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Engelslieder

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

WIDMUNG

Für alle Gipfelstürmer, die für die Herausforderung leben, für den Kitzel der Eroberung.

Und für jene unter uns, die mit aller Kraft die letzten ursprünglichen Orte auf diesem wunderbaren Planeten schützen und bewahren wollen.

Hört nicht auf zu kämpfen!

ANMERKUNG DER AUTORIN

Ich hoffe, Engelslieder hat Ihnen gefallen. Es ist der zweite Band aus meiner Reihe romantischer, paranormaler Krimis, die mit Der Duft der Rosen begann. Es sind Geschichten über gewöhnliche Frauen, die – wie so viele unter uns – außergewöhnliche Erfahrungen gemacht haben. Ich würde mich freuen Sie auch bei Das Schweigen der Rose wieder als Leser begrüßen zu dürfen und hoffe, dass Sie auch diese Geschichte begeistern wird.

Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute und viel Spaß beim Lesen.

Ihre Kat

1. KAPITEL

Autumn Sommers warf sich hin und her, eine Eiseskälte hüllte sie ein. Sie hatte Gänsehaut, und kalte Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, während lebendige, unheimliche Bilder durch ihren Kopf rasten.

Ein kleines Mädchen rannte über den frisch gemähten Rasen im Vorgarten ihres Vorstadthauses. Sie lachte, während sie mit ihren Freunden Ball spielte – ein Kind von fünf oder sechs Jahren mit feinen Gesichtszügen, großen blauen Augen und gelocktem blonden Haar.

“Achtung Molly, der Ball!”, rief ein kleiner rothaariger Junge, der wie die anderen Kinder etwa so alt war wie Molly.

Doch Mollys neugieriger Blick ruhte auf dem Mann, der mit einem flauschigen schwarz-weißen Welpen im Arm auf dem Gehweg stand. Sie ignorierte den Ball, der an ihren Beinchen vorbei in die Büsche am Ende des Gartens rollte, und lief auf den Fremden zu.

“Mensch, Molly!” Wütend rannte der kleine Junge hinter dem Ball her, hob ihn auf und schoss ihn mit aller Kraft zu den anderen Kindern zurück, die vor Freude quietschten und ihm nachjagten.

Molly hatte nur Augen für das niedliche Hundebaby.

“Gefällt Cuffy dir?”, fragte der Mann, als sie die Hand ausstreckte, um den kleinen Hund vorsichtig zu streicheln. “Ich habe noch so einen. Er heißt Nicky. Aber irgendwie ist er ausgebüchst. Hast du vielleicht Lust, mir beim Suchen zu helfen?”

Autumn wühlte unruhig in den Laken ihres Bettes. “Nein …”, murmelte sie, aber das kleine Mädchen konnte sie nicht hören. Sie warf den Kopf von einer Seite auf die andere und versuchte das Kind zu warnen, damit es nicht mit dem Mann mitging, doch die kleine Molly hatte sich mit dem Welpenbaby im Arm bereits auf den Weg gemacht.

“Geh … nicht …”, flüsterte Autumn, aber das kleine Mädchen ging weiter. Das Hundebaby noch immer fest im Arm, kletterte das Kind in ein Auto. Der Mann schloss die Tür. Dann ging er zur Fahrerseite, setzte sich hinters Steuer und startete den Wagen. Einen Augenblick später rollte das Fahrzeug leise die Straße hinunter.

“Molly!”, schrie der Rotschopf, während er dem wegfahrenden Auto hinterherlief. “Du darfst nicht mit Fremden mitgehen!”

“Molly!” Eines der Mädchen stemmte die Händchen in die Hüfte. “Du sollst doch im Garten bleiben!” Sie drehte sich zu dem rothaarigen Jungen. “Sie wird ganz schönen Ärger bekommen.”

Besorgt starrte der Junge in die leere Allee. “Kommt! Wir müssen es ihrer Mutter sagen!” Die Kinder liefen den kleinen Weg entlang, der zum Haus führte.

Als der Junge die Hand nach oben streckte und mit dem Türklopfer kräftig gegen die Tür hämmerte, wachte Autumn auf.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie starrte an die Decke und blinzelte mehrmals, während sich der Traum verflüchtigte. Dann atmete sie zweimal tief durch; der Traum war vorbei. Doch sie konnte sich deutlich an die Bilder erinnern und war immer noch aufgewühlt.

Seufzend warf Autumn einen Blick auf die rot leuchtenden Ziffern des Digitalweckers, der neben ihrem Bett stand. Es war fast sechs Uhr, um diese Zeit stand sie gewöhnlich auf. Sie war Lehrerin einer fünften Klasse an der “Lewis and Clark”-Grundschule. Allerdings hatten gerade die Sommerferien begonnen, und sie hatte bis zum ersten September frei. Sie schaltete den Wecker aus, ehe er klingeln konnte, und schwang die Beine aus dem Bett.

Sie griff nach dem rosa Bademantel, der am Fußende lag, und strich sich durch das kurze rostbraune Haar. Es war von Natur aus gewellt, und nach dem Waschen ließ sie es einfach an der Luft trocknen. In weichen Locken umrahmte es ihr Gesicht. Bei ihrem sportlich-aktiven Lebensstil war der Kurzhaarschnitt mehr als praktisch.

Während Autumn ins Badezimmer ihrer im zwölften Stock gelegenen Wohnung ging, dachte sie über den Traum nach. Beruhte er auf Bildern, die sie im Fernsehen gesehen hatte? Oder auf einem Zeitungsartikel? Und wenn es so war, wieso hatte sie dann schon die dritte Nacht in Folge denselben Traum?

Der dampfende Wasserstrahl in der gläsernen Duschkabine sah verlockend aus. Autumn stellte sich unter den warmen Nieselregen, wusch sich die Haare und genoss die weichen Tropfen auf der Haut.

Nachdem sie einige Minuten vor dem Spiegel ein leichtes Make-up aufgelegt und sich die Haare durchgewuschelt hatte, lief sie zurück ins Schlafzimmer und zog sich an. In Jeans und T-Shirt ging sie ins Wohnzimmer. Der Raum war gemütlich eingerichtet und von Sonnenlicht durchflutet, und auf der einen Seite führten Glasschiebetüren auf einen Balkon, von dem aus man freie Sicht über Seattles Innenstadt hatte.

Mit der Unterstützung ihres Vaters hatte sie die Wohnung vor fünf Jahren gekauft, kurz bevor die Immobilienpreise in astronomische Höhen geschnellt waren. Sie hätte zwar lieber eines der viktorianischen Häuschen in der Altstadt gehabt, doch etwas Größeres als das Apartment hatte sie sich nicht leisten können.

Um der Wohnung das kalte Hochhausflair zu nehmen, hatte sie die Räume mit Antiquitäten möbliert und Spitzengardinen an die Fenster gehängt. Den Teppich im Wohnzimmer hatte sie durch Parkettfußboden ersetzt, den nun geblümte Läufer zierten. Eine der Wände hatte sie zartrosa gestrichen. Das Schlafzimmer war mit Blümchentapete und Himmelbett ausgestattet.

Das Apartment war gemütlich, anders als das große Haus in ihrem Traum. Wie sie in der vergangenen Nacht bemerkt hatte, war es offenbar sehr ausgefallen. Es hatte eine beigefarbene Fassade aus Putz und eine extravagante Ziegelverkleidung. Sie hatte nur einen kurzen Blick erhaschen können, oder zumindest konnte sie sich nicht an mehr Details erinnern. Aber sie hatte das Gefühl, das Haus stehe in einer sehr exklusiven Gegend und die Kinder seien gut gekleidet und wohl behütet.

Mit einem Seufzer griff Autumn nach ihrer Tasche und machte sich auf zum Fahrstuhl im Hausflur. Sie war mit ihrer Freundin Terri Markham bei Starbucks auf einen Kaffee verabredet und würde danach zu Pike’s Gym gehen, wo sie einen Sommerjob angenommen hatte. Eines der Dinge, die sie besonders am Stadtleben liebte, war, dass man alles zu Fuß erreichen konnte: Museen, Theater, Bibliotheken und Dutzende Restaurants und Cafés.

Die Schule, an der sie unterrichtete, lag nur ein paar Blocks entfernt, der Fitnessclub bloß den Hügel hinauf, und Starbucks – ihr Lieblingscafé – war direkt um die Ecke.

Terri erwartete sie schon. Sie war siebenundzwanzig, genauso alt wie Autumn, brünett und etwas größer und kurviger gebaut als ihre zierliche, einen Meter sechzig kleine Freundin. Sie beide waren Singles, beide Karrierefrauen. Terri arbeitete als Anwaltssekretärin bei Hughes, Jones, Weinstein und Meyers, einer der angesehensten Kanzleien der Stadt. Sie hatten sich vor fünf Jahren durch gemeinsame Bekannte kennengelernt. Es heißt, Gegensätze ziehen sich an, und das erklärte womöglich auch, warum eine Freundschaft zwischen ihnen gewachsen war.

Autumn drückte die gläserne Eingangstür des Cafés auf. Im hinteren Teil des Raums sprang Terri auf und winkte.

“Hier bin ich!”, rief sie.

Autumn bahnte sich einen Weg durch von morgendlichen Kaffeetrinkern belagerte Tische, setzte sich auf einen der schmiedeeisernen Stühle und nahm dankbar den fettarmen, doppelten Latte macchiato an, den Terri ihr hinüberschob.

“Danke. Nächstes Mal bezahle ich.” Autumn nahm einen Schluck von dem heißen, schaumigen Getränk, das sie besonders am Morgen so liebte, und sah, wie ihre Freundin hinter dem Pappbecher die Stirn runzelte.

“Ich dachte, du wolltest gestern Abend zu Hause bleiben”, sagte Terri.

“Bin ich auch.” Bei Terris forschendem Blick erklärte Autumn seufzend: “Aber ich habe nicht gut geschlafen, wenn du darauf hinauswillst.”

“Das verraten schon deine Augenringe, Süße.” Sie grinste. “Ich habe auch nicht gerade viel geschlafen, aber ich hatte bestimmt mehr Spaß als du.”

Autumn verdrehte die Augen. Die beiden Frauen waren wirklich grundverschieden. Autumn interessierte sich für Sport und liebte die Natur. Terri hingegen war besessen von Shopping und Mode. Und was Männer anbelangte, hätten sie nicht unterschiedlicher ticken können.

“Ich dachte, du wolltest dich nicht mehr mit Ray treffen.” Autumn trank von ihrem Kaffee. “Hast du nicht gesagt, er sei dumm und langweilig?”

“Ich habe mich auch nicht mit Ray getroffen. Gestern Abend bin ich bei O’Shaunessy’s einem ziemlich heißen Typen begegnet. Todd Sizemore. Es hat sofort gefunkt. Wir haben einander wie zwei Magneten angezogen. Weißt du, was ich meine?”

Autumn schüttelte den Kopf. “Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du dich bessern. Keine One-Night-Stands mehr. Du hast gesagt, von jetzt an willst du einen Typen erst mal kennenlernen und sichergehen, dass er keine Hohlbirne ist.”

“Todd ist keine Hohlbirne – er ist Anwalt. Und der reine Wahnsinn im Bett.”

Anfangs dachte Terri immer, die Typen wären toll im Bett. Die Probleme begannen erst, wenn sie sie näher kennenlernte. Autumn war zu sensibel, als dass sie mit unverbindlichem Sex hätte umgehen können. Terri war da viel extrovertierter und spontaner. Sie traf sich mit so vielen Männern, wie sie in ihrem vollen Terminkalender unterbringen konnte, und schlief mit jedem, der ihr in den Kram passte.

Autumn ging nur selten aus. Außer bei ihren Lehraufträgen – dem an der Grundschule und dem anderen in dem exklusiven Fitnessclub Pike’s Gym, wo sie ihre Leidenschaft, das Klettern, unterrichtete – war sie eher schüchtern.

“Ich weiß also, warum ich keinen Schlaf bekommen habe”, meinte Terri. “Was ist mit dir? Hattest du etwa wieder diesen schrägen Traum?”

Autumn fuhr mit dem kurz geschnittenen Fingernagel den Rand ihres Bechers entlang. “Ja, hatte ich.”

Nach der zweiten Nacht hatte sie Terri von dem Traum erzählt, in der Hoffnung, ihre Freundin hätte irgendetwas gesehen oder gehört, das die ständigen Wiederholungen erklärte.

“Wieder dasselbe? Ein kleines Mädchen namens Molly steigt in ein Auto, und der Typ fährt mit ihr weg?”

“Ja, leider.”

“Das ist seltsam. Die meisten Leute träumen immer wieder, wie sie von einer Klippe stürzen oder ertrinken oder so was.”

“Ich weiß.” Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust blickte sie auf. “Es gibt da etwas, Terri, das ich dir nie erzählt habe. Ich hatte so gehofft, der Traum würde nicht wiederkehren. Dann hätte ich mir darüber keine Gedanken zu machen brauchen.”

Ihre Freundin beugte sich über den Tisch, wobei ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar nach vorn fiel. “Und was hast du mir nie erzählt?”

“Mir ist das Gleiche schon mal passiert – in meinem zweiten Jahr an der Highschool. Ich hatte einen Albtraum von einem Autounfall. Meine zwei besten Freunde saßen in dem Auto. Und noch ein Junge, der neu an der Schule war. Ich träumte, er habe sich auf einer Party betrunken und danach das Auto gegen einen Baum gesetzt. Alle drei kamen dabei um.”

Terri riss die blauen Augen auf. “Wow, das ist wirklich ein Albtraum.”

“Damals habe ich nichts getan. Ich meine … es war ja nur ein Traum, nicht wahr? Und ich war erst fünfzehn. Ich dachte, wenn ich es erzählte, würden mich alle auslachen. Ich wusste, dass mir niemand glauben würde. Ich habe mir ja selbst nicht geglaubt.

“Bitte sag nicht, dass der Traum wahr wurde.”

Die Beklemmung in Autumns Brust nahm zu. Sie sprach nie über diesen Traum. Sie hatte viel zu große Schuldgefühle. Sie hätte etwas unternehmen, etwas sagen müssen. Das hatte sie sich niemals verziehen.

“Es geschah genau so, wie ich es geträumt hatte. Der neue Schüler, Tim Wiseman, lud meine Freunde Jeff und Jolie zu einer Party ein. Tim war ein Jahr älter, und offenbar gab es dort Alkohol. Jeff und Jolie hatten sich vorher zwar noch nie betrunken, aber ich glaube, an diesem Abend haben das alle getan. Auf dem Heimweg fuhr Tim. Es regnete, und die Straßen waren nass und glatt. Tim nahm die Kurve zu schnell, und das Auto rutschte gegen einen Baum. Er und Jeff waren sofort tot. Jolie starb zwei Tage später.”

Terri starrte sie entsetzt an. “Oh Gott …”

Bei der Erinnerung an die unendliche Verzweiflung und Trauer, die sie damals verspürt hatte, schaute Autumn weg. “Ich hätte etwas sagen oder tun müssen, bevor es zu spät war. Dann könnten meine Freunde heute noch leben.”

Terri griff über den Tisch nach Autumns Hand. “Es war nicht deine Schuld. Wie du selbst gesagt hast: Du warst erst fünfzehn, und auch wenn du etwas gesagt hättest – niemand hätte dir geglaubt.”

“Das rede ich mir auch ein.”

“Ist es seitdem denn noch mal passiert?”

“Bis vor Kurzem nicht. Zwei Jahre vor dem Tod meiner Freunde war meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Also dachte ich lange Zeit, das wäre die Ursache für meine Träume gewesen. Aber jetzt glaube ich das nicht mehr. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es diesmal etwas anderes ist. Aber was, wenn nicht? Was, wenn irgendwo da draußen ein kleines Mädchen herumläuft, das bald entführt werden soll?”

“Selbst wenn es so ist, das hier ist etwas anderes. Damals kanntest du die Kinder. Aber jetzt hast du keine Ahnung, wo sich dieses kleine Mädchen aufhält. Selbst wenn es existiert, weißt du nicht, wo du es finden könntest.”

“Vielleicht. Aber wenn ich die Menschen aus dem Traum von damals kannte, kenne ich dieses Mädchen womöglich auch. Ich werde mir Schülerakten und -fotos ansehen. Vielleicht finde ich irgendwo den Namen oder erkenne das Gesicht.”

“Einen Versuch ist es wohl wert.”

“Das denke ich auch.”

“Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag es mir.”

“Danke, Terri.”

“Vielleicht kommt der Traum ja nicht wieder.”

Autumn nickte und hoffte, ihre Freundin hätte recht. Doch ihr ging nicht aus dem Kopf, wie lebendig die Traumbilder jedes Mal waren; wie deutlich sie sich daran erinnern konnte.

Sie trank ihren Kaffee aus und stand auf. “Ich muss los. Um neun fängt der Kurs an, und ich muss mich noch in meine Kletterkluft werfen.”

Terri lächelte. “Vielleicht hast du diesen Sommer ja einen interessanten Schüler. Bei all den gestählten Körpern, die da herumlaufen, muss doch einer für dich dabei sein.”

Autumn ignorierte die Bemerkung, winkte ihrer Freundin zu und ging hinaus. Terri versuchte immer, ihr bei der Suche nach Mr. Right zu helfen. Aber sie machte um die meisten Männer lieber einen großen Bogen. Seit der Highschool hatte sie eine katastrophale Beziehung nach der anderen gehabt. Im College hatte sie sich in Steven Elliot verliebt, einen Kommilitonen an der Washington University. Vom zweiten bis zum vierten Collegejahr waren sie fest zusammen gewesen. Autumn war schwer verliebt gewesen, und sie hatten oft übers Heiraten und über Kinder gesprochen.

Ihre Zukunft schien klar zu sein. Bis zu dem Nachmittag kurz vor den Abschlussprüfungen, als Steven ihr sagte, er wolle die Beziehung beenden.

“Ich liebe dich einfach nicht, Autumn”, sagte er. “Ich dachte, ich würde dich lieben, aber ich tue es nicht. Ich wollte dir nie wehtun, aber ich muss auch an mich denken. Ich hoffe, dass du eines Tages glücklich wirst.” Er ließ sie weinend auf dem Campus stehen, und sie hasste sich dafür, sich überhaupt in ihn verliebt zu haben.

Sie hatte den Abschluss gemacht und noch ein paar Semester bis zur Lehrerqualifikation drangehängt. Aber um über Steven hinwegzukommen, hatte sie Jahre gebraucht.

Während sie an der Ecke darauf wartete, dass die Ampel auf Grün sprang, fröstelte sie in der kräftigen Brise und zurrte den Pullover enger um den Körper. Von der Second Avenue bog sie auf die Third Avenue ab und ging dann weiter in Richtung Pike Street. Trotz der Sonne war die Luft feucht, und am Horizont zogen langsam Wolken auf. Zwar hatte Seattle viel zu bieten, aber es regnete häufig. Doch Autumn hatte sich noch nie am Wetter gestört. Sie war in Burlington aufgewachsen, einem kleinen Ort nördlich der Stadt. Die hübschen Kiefern und der nahe gelegene Ozean waren die Wolken und jeden einzelnen Regentropfen wert gewesen.

Während Autumn einige Blocks hügelaufwärts lief, genoss sie es, wie der Wind an ihrem Haar zerrte. Weiter oben an der Straße nahm das McKenzie-Gebäude einen halben Block ein. Die Modernisierung des alten, sechsstöckigen Baus hatte ein kleines Vermögen gekostet, und nun befand sich darin der Hauptsitz von McKenzie Enterprises, einer Kette für Sportbedarf im höheren Preissegment. Pike’s Gym residierte in der ersten Etage. Einige der übrigen Räume waren von anderen Geschäftsleuten angemietet worden, und im Erdgeschoss lagen zur Straße hin kleine Läden und Boutiquen.

Von ihrem mickrigen Lehrergehalt hätte Autumn die hohen Fitnessclubbeiträge nicht bezahlen können, doch im Austausch für die Kletterkurse, die sie während des Sommers gab, erhielt sie eine Jahresmitgliedschaft. Es machte ihr großen Spaß, anderen die Griffe und Techniken beizubringen, die sie von Kindesbeinen an von ihrem Vater gelernt hatte.

Autumn ging durch die zweiflüglige Glastür in die glänzende Marmorhalle des Gebäudes, vorbei an Jimmy, dem Wachmann, der sie erkannte, ihr zunickte und winkte, und fuhr dann mit dem Fahrstuhl in die erste Etage.

Der Fitnessclub lag hinter einer Glaswand. Autumn stieß die Tür auf.

“Hey, Autumn!” Das war Bruce Ahern, ein Kraftprotz, der jeden Tag mindestens vier Stunden Gewichte stemmte. Der blonde, das ganze Jahr über sonnengebräunte Bruce war ein freundlicher Zeitgenosse, stets fröhlich, jedoch niemals aufdringlich. Er fragte sie nie nach einem Date, sondern schien – ganz im Gegenteil – ihre platonische Bekanntschaft zu genießen.

“Hi, Bruce, wie läuft’s?”

“Wie immer.” Er grinste, wobei sich auf einer Wange ein tiefes Grübchen bildete. Dann wuchtete er eine Hantel mit unglaublich vielen Gewichtscheiben hoch und begann mit seinen alltäglichen Bizepsübungen.

Autumn setzte ihren Weg durch den mit blaugrauem Teppich ausgelegten Fitnessraum fort, vorbei an verspiegelten Wänden. Im Ergometer-Raum unterhielt eine lange Reihe Fernseher Männer und Frauen, die sich auf Fahrrädern verausgabten, die nirgendwo ankamen. Im Hintergrund dudelte Musik aus den 80ern. An anderen Tagen spielten sie Country, dann wieder Hardrock oder Hip-Hop. Was die Musikauswahl betraf, waren die Trainer eher mittelmäßig.

In der Umkleide angekommen, steuerte Autumn auf ihren Spind zu, in dem sie ihr Kletteroutfit aufbewahrte. Sie zog sich eine schwarze Stretchhose an, die war fürs Klettern ideal – nicht zu eng, aber auch nicht so weit, dass sie sie behinderte. Außerdem schlüpfte sie in ein schwarzes T-Shirt und weiche Kletterschuhe aus Leder mit Klettverschlüssen.

Als sie sich umgezogen hatte, verstaute sie Tasche und Straßenkleidung im Spind und machte sich auf den Weg zu ihrer zweiten Kletterstunde in diesem Sommer.

2. KAPITEL

Der Hauptsitz von McKenzie Enterprises erstreckte sich über die gesamte fünfte Etage des Gebäudes. Vom Büro des Firmenchefs hatte man einen fantastischen Blick über die Straßen der Innenstadt bis hinunter zur Bucht.

Hinter einem übergroßen Mahagonischreibtisch saß Ben McKenzie in das halbe Dutzend Akten vertieft, das sich vor ihm stapelte. Sein geräumiges Büro war in dunklem Holz gehalten. Chromteile und burgunderrote Teppiche setzten hier und da Akzente. Hinter seinem Tisch reihte sich Fenster an Fenster, und in einem der glänzenden Mahagonischränke an der anderen Wand befand sich eine eingebaute Bar.

Die Gegensprechanlage summte, und Ben drückte auf den Knopf, woraufhin die Stimme seiner Sekretärin und persönlichen Assistentin Jennifer Conklin ins Zimmer drang.

“Ihr Neun-Uhr-Termin ist da”, sagte sie. “Kurt Fisher von A-1-Sports.”

“Danke Jenn, schicken Sie ihn rein.” Ben erhob sich von seinem Ledersessel und streckte kurz die Arme nach vorn, sodass die Manschetten seines tadellos gebügelten weißen Hemdes unter den Ärmeln des marineblauen Anzugs hervorblitzten. Er trug teure, maßgeschneiderte Kleidung, die sich perfekt an seine große Statur schmiegte. Aber er hatte auch hart gearbeitet, um sich diesen Luxus leisten zu können. Er war ein Mann, der auf Qualität und Design großen Wert legte.

Er blickte zur Tür. Er wusste nicht genau, was Fisher wollte. Immerhin war der Mann Leiter der Strategieabteilung bei A-1-Sports, einer erfolgreichen Warenhauskette für Sportartikel im Niedrigpreissegment, die Unterhaltung konnte durchaus interessant werden. Mit landesweit sechsundsiebzig Filialen – und Neueröffnungen, die täglich wie Pilze aus dem Boden schossen – stellte A-1 eine harte Konkurrenz für McKenzies teurere, qualitativ höherwertige Ware dar. Bislang jedoch konnte er dem Billiganbieter noch ordentlich Paroli bieten.

Die Tür ging schwungvoll auf, und während Jenn wartete, bis Fisher im Büro war, erhaschte Ben einen Blick auf ihre hellbraunen Haare. Jenn war siebenunddreißig Jahre alt, verheiratet, Mutter zweier Kinder und seit sieben Jahren seine Sekretärin, also seitdem er das Unternehmen führte. Sie schloss die Tür hinter Fisher – einem schlanken Mann in den Vierzigern, der den Ruf hatte, ein aggressiver Geschäftsmann zu sein, der ein Nein als Antwort nicht gelten ließ und zu allem bereit war, womit er seine finanziellen Ziele erreichen konnte, die – nach seiner auffälligen Armani-Krawatte zu urteilen – ziemlich hoch gesteckt waren.

“Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?”, fragte Ben. Mit seinen Einssiebenundachtzig war er größer als Fisher, hatte eine breitere Brust, breitere Schultern und auch insgesamt einen athletischeren Körperbau. Beide Männer hatten dunkelbraune Haare, doch Bens waren voller und leicht gelockt.

“Nein danke. Im Augenblick nicht.” Fisher setzte sich auf einen der schwarzen Lederstühle vor dem Schreibtisch. Ben knöpfte seine Anzugjacke auf und setzte sich ihm gegenüber.

“Also, was kann ich heute Morgen für Sie tun, Kurt?” Ben lächelte. Er war stets höflich, hielt sich jedoch nicht lange mit Vorreden auf.

Fisher stellte die lederne Aktentasche auf seinen Schoß, ließ die Schnallen aufspringen und zog eine hellbraune Papiermappe heraus. “Ich glaube, die Frage ist eher, was ich für Sie tun kann.”

Er legte die Mappe auf den Tisch und schob sie zu Ben hinüber. “Es ist überflüssig zu erwähnen, dass es eine Glanzleistung von Ihnen war, McKenzie Sporting Goods zu dem erfolgreichen Unternehmen zu machen, das es heute ist. Wie Sie wissen, war A-1 mit dem Verkauf weniger teurer Ware ähnlich erfolgreich. Das Unternehmen wächst rasant, und unser nächster logischer Schritt wird die Übernahme von Geschäften sein, die teurere und qualitativ höherwertige Artikel verkaufen. Geschäfte wie Ihre, Ben.”

Ben ließ die Worte unkommentiert und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Fisher tippte auf die Mappe. “Da drin liegt ein Kaufangebot für Ihre Filialen, Ben – für alle. Sie wollen es sicher erst Ihrem Rechnungsprüfer und dem Firmenanwalt vorlegen, aber Sie werden feststellen, dass Preis und Konditionen mehr als fair sind.”

Ben dachte nicht eine Sekunde daran, die Mappe zu öffnen, und schob sie zurück über den Tisch. “Kein Interesse. McKenzie Enterprises ist nicht zu verkaufen.”

Fisher lächelte schmallippig. “Alles ist zu verkaufen – es ist nur eine Frage des Preises.”

“McKenzie nicht. Zumindest nicht heute.” Ben stand auf. “Sagen Sie Ihren Leuten, dass ich Ihr Interesse zu schätzen weiß. Falls ich meine Meinung ändern sollte, lasse ich es Sie als Erstes wissen.”

Fisher sah verblüfft aus. “Wollen Sie es sich denn nicht wenigstens mal ansehen?”

“Wie gesagt: kein Interesse.”

Fisher nahm die Akte, steckte sie eine Spur zu energisch in das hintere Fach seiner Aktentasche und erhob sich ebenfalls. “A-1 will Ihre Läden, Ben. Sie werden wieder von uns hören, verlassen Sie sich darauf.”

“Meine Antwort wird dieselbe sein.”

Ohne ein weiteres Wort marschierte Fisher zur Tür.

“Schönen Tag noch”, rief Ben ihm nach und lächelte in sich hinein, als er sich wieder setzte. Dass eine erfolgreiche Firma wie A-1 seine Filialen aufkaufen wollte, zeigte nur, wie viel er geschafft hatte. Aber er hatte auch hart für diesen Erfolg gearbeitet, und noch immer gab es so vieles, was er erreichen wollte.

Seitdem er als Junge seinem Vater im Familienbetrieb McKenzie Mercantile geholfen hatte, einem ländlichen Lebensmittelgeschäft im Mittleren Westen, hatte er gewusst, was er mit seinem Leben machen wollte. Fest entschlossen, aufs College zu gehen, lernte er fleißig, glänzte an der Highschool in fast jeder Sportart und war im letzten Schuljahr sogar Klassensprecher.

Sein Fleiß wurde mit einem Stipendium für die Universität von Michigan belohnt, und die Liebe zum Sport half ihm zu erkennen, in welche Richtung ihn sein beruflicher Weg führen sollte. Unmittelbar nach dem Collegeabschluss bot Nike ihm eine Position im Firmenmanagement an, aber nach einigen Jahren wurde ihm klar, dass er etwas Eigenes aufbauen wollte.

Seine Mutter ging von ihm, als er vierundzwanzig war. Kurz darauf folgte sein Vater ihr und ließ ihn mit dem Familienbetrieb allein. Ben hatte das Geschäft verkauft und war in den Nordwesten gezogen, wo er sein erstes Warenhaus für Sportartikel eröffnet hatte.

Er lächelte. Er war ein genauso guter Geschäftsmann, wie er immer geglaubt hatte, und wie sagte man so schön: Der Rest war Geschichte. Jetzt besaß er einundzwanzig Filialen und hatte den Gewinn wohl überlegt in Aktien und Immobilien investiert. Sein Portfolio belief sich auf einen Nettowert von fünfundzwanzig Millionen Dollar, und es wuchs jeden Tag.

Er lebte das Leben, das er sich immer gewünscht hatte.

Bis vor sechs Jahren jedenfalls. Bis zu dem Jahr, als er seine Tochter Molly verloren hatte. Das Jahr, in dem seine Frau die Scheidung eingereicht hatte. Das Jahr, in dem Verzweiflung und Schmerz ihm fast den Verstand geraubt hatten.

Er hatte – gerade so – überlebt, indem er sich in der Arbeit vergrub. McKenzie Sporting Goods hatte ihm das Leben gerettet, und er würde die Firma niemals verkaufen.

Weder jetzt noch in naher Zukunft.

Autumn stand mit dem Rücken zur Kletterwand im südöstlichen Teil der Sporthalle und sah ihre sechs Schüler an – vier Frauen und zwei Männer.

“Irgendwelche Fragen?”

Heute fand die zweite Stunde eines Klettergrundkurses statt, der sich über den gesamten Sommer erstrecken würde. Sobald die Gruppe gut genug wäre, würden sie Touren ins nahe gelegene Kaskadengebirge unternehmen. Dort würden sie mit dem Bouldern beginnen und schließlich zum Topropeklettern übergehen – sichere und einfache Wege, Vertrauen aufzubauen und die erlernten Fähigkeiten zu verbessern. Vielleicht würden sie sogar ein paar klassische Routen begehen, was etwas schwieriger war.

In der ersten Stunde hatte sie über den Sport an sich und seine Geschichte gesprochen sowie Themen angeschnitten, die es während der nächsten Sitzungen näher zu beleuchten galt: den Körper in Form bringen, richtige Ernährung, angemessene Kleidung; Gefahren im Gebirge; Bewertungsskalen im Klettersport und die korrekte Verwendung der richtigen Ausrüstung.

An diesem Morgen sprachen sie über Wettervorhersagen und Orientierung, was auch den Gebrauch von USGS-Karten und GPS-Geräten einschloss.

“Ich benutze mein GPS ständig”, sagte Matthew Gold, eine Bohnenstange mit struppigem braunen Haar. “Meinst du, ich sollte lieber eine Karte zücken? Ist doch ziemlich altmodisch, oder?”

“Ein GPS ist für uns Klettersportler sehr wertvoll, darüber will ich gar nicht diskutieren. Und einige der neueren Navigationsgeräte sind wirklich fantastisch. Doch eine USGS-Karte vom geologischen Dienst bietet in der Regel viel umfassendere Informationen als die allgemein bekannten Hilfsmittel. Die Karten verzeichnen Vegetation, Flüsse, Bäche, Schneefelder und Gletscher, Straßen, unbefestigte Wege und zudem weit weniger sichtbare Dinge wie Gebietsgrenzen. Lernt besser, sie zu lesen, denn sie könnten euch den Hintern retten, wenn eure Planung mal in die Hose geht.”

Ein paar Kursteilnehmer kicherten.

“Auf dem Tresen dort liegen Kartenauszüge. Da die meisten von euch wandern, seid ihr mit dem Umgang vermutlich schon vertraut. Schaut euch die Karten an, und geht noch mal durch, was wir besprochen haben. Versucht die Angaben zu verstehen. Und falls ihr Hilfe braucht, fragt mich einfach.”

Die Schüler standen vom Boden auf und schlenderten zum Tresen. Autumn hielt sich für Fragen bereit, und als nach und nach alle Kursteilnehmer gegangen waren, schlüpfte sie in ihre Shorts und ging in den Kraftraum, um ihr morgendliches Workout durchzuziehen.

Normalerweise trainierte sie vor dem Kurs, manchmal jedoch auch am Abend. Im Grunde war es ihr egal, solange sie die Übungen regelmäßig machte. Als Klettersportler musste man in Form bleiben. Ihr kleiner Körper war fest und durchtrainiert, die Arme und Beine muskulös. Dennoch hatte sie hübsche runde Brüste – zwei ihrer weiblichsten Rundungen –, und sie war stolz darauf, wie sie in Shorts oder im Bikini aussah.

Für gewöhnlich trainierte sie vier- bis fünfmal die Woche, jeweils neunzig Minuten lang. So hatte sie die Wochenenden frei, um zu klettern oder um einfach zu entspannen und etwas Schönes zu unternehmen.

Nachdem sie an diesem Tag Stepper und Kraftmaschinen besiegt hatte, duschte sie, zog sich an und machte sich auf die Suche nach Hinweisen auf das geheimnisvolle Mädchen, das ihr im Traum erschienen war.

Sie hatte beschlossen, in der nahe gelegenen Schule anzufangen. Dort liefen zurzeit die Sommerkurse, für die Autumn sich jedoch nicht zur Verfügung gestellt hatte. Der Sommer gehörte ihr, und sie liebte jede einzelne Minute. Sie stieß die Tür zum Hauptgebäude der Verwaltung auf, einem zweistöckigen Flachdachbau aus roten Ziegelsteinen, und ging ins Büro ihrer Freundin Lisa Gregory, die dort als Sekretärin arbeitete.

“Hi, Lisa! Entschuldige die Störung, aber kannst du mir vielleicht einen Gefallen tun?” Lisa war eine hübsche Frau Anfang dreißig mit kurzen braunen Haaren. Sie arbeitete gewissenhaft und war stets freundlich.

“Kommt auf den Gefallen an.”

“Ich muss die Akten im Schulcomputer einsehen. Ich möchte mir die Fotos der Mädchen zwischen fünf und sieben Jahren ansehen.”

“Und wozu?”

“Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Schülerin. Ich weiß, wie sie aussieht, kenne ihren Namen aber nicht. Ich bin noch nicht mal sicher, ob sie an der Lewis and Clark ist.”

“Darf ich fragen, warum du das tust?”

“Lieber nicht. Selbst wenn ich es dir sagen würde – du würdest mir nicht glauben. Aber ich muss unbedingt herausfinden, wer sie ist. Hilfst du mir? Du kennst dich mit Computern viel besser aus als ich.”

“Na klar. Solange ich keine Schwierigkeiten bekomme …”

Gemeinsam gingen sie ins Hinterzimmer, und Lisa setzte sich an einen der Bürocomputer. Die Schule war stolz auf ihre Spitzentechnologie. Alles wurde digital erfasst und jährlich aktualisiert.

“Was weißt du denn noch von ihr außer ihrem Alter?”, erkundigte sich Lisa, während sie die Informationen eingab. “Vielleicht können wir die Suche eingrenzen.”

“Ich weiß, dass sie blond ist und blaue Augen hat. Ich glaube, ihr Vorname ist Molly. Abgesehen von dem geschätzten Alter ist das leider alles.”

“Jedes Detail ist hilfreich.” Lisa tippte die Daten ein, klickte auf die “Suchen”-Schaltfläche und wartete auf die Ergebnisse. Der Computer spuckte mehrere Seiten mit Fotos von Schülerinnen aus, auf die wenigstens ein paar der Suchkriterien passten. Autumn sah sich jedes Gesicht genau an. Einige der Mädchen hatte sie auf dem Schulhof gesehen, aber keines kam ihr bekannt vor. Keines hieß Molly, und keines hatte Ähnlichkeit mit dem kleinen Mädchen aus ihrem Traum.

“Umfasst die Suche auch frühere Jahrgänge?”, fragte Autumn. “Vielleicht war die Schülerin im letzten Jahr hier und ist dann mit ihren Eltern weggezogen.”

“Wir haben die Namen und Fotos. Allerdings müssten wir das Alter korrigieren, wenn du glaubst, dass sie erst sechs ist. Dann war sie im letzten Jahr fünf.”

Autumn seufzte. “Sie könnte genauso gut jünger oder älter sein. Ich weiß es nicht.” In Wahrheit hatte sie keine Ahnung, ob das kleine Mädchen überhaupt existierte.

“Ich zeige dir die Fotos der letzten drei Jahre, dann kannst du sie nach dem Mädchen durchsehen.”

“Danke, Lisa.”

Sie sichtete die Bilder, jedoch ohne Erfolg. Nachdem Autumn sich jedes Kind gründlich angesehen hatte, richtete sie sich mit steifem Nacken wieder auf.

“Tja, das ist alles”, meinte Lisa.

“Ich bin dir wirklich sehr dankbar für deine Hilfe, auch wenn wir sie nicht gefunden haben.”

Lisa rutschte mit ihrem Stuhl vom Computer zurück. “Verrätst du mir jetzt, warum du dieses Mädchen suchst?”

Autumn sah ihre Freundin aufmerksam an, während sie abwog, ob sie ihr die Wahrheit sagen sollte oder nicht. Sie seufzte. “Ich habe von ihr geträumt. Das Seltsame ist, dass ich immer wieder denselben Traum habe: Ein Mann, den sie nicht kennt, überredet sie, in sein Auto zu steigen, und fährt mit ihr davon. Kurz danach endet der Traum, aber ich habe das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird. Ich habe mir überlegt, sie zu suchen und ihre Eltern zu warnen. Natürlich weiß ich, dass es nur ein Traum ist, der wahrscheinlich nicht wahr wird.”

Lisa steckte sich über dem Ohr einen Bleistift ins hellbraune Haar. “Aber er könnte wahr werden. So was sieht man doch andauernd im Fernsehen.”

Autumn entspannte sich und lächelte. “Das habe ich auch gedacht. Danke für dein Verständnis.”

“Sicher. Viel Glück – so oder so.”

Autumn nickte und ging zur Tür. Auf dem Heimweg schaute sie jedem kleinen Mädchen, das ihr entgegenkam, genau ins Gesicht. Womöglich hatte sie das Kind auf der Straße gesehen. Aber keines der Gesichtchen kam ihr bekannt vor.

Als sie zu Hause ankam, war sie müde.

Und bei der Suche nach dem kleinen Mädchen noch keinen Schritt weiter als am Morgen.

In jener Nacht hatte Autumn wieder den Traum. Genau denselben wie in den vergangenen drei Nächten, wenn er auch von Mal zu Mal detaillierter wurde. Diesmal erkannte sie, dass der Mann mit dem Welpen blond und hellhäutig war. Er hatte ein freundliches Lächeln und Lachfalten in den Augenwinkeln.

Und der kleine rothaarige Junge hieß Robbie. Sie hörte, wie eines der anderen Kinder ihn so nannte. Doch wie zuvor wachte Autumn an der Stelle auf, als der kleine Rotschopf die Hand ausstreckte und den Türklopfer betätigte. Und wie zuvor erstarb die Warnung an das blonde Mädchen, die ihr auf den Lippen lag, als sie realisierte, dass es nur ein Traum gewesen war.

Sie lehnte sich gegen das weiße, schmiedeeiserne Kopfende ihres Himmelbetts und fuhr sich mit der Hand durch das schweißnasse Haar. Sie versuchte sich einzureden, dass sie nichts Schlimmes gesehen hatte – nur ein kleines Mädchen, das in ein Auto einstieg –, aber sie konnte sich nicht vorstellen, warum ein Mann ein offensichtlich fremdes Kind von dessen Freunden und Familie weglocken sollte, wenn nicht aus niederträchtigen Beweggründen.

Es war zwei Uhr morgens. Autumn legte sich wieder hin und versuchte einzuschlafen, doch Stunde um Stunde verstrich. Dann endlich packte sie die Erschöpfung, und sie fiel in einen unruhigen Schlaf.

3. KAPITEL

Es war Dienstag. An diesem Morgen gab Autumn keinen Kletterkurs. Da sie glaubte, ein hartes Workout würde ihren Kopf freipusten, den müden Körper beleben und die verdrehten Gedanken entwirren, machte sie sich auf den Weg zum Fitnessclub. Danach würde sie Joe Duffy anrufen, einen Kletterkumpanen und Freund, der für die Seattler Polizei arbeitete.

Als sie kurz vor Mittag zurück in ihrer Wohnung war, hinterließ sie Joe eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Er arbeitete zwar im Kommissariat Einbruch und Diebstahl, doch sie ging davon aus, dass er ihr trotzdem helfen könnte. Sie wollte ihn bitten, ihr Einblick in die Liste der registrierten Pädophilen aus dem Raum Seattle zu gewähren. Vielleicht würde sie den blonden Mann aus ihrem Traum wiedererkennen.

Sie dachte gerade darüber nach, wie sie ihm ihr Anliegen erklären sollte, ohne den Traum zu erwähnen, als das Telefon klingelte.

Es war Joe. “Hey, Süße, was gibt’s?”

“Du musst mir einen Gefallen tun, Joe.” Jetzt kam die Notlüge, die sie mehr schlecht als recht hervorbrachte. “Äh … kurz vor den Sommerferien habe ich in der Nähe des Schulhofs einen Mann herumlungern sehen. Damals dachte ich mir nichts dabei, aber inzwischen frage ich mich, ob ich wohl mal in eure Akten schauen könnte … Du weißt schon, die mit den Fotos der bekannten Pädophilen aus dieser Gegend. Ich will nur sichergehen, dass er keiner von ihnen ist.”

“Klar. Ich sage dem Sergeant, dass du einen Blick in die Verbrecherkartei werfen möchtest. Wann willst du herkommen?”

“Wie wär’s mit heute Nachmittag?”

“Geht klar. Komm einfach nach … sagen wir nach vierzehn Uhr vorbei. Bis dahin müssten die Jungs alles vorbereitet haben.”

Um Viertel nach zwei betrat sie das moderne Gebäude in der Virginia Street, in dem die für den westlichen Bezirk zuständige Abteilung des Seattle Police Department untergebracht war. Sie nannte dem diensthabenden Sergeant Joes Namen und wurde den Flur hinuntergeschickt. Joe, ein dunkelhaariger Mann mit rotem Gesicht, der behauptete, mindestens zur Hälfte Ire zu sein, erwartete sie bereits.

“Hey, Autumn, schön, dich zu sehen.”

“Finde ich auch, Joe.”

“Das fällt zwar nicht in meinen Bereich, aber einer der Jungs hat die Sachen zusammengestellt. Heutzutage geben wir ja alles in den Computer ein, aber wir haben auch noch Fotos – damit tun sich Laien nicht so schwer.” Joe führte sie in ein Zimmer, und sie nahm an einem Tisch Platz, auf dem sich mehrere Alben stapelten. Sie schlug das erste auf und fing an, durch die Seiten voller Bilder zu blättern. Einige Männer sahen sehr rüde aus – mit Ohrringen, lange Bärten und strähnigem Haar –, andere hingegen wirkten vollkommen harmlos. Das waren vermutlich jene, vor denen man sich besonders hüten musste.

Sie verbrachte fast zwei Stunden damit, sich durch die Fotoalben zu wühlen, doch keins der Gesichter kam ihr auch nur im Entferntesten bekannt vor. Das ist nun schon der zweite gescheiterte Versuch, dachte sie auf dem Weg aus dem Gebäude.

Doch irgendwie war sie auch froh.

Es ist nur ein Traum, sonst nichts. Und selbst wenn nicht, du hast alles getan, um die Geschehnisse zu verhindern.

Sie versuchte, sich davon zu überzeugen, aber der Zweifel nagte weiter an ihr. Am Abend nahm sie eine Schlaftablette und schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen.

Zum ersten Mal seit Tagen erwachte Autumn erholt und ausgeschlafen. Sie bedankte sich bei der kleinen Pille, die den Albtraum abgewehrt hatte, und betete, er möge niemals wiederkommen. Sie beschloss, ihr Morgentraining ausnahmsweise einmal ausfallen zu lassen, kuschelte sich in die Kissen und gönnte sich noch ein wenig Schlaf.

Heute müsste sie den Klettergrundkurs und ein paar Einzelstunden am Nachmittag geben – die brachten zusätzliches Geld. Später, sobald Terri Feierabend hätte, würde sie sich mit ihr im Fitnessclub treffen. Ihre Freundin war zwar kein Mitglied bei Pike’s Gym, nutzte gelegentlich jedoch einen der Gästepässe, die Autumn im Rahmen ihrer Trainertätigkeit erhielt. Allerdings trainierte sie nicht gerade besonders intensiv, sondern sah sich lieber die Männer an.

Um sechs Uhr machte sich Autumn auf den Weg zum Studio. Sie hoffte, vor Terris Ankunft noch ein paar ernsthafte Übungen zu schaffen. Denn sobald sie da wäre, säßen sie nur noch an einem der Tische in der Health Bar und tränken Smoothies.

Sie hatte gerade ihre Oberschenkelmuskulatur geschunden – Muskeln, die fürs Klettern enorm wichtig waren –, als sie ihre Freundin erspähte. Terri trug einen engen schwarzen Gymnastikanzug und ein pink-schwarzes, in der Taille gebundenes Top. Sie sah atemberaubend aus. Wann immer sich die Gelegenheit bot, trug sie ihren wohlproportionierten Körper mit Vergnügen zur Schau.

“Hallo z’samma!” Terri winkte und kam auf sie zu. In Virginia geboren und im Westen aufgewachsen, war von ihrem Südstaatenakzent kaum noch etwas zu hören. Nur hin und wieder holte sie ihn aus Spaß hervor.

“Wie ich sehe, bist du bereit zu schwitzen”, neckte Autumn sie. Sie wusste genau, dass Terri nichts ferner lag.

“Na logisch, Süße. Ich schließe nur schnell meine Tasche ein. Bin gleich zurück.” Sie verschwand für wenige Minuten und zog die Blicke mehrerer Männer auf sich, als sie an ihnen vorbeiging. Während sie in der Umkleide war, betrat Josh Kendall, Autumns Kletterpartner, die Halle.

“Hey, Autumn, wie hängt’s?”

Autumn lächelte bei Joshs Lieblingsbegrüßung und antwortete wie immer: “An den Daumen, Josh, und bei dir?” Sie hatten sich vor zwei Jahren bei einer Vier-Mann-Klettertour im Kaskadengebirge kennengelernt. Josh war hoch aufgeschossen und schlaksig mit sandblondem Haar und Sommersprossen. Er sah nicht umwerfend gut aus, aber auf seine Weise interessant.

“Steht unsere Tour am nächsten Wochenende noch?”, erkundigte er sich.

“Aber klar doch. Ich freue mich schon riesig darauf. Ich kann es kaum erwarten, den Castle Rock in Angriff zu nehmen.”

“Geht mir genauso.”

Ein Kletterpartner musste jemand sein, dem man sein Leben anvertrauen würde, denn genau das tat man. Autumn hatten Joshs Kletterkünste imponiert und umgekehrt. Also hatten sie beschlossen, zusammen eine Route zu klettern, und festgestellt, dass sie extrem gut miteinander harmonierten. Sie beide waren geprüfte Klettertrainer, und im Sommer ergriffen sie jede Gelegenheit, um in die Berge zu fahren – wenn sie gerade keine Kurse oder Privatstunden gaben.

Sie waren befreundet. Eng befreundet. Das brachte das Klettern irgendwie mit sich. Autumn fühlte sich sicher bei Josh – in jeglicher Hinsicht. Doch sie wusste, dass er in ihr lediglich eine Kletterpartnerin sah, nicht mehr. Terri war diejenige, die er wollte. Wann immer sie den Raum betrat, zog sie seine Aufmerksamkeit auf sich. Wenn Autumn daran dachte, dass Terri ihn nur als Freund betrachtete und sich das in naher Zukunft auch nicht ändern würde, tat er ihr immer wieder leid.

Joshs Blick schoss zu der wohlgeformten Brünetten, die auf ihn zuschlenderte. Terri wiegte provozierend die Hüften, während sie sich genüsslich die Typen ansah, die an den Geräten ihre Muskeln spielen ließen.

“Hi, Terri”, begrüßte Josh sie mit einem etwas zu breiten Grinsen.

“Hi, Josh.”

“Wie sieht’s aus?”

“Gut. Großartig sogar.” Sie wandte sich von ihm ab, als wäre er nicht da, und beugte sich zu Autumn, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. “Siehst du den Adonis an dem Bizepsgerät?”

Autumn schaute in diese Richtung. “Ja.” Er war ihr schon häufiger aufgefallen, allerdings hatte sie ihm keine besondere Beachtung geschenkt.

“Und, wie heißt er, Süße? Ist er verheiratet?”

“Woher soll ich das wissen?”

Terri verdrehte die Augen. “Mein Gott, du bist unmöglich.”

Sie starrten beide den Adonis an, an dessen Armen sich die Konturen seiner Muskeln abzeichneten, als er die Gewichte zusammendrückte. Josh räusperte sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

“Ich … äh … gehe dann wohl besser. Bis nächste Woche, Autumn.”

“Ruf mich Ende der Woche an, dann gehen wir die Tour noch mal durch.”

“Klingt gut.”

“Sag mal, Josh … du kennst nicht zufällig den Typen da drüben in der Ecke?”, fragte Terri.

Josh folgte ihrem Blick. “Nicht persönlich, aber ich kenne sein Bild aus der Zeitung. Ihm gehört der Laden hier. Das ist Ben McKenzie.”

Terris dunkle Augenbrauen schossen in die Höhe. “Was du nicht sagst.”

Sie geiferte schier, und Josh sah aus, als würde er dem Kerl am liebsten beide Handgelenke brechen. “Wie gesagt, ich gehe dann mal besser.” Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf Terri machte er sich auf zur Kletterhalle.

Terri nahm den Raum in Augenschein, die langen Reihen schwarz-weißer Übungsgeräte, Reihen mit Laufbändern – jedes mit einem eigenen Fernsehbildschirm – und ganz hinten vor der Spiegelwand die Regale mit schweren, verchromten Langhanteln.

“Ich bin bereit, wenn du es bist”, sagte sie. “Wollen wir da drüben anfangen?” Sie zeigte auf den Bereich, in dem Ben McKenzie jetzt rücklings auf einer schwarzen Vinylbank lag und eine mit Gewichten beladene Langhantel stemmte.

Autumn taxierte ihn einen langen Augenblick. Terri hatte recht. Der Mann war umwerfend. Er hatte nicht nur ein unglaublich hübsches Gesicht, sondern auch einen schlanken, durchtrainierten Körper, der aussah, als treibe er eher Sport an der frischen Luft, als sich im Fitnessstudio aufzupumpen. Er hatte gepflegtes, dichtes dunkelbraunes Haar, ein kantiges Kinn und dunkelbraune Augen. Er trug Shorts und Turnschuhe. Über seiner kräftigen Brust spannte sich ein Muskelshirt, und Autumn sah gelockte dunkelbraune Brusthaare darunter hervorlugen.

“Nett, was?”, sagte Terri.

“Sehr nett.”

“Vermutlich verheiratet und vierfacher Vater.”

“Mindestens.”

Terri seufzte. “Wäre es nicht schön, wenn es nicht so wäre?”

“Ich dachte, du bist ganz verrückt nach Todd.”

Terri warf ihr einen vielsagenden Blick zu. “Ich habe dabei auch eher an dich gedacht.”

Autumn lachte. “Aber klar doch.”

Terri lächelte bloß. Sie begannen im Fahrradraum, wo sie gerade so viel strampelten, dass ihr warm wurde, sie aber nicht ins Schwitzen geriet. Von dort ging es zu den Geräten.

“Ich habe wirklich an dich gedacht”, bekräftigte Terri, als sie die Hanteln in die Luft schob und Arme und Schultern trainierte. “Seitdem ich mit Todd zusammen bin, sehe ich mich nicht mehr nach anderen Männern um.”

Zumindest im Moment stimmte das vermutlich sogar. Terri war wirklich eine gute Freundin und immer auf der Suche nach einem Mann für Autumn. “Selbst wenn der Adonis Single ist – einem Typen wie dem laufen die Frauen doch von morgens bis abends scharenweise nach.”

“Du hast recht”, stimmte Terri mit Bedauern zu.

Sie trainierten fast eine Stunde lang – ein Rekord für Terri – und kehrten dann auf einen sämigen Beerensmoothie in die Snackbar ein. Terri wollte am Abend zu Hause bleiben und Pizza bestellen. Natürlich würde Todd ihr Gesellschaft leisten.

Autumn verließ das Studio, ging nach Hause und füllte einen Teller mit den Resten, die von ihrem Sonntagshähnchen noch übrig waren. Sie trug das Essen ins Wohnzimmer und kuschelte sich auf das unordentliche Sofa vor den Fernseher.

Da sie am nächsten Morgen einen Kletterkurs geben musste, ging sie früh ins Bett. Sie erwog kurz, eine Schlaftablette zu nehmen, entschied sich wegen ihrer Aversion gegen Medikamente jedoch dagegen.

Stattdessen hoffte sie, das Glas Weißwein, das sie zu ihrem behelfsmäßigen Abendbrot getrunken hatte, würde ihr als Einschlafhilfe dienen – und jegliche Träume verjagen.

Es regnete, die Luft war schwer und nebelig. Im Haus war es warm, die Küche erfüllt von dem Dunst, der aus einem Topf, in dem irgendetwas köchelte, aufstieg. Drei Frauen bewegten sich mit geübter Leichtigkeit, sie bereiteten das Abendessen zu. Eine Familie, dachte Autumn irgendwo in den Tiefen ihres Kopfes. Alle waren blond und hellhäutig, Mädchen und Frauen verschiedenen Alters, die älteste war Ende dreißig, sie alle waren hübsch.

Autumn sah den Frauen zu, wie sie Gemüse schnitten und Biskuitteig ausrollten. Sie sprachen nicht viel, während sie ihre Arbeit verrichteten. Dann nahmen sie Tassen und Teller aus den Schränken und deckten den Küchentisch.

Vielleicht hätte Autumn weitergeträumt, wenn sich nicht genau in dem Moment die jüngste der Frauen – ein Mädchen von elf, zwölf Jahren – zu ihr umgedreht und sie direkt angeschaut hätte. Sie erkannte das hübsche, ovale Gesicht, die sanften blauen Augen und langen, seidigen Wimpern; das hellblonde Haar, das sich weich um die schmalen Schultern lockte.

Die blauen Augen starrten in ihre, und der Schmerz, der darin lag, katapultierte Autumn aus einem tiefen, hypnotischen Schlaf.

Mit klopfendem Herzen und schwitzigen Händen setzte sie sich ruckartig auf. Das war sie! Das Mädchen, Molly! Das kleine Mädchen, von dem sie schon zuvor geträumt hatte, nur dass es kein Mädchen mehr war, sondern fast ein Teenager. Autumn war ganz sicher.

Zitternd stand sie auf. Es war erst halb drei, aber sie war hellwach, ihr Mund war trocken, und ihr Herz schlug viel zu schnell. Traumbilder wirbelten in ihrem Kopf durcheinander. Sie strich sich das rosa Seidennachthemd glatt, tapste ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Mit zitternden Händen füllte sie das Glas am Waschbecken mit Wasser und nahm einen großen, beruhigenden Schluck.

Ihr rastloser Kopf spulte wieder und wieder die Bilder ab, die sie gesehen hatte. Wenn es dasselbe Mädchen war – und davon war Autumn überzeugt –, war sie um die elf, zwölf Jahre alt. Wie war das möglich?

Sie versuchte, sich die erste Traumserie ins Gedächtnis zu rufen, in der das Kind viel jünger war. Gab es in dem Traum irgendeinen Anhaltspunkt für eine Jahreszahl? Nein, nichts, woran sie sich erinnern konnte. Dennoch: Wenn das Kind damals fünf oder sechs war und jetzt elf oder zwölf, lag die Entführung – sofern es eine gegeben hatte – mindestens sechs Jahre zurück.

Das alles war schon ziemlich verrückt. Bestimmt war der heutige Traum nicht mit dem Albtraum aus ihrer Jugendzeit zu vergleichen, und trotzdem …

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Milch ein und nahm es mit zum Sofa. Sie zog die weiche, von ihrer Großmutter gehäkelte Wolldecke von der Sofalehne, legte sie sich über die Beine, lehnte sich zurück und ging den Traum in Gedanken noch einmal durch.

Vielleicht war der heutige Traum wirklich nur ein Traum. Ein echter Traum, der ganz und gar der Fantasie entsprang.

Vielleicht war auch keiner von beiden wahr.

Autumn leerte das Milchglas und streckte sich auf dem Sofa aus. Wenn sie weiterträumte, sähe sie das Mädchen womöglich als erwachsene Frau, die ein glückliches Leben führte. Dann bräuchte sie sich nicht länger um sie zu sorgen.

Vielleicht lag sie völlig falsch, und anders als zuvor war oder würde nichts Schlimmes geschehen. In die warme Decke gekuschelt, schlief sie endlich ein. Und begann sogleich wieder zu träumen.

Drei Frauen arbeiteten in der Küche, das kleine Mädchen war kein Kind mehr, sondern älter. Es bekam allmählich Brüste, einen weiblicheren Körper. Und als es Autumn ansah, lag in seinen Augen wieder so viel Schmerz, dass Autumn aufwachte.

Sie lag mit hämmerndem Herzen auf dem Sofa, erschöpft und noch besorgter als zuvor. Das war nicht nur ein Traum. Das war eine Botschaft – genauso wie damals mit fünfzehn.

Sie durfte sie nicht wieder ignorieren. Sie würde nicht noch einmal tatenlos herumsitzen und etwas Furchtbares geschehen lassen. Gütiger Gott, wenn sie doch nur wüsste, was sie tun sollte.

4. KAPITEL

Es war früh am Morgen, fast schon Zeit aufzustehen. Während Autumn wach auf dem Sofa lag und an die Zimmerdecke starrte, zogen die Traumbilder an ihrem geistigen Auge vorbei. Wenn es dasselbe blonde Kind aus dem ersten Traum war, die kleine Molly, vielleicht war es dann eins von Tausenden Kindern, die vermisst und nie gefunden wurden. Womöglich bat sie Autumn um Hilfe.

Aber wenn es so ist, warum ausgerechnet jetzt? Warum haben die Träume nicht schon vor Jahren angefangen? Bislang hatte sie das Mädchen offenbar nicht einmal gekannt. Die ganze Sache war ziemlich verwirrend.

Hundemüde und in Gedanken immer noch bei dem Traum, schlug sie die Wolldecke zurück und ging ins Badezimmer, um zu duschen und sich für die Kletterhalle fertig zu machen. Sie brauchte körperliche Betätigung, um den Kopf frei zu kriegen. Nach dem Mittagessen würde sie zwei Einzelstunden geben und sich gegen halb sechs mit Terri auf ein paar Drinks in O’Shaunessy’s Bar und Grill treffen, einem Lokal der gehobenen Preisklasse, das auf Terris Liste der Lieblingsbars auf den oberen Plätzen rangierte.

Der Tag verging wie im Flug. Autumn war pünktlich in der Bar, doch Terri verspätete sich – wie üblich. Als sie eintraf, nippte Autumn bereits an einem kühlen “Kendall Jackson”-Chardonnay und entspannte sich allmählich.

Lächelnd bahnte sich Terri den Weg durch die Menge an Bar und Tischen. Bei Autumn angekommen, hängte sie die Tasche über die Lehne eines der Stühle, die rings um den winzigen Tisch standen, und winkte die Kellnerin heran.

“Ich brauche unbedingt einen Cosmo, Rita. Nach einem Tag wie diesem habe ich mir redlich einen verdient.”

“Kommt sofort, Süße.” Rita huschte mit auf der Schulter abgestütztem Tablett und wogenden Hüften davon und kam nur wenige Minuten später mit dem Drink zurück. Terri war Stammgast und wurde stets prompt bedient, und auch Autumn fühlte sich in dem lebhaften Pub wohl.

Terri nahm einen Schluck aus dem vor Kälte beschlagenen, langstieligen Martiniglas. “Und, wie war dein Tag, liebe Freundin? Meiner war beschissen.”

Autumn schlürfte ihren Wein. “Mein Tag war gut. Aber die letzte Nacht war übel.”

Terri verdrehte die Augen. “Sag nichts. Der Traum, stimmt’s?”

“Ja … und nein.”

“Okay, erzähl’s mir.”

“Ich hatte einen anderen Traum von derselben Person.”

“Was?”

Sie nickte. “Keine Ball spielenden Kinder im Garten, kein kleiner Junge namens Robbie. Diesmal war das Mädchen fünf oder sechs Jahre älter … vielleicht elf oder zwölf. Kein Kind mehr, aber auch noch kein richtiger Teenager, glaube ich.”

“Wow, das ist echt irre. Und du glaubst immer noch, dass diese Träume etwas zu bedeuten haben?”

“Wahrscheinlich bin ich verrückt, aber ja. Womöglich ist die kleine Molly in das Auto eingestiegen, und der Mann ist mit ihr weggefahren, so wie im Traum. Aber er hat sie nicht umgebracht – das ist unmöglich, wenn sie in dem zweiten Traum älter ist. Ich glaube, er hat sie vielleicht einfach irgendwohin verschleppt.”

“Vielleicht träumst du ja weiter von ihr, bis sie erwachsen ist, und alles ist gut.”

“Daran habe ich auch schon gedacht. Natürlich ist das möglich, aber …”

“Aber was?”

“Aber ich glaube nicht, dass das geschehen wird. Ich glaube … ich weiß auch nicht, aber ich glaube, Molly versucht verzweifelt mir eine Art Botschaft zu übermitteln. Ich glaube, sie bittet mich um Hilfe.”

Terri taxierte sie. “Das ist ziemlich weit hergeholt, findest du nicht? Wenn sie tatsächlich versucht, Kontakt zu dir aufzunehmen, wieso hat sie dann so lange gewartet? Warum hat sie dir diese angebliche Botschaft nicht schon vor fünf oder sechs Jahren geschickt?”

Autumn strich sich eine Locke hinters Ohr. “Ich weiß es nicht.”

“Du musst zugeben, dass das alles ziemlich verrückt klingt.”

“Ohne Zweifel.” Mit den Fingern fuhr sie an den feinen Wasserperlen entlang, die sich durch den kalten Wein an ihrem Glas gebildet hatten. “Wenn damals nicht die Sache an der Highschool passiert wäre, würde ich dem gesamten Mist gar keine Beachtung schenken.”

Terri runzelte die Stirn. “Der Autounfall … oder? Ich verstehe, was du meinst.”

“Das Verrückte ist – warum ist es damals geschehen? Und wieso geschieht es jetzt?”

Da keine von beiden eine Antwort wusste, ignorierte Terri die Frage. “Weißt du, was du meiner Meinung nach tun solltest? Sieh doch mal in den alten Zeitungen nach, ob vor fünf oder sechs Jahren ein kleines Mädchen entführt wurde. Falls ja und wenn es Molly hieß …”

“Das ist es!” Autumn straffte die Schultern. “Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Ich muss nur ein paar Variablen offen lassen. Vielleicht habe ich ihr Alter falsch geschätzt, also muss ich eine größere Zeitspanne in meine Suche einbeziehen. Vermutlich stehe ich in irgendeiner Verbindung zu ihr, sonst würde das alles nicht geschehen. Ich werde mit der Suche also hier in Seattle beginnen.”

“Auch wenn es nicht funktionieren sollte, verlieren kannst du ja nichts.”

“Eine hervorragende Idee.” Falls Autumn mit ihrer Ahnung richtig lag, war es auf jeden Fall einen Versuch wert.

In dem Moment blickte Terri auf und fing an zu lächeln. “Todd ist gerade hereingekommen. Ist er nicht umwerfend?”

Todd war definitiv ein gut aussehender Kerl, groß und blond, ein Brad-Pitt-Verschnitt. Aber Autumn zweifelte daran, dass hinter der hübschen Fassade noch mehr steckte.

Terri stellte sie einander vor, und die drei plauderten eine Weile. Todd hielt der Prüfung stand. Er schien höflich und intelligent zu sein. Doch für ein endgültiges Urteil war es noch zu früh.

Autumn stand auf. “Hört mal, ich muss los. Ich muss morgen früh einen Kurs geben. War schön, dich kennenzulernen, Todd.”

“Finde ich auch, Autumn.”

Terri warf ihr einen vielsagenden Blick zu. “Halt mich wegen deiner … Recherche auf dem Laufenden, ja?”

“Wird gemacht.” Autumn verließ die Bar und machte sich auf den Heimweg. Die Sonne versank gerade im Wasser, und zwischen den Gebäuden konnte man einen Blick aufs Meer erhaschen. Doch der schöne Schein trog – die Gegend, in der sie lebte, war nicht die beste. Durchreisende bevölkerten die nahe gelegene Bushaltestelle, und auf der Straße wurde mit Drogen gedealt, aber die Wohnung war erschwinglich gewesen und lag nur wenige Blocks von Museen und Theatern entfernt. Außerdem wandelte sich die Innenstadt zusehends zum Besseren. Autumn liebte Seattle. Nirgendwo sonst wollte sie lieber leben.

Als sie ihren Apartmentkomplex erreichte und mit dem Fahrstuhl in den zwölften Stock fuhr, legte sich die Dämmerung über die Stadt. Sie grillte ein Schweinekotelett auf einem Rost, weil es sich so fettärmer zubereiten ließ, und setzte sich vor den Fernseher. Die Sitcoms waren immer recht unterhaltsam. Nachdem sie sich ein paar angesehen hatte, begann sie zu gähnen und ging ins Bett.

Sie nahm diesmal bewusst keine Schlaftablette, da sie hoffte, ein Traum würde ihr weitere Informationen liefern – auch wenn die Vorstellung von tiefem und erholsamem Schlaf sehr verlockend war.

Schon bald schlummerte sie ein und hatte wieder den Traum.

Von ihrer Wohnung bis zur Seattle Times in der John Street war es ein ordentlicher Fußmarsch, und so beschloss Autumn, dort anzurufen, ehe sie aufbrach. Die Empfangsdame bei der Times teilte ihr mit, dass sich das Archiv nicht im Gebäude des Zeitungsverlags, sondern in der Zentralbibliothek befand. Nach einem weiteren Telefonat stellte sich heraus, dass diese in der nahe gelegenen Forth Avenue lag. Man sagte ihr, sie finde dort Zeitungsausgaben, die bis ins späte 18. Jahrhundert zurückgingen.

Im Raum Seattle gab es diverse Tageszeitungen, doch die Times war die größte. Wenn in der Stadt oder der näheren Umgebung ein Kind entführt worden ist, dachte Autumn sich, hat die Seattle Times mit Sicherheit darüber berichtet.

Ihr kam der Gedanke, dass sie für gewöhnlich die Nachrichten verfolgte, sei es in der Zeitung oder im Fernsehen, also hätte sie es eigentlich mitbekommen müssen, wenn in der Nähe etwas Derartiges geschehen war. Andererseits reiste sie, sooft es ging. Es war gut möglich, dass sie nicht in der Stadt gewesen oder es einfach an ihr vorbeigegangen war.

Die Dame am Informationsschalter kam an den Counter. Sie hatte silbergraues Haar, das Gesicht war zu stark gepudert, und auf den Wangen klebten zwei rosa Rougeflecken.

“Kann ich Ihnen weiterhelfen?”

“Ich würde mich gern in Ihrem Zeitungsarchiv umsehen. Ich bin auf der Suche nach Kindern, die eventuell als vermisst gemeldet wurden. Und zwar während der letzten sieben Jahre.” Zwar kannte sie Mollys genaues Alter nicht, aber dieser Zeitrahmen musste eigentlich groß genug sein.

“Sicher. Folgen Sie mir bitte.”

Autumn ging hinter der älteren Dame her in ein Hinterzimmer voller Apparaturen.

“Alles, was weiter zurückliegt, ist auf Mikrofilm gespeichert. Darauf finden Sie Kopien aller gedruckten Zeitungen sowie eine alphabetische Liste der Themen. Geben Sie einfach ‘vermisste Kinder’ ein, dann müssten Sie die gewünschten Informationen erhalten.”

“Vielen Dank.”

Autumn setzte sich und machte sich an die Arbeit. Sie ging fünf Jahre zurück, falls Molly damals sechs und heute elf war. Auch Autumn hatte zu jener Zeit bereits in Seattle gelebt, und vermutlich hatte sie sie während dieser Zeit irgendwo gesehen.

Sie fand haufenweise Artikel. Doch leider schien nichts auch nur im Entferntesten mit einem kleinen Mädchen namens Molly zu tun zu haben. Es gab viele Berichte über Kinder, die als vermisst gemeldet und wieder gefunden worden waren. Eins war in den Bergen verschollen und von örtlichen Suchtrupps gerettet worden.

Sie versuchte es mit den Zeitungen von vor vier Jahren und fand einen Bericht über einen Pädophilen namens Gerald Meeks, der wegen sexueller Belästigung und Mordes an mehreren Kleinkindern verurteilt worden war, doch Mollys Name tauchte – Gott sei Dank – nicht auf.

Dann ging sie ins Jahr 2001 – demnach wäre das Kind damals sechs gewesen und heute zwölf. Autumns stärkste Vermutung. Sie blätterte durch die Sommerausgaben und las hier und da ein paar Wortfetzen, als sie plötzlich den Artikel sah. Die Schlagzeile lautete: Mädchen aus Issaquah vermisst. Die Zeitung war vom 30. Juni 2001, und das Mädchen war einen Tag vor Erscheinen der Zeitung verschwunden.

Gestern verschwand am späten Nachmittag ein sechsjähriges Mädchen aus dem elterlichen Garten, stand in dem Bericht. Laut Zeugenaussagen spielte das Kind mit Freunden Ball, als ein unbekannter Mann auf dem Gehweg auftauchte.

Der Artikel beschrieb die weiteren Geschehnisse sowie das vermisste Mädchen: lange blonde Haare, blaue Augen, trug Jeans, Turnschuhe und ein lila T-Shirt mit einem Aufdruck von Barney, dem Dinosaurier.

Auch ein Foto war abgedruckt. Autumn erkannte sie auf den ersten Blick. Unter dem Bild stand ein Name: Molly Lynn McKenzie.

Autumn verkrampfte sich so sehr, dass sie Schwierigkeiten hatte zu atmen. Ihr Herz schlug wie verrückt, als wollte es aus ihrer Brust herausspringen. Das Kind existierte wirklich. Der Traum war echt. Die Entführung hatte sich tatsächlich ereignet.

Autumn wurde schummrig. Sie sah sich noch einmal das Datum an. Jenen Sommer hatte sie bei ihrem Dad in Burlington verbracht, bevor sie die Lehrstelle in Seattle angetreten hatte. Vermutlich hätte sie den Artikel trotzdem gelesen, da er bestimmt in allen Lokalzeitungen erschienen war, doch ausgerechnet im Juni war sie mit einer Gruppe Klettersportler durch Europa gereist – ein Geschenk, das sie sich selbst zum Abschluss gemacht hatte.

McKenzie? McKenzie? Warum kam ihr der Name nur so bekannt vor?

Dann traf es sie wie ein Blitzschlag – sie hatte ihn erst vor wenigen Tagen gehört. Josh hatte ihn erwähnt, als sie und Terri im Fitnessclub trainiert hatten.

Autumn überflog den Bericht und fand im Nu die entsprechende Information: Molly Lynn McKenzie war die Tochter von Sportartikelhändler Ben McKenzie und seiner Frau Joanne, beide wohnhaft in Issaquah, Washington, einer Stadt im Vorgebirge nur wenige Kilometer östlich von Seattle.

Allmählich setzten sich die Puzzleteile zusammen. McKenzie war ihr erst vor Kurzem im Studio aufgefallen. Sie dachte scharf nach. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie ihn zum ersten Mal in dem Zeitraum gesehen, als sie anfing, von Molly zu träumen.

Den Blick auf den Monitor geheftet, drückte sie fieberhaft auf die Vorwärtstaste, um in der Zeit nach vorn zu springen. Ein Artikel nach dem anderen war über die kleine Molly verfasst worden – Interviews mit ihren Eltern, die verzweifelte Suche nach ihr. Während sie die Seiten überflog, betete sie, das Kind mochte gefunden worden sein. Doch tief im Innern wusste sie es besser.

Laut der Times hatte sich die Suche über Wochen erstreckt. Jedoch waren die Berichte mit der Zeit immer spärlicher gesät. So, wie es sich für Autumn darstellte, war nie ein Hinweis auf den Verbleib des Kindes gefunden worden.

Vor ihrem geistigen Auge erschien ein Bild des attraktiven Ben McKenzie. Wie verzweifelt mussten er und seine Frau gewesen sein, als sie ihr kleines Mädchen verloren. Ein Stich fuhr ihr durch die Brust. Sie durfte sich den Schmerz, den unerträglichen Kummer, den sie erlitten haben mussten, gar nicht erst vorstellen. Sie musste mit Ben McKenzie sprechen und so viel wie möglich über den Vorfall in Erfahrung bringen.

Falls Molly noch immer als vermisst galt …

Sie druckte die Zeitungsartikel aus, bezahlte die Ausdrucke und verließ das Gebäude. Sie musste Ben McKenzie sehen und eventuell auch mit seiner Frau sprechen. Sie musste wissen, ob man in den vergangenen sechs Jahren irgendetwas über Molly herausgefunden hatte. Sobald sie zu Hause wäre, würde sie in McKenzies Büro anrufen und um einen persönlichen Termin mit ihm bitten.

Gott allein wusste, was sie sagen würde.

Ben beendete die Telefonkonferenz, die er mit dem stellvertretenden Leiter seiner Finanzabteilung, George Murphy, und Russ Petrone, einem Immobilienmakler aus Issaquah, geführt hatte. Die Stadt war Bens Zuhause, seit er in die Gegend gezogen war. Dort hatte er sein erstes Geschäft eröffnet.

Laut Russ – einem langjährigen Freund, der ihm und Joanne ihr Haus verkauft und ihm später geholfen hatte, das Gebäude für McKenzie Sporting Goods zu pachten – war seine verkaufsstärkste Filiale in Gefahr. Offenbar hatte sein Konkurrent A-1-Sports im Umkreis von zwei Blocks herumgeschnüffelt und ein Kaufobjekt ausfindig gemacht. Schenkte man den Gerüchten Glauben, lag die Immobilie direkt gegenüber der Issaquah-Filiale, und A-1 machte ernst zu nehmende Anstalten, sie zu kaufen.

Fluchend legte Ben den Hörer auf und lehnte sich in seinem schwarzen Lederstuhl zurück. So ein Aasgeier! Er glaubte nicht eine Sekunde, dass A-1 in der Gegend wirklich eine Filiale eröffnen wollte. Aber er glaubte sofort, dass sie es täten, wenn sie meinten, ihn so zum Verkauf der McKenzie-Kette drängen zu können. Mit den niedrigen Preisen war A-1 ein starker Konkurrent. Die Leute liebten es, Schnäppchen zu machen, selbst wenn die Qualität der Ware zu wünschen übrig ließ.

In der Sportwelt waren Billigprodukte nicht nur wenig strapazierfähig, sie konnten zudem auch gefährlich sein.

A-1 war definitiv ein Problem, das Ben würde lösen müssen.

Die Gegensprechanlage summte. “Ihr Halb-Sechs-Termin ist da”, sagte Jenn.

“Wer war das noch gleich?”

“Eine Frau namens Autumn Sommers. Sie sagt, sie möchte Sie in einer persönlichen Angelegenheit sprechen. Sie baten mich, sie am späten Nachmittag einzuplanen.”

Er versuchte, sich an den Namen zu erinnern, aber er war ihm unbekannt. Seit seiner Scheidung hatte er ein paar Affären gehabt, jedoch nie etwas Ernstes. Er wollte keine richtige Beziehung und spielte stets mit offenen Karten. Aber er mochte das weibliche Geschlecht und liebte Sex. Und die Frauen, mit denen er sich traf, schienen damit kein Problem zu haben. “Schicken Sie sie rein.”

Als sich die Tür öffnete, stand er auf und sah eine kleine junge Frau Ende zwanzig, hübsch, aber keineswegs atemberaubend, nicht so wie die Models und Filmsternchen, mit denen er sich gelegentlich umgab. Er stand auf kurvige Blondinen, und die hier war zierlich und dunkelhaarig, schien allerdings einen hübschen Busen zu haben.

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