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Endstation Sehnsucht – Endstation Glück?

PROLOG

Jennifer blinzelte ungläubig ihrem Spiegelbild zu. War sie im Himmel? Das Restaurant war perfekt. Ebenso wie das Essen. Sogar die Damentoilette hätte schöner nicht sein können. Der absolute Luxus: Überall glänzte teurer Marmor, und es gab einen Korb mit kleinen, flauschigen Frotteehandtüchern, die man nach Gebrauch wegwerfen konnte. Der Abend hätte bis jetzt nicht besser laufen können. Jennifers Augen leuchteten vor Freude; ihre Wangen hatten einen rosigen Ton angenommen.

Sie beugte sich nach vorne und war das erste Mal in ihrem Leben nicht enttäuscht über ihr Aussehen. Der Spiegel zeigte diesmal kein übergewichtiges und zu großes Mädchen mit zu breitem Mund und widerspenstigen Haaren. Heute Abend war sie sexy, ihr ganzes Leben lag noch vor ihr, und draußen wartete James auf sie. James, ihr Date.

Jennifer Edwards kannte James Rocchi bereits, solange sie denken konnte. Von dem Cottage aus, das sie mit ihrem Vater bewohnte, hatte sie eine gute Sicht auf James’ prachtvolles Anwesen. Das Große Haus, wie sie und ihr Vater heimlich die riesige Rocchi Villa nannten, war mitsamt seiner atemberaubenden viktorianischen Architektur und seiner breiten Einfahrt vom kleinen Fenster ihres Zimmer aus bestens zu beobachten.

Sie hatte James als Kind angebetet und war ihm und seinen Freunden überallhin gefolgt, während diese über das Gelände tollten, das die Villa umgab. Als Teenager war sie so verliebt in James gewesen, dass sie jedes Mal errötete und etwas unbeholfen wurde, wenn er von seinem exklusiven Internat nach Hause zurückgekehrt war und sie ihm zufällig begegnete. Er schien jedoch nie etwas bemerkt zu haben, was vermutlich mit dem Altersunterschied zwischen den beiden zusammenhing. James war mehrere Jahre älter als sie.

Doch jetzt war alles anders. Jetzt war sie kein Teenager mehr. Sie war 21, hatte einen Universitätsabschluss in Französisch und würde in Kürze eine Stelle beim Pariser Büro der Anwaltskanzlei antreten, bei der sie in den Semesterferien immer gejobbt hatte.

Sie war nun endlich eine Frau, und ihr Leben konnte zurzeit nicht schöner sein.

Sie seufzte vergnügt auf, zog Lippenstift nach, strich sich über ihre glänzende Haare, die sie einige Stunden zuvor mit großem Aufwand mehr oder weniger erfolgreich gebändigt hatte, und verließ die Toilette.

Er schaute aus dem Fenster. Jennifer ging nicht sofort zu ihm zurück, sondern nahm sich einen Augenblick Zeit, um seinen Anblick zu genießen.

James Rocchi war ein exzellentes Beispiel für die Art von atemberaubend gutaussehendem Alpha-Mann, nach dem sich jede Frau im Umkreis von 200 Metern umdrehte. Er hatte schwarze Haare und bronzefarbene Haut, genau wie sein Vater, ein italienischer Diplomat. Seine dunkelblauen Augen hatte er von seiner englischen Mutter geerbt.

Alles an ihm strahlte Sex-Appeal aus, angefangen bei seiner leicht arroganten Kopfhaltung, bis hin zu seinem perfekten, muskulösen Körper. Jennifer hatte häufig beobachtet, wie andere Frauen, normalerweise zierliche blonde Dinger, die James von der Universität mit nach Hause gebracht hatte, ihn fast pausenlos anhimmelten, so, als ob sie nicht genug von ihm bekommen konnten.

Jennifer konnte immer noch kaum glauben, dass sie jetzt mit ihm hier war. Er hatte sie tatsächlich – sie atmete tief ein – um ein Date gebeten. Dieser Gedanke gab ihr so viel Selbstvertrauen, dass sie wieder zu ihrem Platz zurückgehen konnte. Sie errötete, als er sie mit einem Lächeln empfing.

„So … ich habe eine kleine Überraschung für dich“, sagte er.

Jennifer konnte ihre Aufregung kaum verbergen. „Wirklich? Was ist es?“

„Abwarten!“, antwortete er mit einem Grinsen. Er lehnte sich zurück und streckte seine Beine aus. „Ich kann immer noch kaum glauben, dass du mit dem Studium fertig bist und jetzt sogar ins Ausland gehst.“

„Ich weiß. Aber das Angebot in Paris war einfach zu interessant, um es auszuschlagen. Du weißt doch, wie es hier ist.“

„Tu’ ich“, stimmte er ihr zu. Er wusste, worauf sie anspielte. Ist das nicht auch eine ihrer wundervollen Eigenschaften? dachte er. Jennifer und er kannten sich bereits so lange, dass sie einander nur selten explizit sagen mussten, was sie meinten. Manchmal wussten sie sogar, worauf der andere hinauswollte, bevor dieser seinen Satz beendet hatte. Natürlich war Jennifers Parisaufenthalt eine hervorragende Idee. Soweit James sich erinnern konnte, war sie nie wirklich woanders gewesen, abgesehen von ihrem Studium in Canterbury, einer Stadt, die aber auch nicht weit entfernt lag. Und ganz gleich, wie wundervoll es hier in Kent war, er verstand ihren Wunsch, endlich die Welt kennenlernen zu wollen. Doch er war sich auch sicher, dass Jennifer ihm fehlen würde.

Sie schenkte sich noch ein Glas Wein ein und lächelte ihn übermütig an. „Drei Läden, eine Bank, zwei andere kleine Firmen und keine Arbeit. Naja, vielleicht hätte ich in Canterbury etwas gefunden, aber …“

„Aber, dafür hättest du nicht Französisch studieren müssen. John wird dich wahrscheinlich sehr vermissen.“

Sie hätte nichts lieber getan, als James gefragt, ob er, sie vermissen würde. James arbeitete in London und leitete dort die Firma seines Vaters, seitdem dieser vor sechs Jahren gestorben war. James war damals gerade einmal mit der Universität fertig gewesen. Plötzlich war er gezwungen gewesen, seine Zukunftspläne auf Eis zu legen, um die Firma ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen. Gleichzeitig hatte er Konkurrenten abwehren müssen, die gehofft hatten, das Unternehmen kaufen zu können. James wohnte zwar in London, kam aber regelmäßig nach Kent zurück. Ob sie ihm fehlen würde?

„Ich gehe ja nicht für immer weg“, sagte Jennifer lächelnd. „Und ich bin mir sicher, dass Dad klarkommen wird. Er hat ja seine kleine Gärtnerei. Außerdem kümmert er sich auch um euer Grundstück. Ich habe ihm gezeigt, wie man mit dem Computer umgeht, sodass ich mit ihm skypen kann.“ Sie legte ihren Kopf in die Hände und schaute James an. Er war erst 27, wirkte aber älter. War dem so, weil er bereits so früh unglaublich viel Verantwortung schultern musste? Bevor sein Vater starb, hatte er kaum etwas mit der Firma zu tun gehabt. Tatsächlich hatte Silvio Rocchi selber nur wenig mit der Firma zu tun gehabt. Um seinen Pflichten als Diplomat nachkommen zu können, hatte James’ Vater die Leitung der Firma Stellvertretern übertragen, was, im Nachhinein betrachtet, keine sonderlich gute Idee gewesen war. Nach seinem Tod, war der damals noch sehr junge und unerfahrene James gezwungen gewesen, Entlassungen vorzunehmen. Vermutlich war das der Grund, warum er so schnell erwachsen geworden war.

Jennifer hätte noch mehrere Minuten über diese Dinge nachgrübeln können, aber James sagte etwas zu ihr.

„Es ist nur so ein Gedanke, aber vielleicht genießt dein Vater es sogar, das Haus für sich zu haben. Wer weiß?“

„Ich bin mir sicher, dass er sich auf jeden Fall daran gewöhnen wird“, antwortete sie. Würde er es genießen? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Solange sie denken konnte, hatten ihr Dad und sie eine Einheit gebildet. Sie hatten sich gegenseitig nach dem Tod ihrer Mutter getröstet und hatten seither ein sehr enges Verhältnis.

„Ich glaube …“ James sah über ihre Schulter, lehnte sich nach vorne und legte eine Hand auf eine ihrer Hände, „… dass deine kleine Überraschung hier ist.“

Jennifer drehte sich um und sah zwei Kellner, die auf dem Weg zu ihr waren. Sie trugen einen mit einer brennenden Kerze gekrönten Kuchen und eine riesige Schüssel mit Eiskrem, die mit Schokoladensoße übergossen war. Jennifer fühlte Enttäuschung in sich aufsteigen. Ein Kind hätte sich über so etwas gefreut, nicht aber eine erwachsene Frau. Sie blickte zurück zu James und sah, dass dieser sich zurückgelehnt hatte. Er lächelte zufrieden, die Hände hinter seinem Kopf verschränkt. Jennifer lächelte zurück und hielt das Lächeln auch, als sie unter dem Applaus der anderen Restaurantbesucher die Kerze ausblies.

„Das war wirklich nicht nötig, James.“ Sie starrte auf ihr Dessert. Es war viel zu groß, als dass irgendjemand auf der Welt es alleine hätte verspeisen können. Sie war kurz davor, wieder das unbeholfene Mädchen von früher zu werden, während sie auf seine Überraschung starrte.

„Du hast es dir verdient, Jen.“ Er stützte seine Ellbogen auf dem Tisch ab und nahm vorsichtig die kleine Kerze vom Kuchen. „Dein Unizeugnis ist hervorragend. Genau wie deine Entscheidung, die Stelle in Paris anzunehmen.“

„Es ist nichts Ungewöhnliches daran, einen Job anzunehmen.“

„Aber Paris … als meine Mutter mir erzählte, dass man dir die Stelle angeboten hatte, dachte ich nicht, dass du das Zeug dazu hättest, sie anzunehmen.“

„Was willst du damit sagen?“ Es erschien ihr unhöflich, die Eiskrem schmelzen zu lassen und den Kuchen nicht anzurühren. Deswegen probierte sie etwas davon, jedoch wandte sie dabei ihre Augen von ihm ab.

„Du weißt, was ich meine. Du bist nie wirklich von hier weg gewesen. Während deines Studiums hast du zwar woanders gewohnt, aber du hast dir eine Uni in der Nähe ausgesucht, sodass du mehrere Male pro Woche vorbeikommen konntest, um nach John zu sehen.“

„Ja, aber …“

„Du hast nichts falsch gemacht. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn es mehr Menschen wie dich gäbe. Wir würden dann mit Sicherheit wesentlich weniger Artikel in der Zeitung darüber lesen, wie Menschen ihre Angehörigen in Altersheime abschieben und dort vergessen.“

„Bei dir klingt das fast so, als wäre ich eine Heilige“, sagte Jennifer, spießte etwas Kuchen auf ihre Gabel und tauchte diese in die Eiskremschüssel.

„Das machst du immer“, sagte er.

„Was mache ich immer?“

„Eis und Kuchen vermischen. Und das machst du auch immer.“

„Was?“ Sie spürte, dass sie immer gereizter wurde.

„Du kriegst es immer hin, dich zu bekleckern.“ Er beugte sich nach vorne und wischte mit dem Zeigefinger etwas Eis aus ihrem Mundwinkel. Seine Berührung ließ sie innerlich erschauern.

Er leckte das Eis vom Finger und runzelte die Stirn. „Nicht übel. Schieb’ mal die Schüssel näher zu mir ran. Dann haben wir beide was davon.“

Jennifer entspannte sich etwas. Das entsprach schon eher dem, was sie sich vorgestellt hatte. Nach drei Gläsern Wein war sie auch nicht mehr so nervös, wie zu Beginn des Abends, aber sie war immer noch etwas gehemmt. Wenn er sie noch einmal wie ein Kind behandelte, würde ihre Nervosität vermutlich zurückkehren. Aber im Augenblick aßen sie und er zusammen Eis, lachten und stießen immer wieder klirrend mit ihren Löffeln zusammen, während sie sich gleichzeitig aus derselben Schüssel bedienten.

Jennifer war wie berauscht. Sie beugte sich nach vorne, um sicherzustellen, dass James exzellente Sicht auf ihr großzügiges Dekolleté hatte. Normalerweise trug sie viel einfachere Kleidung – dicke Pullover im Winter und weite Kleider im Sommer. Doch für ihr Date mit James hatte sie tief in die Tasche gegriffen und sich einen neuen Rock geleistet sowie ein Seidentop, das zwar etwas weit ausfiel, aber einen tiefen Ausschnitt besaß.

Es war schon seltsam. An der Universität hatte sie keine Probleme damit gehabt, wie die meisten Studenten in engen Jeans und knappen Oberteilen herumzulaufen. Aber der Gedanke, in der Gesellschaft von James etwas Enges zu tragen, führte bei ihr immer zu einer leichten Panikattacke.

Das lag vermutlich daran, dass Jennifer jedes Mal, wenn er sie mit seinen verführerischen blauen Augen ansah, begann, sie mit seinen Freundinnen zu vergleichen, die alle schlank und zierlich waren. Weite Kleidung gab ihr mehr Selbstvertrauen und half ihr dabei, diese eher ungesunde Angewohnheit zu unterbinden.

„So …“, sagte er, „lässt du eigentlich gebrochene Herzen zurück?“

Es war das erste Mal, dass er ihr eine so persönliche Frage stellte. Jennifer zitterte innerlich vor Freude und schüttelte heftig den Kopf. Sie wollte auf keinen Fall, dass er dachte, dass sie bereits vergeben war.

„Nein, da ist niemand.“

„Du überraschst mich. Was stimmt denn nicht mit den Jungs an der Universität? Die haben doch sicherlich Schlange gestanden, um mit dir auszugehen.“

Jennifer errötete. „Ich hatte ein paar Dates, aber die Jungen waren alle so unreif. Alles, wofür die sich interessieren, ist, in Clubs zu gehen, sich zu betrinken, und den ganzen Tag über Computerspiele zu spielen. Keiner von denen scheint das Leben ernst zu nehmen.“

„Mit achtzehn, neunzehn Jahren sollte man das Leben auch noch nicht so ernst nehmen.“

„Aber du hast es damals getan. Und du warst kaum älter.“

„Du erinnerst dich vielleicht noch daran, dass ich keine Wahl hatte.“ Jennifer war die einzige Person, der er gestattete, mit ihm über sein Privatleben zu sprechen. Tatsächlich war sie der einzige Mensch, der überhaupt etwas über sein Privatleben wusste. Allerdings hatte er selbst vor ihr Geheimnisse.

„Das weiß ich. Und ich weiß auch, dass es damals nicht einfach für dich war. Aber ich kenne niemanden, der die Herausforderung so hervorragend gemeistert hätte, wie du es getan hast. Du hattest keinerlei Erfahrungen, und trotzdem hast du es geschafft, das Ruder herumzureißen.“

„Ich sorge dafür, dass du auf der Gästeliste ganz oben stehst, wenn mich die Königin zur Belohnung in den Adelsstand erhebt.“

Jennifer lachte und schob ihren Teller mit der schmelzenden Eiskrem zur Seite. Sie goss sich stattdessen noch etwas Wein nach und ignorierte James’ Stirnrunzeln.

„Ich meine, was ich gesagt habe“, bestand Jennifer. „Von allen, die ich an der Uni kennengelernt habe, wäre niemand in der Lage gewesen, das zu tun, was du getan hast.“

„Du bist noch jung. In deinem Alter solltest du nicht nach jemandem Ausschau halten, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt. Such’ lieber nach dem Gegenteil, nach jemandem, der noch nicht ganz erwachsen ist. Glaub’ mir, in deinem Alter ist es einfach noch zu früh, um die Ärmel hochzukrempeln und festzustellen, dass das Leben kein Spaziergang ist.“

„Ich bin nicht jung!“, sagte Jennifer fröhlich. „Ich bin einundzwanzig. Eigentlich nicht sehr viel jünger als du.“

James lachte und gab dem Kellner mit einem Handzeichen zu verstehen, dass er bezahlen wollte. „Du hast ja noch ziemlich viel vom Nachtisch übrig gelassen.“ Zu Jennifers Enttäuschung hatte er das Thema gewechselt. „Das habe ich immer so an dir gemocht, dass du so eine Naschkatze bist. Die meisten der Frauen, mit denen ich ausgegangen bin, haben Nachtisch für ein Schwerverbrechen gehalten, auf das die Todesstrafe steht.“

„Deswegen sind die so dünn und ich nicht“, sagte Jennifer und hoffte auf ein Kompliment. Aber James’ Aufmerksamkeit galt jetzt der Rechnung, die der Kellner ihm vorgelegt hatte.

Nun, wo sich der Abend seinem Ende zuneigte, konnte Jennifer spüren, wie sie immer nervöser wurde. Dank des vielen Weins, den sie getrunken hatte, war es jedoch nicht so schlimm, wie es hätte sein können. Als sie sich erhob, schwankte sie etwas, doch James stützte sie sofort.

„Du hast doch wohl nicht zu viel getrunken, oder?“, sagte er mit leicht besorgtem Gesichtsausdruck. „Hak’ dich bei mir unter. Dann stolperst du nicht.“

„Natürlich stolpere ich nicht! Ich bin erwachsen. Ich falle nicht hin, nur weil ich etwas Wein getrunken habe!“ Sie genoss es, dass er einen Arm um ihre Hüfte gelegt hatte, während sie das Restaurant verließen.

Es war August, aber das Wetter war mild. Es hatte bereits angefangen, dunkel zu werden, doch die Straßenlaternen waren noch nicht angeschaltet. Jennifer empfand die Stimmung als freundlich und intim. Sie schmiegte sich enger an ihn und legte vorsichtig einen Arm um seine Taille. Ihr Herz raste vor Aufregung.

Sie war ein Meter achtundsiebzig groß, mit ihren hohen Schuhen kam sie sogar auf ein Meter dreiundachtzig. Aber jedes Mal, wenn sie James mit seinen ein Meter einundneunzig ansah, fühlte sie sich immer noch wundervoll klein und zierlich.

Es hätte ihr nichts ausgemacht, weiterhin zu schweigen und die Stille zu genießen. Aber James begann, ihr Fragen über Paris zu stellen, über ihren Job und das Apartment, wo sie wohnen würde. Er bot ihr sogar an, in eins der Apartments seiner Firma zu ziehen, falls ihr ihre eigene Wohnung nicht gefallen sollte.

Das war Jennifer jedoch überhaupt nicht recht. Sie wollte weder, dass er den großen Bruder spielte, noch, dass er dachte, dass er sich um sie kümmern müsse. Deswegen schlug sie sein Angebot dankend aus.

„Seit wann bist du denn so selbstständig?“, neckte er sie. Sein warmer Atem strich über ihr Haar, und sie spürte, dass er lächelte.

Sie waren bei seinem Auto angekommen. Er hielt ihr die Beifahrertür auf. Sofort vermisste sie das Gefühl seines Arms um ihre Taille.

„Ich weiß noch“, sagte er, während er den Wagen startete, „wie du mir gesagt hast, dass du durch deine Mathe-Prüfung fallen würdest, wenn ich dir nicht helfen würde. Du warst damals fünfzehn.“ Er drehte sich zu ihr um und lächelte.

Sie hatte damals nie daran gedacht, dass er etwas Besseres zu tun haben könnte. Sie hatte sich einfach darüber gefreut, dass sie zwei Stunden lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte.

„Ich war vermutlich eine ganz schöne Nervensäge“, sagte Jennifer.

„Oder aber eine angenehme Ablenkung.“

„Was meinst du damit?“

„Dass ich damals so viel damit zu tun hatte, die Firma meines Vaters zu retten, dass ich kaum noch Zeit zum Atmen hatte. Dir zu helfen und deinen Schulgeschichten zuzuhören, hat mir erlaubt, eine Auszeit zu nehmen und mich für einen Augenblick zu entspannen.“

„Was war denn mit deinen Freundinnen?“

„Ich weiß“, sagte James und seufzte. „Man könnte meinen, dass sie damals für die nötige Ablenkung gesorgt hätten. Leider war dem nicht so.“

„Naja, das ist alles schon so lange her, dass ich mich gar nicht mehr an die Sachen erinnern kann, die ich dir damals erzählt habe.“

„Wenn ich mich recht erinnere, hast du damals ein A in der Mathe Arbeit bekommen.“

Jennifer antwortete nicht. Das Restaurant war nur dreißig Minuten vom Cottage entfernt. In null Komma nichts würde sie wieder zu Hause sein. Dort würde sie ihm beweisen, dass sie nicht mehr das Kind war, das ihn damals um Hilfe bei ihren Hausaufgaben gebeten hatte oder ihn mit albernem Klatsch aus ihrem Leben nervte, wann immer er übers Wochenende zurückgekommen war. Vielleicht würde ihn das Ganze nicht einmal überraschen. Schließlich war er es ja gewesen, der sie um die Verabredung gebeten hatte.

Sie musste daran zurückdenken, wie gut es sich angefühlt hatte, als er einen Arm um ihre Taille gelegt hatte. Sie war versucht, eine Hand auf seine linke Hand zu legen, entschied sich jedoch dagegen.

James und Jennifer schwiegen entspannt, als sie das Cottage erreichten. Es lag auf demselben Gelände wie die Rocchi Villa und war früher einmal das Haus des Chefbutlers gewesen.

Es war ein glücklicher Zufall gewesen, dass Jennifers Vater das kleine Landhaus mit seinen zwei Schlafzimmern zur gleichen Zeit gekauft hatte, als die Rocchis in die Villa gezogen waren. Jennifer Mutters war gestorben, als Jennifer noch ein Kleinkind gewesen war. Daisy Rocchi hingegen hatte nach James keine weiteren Kinder bekommen können und machte sich zur Ersatzmutter von Jennifer, ohne Rücksicht darauf, dass sie damit alle Regeln und Konventionen verletzte, denen zufolge sich zwei Familien von so unterschiedlichem sozialen Stand nicht so nah kommen durften.

„Dad ist nicht zu Hause.“ Jennifer drehte sich zu James und räusperte sich. „Warum … ähm … kommst du nicht noch mit rein, und wir trinken etwas. Du hast den Wein im Restaurant ja kaum angerührt.“

„Wenn ich die ganze Sache besser geplant hätte, hätte ich uns ein Taxi gerufen, anstatt selber zu fahren.“

„Wir haben noch etwas Wein im Kühlschrank und Dad hat auch noch eine Flasche Whisky im Regal stehen.“ Jennifer war sich nicht sicher, was sie tun würde, sollte James ihre Einladung ablehnen. Zu ihrer Erleichterung nahm er jedoch das Angebot an. Er sagte allerdings Nein zum Alkohol und entschied sich stattdessen für eine Tasse Kaffee.

Als die beiden das Cottage betraten, schaltete Jennifer lediglich eine Stehleuchte im Wohnzimmer an und nicht die grelle Deckenlampe. Dann machte sie sich mit zitternden Händen daran, Kaffee zu kochen. Sie verspürte jetzt nicht mehr so viel Selbstvertrauen und Enthusiasmus wie noch früher am Abend, als sie sich auf der Restauranttoilette im Spiegel betrachtet hatte.

Sie war so in Gedanken verloren, dass sie vor Schreck fast beide Tassen fallen ließ, als sie sich umdrehte und sah, dass James im Eingang zur Küche stand. Sie stellte die Tassen vorsichtig auf den Küchentisch und ging zwei Schritt auf ihn zu, um den Abstand zu ihm zu verringern.

Jetzt oder nie, dachte sie mit wilder Entschlossenheit. Es war Zeit, endlich zu handeln. Während ihres Studiums hatte sie versucht, Gefühle für die Männer zu entwickeln, mit denen sie ausgegangen war. Jedoch hatte Jennifer für sie nie das empfinden können, was sie für James empfand. Sein atemberaubender Sex-Appeal und der Umstand, dass sie ihn bereits seit ihrer Kindheit kannte, machten ihn unglaublich attraktiv für sie. Sie konnte tun, was sie wollte, sie schaffte es einfach nicht, ihre Gefühle für ihn abzulegen.

„I…ich mochte sehr, was du eben getan hast …“ Sie war so nervös, dass ihre Handflächen schwitzten.

„Meinst du das Eis und den Kuchen?“ Er lachte und sah sie an. „Wie ich schon sagte, weiß ich, was für eine Naschkatze du bist.“

„Eigentlich habe ich von dem gesprochen, was danach kam.“

„Entschuldige, aber ich weiß gerade gar nicht, wovon du sprichst.“

„Als wir zum Auto gegangen sind, hast du einen Arm um mich gelegt. Das war sehr schön.“ Sie strich mit einer Hand über seine Brust. Jennifer musste scharf einatmen, als sie seinen harten Körper unter ihren Fingern spürte. „James …“ Sie sah zu ihm hoch. Bevor sie einen Rückzieher machen konnte, schloss sie die Augen und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Der Geschmack seines kühlen Mundes jagte einen Adrenalinstoß durch ihren Körper. Sie stöhnte leise, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn noch inniger.

Ihr Herz schlug wie wild, ihr Körper war wie elektrisiert. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so gefühlt wie jetzt. Jeder bisherige Kuss, den sie mit einem Jungen geteilt hatte, verblasste im Vergleich zu diesem. Jennifer spürte, wie James ihren Kuss erwiderte. Diese Reaktion reichte ihr als Zeichen. Sie nahm seine rechte Hand, schob sie unter ihre Bluse und führte sie bis zu dem Spitzen-BH, den sie extra seinetwegen gekauft hatte.

Jennifer war so bezaubert von dem Moment, dass es etwas dauerte, bis sie bemerkte, dass James sich sanft aber bestimmt von ihr löste. Es dauerte noch ein paar Sekunden mehr, bis ihr klar wurde, dass dies nicht bedeutete, dass er mit ihr nach oben gehen wollte. Dieser Abend, auf den sie solange gewartete hatte, würde nicht in ihrem Zimmer enden. Sie würden sich heute nicht im Kerzenschein lieben. Sie hatte viel Zeit darauf verschwendet, die richtige Bettwäsche auszuwählen. Letztendlich hatte sie sich gegen ihre geliebten Blumenmuster und für etwas Einfarbiges entschieden. Aber davon würde er heute Abend nichts mitbekommen.

„Jennifer …“

Es war beinahe unerträglich, die Sanftheit in seiner Stimme zu hören. Abrupt drehte sie sich um, die Arme eng um ihren Körper geschlungen. „Es tut mir leid. Bitte geh jetzt.“

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