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Endstation Oxfod

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37

Über die Autorin

Veronica Stallwood kam in London zur Welt, wurde im Ausland erzogen und lebte anschließend viele Jahre lang in Oxford. Sie kennt die schönen alten Colleges in Oxford mit ihren mittelalterlichen Bauten und malerischen Kapellen gut. Doch weiß sie auch um die akademischen Rivalitäten und den steten Kampf der Hochschulleitung um neue Finanzmittel.

Jedes Jahr besuchen tausende von Touristen Oxford und bewundern die alten berankten Gebäude mit den malerischen Zinnen und Türmen und dem idyllischen Fluss mit seinen Booten – doch Veronica Stallwood zeigt dem Leser, dass der friedliche Schein oft genug trügt.

Titel

1

Jon Kenrick stand vor dem geöffneten Kühlschrank und überlegte, was er zum Frühstück zubereiten sollte. Speck? Eier? Oder vielleicht Pilze? Die Pilze hatten zwar ihre beste Zeit hinter sich und sahen ein wenig verschrumpelt aus, aber wenn er sie in viel Butter briet, würden sie sicher noch schmecken.

Aus dem Arbeitszimmer im ersten Stock klang das eifrige Klappern von Kates Tastatur.

»Frühstück in fünf Minuten!«, rief Jon.

»Bin schon unterwegs«, schallte es zurück, doch das eifrige Klappern ging weiter.

Jon wunderte sich nicht über Kates Arbeitsanfall an diesem Samstagmorgen. Schon zur Mittagszeit mussten sie los, denn heute heiratete Kates Agentin Estelle Livingstone, und sie waren zur Hochzeitsfeier eingeladen.

Jon füllte den Wasserkocher. Wenn es etwas gab, womit man Kate von ihrem Computer loseisen konnte, dann war es der Duft von frischem Kaffee. Er schnitt vier Scheiben Brot ab und steckte sie in den Toaster. Kaffee und Toast – gab es etwas Besseres, um eine Frau an den Frühstückstisch zu locken?

Drei Minuten später erschien Kate an der Küchentür.

»Da bist du ja!«, freute sich Jon.

»Ich wollte nur noch den Absatz zu Ende schreiben. Sag mal, sind das etwa die Pilze ganz hinten aus dem Kühlschrank?«

»Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.« Jon grinste und wendete die Pilze in der Pfanne. »Ich bin sicher, sie sind noch in Ordnung.«

»Denk dran: Ich muss mich gleich in ein Kleid zwängen, das mir mehr als eine dünne Scheibe Toast bitter verübeln würde.«

Verständnisvoll schaufelte Jon den Löwenanteil aus der Pfanne auf seinen eigenen Teller. Kate bekam nur eine kleine Portion ab. »Klar, wir sind zum Mittagessen eingeladen, aber wer weiß, wie lang es bis dahin noch dauert. Hast du eine Ahnung, wie viel Zeit ein Fotograf braucht, bis er Braut und Bräutigam möglichst pittoresk unter einem Rosenbogen drapiert hat?«

»Wie ich Estelle kenne, wird die Fotosession eher kurz ausfallen«, meinte Kate. »Die beiden sind ja keine süßen zwanzig mehr. Und auch die Dreißiger haben sie locker hinter sich.« Sie goss Kaffee in zwei Becher, und für eine Weile widmeten sie sich schweigend ihrem Frühstück.

»Was sagst du überhaupt dazu?«

»Dass Estelle heiratet? Natürlich freue ich mich für sie.«

»Glaubst du, dass sich dadurch ihre Beziehung zu ihren Autoren verändert?«

»Ich denke, dass sie wieder ganz die zielstrebige, entschlossene und durchsetzungsfähige Agentin sein wird, sobald sie nach der Hochzeitsreise ihr Büro betritt.«

»Na ja …«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Estelle lieber Hausmütterchen ist, als einen guten Deal an Land zu ziehen.«

»Was hieltest du davon, es ihr nachzutun?«, fragte Jon plötzlich.

»Wie meinst du das?«

»Ganz einfach: zu heiraten. In den Stand der Ehe zu treten. Nägel mit Köpfen zu machen. Kinder zu bekommen.«

»Im Prinzip bin ich nicht abgeneigt, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür«, antwortete Kate.

»Wird es denn je einen richtigen Zeitpunkt geben?«

»Sobald ich das Buch fertig habe, an dem ich gerade sitze.«

»Nun, damit sind wir immerhin schon einen Schritt weiter.« Kate war wirklich ein Fall für sich! Hatte sie nicht längst genug geschrieben? Blieb ihr überhaupt noch etwas zu sagen?

»Ich habe mich lange mit Estelle darüber unterhalten. Sie ist der Meinung, dass ich mich an einem Punkt meiner Karriere befinde, an dem ich etwas wirklich Außergewöhnliches abliefern sollte. Meinen großen Durchbruch, wie sie es nennt. Ich möchte etwas schreiben, worauf ich wirklich stolz sein kann. Mein bestes Werk. Aber das schaffe ich nur, wenn ich mich ganz darauf konzentriere. Eine Hochzeit, ein Umzug und vielleicht sogar ein Baby, das wäre mir jetzt einfach zu viel.«

Andere Frauen bewältigten doch auch mehrere Dinge gleichzeitig! Warum nicht Kate? Hätte Jon diesen Gedanken allerdings ausgesprochen, hätte das vermutlich zu einer ihrer endlosen Diskussionen geführt. Und anschließend würden sie sich für den Rest des Tages anschweigen.

»Was schätzt du? Sechs Monate? Ich denke, so lange kann ich warten«, erklärte er friedlich.

»Weißt du, ich will etwas ganz Neues ausprobieren. Aber dazu muss ich erst mit Estelle reden, sobald sie aus den Flitterwochen zurück ist.«

»Oh, sicher kann sie deinen Anruf kaum abwarten.«

Kate leerte ihren Kaffeebecher und stand auf. »Ich sollte mich allmählich in Schale werfen«, meinte sie. »Die Trauung ist um elf.«

»Sechs Monate. Höchstens«, wiederholte Jon.

»Ich muss dieses Buch schreiben«, gab Kate zurück. »Verstehst du das denn nicht? Es ist vielleicht meine letzte Chance.«

»Du könntest stattdessen ein paar niedliche Kinder bekommen«, wandte Jon ein.

Er musste jedoch einsehen, dass für Kate zumindest im Augenblick die Produktion eines Buches Vorrang vor der von Nachwuchs hatte.

In einer aufwändig und mit viel Sinn für Details ausgestatteten Bauernhausküche, in der getrocknete Kräuter von der Decke hingen und fünf verschiedene Sorten Olivenöl auf einer Marmoranrichte standen, spielte sich fast zeitgleich ein ganz anderes Frühstücksszenario ab.

An einem langen Holztisch saßen Myles und Cathy Hume nebeneinander und fühlten sich unbehaglich. Sie hatten ihren Dauerstreit nur kurz unterbrochen. Estelle soll nicht gleich zu Beginn mit den unangenehmen Seiten einer zwölfjährigen Ehe konfrontiert werden, dachte Myles. Warum zum Teufel musste sein Bruder nun doch noch heiraten, nachdem er dieser Falle so lange hatte ausweichen können?

»Du willst doch nicht ernsthaft mit dieser Krawatte in die Kirche gehen?«, mäkelte Cathy.

»Warum nicht? Meine Mutter hat sie mir zu Weihnachten geschenkt.«

»Sicher, aber das ist fünf Jahre her. Nimm sie ab, Myles.«

So war Cathy immer, wenn sie eine Diät machte. Obwohl sie in letzter Zeit geradezu verbissen versuchte abzunehmen, sah man ihrer hübsch gerundeten Figur keine Veränderung an.

»Und was zum Teufel soll ich sonst umbinden?« Natürlich hatte sie sich wieder ein teures, neues Kleid gekauft. Dabei waren sie so klamm, dass er sich das ganze Jahr hindurch nicht einmal eine neue Krawatte geleistet hatte.

»Mir geht es so was von am Arsch vorbei, was du anziehst!«

Das sagt sie nur, weil sie ihr neues Kleid anprobiert hat und den Reißverschluss nicht zubekommt, dachte Myles.

»Mami, was bedeutet am Arsch vorbei?«

Ein zierliches, engelsgleich aussehendes Kind war in die Küche getreten und blickte die Mutter interessiert an. Nicht, dass die Kleine das nicht ahnen würde, dachte Myles. Sie wollte vermutlich nur testen, wie ihre Mutter sich aus der Affäre zog.

»Barsch. Ich habe Barsch gesagt. Das ist ein Fisch, weißt du?«, improvisierte Cathy. »Seid ihr denn immer noch nicht angezogen, Portia?«

»Also, ich bin in drei Minuten fertig, aber Juliet trödelt mal wieder.«

»Dann steh hier nicht rum. Mach dich fertig und sag Juliet, dass wir nicht ihretwegen zu spät kommen wollen.«

Portia rannte aus der Küche und rief die Treppe hinauf: »Hau rein, du faule Socke. Mami hat eine Scheißlaune.«

»Ich brauche jetzt erst mal einen kleinen Whisky«, sagte Myles und hielt Cathy sein Glas hin.

»Um diese Uhrzeit? Einer von uns muss aber nüchtern bleiben.«

»Wo du recht hast, hast du recht.« Er nickte. »Und heute bist du an der Reihe.« Ehe sie etwas einwenden konnte, stürzte er einen guten Fingerbreit Whisky hinunter und machte sich auf den Weg zum Cottage seines Bruders, dessen Trauzeuge er an diesem Tag sein sollte.

Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war, räumte Cathy das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine und ging dann hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich für die Hochzeit umzuziehen. Mist! Myles war fort. Wie sollte sie jetzt den Reißverschluss ihres Kleides schließen? Wie hatte sie das nur vergessen können! In einer Schublade stöberte sie nach einer Häkelnadel. Erst gut fünf Minuten und mehrere schmerzhafte Verrenkungen später saß das Kleid. Als Cathy schließlich fertig war, perlten Schweißtropfen über ihr hochrotes Gesicht. Noch schlimmer aber fand sie, dass Portia ihren Affentanz die ganze Zeit von der Tür aus beobachtet hatte.

»Verschwinde!«, giftete sie und knallte dem Kind die Tür vor der Nase zu.

Nachdem sie sich das Gesicht abgetupft und ihren Hut aufgesetzt hatte, ging sie hinunter und warf einen Blick auf die Uhr im Korridor. Oben stritten sich die Kinder.

»Aufhören!«, zeterte sie.

Plötzlich stand Portia neben ihr. Sie trug jetzt ihr Brautjungfern-Kleidchen und hatte ihr Haar gebürstet, bis es wie gesponnenes Gold aussah. Ein geübtes Lächeln lag auf ihrem makellosen Gesicht.

»Sie hat angefangen«, behauptete die Kleine und ließ ein paar zerdrückte Rosenblätter zu Boden segeln.

»Das interessiert mich nicht. Und hör endlich auf mit dem Quatsch, sonst hast du nicht mehr genügend Blüten für Estelle übrig.« Nun erschien auch Juliet auf dem Treppenabsatz. Der Kranz aus Rosen saß schief über ihrem mürrischen Gesicht. Cathy rückte den Kopfputz ihrer jüngeren Tochter zurecht. »In fünf Minuten machen wir uns auf den Weg zur Kirche«, erklärte sie.

Es war ein Fehler gewesen, das Kleid in Größe 40 zu kaufen. Bloß weil sie und Myles wieder einmal eine Krise durchmachten, sollte sie nicht gleich zur Schokolade greifen, wenn sie sich über ihn ärgerte. Aber es war wirklich unerhört, welche Sparmaßnahmen er von ihr erwartete! Und dabei gönnte er sich den besten Whisky, während er sie anhielt, nicht mehr in teuren Delikatessenläden, sondern im Supermarkt einzukaufen. Wie sollte sie denn dort ihren Lieblings-Vacherin finden? Da durfte es wirklich niemanden wundern, wenn sie sich auf den Frust hin eine Familienpackung belgischer Pralinen leistete, oder?

Nun spannte das asymmetrisch geschnittene Seidenkleid über Bauch und Hüften, während ihr Miederhöschen sich redlich bemühte, die Fettpölsterchen wegzumogeln, die sich um ihren Po angesiedelt hatten. Sie zog widerwillige Muskeln ein und hoffte, dass niemand etwas merkte. Den Hochzeitskuchen konnte sie jedenfalls vergessen. Oder vielleicht – Cathy kannte Estelle und ahnte, dass der Kuchen eine fantastische Köstlichkeit sein würde – würde sie sich ein ganz, ganz kleines Stück gönnen. Nur eines.

Die Pralinenschachtel stand auf einem Tisch im Flur. Ohne sich dessen bewusst zu sein, fingerte sie sich durch leere Papierchen, immer in der Hoffnung, in einer Ecke könne sich doch noch eine vergessene Praline verstecken. Als ihr endlich klar wurde, dass die Schachtel tatsächlich leer war, seufzte sie tief.

In einer anderen, etwas kleineren Küche, auf deren polierter Granitarbeitsfläche glänzende Küchengeräte standen, saß an einem ziemlich langen Tisch ein Mann und frühstückte. Im gesamten Raum herrschte eine fröhliche Unordnung, wie nur Kinder sie hinterlassen können. Und tatsächlich wurde kurz darauf lautes Kinderlachen vom Schrillen der Türklingel unterbrochen.

»Könntest du bitte aufmachen, Gaby?«

Der Mann saß am Tisch und schaufelte Rührei, Pilze und Speck in sich hinein. Er hatte die drei Bestandteile seines Frühstücks fein säuberlich auf seinem Teller getrennt und aß immer ordentlich der Reihe nach eine Gabel Ei, eine Gabel Pilze, eine Gabel Speck. Ein bisschen sorgte er sich, dass der Speck zur Neige gehen könnte, während noch Pilze und Rührei übrig waren, und daher schnitt er den Speck in kleinere Stücke, um die Symmetrie zu erhalten. Beim Essen las er Zeitung und bemerkte nicht, dass Gaby gerade Wäsche in die Waschmaschine stopfte. Doch sie beschwerte sich nicht, unterbrach ihre Arbeit und ging nachsehen, wer da am Samstagmorgen etwas von ihnen wollte.

»Seid mal ein bisschen leiser«, sagte der Mann zu den Kindern, obwohl er nicht die geringste Hoffnung hegte, dass man ihm gehorchen würde. Und dann hielt er inne: Waren jetzt Pilze oder Rührei an der Reihe?

»Es ist der Postbote!«, rief Gaby von der Eingangstür her. »Du musst hier was unterschreiben.«

»Das kannst du auch tun, okay?« Er unterbrach weder seine Mahlzeit, noch blickte er von seiner Zeitung auf. An diesem Samstagmorgen trug er ein strahlend sauberes T-Shirt und eine frisch gebügelte Jeans. Vom Duschen glänzte seine Haut noch immer rosig. Seine nackten Füße steckten in Turnschuhen, die so weiß waren, dass er sie sicher nie bei einem Training getragen hatte.

Gaby kam mit einem dicken Umschlag in die Küche zurück. Als der Mann den Brief sah, wurde seine Stimme scharf. »Gib her!«

»Der Brief ist nicht für dich«, erklärte Gaby und brachte den Umschlag außer Reichweite. »Er ist für einen gewissen Jackson Cutter.«

»Dann ist er doch für mich«, sagte der Mann so langsam und überdeutlich, als spräche er mit einem der Kinder.

»Ich hätte vielleicht besser nicht unterschrieben. Aber die Adresse stimmt.« Immer noch hielt sie den Umschlag von ihm entfernt.

»Nun gib schon her!«

Gaby begutachtete die Adresse. »Wer mag dieser Jackson Cutter sein?«, sinnierte sie. »Und dann der Absender! Alpha UK Agency! Hört sich ganz schön zwielichtig an.«

»So ein Quatsch! Was ist bloß mit dir los?«

»Und warum schicken diese Alpha-Leute Herrn Cutter einen so dicken Brief an unsere Adresse? Ist der Mann vielleicht ein Spion?«

»Jetzt hör schon auf, mich auf den Arm zu nehmen, Gaby.« Mit einem Seufzer entschloss er sich, ihr reinen Wein einzuschenken. »Jackson Cutter, das bin ich. Ja, ich habe mich Jackson Cutter genannt. Schau mich bitte nicht so an. Es ist schließlich nicht verboten, einen anderen Namen zu benutzen. Und gib mir endlich diesen Brief.«

»War doch nur ein Scherz! Bitte schön, Mister Cutter!«

Der Mann setzte sich und riss den Umschlag auf.

»Willst du mir nicht erklären, was das alles zu bedeuten hat? Was macht diese Agentur?«

»Alpha ist eine Literaturagentur. Dort kümmert man sich darum, Verleger für Manuskripte zu finden. Ich habe ein paar meiner Sachen hingeschickt.«

»Sachen? Was für Sachen? Hast du etwa ein Buch geschrieben?«

»So könnte man es ausdrücken.«

»Aber das braucht dir doch nicht peinlich zu sein! Ich finde das ganz großartig. Werden wir jetzt reich?«

»Kommt darauf an, wie es ihnen gefällt.« Der Mann glaubte felsenfest daran, dass sein Buch das Zeug zum Bestseller hatte und dass jeder Agent ihn mit Handkuss vertreten würde, sobald er die ersten Zeilen gelesen hätte. »Wenn es angenommen wird, bekommen wir nicht nur viel Geld, sondern ich kann auch meine Arbeit aufgeben und mich ganz der Schriftstellerei widmen. Das habe ich mir mein Leben lang gewünscht.«

Einen kurzen Augenblick träumte er von sonnigen Vormittagen in einem Wintergarten, wo er umgeben von Vogelgezwitscher und dem Duft von Geißblatt in die Tasten seiner treuen, alten Schreibmaschine hämmerte. Noch immer öffnete er den Umschlag, der verdächtig dick war. Hatte die Agentur etwa alle seine eingesendeten Kapitel zurückgeschickt? Etwa hundert maschinenbeschriebene Seiten kamen zum Vorschein. Am Titelblatt war ein Brief angeheftet. Ein kurzer Brief mit dem Logo der Agentur. Der Mann wandte den Kopf zur Seite.

»Lies du«, sagte er und reichte Gaby den Brief.

Gaby brauchte nur fünf Sekunden.

»Tut mir leid«, sagte sie dann.

»Nicht gut?«, erkundigte er sich zaghaft.

»Mein Gott, der Kerl ist ein Blödmann erster Güte. Das Manuskript wäre nichts für ihn, schreibt er. Und dass er dir Glück bei der weiteren Suche nach einem Agenten wünscht.«

»Ist das alles?«

»Hier. Schau es dir selbst an.«

Der Brief bestand aus nicht mehr als vier Zeilen. »Unhöflicher Mistkerl. Er hätte doch wenigstens meinen Schreibstil loben oder erwähnen können, dass die Handlung genial ist. Nach dem, was hier steht, müsste ich glatt die Hoffnung aufgeben, je im Leben etwas zu veröffentlichen. Für wen hält dieser verdammte Spinner sich eigentlich?«

»Pst, die Kinder hören zu!« Der Mann, der sich Cutter nannte, hob entschuldigend eine Hand. »Aber bestimmt gibt es doch noch andere Agenten. Einer wird sicher erkennen, wie gut du bist. Der Brief hier ist doch nur eine Einzelmeinung.«

»Nicht ganz«, gestand er mit einem gewissen Unbehagen und sah sie an. »Es ist jetzt schon das siebte Mal, dass das Manuskript zurückkommt. Und immer steht in den Briefen das Gleiche: dass der Markt derzeit schwierig wäre, und dass man mir viel Glück für die Zukunft wünscht.«

»Na, dann versuch es weiter. Schick das Buch an den nächsten Agenten.«

»Mal sehen.« Er fühlte sich viel zu mutlos, um es noch einmal zu probieren.

»Es ist schon nach elf. Warum schüttest du den Rest Kaffee nicht einfach weg und machst dir einen ordentlichen Gin Tonic? Der hilft vergessen.«

»Ich bin gerade erst mit dem Frühstück fertig geworden.«

»Jedenfalls solltest du dich ein bisschen beruhigen.«

»Ich wollte immer schon schreiben. Von klein auf. Ich wollte meinen Namen in großen Lettern auf Bucheinbänden sehen. In meinen Träumen stürmen die Leute in Buchhandlungen, reißen sich meine Romane aus den Händen, und ich kann sagen: Diese Bücher habe ich geschrieben! Ich bin berühmt.«

»Ich würde dein Buch gern lesen«, sagte Gaby. »Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Ich glaube, ich gehe es vorher lieber noch einmal durch. Vielleicht sollte ich noch die eine oder andere Kleinigkeit verändern.«

»Darf ich denn wenigstens kurz hineinschauen?«

»Ach, ich glaube nicht, dass es deinen Geschmack trifft.«

»Nicht? Wieso meinst du das?«

»Es geht weder um Designerklamotten, noch kommen ein gut aussehender männlicher Held oder ein Wochenendtrip nach Paris darin vor.«

»Möglicherweise wollte die Agentur es deswegen nicht. Vielleicht solltest du es mit ein bisschen Sex aufpeppen.«

»Ich werde es mir morgen noch einmal vorknöpfen und vielleicht noch etwas daran tun. Was hältst du von einem Spaziergang mit den Kindern im Park? Ein bisschen frische Luft täte uns allen gut. Ich muss schließlich noch den ganzen Nachmittag im Auto sitzen.«

Bei mir zu Hause wird das Frühstück im Esszimmer eingenommen. Auch wenn man mich als altmodisch belächelt, weigere ich mich, Mahlzeiten in der Küche zu servieren. Heute Morgen zum Beispiel gab es Porridge. Selbstverständlich wurden die Haferflocken in Wasser gekocht und nur ein wenig gesalzen. Mein Tee wird in einer Kanne kredenzt und aus Porzellantassen mit Untertellern getrunken. Hätten Sie etwas anderes erwartet?

Jetzt werden Sie wieder behaupten, dass ich Selbstgespräche führe. Sie glauben, dass ich meine Einsamkeit mit Fantasiegestalten bevölkere. Sie denken, dass ich mir etwas vormache, wenn ich glaube, dass mir jemand zuhört. Aber ich weiß, dass sich in diesem Raum die Menschen befinden, die mein Leben geformt haben. Und wenn ich Lust habe, sie zu sehen, mich mit ihnen zu unterhalten oder mit ihnen zu streiten, so geht das nur mich etwas an. Natürlich ist mir bewusst, dass sie nur in meinem Kopf existieren, aber das macht sie keineswegs weniger real.

Oktober. Die schrägen Sonnenstrahlen gleiten über poliertes Holz und Messing, verändern ihre Farben zu Gold und Bernstein und tauchen die Szenerie in ein Rembrandt’sches Licht. Von der Wärme angelockt versammeln sich die verblichenen Gestalten rings um den Tisch. Ihre schleppenden grauen Schatten und ihr kalter Atem absorbieren das herbstliche Leuchten und verdunkeln das Tageslicht.

Worüber ich mit den Geistern rede? Natürlich über längst vergangene Zeiten. Die Vergangenheit ist ein Puzzle, in dem einige Teile verloren gegangen sind oder in die falschen Lücken gezwungen wurden. Ich habe mir vorgenommen, die Teile an die richtigen Stellen zu legen, um das Bild zu vervollständigen. Mein erklärtes Ziel ist es, etwas richtigzustellen. Andere Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen, Macht zu erringen oder Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Was ich jedoch will und brauche, ist die Möglichkeit zu entscheiden, was richtig ist, und danach handele ich. Und so kehren die Bewohner der Vergangenheit in diesen Raum zurück und erzählen mir immer und immer wieder ihre Version unserer Geschichten. Ich höre zu, äußere mich und versuche, den Sinn zu ergründen. Irgendwo liegt allem ein Muster zugrunde, das ich eines Tages erkennen werde.

Weil heute Samstag ist, gestatte ich mir eine zweite Tasse Tee. Es ist ein bescheidener Luxus und nicht schlimmer, als dem Ruf verflossener Tage nachzugeben.

Draußen scheint die Sonne. Die Luft ist so erfrischend und kühl wie ein Zitronensorbet. Natürlich ist es kalt, aber so ist es nun einmal im Oktober. Der Tag ist ganz anders als jener damals, als sich die früh hereingebrochene Dunkelheit vor den Vorhängen ballte, Nebel an Fenster und Türen leckte, an den Rahmen rüttelte, in das düstere Haus eindrang und unser Leben für immer veränderte.

Ich erinnere mich, dass jemand schrie. Aber das war später.

2

»Das hält bestimmt nicht lange.«

Die Stimme klang alt und etwas herrisch. Ein vorwitziger Windstoß trug sie zu Kate Ivory hinüber, als sie eben den Kirchhof betrat.

»So etwas sollte man bei einer Trauung lieber nicht sagen«, meinte sie zu Jon gewandt.

»Was denn?«

»Ach nichts.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja. Wieso?«

»Ich dachte, dass dir vielleicht die Füße wehtun.«

»Kein bisschen.«

Bei den nächsten Schritten konzentrierte sich Kate darauf, sorglos und heiter dreinzublicken, doch die Kirche stammte aus der Zeit der Normannen, und der Weg über den Hof war möglicherweise schon im 12. Jahrhundert angelegt und seither vermutlich mit jedem Jahr unebener geworden. Damals trug man Holzschuhe, dachte sie, oder vielleicht derbe Lederstiefel – jedenfalls sicher nicht einen Hauch aus grünen Federn mit Zwölf-Zentimeter-Absätzen.

»Mir brauchst du doch nichts vorzumachen«, sagte Jon und reichte ihr den Arm, damit sie sich unterhaken konnte. »Aber davon mal abgesehen: Deine Füße sehen fantastisch aus. Du trägst die erotischsten Schuhe des ganzen Friedhofs.«

Kate lächelte ihm zu und legte ihre Hand leicht auf seinen Arm. Zwar half das auch nicht gegen ihre schmerzenden Füße, aber sie fühlte sich gleich um Längen besser. Mit einer Kopfbewegung brachte sie die Federn ihres Hutes zur Freude der hinter ihr gehenden Hochzeitsgäste provokativ zum Wiegen, ehe sie wieder dem Gespräch in ihrer Nähe lauschte.

»Man kann im Oktober keinen Dauersonnenschein erwarten. Sicher regnet es bald wieder«, erklärte die vornehme Stimme.

»Hoffentlich hält das Wetter wenigstens noch für die nächste Stunde«, erwiderte eine sanftere Stimme.

»Adela, du bist und bleibst eine unverbesserliche Optimistin!«

»Wir hatten einen miserablen Sommer und einen schrecklich windigen Herbst. Man konnte so gut wie nie ohne Strickjacke gehen.«

»Typisch Estelle, sich derart unvorhersehbares Wetter auszusuchen.«

Jetzt erst wurde Kate klar, dass die beiden alten Damen tatsächlich über das Wetter gesprochen hatten. Ein wenig schämte sie sich, dass sie der Meinung gewesen war, es ginge um Estelles Ehe.

»Warum reden ältere Leute eigentlich immer über das Wetter?«, wollte Kate von Jon wissen. »Andere Themen scheint es kaum zu geben.«

»Kommt darauf an. Ich habe sie auch schon darüber sprechen hören, wie erschreckend teuer alles geworden ist. Oder sie geben damit an, dass sie ihre Altersgenossen überlebt haben. Und oft geht es auch um den Krieg.«

Sie durchschritten einen mit Rosen geschmückten Torbogen, hinter dem ein Platzanweiser stand und fragte: »Braut oder Bräutigam?«

»Braut«, antwortete Jon, während Kate sich mit einem Leitblatt für den Gottesdienst bewaffnete. Sie setzten ihren Weg durch das Kirchenschiff an vielen Rosen vorbei fort und suchten sich Plätze in der Mitte der linken Seite.

»Es ist ganz anders, als ich erwartet hatte«, flüsterte Kate Jon zu.

»Offenbar hält es sogar Estelle bei ihrer Hochzeit mit bewährten Traditionen.«

Es stellte sich heraus, dass Estelle – der Plagegeist sämtlicher Verleger und die ungekrönte Königin zahlreicher Buchauktionen – über ganz normale Eltern und so viele Freunde und Bekannte verfügte, dass die durchaus nicht kleine Pfarrkirche ihres Heimatortes in Buckinghamshire bis zum letzten Platz gefüllt war.

Während Jon das Leitblatt überflog, beobachtete Kate die anderen Gäste. Estelles Fans waren nicht nur erheblich zahlreicher als die von Peter, sondern auch deutlich besser gekleidet. Die Frauen trugen Designermäntel und auffällige, keck über einem Auge sitzende Hüte mit nickenden Federn, ihre männlichen Begleiter waren gut aussehend und schienen durchweg wohlhabend zu sein. Die meisten waren aus London angereist und wirkten neben der älteren Verwandt- und Bekanntschaft wie Paradiesvögel zwischen Spatzen.

Adela und Muriel, die beiden älteren Damen, deren Gespräch Kate aufgeschnappt hatte, wurden zu einer Bank ganz vorn geleitet. Sie verdankten diese Platz dem Umstand, dass Muriel mit der Braut verwandt und Adela eine sehr alte Freundin von Estelles Vater war. Adela ärgerte sich, dass sie sich mit Muriel von Oxford aus ein Taxi hatte teilen müssen, aber in diesen lausigen Zeiten musste man sehen, wo man blieb. Allerdings würde sie jetzt den gesamten restlichen Tag mit Muriel verbringen müssen. Das war insofern besonders ärgerlich, als Muriel nun mit Sicherheit all die kleinen Sparmaßnahmen registrieren würde, zu denen Adela sich in letzter Zeit gezwungen sah. Wenigstens muss ich nicht in einer so hässlichen, schäbigen Wohnung leben wie sie, dachte Adela mit ungewohnter Heftigkeit.

Am Anfang der Bank blieb Muriel kurz stehen und betrachtete mit gerunzelter Stirn ein mit Bändern geschmücktes Rosensträußchen.

»Was glaubst du wohl, was das alles kostet?«, fragte sie für Adelas Geschmack viel zu laut. »Sieh dir das einmal an. Rosen! Sicher aus Afrika eingeflogen!«

»Nun, meine Liebe, es ist ihr Geld. Sie kann damit machen, was sie will.«

Adela folgte Muriel in die Kirchenbank, setzte sich und seufzte wie ein Ballon, der Luft verliert.

»Kennst du die Leute hier?«, erkundigte sich Muriel und blickte sich um.

»Ich weiß, dass der Trauzeuge in der ersten Reihe Peters Bruder Myles Hume ist. Ich glaube, er ist Anwalt.«

»Ziemlich gewöhnlich«, urteilte Muriel, nachdem sie Myles ein paar Sekunden begutachtet hatte. »Übrigens ist Peter Hume meiner Ansicht nach auch nicht gerade ein Ausbund an Eleganz.«

»Wirklich? Ich finde ihn heute ausgesprochen ansehnlich. Die Frau hinter ihnen ist vermutlich ihre Mutter.«

»Sieht aus wie ein kleiner, brauner Vogel«, krittelte Muriel. »Der Federhut ist eindeutig ein Fehlgriff.«

Muriel und Adela trugen ausladende Hüte und helle Tweedkostüme, die an Chanel erinnerten. Das Blau von Muriels Hut passte zu ihrem taubengrauen Kostüm, und auch Adelas fliederfarbene Kopfbedeckung harmonierte perfekt mit ihrer restlichen Garderobe. Adela wusste, dass ihr Kostüm von ausgezeichneter Qualität war, trotzdem hätte sie sich gewünscht, für diesen besonderen Anlass etwas Neues kaufen zu können.

»Über Peter weiß ich nur sehr wenig«, bemerkte sie.

»Er verkauft Bücher. Sein Vater spielte einst mit Matthew Golf. Seine Mutter ist mehr für Bridge, spielt aber anscheinend ziemlich miserabel.«

»Er verkauft Bücher?«, hakte Adela nach.

»Secondhandbücher«, erklärte Muriel verächtlich. »Mir ist schleierhaft, wie er davon leben kann.«

»Bücher«, wiederholte Adela gedankenverloren.

Muriel schniefte, nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte ihre Oberlippe damit ab. »Also wirklich, Adela, allmählich mache ich mir ernsthafte Sorgen um dich. Du scheinst in letzter Zeit ein wenig verwirrt zu sein. Wir sprachen gerade über Peter Hume und seine Unfähigkeit, die gute Estelle zu ernähren. Wie mag sein Geschäft in diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten laufen?«

»Oh ja, wem sagst du das? Mit meiner Rente kann ich auch keine großen Sprünge mehr machen«, seufzte Adela.

»Ich glaube, das Gefühl hat jeder von uns. Allerdings denke ich, dass es nicht mehr lange so weitergeht. Spätestens im Frühjahr geht es wieder bergauf, du wirst sehen. Ob die Leute dann allerdings schon wieder so unnützes Zeug wie Bücher kaufen, wage ich zu bezweifeln.«

»Wenn sich nicht bald etwas ändert, muss ich mich von meinem Weinhändler verabschieden«, sagte Adela traurig.

»Im Supermarkt gibt es auch ganz gute Tröpfchen«, tröstete Muriel. »Du bist zu verwöhnt, Adela. Und weil wir gerade vom Sparen sprechen: Findest du nicht, dass du endlich dieses Riesenhaus verkaufen solltest? Allein das Heizen im Winter kostet doch sicher ein Vermögen. Du solltest in eine bequeme, moderne Wohnung ziehen, wie ich es getan habe.«

»Lieber nicht«, antwortete Adela und wünschte, Muriel würde sich nicht ständig in ihr Leben einmischen. Sie tut das nur, weil sie neidisch auf mein schönes Haus ist, dachte sie. Wenn die anderen mich endlich in Ruhe ließen, könnte ich auch glücklich sein. Ich brauche doch nur genügend Geld für meinen täglichen Bedarf. Ist das wirklich zu viel verlangt?

»Aber richtige Sorgen musst du dir eigentlich nur um die steigende Kriminalitätsrate machen«, fuhr Muriel fort. »In schwierigen Zeiten brennen sogar bei unbescholtenen Bürgern manchmal die Sicherungen durch.«

»In North Oxford bestimmt nicht.«

»Gerade in den besseren Vierteln. Jedenfalls solltest du Fenster und Türen immer sorgfältig schließen, Adela. Und niemals Fremde ins Haus lassen!«

Portia, die fotogen neben einem Rosenbogen posierte, war sich der bewundernden Blicke der anderen Hochzeitsgäste durchaus bewusst. Juliet hingegen platzte fast aus ihrem Kleid. Auch ihre Mutter war dicker geworden. Sie sah aufgequollen aus wie ein zu heiß gewordenes Würstchen. Portia hatte sich kurz gefragt, ob vielleicht ein neues Baby unterwegs war, aber ihre Eltern starrten sich in letzter Zeit so finster an und stritten sich so oft, dass sie es kaum für wahrscheinlich hielt.

Ihre nagelneue Tante war da ein ganz anderes Kaliber und ein viel besseres Vorbild. Estelle Livingstone war groß und schlank. Ihr hübsch geschminktes Gesicht glänzte keineswegs rot verschwitzt, und ihrer angenehmen Stimme lauschte man gern. Im Schlafzimmer hatte Portia heimlich geübt, es ihr gleichzutun.

Ihre Mutter trug an diesem Morgen ein sehr hübsches Kleid. Ihre Schuhe waren fast neu, was man von der Fußbekleidung des Vaters nicht behaupten konnte. Er trug Slipper, die vorn abgestoßen und hinten krumm getreten waren und ihn wie einen Verlierer aussehen ließen.

Weil sich ihre Mutter gerade mit den Blütenblättern beschäftigte und nicht hinsah, wagte Portia mit ihren neuen Lederballerinas einen gezielten Tritt gegen Juliets Knöchel.

Natürlich brüllte Juliet sofort ihren Hass auf die große Schwester lauthals heraus. Leider dauerte der Spaß nicht lange. Die Mutter beugte sich zu Portia hinunter.

»Mir ist es ganz egal, ob euer Onkel Peter heute heiratet – wenn ihr euch nicht sofort benehmt, setzt es was. Und zwar nicht zu knapp!«

»Nicht so laut, Juliet«, mahnte Portia tugendsam, als Juliet nicht aufhörte zu heulen.

Vor der Kirche hielt ein großer Wagen mit schnurrendem Motor.

Souverän und schlank wie eine Tanne blieb Esmée Livingstone auf ihrem Weg zu den vorderen Bänken bei der kleinen Gruppe stehen.

»Estelle wird innerhalb der nächsten drei Minuten hier sein«, bemerkte sie mit befehlsgewohnter Stimme. Für einen kurzen Moment dachte Portia, die Frau wäre Estelle, doch dann wurde ihr klar, dass das silberne Haar und die gebieterischen blauen Augen zur Mutter ihrer neuen Tante gehörten.

»Ihr müsst euch gerade halten«, sagte sie zu den beiden Brautjungfern. »Die Leute sehen zu euch hin. Und hör auf zu heulen«, zischte sie Juliet an. »Ihr Blumenkranz gehört mindestens fünf Zentimeter weiter nach vorn«, flüsterte sie Cathy zu und legte gleich selbst Hand an.

Ohne sich noch einmal umzublicken, setzte sie dann ihren Weg zur ersten Reihe links fort.

Der Organist stimmte eine lebhafte Melodie an, die nach und nach in die vertrauten Klänge des Hochzeitsmarsches überging.

Im Garten stand ein großes Festzelt. Auf dem Rasen wartete eine lange Reihe Gratulanten, die mit Champagnergläsern in den Händen unter dem apfelgrünen Stoffdach plauderten. Die Zeltmasten waren mit weißen und roten Rosen geschmückt. Im Zelt hatte man Tische und Stühle aufgebaut. Ein Stückchen weiter stand ein kleineres, rundes Zelt, dessen Form an einen chinesischen Hut erinnerte. Hier befand sich die Bar, wo sich Gäste bedienen konnten, die keinen Champagner wollten, sondern stärkeren Getränken den Vorzug gaben.

Es war angenehm warm geworden. Die Hochzeitsgäste schwärmten über den Rasen. Ein halbes Dutzend Kinder tobte, endlich von den Zwängen des Kirchenbesuchs befreit, fröhlich schreiend durch den Garten.

Kate und Jon stellten sich bei den Gratulanten an. Nachdem sie dem frischgebackenen Ehepaar ihre Glückwünsche überbracht hatten, bedienten sie sich beim Champagner, bekamen ein winziges Amuse-Gueule mit Räucherlachs dazu und gingen wieder hinaus an die frische Luft.

»Hier sind mindestens hundert Leute«, stellte Kate fest, nachdem sie sich umgesehen hatte.

»Wenn nicht sogar mehr«, sagte Jon. »Schau dir bloß an, wie groß das Zelt ist, in dem gleich das Essen serviert wird.«

Rechts von ihnen begann ein Kind, hysterisch zu schreien.

»Wenn du so weitermachst, ist dein Kleid gleich im Eimer«, kritisierte eine sehr junge Stimme in scharfem Tonfall. »Du solltest sie nicht auch noch bei diesem Blödsinn unterstützen, Onkel Charley.« Kate sah sich um. Die ältere der beiden kleinen Brautjungfern musterte ihre Schwester mit kritischem Blick. Juliet, deren Kränzchen aus Rosenknospen schon wieder verrutscht war, schrie noch lauter, als besagter Onkel Charley sie erneut hoch über seinem Kopf schwenkte. Wenigstens hatte er sein halb leeres Whiskyglas zuvor abgestellt.

Eine Frau mit rotgoldenem Haar, dessen kunstvoll aufgetürmter Knoten sich langsam löste, kam hastig aus dem Zelt gelaufen. Sie trug ein grünes Seidenkleid, das gefährlich über den Hüften spannte. Gerade wurde Juliet wieder in die Luft geworfen.

»Was um alles in der Welt tust du da, Charley?«, schimpfte die Frau. »Ich dachte, wir wären uns einig …«

»Schon gut. War doch nur ein Späßchen.«

»Er muss ganz schön stark sein, Mami«, meldete sich das andere Kind zu Wort. »Juliet ist in letzter Zeit ziemlich fett geworden.«

»Sei nicht so gemein zu ihr, Portia.« Das muss Estelles Schwägerin sein, dachte Kate.

»Lass sie runter«, sagte Cathy zu Charley. Ihre Stimme klang jetzt weniger scharf. Sie nahm Juliets Hand, um die Kleine ins Zelt zurückzuführen, und tätschelte Charley kurz den Arm, als wolle sie sich für ihr Einschreiten entschuldigen.

Charley griff nach seinem Whiskyglas und leerte es in einem Zug, ehe er davontrottete. Sein Blick war unstet, und er schwankte ein wenig.

»Myles!«, rief Cathy herrisch. »Soll ich mich etwa ganz allein um die Kinder kümmern? Komm her und hilf mir.«

Die Livingstones und die Humes hatten inzwischen alle Gäste begrüßt und mischten sich unter das Volk, das über die ausgedehnten Rasenflächen bummelte. Myles löste sich aus einem heiter plaudernden Grüppchen und gesellte sich zu seiner Frau. Charley torkelte auf den Chinesenhut zu, wo er sein Glas nachfüllen ließ.

»Warum legst du es immer darauf an, mich vor den Augen der anderen zum Idioten zu machen?«, beschwerte sich Myles bei seiner Frau.

»Lass uns lieber weitergehen«, flüsterte Kate und nahm Jons Arm.

3

»Wow«, staunte Kate leise.

»Was hast du erwartet? Schwarze Seide und feuerroten Samt? Einen Rotwein-Brunnen und ein Buffet mit gebratenen Pfauen und jungen Blättern vom Salz-Alant?«

»Jedenfalls hätte das besser zu der Estelle gepasst, die ich kenne. Aber dieser weiße Damast und das zartgrüne Leinen …«

Auf den Tischen unter dem Zeltdach glänzte das silberne Besteck, und die Gläser funkelten. Makellos gekleidete Kellner und Kellnerinnen warteten darauf, den ersten Gang servieren zu dürfen.

Kate und Jon fanden ihre Plätze. Anhand der Platzkarten konnte Kate erkennen, dass man sie mit zwei von Estelles Autorinnen und ihren jeweiligen Begleitern an einen Tisch gesetzt hatte. Außerdem saß ein gewisser Edgar Livingstone bei ihnen, der wahrscheinlich zu Estelles Verwandtschaft gehörte, ein Paar namens Ben und Frances Akin, das Kate unbekannt war, sowie eine Mrs Adela Carston.

Nachdem die anderen Autorinnen Platz genommen hatten, war schnell Gesprächsstoff gefunden. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um Literatur und das Verlagswesen. Kate musste jedoch feststellen, dass das unbekannte Paar ihr gegenüber sie irritierte. Ihr Blick glitt von Ben zu Frances und wieder zurück. Die beiden sahen sich unglaublich ähnlich. Was ihre Größe, ihren Teint, ja sogar ihre Mimik betraf, glichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Beide wirkten typisch englisch. Sie könnte aus einem Film der 1930er Jahre stammen, dachte Kate. Ben Akin trug einen dunklen Anzug, Frances ein ebenso dunkles Kleid mit passendem Blazer. Beide hatten die gleichen blassblauen Augen, das gleiche aschblonde Haar und den gleichen pedantischen Zug um den Mund. Frances war vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als Ben.

»Mein Bruder und ich führen eine Buchhandlung in Oxford«, beantwortete Frances gerade die Frage einer der Autorinnen. »Ben kennt sich in der Literatur deutlich besser aus als ich, ich hingegen habe eher ein praktisches Händchen, kümmere mich um die Buchführung und darum, dass er nicht zu viel ausgibt.«

Neben Ben saß eine kleine, ältere, fliederfarben gekleidete Dame, neben Frances ein Mann, der seine Serviette bereits in den Kragen gesteckt hatte und mit erhobenem Kopf und bebenden Nasenflügeln auf das Essen wartete. Sein Alter war schwer zu bestimmen. Er hatte eine rosige Gesichtshaut und glich einem Rokokoengel. Das muss Edgar Livingstone sein, dachte Kate. Und bei der Dame ihr gegenüber handelte es sich um Adela Carston, die Frau, die im Kirchhof hinter ihr gegangen war.

»Exquisit«, säuselte Adela, während sie das cremefarbene Rosengesteck auf dem Tisch betrachtete.

»Wirklich hübsch«, stimmte Frances Akin zu. »Genau wie das Kleid der Braut. Und ich nehme an, das Essen wird diesem opulenten Standard entsprechen.« Ihr Ausdruck ließ darauf schließen, dass Opulenz etwas war, was die Geschwister Akin um jeden Preis zu vermeiden suchten.

»Schön, Sie hier zu sehen, Ben und Frances. Ich nehme an, alle anderen sind Freunde von Estelle«, wandte sich Adela an die Tafelrunde. »Sie ist doch wirklich ein nettes Mädchen, nicht wahr? Ich bin übrigens eine sehr alte Freundin ihres Vaters«, fuhr sie fort. »Matthew und ich haben uns während des Krieges in London kennengelernt, als ich noch ein junges Mädchen war. Ein wirklich netter Mann! Wir blieben auch in Verbindung, nachdem ich Victor und er Esmée geheiratet hatte. Damals lebten wir alle in North Oxford. Erst nach der Geburt der kleinen Estelle zogen Matthew und Esmée in dieses Dorf hier.«

»Vermutlich mit dem ganzen Mund voller Silberlöffel«, raunte Ben seiner Schwester zu, allerdings nicht so leise, dass Kate es nicht gehört hätte.

»Jakobsmuscheln«, seufzte Edgar verzückt beim Anblick des ersten Gangs. Nur Adela hatte sich für Suppe entschieden, alle anderen genossen ihre sautierten Muscheln. Nachdem er seinen Teller in Windeseile geleert hatte, blickte Edgar hoffnungsvoll auf, als wünsche er einen Nachschlag. Estelles Autorinnen fassten ihre Analyse des Verlagswesens zusammen, während Jon und die beiden anderen Herren eingehend das Thema Fußball erörterten.

Nachdem Adela mit ihrer Suppe fertig war, bedachte sie Edgar mit ihren Monologen, ohne offenbar zu bemerken, dass er sich ausschließlich für sein Essen interessierte. Während des gesamten Menüs hörte Kate dann und wann ihre Stimme, die Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten gab.

»Bücher«, erklärte die alte Dame irgendwann ihrem desinteressierten Tischherrn, »Bücher waren für meinen Mann einfach alles. Erinnerst du dich noch an Victor, Edgar? Die Leute sagen, er wäre bibliophil gewesen.«

»Bibliophag«, entgegnete Edgar und verdrückte eine hübsch in Form gebrachte Karotte, auf der er herumkaute, als wolle er demonstrieren, dass Victor seine Bücher am liebsten verschlungen hätte.

»Meinst du wirklich?«, fragte Adela zweifelnd.

»Sie beide haben den Kerl doch sicher auch gekannt, oder?« Edgar sah die beiden Akins an.

»Er kam manchmal in unseren alten Laden an der North Parade Avenue«, antwortete Frances. »Ich glaube, wir konnten ihm den einen oder anderen Titel besorgen, aber eigentlich war er nicht an Secondhandbüchern interessiert.«

»Er sah sich gern als großen Büchersammler, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er das nötige Fachwissen mitbrachte«, erklärte Edgar, während er den letzten Rest Soße mit einem Stück Brot auftupfte. »Ihm ging es mehr um Quantität. Für Qualität hatte er leider kein Händchen, das war nicht seine Stärke.«

»Ich habe mich mein Leben lang darauf verlassen, dass Victor wirklich über alles Bescheid wusste«, klagte Adela. »Ich war vollkommen von ihm abhängig, und eigentlich bin ich es immer noch.«

»Wenden Sie sich ruhig an uns, wenn Sie irgendwelche Hilfe brauchen«, bot Frances an. »Einer von uns kommt dann so schnell wie möglich. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.«

»Mieser Kerl«, knurrte Edgar. Er war des Themas längst müde, winkte den Kellner heran und fragte, ob noch etwas von dem »ganz ausgezeichneten Rindfleisch« übrig sei. Sofort wurde ein weiterer, üppig gefüllter Teller aufgetragen. Vielleicht kannte Estelle den Appetit ihres Cousins und hatte dafür gesorgt, dass in der Küche ausreichend Nachschub wartete.

Beim Anblick von Edgars Nachschlag kniff Ben Akin die Lippen zusammen. Demonstrativ legte er sein Besteck ordentlich auf seinen Teller. Frances schob ihre Essensreste an den Tellerrand, ehe sie das Gleiche tat. »Es schmeckt wirklich gut, aber es ist einfach zu viel«, sagte sie.

Adela hatte die Kritik an ihrem Mann schon wieder vergessen. »Ist das nicht ein schöner Tag?«, rief sie. Von allen Seiten wurde Zustimmung gemurmelt. »Ich liebe Hochzeiten. Erst gestern habe ich meinen Enkel aufgefordert, sich ein nettes Mädchen zum Heiraten zu suchen. Er ist so ein hübscher Junge! Ich weiß gar nicht, warum er noch immer allein ist.«

Edgar hatte sich inzwischen mit gleich zwei Desserts versorgt, einer Erdbeer-Baiser-Creme und einer Schokoladenmousse. Die beiden Akins senkten missbilligend den Blick auf ihre Teller. Edgar wischte sich die letzten Schokoladenspuren von den Lippen und stieß einen zufriedenen Seufzer aus.

»So lecker er sein mag, aber ich glaube, ich schaffe meinen Nachtisch nicht«, erklärte Frances.

»Kein Problem, geben Sie her«, sagte Edgar, streckte seine fleischige Hand aus und wartete auf den Teller. Dann wandte er sich wieder an Adela. »Dein Mann war ein ganz schöner Tyrann. Du hättest bei Matthew bleiben sollen. Zwar hat er nicht so gut verdient wie Victor, aber er ist viel netter zu seiner Frau und seiner Tochter.« Er stopfte sich einen Löffel Sherry getränkter Erdbeeren in den Mund und lächelte selig.

Adela fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Aber Matthew war doch viel zu jung, genau wie ich! Wir hätten keinesfalls heiraten können. Und wo hätten wir wohnen sollen? Victor hingegen war bereits arriviert.«

»Wen interessiert mit zwanzig, ob jemand arriviert ist?«

Aber Adela gehörte offenbar zu denjenigen, die es interessiert hatte. »Nach Victors Tod meinte Matthew, dass ich jetzt die Chance hätte, mein eigenes Leben zu leben. Aber da hatte ich längst die Lust darauf verloren.«

»Haben Sie je daran gedacht, Victors Bücher zu verkaufen?«, erkundigte sich Ben.

»Aber nein«, wehrte Adela ab, »das könnte ich nicht.«

»Sollten Sie Ihre Meinung je ändern, stehen wir Ihnen gern mit Rat und Tat zur Seite«, sagte Frances. »Einer von uns ist während der Öffnungszeiten immer im Laden zu erreichen.«

»Ich glaube kaum, dass das nötig sein wird«, erklärte Adela.

»Du hast nicht alle Tassen im Schrank, Adela«, brummte Edgar und schloss die Augen.

Falls er jedoch gehofft hatte, vor den Tischreden noch ein Schläfchen machen zu können, hatte er sich getäuscht. Estelles ausgeklügelter Zeitplan kannte keine Gnade.

Das Stimmengemurmel ringsum wurde heiterer und lauter. Nur Charley Hispers Organ dröhnte grollend über alle hinweg.

»Der gute alte Charley. Wieder mal voll wie eine Haubitze«, bemerkte Tim, der Lebensgefährte einer der Autorinnen, grinsend.

Aus allen Ecken waren beschwichtigende »Pst«-Laute zu hören, die Charley jedoch nicht beeindruckten. Lauthals rief er einen Kellner herbei, der sein Weinglas nachfüllen sollte.

Myles war aufgestanden, um einen Toast auf die Braut auszubringen, doch Charley gebärdete sich so laut, dass sich alle Köpfe in seine Richtung wandten. Als Charley merkte, dass die allgemeine Aufmerksamkeit inzwischen ausschließlich ihm galt, kam er mühsam auf die Beine und grölte zum Tisch des Brautpaars hinüber:

»Ja, genau um dich geht es, beschissener Mister Hume. Wie sagen deine früheren Freunde noch zu dir? Betrügerischer Mistkerl!« Beim letzten Satz geriet er ins Schwanken. Ein paar seiner Freunde nutzten die Gelegenheit, um ihn an den Armen zu packen und fortzuziehen. Doch Charley schüttelte sie schnell wieder ab.

»Halt den Mund und setz dich, Charley!«, brüllte Myles ihn an.

»Betrügerischer Mistkerl!«, rief Charley erneut.

»Wer zum Teufel hat den eingeladen?«, fragte Tim. »Jeder weiß doch, dass er sich sofort besäuft, wenn es irgendwo umsonst Alkohol gibt.«

»Ist seine Mutter nicht eine gute Freundin von Esmée?«

»Die beste Freundin sogar. Charleys Mutter ist Estelles Patin.«

»Seht nur, er steigt auf den Tisch«, sagte Kate. Gläser zersplitterten, und Einwegkameras knirschten unter Charleys Schuhen.

»Wie unangenehm!«, ereiferte sich Frances Akin. »So etwas erlebt man wirklich nicht gern bei einer Hochzeit.«

»Jemand sollte ihn da runterholen«, meinte Ben.

»Und ihm Manieren beibringen«, fügte Frances mit strenger Stimme hinzu.

»Der Mann ist betrunken«, sagte Edgar. »Einem Betrunkenen kann man beim besten Willen nichts beibringen.«

»Was hat er bloß?«, fragte jemand am Nachbartisch.

»Er kann Estelles Mann nicht ausstehen.«

»Ich dachte, er giftet den Trauzeugen an.«

»Ist es nicht ein bisschen spät, Einwände gegen Peter zu erheben?«

»Und warum sollte er Myles auf dem Kieker haben?«

Niemand machte sich die Mühe, leise zu sprechen. Myles hatte seine Absicht, eine Rede zu halten, längst aufgegeben. Ein paar Freunde bemühten sich, Charley doch noch vom Tisch zu zerren. Schließlich schafften sie es sogar. Er bekam kaum noch einen zusammenhängenden Satz heraus. »Nehmt eure dreckigen Finger weg!«, hörten ihn die Gäste noch schimpfen und: »Betrügerischer Mistkerl!«, während er begleitet vom Scheppern fallenden Bestecks und zerbrechender Teller aus dem Zelt gebracht wurde.

»Ich glaube kaum, dass Estelle ihn seit der Kinderzeit oft gesehen hat«, vermutete Tim. »Wenn sie geahnt hätte, was aus ihm geworden ist, hätte sie seinen Namen sicher von der Gästeliste gestrichen.«

»Der Mann ist maßlos«, urteilte Frances, deren lange, dünne Hände von einem Leben voller Selbstverleugnung erzählten.

Kate warf einen Blick zum Tisch des Brautpaars. Estelle und ihre Mutter taten, als wäre nichts geschehen. Matthew Livingstone starrte stumm in sein Weinglas. Er schien nachzurechnen, was ihn das zerbrochene Geschirr kosten würde. Myles’ Gesicht war rot vor Verlegenheit. Und Peter wirkte ebenso hilflos wie sein Bruder.

Man bat um Ruhe. Matthew Livingstone, der wieder alles unter Kontrolle zu haben schien, stand auf, brachte einen Toast auf das Brautpaar aus und hielt eine kurze Ansprache über die Tugenden seiner Tochter.

Leider hatte die kleine Portia eine klare und ziemlich laute Stimme. Mitten in die Rede hinein platzte ihre Frage: »Mami, was ist ein betrügerischer Mistkerl?«, so dass alle es hören konnten. Matthew bemühte sich, das leise Lachen der Gäste zu ignorieren.

»Diesem Kind sollte jemand die Leviten lesen«, zischte Frances. »Die Kleine ist viel zu altklug.«

4

Austin Brande war etwa zwanzig Minuten zuvor eingetroffen, um seine Großmutter und deren Freundin Muriel nach Oxford zurückzufahren. Schnell stellte er fest, dass die Feier sich zwar ihrem Ende zuneigte, aber noch nicht vorüber war. Er beschloss, den beiden alten Damen noch einen netten Abschluss des Festes zu gönnen und schlenderte durch den Garten. Vielleicht war ja irgendwo noch ein Gläschen für ihn übrig. Auf der Rückfahrt würden sie einander noch lange genug auf der Pelle hocken. Er liebte Adela wirklich, doch ihr manchmal etwas weitschweifiges Gerede ging ihm nach einer Weile meist auf die Nerven.

Er entdeckte die Bar, bestellte ein Glas Whisky und schlürfte es genüsslich am Zelteingang. Dabei sah er amüsiert zu, wie ein völlig betrunkener Gast wüste Beleidigungen gegen Braut und Bräutigam ausstieß, ehe seine Freunde ihn endlich fortbringen konnten. Sie schleppten ihn an die Bar und bestellten ihm ein großes Glas Wasser und einen Kaffee. Es wäre besser, dachte Austin, wenn er sich hinlegen würde, bis das Schwindelgefühl aufhört.

Als das Grüppchen an ihm vorüberkam, hörte er einen der Männer sagen:

»Was zum Teufel ist bloß in dich gefahren, Charley?«

»Warum hat sie ihn geheiratet?«, jammerte Charley. »Wieso ausgerechnet ihn?«

»Wahrscheinlich, weil sie ihn liebt.«

»Unmöglich! Der Kerl ist ein absolutes Ekelpaket.«

»Ach was. Er ist ein ganz normaler Mann«, beschwichtigte ihn sein Freund.

»Betrügerischer Mistkerl«, knurrte Charley.

»Schon gut, Charley, vergiss es. Jetzt bringen wir dich erst einmal nach Hause. Andy nimmt deinen Wagen, ich fahre mit meinem hinterher.«

Nachdem sie Charley dazu gebracht hatten, ein wenig Wasser zu sich zu nehmen und den Kaffee zu trinken, schleppten sie ihn zu den geparkten Autos.

Eine Frau in einem grünen Kleid trat aus dem Zelt und blickte dem Grüppchen nach. Sie sah aus wie eine Mutter, die von ihren Kindern in aller Öffentlichkeit stehen gelassen worden war. Nach einigen Sekunden wandte sie sich wortlos ab und kehrte ins Festzelt zurück.

Haus und Garten haben wirklich Stil, dachte Austin. Das Anwesen lag in den Chilterns, nicht weit von den Autobahnen nach London und Oxford entfernt, und sah nicht nur hübsch aus, sondern war auch sehr gepflegt. Im Augenblick stagnierte der Markt, und die Preise waren niedrig, aber in ein, zwei Jahren könnte man mit einem Verkauf wahrscheinlich ein Vermögen machen. Schon allein die Größe des Festzelts! Austin schätzte, dass mindestens hundertfünfzig Gäste darin Platz gefunden hatten. Und die Getränke waren so großzügig bemessen, dass sogar für unvorhergesehene Gäste wie ihn genügend vorhanden war. War Adela mit dieser Familie verwandt? Er glaubte es nicht. Soweit er sich erinnerte, hatte sie erzählt, dass sie früher eng mit dem Brautvater befreundet gewesen war. Schade eigentlich.

In seiner Jugend hatte er sich das Ziel gesetzt, mit Erreichen seines jetzigen Alters die erste Million in der Tasche zu haben. Leider hatte das nicht geklappt. Während er sich auf dem Anwesen eines Menschen umsah, bei dem es offenbar besser gelaufen war, konnte er sich eines Anflugs von Neid nicht erwehren. Wahrscheinlich hatte der Eigentümer längst seine zweite oder dritte Million in Angriff genommen. Aber natürlich machte es keinen Sinn, über den Ist-Zustand zu lamentieren. Austin würde seine Pläne keinesfalls aufgeben. Er schob sie nur einfach für einige Monate nach hinten.

Nachdem er eine Runde durch den Garten gedreht und das Haus von außen bewundert hatte, stellte Austin sein leeres Glas ab und sah nach, ob noch etwas zu essen übrig war. Die Gäste hatten die Reste ihres Mittagessens im Zelt zurückgelassen und standen für ein letztes Glas an der Chinesenhut-Bar Schlange oder bedienten sich bei einem vorüberkommenden Kellner. Austin fand eine Servierplatte mit köstlichen Lachsschnittchen. Er nahm gleich die ganze Platte mit auf seine Besichtigungstour und stärkte sich alle paar Meter mit einem Schnittchen.

Eine Horde Kinder tobte aus dem Zelt heraus. Die Jungen und Mädchen genossen es, endlich nicht mehr brav an den Tischen sitzen zu müssen. Die älteren Gäste hatten sich über den Rasen verteilt. Sie sahen ein wenig müder und zerknitterter aus als bei ihrer Ankunft. Die Gesichter der Frauen glänzten nach dem üppigen Essen, die Männer lockerten einer nach dem anderen ihre Krawatten und öffneten den obersten Hemdknopf. Irgendwo weiter hinten im Garten war ein lautes Scheppern zu hören: Zwei Kinder hatten einen Kellner umgerannt, der ein Tablett mit leeren Gläsern in die Küche bringen wollte. Zeit, die Veranstaltung zu beenden, dachte Austin. Schon begaben sich die ersten Gäste Richtung Eingangshalle, um Estelle zuzusehen, die in einem eleganten Nachmittagskleid die Treppe herunterschwebte, um sich unten mit ihrem Ehemann zu treffen. Die Limousine mit Chauffeur wartete bereits auf das Paar.

Austin brachte das leere Tablett ins Zelt zurück und folgte den Gästen interessiert. Er erkannte die Brauteltern. Der hochgewachsene, schlanke Mann, der sicher schon Mitte achtzig war, stand neben seiner eleganten und mindestens zwanzig Jahre jüngeren Frau. Neben den beiden wartete eine ältere Dame mit einem jüngeren Mann. Mutter und Sohn, dachte Austin, wahrscheinlich Mutter und Bruder des Bräutigams. Beide schienen aus bescheidenen Verhältnissen zu kommen, außerdem fühlte sich die Frau durch die elegante Umgebung offenbar eingeschüchtert. Zwar trugen sie offenbar ihre beste Kleidung, aber die Details stimmten nicht. Der Hut der Frau passte nicht zu ihrem kleinen, blassen Gesicht und dem dünnen Haar, und der Mann hätte dringend ein Paar neue Schuhe gebraucht.

Die Gäste gerieten in Bewegung. Zwischen Haustür und Limousine bildete sich ein Gasse und gestattete Austin einen Blick auf das jungvermählte Paar. Die Frau hat wirklich Klasse, dachte er bewundernd, als Estelle erschien. Er liebte es, wenn Frauen schöne Schuhe trugen. Das Paar, das Estelle trug, hatte so hohe Absätze, dass sie ihren Ehemann um einige Zentimeter überragte. So viel Selbstvertrauen war nicht nur dem Familienerbe zu verdanken – diese Frau hatte es im Leben aus eigener Kraft zu etwas gebracht. Was mochte sie wohl beruflich tun? Austin wusste, dass er nicht lange auf die Antwort würde warten müssen. Adela und ihre Freundin Muriel würden sicher während der gesamten Rückfahrt nach Oxford über das frischgebackene ...

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