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Engelsstimme

Über den Autor

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute lebt er als freier Autor in Reykjavik und veröffentlicht mit sensationellem Erfolg seine Romane. Seine Krimis belegen seit Jahren die oberen Ränge der Bestsellerlisten auf Island, und das in einem Land, in dem es nur drei Mordfälle pro Jahr gibt. NORDERMOOR (Bastei Lübbe Taschenbuch 14857) und TODESHAUCH (Bastei Lübbe Taschenbuch 15103) wurden beide mit dem begehrten »Nordic Crime Novel’s Award« ausgezeichnet, ein einmaliger Erfolg in der Geschichte des renommierten Krimipreises. Auch GLETSCHERGRAB (Bastei Lübbe Taschenbuch 15262), TÖDLICHE INTRIGE (Bastei Lübbe Taschenbuch 15338), MENSCHENSÖHNE (editionLübbe 1556) und der hier im Taschenbuch vorliegende Titel ENGELSSTIMME haben begeisterte Kritiken erhalten. Der Autor hat sich damit endgültig in die erste Liga der Kriminalschriftsteller eingereiht.

ARNALDUR
INDRIÐASON

ENGELSSTIMME

ISLAND KRIMI

Aus dem Isländischen von
Coletta Bürling

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorbemerkung:

In Island duzt heutzutage jeder jeden. Man redet sich nur mit dem Vornamen an. Dies wurde bei der Übersetzung beibehalten.

Namen, Personen und Begebenheiten in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Weh mir, wo nehm ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Aus HÄLFTE DES LEBENS von Friedrich Hölderlin

Endlich war der Augenblick gekommen. Der Vorhang ging hoch, der Saal lag vor ihm. Es war ein wunderbares Gefühl, von all diesen Leuten angeblickt zu werden, und seine Schüchternheit verflog im Nu. Er sah einige seiner Schulkameraden und Lehrer, und sogar der Rektor war anwesend, der ihm wohlwollend zuzunicken schien. Aber sonst kannte er nur wenige. All diese Leute hatten sich eingefunden, um ihn zu hören, seine schöne Stimme zu hören, die auch im Ausland bereits Aufsehen erregt hatte.

Das Summen im Saal verstummte allmählich, und aller Augen waren in schweigender Erwartung auf ihn gerichtet. Er sah seinen Vater in der Mitte der ersten Reihe mit übereinander geschlagenen Beinen sitzen, sah seine dicke, schwarze Hornbrille und auf dem Knie den Hut liegen. Er sah, dass er das Opernglas auf ihn gerichtet hatte und ihm aufmunternd zulächelte, das hier war für sie beide die große Stunde in ihrem Leben. Von jetzt an würde nichts mehr so sein wie früher.

Der Chordirigent hob die Hände. Schweigen senkte sich über den Saal.

Und er begann zu singen, mit dieser reinen, schönen Stimme, von der sein Vater sagte, es sei eine Engelsstimme.

Erster Tag

Eins

Elínborg wartete im Hotel auf sie.

Ein großer Weihnachtsbaum stand im Foyer, und die Halle war mit Tannenzweigen und glitzernden Kugeln weihnachtlich geschmückt. Holder Knabe im lockigen Haar erklang aus einer unsichtbaren Lautsprecheranlage. Große Reisebusse standen vor dem Eingang, und die Menschen strömten in die Rezeption. Ausländer, die Weihnachten und Neujahr in Island verbringen wollten, weil in ihren Augen Island Abenteuer und Spannung versprach. Sie waren gerade erst gelandet, aber trotzdem hatten sich einige bereits die typischen Islandpullover gekauft. Man trug sich eifrig als Gast in diesem fremden Winterland ein. Erlendur klopfte sich den nassen Schnee vom Mantel. Sigurður Óli ließ die Blicke über das Foyer schweifen und entdeckte Elínborg bei den Aufzügen. Er stieß Erlendur an, und sie gingen zu ihr hinüber. Sie hatte den Schauplatz bereits in Augenschein genommen. Die Polizisten, die zuerst eingetroffen waren, hatten dafür gesorgt, dass nichts angerührt wurde.

Der Hotelmanager bat händeringend darum, nicht überzureagieren. Das Wort hatte er verwendet, als er anrief. Dies war ein Hotel, und Hotels lebten von ihrer Reputation, und er bat sie, Rücksicht darauf zu nehmen. Deswegen gab es draußen keine Sirenen, und es gab auch keine uniformierten Polizisten, die durch die Halle stürmten und Leute anrempelten. Der Hotelmanager erklärte, dass die Gäste des Hotels unter gar keinen Umständen in irgendeiner Weise beunruhigt werden dürften.

Island durfte nicht zu spannend und abenteuerlich sein.

Jetzt stand der Hotelmanager an der Seite von Elínborg und gab Erlendur und Sigurður Óli die Hand. Der Mann war so fett, dass er kaum in seinen Anzug passte. Das Jackett war über dem Bauch mit einem Knopf zugeknöpft, der sicher nicht mehr lange halten würde. Der Hosenbund verschwand unter dem enormen Bauch, der aus dem Jackett quoll, und der Mann schwitzte so stark, dass er das große, weiße Taschentuch, mit dem er sich in regelmäßigen Abständen Stirn und Nacken abwischte, kaum wegstecken konnte. Der weiße Hemdkragen war schon schweißnass. Erlendur drückte seine feuchte Hand.

»Vielen Dank«, erklärte der Hotelmanager und blies vor lauter Besorgnis wie ein Wal. Er hatte das Hotel fast zwanzig Jahre lang geleitet, aber so etwas war ihm noch nie untergekommen.

»Und das mitten im Weihnachtsbetrieb«, stöhnte er. »Ich begreife nicht, wie so etwas passieren kann. Wie kann so etwas passieren?«, wiederholte er, und ihnen entging nicht, dass ihn die Situation völlig überforderte.

»Ist er unten oder oben?«, fragte Erlendur.

»Unten oder oben?«, schnaufte der fette Hotelmanager. »Meinst du etwa, ob er zum Himmel gefahren ist?«

»Tja«, sagte Erlendur. »Das müssen wir wohl unbedingt in Erfahrung bringen.«

»Nehmen wir den Aufzug nach oben?«, fragte Sigurður Óli.

»Nein«, erwiderte der Hotelmanager, der sich auf den Arm genommen fühlte und Erlendur anstarrte. »Er ist hier unten im Keller. Hat da ein kleines Zimmer. Wir haben ihn nicht rauswerfen mögen. Und das ist dann der Dank dafür.«

»Warum wolltet ihr ihn denn rauswerfen?«, fragte Elínborg.

Der Hotelmanager sah sie an, ohne zu antworten.

Sie begaben sich langsam auf der Treppe neben dem Aufzug nach unten. Der Hotelmanager ging voran. Sogar treppabwärts waren die Stufen eine Anstrengung für ihn, und Erlendur überlegte, wie er da wohl wieder hochkommen würde.

Sie hatten sich damit einverstanden erklärt, möglichst rücksichtsvoll vorzugehen, nur Erlendur hatte nichts gesagt. Sie wollten wenigstens versuchen, so diskret wie möglich zu arbeiten. Drei Polizeiautos und ein Krankenwagen standen hinter dem Hotel. Polizei und Krankenwagenbesatzung waren zum Hintereingang hereingekommen. Der Amtsarzt war unterwegs. Er würde den Totenschein ausstellen und den Leichenwagen anfordern.

Sie gingen einen langen Gang entlang, Schritt für Schritt hinter dem schnaufenden Wal her. Uniformierte Polizisten grüßten sie. Je weiter sie nach hinten kamen, desto dunkler wurde der Gang, weil die Birnen an der Decke den Geist aufgegeben hatten und sich offenbar niemand die Mühe gemacht hatte, sie auszuwechseln. Schließlich kamen sie in der Finsternis an eine Tür, die halb offen stand und den Blick in einen kleinen Raum freigab. Der glich eher einer Abstellkammer als einer menschlichen Behausung, aber enthielt immerhin ein schmales Bett und einen kleinen Schreibtisch. Auf den dreckigen Fliesen lag ein abgewetzter Bettvorleger, oben, knapp unterhalb der Decke, war ein kleines Fenster.

Der Mann saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt im Bett. Er trug ein knallrotes Weihnachtsmannkostüm mit entsprechender Mütze, die ihm ins Gesicht gerutscht war. Der weiße Weihnachtsmann-Rauschebart verdeckte den Rest des Gesichts. Die Schnalle des breiten Gürtels war über dem Bauch gelöst worden, und die Jacke war aufgeknöpft. Darunter trug er nichts weiter als ein weißes Unterhemd. Über dem Herzen war eine tödliche Stichwunde. Am Bauch waren noch weitere Verletzungen, aber der Stich ins Herz war der tödliche gewesen. Seine Hände wiesen ebenfalls Stichwunden auf, als hätte er versucht, den Angriff abzuwehren.

Die Hosen waren heruntergelassen. An seinem Glied hing ein Kondom.

»Morgen kommt der Weihnachtsmann«, trällerte Sigurður Óli und schaute auf die Leiche hinunter.

Elínborg brachte ihn mit einem »Psst» zum Schweigen.

Im Zimmer gab es noch einen kleinen Kleiderschrank. Der stand offen, und man sah zusammengefaltete Hosen und Pullover, gebügelte Hemden und Socken. Die Livree hing auf einem Bügel, dunkelblau mit goldenen Epauletten und glänzenden Messingknöpfen. Neben dem Schrank standen blank geputzte Lederschuhe.

Zeitungen und Zeitschriften stapelten sich auf dem Fußboden. Neben dem schmalen Bett stand ein Nachttisch mit einer Lampe. Auf dem Nachttisch lag ein Buch: A History of the Vienna Boys’ Choir.

»Hat dieser Mann hier gewohnt?«, fragte Erlendur und blickte sich um. Elínborg und er hatten sich in das Zimmer hineingezwängt, Sigurður Óli und der Hotelmanager standen draußen. Für alle war drinnen kein Platz.

»Wir haben ihm gestattet, sich hier einzurichten«, sagte der Hotelmanager verlegen und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. »Er arbeitete schon seit langem bei uns, war schon da, als ich kam. Er war Portier.«

»Stand die Tür offen, als man ihn gefunden hat?«, fragte Sigurður Óli und versuchte amtlich zu klingen, um den Ausrutscher von vorhin wieder wettzumachen.

»Ich habe sie gebeten, auf euch zu warten«, erklärte der Hotelmanager. »Das Mädchen, das ihn gefunden hat. Sie ist in der Kantine für die Hotelangestellten. Das arme Ding steht unter Schock, das könnt ihr euch sicher vorstellen.« Der Hotelmanager vermied es, in das Zimmer zu blicken. Erlendur trat zu der Leiche und untersuchte die Herzwunde. Er konnte sich nicht vorstellen, mit was für einem Messer der Mann getötet worden war. Er blickte hoch. Über dem Bett hing ein altes, vergilbtes Kinoplakat mit Shirley Temple, das an den Ecken mit Tesafilm angeklebt worden war. Erlendur kannte den Film nicht. Er hieß The Little Princess. Das Plakat war der einzige Schmuck, den es im Zimmer gab.

»Wer ist denn das?«, fragte Sigurður Óli, der an der Tür stand und das Plakat betrachtete.

»Das steht doch da«, sagte Erlendur. »Shirley Temple.«

»Wer war das noch? Lebt sie noch?«

»Wer war Shirley Temple?«, wiederholte Elínborg. »Weißt du wirklich nicht, wer sie war? Du hast doch angeblich in Amerika studiert.«

»War sie ein Hollywoodstar?«, fragte Sigurður Óli und schaute immer noch auf das Plakat.

»Sie war ein Kinderstar«, sagte Erlendur mürrisch. »So gesehen ist sie also schon lange tot, ob sie nun noch am Leben ist oder nicht.«

»Aha«, gab Sigurður Óli von sich, der mit dem Gesagten rein gar nichts anzufangen wusste.

»Ein Kinderstar«, sagte Elínborg. »Wenn ich mich nicht täusche, lebt sie noch. Ich erinnere mich nicht so genau. Ich glaube, sie arbeitet im Auftrag der Vereinten Nationen.«

Erlendur fiel auf, dass es keine weiteren persönlichen Gegenstände in dem Zimmer gab. Er sah sich um, nirgends ein Buchregal oder CDs, kein Computer, kein Radio und kein Fernseher. Nur ein Schreibtisch, ein Stuhl neben dem Bett und eben das Bett mit einem zerwühlten Kopfkissen und einem schmutzigen Bettbezug. Der winzige Raum erinnerte ihn an eine Gefängniszelle.

Er trat auf den Gang hinaus und spähte in die Dunkelheit. Er glaubte, einen schwachen Rauchgeruch wahrzunehmen, so als hätte jemand mit Streichhölzern herumhantiert, um sich Licht zu verschaffen.

»Was gibt es da hinten sonst noch?«, wandte er sich an den Hotelmanager.

»Nichts«, erwiderte der und schaute zur Decke. »Nur das Ende des Gangs. Da fehlen ein paar Birnen, ich lass das in Ordnung bringen.«

»Wie lange hat der Mann hier gelebt?«, fragte Erlendur und ging in das Zimmer zurück.

»Ich weiß es nicht, das war vor meiner Zeit.«

»War er schon hier, als du Hotelmanager wurdest?«

»Ja.«

»Willst du mir damit sagen, dass er in diesem Kabuff mehr als zwanzig Jahre gelebt hat?«

»Ja.«

Elínborg betrachtete das Kondom.

»Auf jeden Fall hat er sich an Safersex gehalten«, erklärte sie.

»Nicht safe genug«, meinte Sigurður Óli.

In diesem Augenblick erschien der Amtsarzt im Gefolge eines Hotelangestellten, der sofort wieder Richtung Treppe verschwand. Der Arzt war ziemlich korpulent, konnte es aber keinesfalls mit dem Hotelmanager aufnehmen. Als er sich in das Zimmer zwängte, wurde es Elínborg zu eng und sie schlüpfte rasch hinaus.

»Hallo Erlendur«, sagte der Amtsarzt.

»Na, was meinst du dazu?«, fragte Erlendur.

»Herzstillstand? Aber ich muss mir das noch näher anschauen«, erklärte der Amtsarzt, der für seinen merkwürdigen Humor bekannt war.

Erlendur schaute Elínborg und Sigurður Óli an, die breit grinsten.

»Hast du eine Ahnung, wann das passiert sein könnte?«, fragte Erlendur.

»Lange kann es nicht her sein. Irgendwann in den letzten zwei Stunden. Er ist noch warm. Was ist mit den Rentieren, habt ihr die auch gefunden?«

Erlendur stöhnte.

Der Amtsarzt nahm die eine Hand von der Leiche.

»Ich stelle euch den Wisch aus«, sagte der Arzt. »Ihr schickt ihn dann ins Leichenschauhaus, und die öffnen ihn da. Ich habe gehört, dass ein Orgasmus Ähnlichkeit mit dem Sterben haben soll«, fügte er hinzu und schaute auf die Leiche herunter. »Er hat’s also doppelt bekommen.«

»Doppelt bekommen?« Erlendur begriff ihn nicht.

»Einen doppelten Orgasmus«, sagte der Arzt. »Ihr fotografiert das alles, nicht wahr?«

»Natürlich«, sagte Erlendur.

»Die Fotos werden sich prima in seinem Familienalbum machen.«

»Ich habe nicht den Eindruck, dass er Familie hat«, entgegnete Erlendur und blickte sich um. »Bist du dann einstweilen fertig?«, fragte er, langsam hatte er genug von dieser Art von Humor.

Der Amtsarzt nickte, zwängte sich wieder auf den Gang und verschwand.

»Müssen wir nicht das Hotel schließen?«, fragte Elínborg und sah, wie der Hotelmanager nach Luft schnappte. »Damit hier niemand raus- oder reinkommen kann. Alle Gäste verhören und alle Angestellten? Den Flugplatz dichtmachen. Den internationalen Schiffsverkehr …«

»Um Himmels willen«, stöhnte der Hotelmanager, knüllte sein Taschentuch zusammen und schaute beschwörend auf Erlendur. »Das ist doch bloß ein Portier!«

Maria und Josef hätten hier nie eine Herberge bekommen, dachte Erlendur.

»Diese … diese ekelhafte Angelegenheit hat nichts mit meinen Gästen zu tun«, rief der Hotelmanager und bekam vor Empörung kaum Luft. »Das sind zum größten Teil ausländische Touristen oder Isländer aus anderen Landesteilen, vermögende Leute, die Reedereien und dergleichen besitzen. Keiner von denen hat irgendwas mit diesem Portier zu tun. Keiner! Dies ist das zweitgrößte Hotel in Reykjavík, und über die Feiertage ist es voll bis unters Dach. Ihr könnt mir hier nicht dichtmachen! Das könnt ihr einfach nicht machen!«

»Wir könnten schon, aber wir werden es nicht tun«, sagte Erlendur beschwichtigend. »Wir müssen vielleicht den einen oder anderen Hotelgast vernehmen, und den größten Teil des Personals, denke ich.«

»Gott sei Dank«, stöhnte der Hotelmanager und schien sich wieder zu beruhigen.

»Wie hieß der Mann?«

»Guðlaugur«, sagte der Hotelmanager. »Ich glaube, er ist so um die fünfzig. Und du hast wohl Recht, was seine Familie angeht. Ich glaube, er hat keine.«

»Wer hat ihn hier besucht?«

»Ich habe keine Ahnung«, schnaufte der Hotelmanager.

»Ist hier im Hotel vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen, was mit diesem Mann in Verbindung stand?« »Nein.«

»Diebstahl?«

»Nein, hier ist gar nichts vorgefallen.«

»Beschwerden?«

»Nein.«

»Er war nicht in irgendwas verwickelt, was das hier erklären könnte?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Gibt es jemanden im Hotel, mit dem er nicht gut auskam?«

»Mir ist nichts dergleichen bekannt.«

»Vielleicht außerhalb des Hotels?«

»Ich weiß von nichts, aber ich kenne ihn auch nicht besonders gut. Kannte …«, korrigierte sich der Hotelmanager.

»Nicht einmal nach zwanzig Jahren?«

»Nein, eigentlich nicht. Er hatte nicht viel für andere Menschen übrig, glaube ich. Er lebte ziemlich für sich.«

»Glaubst du, dass ein Hotel der richtige Ort für solche Menschen ist?«

»Ich? Ich weiß ni… Er war immer äußerst höflich, und es hat sich nie jemand über ihn beschwert. So gesehen.«

»So gesehen?«

»Nein, es hat sich nie jemand über ihn beschwert. Er war im Grunde genommen ganz gut in seinem Job.«

»Wo ist die Kantine, von der du gesprochen hast?«, fragte Erlendur.

»Ich bringe dich hin.« Der Hotelmanager wischte sich den Schweiß von der Stirn und war offensichtlich erleichtert, dass sie das Hotel nicht schließen wollten.

»Hat er häufig Besuch gehabt?«

»Was?«, sagte der Hotelmanager.

»Besuch«, wiederholte Erlendur. »Hier muss doch jemand bei ihm gewesen sein, den er gekannt hat. Hast du nicht den Eindruck?«

Der Hotelmanager schaute auf die Leiche, und sein Blick blieb an dem Kondom hängen.

»Ich habe keine Ahnung, was er für Freundinnen hatte.«

»Du weißt nicht gerade viel über diesen Mann«, sagte Erlendur.

»Er ist Portier hier«, sagte der Hotelmanager. Er war offensichtlich der Meinung, dass Erlendur sich mit dieser Erklärung zufrieden geben könnte.

Sie verließen den Raum. Die Leute von der Spurensicherung rückten mit ihren Geräten und Apparaten an, und ihnen folgten weitere Polizisten. Es war nicht ganz einfach, sich an dem Hotelmanager vorbeizuzwängen. Erlendur trug ihnen auf, auch den Gang und die dunkle Ecke hinter dem Zimmer genau zu untersuchen. Sigurður Óli und Elínborg blieben noch kurz in dem Raum stehen und betrachteten die Leiche.

»Also ich möchte nicht so gefunden werden«, sagte Sigurður Óli.

»Ihn juckt das doch nicht mehr«, erwiderte Elínborg.

»Nee, wahrscheinlich nicht«, sagte Sigurður Óli.

»Ist da was drin?«, fragte Elínborg und zog eine kleine Tüte mit Erdnüssen hervor. Sie hatte immer etwas zu knabbern in der Tasche. Sigurður Óli hielt das für ein Zeichen von Nervosität.

»Was drin?«, fragte er.

Sie nickte in Richtung der Leiche. Sigurður Óli schaute sie einen Augenblick an und begriff dann, worauf sie hinauswollte. Er zögerte etwas, kniete sich dann aber hin und beäugte das Kondom.

»Nein«, sagte er. »Nichts. Das Ding ist leer.«

»Die hat ihn dann umgebracht, bevor er seinen Orgasmus hatte«, sagte Elínborg. »Der Arzt glaubte …«

»Die?«, echote Sigurður Óli.

»Ja, liegt das nicht auf der Hand?«, sagte Elínborg und stopfte sich eine Hand voll Erdnüsse in den Mund. Sie hielt Sigurður Óli die Tüte hin, der aber dankend ablehnte. »Kommt dir das Ganze nicht irgendwie nuttig vor? Er ist hier mit einer Frau zusammen gewesen«, erklärte sie. »Oder?«

»Das ist die nahe liegendste Erklärung«, sagte Sigurður Óli und erhob sich.

»Du glaubst aber nicht daran?«, fragte Elínborg.

»Ich weiß es nicht. Ich habe keinen blassen Schimmer.«

Zwei

Die Kantine für die Angestellten hatte wenig mit dem prunkvollen Foyer und den elegant eingerichteten Zimmern des Hotels gemeinsam. Es gab keinen Weihnachtsschmuck, keine Weihnachtsmusik, nur ein paar schäbige Küchentische und Stühle, Linoleum auf dem Fußboden, das an einer Stelle gerissen war, und in einer Ecke befand sich eine kleine Kücheneinheit mit Schränken, Kaffeemaschine und Kühlschrank. Es sah so aus, als ob hier nie sauber gemacht würde. Die Tische, auf denen überall dreckige Tassen herumstanden, waren übersät mit Kaffeeflecken. Die betagte Kaffeemaschine lief und rülpste Wasser in den Filter.

Einige Angestellte des Hotels standen im Halbkreis um das junge Mädchen herum, das die Leiche gefunden hatte und immer noch unter Schock stand. Sie hatte geweint und das schwarze Mascara war verlaufen. Sie schaute hoch, als Erlendur und der Hotelmanager hereinkamen.

»Da ist sie«, sagte der Hotelmanager, als trüge sie die Schuld daran, dass der Weihnachtsfrieden gestört worden war. Er scheuchte die anderen weg. Erlendur schob ihn ebenfalls hinaus und erklärte, er müsse in Ruhe mit dem Mädchen reden. Der Hotelmanager blickte ihn verwundert an, widersprach aber nicht, sondern murmelte, dass er genug zu tun hätte. Erlendur schloss die Tür hinter ihm. Das Mädchen versuchte, das Mascara von den Wangen zu wischen, und schaute Erlendur an, verunsichert, was sie jetzt erwartete. Erlendur lächelte, zog einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Das Mädchen war im gleichen Alter wie seine Tochter, etwas über zwanzig, nervös und immer noch verschreckt durch das, was sie gesehen hatte. Sie war schlank, hatte schwarze Haare und trug die typische Zimmermädchenuniform, einen hellblauen Kittel. Auf der Brusttasche befand sich ein Namensschild. Ösp. Eine Espe.

»Arbeitest du schon lange hier?«, fragte Erlendur.

»Fast ein Jahr«, sagte Ösp leise und blickte ihn an. Er schien ihr nichts tun zu wollen. Sie zog die Nase hoch und richtete sich auf ihrem Stuhl auf. Es hatte sie offenbar sehr mitgenommen, die Leiche zu entdecken. Ein Schauder durchfuhr sie. Der Name passt gut, dachte Erlendur bei sich. Sie zittert wie Espenlaub.

»Macht es dir Spaß, hier zu arbeiten?«, fragte Erlendur.

»Nein«, erwiderte sie.

»Und warum bist du dann hier?«

»Irgendwo muss man ja schließlich arbeiten.«

»Was ist denn so schlecht an diesem Job?«

Sie schaute ihn an, als läge die Antwort auf diese Frage auf der Hand.

»Ich überziehe die Betten. Putze die Klos. Sauge Staub. Trotzdem besser als im Bónus-Billigmarkt zu arbeiten.«

»Und die Leute?«

»Der Hotelmanager ist ein Arsch.«

»Kommt mir so vor wie ein Hydrant, der leckt«, sagte Erlendur.

Ösp lächelte.

»Und einige Gäste glauben, dass man hier arbeitet, damit sie einen betatschen können.«

»Warum bist du in den Keller gegangen?«, fragte Erlendur. »Um den Weihnachtsmann zu holen. Die Kinder warteten auf ihn.«

»Die Kinder?«

»Auf der Weihnachtsfeier. Wir haben eine Weihnachtsfeier für die Hotelangestellten. Für ihre Kinder und auch für die Kinder von Hotelgästen, und er sollte den Weihnachtsmann spielen. Als er sich nicht blicken ließ, wurde ich losgeschickt, um ihn zu holen.«

»Das muss sehr unangenehm gewesen sein.«

»Ich habe noch nie eine Leiche gesehen. Und dann das Kondom …« Ösp versuchte, das Bild zu verdrängen.

»Hatte er Freundinnen hier im Hotel?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Weißt du, ob er mit anderen Personen außerhalb des Hotels in Verbindung stand?«

»Ich weiß überhaupt nichts über diesen Mann, und ich hab mehr von ihm gesehen, wie mir lieb war.«

»Als«, korrigierte Erlendur.

»Was?«

»Es heißt mehr als und nicht mehr wie.«

Sie schaute ihn mitleidig an.

»Findest du, dass das eine Rolle spielt?«

»Ja«, sagte Erlendur.

Sie schüttelte den Kopf und war mit ihren Gedanken weit weg.

»Du weißt also nicht, ob er irgendwelchen Besuch hatte?«, fragte Erlendur, um das Thema Grammatik zu beenden. Im Geiste sah er ein Therapiecenter vor sich, wo deprimierte Als-Wie-Patienten in Bademänteln und Filzpantoffeln durch die Gänge schlurften und therapiert werden wollten.

»Nein«, sagte Ösp.

»Stand die Tür offen, als du kamst?«

Ösp überlegte einen Augenblick.

»Nein, ich hab sie aufgemacht. Ich hab angeklopft, und als keine Antwort kam und ich schon fast wieder gehen wollte, fiel mir ein, die Klinke auszuprobieren. Ich dachte eigentlich, dass abgeschlossen wäre, aber sie ging auf, und da saß er halb nackt und mit dem Kondom …«

»Wieso hast du geglaubt, dass abgeschlossen wäre?«, beeilte sich Erlendur einzuwerfen.

»Bloß so. Ich wusste, dass das sein Zimmer war.«

»Bist du irgendjemandem begegnet, als du nach unten gingst?«

»Nein, niemandem.«

»Er war also eigentlich bereit für die Weihnachtsfeier, aber dann ist jemand gekommen und hat ihn abgelenkt. Er hatte ja schon das Weihnachtsmannkostüm an.«

Ösp zuckte mit den Achseln.

»Wer hat bei ihm die Bettwäsche gewechselt?«

»Wie meinst du das?«

»Die Bettwäsche. Die ist schon lange nicht mehr gewechselt worden.«

»Ich weiß nicht. Bestimmt er selber.«

»Es muss ein ziemlicher Schock für dich gewesen sein.«

»Der Anblick war ekelhaft«, sagte Ösp.

»Ich weiß«, sagte Erlendur. »Versuch irgendwie, das Ganze so schnell wie möglich zu vergessen. Wenn du kannst. War er gut als Weihnachtsmann?«

Das Mädchen schaute ihn an.

»War er?«

»Ich glaube nicht an Weihnachtsmänner.«

Die Frau, die die Weihnachtsfeier arrangiert hatte, war adrett gekleidet, klein und um die dreißig, vermutete Erlendur. Sie stellte sich als Marketing- und PR-Beauftragte des Hotels vor, und Erlendur hatte keine Lust, sie über ihren Job zu befragen; fast alle, die man heutzutage traf, waren irgendwas mit Marketing. Sie hatte ein Büro im Erdgeschoss, wo Erlendur sie am Telefon vorgefunden hatte. Die Medien hatten Witterung davon bekommen, dass in dem Hotel etwas nicht stimmte, und Erlendur vermutete, dass sein Gegenüber gerade dabei war, einem Journalisten irgendeine Geschichte aufzutischen. Das Gespräch endete sehr abrupt. Die Frau wimmelte den Anrufer ab und erklärte kategorisch, dass er sich auf keinen Fall auf sie beziehen dürfe.

Erlendur nannte seinen Namen und schüttelte ihre kühle Hand. Er fragte, wann sie zuletzt mit, ähem, mit dem Mann im Keller gesprochen hätte. Er wusste nicht, ob er ihn ›den Portier‹ nennen sollte − oder ›den Weihnachtsmann‹, den Namen des Mannes hatte er vergessen. ›Weihnachtsmann‹ fand er eigentlich unpassend. Wenn schon, dann war Sigurður Óli hier der Weihnachtsmann − auch wenn er nie ein Kostüm anhatte.

»Guðlaugur?«, sagte sie und löste sein Problem. »Das war heute Morgen, weil ich ihn an die Weihnachtsfeier erinnern wollte. Ich traf ihn bei der Drehtür. Er war im Dienst. Er war Portier hier im Hotel, wie du vielleicht weißt. Und vielleicht sogar mehr als Portier, eigentlich Hausmeister. Hat alles Mögliche repariert und so.«

»Hilfsbereit?«, fragte Erlendur.

»Wie bitte?«

»Freundlich und hilfsbereit, meine ich, oder musste man ständig hinter ihm her sein?«

»Das weiß ich nicht. Spielt es eine Rolle? Für mich hat er nie etwas gemacht. Oder besser gesagt, ich brauchte ihn nie in Anspruch zu nehmen.«

»Weswegen spielte er den Weihnachtsmann? War er kinderlieb? Komisch? Lustig?«

»Das war schon so, als ich hier angefangen habe. Ich arbeite seit drei Jahren hier, und dies ist die dritte Weihnachtsfeier, die ich organisiere. Er hat auch bei den anderen beiden den Weihnachtsmann gespielt, aber halt auch schon davor. Er war ganz in Ordnung. Die Kinder hatten ihren Spaß mit ihm.«

Sie machte nicht den Eindruck, als würde ihr Guðlaugurs Tod in irgendeiner Form nahe gehen. Er ging sie nichts an. Es ging einzig und allein darum, dass der Mord die Marketing und PR-Angelegenheiten durcheinander zu bringen drohte. Erlendur wunderte sich, wie man so gefühlskalt und langweilig sein konnte.

»Aber was für ein Mensch war er?«

»Keine Ahnung«, sagte sie. »Ich habe ihn nie richtig kennen gelernt. Er war Portier. Und Weihnachtsmann. Das waren eigentlich die einzigen Male, wo ich mit ihm gesprochen habe. In seiner Rolle als Weihnachtsmann.«

»Was ist aus der Weihnachtsfeier geworden? Als sich herausstellte, dass der Weihnachtsmann tot war?«

»Wir haben sie abgeblasen. Was anderes konnten wir nicht machen. Auch aus Pietätsgründen«, fügte sie hinzu, als wolle sie endlich eine Spur Mitgefühl zeigen. Es war nicht sehr überzeugend. Erlendur sah es ihr an, dass ihr die Leiche im Keller vollkommen egal war.

»Wer hat diesen Mann am besten gekannt?«, fragte er. »Hier im Hotel, meine ich.«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Sprich doch mal mit dem Empfangschef. Der Portier unterstand ihm.«

Das Telefon auf ihrem Tisch klingelte, sie nahm den Hörer ab und schaute Erlendur an, als ob er ihr im Wege sei. Der stand auf, verließ das Zimmer und dachte bei sich, dass sie nicht endlos anderen am Telefon etwas vorlügen konnte.

Der Empfangschef hatte absolut keine Zeit, um sich mit Erlendur zu befassen. Die Touristen scharten sich um den Rezeptionstisch. Er und drei weitere Hotelangestellte nahmen die ausgefüllten Formulare entgegen, und Erlendur beobachtete, wie sie im Computer registrierten, Pässe kontrollierten, Schlüssel aushändigten, lächelten, um sich danach gleich dem nächsten Gast zuzuwenden. Das Gedränge reichte bis zur Drehtür. Durch sie hindurch sah Erlendur draußen noch einen weiteren Bus vorfahren und vor dem Hotel halten.

Die in der Mehrzahl nicht uniformierten Polizisten waren über das ganze Gebäude verteilt und vernahmen das Personal. In der Kantine im Keller war so etwas wie eine Außenstelle der Polizei eingerichtet worden, von wo aus die Ermittlung geleitet wurde.

Erlendur betrachtete die Weihnachtsdekoration eingehend. Aus der Lautsprecheranlage ertönte ein amerikanisches Weihnachtslied. Er schlenderte in den großen Speisesaal, der hinter dem Foyer lag. Da hatten sich bereits die ersten Gäste zu einem opulenten Weihnachtsbüfett eingefunden. Er spazierte an der Tafel entlang und ließ seinen Blick über Lachs, geräuchertes Lammfleisch, kalten Schweinebraten und Rinderzunge mit den entsprechenden Beilagen wandern und betrachtete die köstlichen Nachspeisen, Eis, Sahnetorten und Mousse au Chocolat, oder was das alles sein mochte.

Erlendur lief das Wasser im Munde zusammen. Er hatte den ganzen Tag so gut wie nichts gegessen.

Er blickte sich rasch um und ließ blitzschnell eine Scheibe von der delikaten Rinderzunge in seinem Mund verschwinden. Er war überzeugt, dass ihn niemand beobachtet hatte, deswegen machte sein Herz einen Satz, als eine scharfe Stimme hinter ihm ertönte.

»Also hör mal, so geht es nun wirklich nicht. Das ist nicht gestattet!«

Erlendur drehte sich um, und ein Mann mit einer ausladenden Küchenchefmütze auf dem Kopf trat mit finsterer Miene dicht an ihn heran.

»Was soll das heißen, hier am Büfett sich einfach was mit den Fingern in den Mund zu stopfen? Was sind das denn für Sitten?«

»Reg dich ab«, sagte Erlendur und nahm sich einen Teller. Er begann, sich diverse Köstlichkeiten aufzuladen, als hätte er genau das von vornherein vorgehabt.

»Hast du den Weihnachtsmann gekannt?«, fragte er, um von der Rinderzunge abzulenken.

»Den Weihnachtsmann?«, sagte der Koch. »Was für einen Weihnachtsmann? Ich wollte dir nur sagen, dass du das Essen nicht mit den Pfoten anrührst. Das gehört …«

»Guðlaugur«, unterbrach Erlendur ihn. »Hast du ihn gekannt? Er war auch Portier und dann wohl auch so was wie ein Faktotum hier im Hotel, wenn ich es richtig verstanden habe.«

»Du meinst Gulli?«

»Ja, Gulli, wenn das sein Spitzname war«, sagte Erlendur und legte eine ordentliche Scheibe kalten Schinken mit etwas Joghurtsauce auf seinen Teller. Er überlegte, ob er Elínborgs Meinung zu diesem Büfett einholen sollte, sie verstand wirklich etwas von guter Küche und sammelte schon seit Jahren Rezepte für ein Kochbuch.

»Nein, ich …, was meinst du mit ›Hast du ihn gekannt‹?«, fragte der Koch.

»Du weißt also noch nichts davon?«

»Wovon? Was ist eigentlich los?«

»Er ist tot. Ermordet. Hat sich das noch nicht im Hotel herumgesprochen?«

»Ermordet?«, ächzte der Koch. »Ermordet! Was, hier im Hotel? Und wer bist du eigentlich?«

»In seinem Kabuff da unten im Keller. Ich bin von der Polizei.«

Erlendur lud sich weitere Köstlichkeiten auf den Teller. Der Koch hatte die Rinderzunge vergessen.

»Wie wurde er ermordet?«

»Dazu kann ich nichts sagen.«

»Hier im Hotel?«

»Ja.«

Der Koch blickte sich um.

»Das kann ich einfach nicht glauben«, sagte er. »Das wird bestimmt das ganze Haus auf den Kopf stellen.«

»Genau«, erwiderte Erlendur. »Und zwar total.«

Er wusste, dass dieser Mord an dem Hotel kleben bleiben würde. Es würde diesen Stempel nie wieder loswerden. Es würde von jetzt an das Hotel sein, in dem der Weihnachtsmann ermordet und mit einem Kondom am Schwanz aufgefunden worden war.

»Hast du ihn gekannt?«, fragte Erlendur. »Diesen Gulli?« »Nein, eigentlich kaum. Er war Portier und hat außerdem alle möglichen Kleinigkeiten gefixt.«

»Gefixt?«

»Repariert. Ich habe ihn überhaupt nicht gekannt.«

»Weißt du vielleicht, wer ihn hier im Hotel am besten gekannt hat?«

»Nein«, sagte der Koch. »Ich weiß nichts über diesen Mann. Wer kann ihn ermordet haben? Hier im Hotel? Herrgott noch mal.«

Erlendur war klar, dass er sich wegen des Hotels mehr Sorgen machte als wegen des Ermordeten, und er war drauf und dran, ihn darauf hinzuweisen, dass der Mord auch mehr Hotelgäste anlocken konnte. Heutzutage dachten die Leute so. Sie könnten womöglich mit dem Mordschauplatz Werbung für das Hotel machen und sich auf Kriminaltourismus spezialisieren. Er hielt sich aber zurück, denn er sehnte sich danach, sich mit dem Teller irgendwo hinzusetzen und zu schlemmen. Einen Augenblick Ruhe zu haben.

In diesem Moment erschien Sigurður Óli auf der Bildfläche.

»Habt ihr was gefunden?«

»Nein«, sagte Sigurður Óli und betrachtete den Koch, der sich jedoch schleunigst mit diesen Neuigkeiten in die Küche verzog.

»Und du futterst jetzt einfach?«, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

»Mensch, komm mir jetzt bloß nicht mit so einem Quatsch. Ich hatte hier ein kleines Problem.«

»Dieser Mann da unten hat nichts besessen, oder falls er etwas besessen hat, hat er es nicht in diesem Kellerloch aufbewahrt«, sagte Sigurður Óli. »Elínborg hat im Schrank alte Schallplatten gefunden. Das war das Einzige. Müssen wir nicht das Hotel schließen?«

»Das Hotel schließen, was soll denn der Blödsinn?«, entgegnete Erlendur. »Wie willst du das überhaupt anfangen, so ein Hotel dichtzumachen? Und wie lange willst du das durchhalten? Du willst womöglich jedes Zimmer von einem Suchtrupp durchforsten lassen?«

»Nein, aber der Mörder könnte ein Hotelgast sein. Das muss man in Betracht ziehen.«

»Reine Spekulation. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ist er im Hotel, als Gast oder Angestellter, oder er steht in keiner Verbindung zum Hotel. Wir werden wohl mit dem gesamten Personal und all den Gästen sprechen müssen, die in den nächsten Tagen das Hotel verlassen, vor allem aber mit denen, die ihre Abreise vorverlegen, obwohl ich sehr bezweifle, dass derjenige, der das getan hat, in dieser Form die Aufmerksamkeit auf sich lenken würde.«

»Nein, genau. Ich habe über das Kondom nachgedacht«, sagte Sigurður Óli.

Erlendur suchte nach einem freien Tisch, fand ihn und nahm Platz. Sigurður Óli setzte sich zu ihm. Der voll geladene Teller vor seiner Nase ließ ihm ebenfalls das Wasser im Munde zusammenlaufen.

»Hör zu, falls es sich um eine Frau handelt, dann ist sie wohl noch in dem Alter, wo sie Kinder kriegen kann, oder nicht? Wegen des Kondoms.«

»Ja, so wär’s vor zwanzig Jahren gewesen«, sagte Erlendur und probierte den geräucherten Schinken. »Heutzutage werden Kondome nicht nur zur Empfängnisverhütung verwendet, lieber Sigurður Óli. Sie bieten auch Schutz gegen allen möglichen Scheiß, Chlamydia, Aids …«

»Das Kondom könnte uns aber auch sagen, dass er diese, diesen, dieses … Individuum nicht besonders gut gekannt hat, das auf seinem Zimmer war. Das kann so ein Schnellfick gewesen sein. Wenn sie sich gut gekannt hätten, würde er vielleicht kein Kondom verwendet haben.«

»Wir müssen im Auge behalten, dass das Kondom nicht ausschließt, dass er mit einem Mann zusammen war«, sagte Erlendur.

»Was das wohl für ein Messer gewesen ist? Ich meine, die Mordwaffe?«

»Warten wir ab, was bei der Obduktion herauskommt. Es ist selbstverständlich kein Problem, sich hier im Hotel ein Messer zu beschaffen, falls es jemand aus dem Hotel war, der auf ihn losgegangen ist.«

»Schmeckt’s?«, fragte Sigurður Óli. Er hatte zugesehen, wie Erlendur sich die verschiedenen Gerichte zu Gemüte führte und hätte es ihm nur zu gerne nachgetan, befürchtete aber Schlagzeilen im Stile von: Zwei Kriminalbeamte ermitteln in einem Mordfall in einem renommierten Hotel und tafeln ausgiebig am Weihnachtsbüfett, als wäre nichts vorgefallen.

»Ich hab vergessen nachzusehen, ob etwas drin war«, sagte Erlendur zwischen zwei Bissen.

»Findest du, dass du hier am Tatort einfach so in dich reinspachteln kannst?«

»Das hier ist ein Hotel.«

»Ja, aber …«

»Ich habe dir schon gesagt, es hat da ein kleines Problem gegeben, und ich konnte mich nur auf diese Weise rausreden. War was drin? In dem Kondom?«

»Leer«, sagte Sigurður Óli.

»Der Amtsarzt behauptete, er hätte einen Orgasmus gehabt. Sogar zwei, aber das habe ich nicht kapiert.«

»Ich kenne niemanden, der seine Witze kapiert.«

»Der Mord ist also mittendrin begangen worden.«

»Tja, da geschieht irgendwas ganz plötzlich. Als gerade alles richtig gut lief.«

»Falls alles richtig gut lief, wieso war dann ein Messer in der Nähe?«

»Das gehörte womöglich zum Spiel dazu.«

»Zu welchem Spiel?«

»Sex ist heute etwas komplizierter als nur die althergebrachte Missionarsstellung«, dozierte Sigurður Óli. »Es kann also jeder x-Beliebige gewesen sein?«

»Jeder x-Beliebige«, sagte Erlendur. »Wieso heißt das eigentlich Missionarsstellung? Was für Missionare sollen das sein?«

»Keine Ahnung«, seufzte Sigurður Óli. Erlendur konnte manchmal Fragen stellen, die ihn irritierten. Sie klangen simpel, waren aber so unendlich kompliziert – und bescheuert.

»Hat das was mit Afrika zu tun?«

»Oder mit katholischen Zeiten«, sagte Sigurður Óli.

»Wieso Missionare?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das Kondom bedeutet nicht, dass das andere Geschlecht auszuschließen ist«, sagte Erlendur. »Soviel steht fest. Nur wegen des Kondoms können wir nichts und niemanden ausschließen. Hast du den Hotelmanager gefragt, warum er den Weihnachtsmann rauswerfen wollte?«

»Nein. Wollte er ihn rauswerfen?«

»Er hat es erwähnt, aber nicht erklärt. Wir müssen wissen, was er damit gemeint hat.«

»Hab ich mir notiert«, sagte Sigurður Óli, wie immer mit einem kleinen Notizblock und einem Bleistift ausgerüstet.

»Dann gibt’s da eine Gruppe, die mehr als andere Kondome verwendet.«

»Tatsächlich?«, fragte Sigurður Óli, der mal wieder nichts kapierte.

»Huren.«

»Huren?«, wiederholte Sigurður Óli. »Nutten? Glaubst du, dass sich so was hier rumtreibt?«

Erlendur nickte.

»Die missionieren intensiv in Hotels.«

Sigurður Óli erhob sich, blieb aber vor Erlendur stehen und schien noch etwas sagen zu wollen, wusste aber nicht, wie. Erlendur, der seinen Teller inzwischen geleert hatte und den der ausladende Büfetttisch wieder lockte, schaute ihn fragend an.

»Ähm, wo wirst du eigentlich Weihnachten feiern?«, fragte Sigurður Óli schließlich verlegen.

»Weihnachten?«, sagte Erlendur. »Ich bin … was meinst du eigentlich, wo ich Weihnachten feiere? Was geht dich das an?«

Sigurður Óli zögerte einen Moment, bevor er das Risiko einging.

»Bergþóra hat überlegt, ob du wohl allein sein wirst.«

»Eva Lind hat irgendwelche Pläne. Was meint Bergþóra eigentlich? Dass ich zu euch kommen soll?«

»Ach, ich hab keine Ahnung«, sagte Sigurður Óli. »Frauen! Die sind einfach nicht zu begreifen!« Dann stiefelte er wieder hinunter in den Keller.

Elínborg stand vor dem Raum des Ermordeten und sah den Leuten von der Spurensicherung bei der Arbeit zu, als Sigurður Óli in dem dunklen Gang auftauchte.

»Wo ist Erlendur?«, fragte sie und leerte die Erdnusstüte.

»Beim Weihnachtsbüfett«, schnaubte Sigurður Óli.

Ein provisorischer Labortest, der später am Abend durchgeführt wurde, ergab, dass das ganze Kondom voller Speichelreste war.

Drei

Die Spurensicherung hatte sich mit Erlendur in Verbindung gesetzt, sobald sich herausgestellt hatte, dass man den genetischen Fingerabdruck hatte. Erlendur befand sich immer noch im Hotel. Der Tatort glich zeitweilig einem Fotostudio. Blitze beleuchteten den dunklen Gang in regelmäßigen Abständen. Die Leiche wurde aus allen Perspektiven fotografiert, ebenso all die Gegenstände, die in Guðlaugurs Zimmer waren. Der Tote wurde anschließend in das Leichenschauhaus am Barónsstígur gebracht. Das Zimmer des Portiers war auf Fingerabdrücke untersucht worden, von denen eine ganze Menge zutage kamen. Sie wurden jetzt mit dem Fingerabdruckarchiv der Polizei verglichen. Fingerabdrücke wurden vom gesamten Personal genommen. Diese Mitteilung aus dem Labor bedeutete außerdem, dass von allen Speichelproben entnommen werden mussten.

»Aber was ist mit den Hotelgästen?«, fragte Elínborg. »Müssen wir das nicht auch bei denen machen?«

Sie sehnte sich danach, ihre Schicht zu beenden und nach Hause zu kommen; sie bereute es, gefragt zu haben. Elínborg feierte Weihnachten ausgiebig und genoss es, die ganze Familie um sich zu haben. Sie dekorierte ihr Zuhause mit Zweigen und Flitterkram, backte viele Sorten köstlicher Plätzchen, die sie in sorgfältig beschrifteten Tupperdosen aufbewahrte. Ihr weihnachtliches Festessen genoss auch außerhalb der Familie einen legendären Ruf. Das Hauptgericht war jedes Jahr ein schwedischer Weihnachtsschinken, den sie zwölf Tage auf ihrem Balkon in einer Marinade ziehen ließ und mit so viel Hingabe umsorgte, als wäre es das in Windeln gewickelte Jesuskind.

»Ich glaube, dass wir davon ausgehen können − das ist jedenfalls mein Eindruck −, der Mörder ist Isländer«, sagte Erlendur. »Die Hotelgäste können wir erst mal hintanstellen. Das Hotel ist jetzt zu Weihnachten voll und kaum jemand reist ab. Wir knöpfen uns natürlich diejenigen vor, die vorhaben abzureisen, von ihnen nehmen wir Speichelproben und auch Fingerabdrücke. Wir können jedoch nicht verhindern, dass sie das Land verlassen, da müsste schon ein sehr starker Tatverdacht gegen sie vorliegen. Und wir brauchen eine Liste über diejenigen Ausländer, die sich zum Zeitpunkt des Mordes im Hotel befanden, die später Angekommenen können wir beiseite lassen. Versuchen wir, das Ganze möglichst umkompliziert anzugehen.«

»Aber wenn die Sache nicht so unkompliziert ist?«, fragte Elínborg.

»Ich glaube nicht, dass irgendeiner von den Hotelgästen weiß, dass hier ein Mord verübt wurde«, warf Sigurður Óli ein, der ebenfalls nach Hause wollte. Seine Frau Bergþóra hatte ihn am späten Nachmittag angerufen und gefragt, ob er nicht bald käme. Jetzt sei genau der richtige Augenblick, und sie würde ihn erwarten. Sigurður Óli wusste sofort, was mit dem richtigen Augenblick gemeint war. Sie versuchten, ein Kind zu bekommen, aber es wollte einfach nicht klappen. Sigurður Óli hatte Erlendur erzählt, dass sie eine künstliche Befruchtung in Erwägung gezogen hätten.

»Musst du dann so ein Röhrchen abgeben?«, hatte Erlendur gefragt.

»Röhrchen?«

»So ein Reagenzglas, meine ich. Morgens.«

Sigurður Óli hatte Erlendur angestarrt, bis ihm endlich aufging, was Erlendur meinte.

»Ich hätte dir das nie erzählen sollen«, war seine genervte Reaktion gewesen.

Erlendur nippte an einem scheußlich schmeckenden Kaffee. Sie saßen zu dritt im Kaffeeraum fürs Personal im Keller. Die Hauptaktion war beendet, die Polizisten und die Leute von der Spurensicherung waren weg, das Zimmer war versiegelt worden. Erlendur hatte keine Eile. Das Einzige, wohin er sich zurückziehen konnte, war seine dunkle Wohnung in einem anonymen Wohnblock, wo er mit sich selbst allein war. Weihnachten bedeutete ihm nichts. Er bekam ein paar Tage frei, mit denen er nichts anfangen konnte. Seine Tochter würde ihn vielleicht besuchen, um geräuchertes Lammfleisch zu kochen. Manchmal brachte sie auch ihren Bruder mit. Und Erlendur saß herum und las, aber das machte er sowieso immer.

»Ihr solltet zusehen, dass ihr nach Hause kommt«, sagte er. »Ich werde noch ein bisschen bleiben. Mal sehen, ob ich es schaffe, mit diesem Empfangschef zu sprechen, der absolut unabkömmlich zu sein scheint.«

Elínborg und Sigurður Óli standen auf.

»Und was ist mir dir?«, fragte Elínborg. »Willst du nicht auch einfach nach Hause gehen? Weihnachten steht vor der Tür und …«

»Was ist eigentlich mit euch beiden los? Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe?«

»Es ist Weihnachten«, sagte Elínborg seufzend. Sie zögerte. »Ach, vergiss es«, sagte sie dann. Sie und Sigurður Óli drehten sich um und verließen den Raum.

Erlendur saß eine Weile nachdenklich da. Er dachte an Sigurður Ólis Frage, wo er zu Weihnachten sein würde. Und jetzt auch noch Elínborgs Fürsorglichkeit! Er sah im Geiste seine Wohnung vor sich, den Sessel, den klapprigen Fernseher und die Bücher, mit denen die Wände voll gestellt waren.

Manchmal kaufte er sich zu Weihnachten eine Flasche Chartreuse und hatte ein Glas neben sich stehen, während er über Gefahren und Bergkatastrophen vergangener Zeiten las, wo die Menschen mangels anderer Transportmittel zu Fuß von einem Ort zum anderen gehen mussten und die Weihnachtszeit besonders gefahrvoll war. Die Leute ließen sich durch nichts abhalten, zu Weihnachten zu ihren Liebsten zu gelangen, sie kämpften gegen die Naturgewalten an, verirrten sich in tobenden Schneestürmen und kamen um, und für die Daheimgebliebenen verwandelte sich das Fest der Geburt des Erlösers in einen Albtraum. Einige wurden gefunden. Andere nicht. Wurden nie gefunden.

Das waren Erlendurs Weihnachtsgeschichten.

Der Empfangschef hatte das zur Livree gehörige Jackett ausgezogen und war schon im Mantel, als Erlendur ihn in der Garderobe antraf. Der Mann erklärte, todmüde zu sein und nach Hause zu seiner Familie zu wollen, wie alle anderen auch. Er hatte von dem Mord gehört, ja, schrecklich, er wusste aber nicht, was er dazu beitragen konnte.

»Wenn ich richtig verstehe, hast du ihn hier im Hotel mithin am besten gekannt«, sagte Erlendur.

»Nein, das ist nicht richtig«, sagte der Empfangschef und wickelte sich einen dicken Schal um den Hals. »Wer hat dir das gesagt?«

»Er unterstand aber doch dir, oder?«, fragte Erlendur und umging die Frage.

»Unterstand mir, ja, wahrscheinlich. Er war Portier, ich bin für die Rezeption zuständig, die Registration, das weißt du vielleicht. Weißt du, wie lange die Geschäfte heute Abend offen haben?«

Er schien nicht das geringste Interesse für Erlendur und seine Fragen zu haben. Erlendur ging das auf die Nerven. Außerdem ging ihm auf die Nerven, dass das Schicksal des Mannes im Keller augenscheinlich allen völlig egal war.

»Wahrscheinlich rund um die Uhr, ich weiß es nicht. Wer könnte wohl ein Interesse daran gehabt haben, deinen Portier zu erstechen?«

»Meinen? Er war nicht mein Portier. Er war der Portier des Hotels.«

»Und warum hatte er die Hosen runtergelassen und hatte ein Kondom am Schwanz? Wer ist bei ihm gewesen? Wer kam überhaupt zu Besuch bei ihm? Hatte er irgendwelche Freunde hier im Hotel? Hatte er irgendwelche Feinde? Weswegen wohnte er hier im Hotel? Was war da mit ihm vereinbart worden? Was hast du eigentlich zu verbergen? Warum kannst du mir nicht ganz normal antworten?«

»Hör zu, ich, was …?« Der Empfangschef verstummte. »Ich möchte nur so schnell wie möglich nach Hause«, sagte er schließlich. »Ich habe keine Antwort auf all deine Fragen. Weihnachten steht vor der Tür. Können wir uns nicht morgen unterhalten? Ich habe heute den ganzen Tag keinen Augenblick Ruhe bekommen.«

Erlendur schaute ihn an.

»Wir unterhalten uns morgen«, sagte er. Als er die Garderobe verließ, erinnerte er sich auf einmal an die Frage, die ihn seit seiner Unterhaltung mit dem Hotelmanager beschäftigt hatte. Er drehte sich um. Der Empfangschef war schon in der Tür, als Erlendur ihm zurief.

»Warum wolltet ihr ihn rauswerfen?«

»Was?«

»Ihr wolltet ihn rauswerfen, den Weihnachtsmann. Warum?«

»Ihm war gekündigt worden«, sagte er endlich.

Der Hotelmanager war beim Essen, als Erlendur ihn fand. Er saß an einem großen Tisch in der Küche, hatte sich eine große Küchenchefschürze umgebunden und stopfte die Reste in sich hinein, die auf den halb leeren Platten vom Büfett hereingetragen worden waren.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich es genieße, zu essen«, verkündete er und wischte sich den Mund ab, als er bemerkte, dass Erlendur ihn anstarrte. »In Frieden«, fügte er hinzu.

»Ich weiß genau, was du meinst.«

Sie waren allein in der großen blitzsauberen Küche. Erlendur konnte nicht umhin, ihn zu bewundern. Er aß schnell, aber enorm gewandt und ohne Gier. Seine Bewegungen waren fast elegant. Er verleibte sich einen Bissen nach dem anderen ein, konzentriert und mit sichtlicher Leidenschaft. Er schien jetzt etwas ruhiger zu sein, nachdem die Leiche entfernt worden war und keine Polizisten und Reporter mehr vor dem Hotel herumstanden; die Polizei hatte angeordnet, dass das Hotel nicht betreten werden dürfte, weil das gesamte Gebäude als Tatort galt. Im Hotel selbst jedoch ging fast alles wieder seinen normalen Gang. Die wenigsten ausländischen Gäste wussten von der Leiche im Keller. Viele hatten die Unruhe bemerkt, die mit der Polizeiaktion verbunden war, und sich erkundigt. Der Hotelmanager hatte seinen Angestellten eingeschärft, einen alten Mann zu erwähnen – und einen Herzinfarkt.

»Ich weiß, was du denkst, du findest, dass ich hier fresse wie ein Schwein, nicht wahr?«, sagte er und hörte auf zu essen, um einen Schluck Rotwein zu trinken. Der kleine Finger von der Größe eines Würstchens spreizte sich ab. »Das vielleicht nicht, aber ich verstehe, warum du ein Hotel führen willst«, sagte Erlendur. Aber dann konnte er sich nicht mehr beherrschen. »Du frisst dich tot, das weißt du wohl«, sagte er brutal.

»Ich wiege 180 Kilo«, sagte der Hotelmanager. »Mastschweine sind auch nicht viel schwerer. Ich bin immer fett gewesen, etwas anderes kenne ich nicht. Habe nie eine Abmagerungskur mitgemacht. Mir ist nie eingefallen, meinen Lifestyle zu ändern, wie es so schön heißt. Ich fühle mich sauwohl. Auf jeden Fall besser als du, habe ich den Eindruck«, fügte er hinzu.

Erlendur erinnerte sich, gehört zu haben, dicke Menschen seien fröhlicher als Bohnenstangen. Er glaubte aber nicht, dass das stimmte.

»Besser als ich?«, sagte Erlendur und lächelte schwach. »Was weißt du schon darüber. Weswegen hast du den Portier entlassen?«

Der Hotelmanager hatte wieder angefangen zu essen, und es dauerte eine geraume Weile, bis er das Besteck von sich legte. Erlendur wartete geduldig. Er sah, dass der Mann überlegte, was die beste Antwort darauf wäre, wie er sich ausdrücken sollte, nachdem Erlendur nun einmal von der Kündigung erfahren hatte.

»Das Hotel steht nicht so gut da«, sagte er schließlich. »Den ganzen Sommer sind wir sozusagen überbucht, und zu Weihnachten und Silvester ist auch immer viel los, aber dazwischen gibt es immer wieder tote Zeiten, und die können wirklich schwierig sein. Die Hoteleigentümer verlangen kostendämpfende Maßnahmen. Personalabbau. Ich fand, dass ein ganzjährig angestellter Portier bei vollem Lohn überflüssig war.«

»Aber wenn ich richtig verstanden habe, war er viel mehr als nur ein Portier. Weihnachtsmann beispielsweise. Und so was wie ein Hausfaktotum. Er hat alles Mögliche repariert. Mehr so etwas wie ein Hausmeister.«

Der Hotelmanager hatte wieder angefangen, sich den Bauch voll zu schlagen, und es entstand erneut eine Pause im Gespräch. Erlendur blickte sich um. Die Polizei hatte den Leuten, die ihre Schicht beendet hatten, gestattet, nach Hause zu gehen, nachdem Namen und Adresse notiert worden waren; es war immer noch nicht bekannt, wer zuletzt mit dem Toten gesprochen hatte oder wie der letzte Tag in seinem Leben verlaufen war. Niemand hatte etwas Ungewöhnliches im Zusammenhang mit dem Weihnachtsmann bemerkt. Niemand hatte jemanden in den Keller gehen sehen. Niemand wusste, von wem der Weihnachtsmann Besuch bekommen hatte. Nur einige wenige wussten überhaupt, dass er dort lebte, dass dieses Kabuff tatsächlich sein Zuhause war. Es hatte den Anschein, als ob sich alle so wenig wie möglich mit ihm abgeben wollten. Nur wenige sagten aus, ihn gekannt zu haben, und Freunde hatte er jedenfalls keine in diesem Hotel besessen. Die Angestellten wussten auch nichts von irgendwelchen Freunden außerhalb des Hotels.

Der reinste Kaspar Hauser, dachte Erlendur bei sich.

»Niemand ist unentbehrlich«, sagte der Hotelmanager und spreizte das Würstchen wieder ab, als er aufs Neue zum Wein griff. »Natürlich ist es nie schön, Leute entlassen zu müssen, aber einen ganzjährigen Portier können wir uns einfach nicht leisten. Deswegen wurde ihm gekündigt. Aus keinem anderen Grund. Als Portier hatte er ja auch nicht so sonderlich viel zu tun. Er trug eine Livree, wenn Filmstars oder hohe Gäste aus dem Ausland kamen, und er warf Leute hinaus, die hier nichts zu suchen hatten.«

»Wie hat er es aufgenommen, als er entlassen wurde?«

»Er hatte Verständnis dafür, glaube ich.«

»Fehlen hier in der Küche irgendwelche Messer?«, fragte Erlendur.

»Ich weiß es nicht. Jedes Jahr gehen hier Messer und Gabeln und Gläser für zigtausend Kronen verloren. Auch Handtücher und … Glaubst du, dass er mit einem Messer aus dem Hotel erstochen worden ist?«

»Ich weiß es nicht.«

Erlendur schaute dem Hotelmanager beim Essen zu.

»Er hat hier zwanzig Jahre gearbeitet, und keiner kannte ihn. Findest du das nicht etwas ungewöhnlich?«

»Angestellte kommen und gehen«, sagte der Hotelmanager und zuckte mit den Achseln. »In dieser Branche herrscht eine ständige Fluktuation. Ich denke schon, dass die Leute von ihm gewusst haben, aber wer kennt heutzutage schon wen? Ich weiß es nicht. Ich kenne niemanden hier so gut.« »Du bist aber trotz der branchenüblichen Fluktuation hier kleben geblieben.«

»Es ist schwierig, mich von der Stelle zu bewegen.«

»Warum hast du gesagt, dass du ihn rauswerfen wolltest?« »Habe ich das gesagt?«

»Ja.«

»Das war nur so dahingesagt, ich habe nichts Besonderes damit gemeint.«

»Aber du hattest ihn schon entlassen und wolltest ihn aus dem Zimmer werfen«, sagte Erlendur. »Dann kommt jemand daher und bringt ihn um. Er hat sich in letzter Zeit nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens befunden.«

Der Hotelmanager tat, als sei Erlendur nicht anwesend, während er sich Kuchen und Mousse au Chocolat mit den eleganten Bewegungen eines routinierten Vielfraßes einverleibte und die Köstlichkeiten zu genießen versuchte.

»Warum war er eigentlich noch nicht weg, wo du ihn doch entlassen hattest?«

»Er hätte schon um die letzte Monatswende weg sein sollen. Ich habe ihm zugesetzt, aber nicht sehr. Hätte ich wahrscheinlich machen sollen. Dann wär uns dieser Mist erspart geblieben.«

Erlendur betrachtete den Hotelmanager, der weiter aß, und schwieg. Vielleicht war es das Büfett. Vielleicht seine dunkle Wohnung. Vielleicht diese Jahreszeit. Das Fertigessen, das ihn erwartete. Die einsamen Weihnachtstage. Erlendur wusste es nicht. Die Frage brach gewissermaßen ohne sein Zutun aus ihm heraus.

»Ein Zimmer?«, fragte der Hotelmanager, als hätte er nicht verstanden, was Erlendur gesagt hatte.

»Es braucht nichts Besonderes zu sein«, sagte Erlendur.

»Meinst du für dich?«

»Ein Einzelzimmer«, sagte Erlendur. »Muss nicht mit Fernseher sein.«

»Bei uns ist alles ausgebucht. Leider.« Der Hotelmanager starrte Erlendur an. Ihm war nicht daran gelegen, rund um die Uhr einen Kriminalbeamten um sich zu haben, einen, der ihm bei allem, was er tat, über die Schulter gucken konnte. »Der Empfangschef hat gesagt, es gäbe ein freies Zimmer«, log Erlendur und war noch entschlossener. »Er sagte, es wäre kein Problem, ich müsste nur mit dir reden.«

Der Hotelmanager starrte ihn an und blickte dann auf die Mousse, die noch übrig war, und schob den Teller von sich weg. Ihm war der Appetit vergangen.

Es war kalt in dem Zimmer. Erlendur stand am Hotelfenster und schaute hinaus, sah aber nichts als sein Spiegelbild in dem dunklen Glas.

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