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Entflammte Herzen

1. KAPITEL

Die Sirene ertönte. Die frischgebackene Feuerwehrfrau Priscilla Garner lauschte. Vielleicht galt der Alarm nicht für sie.

„Damit sind wir gemeint!“, rief jemand.

Endlich ein Brand. Priscilla freute sich, eine Pause beim Zwiebelschneiden einlegen zu dürfen. Das war im Augenblick ihre Aufgabe – seit Captain Campeon den Versuch aufgegeben hatte, sie als Köchin für Feuerwache 59 einzusetzen. Denn obwohl sie sich wirklich angestrengt hatte, war das Ergebnis ihrer Bemühungen ungenießbar.

Daher durfte sie jetzt alles erledigen, was so richtig Spaß machte. Wie Zwiebeln schneiden und Kartoffeln schälen. Ansonsten war sie meistens damit beschäftigt, Böden zu wischen, Toiletten zu putzen oder Geschirr abzuwaschen. Diese lästigen Pflichten sorgten dafür, dass ihre Schichten nur so dahinschlichen.

Unter diesen Umständen hätte sie leicht auf die Idee kommen können, dass man sie mobben wollte, weil sie die einzige Frau war. Aber sie wusste, daran lag es nicht. Ihre besten Freunde Ethan und Tony wurden genauso behandelt. So lief das eben, wenn man ein Anfänger war.

Otis Granger schaltete den Herd aus. Ohne ein weiteres Wort eilten sie zusammen auf ihre Plätze und kämpften sich in die Schutzanzüge.

Weil sie neu war, bestand Priscillas Job nur darin, bei Otis zu bleiben, aufzupassen und etwas zu lernen. Otis war zwanzig Jahre älter als sie und ein Riese von Mann, mit mächtigem Bierbauch und schokoladenbrauner Hautfarbe. Anfangs hatte er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, mit einer Frau zusammenzuarbeiten. Aber als er gemerkt hatte, dass es ihr wirklich ernst mit ihrem Job als Feuerwehrfrau war, hatte er sie akzeptiert. Inzwischen waren sie sogar Freunde.

Priscilla schwang sich auf den Sitz neben Ethan. Als sie nur noch die Klettverschlüsse ihrer Ärmel festmachen musste, fuhr das Löschfahrzeug mit heulender Sirene los. Ziel des Einsatzes war ein Müllcontainer hinter einem chinesischen Restaurant, der Feuer gefangen hatte.

Als sie sich dem Brand näherten, sah Priscilla schwarzen Rauch zum Oktoberhimmel aufsteigen. Dann bogen sie um die letzte Ecke. Auf den ersten Blick war klar, dass es sich nicht nur um brennenden Müll handelte. Ein Schuppen hinter einem Wohnblock stand in Flammen.

Fahrer Lieutenant Murphy „Murph“ McCrae meldete die neue Lage über Funk an die Einsatzleitstelle, während er versuchte, das Tanklöschfahrzeug durch die enge Gasse zu manövrieren. Aber der Durchgang war durch einen Müllcontainer versperrt.

„Wir müssen hintenrum“, erklärte er. „Garner, Granger, ihr geht zu Fuß. Sieht aus, als ob da erst mal ein Maschendrahtzaun wegmuss.“

Priscilla sprang vom Wagen und schnappte sich einen Bolzenschneider. So schnell das mit dem schweren Schutzanzug ging, rannte sie auf das Feuer zu. Ohne stehen zu bleiben, zog sie sich die Atemschutzmaske übers Gesicht. Das kleine Gebäude brannte lichterloh. Daneben rauchten die Bäume schon, kurz davor, in Flammen aufzugehen.

Als sie sich an die Arbeit machte, spürte sie die Hitze des Feuers auf ihrem Gesicht. Einen Augenblick später war Otis neben ihr. Mit Schutzhandschuhen hielt er das glühend heiße Metall fest, während sie den Draht durchtrennte. Schaulustige sammelten sich, bis Priscilla sie auffordern musste, einige Schritte zurückzutreten. Als sie mit dem Zaun fertig waren, bog das Löschfahrzeug in den Parkplatz dahinter ein.

Zusammen mit Otis wickelte Priscilla den Schlauch ab, während McCrae die Steuerung bediente. In kürzester Zeit stimmte der Druck, und sie waren bereit, den Brand zu bekämpfen.

Nach ein paar Minuten hatten sie die Flammen unter Kontrolle. Die brennenden Bäume waren gelöscht. Wasser und Löschschaum tränkten die verkohlte Decke und die Wände des Schuppens.

„Garner!“, brüllte Murph. „Ich will dich und Granger auf dem Dach sehen.“

Eilig befolgte sie den Befehl. Mit einem Stab bohrte sie Löcher und suchte nach Brandherden, die Ethan dann sofort von unten löschte.

Auf das Stimmengewirr um die Hütte herum achtete sie nicht, bis ein Wort ihre Aufmerksamkeit erregte: Brandstiftung.

Da hörte sie mit ihrem Stochern auf. „Ethan, hat da gerade jemand gesagt, dass es Brandstiftung war?“

„Ja. Neben einer Außenwand liegen Farbkanister und Stofffetzen. Vermutlich Vandalismus.“

Wenig später befahl Murph Priscilla, vom Dach runterzukommen.

Zurzeit wurden die Feuerwehrleute von Dallas besonders nervös, wenn Brandstiftung erwähnt wurde. Im Frühling, als Priscilla noch in der Ausbildung war, hatten drei erfahrene Feuerwehrleute bei einem Großbrand das Leben verloren. Der Brandstifter hatte damals das Dach eines brennenden Lagerhauses zum Einsturz gebracht. Die Feuerwache 59, wo die drei Männer gearbeitet hatten, hatte der Verlust besonders hart getroffen. Doch damit nicht genug. Seitdem legte der Brandstifter alle paar Wochen wieder ein Feuer.

Als ein schwarzes Auto in den Parkplatz einbog, das Priscilla nur zu gut kannte, verspannte sie sich. Captain Roark Epperson. Auf der Akademie war er ihr Dozent für Brandstiftung gewesen; mit Priscilla verband ihn aber noch eine viel persönlichere Beziehung. Doch davon wusste sonst niemand.

Seit ihre kurze, leidenschaftliche Affäre zu Ende war, gab sich Priscilla große Mühe, ihm aus dem Weg zu gehen.

Jetzt tat sie so, als ob sie vollauf damit beschäftigt war, den Schlauch zusammenzulegen. Gleichzeitig beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie der hochgewachsene, breitschultrige Polizist sich mit Murphy unterhielt. Dann schaute Roark zu ihr hinüber. Einen Augenblick ließ er den Blick auf ihr ruhen, während sie sich nichts anmerken ließ.

Roark untersuchte den Haufen verbrannter Farbdosen und verkohlter Lumpen. Dann machte er ein paar Bilder mit einer Digitalkamera. Priscilla gab auf, Desinteresse zu heucheln, und schlenderte zu ihm hinüber. Sie wollte hören, was er zu sagen hatte.

„Auf jeden Fall Brandstiftung. Aber unser besonderer Liebling war es nicht“, sagte Roark. „Unser besonderer Liebling“ war Roarks Bezeichnung für den Serienbrandstifter. „Wahrscheinlich Teenager, die auf einen besonderen Kick aus waren. Wenn der Eigentümer die Versicherungssumme kassieren wollte, hätte er sich mehr Mühe gegeben, die Spuren zu vertuschen.“

Obwohl Roark schon viele Jahre in Texas lebte, hörte man immer noch deutlich, dass er ursprünglich aus Boston stammte. Ganz gegen ihren Willen weckte seine Stimme Erinnerungen in Priscilla. Außerdem fand sie seine Schlussfolgerung frustrierend. Natürlich wollte sie nicht, dass der Serienbrandstifter noch mehr Feuer legte. Aber bei jedem Brand gab es die Chance, Hinweise auf seine Identität zu finden.

Die Stimmung entspannte sich. Die Feuerwehrleute gingen wieder ihrer Arbeit nach, räumten Werkzeug und Leitern auf. Priscilla stocherte mit ihrem Stab in den Überresten des Schuppens herum.

„Hey, Pris, kommst du nächste Woche zu der Abschiedsparty?“, fragte Ethan. Der Captain der B-Schicht von Feuerwache 59 ging in den Ruhestand.

„Keine Zeit. Meine Cousine heiratet bald. Und da richtet sie so ein affiges Dinner für alle Brautjungfern im Mansion aus.“ Priscilla schlug mit ihrem Stock gegen einen Baumstumpf. Funken stoben auf. „Das soll mal jemand löschen.“

„Nicht schlecht, im Mansion.“ Otis kam mit einem Druckschlauch herüber und richtete den Wasserstrahl auf den Stumpf. „Da wollte ich schon immer mal hin. Brauchst du einen Begleiter?“

Priscilla lachte. „Das würde Ruby aber nicht gefallen.“ Ruby war die Freundin von Otis. „Außerdem führt meine Mutter eine Liste, falls ich nicht allein kommen will. Was nicht der Fall ist.“

„Aha“, ließ sich Ethan vernehmen. „Hört sich an, als ob deine Mutter dich verkuppeln will.“

„Ich versuche ja immer, ihr klarzumachen, dass ich keine Beziehung will …“ Priscilla sah Roark an. „Aber sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ich darunter leide, allein zu sein.“

Ethan holte eine Rolle Absperrband heraus und band ein Ende an einem Zaunpfahl fest. „Würde deine Mutter Ruhe geben, wenn du einen Freund hättest?“

„Klar.“ Bis letztes Jahr hatte Priscillas Beziehung mit Cory Levine ihre Mutter überglücklich gemacht. „Aber ich habe keinen Freund, und ich will auch keinen.“

„Wie wäre es dann mit einem Scheinfreund?“, schlug Ethan vor. „Erzähl deiner Mutter einfach, dass du dich mit jemandem triffst.“

„Das zieht bei ihr leider nicht.“ Inzwischen waren die Bemühungen ihrer Mutter, sie unter die Haube zu bringen, zu einem echten Problem geworden. Sie konnte nirgends mit ihren Eltern hingehen, ohne dass Lorraine ihr einen jungen Mann vorstellte.

Wieder glitt ihr Blick zu Roark. Er hatte mehr gewollt als eine Affäre. Aber sie hatte kalte Füße bekommen. Daher hatte Priscilla die Beziehung beendet, noch bevor sie richtig angefangen hatte. Für etwas Ernstes war sie einfach noch nicht wieder bereit. Vielleicht würde sie das nie sein. Außerdem gefiel ihr das Leben im Augenblick ganz gut so, wie es war. Single zu sein. Auf keinen anderen Menschen Rücksicht nehmen zu müssen.

„Ich hätte da eine Idee“, sagte Ethan. „Du brauchst einen Mann, gegen den deine Mutter absolut nichts einwenden kann. Den stellst du deinen Eltern vor. Deutest an, dass es etwas Ernstes werden könnte. Dann gibt deine Mutter Ruhe.“

Priscilla musste zugeben, dass der Plan einen gewissen Reiz hatte. „Und wo soll ich so einen Prachtkerl auftreiben?“ Laut würde sie das nie sagen, aber Priscilla bezweifelte, dass ihre Mutter von einem Feuerwehrmann begeistert wäre. Sie hatte schon Schwierigkeiten damit, dass ihre Tochter als Feuerwehrfrau arbeitete. Dann auch noch eine Beziehung mit einem Feuerwehrmann?

„Ich kenne den perfekten Kandidaten“, sagte Ethan. Seine Augen funkelten vor Übermut. Auf einmal hatte Priscilla ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wen hatte Ethan bloß im Sinn? Worauf hatte sie sich da gerade eingelassen? „Vielleicht“, meinte Ethan, „wären deine Eltern ja mit einem Brandkommissar einverstanden.“

Priscilla schluckte und warf Roark einen Blick zu. Insgeheim flehte sie ihn an, sich sofort zu weigern. Aber obwohl er etwas überrascht wirkte, schien ihm der Vorschlag nichts auszumachen.

„He, das ist die Idee“, sagte Otis. „Er hat einen guten Job, ist immer chic herausgeputzt und redet wie ein englischer Lord. Epperson, wie sieht’s aus? Machen Sie Priscillas Mutter glücklich?“

Am liebsten wäre Priscilla im Erdboden versunken. Roark als Freund, zum Schein oder in echt, war wirklich das Letzte, was sie wollte. Obwohl sie immer noch gut zwei Meter von ihm entfernt war, fing ihr Herz an zu rasen. Ihre Lippen prickelten. Wärme breitete sich in ihrem Körper aus – auf eine Art und Weise, die in der Öffentlichkeit völlig unpassend war. Priscilla betete, dass er Nein sagen würde. Schnell und entschieden. Stattdessen sah er nachdenklich aus. Als ob er tatsächlich überlegen musste.

Dann lächelte er plötzlich und schaute ihr tief in die Augen. „Für eine Kollegin von der Feuerwehr tue ich doch fast alles. Klar helfe ich Ihnen, Priscilla. Ich bin auch wirklich überzeugend. Sehr sogar.“

Die folgende Stille knisterte vor Spannung. Himmel, wussten jetzt alle Bescheid, dass sie und Roark mal etwas miteinander hatten?

Ethan brach das Schweigen. „Dann ist das also geregelt, Priscilla. Nur ein bisschen Nachdenken, und alle deine Probleme sind gelöst. Danken kannst du mir später.“

Ihm danken? Sobald es keine Zeugen gab, würde sie ihm den Kopf abreißen. „Captain Epperson, hören Sie einfach gar nicht hin“, sagte sie. „Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, wenn Sie mir helfen wollen. Aber mit meiner Mutter werde ich schon allein fertig. Darin habe ich inzwischen ein paar Jahre Übung.“

Roark Eppersons Gedanken überschlugen sich, als Priscilla sich abwandte. Damit durfte diese Begegnung noch nicht zu Ende sein. Er hatte Fragen, und er wollte Antworten. „Priscilla?“

Sie drehte sich um. „Ja?“

„Während der Ausbildung hatte ich den Eindruck, dass Sie ein besonderes Interesse an der Untersuchung von Brandstiftungen haben.“ Und an dem zuständigen Brandkommissar. Aber das stand auf einem anderen Blatt. „Ich könnte heute Unterstützung bei der Spurensicherung brauchen.“

Roark sah ihr an, wie aufgewühlt sie war. Sie wollte nicht mit ihm allein sein. War es ihr peinlich, dass sie so leidenschaftlich auf ihn reagiert hatte? Hatte sie deswegen Schuldgefühle? Gab es einen anderen Mann?

Während ihrer kurzen Liaison hatten sie kaum über persönliche Dinge gesprochen. Er hatte gewusst, dass sie kurz vorher eine Beziehung beendet hatte. Aber Einzelheiten hatte sie nie erwähnt.

„Klar“, sagte Priscilla, scheinbar ganz lässig.

Er nahm sie mit zu seinem Wagen und gab ihr ein paar saubere Dosen und Plastiktüten. Dann erklärte er ihr, was sie in den verkohlten Überresten des Schuppens einsammeln und wie sie das Beweismaterial verpacken sollte.

Sie streifte die Latexhandschuhe über und befolgte seine Anweisungen genau, während er sie beobachtete.

Seit er sie – die einzige Frau in ihrem Jahrgang – das erste Mal gesehen hatte, faszinierte sie ihn. Für eine Frau ihrer Größe war sie erstaunlich kräftig. Außerdem hatte er noch nie erlebt, dass sich ein Trainee so angestrengt hatte wie sie. Mehr als einmal hatte er sie lange nach Ende des eigentlichen Trainings noch auf dem Hindernisparcours beim Üben beobachtet.

Auf der Suche nach Beweismitteln stocherte Priscilla jetzt in welkem Laub neben dem Zaun herum. „He, Captain, sehen Sie sich das mal an.“

Sie hatte ein Heft Streichhölzer gefunden. „Gute Arbeit. Das könnte wichtig sein.“

Vorsichtig benutzte sie eine Pinzette, um das Beweismittel zu sichern und in einer Plastiktüte zu verwahren. Währenddessen musterte Roark ihr Gesicht und prägte sich jede Einzelheit ein – die weiche Rundung ihrer Wangen, ihre geschwungene Unterlippe.

Die körperliche Anziehungskraft zwischen ihnen ließ sich nicht leugnen. Aber was ihn wirklich fesselte, waren ihr Mumm und ihre Entschlossenheit – und ihr wacher Verstand.

Wenn sie nicht an einem Regentag mit zwei platten Reifen auf dem Parkplatz der Akademie liegen geblieben wäre, wäre vielleicht nichts weiter passiert. Irgendjemand hatte sich mit einem Messer an den Reifen zu schaffen gemacht. Für solche Schikanen hatte Roark nur Verachtung übrig. Obwohl Priscilla damit zufrieden gewesen wäre, einfach nur den Pannendienst zu rufen, hatte Roark sie dazu überredet, sich von ihm helfen zu lassen.

Hinterher hatten sie zusammen einen Kaffee getrunken. Irgendwie waren sie am Ende in seinem Bett gelandet.

Noch vor dem Aufstehen hatte sie erklärt, dass das Ganze ein Fehler war – und ihn daran erinnert, dass es moralisch zumindest fragwürdig war, mit einem Dozenten zu schlafen. Obwohl er da theoretisch durchaus ihrer Meinung war, wollte er sie schon damals nicht gehen lassen. Er hatte einfach noch nie eine Frau getroffen, die so faszinierend war.

Und so widersprüchlich – pragmatisch und tough wie ein alter Haudegen im einen Augenblick, dann höflich und brav wie eine Internatsschülerin im nächsten. Sie hatte eine sanfte, melodische Stimme und unschuldige blaue Augen. Aber bei der rauen Ausdrucksweise und den geschmacklosen Witzen, die zum Alltag der Feuerwehrleute gehörten, zuckte sie nicht mit der Wimper.

Sie hatte versucht, ihm zu widerstehen. Aber dann war sie doch wieder bei ihm aufgetaucht. Noch zweimal. Jedes Mal hatte sie sich hinterher selbst Vorwürfe gemacht. Sie hatte gesagt, dass sie gar nicht wusste, was da über sie gekommen war.

Er hatte immer vorgehabt, seine Bekanntschaft mit Priscilla zu erneuern, wenn sie sich an den Arbeitsalltag bei der Feuerwehr gewöhnt hatte und mehr Zeit gehabt hatte, um über den Mistkerl von Ex hinwegzukommen.

Roark gab nicht mehr so einfach auf. Diesen Fehler hatte er bei seiner Exfrau Libby gemacht. Vielleicht hatten sie auf lange Sicht wirklich nicht zusammengepasst – aber er hatte aufgegeben, ohne es überhaupt noch mal mit ihr zu versuchen. Als klar war, dass sie keine Familie wollte, war er so vor den Kopf geschlagen gewesen, dass er sie einfach gehen ließ.

In den zehn Jahren seither hatte er eine Menge gelernt. Jetzt war er jemand, der nicht so einfach die Flinte ins Korn warf. Er hatte den Ruf, wirklich alle Register zu ziehen, wenn es darum ging, einen Brandstifter zu schnappen. Und er hatte vor, in seinem Privatleben genauso entschlossen vorzugehen.

Vielleicht war Priscilla ja auch nicht die Richtige. Aber das würde er nie herausfinden, wenn er nicht mehr Zeit mit ihr verbrachte.

Er zwang sich dazu, sich wieder auf die Untersuchung zu konzentrieren. „Du warst als Erste am Tatort?“

„Otis und ich, jawohl.“

„Hast du irgendwas Ungewöhnliches gesehen? Oder gerochen?“

„Ich habe keinen besonders guten Geruchssinn. Aber das Feuer kam mir ungewöhnlich stark und heiß vor.“

„Das überrascht mich nicht. In dem Schuppen waren Rasenmäher und so weiter, außerdem Putzmittel. Kerosin, Farbe, Terpentin. Wir haben Glück gehabt, dass das ganze Ding nicht einfach in die Luft geflogen ist.“

„Als wir ankamen, stand schon das ganze Gebäude in Flammen. Was explodieren konnte, war bis dahin wahrscheinlich schon hochgegangen. Ach ja, da waren ganz schön viele Schaulustige. Aber als du ankamst, waren die meisten schon wieder weg.“

„Waren Teenager dabei? Mit Abzeichen von Gangs?“

Priscilla dachte nach. „Da waren zwei Latinos. Jungs. Vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Einer hat Grün und Schwarz getragen – das sind die Farben von den Dawgs, richtig?“

„Allerdings.“

Sie beschrieb die beiden bis ins Detail; sie wusste sogar noch, dass der eine einen abgebrochenen Zahn und der andere zerrissene Schnürsenkel gehabt hatte. „Die beiden wirkten extrem neugierig.“

„Würdest du sie wiedererkennen?“

„Ich denke schon.“

„Gut. Vielleicht kann ich dir ein paar Fahndungsfotos zeigen.“ Er hatte schon so eine Ahnung, wer die Typen waren. Die beiden hatte er früher mal ins Gebet genommen, weil sie Mülltonnen angezündet hatten. Vielleicht wagten sie sich inzwischen an größere Ziele heran.

„Was habe ich eigentlich falsch gemacht?“, fragte er unvermittelt.

Priscilla straffte die Schultern und sah ihn an. Zum ersten Mal spürte er so etwas wie ehrliches Bedauern bei ihr. „Du? Gar nichts. Ich habe den Fehler gemacht.“ Sie lächelte traurig.

„Warum meidest du mich dann wie die Pest?“

Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit und brachte sorgfältig Etiketten auf den Tüten mit den Beweismitteln an. „Das habe ich dir doch schon erklärt – ich hatte damals gerade eine Beziehung hinter mir.“

Okay, das war ja schon mal ein Anfang. „Dann war ich für dich nur ein Lückenbüßer.“

„Ja. Und das war nicht fair. Ich hatte den Eindruck, dass du mehr willst als einfach nur Spaß. Dafür war ich noch nicht bereit.“

„Aber das ist jetzt Monate her. Du musst doch inzwischen darüber weg sein. Ganz egal was dieser Mistkerl angestellt hat.“

„Ich will einfach keine Beziehung!“, entfuhr es ihr. Sie hörte sich ein bisschen verzweifelt an.

„Das glaube ich nicht. Niemand will jede Nacht allein sein.“

Sie seufzte und schaute ihn nicht an. „Die Sache ist kompliziert.“

„Ich habe Zeit.“

„Ich verstehe das doch selbst nicht. Wie soll ich dir das dann erklären? Aber mich willst du bestimmt nicht als Freundin. Ich habe Probleme.“

„Die hat doch jeder. Die muss man bewältigen oder damit leben. Du kannst doch nicht einfach aufhören, dein Leben zu genießen.“

Sie richtete sich auf. „Roark, ich habe dich einfach viel zu gern. Das hat mir solche Angst gemacht, dass ich … dass ich einfach Abstand gebraucht habe.“

Roark wusste ja, dass weibliche Logik nicht wie männliche funktioniert. Aber das war sogar für ihn zu viel. „Verstehe ich das jetzt richtig – du magst mich zu sehr. Und deswegen hast du Schluss gemacht.“

„Ich weiß, dass sich das verrückt anhört.“

Milde ausgedrückt. „Dann willst du es gar nicht erst mit uns versuchen?“

„Selbst wenn ich das wollte, hätte ich dafür einfach keine Zeit. Mit dem Job und der Sanitäterausbildung bin ich sowieso schon völlig überarbeitet.“

„Aber du gehst trotzdem noch zu diesen Verabredungen, die deine Mutter für dich arrangiert.“

„Nur ganz selten. Übrigens bin ich total überrascht und fühle mich auch sehr geschmeichelt, dass du noch etwas mit mir zu tun haben willst – so wie ich mich dir gegenüber benommen habe. Aber ich bin einfach nicht bereit für eine ernsthafte Beziehung. Und du und ich, also, etwas Zwangloses, das schaffen wir doch nicht.“

Da hatte sie recht. Bei Priscilla reichten ihm ein oder zwei Treffen im Monat nicht.

Er nahm die Beweismittel an sich, die sie eingesammelt hatte. „Dann überlasse ich dich wohl besser wieder deinem Schicksal.“

„Jawohl. Danke, dass ich mit dem Beweismaterial helfen durfte.“

„Du lernst schnell.“

Sie drehte sich um, aber er konnte nicht anders, als ihr nachzurufen: „Ich könnte immer noch dein Scheinfreund sein.“ Diese Rolle würde ihm nicht unbedingt schwerfallen.

„Danke, aber lieber nicht. Ich muss bei meiner Mutter einfach nur entschiedener auftreten.“

Roark hatte alles getan, was er konnte. Er warf Priscilla einen letzten intensiven Blick zu, um sie daran zu erinnern, auf was sie da gerade verzichtete. Dann ließ er sie stehen.

Vierundzwanzig Stunden später half Priscilla ihrer Mutter in der Küche. Inzwischen hätte sie ihre Worte am liebsten zurückgenommen. Mehr als alles andere auf der Welt wünschte sie sich im Augenblick einen Freund.

Lorraine Garner war bekannt für ihre Kochkünste. Weil Priscilla jetzt zum ersten Mal ansatzweise Interesse am Kochen zeigte, war sie überglücklich.

Doch während sie erklärte, wie man Lasagne machte, konnte Lorraine der Versuchung nicht widerstehen, ihre Tochter auszufragen.

„Wie geht deine Ausbildung zur Krankenschwester voran?“, fragte sie, während sie zeigte, wie man Knoblauch hackt, ohne perfekt lackierte Fingernägel zu zerkratzen.

„Zur Rettungssanitäterin“, stellte Priscilla sanft richtig, „und die läuft richtig gut.“

Wahrscheinlich wäre ihre Mutter viel glücklicher, wenn Priscilla tatsächlich Krankenschwester geworden wäre. Lorraine war entsetzt gewesen, als ihre Tochter ihren Job als Managerin von einem Raumausstattungsgeschäft aufgegeben hatte, um Feuerwehrfrau zu werden. Priscilla hatte sich als „Ladenhüter“ allerdings zu Tode gelangweilt. Außerdem musste sie ihrem Leben eine neue Richtung geben, um nicht ständig über die Sache mit Cory nachzugrübeln.

Im Laufe der Zeit hatte Lorraine Priscillas neuen Lebensweg akzeptiert. Aber ihre Bemühungen, das Privatleben ihrer Tochter in Ordnung zu bringen, konnte sie einfach nicht aufgeben.

Priscilla wusste, was jetzt kam.

„Hast du dir schon überlegt, wer dich begleiten könnte?“

„Mom, ich glaube nicht, dass es Marisa wichtig ist, ob ich in Begleitung komme.“ Ihre Cousine Marisa, die Tochter von Lorraines Schwester Clara, war die Braut.

„Ich will nur nicht, dass du den Leuten leidtust“, sagte Lorraine. „Du weißt doch, Tante Clara denkt, du hast deine einzige Chance auf einen Ehemann vertan.“

„Das Ende dieser Beziehung war ja wohl kaum meine Schuld.“ Soweit Priscilla das beurteilen konnte, hatte Cory nie etwas für Kinder übrig gehabt. Aber als Priscilla ihm gebeichtet hatte, dass sie keine bekommen konnte, war er schockiert gewesen. Über ihren Vorschlag, eine Adoption in Erwägung zu ziehen, wollte er gar nicht erst nachdenken. Er wollte unbedingt eigene Kinder. Damit war klar, dass er sie auf keinen Fall heiraten würde.

Seine Haltung hatte Priscilla erschüttert. Sie war so sicher gewesen, dass Cory „der Richtige“ war. Aber sie hatte ihn nicht so gut gekannt, wie sie gedacht hatte.

„Und das wird sie auch nicht erfahren.“ Priscilla hatte Jahre gebraucht, um damit fertig zu werden, dass sie nicht schwanger werden konnte. Mit sechzehn hatte sie sich einer Operation unterziehen müssen. Ein Eierstock sollte dabei entfernt werden. Doch dann hatte der Chirurg erklärt, dass der Eingriff auch bei dem anderen notwendig war.

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