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Engel im Herbst mit Orangen

Schau Michèle: ein Fahrplan

Rühr dich nicht

Sonst fliegt er fort

Wir wollen dankbar sein

Für jedes bißchen Präzision

Ach, ein bißchen Präzision in dieser Wildnis.

Max Goldt

DER 88. JANUAR

aber die strände klarer, kühler tage

sind selten und kostbar.

Gerhard Falkner

Weißglut

Und dann kam der Januar. Ein riesiger

Kerl. Jesus! Ein Kreuz

wie ein Kühlschrank.

In einem Mantel

aus zertrampeltem Schnee kam er,

stellte Prost Neujahr sturznüchtern den Fuß

in die Tür, wollte Geld und sah uns ernst an.

Mit einem Schlag waren wir still.

Irgendetwas trommelte mit harten Knöcheln

gegen unsere Wände und Einwände. Etwas

wie Weißglut wischte durch die Nacht eines

anderen Himmels und ließ uns kalt

zurück. Ich

war ein schlechter Vorname in diesen Tagen:

Zu groß. Hallte wie ein Treppenhaus, wenn man ihn rief.

Auf den Stufen kam Ich

ins Stolpern. Im Fallen zog mein

ganzes Leben an meinen Augen vorbei.

Bruchteile

von Sekunden, aber selbst die

verdammt uninteressant.

Narkosenamen fallen auf die Namen

von Landschaft und Zeit. Schnee-

weiß und weich geht das Fremde

schräg durch Gesichter. Nennen wir’s

damals, als wir so schwer verglückt waren

und der Himmel noch Bunt stiften ging.

Wir gehn entzwei zu Ich und Du

Kein Tod ist so leicht wie Entfernung.

Du hast die Schwerkraft des Erinnerns

gut aufgehoben: Nichts fällt mir ein

als Narkosenamen auf die Namen

von Landschaft und Zeit.

Schnee.

Springtime

Höchste Zeit für die Zeit,

da der März durch die Milchstraßen fährt,

die Wintermäntel, die skalpierten Wohnblocks.

Springtime sagen die Engländer,

springt an und schon hängen der Stadt

hellblonde Strähnen in die Stirn aus frühem Licht.

Dann blüht ein Kaufrausch

und Farben trachten Frauen nach dem Leben.

Kühlerhauben springen auf. Motoren springen an.

Überall öffnen sich Adern.

Und manche platzen auf wie rote Tulpen

wenn sie springen. Springtime sagen die Engländer.

Kaltes, klares Wasser läuft über meine Hände

und du fragst mich, warum ich den Januar liebe.

Schau, sag ich, weil er ein Scheißkerl ist. Nie

kannst du dich auf ihn verlassen. Stehst du in

Hut und Mantel, kommt er unter falschem Namen

mit krokusfarbenem Hemd und einer Sonnenbrille

groß wie Ungarn. Und dann wieder strenger als

Erich von Stroheim: Eisigen Blicks, wenn er die

Küste abschreitet in preußischen Stiefeln und

den Nordwest knallen läßt überm Jadebusen, daß

Hamburg die Röcke rafft.

Wenn er Laune hat, schüttelt er Los Angeles

aus den Lumpen, der Lump, da tobt er über die

Highways, lachend und lärmend, da stürzen

Impalas und Chevrolets zuschanden. Doch noch

in derselben Nacht, acht Beben später, zieht

man ihn zitternd und lallend aus dem

Andreasgraben.

Manchmal aber will er einfach nur still

und weiß und Januar sein. Wie er im Ausweis

steht mit all seinen Vornamen: Schnee, Eis,

Verwehung. Ein leises Betäubungsmittel für

Städte und Straßen. Doch wer ihn einen warmen

Bruder heißt, dem droht er mit Winterlähmung

von der Hüfte abwärts, da fuchtelt er mit

Fäusten und Frösten von München bis Murmansk

knackt er alles zwischen seinen klirrenden

Knöcheln. Mögen den Spöttern die Lippen

zerplatzen und die Autos zerspringen, der
Januar wird sich das Recht des ersten Monats

nehmen und das noch junge Jahr beflecken

mit wüsten Schneeausschweifungen.

Bloß in diesem Jahr steht er herum wie ein

aufgetauter Kühlschrank, als reiße er seine

Zeit ab. Um genau zu sein: einunddreißig

Blätter, die vom Kalender wirbeln. Als stehe

nichts in seiner Macht, keine kalte Pracht

aus sibirischen Flüchen und knirschenden, vom

Reif überzuckerten Wiesen. Nur dieses müde

Winken vom Balkon, mit dem er der Welt seinen

Regen erteilt. Und kaum ist er weg, platzt schon

sein Vize herein, der farblose Februar. Auch der

ein Scheißkerl, sagst du, nur nicht so lang.

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