: Er ist aus Überzeugung Polizist.

Auch Hamelot ist übrigens ein guter Polizist. Sogar ein sehr guter. Und er hat recht: Die Methode des Chefs ist immer dieselbe. Mit drei Zentimetern über dem Papier schwebendem Füllfederhalter begutachtet Mercator das leere Blatt. Sehr intensiv. Er schließt die Augen, atmet ein und hebt den Stift. Nach drei Sekunden lässt er mit einer Art Fauchen den Stift auf das Papier niedersausen und zeichnet einen Kreis. Immer mit geschlossenen Augen. Er atmet aus, legt den Füller beiseite, greift nach dem Blatt, öffnet die Augen und betrachtet sein Werk. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann legt er es vorsichtig auf den Stapel zu seiner Rechten. Es ist vollbracht.

Rachel und Jean hatten also vor der Bürotür verharrt. Nachdem Mercator seinen Kreis fertiggestellt hatte, hatte er sie hereingewunken und um einen detaillierten Bericht inklusive der Raumaufteilung der Wohnung, deren Ausstattung und der genauen Position des Schweinebratens gebeten. Den hatten sie ihm gegeben: Die Räume der Toten sind unpersönlich und modern eingerichtet, ohne Fernseher, im Bücherregal stehen Balzac, Maupassant und Flaubert, ein Fotoporträt von Miles Davis mit geschlossenen Augen, Kussmund und um das Gesicht gelegten Händen hängt gegenüber einer Reproduktion von Picassos Demoiselles d’Avignon. Im Flurschrank gleich neben der Eingangstür hängt die Flugbegleiteruniform von Air France. Rachel und Jean, noch sehr beeindruckt vom Grauen des Tatorts, hatten ihren Chef auch an ihrem Schrecken teilhaben lassen. Der Commissaire hatte in seinem schwarzen Ledersessel gesessen und mit abwesender Miene aufmerksam zugehört, wie immer. Sein Blick war im Verlauf des Berichts immer düsterer und ernster geworden, als beobachte er einen Schatten, der nach und nach das Büro füllte. Einen Schatten, der ihm schon zuvor begegnet ist und dessen Umrisse nur er allein kennt. Als Rachel und Jean von den enthaupteten Orchideen berichtet hatten, deren Blüten zum Dreieck angeordnet auf der Toilettenbrille gelegen hatten, hatte Mercator sich völlig verschlossen. Er hatte sich mit wenigen, unpersönlichen Sätzen verabschiedet, in denen die Worte »Bericht«, »sieben Uhr morgen früh«, »Ermittlung« und immer wieder »ihr beide« vorkamen, ihnen tief in die Augen geblickt und das Büro verlassen.

Damit hatte ihre nächtliche Sitzung im Bunker begonnen. Hamelot und Kupferstein waren zunächst auf ein Bier ins Erdgeschoss gegangen, zu den Kollegen, die Feierabend hatten, und anschließend in ihr Büro zurückgekehrt, wo sie ein paar Zeilen geschrieben und schließlich Sushi und japanisches Asahi-Bier bestellt hatten. Die Erinnerungen waren immer mehr verblasst. Um drei Uhr morgens hatte Jean sich noch einmal am Computer versucht. Rachel hatte ein wenig abseitsgesessen und Pissing in a River auf ihrem rosafarbenen iPod nano gehört.

LEER WERDEN.

ANFANGEN.

In der Stille der Nacht haben sich die beiden Lieutenants an entgegengesetzten Enden des Innenhofs auf kleinen, reflektierenden Liegestühlen ausgestreckt. Ein grüner für Jean, ein roter für Rachel. Sie haben schon so manches erlebt, Junkies, die sich einen goldenen Schuss setzen, oder Verbrechen aus Leidenschaft, außerdem natürlich der ganz alltägliche Wahnsinn, aber mit dem Mord an Laura begegnen sie zum ersten Mal dem wahren Grauen. Damit müssen sie jetzt fertigwerden. Dabei geht es darum, den Grund ihrer Seele auszuloten, sich mit dem Geschehen zu beschäftigen, ohne Schaden zu nehmen. Sie müssen über die banale Faszination des Bösen hinauswachsen. Und genau das versuchen sie nun unter der schmalen Mondsichel an dem sternenklaren Junihimmel. »Wenn wir ein Liebespaar wären, würden wir jetzt gemeinsam nach einer Sternschnuppe Ausschau halten«, denkt Rachel. Aber das sind sie nicht, also begnügt sie sich damit, dem unsteten Kurs eines Satelliten zu folgen. Beide denken an unterschiedliche Dinge und verlieren sich im Himmel, ehe sie in ihr Innerstes abtauchen.

Jean denkt an seine Mutter. Sie trägt eine karierte Schürze und hat ein scharfes Messer in der Hand, mit dem sie Zwiebeln sehr fein schneidet. Er selbst hat nie so viel Geduld. Er schneidet die Zwiebeln in grobe Ringe, die er ins simmernde Öl wirft und später mit einem Holzlöffel zerteilt, ehe er den Knoblauch direkt über der Pfanne hineinpresst. Er sieht seine Pflegemutter fast physisch vor sich, das Bild beeindruckt ihn noch immer. Vielleicht nicht mehr ganz so stark wie damals, als er mit der Nase kaum über die Arbeitsplatte reichte. Arbeitsplatte? Nannte man das damals schon so? Jeans Gedanken schweifen ab. Der Ausdruck Arbeitsplatte hat ihn aus der bretonischen Küche seiner Kindheit heraus und in einen schrecklichen Nachmittag bei Ikea hineinkatapultiert. In den einsamsten Augenblick seines Lebens. Er hatte sich unendlich verloren gefühlt inmitten all der Familien mit zu allem entschlossenen Ehefrauen, lauernden Schwiegermüttern und den entsprechenden Ehemännern, die verzweifelt um die Kontrolle kämpften, indem sie ihre besseren Hälften mit allerlei technischen Details bombardierten, die den Erwerb des ersehnten Objekts in der gewünschten Form doch für alle offensichtlich unmöglich machten. Es war ein Stellungskrieg, den Jean da durchquert hatte. Gezwungenermaßen hatte er das eine oder andere hasserfüllte Wort mithören müssen – Worte, die seine nur äußerlich abgehärtete Seele tief getroffen hatten. Sein Irrlauf hatte ihn durch ein Labyrinth von Wohnzimmermöbeln, Wickeltischen und einer der Einrichtung des Bunkers sehr ähnlichen Büroausstattung bis in die Küchenabteilung geführt – seinem ursprünglichen Ziel. Als er diese jedoch erreichte, war ihm schlagartig klar geworden, dass seine Mission zum Scheitern verurteilt war. Wortlos hatte er den kompetenten jungen Bartträger angeschaut, der ihm die Küche seiner Träume zusammenstellen sollte. Sein Kopf war wie leergefegt gewesen. Er war vom Barhocker gerutscht, hatte dem Verkäufer kurz zugenickt und im Schwedenshop im Erdgeschoss Knäckebrot, eine Tube Anchoviscreme und eine Flasche Wodka Absolut gekauft, die er bereits auf dem Heimweg in der Bahn angebrochen und zu Hause leer getrunken hatte. Dabei hatte er auf dem einzigen Teppich seiner Wohnung im 12. Arrondissement gelegen, die er drei Monate zuvor bezogen hatte und deren zwei Zimmer so leer waren, dass man sie für unbewohnt hätte halten können. Das Erwachen war mühsam gewesen, aber auch bewegend. Seither fühlt er sich jedes Mal glücklich und erleichtert, wenn er seine Kücheneinrichtung betrachtet: einen weißen Resopalschrank, der für sein Geschirr und seine Vorräte durchaus reicht. Der Gedanke daran beruhigt ihn jetzt und hilft ihm, einen Abstand zwischen sich und den Mord zu bringen. Er wird schon bald bereit sein, ihm ins Auge zu sehen.

Rachel folgt ihrem eigenen Weg. Die Monstrosität des Verbrechens hatte zuerst jedes Gefühl in ihr ausgelöscht, und so war es ihr möglich gewesen, alle notwendigen Schritte zu erledigen. Den Tatort zu sichern, erste, wenngleich ergebnislose Verhöre durchzuführen, Neugierige zurückzudrängen. Erst während der Berichterstattung bei Mercator hatte sich der Schmerz gemeldet, ähnlich wie nach einem Zahnarzttermin, wenn die Wirkung der Spritze nachlässt. Anschließend hatte sie mit Jean ein paar Bier getrunken, herumgealbert, im Internet gesurft und Musik aus ihrer Jugend gehört. Anders wäre es gar nicht gegangen. Sie hat Distanz gebraucht. Jetzt, zu vorgerückter Stunde mitten in der Nacht, ruft sie sich ins Bewusstsein, was passiert ist, bevor sie von Jean an den Tatort gerufen wurde. Schnell überspringt sie ihr spätes Erwachen und die Tatsache, dass sie erst um Viertel nach zwölf auf dem Polizeirevier ankam, und konzentriert sich auf die wichtigeren Dinge. Kurz nach zwei war auf der Place de Fêtes eine Bande kleiner Skunk-Dealer festgenommen worden. Der Zeitpunkt des Zugriffs war schon vor einer Woche beschlossen worden und soll sich vor allem positiv auf die Statistiken des Ministeriums auswirken. Die Verkäufer, kleine Fische, hatten lächerlich geringe Mengen bei sich gehabt und sich äußerst kooperativ verhalten. Rachel war weitgehend im Hintergrund geblieben und hatte sich in ihrer Eigenschaft als Kriminalbeamtin darauf beschränkt, den korrekten Ablauf der Operation zu überwachen. Bis ihr Blick den des Anführers der Bande, einen schönen jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren mit sanften Augen und samtiger, schwarzer Haut, gekreuzt hatte. Einen Wimpernschlag lang hatte sie ihm gestattet, in ihr Innerstes zu schauen. Sie standen auf der jeweils anderen Seite einer unsichtbaren Schranke, die allerdings die Möglichkeit des Begehrens nicht ausschloss. Es war nur ein flüchtiges Gefühl gewesen, das sie für später irgendwohin weggesteckt hatte, das ihr aber jetzt angesichts der Rauchkringel ihrer Zigarette wieder bewusst wird.

Ein flüchtiges Gefühl, das sie zu sich selbst zurückbringt. Zu ihrer Zeit als Schülerin am Lycée Bergson wollte sie mit den pastellfarbigen Mädchen ihrer Klasse nichts zu tun haben. Ihre besten Freunde waren Marcel und Ibrahim, die im Viertel einen schwunghaften Handel mit weichen Drogen betrieben. Im Juli 1987, gleich nachdem sie im Schaukasten des Gymnasiums gelesen hatte, dass sie das Abitur mit einer guten Note bestanden hatte, erklärte Rachel ihren Eltern in aller Ruhe, dass sie die Ferien nicht mit ihnen in Port-Bou verbringen werde. Das wiederum führte zu einem bemerkenswerten Streit, bei dem sich Vater und Tochter beinahe an die Gurgel gegangen wären. Mit ungewissem Ausgang, denn auch wenn Léon Kupferstein über siebenundachtzig Kilo reine Muskelmasse verfügte, konnte Rachel sich in einen wahren Ninja verwandeln, wenn sie wütend war. Jedenfalls brachte das junge Mädchen ihren Koloss von Vater dazu, klein beizugeben. Zwei Tage später stand Rachel um 21 Uhr 47 am Bahnsteig sechzehn des Gare d’Austerlitz und sah dem Zug nach Cerbère nach, der ihre gekränkten Eltern in die Ferne entführte. Nur Minuten später bestieg sie die Linie 5 in die entgegengesetzte Richtung. Pünktlich um 23 Uhr klingelten Marcel und Ibrahim an der Tür der väterlichen Werkstatt. Gern denkt Rachel an die Stunden zurück, in denen sie ein Kilo marokkanisches Haschisch in Würfel von fünfzig und hundert Gramm zerteilten. Sie waren für die kleinen Dealer gedacht, die den Stoff mit Henna mischten und weiterverkauften. Sie denkt an das immerwährende Fauchen des Gasbrenners, der zum Erhitzen des großen Metzgermessers diente, mit dem sie den harten, soliden, dunkelbraunen Block ordnungsgemäß zerschnitten. Rachel liebte die extreme Konzentration, mit der in der Werkstatt gearbeitet wurde, wo sie schon als Kind ihrem Vater so oft zugesehen hatte. Eine Konzentration, in die sich eine gewisse Gefahr und außerdem das Bewusstsein mischte, etwas Verbotenes zu tun. So war der Sommer fast unbemerkt vorbeigegangen. Eine magische Zeit. Rachel rauchte nicht, war in keinen der beiden jungen Männer verliebt und half nur, weil sie Lust dazu hatte.

Jetzt ist sie in der Lage, die Verbindung zwischen der jungen Rachel und Lieutenant Kupferstein herzustellen. Der intensive Blick, den sie am Nachmittag mit dem Chef der Dealerbande ausgetauscht hat, zeigt ihr, dass sie sich nicht verändert hat. Auch wenn sie inzwischen die Seiten gewechselt hat, spielt sie noch immer mit im großen Spiel des Lebens. Jetzt aber ändern sich die Regeln.

Mercator schläft.

3

Um fünf vor halb sechs wacht Ahmed auf. Er zieht seinen Jogginganzug und seine Sportschuhe an und stopft die Plastiktüte mit dem blutbefleckten Gewand in seinen alten Eastpak-Rucksack. Außerdem legt er eine Schachtel Streichhölzer, ein Paar extradünne Putzhandschuhe, eine Flasche Brennspiritus, die seit Jahren unter seiner Spüle steht, ein altes Tuch und eine Literflasche Evian hinein. Ahmed weiß, dass die Polizei das Haus an diesem Morgen nicht durchsuchen wird. Es ist noch zu früh. Der Untersuchungsrichter hat die Liste der Verdächtigen noch nicht abgenickt. Trotzdem würde Ahmed die Polizisten natürlich in seine Wohnung lassen, sich ihren Fragen stellen und ihnen gestatten, Lauras Balkon aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Aber das Risiko, diesen Blutfleck zu Hause zu haben, will er nicht eingehen. Das würde nur zu einer endlosen Reihe von Fragen führen. Den Schlüssel behält er. Die Hausmeisterin weiß, dass er Lauras Blumen gießt, wenn sie nicht da ist. Allein das reicht aus, um ihn zu einem besonders interessanten Zeugen, wenn nicht sogar zu einem Verdächtigen zu machen. Schließlich wurde die Wohnung nicht aufgebrochen.

Schon seit drei Jahren joggt Ahmed nicht mehr. Sein Körper ist eingerostet und schmerzt bei der ungewohnten Bewegung. Aber auch die Glücksgefühle kehren zurück. Es ist schön, die Muskeln, die Knochen und die frische Morgenluft zu spüren. Instinktiv wendet er sich in Richtung des Canal Saint-Denis. Er mag diesen etwas heruntergekommenen Weg lieber als den mit den Fahrradwegen und den Bäumen am schicken Canal de l’Ourcq entlang, wo Chinesen in Zeitlupe Tai-Chi üben. Auf dem Abhang über dem Quai de la Gironde liegen leere Bierdosen, zerrissene Briefchen Zigarettenpapier, fleckige Taschentücher und benutzte Präservative; über allem schwebt ein säuerlicher Uringeruch. Nur wenige Meter oberhalb dieses desolaten Anblicks führen Stufen zur inneren Ringautobahn, wo der Verkehr zu dieser frühen Stunde noch staufrei fließt. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ahmed verbirgt sich hinter einem Strauch, streift die Handschuhe über, nestelt die Galabija aus dem Rucksack, besprengt sie mit Spiritus, wischt die Flasche sorgfältig mit seinem Tuch ab, ehe er sie zu dem herumliegenden Müll wirft und ein Zündholz anreißt. Wusch … Die Hitze schlägt ihm ins Gesicht, und er zieht sich einen Schritt zurück. Als die Flammen auflodern, knüllt er die Plastiktüte zusammen und wirft sie ebenso wie die Zündholzschachtel, das Tuch und die Handschuhe ins Feuer. Wie ein Kind erfreut er sich am FRRR der schnell abbrennenden Zündhölzer und dem FFSCH der schmelzenden Plastiktüte. Geräusche wie aus dem Song Comic Strip von Gainsbourg, obendrein noch mit Geruch. Er wickelt seine rechte Hand in den Ärmel seiner Jacke und liest damit eine alte Eisenstange vom Boden auf, zieht die Asche auseinander und häuft die traurigen Überbleibsel längst vergangener Besäufnisse auf die warme Brandstelle. Wieder überkommt ihn dieses seltsame, längst vergessen geglaubte Gefühl: Er lebt, und er hat Empfindungen. Er besteht aus Herz, Seele und Körper. Und er hat Lust, weiterzulaufen.

Als er aus dem Aufzug steigt, sieht er sie. Jean und Rachel, die nach einer durchwachten Nacht fast durchsichtig wirken, drücken abwechselnd auf seine Klingel. Die Frau klingelt kürzer, der Mann länger. Es ist Viertel vor sieben. Auf dem Rückweg hat Ahmed ein Baguette und ein paar Croissants in einer von einem frommen Tunesier betriebenen Bäckerei gekauft, die jeden Morgen schon nach dem Frühgebet öffnet. Er hat sich auf seine Rolle des morgendlichen Joggers, der nichts gesehen und gehört hat, perfekt vorbereitet.

»Guten Morgen. Wieso klingeln Sie bei mir? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Rachel, deren Gesicht nach der schlaflosen Nacht, dem Bier, den Zigaretten und den Erinnerungen ein wenig blass wirkt, zückt ihre Marke und stellt sich vor.

»Mein Name ist Lieutenant Kupferstein. Wir sind von der Kriminalpolizei.« Sie deutet auf ihren hochgewachsenen, dunkelhaarigen und etwas ausgezehrten Kollegen. »Und das ist Lieutenant Hamelot.«

Mehr sagt sie zunächst nicht, um dem Nachbarn des Opfers Zeit zu geben, sich auf sie einzustellen. Der junge Jogger steht weiterhin unbeweglich gegen die Wand gelehnt da und tippt nur dann und wann auf den Schalter, wenn das Licht ausgeht. In seinem früheren Leben war Ahmed auch schon nicht sonderlich gesprächig, aber er war gern mit Leuten zusammen. Er liebte es, zuzuhören und zu beobachten. Dabei hat er ein gewisses Gespür für die Persönlichkeit und manchmal sogar die Gedanken der ihn umgebenden Menschen entwickelt. Sein Blick gleitet zwischen den beiden Polizisten hin und her. Er versucht, seine Zukunft von ihren müden Gesichtszügen abzulesen. Die Frau ist schön. Ahmed schätzt sie auf etwa fünfunddreißig – sie ist also etwa fünf Jahre älter als er selbst. Sie wirkt intelligent und ein wenig fremdartig. Ihre Kenntnis der Welt scheint uralt zu sein und von weit her zu kommen. Sie lebt in vollen Zügen. Der Mann ist etwa gleichaltrig und im Gegensatz zu ihr eher introvertiert. An ihm nagt irgendetwas, das er ganz offensichtlich nicht wahrhaben will. Dieser Umstand macht ihn aber keineswegs zu einem schlechten Menschen. Er hat einfach nur den Kopf in den Wolken.

Ahmed spürt, dass die beiden Polizisten nett sind und ihm nichts anhängen wollen. Er entspannt sich, atmet bewusst durch, geht aus seiner inneren Deckung und lässt sich von Lieutenant Kupferstein mustern.

Von der Hausmeisterin hat Rachel erfahren, dass Ahmed einen Zweitschlüssel besitzt. Beim derzeitigen Stand der Ermittlungen macht ihn das zum bisher einzigen potenziellen Verdächtigen. Aber die junge Frau hütet sich vor voreiligen Schlüssen. Sorgfältig widmet sie sich jedem Detail in Ahmeds Gesicht: der leicht platten Nase, den kleinen Ohren unter der Afrofrisur, dem deutlich vorstehenden Adamsapfel, den vollen Lippen, dem sanften und intensiven Blick, in dem eine uralte Trauer zu liegen scheint. Seine Augen sind wie offene Fenster, durch die sie sofort erkennt, dass er es nicht gewesen sein kann.

Trotzdem wird sie das Spiel weiterspielen, der Schein muss schließlich gewahrt werden. Allerdings nicht hier auf dem Treppenabsatz, während das Flurlicht ständig ausgeht. Hier genügt es, zu schweigen. Ein paar Sekunden lang. Die zur Ewigkeit werden. Welche sich plötzlich auftut.

Jean fühlt sich wie ein Psychoanalytiker während einer Sitzung. Er spürt die stumme Verbindung, die zwischen Rachel und Ahmed entstanden ist, und zieht sich instinktiv zurück. Auf seinen gewohnten Posten. Lieutenant Hamelot sieht lieber zu, nimmt sich Zeit und lässt andere handeln. »Du bist ein Zuschauer des Daseins«, hat Léna ihm einmal entgegengeschleudert. Er hat nie wirklich verstanden, warum das ein Problem sein soll, doch im Lauf der Jahre ist ihm klar geworden, dass das den meisten Frauen nicht gefällt. Rachel ist es egal. Zumindest bei der Arbeit. Immerhin ist es mal was anderes als die übliche Schublade »Guter Bulle, schlechter Bulle«. Kupferstein und Hamelot entsprechen eher der Kategorie »die Anwesende und der Abwesende«. Rachel sucht den Kontakt, er bleibt in der Deckung. Doch in diesem Augenblick geschieht etwas Neues, das ihn fasziniert.

Die weitere Ermittlung wird in diesem Augenblick entschieden. Achtzig Sekunden, die ihnen wie Stunden vorkommen. Erlebt von drei Menschen, auf einem anonymen Treppenabsatz durch ein unsägliches Verbrechen vereint.

Aber das Schweigen kann nicht ewig andauern. Rachel fährt fort:

»Wir ermitteln in einem Mordfall. Es geht um die junge Frau, die über Ihnen wohnt.«

Sie bricht abrupt ab. Ahmed muss sofort reagieren und entschließt sich, das Einfachste zu tun. Er schauspielert nicht und tut nicht so, als ob, nein, er erfährt erst jetzt und in diesem Augenblick von Lauras Tod. Im Übrigen entspricht das sogar fast der Wahrheit. Er hat zwar die Leiche gesehen, aber er hat den Gefühlen, die ihn zu überwältigen drohten, nicht nachgegeben. Jetzt kann er vor Kupferstein und Hamelot die Nachricht vom Tod seiner Nachbarin sozusagen live nachvollziehen. Er schweigt. Er versteht nicht. Er will nicht verstehen. Vier Sekunden.

»Was soll das heißen – Mord? Die junge Frau über mir?«

»Können wir vielleicht drinnen weiterreden? Der Flur scheint mir nicht der geeignete Ort dafür zu sein.«

Dieses Mal sind es Ahmeds braune Augen, die sich in den türkisblauen verhaken. Unvermittelt fühlt er sich fünfzehn Jahre zurückversetzt. In die Mädchentoilette seines Gymnasiums. Esthers große Augen. Es war die reinste und kürzeste Liebe seines Lebens und der Tag des ersten ihrer sieben Küsse. Lieutenant Kupferstein hält seinem Blick natürlich stand. Ihre Augen sind ein Ozean, in dem Ahmed sich nicht verlieren will, aus dem er jedoch nur langsam auftaucht.

Das Salz, das Rachels Blick auf seiner Haut zurückgelassen hat, wird er erst später kosten. Er stößt sich von der Wand ab, geht zwei Schritte auf die Tür zu und greift nach seinem Schlüssel.

»Sie gestatten?«

Jean tritt zur Seite. Ahmed schließt auf und betritt gefolgt von den beiden Polizisten seine Wohnung.

»Entschuldigen Sie bitte die Unordnung«, sagt er mit einer ausladenden Geste.

Der Anblick bringt die Beamten so aus der Fassung, dass sie nicht antworten. Die Wohnung ist nicht wirklich unordentlich. Es geht eher um das bedrückende Gefühl von Leere und Überfüllung.

Leere. Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Ein Brett ruht auf zwei Böcken aus weißem Holz, das ist der Tisch. Ein Futon auf dem grauen Linoleumboden. Das naturfarbene Bettzeug kommt Jean bekannt vor, er hätte sich an jenem schrecklichen Nachmittag bei Ikea beinahe das gleiche gekauft, für neun Euro neunundneunzig. Ein roter Rollenkoffer, von dem Rachel annimmt, dass er Ahmeds gesamte, auf ein Minimum reduzierte Garderobe enthält und gleichzeitig als Nachttisch dient, denn auf ihm liegen drei Bücher neben einer kleinen, grünen Metalllampe. Ein Binsenteppich. Das ist alles.

Überfüllung. Die Wände der kleinen Wohnung sind unter Hunderten aufeinandergestapelter Bücher völlig verschwunden, und zwar offenbar schon unter der vierten Schicht. Es handelt sich ausschließlich um Krimis im Taschenbuchformat. Die beiden Polizisten sehen sich sprachlos um.

»Haben Sie die alle gelesen?«, fragt Rachel schließlich.

»Ja.«

Was soll man dazu noch sagen? Sie setzen sich auf orangefarbene Klappstühle und entdecken eine weiße Keramiklampe, deren Schirm zerbrochen ist, drei CDs – Fela Kuti, Serge Gainsbourg, Boris Vian –, einen Personalausweis und einen leeren Becher Kirschjoghurt, in dem noch ein Löffel klebt. Ahmed setzt sich Rachel gegenüber neben Jean. Nach elf Sekunden unterbricht Rachel die Stille.

»Kannten Sie Laura Vignola?«

»Kannten?«

»Ja, vielleicht sollte ich anders anfangen. Sie wurde ermordet.«

Ahmed wiederholt das letzte Wort sehr leise. Wie ein Echo. Er schließt die Augen.

»Ermordet …«

Sein Geist fliegt davon. Er malt sich ein mögliches Leben mit Laura aus. Liebe. Ein Kind, dann ein zweites. Schlaflose Nächte. Fläschchen. Das Begehren erlischt. Waschmaschine, Auto, Ferien auf dem Bauernhof. Man trennt sich, respektiert sich aber. Warum auch nicht? Szenen eines Lebens, das er nie leben wird.

Rachel bemerkt, dass Ahmed abdriftet. Sie wendet den Blick ab und lässt sich treiben, bis sie auf lang vergessene Gefühle trifft.

Wieder befindet sie sich in der Werkstatt ihres Vaters. Sie ist neun Jahre alt. Es ist eine eigenartige, vertraute, aber dennoch fremde Welt voller Gerüche, Klänge und Strukturen, die es nirgendwo sonst gibt. Frisch gegerbtes Leder. Es ist weich, wenn sie es an ihre Wange legt, aber es ist solide. Sie vernimmt das dumpfe Echo ihrer Vorfahren, die in Wilna lebten und die ihr Vermächtnis an ihren Vater weitergaben. Er ist in Wilna geboren, zog später aber nach Frankreich. Seine besonderen Gesten und sein Verhalten sind eigen, und sie spürt, dass sie aus einer anderen Welt stammen, die sie nie kennenlernen wird. Sie verbringt viele Stunden in der Werkstatt, wo sie ihren Vater schweigend beobachtet, ehe sie ihre Hausaufgaben macht und für die Schule lernt. Ihr Vater und die Werkstatt – der einzige Mensch und der einzige Ort, denen es je gelang, ihr Ruhe zu vermitteln. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie auf diesen Schutz verzichtete und sich der Welt stellte. Als Rachel kurz davor ist, ihren bittersüßen Träumen zu entkommen, wirft sie einen Blick auf Jean. Er scheint noch abwesender als gewöhnlich, hat sich in die Krimis vertieft und neigt den Kopf, um die Titel besser lesen zu können. Nie zuvor hat der bretonische Polizist eine solche Sammlung gesehen. Er denkt an die Nächte, die er lesend mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke verbracht hat. Zunächst Titel von Chase, dann Horace McCoy, Chandler und vor allem Hammett. Normale Lektüre für den Sohn eines Kommunisten in Saint-Pol-de-Léon. Whisky und Klassenkampf. Die Kultur seiner Familie.

Allmählich legt sich das bedrückende Gefühl, das sie beim Betreten der Wohnung überwältigt hat. Das Appartement von Ahmed ist eine Art realitätsfreie Zone, wo sich die beiden Polizisten frei genug fühlen, tief in ihrem Inneren zu forschen. Und dort aufeinanderzutreffen. Ohne darüber sprechen zu müssen, wissen sie, dass Ahmed nicht derjenige ist, den sie suchen. Ihnen wird, zunächst noch ein wenig undeutlich, bewusst, dass sie in dieser Ermittlung nicht zu zweit, sondern zu dritt sind. Eine aschkenasische Jüdin, ein versponnener Bretone und ein Araber mit Borderline-Syndrom. Das Dreamteam des 19. Arrondissements. Trotzdem müssen sie das Spiel vom Bullen und dem Verdächtigen weiterspielen.

Rachel kehrt langsam in die Realität zurück, und auch Ahmed ist wieder da.

»Sie kannten also Laura Vignola, Monsieur Taroudant?«

»Ja. Nein. Ich habe ihre Blumen gegossen, wenn sie unterwegs war.«

Rachel wirft Jean einen Blick zu, um notfalls eine unpassende Bemerkung zu verhindern. Aber Jean befindet sich noch irgendwo in der Vergangenheit. Sie macht weiter.

»Sie haben also die Schlüssel zu ihrer Wohnung.«

Ahmed schaut sie an und bemüht sich, die Erinnerung an Esther dadurch auszulöschen, dass er Rachels sommersprossige Wangen betrachtet. Die Polizistin wartet geduldig und widmet sich erneut seinem hochmütigen, sehr dunklen Gesicht, das die existenzielle Müdigkeit eines Menschen ausstrahlt, der zu viel gesehen hat.

»Ja, sie hat mir ihren Zweitschlüssel anvertraut.«

Nun übernimmt Jean mit sanfter Stimme.

»Was haben Sie gestern Abend gemacht?«

»Nichts Besonderes. Ich habe gelesen und bin dann zu Bett gegangen.«

»Was haben Sie gelesen?«

Rachels Frage überrascht alle. Sogar sie selbst.

»Die Rothaarige von James Ellroy. Kennen Sie das Buch?«

Die junge Frau muss unwillkürlich lächeln. »Allerdings. Ich habe es gelesen. Ein merkwürdiges Buch, das so viel verbirgt wie es enthüllt. Ein Buch, das nach dem Sturm um White Jazz um Frieden bemüht ist.«

Rachels Worte wühlen Ahmed auf. Er betrachtet sie von der Seite. Schließlich lächelt er schüchtern.

»Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die gern Ellroy liest.«

»Ich bin Polizistin …«

»Stimmt, das hätte ich beinahe vergessen. Aber auch Polizisten sind Menschen wie alle anderen. Sie erzählen Geschichten. Als ob die Welt nicht schon schwierig genug wäre. Wissen Sie übrigens, was White Jazz bedeutet?«

»Weißer Jazz, oder?«

»Das ist nur die wörtliche Übersetzung. Laut Ellroy bedeutet es so etwas wie ›abgedrehtes, von Weißen durchgeführtes Husarenstück‹.«

»Vielleicht bekommen wir irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal die Gelegenheit, unser literarisches Gespräch fortzusetzen, Monsieur Taroudant, jetzt aber müssen mein Kollege und ich Ihnen einige Fragen stellen.«

Rachel bewaffnet sich mit Notizblock und Stift. Ahmed kehrt zum eigentlichen Thema zurück. Er tut zumindest so, als ob. Als ob dies hier ein richtiges Verhör wäre. Als ob es nicht schon längst zu spät wäre, sich zu verstellen. Er spricht wie eine der unzähligen Figuren in seinen unzähligen, an den Wänden aufgestapelten Romanen.

»Dann fangen wir also mit der Frage an, ob jemand bezeugen kann, dass ich gestern Abend hier war?«

»Ganz richtig.«

»Nein, niemand.«

»Wir haben gestern gegen Viertel vor zehn hier geklingelt, aber niemand hat geöffnet. Warum?«

Ahmed zeigt auf eine kleine Plastikdose neben dem Futon.

»Ich schlafe mit Oropax.«

Jean wirft Rachel einen Blick zu, als wolle er sagen »Dabei können wir es zunächst belassen« und wendet sich seinerseits an Ahmed.

»Dürfen wir uns auf Ihrem Balkon umschauen?«

»Ich ziehe nur schnell die Jalousien hoch.«

Ahmed kurbelt die weißen Metalllamellen aus den Siebzigern hoch. Nach und nach kommt der Balkon zum Vorschein. Außer einem Topf mit einer weißen Lilie ist aber nichts zu sehen. Als Ahmed die Tür öffnet, tritt Jean hinaus, wirft einen aufmerksamen Blick nach oben und dreht sich zu dem Araber um. Seine Stimme ist schärfer.

»Sie waren gestern Nachmittag nicht zufällig auf dem Balkon?«

Ahmed schweigt geschlagene fünf Sekunden, als müsse er sich den Ablauf des Vortags in Erinnerung rufen.

»Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht genau. Ich habe den Tag auf meinem Futon verbracht, Kaffee und grünen Tee getrunken und Kräcker gegessen. Ich bin sicher ein paar Mal in der Küche gewesen und natürlich auch auf der Toilette. Normalerweise wache ich ziemlich früh auf. Meistens gieße ich dann meine Lilie, das bekommt ihr am besten, solange die Erde noch kühl ist. Gestern Morgen war ich gegen halb sieben auf dem Balkon. Aber danach … ich weiß nicht mehr genau. Wenn ich anfange zu lesen, verliere ich manchmal den Kontakt zu meiner Umgebung. Es kann passieren, dass mir erst abends bestimmte Dinge klar werden, die ich tagsüber in einem irgendwie halb bewussten Zustand getan habe.

»Arbeiten Sie, Monsieur Taroudant?«

»Ich bin krankgeschrieben.«

»Seit wann?«

»Seit fünf Jahren. Seit drei Jahren bekomme ich eine Erwerbsunfähigkeitsrente.«

»Und warum?«

»Ich leide unter einer chronischen Depression.«

»Kann man damit nicht arbeiten?«

»…«

»Okay. Was haben Sie davor gemacht?«

»Ich war Nachtwächter in einem großen Möbelhaus.«

Die beiden Polizisten blicken sich an. Rachel und ihre großen Augen sind wieder dran.

»Gut. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit. Wir werden sicher noch mal wiederkommen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie uns jederzeit unter dieser Nummer erreichen.«

Ahmed fragt sich flüchtig, ob er träumt: Im Blick der jungen Frau meint er die Bitte um einen Anruf erkannt zu haben. Auch ohne einen Grund. Sie notiert die Angaben auf einem Zettel, reißt ihn anschließend vom Block und reicht ihn ihm. Ahmed verstaut das Papier in seinem Portemonnaie.

»Planen Sie in der nächsten Zeit zu verreisen?«

»Ich verlasse das 19. Arrondissement niemals.«

»Gut, dann behalten Sie diese Gewohnheit bitte bei, bis Sie etwas anderes von uns hören.«

»Alles klar.«

Die Polizisten verabschieden sich und gehen. Ahmed schließt die Tür hinter ihnen. So, jetzt erlebt er also seinen eigenen Krimi. Eigentlich müsste er nur noch Jazz hören, um mit den Geistern der Vorfahren aller Pinkertons in Kontakt zu treten. Wenn er aus dieser Sache heil rauskommt, schreibt er ein Buch. Bestimmt. Und er wird es Arab Jazz nennen. Hahaha. Hey, was ist bloß los mit mir? Ich entwickele plötzlich wieder Sinn für Humor!

Laura hat als Flugbegleiterin gearbeitet und manchmal Zwischenstation in den Emiraten gemacht. Sie hasste den Flughafen von Dubai, wo sie sich unter den Blicken fettleibiger Exbeduinen mit teuren Rolexuhren am Handgelenk wie ein Stück Fleisch in der Auslage fühlte und wo sie sich in den Boutiquen dieses steuerfreien Supermarkts verirren konnte. Von ihrer letzten Reise hat sie Ahmed erstmals ein Geschenk mitgebracht – einen winzigen iPod, auf dem sie ihre Lieblings-CDs gespeichert hat. Seit drei Monaten hat Ahmed ihn nicht mehr angerührt. Jetzt kramt er ihn hervor, setzt den Kopfhörer auf und drückt die Play-Taste. Zum Glück ist die Batterie noch nicht ganz leer. Ahmed lauscht der warmen Stimme von Dinah Washington. It’s Magic. Irgendwo tief in seinem Innern öffnet sich eine Pforte, die so lange fest verschlossen war, dass er sich ihrer gar nicht mehr erinnert. Die Pforte der Tränen.

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