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Über den Autor

Matti Rönkä, geb. 1959 in Nordkarelien, ist Journalist. Er hat sowohl in den Printmedien als auch im Radio gearbeitet und ist heute Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen, ist somit der finnische »Mister Tagesschau«. Er sagt von sich selbst, dass er geradezu fanatisch gerne Sport treibt, jedoch ohne besonders sportlich zu sein. Und er liebt es, wacklige Möbel in russischem Design zu bauen.

Matti Rönkä lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Helsinki.

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Dorf Porajärvi, Bezirk Suojärvi, Republik Karelien, Russland

Pawel Wadajew saß auf der Bank unter dem Vordach und atmete tief durch. Er stellte sich vor, wie die Lunge sich beim Ausatmen in einen harten, runzligen Klumpen verwandelte, wie ein Fausthandschuh, den man auf dem Ofen vergessen hat.

Seine Haut glühte noch vom beißenden Dampf, obwohl die Hitze sanft war in der Sauna, diesem um eine halbe Balkenbreite ins Erdreich gesackten Holzanbau am Ende des Kuhstalls.

Otschen charascho, vieles war fraglos gut, gestand Pawel sich ein.

Seine Frau war ein vortrefflicher Mensch. Energisch bei allem, was sie tat. Und reinlich, sie wusch die Wäsche, schrubbte die Fußböden. Gutes Essen machte sie, buk Piroggen, Brote und Aufläufe, kochte Grütze, Brei und Marmelade, legte Pilze ein. In den Regalen im Keller standen reihenweise Weckgläser, sorgfältig mit Pergamentpapier und Gummibändern verschlossen, genug Vorrat für ein Jahr und mehr.

Und einen besseren Sohn als Sergej könnte ich mir nicht wünschen, dachte Pawel. Die Augen wurden ihm feucht. Er schalt und bestrafte den Jungen zu oft. Natürlich macht ein Bub gelegentlich Fehler, das muss ja sein, wie soll er sonst etwas lernen.

Pawel kraulte die Katze am Ohr und hörte Wasser plätschern. Offenbar goss Xenja sich noch einmal kalt ab. Er wusste, dass seine Frau die emaillierte Waschschüssel bald umgedreht auf die Saunabank stellen würde, dann würde sie herauskommen und Wohlgefühl und Samstagsfrieden ausstrahlen. In ihrem Bademantel aus Waffelstoff und mit einem Handtuchturban auf dem Kopf würde sie gelassen über den Hof schreiten wie bessere Leute in der großen Welt, obwohl sie nur Gesundheitsfürsorgerin war in der Elementarschule des Dorfes Porajärvi, Bezirk Suojärvi, Republik Karelien.

Eine kluge Frau, die viel wusste, das gab Pawel Wadajew bereitwillig zu. Sein Nachbar, der alte Trifon, hätte wohlwollend hinzugefügt, Pawel selbst sei ein wenig schwer von Begriff. Pawels Gedanken bewegten sich wie ein Opa, der auf den Dachboden steigen will, sich Stufe um Stufe nach oben kämpft, ab und zu eine Verschnaufpause einlegt, irgendwann aber doch ans Ziel kommt, wenn er sich nur immer am Geländer festhält und stur weitergeht.

Nein, ich bin nicht schnell von Begriff und auch sonst nicht clever, gestand sich Pawel ohne Verbitterung ein. Aber meine Arbeit tue ich, niemand kann mir vorwerfen, ich würde mir keine Mühe geben, mich nicht ins Zeug legen, verteidigte er sich, obwohl ihn gar keiner tadelte, nicht einmal die träg auf dem Rasen liegende Katze.

Terpenie lutsche spasenija, sagte Pawel halblaut, so hatten sich die Leute früher getröstet. Geduld ist besser als Erlösung. Wenn man fleißig arbeitete, wurde man von Gott belohnt, am Ende winkten die strahlendste Krone und die göttliche Gnade … Pawel brach mitten in seiner Schlussfolgerung ab, denn ihm kam plötzlich der Verdacht, dass er irgendetwas falsch verstanden oder falsch in Erinnerung hatte. Das Wertvollste müsste doch die Erlösung sein, nicht die Erwartung. Aber mit etwas blendend Weißem, Reinem und Schönem wurde sicher jeder belohnt, der seine Arbeit verrichtete, einigermaßen anständig lebte und sich darauf verließ, dass der Sohn Gottes den Rest erledigte.

An diesen halbfertigen Gedanken beschloss Pawel zu glauben.

Ein Frömmler war er nicht, auch wenn er ein Kreuz um den Hals trug. Er war in der Sowjetzeit aufgewachsen, doch seine Mutter und seine Großmutter hatten auch damals das Kreuzzeichen geschlagen und altslawische Gebete gemurmelt. Und als aus Vereinshäusern und Kinos wieder Gotteshäuser geworden waren, hatte auch Pawel gelernt, sie zu besuchen, hatte dünne Wachskerzen angezündet und mit dem langbärtigen Popen im Wechsel gesungen.

Auch das diesseitige Leben ist gut, dachte Pawel. Am Samstagabend braucht man sich nicht zu sputen, und in unserem Dorf ticken die Wanduhren auch sonst gemächlich.

Dennoch war Pawel unruhig. Sollte er es jetzt erzählen? Xenja würde ihn verstehen, vielleicht würde sie eine Weile schmollen, doch dann würde sie sagen, tu es, Paavo Pawelka, geh nur, wir kommen so lange allein zurecht.

Pawel Wadajew seufzte schwer. Nun habe ich wohl doch beschlossen, zu gehen, überlegte er. Die Katze maunzte, machte einen Buckel und schlug mit dem Schwanz, wollte gestreichelt werden.

2

Tapanila, Helsinki

Als ich aufwachte, war alles still, und ich gab mich der Hoffnung hin, es wäre noch Nacht und ich dürfte weiterschlafen. Ich machte die Augen zu, doch in meinem Kopf rührten sich bereits die Gedanken. Die Armeezeit kam mir in den Sinn. Du schreckst in der Schlafstube auf, begreifst, dass es zu hell ist, und gleich darauf schlurft der Diensthabende über den Flur, reißt die Tür auf und das Gebrüll geht los …

Das Mädchen schrie im Gitterbettchen. Ich sah zu Marja hinüber, aber sie lag auf dem Bauch, alle viere von sich gestreckt, und rührte sich nicht. Sie trug ein T-Shirt und meine Boxershorts und hatte sich die Decke über den Kopf gezogen. Ich stand auf. Der Radiowecker zeigte 6:52.

»Was ist denn?«, sagte ich zu dem Mädchen. Die Kleine hörte mit dem Weinen so plötzlich auf, wie sie angefangen hatte, quiekte noch einmal leise beim Einatmen. Ich hielt ihr den Schnuller hin, doch sie streckte die Arme aus, wollte hochgenommen werden.

»Mach sie sauber und zieh ihr eine neue Windel an. Aber vergiss das Puder nicht. Ihr Po war gestern ziemlich rot«, sagte Marja in meinem Rücken. Sie war leise aufgestanden und stapfte in die Küche.

»Warum bist du nicht im Bett geblieben? Das schaff ich auch allein«, sagte ich und dachte, warum bist du nicht selbst zu der Kleinen gegangen, wenn du doch wach warst.

»Es wird sowieso Zeit, aufzustehen.«

Diese Bemerkung war auf mich gemünzt, das war mir klar.

Ich zog das Wärme ausstrahlende Mädchen aus. Die nasse Windel war so schwer wie ein kleiner Sandsack. Dann drehte ich den Hahn auf und wusch das Mädchen unter der Dusche.

»Wo ist das Handtuch?«

»Wo die Handtücher immer liegen.«

So leise wie möglich öffnete ich die Schranktüren und versuchte zu erraten, welche Tücher für das Geschirr gedacht waren und welche für die Hände, welche für Gäste reserviert waren und mit welchen man sich nur das Gesicht abtrocknete.

Ich setzte das Mädchen auf unser Bett. Da saß es und sah mich ernst an. Es hatte dicke dunkle Haare und dunkle Augen.

Da wächst sie nun wie eine Erbse oder irgendeine andere Schotenfrucht, schießt in die Höhe und entwickelt sich, dachte ich voller Staunen, dieses schelmische Wesen, eine zusammengesetzte Kopie von uns beiden, von Marja und mir. Für eine Frau musste das Mysterium noch unbegreiflicher sein, oder vielleicht doch etwas ganz Natürliches, das Kind war in der Frau gewachsen und schließlich herausgekommen. Der Mann war nur einmal gebraucht worden, fast ein Jahr vorher, vor einer halben Ewigkeit.

Das Mädchen nahm den Schnuller und saugte mit eingezogenen Backen daran.

»Kleiner Kobold«, sagte ich, drückte die Lippen auf ihren Bauch und prustete. Dann streckte ich mich neben dem Mädchen aus.

Ich nannte sie Mädchen, obwohl sie einen schönen Namen hatte, Anna, nach meiner verstorbenen Mutter. Anna war außerdem ein unverfänglicher Name, von dem keiner sagen würde, das ist ja ein urfinnischer Name, oder, was für ein exotischer Name, ist der etwa russisch?

Wir hatten uns nicht einmal darüber gestritten. Annas zweiter Vorname war Helena, nach Marjas Mutter. Ich hatte nichts dazu gesagt, obwohl er mich an Lena erinnerte, ein Mädchen aus meiner Vergangenheit, in der sie auch bleiben sollte, wenn es nach mir ging.

Wir hatten eine Weile darüber diskutiert, ob wir unsere Kinder taufen oder nur standesamtlich registrieren lassen sollten, denn ich gehörte ja keiner Glaubensgemeinschaft an, ich war ein in der Lüge und im Atheismus aufgewachsener Heide. Auch Marja war nicht gläubig, aber sie meinte, es wäre schön, eine Taufe zu feiern, Verwandte, Nachbarn und Freunde einzuladen. Ich erhob keine Einwände, obwohl ich selbst nur meinen Bruder Aleksej und seine kleine Familie einladen konnte. Unter meinen Kollegen und Geschäftspartnern wäre keiner als Pate in Frage gekommen.

Auch über Annas Familiennamen hatten wir uns nicht wirklich gestritten. Ich hatte vorsichtig angedeutet, es wäre mir lieb, wenn unser Kind Kärppä hieße, auch wenn wir nicht verheiratet waren. Marja hätte sicher nicht meinen Namen angenommen, wenn wir geheiratet hätten, vermutete ich, sie war eine moderne Frau.

Die Namensfrage war allmählich zu einem heiklen Thema geworden. Mal waren wir um die Wette konstruktiv und einer Meinung, mal starrten wir stumm auf den Garten. Manchmal hatte ich den Verdacht, dass Marja doch gern Kärppä heißen würde oder zumindest erwartete, dass ich es ihr vorschlug.

Ich wusste, dass ich eingeschlafen war. Zwischendurch schrak ich hoch, doch der Traum schien immer weiterzugehen. Ich hatte viele Kinder und offenbar auch Enkelkinder, aber sie waren alle ein, zwei Jahre alt, gleich groß, alle trugen Strampelhosen, gleichartige, aber in verschiedenen Farben. Kinder krabbelten über den Fußboden und auf den Betten und Sofas. Marja war im selben Zimmer, ein Baby in den Armen, aber dort waren auch Lena aus der Zeit in Sankt Petersburg und andere Frauen, aus Finnland und Russland, oder genauer gesagt, aus der Sowjetunion, auch die Studentin aus Leningrad, mit der ich mich in der Kommunalka hastig gepaart hatte, während die anderen Studenten hinter der dünnen Wand für ihre Prüfungen büffelten und einer von ihnen nur einen Meter von uns entfernt die lateinischen Namen der Knochen und Muskeln des Zwischenfußes aufsagte.

Ich sah auch mich selbst, mit faltenfreiem Gesicht und in dem Adidas-Sportanzug, den ich beim Training in der Jugendnationalmannschaft bekommen hatte. Ich spürte seinen Geruch sogar im Traum. Ein neuer Anzug, aus dickem Material, mit Rippenbündchen an den Ärmeln und einem Schildchen am Nacken, auf dem stand: Made in Germany.

Um halb neun wachte ich erneut auf. Ich trottete in die Küche. Der Kaffee war vom langen Stehen eingedickt, aber ich goss ihn brav in eine Tasse und gab Milch dazu, um den bitteren Geschmack zu mildern.

»Hättest dir besser neuen gekocht.«

Marja sortierte die Wäsche. Sie hatte das Mädchen angezogen und gefüttert, und die Spülmaschine surrte bereits.

»Bei dir ist es gestern … spät geworden.« Marjas Tonfall änderte sich. Die Pause ersetzte das Wort »wieder«.

Das Barometer in meinem Stirnhirn prophezeite auch an diesem Morgen stürmische Verhältnisse. Ich kaute schweigend mein Butterbrot.

»Ich versteh das nicht, Viktor. Wieso halten sich deine Firmen und Geschäfte nicht an die normalen Bürozeiten? Dass du nicht die halbe Nacht wegbleiben musst?«

Marja kam aus dem Hauswirtschaftsraum und strich sich ebenfalls ein Brot.

Ich hatte keine Lust, den Tag mit Nörgeln oder Streiten zu beginnen. Also versuchte ich konstruktiv zu sein und zu erklären, dass man tagsüber baut und manchmal Überstunden macht, um im Zeitplan zu bleiben. Abends muss man mit Kunden verhandeln, Geschäfte abschließen oder auch nur Leute kennen lernen und Kontakte knüpfen. Man muss sich vernetzen, erklärte ich routiniert wie ein Firmenberater.

»Glaubst du etwa, das ist ein Vergnügen? Für einen Mann von meiner Art?«, heischte ich um Sympathie und Anteilnahme. »Ich tue es für uns. Das weißt du doch.«

»Ich will keine Charakteranalyse, sondern eine einfache Antwort auf meine Frage«, fauchte Marja und warf das Buttermesser so schwungvoll auf den Tisch, dass es herunterfiel.

»Schnell, wisch das Fett auf, sonst zieht es in den Klinker …«, wies ich sie an.

»Zum Teufel noch mal, vergiss die blöden Kacheln und bleib beim Thema. Du willst bloß raus hier.«

»Ist dir das Haus etwa auch nicht gut genug? Ich hab verdammt hart geschuftet, damit wir ein Dach über dem Kopf haben und warme Zimmer. Für dich und für Anna.«

»Klar doch, besten Dank auch. Es war doch deine Schuld, dass unser Haus abgebrannt ist. Mir wäre das alte Haus gut genug gewesen.«

Das tat weh, denn es entsprach der Wahrheit. Man hatte versucht mich zu erpressen, ich sollte auf meine Geschäfte verzichten, und als ich mich geweigert hatte, war unser Haus abgebrannt. Ich hatte das Problem beseitigt, hatte dafür gesorgt, dass wir nicht mehr bedroht wurden, hatte sogar ein neues Haus gebaut, doch ich wusste, dass ich nicht alles so wiederherstellen konnte, wie es vorher war.

»Ich muss gehen«, sagte ich.

»Hätte ich mir denken können«, stichelte Marja. »Ich hab heute Abend etwas vor, hoffentlich hast du das nicht vergessen. Du hast versprochen, rechtzeitig zu Hause zu sein.«

»Ja, ja. Wenn ich es nicht schaffe, schicke ich eins von den Mädchen rüber«, versprach ich.

»Soll ich etwa mein Kind deinen Mädchen anvertrauen?«, giftete Marja.

»Na gut, dann schicke ich einen Jungen«, gab ich zurück.

Ich zog mich an, putzte mir die Zähne und versuchte mich zu beruhigen. Dann ging ich hinaus, um Anna über die Wange zu streicheln. Sie lag bäuchlings im Kinderwagen auf der Terrasse und schlief. Auch von Marja verabschiedete ich mich.

»Vielleicht solltest du anfangen, Golf zu spielen, damit du überhaupt nicht mehr zu Hause herumzuhängen brauchst«, war ihre Antwort.

Marja hatte eine spitze Zunge, wenn sie wütend war.

3

Als ich den Rückwärtsgang einlegte, um vom überdachten Stellplatz zu fahren, klopfte jemand ans Seitenfenster. Ich drückte auf den Knopf, das Fenster ging surrend auf, und ein kraushaariger Männerkopf schob sich herein.

»Der riecht ja noch nach Stuttgart. Kein Machorka-Mief in den Bezügen. Warte mal, wie heißt das Zeug, das ihr pafft? Weißmeerkanal oder so?«, frotzelte der Kriminalbeamte Teppo Korhonen.

Ich fuhr die Scheibe wieder hoch. Korhonen zog hastig den Kopf zurück.

»Ich komm lieber raus zu dir, ehe du mir meinen Mercedes verpestest«, sagte ich und stieg aus. »Sie heißen Belomorskaja Kanal. Die Zigaretten. Aber ich bin Nichtraucher. Und in meinem Wagen raucht auch sonst keiner.«

Korhonen hielt den Kopf schief und sah mich an. Ich kannte ihn seit Langem, sogar zu gut. Korhonen war bei der Polizei im BGK-Dezernat für Berufs- und Gewohnheitskriminelle zuständig, vor allem für solche, die Verbindungen nach Estland oder Russland hatten.

»Was willst du?«, fragte ich.

Korhonen verzog den Mund. Er schien es nicht eilig zu haben. Ich hatte ihm gelegentlich geholfen, und im Gegenzug hatte er mir einiges durchgehen lassen, des Öfteren ein Auge zugedrückt und mitunter in die andere Richtung geschaut. Aber ich wusste auch, dass Korhonen unberechenbar war. Manchmal verlor er die Geduld und fing an zu toben, und dann musste man nicht nur die Menschen in seiner Umgebung vor ihm schützen, sondern auch ihn selbst. Ich hatte wenig Lust, auf einen erwachsenen Mann aufzupassen, auf einen Polizisten schon gar nicht.

»Na?«, drängte ich.

»Der liebe Viktor hat sich gar nicht mehr blicken lassen. Hast auch nicht angerufen, ›Teppo, mein Freund, lass uns ein Tässchen Kaffee trinken.‹ Eigentlich wärst du an der Reihe, mir eine Tasse Bohnenkaffee zu spendieren, Viktor. Das heißt, heute trinkt man ja Latte oder Lotte oder wie das Zeug heißt. Zum Mitnehmen, Halterungen für die Becher hat deine Karre bestimmt, gehört doch zur Ausstattung«, legte Korhonen los.

Ich wusste sehr wohl, wofür ich ihm Dank schuldete, und zwar größeren Dank, als mit Kaffee und Kuchen abzugelten war. Korhonen hatte mir geholfen, gegen meinen Willen, aber geholfen hatte er mir, hatte mir sogar das Leben gerettet, als ich herausfinden musste, wer mich und mein Business bedrohte. Im Gegenzug hatte ich allerdings meine Feinde in Korhonens Netz getrieben, denn er hatte etwas vorweisen müssen, wichtige Erkenntnisse, richtige Verbrecher.

»Na, immerhin hab ich dir doch repräsentative Kunden zugeführt«, erinnerte ich ihn.

»Stimmt, stimmt, kein Wort mehr darüber, unter alten Kumpels«, flüsterte Korhonen hastig und begann zu pfeifen. »Ich darf jetzt auch wieder richtig arbeiten, statt Telefonate abzuhören. Und Ypi Parjanne ist auch mitgekommen, den kennst du ja schon.« Korhonen deutete auf den jüngeren Mann, der schweigend hinter meinem Mercedes gewartet hatte.

»Ciao«, nickte ich. Ich erinnerte mich an Parjanne. Er hatte Korhonen früher begleitet und sich bemüht, die Frotzeleien und Schikanen seines älteren Kollegen zu ertragen.

»Guten Tag«, sagte Parjanne sachlich.

Ich wusste, dass er mir etwas Unangenehmes zu sagen hatte, und wartete.

»Besser, im Schatten zu stehen … die Sonne brennt so«, begann Parjanne mit dünnem Lächeln. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann. Graue Jacke, graue Hose, graues Gesicht.

»Ja, es ist heiß und sonnig und trocken«, antwortete ich teilnahmslos, stellte klar, wie langweilig ich die Höflichkeitsfloskeln fand.

»Ypi hat nämlich Angst vor Hautkrebs«, mischte sich Korhonen ein. Er lehnte sich an den Kotflügel, zündete eine Zigarette an und schnippte das Streichholz auf den Rasen.

»Lass den Scheiß«, seufzte Parjanne. In seinen Worten schwang eine leise Drohung mit, vielleicht auch Überdruss oder Enttäuschung: Darüber haben wir doch schon gesprochen.

»Na, du sagst doch selbst immer, wenn es eng wird, probieren wir es mit der Wahrheit. Gerade eben hast du mir einen Vortrag über die Gefahren der ultravioletten Strahlen und den Hauttyp A gehalten. Fang nicht an, den Chef rauszukehren, Bubi«, erregte sich Korhonen wie ein Pubertierender, der in den Worten seiner Eltern einen moralischen Widerspruch entdeckt hat. Ich hatte den Verdacht, dass er eine Show abzog.

»Hör auf, Terho«, gab Parjanne zurück und erzielte damit einen Punkt. Korhonen mochte seinen Taufnamen nicht, er wollte Korhonen genannt werden oder allenfalls Teppo.

»Ich rede jetzt ganz offen, unter alten Bekannten«, wandte Parjanne sich schließlich an mich.

In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken. Die Gefahr, verscheißert zu werden, ist dann am größten, wenn der Andere einem in die Augen sieht und seine Aufrichtigkeit beteuert. Allerdings konnte ich mir Parjanne nicht als Betrüger vorstellen. Meines Wissens war er ein ehrlicher Polizist, der sich ernsthaft und unbeirrbar abrackerte.

»Ich leite jetzt unsere Einheit, oder unser kleines Team. Korhonen und ein paar andere gehören dazu. Wir haben auch bei uns in der BGK-Abteilung die Organisationsstruktur ein wenig umgestaltet.«

Parjanne bemühte sich, bescheiden zu wirken, aber er hatte bestimmt selbst an diesen Besprechungen teilgenommen, Vierecke und Matrizen gezeichnet, von Synergien und Effektivierung und Kernkompetenz geredet.

»Wir konzentrieren uns auf Wirtschaftskriminalität, speziell auf den Arbeitsmarkt. Also auf Schwarzarbeiter, Leiharbeiter, ausländische Saisonkräfte, Menschenhandel …«, erklärte Parjanne. »Dieser Bereich ist im Ministerium und auf sämtlichen Ebenen der Polizeiverwaltung als besonders wichtig eingestuft worden«, begeisterte er sich, verstummte jedoch, als er merkte, dass ich ihn ausdruckslos ansah.

Genauer gesagt, blickte ich ein wenig an ihm vorbei und über ihn hinweg, sodass er keinen Blickkontakt herstellen konnte. Ich wollte ihm nicht helfen oder entgegenkommen. Es dauerte eine Minute, bevor Parjanne nervös wurde. Eine lange Zeit, wenn man still dasteht und ins Leere starrt.

»Das ist also zum Schwerpunkt erklärt worden … und den nehmen wir ernst. Wenn jemand in Finnland oder in der EU arbeitet, müssen die Löhne und sonstigen Arbeitsbedingungen dem ortsüblichen Standard entsprechen, egal, woher die Arbeitskräfte kommen. Missbrauch wird ausgemerzt. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, aber auf lange Sicht geht es auch um den gesunden Wettbewerb … die Arbeitgeberseite macht ebenfalls mit«, erklärte Parjanne und entfernte sich immer weiter von seinem Pfad.

Ich schnaubte so leise, dass er meine Geringschätzung eher ahnen als hören konnte. Ich hätte ihm sagen können, dass auch ich einiges darüber wusste, über das Leben als Schwarzarbeiter, über echte Scheißjobs, bei denen man nur ein einziges Recht hatte, nämlich zu malochen, und obendrein dankbar sein musste, weil einem dieses Glück widerfahren war.

Ich hätte auch fragen können, warum man sich erst dann für dieses Elend interessierte, wenn es sichtbar war, näher rückte und den finnischen Arbeitern gefährlich wurde. Dass anderswo in der Welt Menschen für einen Hungerlohn arbeiteten, regte keinen auf. Solange die Arbeit nicht in Finnland getan wurde, fragte niemand, ob ausreichende Ruhepausen vorgesehen waren, ob die Arbeiter auch wirklich Schutzschuhe trugen und ob die Patrone im Atemschutzgerät regelmäßig ausgewechselt wurde.

Doch ich schwieg. Mir war nicht klar, was Parjanne eigentlich von mir wollte. Er stand in der Polizeihierarchie so weit unten, dass es unsinnig war, ihm die Schuld an globalen Ungerechtigkeiten zuzuschieben. Und ich selbst hatte längst beschlossen, dass meine Moral und meine Verantwortung ungefähr so weit reichten, wie ich sehen, hören und fühlen konnte. Schon auf diesem kleinen Feld gab es genug zu ackern.

»Die Sache ist die, dass wir uns auf Wirtschaftskriminalität konzentrieren. Und Schwarzarbeit gehört dazu wie das Tattoo auf der Schulter eines Motorradgangsters«, übersetzte Korhonen Parjannes Sermon in Umgangssprache. »Wenn man ein bisschen stöbert, findet man fast immer Handel mit Quittungen und Steuerhinterziehung, Bankrottdelikte und Konkursbetrug und ähnliche nette Kleinigkeiten.«

Korhonen öffnete die obersten Knöpfe an seinem Leinenhemd und ließ sich die Sonne auf die Brust scheinen. Er war älter als ich, kleidete sich aber modisch und jugendlich. Diesmal trug er eine weite Hose und weiche Schuhe, das Hemd hing über die Hose.

»Und jetzt möchte mein Vorgesetzter Ypi, dass wir einen kleinen Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe schließen. Warenaustausch auf bilateraler Ebene, ein Clearing-Konto für die Devisen und Verpachtung des Saimaa-Kanals für tausendzwanzig Jahre«, fügte Korhonen hinzu. Er schloss die Augen und tat, als ob er sich auf das Sonnenbad konzentrierte. »Das waren wohl die wesentlichen Punkte, das Communiqué kann gedruckt werden«, meinte er abschließend.

Ich trat ein paar Schritte auf Parjanne zu. Ich kam ihm ein wenig zu nahe, drang absichtlich in sein Revier ein und versuchte die Oberhand zu gewinnen. Allerdings war er doch so groß, dass ich ihm nicht von oben herab in die Augen blicken konnte.

Parjanne ließ sich von meinen Tricks nicht beirren. Als läse er von einem Notizblock ab, zählte er auf, welche Lohnnebenkosten ich noch nicht bezahlt und wie viel Mehrwertsteuer noch nicht entrichtet hatte. Dem könne man einige frühere kleine Verstöße hinzufügen, vielleicht die Buchführung prüfen und dem Finanzamt einen dezenten Hinweis auf seltsame Quittungen geben und auf Überweisungen von einer Firma zur anderen und wieder zurück. Nach und nach käme genug zusammen, um vor Gericht zu gehen. Eine Menge Ärger und Unannehmlichkeiten, stundenlange Gerichtsverhandlungen … Das Ergebnis wären letzten Endes sechs Ordner voll Ermittlungsmaterial, eine kleine Geldstrafe und ein Geschäftsbetriebsverbot, fasste Parjanne gleichmütig zusammen, ohne mir weiter zu drohen.

»Ich glaube nicht, dass wir eine Haftstrafe erreichen würden, nicht einmal auf Bewährung, aber viel Ärger können wir dir schon bereiten. Und ich würde dir diesen Vorschlag auch gar nicht machen, wenn du ein schlimmer Verbrecher wärst.« Parjanne ließ Gnade walten. »Wir möchten lediglich, dass du Augen und Ohren offen hältst und uns sagst, wo auffällige Arbeitskräfte eingesetzt werden. Du verstehst schon.«

»Würdest du bitte den Weg freigeben, Yrjö? Ich muss zur Halle«, sagte ich.

Parjanne sah mich gelassen an, lächelte dünn, drehte sich um und ging. Ich wusste, dass jeder Versuch, ihn einzuschüchtern oder zu erpressen, sinnlos war. Parjanne war allenfalls süchtig nach Tee, sein einziges Glücksspiel war Lotto und die sonstigen Perversionen beschränkten sich auf ein Pornoheft, in dem er als Halbwüchsiger mal geblättert hatte.

Korhonen knöpfte sein Hemd zu, allerdings nicht bis zum Hals, und folgte Parjanne. Dabei fuchtelte er mit den Armen und ahmte den gleichmäßigen Gang seines Chefs nach.

»Er heißt nicht Yrjö. Es gibt einen alten Schauspieler namens Yrjö Parjanne, das hat uns auf die Idee gebracht, ihm den Spitznamen Yrjö zu verpassen. Oder Ypi oder Ykä. Eigentlich heißt er Jorma«, erklärte Korhonen mir zischelnd.

»Verdammt noch mal, Korhonen«, brummte Parjanne, ohne sich umzudrehen.

»Ja, ja, ich komm ja schon, meine Lippen sind versiegelt.« Korhonen quasselte immer noch, als die beiden in ihren Wagen stiegen. Ich wartete, während sie zurücksetzten und auf die Straße bogen, sah ihnen noch eine Weile nach.

»Komm raus, Frolow. Ich hab dich längst entdeckt«, sagte ich zu dem Mann, der hinter meinem Stellplatz stand.

4

Maxim Semjonowitsch Frolow ließ sich auf der Sonnenliege auf meiner Terrasse nieder und trommelte mit dem Finger auf die Lehne. Auch er schien es nicht eilig zu haben. Wenn das so weiterging, würde ich frühestens gegen Mittag zur Arbeit kommen. Sollte ich Marja damit überraschen, dass ich diesmal zum Mittagessen zu Hause blieb? Vielleicht würde sie sich darüber freuen, andererseits bestand die Gefahr, dass ich ihre Pläne hinsichtlich Babyturnen und Peer-group-Treffen am Sandkasten durcheinanderbrachte.

»Wer waren die beiden?«, begann Frolow das Gespräch. Er war groß und hager und hatte die rötlichen langen Haare im Nacken zusammengebunden. Auf seinem blassen Gesicht schimmerten Sommersprossen, das Einzige an ihm, was sonnig oder freundlich war.

Ich lächelte, denn Frolow hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit dem boshaften Jurymitglied beim Superstar-Wettbewerb, der falsch singende junge Leute gnadenlos mit Spott übergoss. Beinahe hätte ich laut aufgelacht, als mir klar wurde, dass er auch mit meinem Klassenkameraden Jurij aus der Elementarschule einiges gemeinsam hatte. Allerdings hatte Jurij millimeterkurze Haare und eine ständig laufende Nase gehabt. Er hatte kleinere Mitschüler gepiesackt, mit dem Recht des Stärkeren und geschützt durch die allgemein bekannte Tatsache, dass sein Vater Kandidat der KPdSU war und die ganze Familie aus einigermaßen wichtigen Persönlichkeiten bestand.

Als Frolow mich misstrauisch ansah, setzte ich eine ausdruckslose Miene auf. Ich mochte Maxim Frolow nicht unbedingt, aber ich machte Geschäfte mit ihm.

»Vitjuha, ich habe dich etwas gefragt.« Frolow richtete sich auf, wies mich damit auf mein unhöfliches Schweigen hin und darauf, dass ich ihn nicht ins Haus gebeten und ihm nicht einmal eine Tasse Tee offeriert hatte.

»Möchtest du etwas trinken, Maxja? Kaffee, Bier … ich habe auch einen guten Wodka, Standart Platinum«, bot ich an, machte aber keine Anstalten, aufzustehen.

»Mach dir keine Umstände«, quittierte Frolow die Höflichkeiten, gleichmütig wie eine Kassiererin, die nach der Bonuskarte fragt.

»Die Kerle?«, fragte er erneut.

»Polizisten. Sie haben mich nach Schwarzarbeitern gefragt«, erwiderte ich offen.

Frolow blinzelte zweimal. Er war nicht erschüttert oder erschrocken, sondern lediglich überrascht, und selbst diese Gemütsbewegung legte sich innerhalb einer Zehntelsekunde.

»Und was hast du geantwortet?«, fragte er, den Blick auf mich geheftet.

»Ich habe sie gefragt, ob das Leute sind, die nachts arbeiten, mit einer Stirnlampe und so. Oder Leute, die nicht ganz helle sind.«

Marja kam aus dem Haus, den Wäschekorb auf der Hüfte. Sie blieb stehen und sah uns zornig an, stellte den Korb auf der Terrasse ab, ging wieder hinein und knallte die Tür zu, dass die Fensterscheiben klirrten.

»Der Familie geht es gut?«, erkundigte sich Frolow so sachlich, dass es kaum ernst gemeint sein konnte. »Und dem Kleinen, es ist doch ein Junge, oder?«

»Ein Mädchen.«

»Ach ja.« Frolow saugte an seiner Lippe. »Na, wo wir gerade beim Thema sind … brauchst du Leute? Ich kann dir auf die Schnelle ein halbes Dutzend kräftige Männer für jeden beliebigen Job besorgen. Sie haben Arbeitsgenehmigungen für Tischlerarbeiten auf der Werft, aber ich habe sie auf Baustellen eingesetzt. Zuverlässige, starke Burschen«, pries er seine Ware an.

»Im Moment nicht. Die Geschäfte gehen ziemlich schlecht.«

»Aha, aha«, nickte Frolow. »Ich hoffe, du meinst, was du sagst. Unsere gemeinsamen Freunde sind der Meinung, dass du meine Männer einsetzen solltest, statt dir eigene Leute von anderswo zu holen oder Finnen einzustellen.«

»Nein. Das heißt ja. Ich meine, was ich sage. Momentan gehen die Geschäfte einfach schlecht.«

Frolow sah mich immer noch ausdruckslos an.

»Dass du mir die Sache nicht … in die lange Kiste schiebst«, wandelte er eine alte Redensart ab, die besagte, dass unangenehme Pflichten, die man auf später verschob, oft in Vergessenheit gerieten und nie erledigt wurden, denn in der Ewigkeit gab es viel Zeit.

»Sei unbesorgt. Wir setzen die Dinge in Gang, lassen die Räder rollen. Skoro«, zahlte ich ihm in gleicher Münze heim. Skoro bedeutete bald, und konnte alles meinen, in ein paar Tagen oder in vielen Jahren.

Maxim Frolow stand auf und streckte seine langen dünnen Glieder.

»Eigentlich bin ich vorbeigekommen, um dir zu sagen, dass in Punavuori ein Waschbecken verstopft ist. Und der Abfluss an der Dusche soll auch stinken. Schickst du jemanden hin? Es geht um die Wohnung im Erdgeschoss.«

»Wird erledigt«, versprach ich, in einem Tonfall, der besagte, vielleicht ja, vielleicht auch nicht, das hängt von den sonstigen Aufträgen, von der Stellung des Mondes und den Bläschen auf dem Tee ab. Es gefiel mir nicht, dass man mich springen ließ wie einen Klempner.

»Und muss ich mir wegen diesen Polizisten Sorgen machen? Oder aus irgendeinem anderen Grund?«

Ich schüttelte den Kopf.

Frolow lächelte, nickte und ging. Er wusste, dass ich ihn nicht mochte. Aber er wusste auch, dass es bei unseren Geschäftsbeziehungen nicht um Freundschaft ging. Maxim rechnete sich aus, dass er mir vertrauen oder sich zumindest darauf verlassen konnte, dass ich ihn nicht an die Polizei verraten würde.

Das war in dem Land, aus dem wir kamen, nicht üblich gewesen. Es sei denn, man versprach sich einen Nutzen davon.

5

Fernstraße 75, zwischen Kuhmo und Nurmes

Pawel Wadajew war müde, aber irgendwie feierlich gestimmt.

Das Fahrzeug war nicht besonders erhebend. Der alte Audi war schmutzig und müffelte, und bei größeren Senken auf der mit Ölsplitt belegten Straße gab seine Federung nach. Den Straßenrand säumte niedriges, mickriges nordfinnisches Gestrüpp.

Und dennoch, Pawel war aufgeregt und genoss die mannhafte Fahrt.

Er war in Porajärvi in den Frühzug gestiegen, durch stille Ödwälder und als perspektivlos deklarierte Dörfer gefahren, in Lietmajärvi umgestiegen und schließlich in der nach Eisenpellets riechenden Stadt Kostamus angekommen.

Die südliche Route wäre kürzer gewesen, aber Andrej Gawrilow hatte die nördliche gewählt und Pawel eingeschärft, unbedingt pünktlich am Treffpunkt zu sein. Andrej selbst würde ihn dort abholen, vor dem Einkaufszentrum, bei dem roten Kiosk.

Der dunkelblaue Audi war mit nur zehn Minuten Verspätung vorgefahren, und Pawel hatte seine Reisetasche in den Kofferraum gestopft und sich auf den Sitz hinter Andrej gezwängt, neben einen großen Mann mit schwarzen Augenbrauen. Auf dem Beifahrersitz saß ein dritter, etwas älterer Mann, der einzige, der Pawel kurz begrüßt hatte.

Pawel war schon mehrmals in Finnland gewesen, in Kuhmo und Kajaani, manchmal sogar zwei Wochen hintereinander als Beerenpflücker, aber weiter in den Süden war er nie gekommen.

Helsinki klang beeindruckend, allerdings war die Baustelle wohl in der Nachbarstadt, in Vantaa. Sie hatten zu Hause versucht, die Ortschaften auf der Karte zu lokalisieren, Pawel, Xenja und sogar der kleine Serjoscha. Zuerst hatten die Eltern den Jungen weggescheucht, er solle die Erwachsenen nicht stören, aber dann hatten sie ihm doch erlaubt, am Tisch zu bleiben und zuzuhören, während die Eltern die Sache beredeten und sich schon im Voraus über das Geld freuten und über all das, was man damit kaufen konnte.

Und jetzt bin ich weit weg von den beiden, hätte Pawel beinahe laut geseufzt, doch der finstere Blick seines Nachbarn auf der Rückbank ließ ihn schweigen.

Der andere Mann hatte sicher keine langen Unterhosen und Wollsocken in seinem Koffer, wie Xenja sie eingepackt hatte, obwohl Pawel protestiert hatte, es sei doch Sommer. Für alle Fälle, hatte Xenja gesagt, und Pawel wusste, dass seine Frau oft recht hatte.

Bei diesem Einsatz werde ich alles geben, schwor sich Pawel. Ich habe ja schon auf Großbaustellen gearbeitet, sogar in Murmansk, allerdings musste ich da vorzeitig aufhören, wegen der Augenentzündung, wahrscheinlich haben der Schmutz und der Frost die Augen gereizt, wer weiß das schon so genau.

An der Grenze war es Pawel ein wenig mulmig geworden, obwohl alle Papiere in Ordnung waren. Das hatte Andrejka jedenfalls versichert, und der hatte schon öfter solche Arbeitstrupps und Reisen organisiert. Aber die Grenze war und blieb die Grenze, in der alten Zeit hatte man sich nicht einmal vorstellen können, dorthin zu fahren oder sie gar zu überqueren. Jetzt hatten die russischen Grenzschützer die Pässe und die Visa nur flüchtig angesehen und den Wagen durchgewinkt. Der junge Mann in grüner Uniform auf der finnischen Seite war immerhin genau gewesen. Er hatte Pawels Gesicht gemustert, ernst und konzentriert, hatte die Seiten des Passes unter irgendeiner speziellen Lampe an seinem Schalter betrachtet und zum Schluss nur genickt, sein bitte sehr, pozaluista, verschluckt.

Andrej hielt an einem Rastplatz, und die Männer gingen pinkeln. Pawel hätte sich gern nach der Baustelle erkundigt, hielt aber den Mund, weil auch seine Reisegefährten schwiegen. Andrej hatte anfangs vom Bau eines Einfamilienhauses gesprochen, aber auch andere Aufträge erwähnt. Genug Arbeit für einen Monat, und da sie sechs lange Tage pro Woche arbeiten sollten, würden sie mehr Geld verdienen als zu Hause in einem ganzen Jahr.

Pawel waren Bedenken gekommen, als Andrej ihre Pässe eingesammelt hatte. Ihr bekommt dann Baustellenausweise mit eurem Bild und finnischem Namen, hatte Andrej erklärt, das macht es leichter, in jeder Hinsicht.

»Und du bist jetzt Paavo Vatanen«, hatte Andrej zu Pawel gesagt und ihm aufgetragen, das Reden zu übernehmen, da die anderen Männer kein Finnisch konnten.

Na, mir ist alles recht, und den Namen kenne ich, klingt fast wie mein eigener, dachte Pawel selbstsicher und demütig zugleich, fragte sich jedoch, ob er nicht doch hätte sagen sollen, dass er an seinen Finnischkenntnissen zweifelte.

Es wird schon alles gut gehen, sprach er sich Mut zu, um die Unruhe zu vertreiben, die ihn beschlich. Andrej ist ein alter Bekannter. Und in Finnland habe ich Verwandte, an die ich mich wenden kann. Xenjas Verwandte.

Kein Grund zur Sorge.

6

Stadtteil Punavuori, Helsinki

Die Tür hatte ein Teakfurnier und auf dem Schild stand HARTIKAI EN. Die Mieter hatten sich nicht über den fehlenden Buchstaben beschwert, denn sie hatten ganz andere Namen, die normalerweise mit kyrillischen Buchstaben geschrieben wurden. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich in meiner Halle irgendwo eine Tüte mit kleinen weißen Buchstaben hatte. Also konnte ich das fehlende N selbst anbringen. Den Immobilienservice wollte ich nicht in diese Wohnungen lassen.

Ich besaß in der Punavuorenkatu 21 zwei Dreizimmerwohnungen, in übereinanderliegenden Stockwerken im selben Treppenaufgang an der Giebelseite des Hauses. Es war ratsam, die Anzahl neugierig lauschender Nachbarn möglichst gering zu halten, so viel hatte ich gelernt.

Die Wohnungen waren mir bei einer komplizierten Umstrukturierungsmaßnahme zugefallen. Ich selbst war der Meinung, dass ich sie von meinem ehemaligen Arbeitgeber geerbt hatte, zog es allerdings vor, mich nicht daran zu erinnern, wie mein Boss ums Leben ...

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