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Endzeit DDR

Wirklich nicht alles ist so

So ist nicht alles wirklich

Nicht alles ist wirklich so

Ist so nicht alles wirklich

ein Kieselstein wollte nicht mehr Kiesel sein und wusch sich rein

Und machte sich rar und ward nicht mehr da

Ende vom Lied

Kiesel betrübt

Und ich bin nun müd

Inhaltsverzeichnis

Betonwelt - Kleine Hamburger 2

Die letzten Tage

Nachtangst

Schattenspiele

M/L

Versuche über Nasthasia

Kinobesuch

Der Wanderer

Kindheit – 1. Mai

Erinnerung an L

Großvaters Grab

Zwischen siebzehn und achtzehn Uhr

Zwei Netze Kohlen

Bericht über meinen fiktiven Tod

Intensivstation

Angst

Weiße Blätter

Live (Ein Volksstück nach Tatsachen)

Was Besseres – Jochen

Wie ich ein ordentlicher Mensch wurde

Herbstregen

Bekenntnisse

Annaberg

Fotografie eines jungen Mannes

Gegenwärtig für Elke

Sein ist besser als Nichtsein

niemand geht hinter mir

Das Unmögliche

schwerelos

Der Versuch wegzulaufen

Ekel

Aufenthalt

Erster Brief

Läuterung

Des Rätsels Lösung? Wo? Wie?

Jutta

unberührt

Besucher

Der letzte Fremde

Kristina

Du bist gekommen

Alltag Berlin-Ost

Es ist Liebe

Sterne

Ein ganz normaler Tag

Die Zeit der lästigen Fliege

Sitzen, warten

Vogelflug

Der gelähmte Schrei

Ein Song über L.A.,

Selbstmörder

Deine Augen, keine Sterne

Der Pflicht gehorchen

Spontantourist

Weingläser

Nachsaison auf Hiddensee

Wie viele Schritte noch

Zu früh geboren

Theater – Provinz – Theater

Brecht vor dem BE

Über den Autor

Betonwelt - Kleine Hamburger 2

Die Welt war in Ordnung. Ich stand auf dem Balkon im 12. Stock des großen Wohnhauses, in unmittelbarer Nähe zum Fernsehturm, der in der Spandauer Straße gerade neu errichtet war wie das ganze blitzsaubere Zentrum dieser Stadt. Ich schaute über die Streckenführung der S-Bahn, die wie eine Stadtmauer, meine Welt umschloss. Sie trennte meine helle und weite Betonwelt fein säuberlich von dem grauen Häusermeer dahinter. Mit 16 spielte meine Fantasie verrückt. In ihr hätte alles Alte Neubauten weichen sollen. Das Alte hatte keine Chance! Nur den grünlich schimmernden Kirchturm der Sophienstraße wollte ich, in entsprechender Umrahmung natürlich, in seiner alten Existenz belassen. Bäume, wohl dosiert, sollten auch sein, doch ansonsten nur geradlinige Straßen, viel Glas und Beton und möglichst hoch sollte alles werden.

Meine Jugend verlief im schönen Teil der Stadt. Zwischen Wohnhaus, dem Café „Tutti Frutti“, der Schule in der Rochstraße zur neuen Markthalle und die Einkaufspassagen in der Rathausstraße, das war schon alles, zentralbeheizt und vor allem aus Beton.

Nur selten überkam mich jene Neugierde, die einen veranlasst, sein Umfeld weiter als nötig zu erforschen. Gelegentlich schickte mich meine Mutter auf die andere Seite zum Hackeschen Markt oder in die Oranienburger Straße. Feindesgebiete zum Einkaufen. Das war Feindgebiet und ich durchschritt nur mit Widerwillen mein Stadttor, das gleichzeitig den Ein- und Durchgang des S-Bahnhofs Marx-Engels-Platz darstellte. Ich beeilte mich und passte nur auf, dass ich nicht in Hundedreck trat oder einem Besoffenen in die Quere kam. Denn ich befand mich im Ghetto der Köter und Asozialen, die den Sprung in die neue Zeit verschlafen hatten. Damit verloren sie für mich jede Art von Existenzberechtigung. Heil nach Hause gekommen, stieg ich wieder auf den Balkon und beendete mein Planspiel mit der totalen Vernichtung der Barbaren, denen ich soeben gerade noch entkommen war.

In den nachfolgenden Jahren ließen meine grandiosen Balkonbetrachtungen allmählich nach. Ich verlor das Interesse daran und hatte einen Frieden ausgehandelt, der mich diesen fremden Teil der Stadt akzeptieren ließ. Aber noch eine andere Tatsache nötigte mich, ab meiner vollendeten Pubertät, eine gewisse Anpassung vorzunehmen. Die wichtigste Frage beim Kennenlernen eines Mädchens in den wenigen Diskotheken, die es in der Stadt gab, war, wo sie wohnte und nach dem Beruf ihrer Eltern, doch ich fand, dass die Mädchen von dort einfach hübscher waren. Außerdem wurde aus einer Ahnung die Feststellung, dass ich wahrscheinlich zu einer verschwindenden Minderheit gehören musste, die, obwohl ich auf der Seite der Guten stand, bei den meisten unbeliebt war oder zumindest Misstrauen erweckte.

Meine Mutter charakterisierte den Geschmack ihres Jungen als einen Drang nach Unten, für mich war es eher eine Frage des biologischen Gleichgewichts. Außerdem hatte ich die Stimme meines Lehrers im Ohr, die mir und meiner Klasse die Gleichheit unserer neuen Gesellschaftsordnung verkündete. Ich konnte mich als Avantgarde der neuen Sache fühlen und hatte somit alle Argumente gegen meine Mutter auf meiner Seite.

Die Gleichheit aller bekam ich Anfang Zwanzig unverhofft um die Ohren geschlagen. Im Wohnungsamt saßen die aus dem anderen Teil auf der anderen Seite und hatten sich ihre kleine Macht erobert. An dieser Stelle versagte die beste Position und ganz schnell wurde mir klar gemacht, was ich sei, nämlich ein Antragsteller. Doch dank unserer Macht erzielten wir zumindest einen kleinen Erfolg, eine kleine Wohnung für mich, mittendrin im üblen Dreh, Ecke Wilhelm-Pieck-Straße, Kleine Hamburger Straße, dort wo in der Linienstraße früher die Nutten und Ganoven zu Hause waren. Meine Mutter tröstete mich, ich solle nicht den Mut verlieren, fleißig studieren, mich engagieren, den Rest machen sie schon. Die anschließende Wohnungsbesichtigung verlief derart frustrierend für meine Eltern, dass ich sie nur einmal in drei Jahren in meinem Reich begrüßen konnte. Wir schauten aus der Hinterhofwohnung auf die bröckelnde Fassade der Brandmauer eines anderen Hauses. Ich stand am Wohnzimmerfenster und sah ihre betretene Mine, die gerade über Eck am Küchenfenster stand. Doch meine Wohnung hatte einen Raum für ein Bad mit Oberlichtern über der Tür und war recht weitläufig. Sie vermittelte etwas von Freizügigkeit und eine Ahnung von einer anderen Lebenskultur, als die, die- ich bisher kannte. Meine Fantasie spielte wieder verrückt; denn hinter einem Verschlag in der Küche befand sich ein zweiter, später noch nützlicher Ausgang zur Treppe des Seitenflügels. Entgegen meinen Erwartungen verliebte ich mich nach dem ersten Schock sofort in diese Räume, obwohl mir klar war, dass ich den ganzen Tag das Licht brennen lassen musste.

Ich muss wahnsinnig gewesen sein. Sofort packte ich meinen Kram in der elterlichen Wohnung zusammen, nahm ohne Schmerz vom Jugendzimmer Abschied und mein letzter Gedanke muss der gewesen sein, dass ich etwas langweiliges, geschmackloses verlasse. Das Neue verhieß Spannung, experimentieren mit sich selbst, Bewegung. Ich zog mit den Überresten meines vergangenen Lebens in das kleinere Zimmer und begann mit dem Ausbau meiner Wohnung. Nichts funktionierte! Das Bad und die gesamte Elektrik mussten neu installiert werden, von den Wänden rieselte der Putz, die Fenster schlossen nicht - ich war naiv, denn wie sollte ich wissen, dass sich die zuständige Behörde einen Dreck um diese Wohnungen scherte, dass kein Material vorhanden war und die Handwerker keine Lust hatten. Nur einmal tauchte ein Maurer auf. Betrunken torkelte er von Wand zu Wand, klopfte hier und klopfte da und lallte, „das fällt sowieso alles bald zusammen, völlig sinnlos anzufangen.“ Daraufhin verschwand er und kam nie wieder.

Am Anfang fand ich das lustig, die Verzweiflung und Wut kam erst viel später. Ich handwerkelte so gut es ging, lief mir die Fußsohlen nach den Sanitäranlagen ab, bestach den Klempner und kam so einigermaßen gut voran.

Obwohl ich mir wie Hans im Glück vorkam, konnte ich nicht übersehen, dass ich ganz alleine da stand. Mit der Arbeit in meinem Grundberuf hatte ich im Juni aufgehört, um im Herbst das alles verheißende Studium zu beginnen. Die vermeintlichen Freunde aus der Berufsschulzeit blieben zurück, darüber war ich nicht traurig, nur irgend etwas fehlte. Diesem Neubeginn fehlte eine feine Würze. Allmählich nervte mich der Schutthaufen im Wohnzimmer und die abgeweichten Tapetenreste, dieser ganze Baukram so sehr, dass ich beschloss, eine Woche auszuspannen. Ich lief auf dem kürzesten Weg zurück in mein vertrautes Reich, geradewegs tapste ich ganz gegen meine Gewohnheit in die Disko im „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz. Ich wurde unsicher. Dieser Rummel war mir nicht mehr vertraut. Ich muss ergänzen, diese Chiki - Micki - Diskothek gehörte bis dahin nicht unbedingt zu meinem Erlebnisfeld. Mir zitterten die Knie. Der ganze Glimmer, die Selbstsicherheit der Typen, diese coolness, die aufgemotzten Frauen, all das entsetzte und faszinierte mich zugleich. Ich wusste nicht wohin mit meinen Händen und als ich das Gefühl hatte, restlos einzubrechen, rettete ich mich an die Bar. dort hielt ich mich an einem Glas Gin Tonic fest. Eine verruchte Frauenstimme sprach mich an und hauchte: „Würden Sie mir bitte Feuer geben!“. Nervös reichte ich ihr das brennende Streichholz. Ich sah ihr in die Augen. Grün waren sie und eiskalt, nur bei ihrem „Danke“ schaute sie mich kurz und ohne weitere Regung an. Anschließend bekam ich nur noch ihr Profil zu sehen. Wie sie den Zigarettenrauch genussvoll inhalierte, ihn gleichmäßig durch ihre vollen Lippen wieder ausspie, diese gelangweilte Haltung, so als wolle sie sagen, „wie seid ihr mir alle doch egal“, und ihr Körper, umschmiegt von einem engen schwarzen Seidenkleid, ihre schwungvollen Beine, diese schmalen Fesseln, die in den eleganten schwarzen Absatzschuhen verschwanden, diese Frau war mehr als ein Weltwunder für mich. Und diese Frau hatte mich um Feuer gebeten! Ich war mit den Gepflogenheiten nicht vertraut und rätselte deshalb, ob es vielleicht von ihr eine Aufforderung war. Ja, es musste eine gewesen sein, denn ich kam zu dem Schluss, dass solch eine dumme Frage nur eine Aufforderung gewesen sein musste, zumindest hatte ich solch eine Szene in einem Film so verstanden. Nach einem zweiten Glas gab ich mir einen Ruck, nahm meinen ganzen Restmut zusammen und fragte sie, was sie hier macht. Dafür hätte ich mich gleich selbst ohrfeigen können. Ich wollte gerade in den Erdboden versinken als sie mir erstaunlicherweise eine Antwort gab. Aggressiv fauchte sie, „ich amüsiere mich!“ Sofort war mein Eis gebrochen und ich ging zum Angriff über. Es erschien mir als meine Pflicht, ihr eine Moralpredigt über den Sinn des Lebens zu erteilen und wie verwerflich es demnach sei zu behaupten, sich hier amüsieren zu können. Jedenfalls wich ich ihr mit meinem Gequatsche nicht mehr von der Seite, auch als sie einer der Machos anquatschte, mischte ich mich in das Gespräch und glaubte sie aus seinen Klauen befreien zu müssen. Deshalb tanzte ich mit ihr, musste ihr allerdings dabei klar machen, dass ich nicht, wie es hier üblich schien, sie danach an die Bar zu einem Cocktail einladen würde.

Sie musste einen sehr schlechten Tag erwischt haben, dass sie mich derart ertrug. Ihr Name war Kerstin. Ich begleitete sie noch bis zur S-Bahn. Beim Abschied stand ich erneut wie ein Idiot herum und wusste nicht wie ich sie nach einem Wiedersehen fragen sollte. Als es endlich heraus war, lächelte sie zum ersten Mal und sagte ja.

Der Heimweg durch die finsteren Gassen ähnelte dem Trainingspensum eines Sportlers. Ich rannte, sprang in die Luft, atmete tief durch und musste plötzlich laut lachen. Ich konnte es einfach nicht fassen, diese Frau wollte mich wiedersehen! Bis dahin waren meine Erfahrungen auf diesem Gebiet äußerst traurig. Ja, ich hatte das Gefühl als erwachte ich aus einer Geschmacksverirrung, die ich erst jetzt wirklich begriff. Mein Anspruch war gelinde gesagt bisher unter aller Sau, gepaart mit meiner Genügsamkeit und meinem Mitleid. Denn fand ich Eine ausgesprochen gut, war diese garantiert mit einer Freundin unterwegs, die wenig Erfolg bei Jungens haben musste. Die schaute mich dann beim Anbandeln mit ihrer schöneren Freundin sehnsüchtig an, so dass ich mich mehr mit ihr beschäftigte als mit meiner Auserwählten.

Bei der entstand ein vollkommen falscher Eindruck und sie freute sich, dass ihre hässliche Freundin endlich auch einmal Beachtung fand. So begann jedesmal eine Kette an Missverständnissen und Irrtümern, die ich nun endlich beendet hatte. Kerstin schlug alle: gut aussehende oder deren verkorksten Anhang um Längen und ich musste lachen, selbst über meine enttäuschendste Eroberung bisher. Diese nymphomane Verkäuferin aus einem schäbigen Eckladen, die sich während eines Telefongesprächs mit mir als ich sie aus der Kaserne anrief, im Beisein zweier Typen eine Pepsiflasche reindrehte und mir dabei durch den Hörer ein „ich liebe dich, komm doch bald nach Haus“, stöhnte. Auf sie war ich lange hereingefallen bis mich ihre beiden Flaschenhalter unmissverständlich aufgeklärt hatten.

Das alles, meine glücklose Zeit, meine Betonbetrachtungen waren endlich ausgestanden, das idiotische Geschwätz meiner Mutter prallte an meiner neuen Wirklichkeit ab und Kerstin wollte zu mir in meine erste eigene Wohnung ziehen.

1980

Die letzten Tage

Gründonnerstag. Kaum etwas deutete auf Leben. Der Tod schrie durch die Mäntel und Lederjacken. Warenhaus. Selbst die unterschiedlichsten Parfüme vermochten nicht den Geruch von Fäulnis gänzlich zu vertreiben, weder die frischen Frisuren noch das Make Up, das Starre der Totenmasken zu retuschieren. Nur die unbeschwerte Einfachheit der Kinder linderte etwas die aussichtslose Ignoranz ihrer Bewacher. Die Lust am Entdecken wurde rechtzeitig mit der sprechenden Puppe oder dem ferngesteuerten T54 gelähmt. Ausschau haltend nach der Sättigung leerer Bedürfnisse, hastete die Mehrheit nervös, gereizt und rücksichtslos aneinander vorbei.

Die Lautsprecher verkündeten wohldosierte verführerische Angebote der einzelnen Verkaufsabteilungen. „Osterzeit - erfreuen sie ihre Partnerin mit Erzeugnissen aus dem Hause Florena … Sommerzeit - luftige Blusen und Kleider in der zweiten Etage“.

Ich war mittendrin, auf der Suche nach einem Geschenk für Kerstin. Mein Kopf dröhnte, kreischte, schrie, schüttelte Arme und Beine. In den Regalen aufgehäufter, zur Schau gestellter Wohlstand - für mich war nichts dabei. Am Ausgang verkaufte ein Mann für 4,50 Mark Tulpen ohne preisfördernde Orchideen. Ich kaufte einen Strauß und fuhr mit der nächsten S-Bahn nach Hause.

Hagelkörner schlugen auf das Fensterbrett. Ich schaltete sämtliche Lampen ein, drehte im Bad den Wasserhahn auf und kühlte das Gesicht.

Kerstin wollte ihre Wohnung in Ordnung bringen und erst am Abend zu mir kommen. Rotwein lag im Kühlschrank und die Tulpen standen im Wasser. Früher Abend. Die Zigaretten waren aufgeraucht. Ich lief zu dem kleinen Café, kaufte eine Packung „Juwel“, kleine rote Augen verfolgten meinen Weg zur Tür. Draußen riss ich das Silberpapier auf und zündete mir eine Zigarette an.

Sporadisch vorbeifahrende Autos, sonst Dunkelheit.

Am Haus einer alten Schulkameradin machte ich Halt. Kerzenlicht, sie war zu Haus. Wir redeten über damals, ihre Diplomarbeit, Musik, Karl Marx, Erich Honecker, über Leonhard, ihren Sohn.

Wieder vor meiner Wohnungstür, fand ich einen Zettel! „Es ist nicht das erste Mal in der letzten Zeit, kein Zettel wo du bist, wann du kommst. Ich bin in meiner Wohnung. Du brauchst nicht mehr zu kommen. Ich bin morgen Mittag bei Dir.“ Es war halb Zwölf abends. Ich hatte mich um anderthalb Stunden verspätet. Im Bett rauchte ich eine Zigarette, schlief mit einem bleiernen Kopf ein.

Karfreitag. Jesus sprach: „Vergib ihnen: denn sie wissen nicht was sie tun! Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu.“ (Lukas 23)

In der Nacht hatte es geregnet. Das Frühstück bestand aus Kaffee und belegten Broten. Danach räumte ich die Küche auf und wusch Wäsche. Kerstin kam. Ich fragte wie es ihr geht. Sie antwortete „gut“. Ich ging in das Bad und spülte die Wäsche. Als ich zurückkam, lagen Naschereien im Ostergras unter den Tulpen, ein Blatt Papier und der Ring lagen daneben. Ich setzte mich auf das Sofa, besah den Tisch, sah aus dem Fenster, nahm eine Zigarette, zündete sie an und nahm ihre Zeilen. „Ich glaube wir haben uns beide geirrt. Wir kennen uns nicht, wir sind uns fremd. Ich dachte, Du hättest einige Worte zum gestrigen Abend zu sagen, aber nichts. Du gehst darüber hinweg…“

Ich ging wieder in das Bad, füllte die Trommel der Waschmaschine mit Bettwäsche, schaltete auf „waschen“ und wartete auf Montag.

1980

Nachtangst

Nacht, wie bist du heut?

Bist dunkler als sonst,

unheimlicher,

bringst die Angst zu mir,

malst Gespenster, würgst meine Kehle,

treibst den Schweiß auf die Stirn,

gibst nicht die Kraft

für den kommenden Tag.

Doch beim ersten zarten Sonnenstrahl

musst du weichen,

ist dein böser Zauber besiegt.

2./3.8.78

Schattenspiele

Kerze, du könntest

Plaudereien Liebender

An die Wand projizieren,

du könntest auch,

auf den Baum gesteckt,

Friedensfeste erhellen,

aber so wirfst du

meinen Schatten gegen

die Wand, der mir

gegenübersteht,

mich auslacht, doch

ich gehe auf ihn zu

und siehe, er wird

kleiner.

Mein Schatten schweigt.

(1982?)

M/L

Obwohl das Wissen

Des sicheren

Irgend-wann-Sieges

Vorliegt bleibt

Die Unsicherheit

Des morgigen Tages.

23.11.80

Versuche über Nasthasia

Sie ist

Südwind

im Nordwind,

Frage und Antwort,

sie ist hier

und schon lang am anderen Ort.

Die Uhr zeigt ihr

rasende Zeit

vergeudete Stunden,

alles und nichts

erleben, leben,

die Frist des Lebens,

ihr Herz schlägt schneller

als das Ticken der Uhr.

Rastlos.

Gierig leert sie den Becher.

1980

Kinobesuch

Du - das Obskure Objekt -

Ich saß in der letzten Vorstellung

In Texas und griff mit beiden Händen

In das verlorene Leben

-

die kleine Stadt

-

der Wüstenwind

-

blies ewig den Sand

-

durch die Kleinstadtstraße

-

die Tür fiel ins Schloss

-

und der Sohn des Löwen

-

lag tot auf der Straße

jedes Beginnen war sinnlos

denn

die Straße kam irgendwoher

und

führte irgendwohin

-

die Tür fiel ins Schloss

-

Hot Dog und Pepper-Limonade

-

In der Stiefelsohle das Loch

-

Der Wüstenwind blies

So fand ich nicht den Unterschied,

sah Theo und Nastasya,

die erotische Unterlippe der Spanierin

der Strudel zog mich herab - auf dem Grund

lagst du.

Wenn mich der Mann mit dem Kornsack

Auf dem Rücken fragt, was mit mir ist,

würde ich sagen: ich hatte nur einen schlechten Tag.

18.12.1980

Der Wanderer

Vorbemerkung

Unsere Absicht besteht nicht darin, durch unseren Bericht eine Wertung, damit ein Urteil über den Wanderer fällen zu wollen.

Der Leser wird uns zustimmen, wenn wir meinen, dass keiner befugt ist zu richten. (Wer darf sich diese Verantwortung schon anmaßen?)

Vielmehr ist mit dem Versuch getan, dem anderen Verständnis und Vertrauen entgegenzubringen, ihn in seinen Widersprüchen verstehen zu wollen.

Lassen wir das Maß der Dinge, unser Maß, beiseite und hinterfragen seine Beweggründe und setzen diese mit unserem Leben in ein vages Verhältnis. So dürfen wir nur Beobachter sein, die dem Wanderer auf seinem Weg für kurze Zeit folgen werden…

Der Bericht muss unverfälscht weiter gegeben werden, wahrheitsgetreu, ohne übliche Kaschierungen, die so wohl tun. Er hat es verdient, er, der Anfechtbare, der so oft beschuldigt wurde, er selbst zu sein.

Er ist ein Mensch, der sich aufgemacht hat, seinen Weg zu gehen, unauffällig und allein.

Wir hatten die Möglichkeit, er war uns begegnet, doch im Gewühl eines harten Tages – mitten unter uns – blieb er unbemerkt. In dieser Stunde verspielten wir die Chance, mit ihm zu reden.

Nicht mehr bleibt uns, als ihn so lange zu beobachten, bis er uns entschwindet.

Wir befinden uns auf einer turmartigen Konstruktion, die aus neuartigen Werkstoffen errichtet wurde, die alles bisher Gekannte um ein vielfaches überragt, dem Auge jedoch in gewohnten Dimensionen erscheint. Allein dieser Turm – ein Wunderwerk menschlichen Erfindungsreichtums – genügte uns nicht.

Wir können mit Stolz erwähnen, dass es uns durch das Problem „Wanderer“ gelang, einen internationalen Zusammenschluss, nicht nur auf dem Gebiet der Forschung, zu erwirken. So gründete sich die „internationalgen-industrie-cooperation“ und selbst das Unvereinbarste fand zusammen und arbeitet im „CIKG“ für das Wohl der Menschheit. Von letzterer Organisation erhielten wir das Unikat eines Gerätes, durch das es möglich ist, uns ständig in der Nähe des Wanderers aufzuhalten, seine Handlungen, seine Gedanken, ja selbst seine Empfindungen zu registrieren.

In Form einer lebendigen Mücke werden wir um ihn kreisen, ohne dass er Verdacht schöpft und so wird er uns vielleicht sein Innerstes offenbaren.

Welche Sensation dieses organische Beobachtungsgerät darstellt, bedarf wohl keiner Ausführung. Wir brauchen Ihre Fantasie nicht zu beanspruchen, alles geschieht für Sie, nur für Ihre perfekte Information!

Für die Schaulustigen, die live dabei sein wollen und sich schon vor der Übertragung direkt unten am Turm eingefunden haben, sind Video-Wände aufgebaut, über die sofort die neuesten Bilder übermittelt werden.

Und noch ein weiterer Leckerbissen für unser Publikum: In jeder Stunde werden in einem Fragespiel Gewinner ermittelt, die zu uns hinauf auf die Plattform dürfen, mit uns vor den Monitoren den Spuren des Wanderers folgen, und damit noch unmittelbarer bei ihm sind.

Zum Schluss wollen wir nicht vergessen, aufrichtig zu sein. Nicht nur die Neugierde hat uns zu diesem Projekt veranlasst, nein, auch etwas Sehnsucht, die immer noch in unserer alten romantischen Brust steckt, die verlangt, mit ihm zu gehen, ihm nachzueilen.

Doch wir haben versäumt, mit ihm zu sprechen. Wir müssen zurückbleiben, nur unsere Träume und natürlich unsere Mücke dürfen ihn begleiten, in das irreale Land seiner Hilflosigkeit.

Danksagung und Trauer

An dieser Stelle möchten wir uns bei Prof. Nostos, Forscher verloren gegangener Sprachen, bedanken, den wir hochbetagt in unserem Land fanden. Er ist der Mann, der als einziger in der Lage war, den Lauten unseres Wanderers Bedeutung und Sinn zu geben. Das Ergebnis war verblüffend, der Bericht aber bereits geschrieben, so dass wir seine Deutung nicht einfließen lassen konnten. Aber es wurde uns ermöglicht, an gegebener Stelle gedichtartige Äußerungen des Wanderers voranzustellen.

Diese Zeilen sind kostbare Beweise seiner Existenz, zugleich lichten sie den umhüllenden Nebelschleier seines Wesens.

Gleichzeitig trauern wir um Professor Nostos.

Er verstarb nur wenige Augenblicke nach der Auswertung der Tondokumente. Die Ergebnisse konnte er leider nicht mehr vollständig und endgültig zu Papier bringen.

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Viel Spaß!



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