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Endstation Siegfriedplatz

Als Bröker sich an einem Samstagnachmittag nach einem siegreichen DFB-Pokalspiel der Arminia in Hochstimmung befindet, ahnt er noch nicht, welch dramatischen Verlauf der Tag nehmen wird. Mit sich und der Welt zufrieden sitzt der gemütliche Privatier bei einem großen Glas Weizen im Biergarten auf dem Siegfriedplatz, als ihm plötzlich eine in Tränen aufgelöste Mutter ihr Kleinkind anvertraut. Auch Stunden später ist sie noch nicht zurück und Bröker nimmt den kleinen Julian mit nach Hause. Dort kümmert er sich mithilfe seiner Journalisten-Freundin Charly und seines rebellischen Mitbewohners Gregor um ihn, bis die Mutter doch noch auftaucht. Bröker erfährt, dass der Vater des Kleinen ermordet wurde und die Mutter Drohbriefe erhält. Dadurch wird nicht nur sein detektivischer Spürsinn geweckt, sondern auch sein bekanntermaßen großes Herz gerührt. Er bietet den beiden in seiner kleinen Stadtvilla Unterschlupf und schon nimmt für den Mr. Marple von der Sparrenburg ein neuer Fall seinen Lauf.

Lisa Glauche • Matthias Löwe

END

STATION

SIEGFRIEDPLATZ

PENDRAGON

Kapitel 1
Auf ein Neues

„Bielefeld, Bielefeld, Bielefeld!“, schallte es noch lautstark durch die Stadionreihen der Bielefelder Alm, als Bröker sich in den Zuschauerstrom schob, der Richtung Ausgang drängte. Weiter vorne in der Schlange nahm eine Gruppe von Fans den Schlachtruf auf.

„Bielefeld, Bielefeld, Bielefeld!“, echote es von dort zurück. Bröker spürte, wie ihn ein heißes Gefühl durchströmte. Er atmete so tief ein, dass sich sein Stefan-Kuntz-Trikot, das er vor mehr als 15 Jahren erstanden hatte, eng über Brust und Bauch spannte. Ein kehliger Laut stieg tief aus seinem Inneren nach oben und einem Urschrei gleich entlud sich die Spannung, mit der er 90 Minuten lang mitgefiebert hatte.

„Bielefeld, Bielefeld, Bielefeld!“, fiel er in das Triumphgeheul der Fans ein. Einen Moment lang vergaß er alles und jeden um sich herum, den heißen Sommertag, seinen Durst, auch seinen Hunger. Ja, er vergaß sogar, sich selbst zu beobachten. Zusammen mit dem Chor aus Stimmen, die ihn umgaben, schrie er sich in einen Rausch. „Bielefeld, Bielefeld, Bielefeld!“

Endlich, endlich war es wieder so weit. Die Arminia war der fußballerischen Bedeutungslosigkeit, in die sie in Brökers schlaflosen Nächten abzurutschen drohte, entstiegen. 2:1 hatte man in der ersten Runde des DFB-Pokals gesiegt, 2:1 – gegen einen Bundesligisten. So konnte das Fußballjahr beginnen!

Als Bröker im Pulk in die Melanchthonstraße einbog, sah er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Polizisten zu ihm herüberblicken. Er kniff die Augen zusammen und erkannte einen ihm wohlbekannten Schnauzbart. Hatte er es doch geahnt, das war sein Freund Mütze, der, obwohl schon vor Jahren zum Kommissar aufgestiegen, noch immer bei den Heimspielen der Arminia Dienst tat. Und das, obschon er vorgab, getreuer Anhänger des VfL Bochum zu sein, dem Verein seiner Heimatstadt. Bröker winkte Mütze begeistert zu, brach jedoch seinen Schlachtgesang ab. Auch wenn Mütze und er schon so manches Spiel in der Wunderbar begossen hatten, ein wenig genierte er sich doch, dass ihn sein Polizistenfreund bei derartigen Begeisterungsstürmen sah.

Ach was, dachte er dann und schüttelte seine Scham ab. Vermutlich würde Mütze ebenso jubeln, wenn der VfL Bochum mal wieder einen Bundesligisten schlüge. Der aber hatte am Tag zuvor zwar auch gewonnen, 3:1 sogar, aber nur gegen einen Oberligisten. Das kam ja beinahe einer Niederlage gleich! Dennoch beschloss Bröker auf weitere Jubelschreie zu verzichten und schob sich zusammen mit den Massen in Richtung Oetkerhalle. Dabei wischte er sich mit seinem Trikot den Schweiß von der Stirn. Heiß war es an diesem Augustnachmittag. Die Spieler hatten sogar eine Trinkpause vom Schiedsrichter verordnet bekommen. Und die vielen Menschen sorgten auch nicht gerade für Abkühlung.

Als er in den Schacht der Stadtbahn hinabstieg, roch es nach Schweiß, Bier und dem öligen Geruch, der U-Bahn-Tunneln unvermeidlich anzuhaften scheint. Unter der Erde schraubten sich die Schlachtrufe des Pulks in die Höhe und wurden nun außerdem tatkräftig von den mitgeführten Drucklufthupen begleitet. Die Akustik der Haltestelle lud dazu regelrecht ein.

„Schalalala, schalalala, heeey DSC!“, hallte das Echo ohrenbetäubend von den Wänden wider, als der Zug der Linie 4 einfuhr. Bröker schätzte, dass mehr als 100 Menschen versuchten, sich in die Waggons der Stadtbahn zu drängen. Er wusste selbst nicht, wie er unter diejenigen geriet, die es ins Wageninnere schafften. Die Freude darüber dauerte jedoch nicht lange an. Wurde er doch von der Masse der anderen Fahrgäste derart zusammengedrückt, dass er kaum Luft bekam. Das lag natürlich auch daran, dass sein Körper nicht gerade wenig Platz verbrauchte. Eigentlich müsste so jemand wie er zwei Fahrkarten kaufen, befand er tadelnd, und wünschte den Tag herbei, an dem die 100-Kilo-Marke wieder in Sicht wäre. Doch weiter kam Bröker mit seinen selbstkritischen Betrachtungen nicht. Der Zug bremste so abrupt, dass die Insassen mit einiger Wucht nach vorne geschleudert wurden. Während er sich Mühe gab, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, gestand er sich zufrieden ein, dass ein kleines Bäuchlein durchaus auch seine Vorteile hatte. Aufgrund seines natürlichen Airbags war ihm nichts passiert.

Kurz hatte der plötzliche Halt das Gehupe und die Fangesänge zum Erliegen gebracht. Doch just als Bröker eine Durchsage zu vernehmen meinte, hoben die Anhänger schon wieder an zu singen: „Oohohoho, Oohohohoho Forza DSC!“, schallte es lautstark durch den Waggon. Bröker konnte nur Wortfetzen der Durchsage verstehen. „Außerplanmäßiger …“, sagte die Stimme. Und dann: „Verlassen … äußerste Vorsicht … Personal …“

Bröker blickte sich fragend um. Was wurde von den Fahrgästen erwartet? Doch niemanden der anderen Insassen schien das zu interessieren. Sie ließen sich in ihrer Feierlaune nicht bremsen und begannen munter hin und her zu schunkeln.

„Bielefeld, Bielefeld, Bielefeld!“, donnerte es schon wieder, als sei man nicht in einem Waggon der Stadtbahn gefangen, sondern noch immer im Stadion, und Bröker schien es, als begänne der Wagen zu wackeln. Ihm war nicht mehr nach Singen zumute. Er fühlte sich mulmig. Am Ende kippte der Waggon noch um. Was, wenn dann eine Panik ausbrach? Und hatte die Ansage nicht etwas von äußerster Vorsicht gesagt? Bröker schwitzte und schloss die Augen. Hoffentlich nahm das hier einen guten Ausgang.

In diesem Moment öffneten sich die Türen der Stadtbahn mit einem lauten Zischen. Im Dunkel des Tunnels stand ein Angestellter von moBiel mit einer Stabtaschenlampe, vermutlich der Fahrer der Bahn.

„Bitte steigen Sie aus und bewahren Sie Ruhe!“, forderte er die Fahrgäste auf. „Und dann folgen Sie bitte meinem Kollegen zur Haltestelle Siegfriedplatz.“

Zu Brökers Erstaunen leistete der Pulk den Anweisungen widerspruchslos Folge. In einem langen Gänsemarsch zogen die Fans durch den U-Bahn-Tunnel zu besagtem Platz, der kaum 200 Meter entfernt lag – ohne allerdings die Gesänge zu unterbrechen. Und schon bald antworteten vom Siegfriedplatz aus andere Fanchöre auf die Schlachtrufe aus dem Tunnel. Ja, als der kleine Trupp die Haltestelle erreicht hatte, sah Bröker, dass dort sogar Anhänger der Arminia auf den Gleisen tanzten. Das also war der Grund für den abrupten Stopp des Zugs gewesen: Die Fans der Arminia waren über den unerwarteten Sieg so aus dem Häuschen geraten, dass sie den Schienenverkehr lahmgelegt hatten.

Bröker drängte sich durch die Menschenmassen und nahm die stillstehende Rolltreppe hinauf ins Freie. Erleichtert atmete er auf. Vor ihm lag der Siegfriedplatz. Er mochte diesen belebten Fleck im Bielefelder Westen seit jeher, aber heute, da er in die Farben der Arminia und des Sommers getaucht war, schien er ihm besonders schön. In den Biergärten drängten sich Gäste, denen man ansah, dass sie wie Bröker noch kurz zuvor im Stadion gewesen waren. Und wer auf den Bänken keinen Platz mehr gefunden hatte, ließ sich einfach auf dem Pflaster nieder. In der Mitte saßen ein paar Jugendliche mit Gitarren und setzten ihre Musik den allmählich abebbenden Bielefeld-Rufen entgegen.

Ja, es war schön hier. Und wenn ihn der außerplanmäßige Stopp der Stadtbahn schon auf diesem Platz ausgespien hatte, so konnte er die Gelegenheit doch nutzen und die sommerliche Atmosphäre einsaugen. Vielleicht kam ja auch noch Mütze vorbei! So manches Mal hatten sie sich in den vergangenen 20 Jahren nach einem Heimspiel der Arminia zusammengesetzt. Zu dumm, dass Bröker mal wieder vergessen hatte, sein Telefon aufzuladen, und seinen Freund daher nicht anrufen konnte.

Aber ein Bier wäre nun trotzdem nicht verkehrt, entschied er. Und ein kleiner Happen zu essen auch nicht. Das Frühstück, das er vor dem Pokalspiel eingenommen hatte, war zwar gewohnt opulent gewesen – Lachs, Rührei, alter Gouda – aber es war eben auch schon wieder fünf Stunden her und in der Halbzeitpause hatte er nur zwei kleine Bratwürstchen vertilgt. Versonnen strich sich Bröker über den Bauch und schaute sich um. Ob vielleicht in einer der Lokalitäten doch noch ein Plätzchen für ihn frei war? Und tatsächlich, als habe er ihm den mentalen Befehl dazu erteilt, erhob sich in diesem Moment ein Pärchen in dem Biergarten, der dank der vor ihm postierten alten Straßenbahn den Namen Supertram trug. In einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, und noch bevor das Pärchen wirklich aufgebrochen war, drängte Bröker sich auf den frei gewordenen Platz auf der Bierbank. Nur um gleich darauf festzustellen, dass es unmöglich war, gleichzeitig den soeben eroberten Sitzplatz zu sichern und eine Bestellung an dem Straßenbahnwagen aufzugeben.

Unruhig blickte er umher. Nicht wenige der Umstehenden schienen auf eine frei werdende Sitzgelegenheit zu spekulieren. Einfach aufstehen und die vielleicht 15 Meter zu der so originell untergebrachten Theke gehen, konnte er also nicht. Eine Jacke, die man auf der Bierbank deponieren konnte, hatte er bei der Hitze natürlich auch nicht dabei. Kurz erwog er, sein schweißnasses Trikot vom Leib zu streifen, um damit sein Anrecht auf den Sitzplatz zu markieren. Er musste sich aber eingestehen, dass vermutlich nur sehr wenige Menschen auf dem Siegfriedplatz gesteigerten Wert darauf legten, einen unverhüllten Blick auf seine Basstrommel zu erhalten. Andererseits hätte er dann vielleicht sogar gänzlich freie Platzwahl. Schließlich gab sich Bröker einen Ruck und stupste seinen Sitznachbarn an. Dieser war jedoch so in eine Unterhaltung mit drei Blondinen vertieft, dass er zunächst nicht reagierte. Bröker stupste noch einmal.

„Ja, was denn?“ Sein Nebenmann wandte sich ihm ungehalten zu. Bröker schaute ihn verlegen an.

„Könnten Sie, ich meine, würden Sie vielleicht kurz ein Auge auf meinen Platz haben? Ich muss mir noch was bestellen und sonst ist er weg.“ Es fiel Bröker nicht leicht, um etwas zu bitten, aber noch schwerer fiel es ihm gerade, auf das Bier zu verzichten, das er schon kühl seine Kehle hinabrinnen spürte.

„Ja, geht in Ordnung“, brummte der Mann und wendete sich wieder seinen Bekanntschaften zu. Bröker hätte maximal die dritten Zähne seiner verstorbenen Mutter darauf verwettet, dass der Mann im Notfall wirklich seinen Platz verteidigen würde. Trotzdem begab er sich in Richtung des alten Straßenbahnwaggons. Immer wieder drehte er sich zu seiner Bank um, während er darauf wartete, dass die Reihe an ihm war, eine Bestellung aufzugeben. Aber anscheinend waren die meisten, die auf eine Sitzgelegenheit warteten, genügsam genug, ihm den Platz zu überlassen. Nur einmal sprang sein Sitznachbar tatsächlich ein und verteidigte Brökers Recht. Innerlich bat dieser ihn um Verzeihung.

„Was kann ich Ihnen Gutes tun, junger Mann?“ Bröker war derart mit der Bewachung seiner Ansprüche beschäftigt, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie die Bedienung inzwischen auf seine Bestellung wartete. Ein kurzer Blick auf sein Gegenüber bestätigte ihm, dass es sich bei der jungen Frau vermutlich um eine Studentin handelte und die Anrede „junger Mann“ pure Ironie gewesen war.

„Ich hätte gerne ein helles Hefeweizen“, orderte Bröker.

Die Frau nickte.

„Ach, und dann würde ich gerne noch eine Kleinigkeit essen.“

„Aber gerne doch! Da hätten wir eine Portion eingelegte Oliven, Kartoffelspalten mit Knoblauchdip oder Aioli mit Brot“, bot die Bedienung routiniert an. Bröker verzog enttäuscht das Gesicht.

„So klein muss die Kleinigkeit nun auch wieder nicht sein“, monierte er.

„Ach, Sie wollen etwas Richtiges essen“, lachte die Frau. „Sagen Sie das doch gleich! Sie können natürlich auch die Gerichte unserer normalen Speisekarte hier draußen bekommen!“

Bröker überlegte kurz. „Haben Sie vielleicht ein schönes Steak, am besten englisch, damit das Fleisch richtig zu schmecken ist, und dazu Kartoffeln und Salat?“

Die Bedienung lächelte. „Ein Filetsteak – wenn es auch Pommes frites statt der Kartoffeln sein dürfen.“

Bröker nickte und zahlte. Zufrieden griff er sich sein Bier. Das Problem seines längst aufgekeimten Hungers schien also gelöst. Als er jedoch zu seinem Platz sah, verfinsterte sich seine Miene. Genau vor dem Platz, auf dem er eben noch gesessen hatte, war eine schwarzhaarige, etwa 30-jährige Frau stehen geblieben. Schlimmer noch: Wenn sie beschließen sollte, sich niederzulassen, würde er sie nicht so einfach vertreiben können, denn in einer Art Rucksack trug sie ein kleines Kind vor dem Bauch, das offensichtlich mit etwas unzufrieden war. Gegenwärtig war die Frau noch damit beschäftigt, ihr Kind zu beruhigen, aber sie konnte sich jeden Moment hinsetzen. Eilig drängte sich Bröker deshalb an der Frau vorbei, ließ sich nieder und bereitete sich innerlich darauf vor, einen bissigen Kommentar an sich abprallen zu lassen. Er würde sich diesen Sommertag mit einem Sieg der Arminia über einen Bundesligisten nicht vermiesen lassen. Doch die befürchtete Schelte blieb aus. Anscheinend hatte die Frau sich gar nicht hinsetzen wollen, sondern war nur stehen geblieben, um nach ihrem Kind zu sehen. Umso besser, befand Bröker und entspannte sich wieder. Gänzlich versöhnt war er, als wenig später sein Teller mit wunderbar zartem Fleisch darauf kam. Er gedachte noch einmal seiner Arminia, nahm einen tiefen Schluck Bier, kaute genussvoll und prostete genüsslich der allmählich tiefer stehenden Sonne zu. Auf ein Neues!

Kapitel 2
Vater werden ist nicht schwer

Erst als Bröker die ersten Bissen seines ansehnlichen Steaks verzehrt hatte, war er in der Lage, seine Aufmerksamkeit zwischen der Mahlzeit und etwas anderem zu teilen. Auch wenn er immer noch zwei von drei Blicken liebevoll auf das Fleisch vor ihm richtete, so konnte er doch nicht länger übersehen, dass seine mutmaßliche Platzkonkurrentin sichtbare Schwierigkeiten hatte, ihr Kind zu beruhigen. Obwohl sie es inzwischen aus seiner Trage befreit hatte und ihm gut zuredete, schrie es wie am Spieß. Die Mutter schien den Tränen nah. Vielleicht hat sie das Kind ja entführt, kam es Bröker in den Sinn. Doch im selben Moment musste er schon innerlich über seine Vermutung lachen. Manchmal fragte er sich, ob es ihm wirklich gutgetan hatte, dass er begonnen hatte, sich in die Ermittlungsarbeit der Polizei einzumischen. Seine Fantasie jedenfalls schien seitdem das eine oder andere Mal mit ihm durchzugehen. Versonnen schüttelte er den Kopf und sah auf seinen Teller. Dort lag vereinsamt nur noch ein letztes Stückchen Fleisch. Genüsslich schob er es sich mit der Gabel in den Mund und spülte mit einem kräftigen Schluck Weizen nach. Mit einem tiefen Seufzer beendete er sein Mahl. Das hatte gutgetan!

Der Frau mit dem Kind jedoch ging es weniger gut. Auch wenn das Kind noch sehr klein war – Bröker hatte bei so kleinen Würmern stets Mühe zu schätzen, ob sie ein halbes Jahr alt waren oder schon ein ganzes oder vielleicht doch erst eben geboren – spürte es doch, dass seine Mutter ihm gerade nicht geben konnte, wonach es begehrte. Es schrie nicht nur herzzerreißend, sondern strampelte dazu mit den Beinen und ruckte mit seinem inzwischen krebsroten Köpfchen hin und her.

Schließlich bekam Bröker Mitleid mit dem kleinen Wesen. Wenn er auch keinerlei Erfahrung mit Kindern hatte, so konnte er sich doch sehr gut in ihre Welt hineinversetzen, in der alles entweder ganz und gar oder eben ganz und gar nicht in Ordnung war. Dazwischen gab es auch für Bröker nicht viel. Als das rote Köpfchen sich wieder in seine Richtung drehte, winkte Bröker ihm mit den Händen hinter den Ohren zu. Und tatsächlich weiteten sich die Augen des Kindes und es unterbrach sein Schreien. Bröker stutzte. Sein Vorhaben schien wirklich geklappt zu haben. Aber was nun? Vielleicht sollte er mit dem Kleinen sprechen. Doch wie sprach man mit so einem Winzling? Bröker räusperte sich.

„Buuutzi-butzi-butzi-butzi“, versuchte er sich und blubberte dazu mit den Lippen. Doch diesmal verfehlten seine Versuche ihre Wirkung, mochten sie auch noch so beherzt sein. Das Kind verzog skeptisch das Gesicht und schien bereit, einen neuen Schrei auszustoßen. Bröker gratulierte dem kleinen Wesen innerlich zu seiner Reaktion. Es hatte Recht. Diese idiotische Babysprache! Dass jemand noch nicht sprechen konnte, bedeutete ja nicht, dass er auch nichts verstand. Und wenn das Kind etwas von dem verstanden hatte, was Bröker gerade „gesagt“ hatte, war seine Abneigung nur allzu verständlich.

Das hieß aber auch: Eine andere Lösung musste her und zwar schnell. Es musste doch noch etwas anderes außer debilen Lautäußerungen geben, das man zu einem kleinen Kind sagen konnte. Ach, beschloss er, Reden wurde sowieso überschätzt! Das hatte schließlich auch schon einer der hellsten Sprachphilosophen befunden. Kurzerhand nickte er dem Kind fröhlich zu und stellte sich sein Bierglas auf den Kopf. Die Augen des Kindes weiteten sich erneut. Es holte Luft und Bröker kniff die Augen zusammen. Doch anstelle des erwarteten Schreis ertönte ein gurgelndes Lachen. Vorsichtig öffnete Bröker die Augen wieder. Tatsächlich, das Kind hampelte im Arm seiner Mutter vergnügt auf und ab und quietschte dazu. Angespornt durch diese positive Reaktion stellte Bröker nun auch noch seinen Teller auf das Bierglas. Hoffentlich kennt mich hier keiner, schoss es ihm dabei durch den Kopf. Unangenehm, wenn in diesem Moment etwa Mütze über den Siegfriedplatz spazierte. Dem Kind aber gefielen Brökers Einfälle. Es kreischte nun so begeistert auf, dass auch seine Mutter auf Brökers Treiben aufmerksam wurde. Sie lachte und war sichtlich erleichtert.

„Danke, Sie haben mir gerade wirklich geholfen. Sie haben wohl auch Kinder?“

„Ich? Nein, Gott bewahre!“, entfuhr es Bröker, wobei er schnell mit einer Hand den Teller auf seinem Kopf festhielt. Er wurde rot, als ihm klar wurde, dass diese Bemerkung gegenüber einer jungen Mutter wohl eher unpassend war. „Also, ich meine: Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte“, korrigierte er sich schnell.

Die Frau musste wieder lachen.

Gottverdammt, dachte Bröker und stellte endgültig Glas und Teller wieder auf den Tisch.

„Also, ich lebe allein“, versuchte er sich zu verbessern. Doch dann fiel ihm ein, dass dies ja auch nicht ganz der Wahrheit entsprach. „Um genau zu sein, nicht allein, aber eben mit keiner Frau“, korrigierte er daher erneut, „sondern mit einem guten Freund von mir am Sparrenberg.“

„Sie wohnen am Sparrenberg?“ Die Frau sah ihn prüfend an.

„Genau da“, nickte Bröker.

Noch immer schien die Frau ihn zweifelnd zu mustern.

„Sagen Sie, kenne ich Sie vielleicht?“, fragte sie dann plötzlich mit einem Lächeln und strich sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Dabei wurde ein Feuermal auf ihrer linken Wange sichtbar, das, wie Bröker fand, aussah wie ein geschlossener Regenschirm.

Erneut wurde Bröker rot. Er hatte natürlich schon gehört, dass dieser Satz eine beliebte, wenn auch nicht gerade originelle Art war, durch die Männer und Frauen miteinander ins Gespräch kamen. Er selbst allerdings war noch nie auf diese Weise mit jemandem bekannt geworden.

„Ich … ich wüsste nicht, woher“, stotterte er verunsichert. Wie sollte er der Frau nur klar machen, dass sich sein Interesse an jungen Müttern in Grenzen hielt? „Ich … also ich bin Bröker!“, stellte er sich dann kurz entschlossen vor und reichte der Frau vom Biertisch aus die Hand.

„Und wir sind Judith und Julian“, antwortete diese und ihre Skepsis schien nun verflogen. „Aber noch mal zu eben. Also verstehen Sie … versteh mich nicht falsch“, wechselte sie zum Du. Bröker nickte. „Ich dachte gerade nur, ob ich nicht vielleicht schon mal etwas von dir gehört oder vielmehr über dich gelesen habe. Bist du nicht so eine Art Detektiv? Genau, jetzt weiß ich es wieder, der Mr. Marple von der Sparrenburg!“

Bröker atmete erleichtert auf. Darum ging es also. Ja, unter diesem Spitznamen hatte ihn Charly, eine befreundete Journalistin, die er schon seit Studienzeiten kannte, nach seinem ersten Fall bekannt gemacht. Und seine Popularität war nach der Aufklärung des zweiten Falles vor gut anderthalb Jahren sogar noch gestiegen. Bröker kam damit nicht sonderlich gut zurecht, es war ihm peinlich, auf der Straße angesprochen zu werden.

„Es kann schon sein, dass du mal etwas über mich gelesen hast“, gab er leicht beschämt zu. „Aber das ist ja schon eine Weile her.“ Um über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen, wandte er sich noch einmal dem Kind zu.

„Und du bist also der kleine Julian!“ Das Kind lächelte ihn an.

Seine Mutter jedoch ließ sich nicht ablenken.

„Also, wenn du wirklich dieser Detektiv bist …“, begann sie das vorherige Thema wieder aufzugreifen.

„Ach was, ich bin doch kein Detektiv“, widersprach Bröker vielleicht etwas heftiger, als es notwendig gewesen wäre. „Ich bin irgendwie in die Fälle hineinge rutscht. Einmal ist mein Nachbar ermordet worden und ein zweites Mal war ich zufällig anwesend, als eine Leiche entdeckt wurde. Und beide Male hatte ich bloß ziemliches Glück, dass ich zur Aufklärung beitragen konnte.“

Dass da noch etwas mehr war, so dass selbst Mütze ihm schon einmal gesagt hatte, er wisse zwar nicht genau, wie Bröker das hinbekomme, aber anscheinend habe dieser die Gabe, in manchen Augenblicken genau das Richtige zu tun, obwohl es genau nach dem Gegenteil aussähe, verschwieg er. Wenn er das laut ausspräche, so fühlte er, könnte er es nicht mehr glauben.

„Jedenfalls“, unterbrach die Frau Brökers Gedanken, „könnte ich gerade wirklich gut so jemanden wie dich gebrauchen.“ Sie seufzte hörbar.

„Worum geht es denn?“, fragte Bröker vorsichtig interessiert nach. Die ersten Male, die er nach dem Lösen der Mordfälle von wildfremden Menschen um Hilfe gebeten worden war, hatte er noch offener reagiert. Doch meist hatte sich dann herausgestellt, dass nur ihr Hund oder ihre Katze fortgelaufen war und sie besser einen Kammerjäger oder Veterinär gefragt hätten, auf jeden Fall aber jemanden, der deutlich besser laufen und klettern konnte als Bröker.

„Nun ja“, begann sie und blickte sich unsicher um, als könnten die folgenden Worte den falschen Menschen zu Ohren kommen. „Vor ein paar Tagen ist mein Mann umgebracht worden.“

Bröker schaute Judith entgeistert an. „Was?“, brachte er bloß heraus.

Doch bevor Judith ausführlicher werden konnte, klingelte ihr Mobiltelefon. Sie zögerte einen Moment, doch dann drückte sie dem verdutzten Bröker einfach Julian auf den Schoß und zog ihr Handy hervor.

„Ja, Linnenbrügger?“

Bröker konnte dabei zusehen, wie sich Judiths Gesicht durch die Worte am anderen Ende der Leitung in Sekundenschnelle verfinsterte.

„Was? Das glaube ich einfach nicht“, rief sie dann aufgebracht. Vermutlich ohne es zu bemerken, lenkte sie ihre Schritte von Bröker weg in Richtung einer Gruppe feiernder Arminenfans. Dort würde sie vielleicht reden können, ohne gehört zu werden, aber dafür auch nichts verstehen können, dachte Bröker. Dann spürte er, wie ihm etwas auf den Bauch klopfte. Der Täter war schnell gefunden und schaute ihn von seinen Knien aus vergnügt an.

„Hey, das sieht vielleicht aus wie eine Trommel, aber es ist keine!“, protestierte Bröker lachend. Doch Julian sah das anders und machte munter weiter mit seiner kleinen Musikstunde, bis Judith aufgelöst an Brökers Tisch zurückkehrte.

„Alles in Ordnung?“, fragte dieser, um das Gespräch wieder aufzunehmen. Die junge Mutter schüttelte den Kopf.

„Nein, nichts ist in Ordnung“, sagte sie, „überhaupt nichts!“

„Kann ich helfen?“, fragte Bröker, da er nicht wusste, was er sonst hätte sagen sollen. Niedergeschlagen schüttelte Judith den Kopf. „Ich brauche nur einen Moment, um wieder klarzusehen.“ Dann schien ihr wirklich ein Gedanke zu kommen.

„Willst du wirklich helfen?“, fragte sie.

„Ja!“, antwortete Bröker.

„Okay, es gäbe schon etwas, was du für mich tun könntest“, eröffnete sie ihm. „Es ist wegen des Anrufs eben.“

Bröker nickte.

„Ich müsste kurz weg. Aber ich kann Julian nicht mitnehmen. Und ich habe jetzt so schnell niemanden, der auf ihn aufpassen könnte. Könntest du, ich meine, würdest du vielleicht?“

Bröker schluckte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Mit einem Mal erschien es ihm geradezu eine Verlockung, eine hysterische Katze von einem Baum zu retten.

„Aber …“, begann er leise zu stottern. Dann aber fand er, dass er sein Angebot zu helfen nun auch schlecht zurückziehen konnte. „Ja gut, ich pass auf den Kleinen auf“, stimmte er daher zu. „Aber ich sage gleich, ich habe wenig Erfahrung mit Kindern …“

„Ach, das klappt schon!“, zeigte sich Judith optimistisch. „Ihr seid doch bis jetzt prima miteinander ausgekommen. Und es ist nur für ganz kurz. Geh einfach mit ihm zu dir nach Hause. Wenn er quengelt, gibst du ihm ein bisschen Tee.“ Sie kramte ein Fläschchen aus ihrer Tasche hervor. „Und hier ist auch noch ein Schnuller. Den habe ich vorhin so verzweifelt gesucht.“

Bröker, dem die ganze Situation surreal vorkam, nickte nur.

„Am besten schnallst du ihn dir vor den Bauch wie ich“, fuhr Judith fort.

Na, das wird aussehen, dachte Bröker, blieb aber weiterhin stumm. Ungeschickt wand er sich durch die Halterungen des Babyrucksacks. Erst beim dritten Anlauf war alles in der richtigen Position, da sämtliche Gurte der Tragehilfe auf Brökers Körperumfang, das hieß auf die maximal mögliche Länge eingestellt werden mussten.

Verlegen sah Judith Bröker an. „Du hältst mich jetzt sicher für eine schlechte Mutter. Oder zumindest für ein bisschen verrückt. Aber ich erkläre es dir nachher. Und ich bin natürlich so schnell wie möglich zurück.“

Bröker nickte.

Schnell notierte Judith noch ihre Adresse und Handynummer auf einem Zettel und ließ sich im Gegenzug Brökers geben. Dann schnappte sie sich ihre Tasche und eilte über den Platz davon. Bröker setzte sich wieder und sah ihr nach. Julian schien das Verschwinden seiner Mutter nicht zu stören. Erwartungsvoll sah er Bröker an, was nun geschehen würde. Doch der hätte das nur allzu gern selbst gewusst.

Kapitel 3
Vater sein dagegen

Zur Stärkung leerte Bröker deshalb erst einmal den Rest seines Bierglases in einem Zug. Sogleich fühlte er sich schon etwas mutiger. Doch dass dieser Zustand nie lange anhielt, dafür sorgten Menschen wie die Passantin, die nun an Brökers Tisch vorbeikam und seine soeben gefundene innere Harmonie mit einem spitzen Entsetzensschrei störte, noch bevor er sein Glas wieder abgestellt hatte.

„Sagen Sie, schämen Sie sich denn gar nicht, vor dem Kind zu trinken?“, schimpfte sie ohne Vorwarnung. Bröker blickte sich um. Nein, es war weit und breit niemand anderes zu sehen, der gemeint sein könnte. Die Frau sprach mit ihm. Zögernd blickte er sie an. Konnte es sein, dass es neuerdings Eltern verboten war, im Beisein ihrer Kinder Alkohol zu trinken? Nein, das war zu absurd. Die Frau schien einfach nur eine strikte Alkoholgegnerin zu sein. Ein Wunder, dass sie sich zu dieser Jahreszeit überhaupt auf den Siegfriedplatz traute.

„Er bekommt ja nichts ab“, gab Bröker lapidar zurück.

„Aber haben Sie noch nie daran gedacht, was für ein schlechtes Vorbild Sie abgeben?“, entgegnete die Frau.

In diesem Moment streckte Julian seine kleinen Hände nach dem Glas aus, das Bröker noch immer vor sich hielt. Vermutlich erinnerte er sich, wozu man diesen Gegenstand gebrauchen konnte, und wollte nun zeigen, was er gelernt hatte. Doch Bröker fand, dass ein Bierglas auf seinem Kopf gerade nicht zur Klärung der Situation beitragen würde.

„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“, triumphierte die Frau nun auch schon.

Bröker stöhnte auf. „Ich glaube kaum, dass der Kleine Bier schon von Apfelschorle unterscheiden kann“, gab er schnippisch zurück. „Und außerdem sehe ich vielleicht so aus, als ob ich stille, aber ich tue es nicht. Oder, Julian?“

Der Junge lachte. Er jedenfalls war auf Brökers Seite! Die Frau bedachte die beiden noch mit einem missbilligenden Blick und zog dann ohne ein weiteres Wort von dannen. Dennoch war Bröker der Aufenthalt im Biergarten nun vergällt. Gut, dass er sowieso gerade hatte gehen wollen. Er stopfte sich Fläschchen und Schnuller des Jungen in die Hosentasche und stand auf. Kaum hatte er sich 20 Schritte von seinem Platz entfernt, beobachtete er, wie ein etwa zehnjähriges Mädchen sich sein Glas schnappte und das Pfand dafür kassierte. Das hatte er vor lauter Ärger ganz vergessen einzulösen. Nun war es futsch. Gleichzeitig lieferten sich zwei Pärchen ein Duell um seinen Platz, das in einen echten Streit auszuarten drohte. Ja, es war wirklich an der Zeit aufzubrechen.

Die verdüsterte Stimmung, in der Bröker sich inzwischen befand, schien sich auf Julian zu übertragen, denn dieser gab nun leise, quäkende Laute von sich. Bröker begann wieder zu schwitzen. Er konnte sich kaum etwas Schlimmeres vorstellen als einen Verzweiflungsausbruch von Julian auf offener Straße.

Womit aber nur konnte er seinen Ziehsohn bis zur Rückkehr seiner Mutter beschäftigen? Das Bierglas hatte er nicht mehr. An Kindergeschichten erinnerte er sich nicht. Er konnte dem Kleinen aber auch schlecht mit Goethe kommen, ganz davon abgesehen, dass ihm spontan neben Passagen aus dem Erlkönig nur noch das immer wieder bemühte Zitat des Götz von Berlichingen einfiel. Beides schien ihm wenig passend. Er blickte sich um.

„Ah, ich weiß etwas Schönes!“, sagte er dann triumphierend und steuerte auf das direkt am Siegfriedplatz gelegene Restaurant Der Koch zu. Vor der Speisekarte hielt er an und versuchte sich so zu stellen, dass auch Julian einen Blick darauf werfen konnte.

„Guck mal, was es hier alles gibt!“, erläuterte er dem Jungen und es war offensichtlich, dass Bröker etwas gefunden hatte, das nicht nur die Laune des Jungen heben könnte. „‚Gebackener Tilsiter mit Zwiebeln und Preiselbeeren‘, das ist sicherlich sehr gut, das Süße der Preiselbeeren mit dem kräftigen Käse, oder hier ‚Filetspitzen mit Champignons in Rahmsauce‘, das probieren wir das nächste Mal. Dazu gibt es als Beilage Kroketten, die werden dir gefallen. Und das ‚Filetsteak in Pfeffersoße‘ kann ich nur empfehlen, das hatte ich schon mal.“ Bröker schwelgte in Erinnerungen an die mitgereichte Kräuterbutter.

Julian hörte Bröker zunächst mit schief gelegtem Köpfchen zu und schien an den Beschreibungen Gefallen zu finden. Ha, es interessiert ihn, dachte dieser und freute sich über seinen Einfallsreichtum. In diesem Moment aber entschied der Junge, dass er nun genug von der Speisekarte gehört hatte, und begann wieder weinerlich zu werden.

„Aber wir sind doch noch nicht fertig“, warb Bröker. „Ich habe dir noch gar nicht die Namen der leckeren Pizzen vorgelesen.“

Aber Julian war nicht zufrieden. Sein Wimmern wurde kräftiger und in seiner Fantasie hörte Bröker dessen Schreien schon über den ganzen Siegfriedplatz tönen. Er war so besorgt, dass er wider besseres Wissen auf sein „Buuutzi-butzi-butzi-butzi“ verfallen wäre, hätte er hinter sich nicht mit einem Mal eine ihm vertraute Stimme gehört.

„B., was machst du denn hier?“

Bröker wirbelte herum. Der rote Schopf mit dem geflochtenen Zopf war ihm noch vertrauter als die zugehörige Stimme.

„Charly!“, rief er erleichtert. „Dich schickt der Himmel!“

Seine Freundin lachte. „Ich glaube nicht, dass mich von da oben jemand schicken würde! Aber ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Ihr Blick fiel auf Julian, der das neue Gesicht fröhlich aus dem Tragerucksack heraus anlächelte, als wäre nichts gewesen. „Na, wenn ich den kleinen Nachwuchs hier sehe, weiß ich natürlich, womit du die ganze Zeit beschäftigt warst.“ Der Gesichtsausdruck der Journalistin bei diesen Worten verriet jedoch, dass sie an alles eher glaubte als an Brökers Vaterschaft.

„Nachwuchs ja, aber nicht meiner“, entgegnete der bestimmt. „Die Sache ist die … “ Mit wenigen Sätzen umriss er die Situation. „Und nun droht Julian zu weinen und ich weiß nicht, an was es ihm fehlt“, schloss er seinen Bericht.

„Ach B., es gibt Geschichten, die wirklich nur dir passieren können“, zog Charly ihren Freund auf. Dann warf sie vorsichtig einen Blick auf den Jungen. „So richtig helfen kann ich dir aber auch nicht. Ich meine, diese großen Kulleraugen sind schon unwiderstehlich, aber das ist so gar nicht meine Welt. Diese kleinen Wesen jagen mir eher Angst ein. Eine Idee habe ich aber. Vielleicht möchte Julian nicht nur Speisekarten vorgelesen bekommen, sondern wirklich etwas essen oder trinken?“

„Hm“, brummte Bröker. „Auf die Idee hätte ich auch selbst kommen können.“ Umständlich zog er die Flasche mit Tee aus seiner Hosentasche und steckte sie Julian vorsichtig zwischen die Lippen. Der saugte gierig daran. Charly schien Recht gehabt zu haben. Alle Freude darüber, wie gut er mit seinem Pflegesohn zurechtgekommen war, war verschwunden.

„Wann wollte die Mutter denn zurück sein?“, fragte seine Freundin.

„Das hat sie nicht genau gesagt“, musste Bröker zugeben.

„Und wie lange ist sie schon weg?“

Bröker schaute auf die Uhr. „Oh Schreck, es ist ja schon halb neun!“, entfuhr es ihm. „Dann sollte ich wirklich langsam zu mir nach Hause. Nicht dass Judith dort wartet und sich sorgt, wo wir bleiben.“

„Na, dann haben wir doch einen Plan! Bis zu dir schaffen wir es schon, ohne das Kind kaputt zu machen“, zwinkerte Charly.

„Meinst du?“, zweifelte Bröker noch leise, um dann jedoch hoffnungsfroh nachzuschieben: „Heißt das, du kommst mit?“

„Ja, und nun komm, bevor ich es mir anders überlege!“, lachte seine Freundin und knuffte ihn die Seite, damit er sich Richtung Stadtbahn in Bewegung setzte.

Schon eine Viertelstunde später standen sie vor der Haustür von Brökers kleiner gelber Stadtvilla am Sparrenberg. Und Julian war bester Laune. Die schwankenden Bewegungen von Brökers Anstrengungen, den Sparrenberg samt Kind vor dem Bauch zu erklimmen, hatten Wunder gewirkt. Bröker schob den Schlüssel ins Schloss, aber umzudrehen brauchte er ihn nicht, denn schon zog Gregor die Tür von innen auf. Er hatte die drei durchs Fenster kommen sehen. Ungläubig blickte er das ungleiche Trio mit seinen nahezu schwarzen Augen an. Doch er fasste sich schnell.

„Ich wusste doch schon immer, dass ihr mir etwas verheimlicht!“, rief er mit gespielter Entrüstung. „Aber wenn ich so deinen Leibesumfang mit Charlys vergleiche, dann siehst du eher aus wie die Mutter.“

„Siehst du etwa, dass er deutlich kleiner geworden wäre?“, fragte Bröker seinen 19-jährigen Mitbewohner und drehte sich zum Spaß hin und her, als stünde er vor einem Spiegel. Dann erzählte er, was er am Nachmittag erlebt hatte, wobei er es nicht versäumte, dem Sieg der Arminia über einen Bundesligisten den ihm gebührenden Platz einzuräumen.

Als er seinen Bericht beendet hatte, seufzte Gregor theatralisch. „Man kann dich noch nicht einmal allein zum Fußball gehen lassen, ohne dass dir jemand ein Kind unterjubelt. Und schlimmer noch: Du verzichtest ganz auf den Spaß, den das machen könnte!“ Charly, die daneben stand, grinste und nickte heftig. Bröker wollte gar nicht wissen, welchem der beiden Teile von Gregors Aussage sie mehr zustimmte.

„Du hättest ja mit auf die Alm kommen können“, versuchte er sich offensiv zu verteidigen.

„Genau, damit ein Mittvierziger ein Kindermädchen hat“, scherzte Gregor. „Du weißt genau, dass ich mich sonntags immer mit den anderen CyberHoods treffe.“

„Wer sind denn die CyberHoods?“, fragte Charly, die neugierig geworden war.

„Ach, so heißt die Gruppe, die Gregor mit ein paar anderen gegründet hat. Das sind so Alles-wird-gut-Futzis und Gregor hängt dauernd mit ihnen rum“, brummelte Bröker. Bevor er aber eine Grundsatzdiskussion über Gregors zunehmendes Engagement in dieser Gruppe und seine mangelnde Bereitschaft, ein Studium zu beginnen, vom Zaun brechen konnte, meldete sich Julian lautstark zu Wort.

„Charly meint, er habe vielleicht Hunger“, versuchte sich Bröker kundig zu geben.

„Ja, besonders nachdem du ihm die Speisekarte vom Koch vorgelesen hast“, lachte die Journalistin.

Gregor fiel in ihr Lachen ein. „Und nun habt ihr beide den Kleinen hierhergebracht, weil bei uns der Kühlschrank ja vor Babynahrung nur so überquillt. Ich hoffe, du willst ihm nicht eines deiner Fläschchen geben!“

Bröker sah seinen Freund hilfesuchend an. Der rollte mit den Augen. „Dann kommt doch erst mal rein. Ich hab da vielleicht eine Idee.“

Und tatsächlich wusste Gregor eine Lösung. Er stiftete eine seiner Bananen und half so, eine kleine Mahlzeit für Julian zusammenzustellen. Wenig später saß dieser auf Brökers Schoß und Charly löffelte ihm ungeschickt einen Bananenbrei in den Mund, während Gregor mit seinem Handy Fotos machte.

„Das glaubt mir ja sonst keiner“, begründete er sein Tun. „Wie eine richtige kleine Familie! Hey, habt ihr vielleicht mal darüber nachgedacht?“

Doch sei es, weil ihn die Fürsorge um das kleine Kind in Beschlag nahm, sei es, weil ihm keine passende Erwiderung einfiel, ausnahmsweise gelang es Bröker, die Sticheleien seines Mitbewohners zu ignorieren.

Wenig später schob Charly den letzten Löffel Brei in Julians Mund. Bröker zog ein Taschentuch hervor und wischte ihm die Reste seiner Mahlzeit aus dem Gesicht.

„So, das war’s, kleiner Mann“, sagte er lächelnd und Julian lächelte zurück. Dann lehnte er sich langsam gegen Brökers Bauch, gluckste noch einmal und schlief ein. Charly schaute versonnen und auch Bröker sah zufrieden auf das schlafende Gesicht des Kleinen, wenn er nun auch nicht mehr wagte, sich zu bewegen. Nur Gregor konnte die Szene nicht unkommentiert lassen: „Wenn ihr so weitergrinst, verkaufe ich euer Bild für den Pfarrbrief der katholischen Kirche. Seliger können Maria und Josef auch nicht ausgesehen haben.“

Dann aber war auch er still. Für einen Moment waren nur die ruhigen Atemzüge des Kindes an Brökers Bauch zu hören.

„Er schnarcht ein bisschen“, beanstandete Charly.

Gregor hingegen wurde mit einem Mal ernst: „Was machen wir denn nun mit ihm? Auch wenn er bestimmt nicht so nervig ist wie Ulf, kannst du ihn ja nicht einfach zu dir nehmen.“

Dabei spielte er darauf an, dass Bröker im Zuge seiner letzten Ermittlungen einen neuen Mitbewohner aufgegabelt hatte, der sich schon nach wenigen Tagen als nervender Fernsehjunkie entpuppt hatte.

„Nein, natürlich nicht“, flüsterte Bröker aus Angst, Julian aufzuwecken. „Seine Mutter weiß doch, wo ich wohne. Sie wird schon im Laufe des Abends hier auftauchen und wenn nicht, gehe ich morgen früh zu ihr. Das verspreche ich dir.“

In diesem Moment schellte es.

Kapitel 4
Von ungebetenen und gebetenen Gästen

Bröker wollte Julian an Charly übergeben, doch die winkte ab, und so musste Gregor einspringen. Er nahm den schlafenden Kleinen in den Arm und Bröker öffnete die Tür. Draußen stand Judith. Die Mutter seines vorübergehenden Pflegekindes wirkte noch aufgelöster, als sie es schon wenige Stunden zuvor gewesen war.

„Oh, ein Glück, die Adresse stimmt!“, stieß sie als Erstes hervor. Ängstlich schaute sie Bröker an. „Du hast doch Julian noch?“

„Natürlich habe ich Julian noch“, versuchte Bröker sie zu beruhigen.

„Entschuldige“, nickte sie. „Aber gerade läuft alles so furchtbar schief. Da würde es nur noch fehlen, dass nun auch noch Julian …“ Bröker sah, dass Judith Tränen in die Augen stiegen.

„Komm doch erst einmal rein“, bat er sie ins Haus. „Du wirst sehen, Julian geht es prima. Auch wenn ich wie gesagt nicht viel Erfahrung mit Kindern habe. Aber meine Freunde haben mir geholfen.“

Als Judith ihren Sohn in Gregors Armen schlummern sah, musste sie trotz allem lächeln.

„Gottseidank“, flüsterte sie.

„Setz dich doch!“, forderte Bröker sie auf, der sich immer ein wenig hilflos vorkam, wenn Menschen so emotional wurden. Immerhin konnte er sich hier an die Regeln der Höflichkeit klammern. „Das ist Charly“, stellte er daher die Journalistin vor. „Und der junge Kerl hier ist Gregor. Von ihm habe ich dir ja schon erzählt. Judith ist die Mutter von Julian.“

„Bröker, wenn du so weitermachst, kannst du noch als Conférencier anfangen“, spottete Charly. Gregor aber hatte ein viel praktischeres Anliegen.

„Sag mal, Judith, du hast doch bestimmt eine Windel dabei?“, fragte er. „Wenn ich richtig liege, könnte dein Sohn gut eine frische gebrauchen.“ Dabei drehte er den Kleinen vorsichtig herum und schnupperte an dessen Hinterteil. Bröker hatte schon einen strengen Geruch bemerkt, ihn aber als Kaffeeduft eingeordnet und sich gefragt, wieso seine Wohnung plötzlich so intensiv nach diesem Heißgetränk roch.

„Na klar!“, rief Judith und zog eine Windel und Feuchttücher hervor. Bröker war erstaunt. Anscheinend musste eine junge Mutter so etwas stets im Handgepäck haben.

Während sich Judith in den nächsten Minuten um das Wohl des kleinen Julians verdient machte, stieg Bröker in seinen Weinkeller hinab und trug nach einiger Überlegung zwei Flaschen eines Riesling Kabinett nach oben. Der schmeckte ihm einerseits und andererseits war er so leicht, dass es ihm zumindest möglich schien, dass Judith auch dann ein Glas mittrank, wenn sie noch stillte. Auch wenn ihn der Tag heute eher anderes gelehrt hatte.

Zufrieden über sein weitsichtiges Verhalten entkorkte er eine der beiden Flaschen und goss vier Gläser ein. Als er diese auf einem Tablett ins Wohnzimmer balancierte, hatten Charly und Judith gerade auf den beiden Cordsesseln Platz genommen. Bröker, der so viel Besuch nicht gewohnt war, holte sich einen Stuhl, während Julian im Gästezimmer des Obergeschosses ruhig vor sich hin schlummerte. Nicht einmal vom Wickeln war er wach geworden. Gregor dagegen hatte sich schon seit geraumer Zeit im Schneidersitz auf den Boden gefläzt und tippte auf seinen Laptop ein.

Bröker verteilte den Wein und ließ sich dann selbst in seinen Stuhl sinken. Als er sich umblickte, sah er, dass alle darauf warteten, dass er das Gespräch in Gang brachte.

„Was läuft denn nun alles schief, Judith?“, versuchte er den Faden von vorhin aufzunehmen. Dass er mit dieser harmlosen Frage allerdings eine solche Wirkung erzielte, hatte er nicht erwartet. Sofort schossen der Frau wieder Tränen in die Augen und sie vergrub das Gesicht in ihren Händen.

„Oh“, sagte Bröker und kam sich wie ein Trampel vor. „Vielleicht trinken wir erst einmal was zur Beruhigung.“ Er erhob sein Glas. „Also: Prost!“

Charly winkte ab.

„B., du bist wirklich ein ganz miserabler Tröster“, attestierte sie und nahm Judith in den Arm. „Komm“, sagte sie. „Beruhige dich erst einmal und wenn du magst, erzählst du uns dann, was passiert ist. Das hilft meist. Und wir beißen nicht.“

Judith schluchzte noch ein paar Mal laut auf, dann fasste sie sich. Bröker blickte Gregor an, doch selbst sein junger Mitbewohner schien mit der emotional aufgeladenen Situation besser klarzukommen als er. Er hatte seinen Laptop zusammengeklappt und wartete gefasst, was Judith berichten würde.

Und wirklich, ein wenig später begann sie ihre Geschichte zu erzählen.

„Max hat bei der Sparbank gearbeitet. In der Hauptgeschäftsstelle in der Bahnhofstraße, die kennt ihr bestimmt.“ Bröker nickte. „Das war eine sichere Stelle, wisst ihr, und die Arbeitszeiten sind familienfreundlich. Abends war er meist vor halb sechs wieder zurück. Sicher, es gab auch stressige Zeiten, dann konnte es bis sechs oder halb sieben gehen. Aber das war die Ausnahme.“

Die junge Frau nippte an ihrem Weinglas. Die Erinnerung schien ihr gutzutun. Vielleicht half der Riesling auch ein bisschen, dachte Bröker. Zumindest ihm war er in Momenten wie diesem ein guter Freund. Er goss sich nach.

„So spät wie es letzten Montag wurde, ist Max jedenfalls nie von der Arbeit nach Hause gekommen. Als er um sieben immer noch nicht zurück war, habe ich versucht, bei ihm im Büro anzurufen. Normalerweise sieht er das nicht gerne. Ich meine, als Julian frisch geboren war und ich nicht weiterwusste, habe ich manchmal bei Max angerufen. Aber das mochte er nicht, denn es konnte ja immer gerade ein Kunde in seinem Büro sein oder sogar einer seiner Chefs. Ich habe da also wirklich nur noch in Notfällen angerufen. Ach, ist ja auch egal.“ Wieder nippte Judith an ihrem Weinglas und Bröker tat es ihr gleich.

„Am Montag jedenfalls habe ich mich um sieben Uhr durchgerungen und ihn angerufen. Aber es hat niemand abgenommen. Zehn Minuten später habe ich es noch einmal probiert. Wieder ging keiner ran. Ab da habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen.“

Bröker konnte sehen, wie Judith versuchte, sich zu beherrschen. Dennoch rannen zwei Tränen ihre Wange hinab. Ihm fiel wieder das Mal ins Auge. Charly legte Judith tröstend eine Hand auf die Schulter.

„Um neun Uhr habe ich es dann nicht mehr ausgehalten und die Polizei angerufen“, berichtete Judith. „Aber der Beamte dort meinte, zu einem so frühen Zeitpunkt könne man nichts tun. ‚Wenn wir jeden suchen lassen wollten, der mal zwei oder drei Stunden zu spät kommt, hätten wir halb Bielefeld auf unseren Fahndungslisten!‘, hat er gesagt. Aber ich kannte Max, er war wirklich zuverlässig! Erst um neun nach Hause zu kommen, das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Und wenn, dann hätte er auf jeden Fall Bescheid gegeben!“ Eine Pause entstand. Dann fuhr Judith fort. „Max kam die ganze Nacht nicht nach Hause. Am nächsten Morgen bin ich dann zur Polizei gegangen. Auch da hieß es zwar noch, nach einer Nacht könne man noch nichts machen, aber als ich ihnen geschildert habe, wie regelmäßig unser Tagesablauf war, hat man mir zugehört und ich konnte eine Vermisstenanzeige aufgeben. Genützt hat es nichts, Max blieb verschwunden.“

Bei diesen Worten wurde Judiths Stimme ganz leise. Auch Bröker wagte nichts zu sagen und selbst Charly und Gregor, die sonst jede Situation zu kommentieren wussten, waren still.

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