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Endstation: Chaos

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Prolog - Gefährlich wurde es erst, wenn man aufhörte
  6. I - Für so etwas hatte ich keine Zeit; ich musste noch ein paar Leute umbringen
  7. II - Wir bringen alles wieder in Ordnung, Mr. Cates
  8. III - Nichts davon wird Ihnen sonderlich gefallen
  9. IV - Du hast mich überlebt. Das haben nicht allzu viele geschafft
  10. V - Der Mann ist ein Held
  11. VI - Gottes Stinkefinger
  12. VII - Schlichtweg das Schlimmste, was diesen armen Leuten hier jemals zugestoßen war
  13. VIII - Dann werde ich sehr plötzlich sehr verärgert sein - und ihr alle sehr tot
  14. IX - Die Tür kam, und die Tür war nicht glücklich darüber
  15. X - Eine kleine Liebesaffäre aus sehnsuchtsvollen Blicken und unerwiderter Gewalttätigkeit
  16. XI - Lieber wär's mir, er ginge für mich drauf
  17. XII - Auch der Tod ist nicht mehr, was er einmal war
  18. XIII - Eine Woge unfassbarer blutrünstiger Freude
  19. XIV - Mit einem Kopfschuss, wenn's möglich ist
  20. XV - Der Morast der gottverdammten Erde
  21. XVI - Augenblick triumphalen Glücks - oder Pechs
  22. XVII - Das ist doch nicht die Erste
  23. XVIII - Wollte ich ernsthaft Selbstmord begehen, würde ich dir einfach eine Ohrfeige geben und dich beleidigen, bis du heulst
  24. XIX - ›Nicht einfach‹ heißt ›nicht billig‹
  25. XX - Raus geht es hier nur vorwärts
  26. XXI - Wenigstens sehe ich noch gut aus
  27. XXII - Willkommen im Land der Lebenden
  28. XXIII - Wir waren doch alle Roboter
  29. XXIV - Sie haben ja wirklich überall Freunde
  30. XXV - Sie ruhen sich aus, sie legen sich einen Plan zurecht, sie versuchen's erneut
  31. XXVI - Feuerblitze aus ihren Augen
  32. XXVII - Arbeiten, während einem Gottes Stinkefinger droht
  33. XXVIII - Bei den hartgesottenen Burschen nur Mittelmaß
  34. XXIX - Praktisch schon Tradition, mich immer wieder mit einem spitzen Stock zu piesacken
  35. XXX - Der glücklichste Augenblick meines Lebens, zumindest in jüngster Zeit
  36. XXXI - Der perfekte Plan, ein geschlossener Kreislauf mit der Kadenz: Tod
  37. XXXII - Darauf wette ich
  38. XXXIII - Gegen jeglichen Instinkt. Los, mach schon, bring uns alle um
  39. XXXIV - Mr. Cates und seine charmanten Angewohnheiten im Auge behalten
  40. XXXV - Ich mach's
  41. Anhang
  42. Danksagungen
  43. Über den Autor

Jeff Somers

END-
STATION:
CHAOS

Aus dem Amerikanischen von
Ulf Ritgen

Meiner geliebten Frau,

deren reichlich gesundes Augenmaß ausgleicht,

dass es mir völlig abgeht.

In Dankbarkeit für die verdienten Arschtritte und die Liebe,

derer ich nicht einmal ansatzweise würdig bin.

Prolog

Gefährlich wurde es erst, wenn man aufhörte

»Alles fliegt aus'nander«, grummelte Dingane und rieb sich mit der trockenen, rissigen Hand übers unrasierte Kinn. »Die ganze Scheiß-Welt, was?«

Ich nahm den Holzbecher vom wackeligen Tisch, hielt ihn zwischen uns und wappnete mich innerlich gegen das, was jetzt kommen würde. Ich hatte schon so manches widerliche Zeug hinuntergewürgt. Aber der Fusel, den Bixon schwarz brannte, schmeckte immer so, als wäre er aus Leichenüberresten gefiltert. Außerdem fühlte sich jeder Schluck an, als beize er auf dem Weg in den Magen mindestens eine vollständige Hautschicht der Speiseröhre ab. Ich war ein erfahrener Mörder, ein Überlebender der Seuche und ein gesuchter Verbrecher, und trotzdem musste ich mich vor jedem neuen Schluck erst einmal zusammennehmen.

»Hör auf zu jammern«, empfahl ich Dingane, »und sag mir lieber, ob du mein Zeug zusammengekriegt hast!«

Was die Welt anging, unsere Welt, hatte Dingane Recht - das System brach wirklich zusammen. Aber es gab keinen Grund, Dingane in seinen Ansichten auch noch zu bestärken. Nachdem die System Police und die Zivilregierung jahrelang gegeneinander intrigiert hatten, tobte zwischen ihnen nun seit einem Jahr offener Krieg. Dieser Krieg sorgte für Leichenberge und zerstörte Städte. Yen wurden ebenso verheizt wie Leute. Urplötzlich ließen sich neue Flotten aus Schwebern aus dem Boden stampfen, und Waffen in Militärausführung konnten in Dienst genommen werden. Beides waren Dinge, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte, seit die Vereinigung den Krieg beendet hatte - für alle Zeiten, klar! Eine Zeit lang war die ganze Welt ein einig Vaterland; es gab nur eine einzige, gemeinsame Regierung und eine einzige, gemeinsame Polizei. Eine Armee oder so etwas in der Art hatte gar nicht existiert. Jetzt jedoch gab es keine Polizei mehr, sondern nur noch Armeen. Wer gewann, war bei der ganzen Bürgerkriegsscheiße völlig egal. Jeder im System wollte einfach nur, dass die ihre Klopperei endlich hinter sich brächten, und zwar möglichst rasch, bevor alles und jeder ausgelöscht wären.

Dingane schwieg, ein hinterhältiges Grinsen auf dem Gesicht. Doch dann schien er es sich anders zu überlegen und probierte ein freundliches Lächeln. Sofort wünschte ich, er hätte es gelassen. Was mich da anlächelte, waren grüne Zähne und schwärzlich verfärbtes Zahnfleisch. Ich setzte den Becher an die Lippen, um mich von diesem maroden Grinsen abzulenken. In instinktivem Selbstschutz versuchte sich meine Kehle zu versiegeln. Damit aber hatte ich gerechnet und würgte das Zeug einfach hinunter. Anschließend atmete ich mit offenem Mund ein paar Mal tief durch.

»Oh-kay, oh-kay«, sagte Dingane und setzte eine fröhliche Miene auf. »Av'ry ist heute ungeduldig, was? Av'ry will Rache nehmen, ja? Hör auf Dingane, mein Freund, und freu dich! Vergiss diese beiden Kerle, die dich so scheiß-wütend gemacht haben.«

Stirnrunzelnd blickte ich Dingane an, zeigte ihm mein unablässig unglücklich dreinschauendes Gesicht. »Es gibt einen Grund, warum du nur auf der Erde herumkrauchst und Schrott und wiederaufbereitete Munition verscherbelst, während ich hier sitze und dich anheuern kann! Wer mich verrät …«, wie Wa Belling, der mich Kev Gatz und der Seuche ausgeliefert hatte, »… mich anlügt und mich zurücklässt, weil er mich für tot hält …«, wie Michaleen - der hatte aus einem davonfliegenden Schweber auf mich herabgeblickt, mich in Chengara zurückgelassen, damit man mich dort auf eine beschissene Festplatte speicherte, »… den vergesse ich nicht einfach!«

Du bist klein und unbedeutend, flüsterte eine Stimme in meinem Schädel. Ich blinzelte und ignorierte die Störung.

Plötzlich grinste Dingane. Er schien durchaus bereit, meinen Wünschen nachzukommen. Es war immer das Gleiche: Wer sich höflich benimmt, wird ignoriert. Als ob man gar nicht da wäre. Wird man dagegen ruppig und ballt die Fäuste, wird man plötzlich äußerst zuvorkommend behandelt. »Du bezahlst hier die Rechnungen, also is' das oh-kay«, setzte er rasch hinzu. »Ich hab 'n Großteil von dem Zeug, das du haben wolltest. Is' nich' so einfach, den schweren Scheiß zu transportieren, und auch den großen nich'.« Er spreizte die kalkweißen Hände. »Schweber gib's nich' mehr, Av'ry. Von hier bis Florida kriegst du keine Schweber. Und wenn doch, dann würd die Scheiß-Army dich einfach vom Himmel wegputzen, weißte doch. Also komm ich an die großen Sachen einfach nich' ran. Und Kugeln sin' auch echt rar. Der ganze Mun-Kram. Stellt einfach keiner mehr her. Nirgendwo. In Mexico, ja, da hat man so was früher einfach gekriegt. In Mexico, da hat man früher einfach alles gekriegt, aber jetzt nich' mehr. In Mexico gibt's nix mehr außer der Army und den Cops. Army und Cops ballern da auf alles, was sich bewegt, und bomben die Städte zurück in die Steinzeit oder so.«

Es war wohl mein Schicksal, mir ständig Dinganes Gejammer anhören zu müssen. Ein paar Mal hatte ich ihn schon ordentlich am Ohr gezogen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dingane aber war einer dieser ledergegerbten Typen, die aussahen, als wären sie schon Hunderte von Jahren alt, und die so taten, als würden Schmerzen ihnen überhaupt nichts mehr ausmachen. Es war schlichtweg einfacher, Dingane immer weiter reden zu lassen. Ich konnte ja sowieso nirgendwo anders hin.

Aber das bedeutete nicht, dass ich nicht trotzdem das eine oder andere erledigt bekommen würde. »Ach verdammt, Dingy, kannst du nicht mal eine Minute die Klappe halten?«

Wieder grinste er mich an. »Klar doch, Av'ry, aber ich dachte, du wolltest was über den aktuellen Stand deiner Bestellung hören, hä? Du wolltest Magazine für jedes Kaliber, das ich kriegen kann. Ich hab auch ein paar gekriegt, wirklich. Aber einfach war das nich'. Und billig auch nich'. Unten im Süden stellt einfach keiner mehr so was her. Ich musste da richtig weit für rausfahren. Weißte, was ich mein? Und die Technikfanatiker - oh Scheiße, diese Scheiß-Technikfanatiker, Av'ry! Die haben jetzt richtige Gangs, wusstest du das? SPS? Diese ganzen Scheiß-Techies, die bauen echt jede Menge Scheiß.«

Ich ließ Dingane einfach reden. War ja auch eine gute Deckung hier. Ich schloss die Augen und stellte mir den Laden vor, Bixons unisolierte Hütte mit der lang gezogenen Bar, die im hinteren Teil aus alten Kisten zusammenimprovisiert war: die wackeligen Tische, aus irgendwas zusammengezimmert, der große, hässliche, ständig rotglühend-heiße Metallofen mitten im Raum. Wellenartig breitete sich die Hitze aus, weshalb der ganze Laden so roch wie ich unter den Achseln. Rauch und Ruß brannten einem ständig in den Augen. Das war aber immer noch besser, als draußen zu sein, wo einem der Schnee um die Ohren pfiff - das Wetter war völlig im Arsch. Man wusste nie, was einem als Nächstes bevorstand. Es gab Gerüchte. Es hieß, es sei der Fallout der letzten Bomben dieses beschissenen Krieges. Der wäre es, der das Wetter so durcheinander brächte. Aber wer wusste das schon? Ich war vorher noch nie in diesem Teil der Welt gewesen. Und das galt für die meisten hier.

Ich musste an den alten Pick denken, der jetzt schon lange tot war. Ich dachte darüber nach, was der fette alte Mistkerl alles gewusst hatte: Geburts- und Todestage und alles Wissenswerte über sämtliche Kriminellen, die seit der Vereinigung jemals in New York aktiv gewesen waren. Und wer wusste schon, was der alte Pick noch an Wissen aus der Zeit vor dem ›Großen V‹ alles mitgeschleppt hatte? Nichts von alledem war jetzt noch da. Es war, als hätte es das alles nie gegeben. Und so jemanden wie Pick würde es auch nie wieder geben. Jetzt nicht mehr.

Die Tische, sechs Stück, waren in dem beengten Raum hinter der Bar ganz nach dem Zufallsprinzip angeordnet, mehr oder weniger um den Ofen in der Mitte herum. Wir waren alle hier: Dingane und ich, dazu die Bürgermeisterin und ihre Spießgesellen, die zusammen Domino spielten, Tiny Timlin und ein paar der anderen Kinder hier, die allesamt aufgedunsen und krank aussahen, nachdem sie ihre vierte oder fünfte Portion von Bixons Giftfusel getrunken hatten. Bixon selbst stand hinter der Bar. Er war ein Mann, der sich, seit ich ihm das erste Mal begegnet war, nicht ein einziges Mal gewaschen hatte und jetzt mehr denn je wie ein wandelnder Bart aussah, nicht wie ein Mensch. Sie alle waren nichts als menschliches Treibgut: Flüchtlinge, die vor dem Krieg und aus den toten, von den Kriegsparteien aufgelassenen Städten geflohen waren. All dieses Treibgut war hier gelandet. Wenn man irgendwie mit irgendwas aushelfen konnte, war man hier meistens willkommen.

Und wenn jemand nicht aushelfen konnte oder es einfach nicht wollte und trotzdem hier blieb, dann kam ich ins Spiel.

»Und was diesen anderen Kram angeht, um den ich mich für dich kümmern sollte: Ich glaub', da hab ich was für dich.«

Träge öffnete ich ein Auge und blickte den Barkeeper an. Wieder grinste der dunkelhäutige Mistkerl über das ganze Gesicht. Er war offensichtlich sehr zufrieden mit sich. Ich schloss das Auge wieder. »Ach, ja?«

Erneut stellte ich mir den Laden vor: die Eingangstür, eine schwere Holzplatte, befestigt an groben, aber massiven Scharnieren. Dann gab es noch eine weitere Tür im hinteren Teil des Raumes, durch die man auf den Hinterhof kam, in dem Bixon seinen schrecklichen Fusel brannte. Ich wusste nicht, wie genau er das Zeug fabrizierte, und ich wollte es auch gar nicht wissen. Wenn ich ihm dabei zuschauen und feststellen würde, dass er dafür riesige, widerliche Würmer melken müsste, hätte mich das nicht sonderlich überrascht.

Hinter mir zupfte sich die Band eher schlecht als recht durch eine komplizierte Akkordfolge. Es klang ganz anständig - angesichts der Tatsache, dass die Band auf ihren drei Instrumenten zusammengenommen vielleicht noch zehn Saiten hatte. Die Band: Das waren alte Knacker, richtig uralt. Aber jeder hier in diesem Ort steuerte etwas bei. Und wenn man nicht auf dem Feld arbeiten, Fusel brennen oder dahergelaufene Gestalten vermöbeln konnte, sobald die Bürgermeisterin das befahl, dann spielte man eben auf seinem einsaitigen Bass eine nette Hookline und sorgte dafür, dass es trotzdem schmissig klang.

Und dann saß da noch - ganz klassisch den Wanst gegen die Bar gelehnt, in der Hand einen Becher mit Fusel, den er skeptisch beäugte - ›die Dienstmarke‹.

Natürlich war seine Dienstmarke mittlerweile ungültig. Aber er war zweifellos ein alter System-Bulle. Mir war er nicht bekannt.

Mir auch nicht, flüsterte die Stimme kaum hörbar und war auch schon wieder verklungen. Ein richtiges ›Gespenst‹ war das nicht, denn Dick Marin … na ja, ›lebte noch‹ wäre nicht der richtige Ausdruck gewesen, aber er ›existierte noch‹.

Den ›bösen Blick‹ hatte der Cop am Tresen jedoch immer noch drauf.

»Jou«, sagte Dingane und beugte sich so weit zu mir herüber, dass ich eine gute Nase voll seines Gestanks inhalieren durfte, vielen Dank auch. »Ich hab was von Europa gehört. Amsterdam. Alle beide. Kommt aus 'ner zuverlässigen Quelle, weißte?«

Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder freizubekommen, und öffnete die Augen. Allzu oft bekam ich meine ›Gespenster‹ in letzter Zeit nicht mehr zu hören. Aber hin und wieder meldeten sie sich doch noch zu Wort. Sie waren immer noch da, und sie schienen auch nicht weggehen zu wollen. Amsterdam. Alle beide. Dass Michaleen sich jetzt in Europa herumtrieb, konnte ich mir gut vorstellen - und ich fragte mich, ob Belling tatsächlich wieder mit ihm zusammenarbeitete. Allein schon den Namen der Stadt zu wissen, in der die beiden sich aufhielten, war schon mal ein guter Anfang.

»Warum will'ste eigentlich gehen, Av'ry, hä?« Dingane verlagerte sein Körpergewicht und spie auf den sägemehlbedeckten Boden. »Hier hast'es doch gut. 'n Dach überm Kopp, was zu essen, Freunde. Das sollteste wirklich nich' einfach aufgeben, denk ich so.«

Ich blickte an Dingane vorbei. »Ich habe da halt noch was zu erledigen. Ein paar alte Rechnungen zu begleichen.«

Der Cop - der Ex-Cop - wandte sich um und nahm den ganzen Laden gründlich in Augenschein. Auch uns unterzog er seiner Prüfung. Er war hochgewachsen und kräftig - von der Sorte ›kräftig‹, dass ›fett‹ besser zutrifft. In seinem schweren, abgewetzten Ledermantel sah er aus wie eine Presswurst. Der dunkelblaue Anzug unter dem Mantel hatte auch schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Die Schuhe des Cops waren beklagenswert ungeeignet für den Schneematsch draußen. Ein Schuh hatte sogar ein deutlich erkennbares Loch, durch das ich einen nackten Zeh sehen konnte, der ständig zuckte, ein fetter, rosafarbener Wurm. Man brauchte sich gar nicht erst den Credit-Dongle von dem Kerl anzuschauen - vorausgesetzt er hatte überhaupt noch einen, den er wie einen Glücksbringer mit sich herumschleppen würde. Man begriff auch so, dass dieser Ex-Cop wirklich schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Aber der Kerl hatte immer noch diese Aura. Diese typische Bullen-Arroganz. Irgendwie war er Marins Avatar-Razzia entgangen; und irgendwie war es ihm auch gelungen, sich aus dem Bürgerkrieg zu verziehen und stattdessen auf Abenteuersuche zu gehen. Aber selbst ohne Rückendeckung, ohne frei verfügbares Budget oder auch nur gottverdammte Schuhe glaubte der Scheiß-Kerl immer noch, er hätte hier etwas zu sagen. Sein Haar war leuchtend rot und sehr dünn; fast wie ein Heiligenschein umgab es seinen rosigen Schädel. Seine Wangen hingen schwer herab, als hätte er darin ein paar ziemlich schwere Kugellager versteckt. Seine Augen tränten ständig und waren auffallend gerötet.

Noch während ich den Cop musterte, hob er seinen Becher, den er keines Blickes würdigte, und setzte ihn an die sabberfeuchten Lippen. Ohne zu zögern, stürzte er den gesamten Inhalt hinunter und stellte den Becher dann wieder auf dem Tresen ab. Das Ganze geschah absolut kommentarlos, ohne jede erkennbare Reaktion. Mein Respekt vor diesem Fremden wuchs ein wenig. Wer Bixons Fusel trinken konnte, ohne das Gesicht zu verziehen, zu husten oder in Flammen aufzugehen, musste etwas Besonderes an sich haben.

Als ich den Blick kurz nach rechts schweifen ließ, sah ich wie immer Remy - der mich wie immer anstarrte. Remy hatte seine Aura mittlerweile verloren. Er sah langsam wirklich aus wie ein ganz normaler Mensch. Ich wusste nicht, wie alt Remy war oder warum er mir immer hinterherdackelte, als wäre ich der gottverfluchte Weihnachtsmann persönlich. Doch Remy war jetzt nicht mehr der verzogene kleine Balg in geputzten Schuhen, der einem ständig mit seinem ›Daddy‹ auf den Zeiger ging. Allmählich schien aus ihm wirklich etwas zu werden. Ich glaubte sogar Anlass zu der Hoffnung zu haben, er würde irgendwann aufhören, mich Mr. Cates zu nennen. Natürlich müssten wir auch noch etwas gegen seine Art unternehmen, mich ständig anzustarren. Aber um ganz ehrlich zu sein: Hin und wieder war das sogar ganz nützlich. Ich nickte ihm kurz zu, und schon war der junge Bursche von seiner Kiste aufgesprungen und im dichten Schneetreiben vor der Tür verschwunden.

»Alle zuhören!«

Der Ex-Cop sprach mit einer dröhnenden, tiefen und glatten Stimme - das war die Stimme eines Mannes, der Gehorsam gewohnt war. Doch sein Blick zuckte nervös hin und her, und die Hände hatte er zu Fäusten geballt. Augenblicklich verstummte die Musik.

»Mein Name ist Major Benjamin Pikar«, verkündete er und drehte sich langsam um seine eigene Achse, damit wir alle einmal seine schönen Hängebacken betrachten konnten. »Und ich bin hier, um euch alle zu beschützen!«

Major. Ich betrachtete den Cop noch einmal von oben bis unten und kam zu dem Schluss, dass er sich gerade eine Beförderung gegönnt hatte. Sein Mantel war der eines Captain - bestenfalls.

Unsere Bürgermeisterin, die sich diesen schönen Titel erarbeitet hatte, indem sie sich so lange selbst so tituliert hatte, bis wir alle es nicht mehr hören mochten, riss sich zusammen und blickte nicht zu mir herüber. Gerry war eine ganz liebenswürdige alte Schachtel, die vor der Seuche in einer Bank gearbeitet hatte. Während der lustigen Achterbahnfahrt, die uns diese Krankheit beschert hatte und in deren Verlauf fast die ganze Menschheit ins Gras gebissen hatte, hatte unsere zukünftige Bürgermeisterin ihre ganze Familie verloren. Gerry war in Chicago gewesen, als die freundlichen Helfer von der System of Federated Nations Army fünfhunderttausend Ein-Schuss-Drohnen ins Stadtgebiet ausgeschickt hatten, bewaffnet mit F-90ern: feldeingedämmten Waffensystemen. Als Gerry sich dann aus den Trümmern herausgekämpft hatte und nach Süden gezogen war, war sie auf uns hier in Englewood gestoßen. Gerry war mager, mit einer riesigen, dreieckigen Nase, die auf und ab wackelte, wann immer sie redete. Ihre grauen Augen kniff Gerry ständig zusammen - wohl eine Folge all der Jahre, die sie damit verbracht hatte, Holo-Datenströme zu entziffern. Beim letzten Mal, als einer dieser Ex-Bullen-Privatunternehmer hier aufgetaucht war, um uns vor der großen, bösen Welt zu beschützen, war Gerry noch aufgesprungen. Sie hatte verkündet, sie sei die Bürgermeisterin und spräche daher im Namen der ganzen Stadt - und ich hatte aufspringen und sie bewusstlos schlagen müssen.

»Richard Marin, der Direktor der Abteilung für Innere Angelegenheiten, hat mich angewiesen, die Verwaltung dieser Siedlung zu übernehmen. Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass hier die Gesetze und Gebräuche des Systems Konföderierter Nationen eingehalten werden. Weiterhin werde ich die Verteidigung dieser Siedlung organisieren, sowohl gegen die aufständischen Streitmächte wie gegen … kriminelle Elemente, die euch alle ausnutzen wollen«, sagte Pikar mit todernstem Gesicht. Kurz fragte ich mich, warum Director Marin nicht einfach den Stecker gezogen und sich selbst zum Direktor der ganzen gottverdammten Welt erklärt hatte - oder dem Direktor dessen, was nach den F-90ern noch davon übrig war.

Ging nicht, flüsterte das veraltete Gespenst in meinem Kopf. Einprogrammierte Beschränkungen. Die haben tatsächlich gedacht, indem sie meine Befehlsgewalt einschränken, könnten die mich einschränken.

Pikar blickte sich um, um herauszufinden, wie gut die Scheiße, die er gerade abgesondert hatte, denn von uns gefressen würde. Er wirkte nicht gerade glücklich. Sein rotes Gesicht färbte sich noch dunkler, und seine Fingerknöchel traten weiß hervor.

»Vielleicht habt ihr ja schon Gerüchte gehört«, brachte er in relativ ruhigem Ton hervor und stemmte dabei die Hände in die Hüften - eine gut trainierte Bewegung, durch die er die beiden Waffen in Holstern an seiner Seite und die angeschlagene Dienstmarke an seinem Gürtel enthüllte -, »dass sich hier Presspatrouillen der SFNA herumtreiben.« Er nickte knapp. »Diese Gerüchte kann ich bestätigen.«

Ich blickte zu den beiden Fenstern neben der Eingangstür hinüber; sie waren klein, die Scheiben trübe. Vor dem Schnee zeichneten sich dunkel die Umrisse diverser Gestalten ab, die sich vor beiden Fenstern versammelten. Ich richtete den Blick wieder auf Pikar, um sicherzugehen, dass er bislang noch nichts bemerkt hatte. Hatte er auch nicht; er war viel zu sehr mit seiner Verkaufsveranstaltung beschäftigt. Ich wusste schon, was als Nächstes kommen würde. Ich hätte ihm glatt ein ausformuliertes Skript abfassen können.

»Aber es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Schließlich bin ich jetzt hier, um eure Verteidigung gegen diese gefährlichen Rebellen zu organisieren.« Jetzt war er ganz sachlich. Er hatte uns seine Gruselgeschichte erzählt, uns dann seine Kanonen gezeigt, und jetzt musste sein Angebot kommen. Er bedeutete Bixon, ihm einen weiteren Drink einzuschenken. Bixon, ein Kerl, der so hoch wie breit war, bestand nur aus dicken Muskelpaketen - und nichts davon verdankte er einer Erweiterung. Bix stand einfach nur hinter seiner behelfsmäßigen Bar und - ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich war mir da ganz sicher - streichelte mit seinen riesigen Händen, hinter der Bar verborgen, seinen allergrößten Schatz: ein Shredder-Gewehr, Modell 10-09, in Original-SSD-Ausführung. Bix hatte den Shredder selbst restauriert; zusammengehalten wurde die Waffe im wahrsten Sinne des Wortes durch eng um sie herumgewickelte silbrige Metalldrähte. Bixon hatte noch sieben Schuss, und es war wirklich nicht unwahrscheinlich, dass ihm das Ding einfach in den Händen explodieren würde, sollte er je wagen, es abzufeuern. Ausgewachsene Männer brachte aber allein schon der Anblick einer solchen Waffe, sofern ihnen die Waffe und ihre Wirkung bekannt war, unweigerlich dazu, sich in die Hose zu machen.

»Ich benötige von euch die folgenden Dinge, um mein Büro hier zu finanzieren und einzurichten«, dröhnte Pikar und tippte mit einer Fingerspitze auf die Bar. »Zunächst einmal …«

Mir reichte es. »Zunächst einmal hältst du die Schnauze«, sagte ich. Allzu laut hatte ich nicht gesprochen. Trotzdem hatte mich jeder gehört und verstanden. Dafür wurde ich schließlich bezahlt - wenn man denn ein Dach über dem Kopf, Portionen völlig geschmacksneutralen Haferschleims, die ausreichten, um mich gerade so am Leben zu halten, und der unbegrenzt fließende Fusel in Bixons Laden als Bezahlung bezeichnen wollte. Aber bislang hatte man mir kein besseres Angebot gemacht. Deswegen war ich hiergeblieben, trat Leuten in den Arsch und sorgte dafür, dass Schwachköpfe sich wieder verzogen.

Der Ex-Cop blickte mich an. Man musste ihm zugute halten, dass sämtliche seiner nervösen Ticks augenblicklich verschwunden waren. Jetzt zeigte er die vorsichtige Ruhe eines Menschen, der sich zu beherrschen gelernt hatte. »Wie bitte, Bürger?«

Ich stand auf, den hölzernen Becher immer noch in der Hand, während die andere in die Tasche meines schmierigen Regenmantels glitt. Während ich den Becher herumschwenkte, schob ich die Hand tiefer in die Tasche hinein und umfasste den Knauf meiner geliebten Roon - der besten Handfeuerwaffe, die jemals konstruiert worden war. Ich ölte sie jeden Abend, reinigte sie jeden zweiten Abend, und nun schimmerte und glänzte sie, als würde so etwas wie Rost, Zerfall oder Tod überhaupt nicht existieren. Und genauso funktionierte sie auch: völlig reibungslos. Ich stapfte auf die Bar zu. Dabei mühte ich mich nach Kräften, mir eines nicht anmerken zu lassen: wie schlecht ich mein halb gelähmtes Bein bewegen konnte und wie sehr es schmerzte. »Ich sagte, du sollst die Schnauze halten. Mit der Scheiße, die du hier verzapfst, sorgst du dafür, dass es hier drin noch schlimmer stinkt als sonst und das will was heißen.« Ich stellte meinen Becher auf der Bar ab. »'tschuldigung, Bix.«

Bixon nickte, den Blick immer noch fest auf Pikar gerichtet. »Ist schon gut, Avery.«

Pikar wandte den Kopf ein wenig in Bixons Richtung. Doch sein Blick ruhte die ganze Zeit über fest auf mir. Er prägte sich gerade ein, dass auch der Barkeeper würde eingreifen können, falls es hier zum Kampf kommen sollte. Wahrscheinlich bemerkte der Ex-Cop gerade zum ersten Mal, dass er die Hände des Barkeepers schon lange nicht mehr gesehen hatte. Der Cop verlagerte sein Körpergewicht und tippte mit dem Zeigefinger auf seine Dienstmarke.

»Mit der Polizei willst du dich wirklich nicht anlegen, mein Freund«, sagte er. »Ich bin in offiziellem Auftrag hier.«

Ich nickte und lehnte mich rücklings an die Bar. Die Dienstmarke funktionierte nicht mehr: Das goldene Leuchten des Hologramms fehlte. »Nach allem, was ich gehört habe, sind die System-Bullen heutzutage bloß noch damit beschäftigt, über ihre eigenen Füße zu stolpern, während sie vor der Army weglaufen. Du bist nicht das erste Arschloch, dass hier einfach in löchrigen Schuhen reinspaziert kommt und versucht, uns auszunehmen. Was du suchst, sind Einfaltspinsel. Such weiter, bis du wirklich welche gefunden hast!«

Das ist die Chance, die er hat, entschied ich. Man wollte ja schließlich fair bleiben. Man kann es einem Mann schließlich nicht verübeln, wenn er sein Glück versucht. Nur übermütig werden sollte er lieber nicht.

Immer noch blickte mich der Ex-Cop aus seinen ausdruckslosen Augen an. Seine Hände blieben völlig reglos. Doch seine Hängebacken zitterten rhythmisch; jeder hämmernde Herzschlag, der sein Gesicht so nett purpurn färbte, ließ sie kurz auf und ab hüpfen. Dann lächelte der Kerl.

»New York«, sagte er, auf einmal ganz fröhlich. »Der Akzent! Du bist einer von den ganz harten Brocken von der Insel, was? Hast bestimmt schon das eine oder andere Verhörzimmer von innen gesehen, hä?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Du kennst mich nicht.« Wahrscheinlich hatte er schon von mir gehört, hätte meinen Namen wiedererkannt, aber das war hier völlig egal.

Er nickte. »Ja, vielleicht nicht. Aber deinen Typ, den kenne ich. So 'ne echte Vogelscheuche, ausgestopft mit Scheiße. Glaubt ihr alle hier, dieses Stück Scheiße sei euer großer Held?«, wandte Pikar sich plötzlich an den ganzen Raum. »Da setzt ihr aber auf den Falschen!«

Mein Herz hämmerte jetzt ebenfalls, und mein Magen beklagte sich über Bixons Gebräu. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich fragte mich, ob es mir in der unmittelbar bevorstehenden Schießerei einen Vorteil verschaffen könnte, wenn ich jetzt einfach kotzte.

»Schau doch mal aus dem Fenster, mein Freund!«, riet ich dem Ex-Cop. »Wir haben die Bürgerwehr gerufen.«

Mit zusammengekniffenen Augen schaute Pikar mich an. Beinahe hätte ich Mitleid mit ihm empfunden: Jeder Cop im ganzen System war in einen Avatar verwandelt worden, normalerweise gegen seinen Willen. Für ihn hier galt das nicht. Das bedeutete, dass er vorher in einem Hinterwäldlerloch Dienst geschoben haben musste. Das musste so ein echter Loser mitten aus dem Nirgendwo sein - oder aber er war schon deutlich länger auf der Flucht, als ich vermutet hatte. Verzweifelt. Wahrscheinlich würde man ihn ohne Warnung sofort niederschießen, wenn die Army ihn irgendwo anträfe. Und wenn die Cops ihn irgendwo aufgriffen, zöge man ihn einfach auf eine Festplatte. Dick Marin persönlich würde dann in aller Ruhe eine Abschlussbesprechung mit ihm durchführen - sobald der Big Boss irgendwann die Zeit dafür fände. Was auch immer passieren würde: Dieser Kerl war im Arsch. Er wollte gut dastehen, aber er wollte nicht wie ein Idiot dastehen. Sein Aussehen war alles, was er noch hatte: Er hatte immer noch die Aura eines Cops.

Alles fliegt auseinander, klar. Da hatte Dingane schon ganz Recht gehabt. Selbst die System-Bullen waren heutzutage nur noch Schatten ihrer selbst. Gespenster.

Die Schatten vor dem Fenster sahen ziemlich gut aus. Bedrohlich. Mumm hatten Remy und seine Freunde zweifellos. Sie hatten zwar keine Waffen, aber das konnte man durch die trüben Fenster nicht erkennen. Und es war auch egal, ob Pikar nun nachschaute oder nicht, ob er dort Männer mit Gewehren sah oder kleine Kinder, die sich vor Angst in ihre kurzen Hosen machten - auf jeden Fall brachte ihn die Situation hier zum Nachdenken, verwirrte ihn - und damit ging der ganze Plan auch schon auf.

Der Cop schnaubte. »Ich übernehme jetzt diese Siedlung«, sagte er langsam. »Ich befehle Ihnen, mir sofort auszuhändigen, womit Sie da in Ihrer Tasche herumspielen, und sich umgehend wieder hinzusetzen!«

Mittlerweile hatte ich alle hier im Ort gründlich eingewiesen. Ich war mir daher ziemlich sicher, dass keiner von ihnen sich regen und etwas tun würde, was ich dann bedauern müsste. Außer Bixon. Ich musste mich immens zusammenreißen, um nicht zu diesem kleiderschrankförmigen Arschloch hinter der Bar hinüberzuschauen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit der Hoffnung zu bescheiden, er werde sich nicht bewegen. In der ganzen Bude herrschte jetzt völlige Stille: Es gab nur noch Pikar und mich, mein schmerzendes Bein und meinen steifen Rücken. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob auch Pikar Schmerzen verspürte, wie alt er wohl sein mochte, was er schon alles durchgemacht hatte.

Und dann bewegte er sich.

Und er war gut. Er hatte das mit dem Fenster ernst genommen und etwas sehr Wichtiges begriffen: An seinem derzeitigen Standpunkt hatte er sich genau so positioniert, dass man ihn vom Fenster aus im Verein mit Bix und mir ins Kreuzfeuer nehmen könnte. Also ging der Ex-Cop in die Knie und zog in einer wunderbar fließenden Bewegung beide Waffen. Fast augenblicklich tauchten sie schimmernd in seinen Händen auf, während er, immer noch in der Hocke, watschelnd ein wenig zurückwich, um wenigstens die Eingangstür im Rücken zu haben. Ich riss die Roon aus der Tasche und feuerte zwei Kugeln ab, beide vielleicht einen oder zwei Zentimeter neben sein linkes Ohr. Dann hechtete ich über den Tresen, rollte mich über die Bar nach hinten und jagte mir wahrscheinlich eine Million winziger Splitter in den Rücken. Auf der anderen Seite ließ ich mich wieder fallen wie ein nasser Zementsack.

Während ich mich wieder aufrichtete, sah ich, wie Bix den Shredder hob und dabei einen Kriegsschrei ausstieß. Bevor ich ihn davon abhalten konnte, drückte er den Feuerknopf, und das vertraute Heulen, das einem den Schädel zu spalten und das Trommelfell zu zerreißen drohte, erfüllte den Raum. Dann bellte die 10-09er auf und sprang Bixon aus den Händen. Dabei spie sie sechs Kugeln genau in die Decke, und schließlich schlug die jetzt nutzlose Waffe Bix auch noch heftig genug gegen die Nase, um sie ihm zu brechen.

Ich kauerte mich hinter die Bar, spähte gerade lange genug darüber, um den Raum zu erkennen, und ließ mich dann wieder fallen. Ich wartete auf das Plopp-Plopp-Plopp eines ausgebildeten Schützen. Doch es kam gar nichts, überhaupt kein Geräusch. Mit einem Grunzen wuchtete ich mich wieder hoch, die Roon genau auf Pikar gerichtet, der vor der Tür zusammengesunken war. Sein Bauch war völlig blutüberströmt, einen Arm hatte er gehoben, richtete eine seiner Waffen auf mich. Alle anderen Gestalten in dem Laden saßen stocksteif da, wie erstarrt, als wäre das Ganze bloß eine gottverfluchte Varieté-Vorstellung.

Pikar grinste mit blutigem Mund. Als ich langsam an der Bar entlang ging und sie umrundete, folgte mir seine Waffe, Zentimeter für Zentimeter. Gerade als ich hinter den Kisten hervortrat, zuckte sein Finger und brachte mich dazu, mich mit einem weiteren Grunzlaut flach auf den Boden zu werfen. Statt eines bellenden Schusses hörte ich nur ein trockenes Klicken. Der Cop lachte, die Waffe immer noch auf mich gerichtet. Als ich wieder auf die Beine kam, betätigte er den Abzug noch ein weiteres Dutzend Mal, und jedes Mal war das gleiche leere Klicken zu hören.

»Du hast mit einem gottverfluchten Shredder-Gewehr auf mich geschossen«, stieß er blubbernd hervor. Blut spritzte von seinen Lippen und landete auf dem Boden, wo es sofort aufgesogen wurde. »Ihr verfluchten Ratten. Ich hatte nicht einmal mehr Munition!«

Ich stand auf und richtete die glitzernde Roon auf ihn. Mein Arsch brannte, als hätte mir jemand eine Million kleiner Holzsplitter hineingejagt. »Was für ein Vollidiot zieht denn seine Waffe, wenn er sie nicht auch benutzen will?«, zischte ich. Ich war stinksauer. Ich hätte ihn am liebsten dafür geohrfeigt, so ein Vollidiot zu sein. So ein Arschloch! »Wolltest du mir das Ding an den Kopf schmeißen?!«

»Du kannst mich mal.« Der Cop seufzte, und es klang, als würde man die Luft aus ihm herauslassen. Immer noch zielte er mit seiner Waffe auf mich, auch wenn sein Arm jetzt schon vor Anstrengung zitterte.

»Avery«, sagte Gerry plötzlich, und ihre Stimme war nur ein kratziges Wispern. »Okay, Mann, die Situation hat sich beruhigt. Wir kümmern uns jetzt um ihn.«

Ich nickte, ohne sie anzublicken. Pikar lächelte mich immer noch an. »Du warst doch mal ein Cop«, sagte ich. »Du weißt, wie das läuft. Wenn man eine Waffe zieht, muss man auch die Konsequenzen tragen.« Im Laufe der Jahre hatte ich viel über die menschliche Spezies gelernt. Ich hatte gelernt, dass die Toten nicht unbedingt tot blieben. Ich hatte gelernt, dass keine gute Tat ungesühnt blieb. Und ich hatte gelernt, dass man, wenn man versucht, nach irgendeiner Art Ehrenkodex zu leben, von verdammt vielen Leute gesagt bekommt, wie sehr sie einen dafür respektieren, während sie einem gleichzeitig immer wieder den Schädel auf den Fußboden donnern.

Ich ignorierte den dumpfen Schmerz in meinem Bein, legte an und jagte Pikar eine Kugel genau ins Gesicht. Dann gab es sicherheitshalber noch eine zweite in den Brustkorb. Der Ex-Cop zuckte und sackte zusammen. Ich wandte mich um und stapfte wieder zur Bar hinüber. Währenddessen schob ich mir die Roon wieder in die Tasche und stützte die zitternden Hände dann auf die Bar. Das einzige Gegenmittel gegen Bixons Fusel war: mehr davon, und das rasch. Gefährlich wurde es erst, wenn man aufhörte.

I

Für so etwas hatte ich keine Zeit; ich musste noch ein paar Leute umbringen

»Was grinst du denn so?«

Ich löste meinen Blick von Dunkelheit und Wind und konzentrierte mich auf den Soldaten. Ich hatte mich immer noch nicht an diese Dunkelheit gewöhnt. Nirgendwo gab es Licht, keinen Mond am Himmel. Die ganze Welt bestand nur noch aus Wind und der quietschenden, wackelnden Ladefläche des Trucks. Dazu bestand sie aus dieser einzelnen Uniform, die so weiß war, als würde sie aus sich selbst heraus leuchten, und aus vierzehn weiteren Arschlöchern, die nicht schnell genug gewesen waren. Der Truck war uralt, eine echte Rostlaube, auf einem vorprogrammierten Kurs von einem Droiden gesteuert. In der Ferne konnte ich weitere Trucks erkennen, die die Einöde durchquerten. Neben den auf und ab hüpfenden Lichtkegeln von deren Scheinwerfern gab es nichts zu sehen.

Der Soldat war ein echtes Jüngelchen - aber heutzutage war ja wirklich jeder ein gottverdammtes Jüngelchen. Sein Gesicht war schmutzig. Aber mit einem Shredder über den Knien saß er da wie jemand, der überhaupt keine Angst vor fünfzehn Bauerntölpeln hatte, die ihn aus tiefstem Herzen hassten und ihn alle ausnahmslos tot sehen wollten. Nur ließ sich so ein Shredder-Gewehr ungefähr so gut halten wie ein widerspenstiges Wildschwein und brauchte drei Sekunden, um so weit aufzuwärmen, dass es einsatzbereit war. Das bedeutete: Nur ein echter Vollidiot würde so eine Waffe benutzen, um eine wild gewordene Meute aufhalten zu wollen. In meiner Welt waren drei Sekunden echt eine lange Zeit. Oder besser: in einer Welt, die einmal die meine gewesen war.

Ich gestaltete mein Lächeln noch ein wenig freundlicher. »In ein paar Minuten werde ich dir beide Daumen brechen. Darauf freue ich mich schon richtig.«

Einen Moment lang blickte er mich mit ausdrucksloser Miene an. Dann lächelte er, und auf einen Schlag sah er noch zehn Jahre jünger aus. »Quatsch mich noch mal an, und ich hak dich am Wagen fest und schleif dich zum Rekrutierungszentrum!«

Ich lachte, nickte und spähte wieder in die Einöde hinaus. Dabei rief ich wieder einmal meine Lieblingserinnerung ab: wie ich auf dem Boden liege und zuschaue, wie plötzlich, ruckartig, ein Schweber abhebt. Und dann Marlenas Gesicht, wie sie über die Kante der Luke hinweg auf mich hinunterblickt. Manchmal sah ich statt Marlena auch Michaleen, der mich gehässig angrinste und dabei lachte. Der mich verhöhnte.

Noch einmal musterte ich kurz die Ladefläche. Niemand schaute zu uns her; niemand wollte irgendwie mit mir in Verbindung gebracht werden - außer Remy, der mich immer noch anstarrte, als könne ich Nährstofftabletten aus den Ohren hervorzaubern. Wir alle waren bloß biologischer Rohstoff - die Army brauchte neue Leute. Was die Qualität dieser Leute betraf, war die Army nicht allzu wählerisch - schließlich gab es Erweiterungen, die einen stärker, schneller, besser machten. Also sammelte man einfach jeden ein, der nicht schnell genug fortrennen konnte, und warf den dann in die Mühle. Und heraus kamen schließlich neue Leute für die dringend benötigten Stoßtrupps. Ein wunderbares System.

Wenigstens gab es für die Army noch Ressourcen, die sie anzapfen konnte. Ganz anders sah es bei den System-Bullen unter der Fuchtel von Director Dick Marin aus, seines Zeichens Leiter der Abteilung für Innere Angelegenheiten - zu der Zeit, als er noch bloß der oberste Cop im ganzen System gewesen war, auch bekannt als der Oberschnüffler. Marin hatte praktisch jeden Cop auf der ganzen Welt in einen Avatar verwandelt: Droidenkörper mit digitalisierten Gehirnen. Die Avatare waren teuer und benötigten ziemlich exklusive Materialien, und im Zuge dieses Bürgerkriegs war den System-Bullen ihre letzte Avatar-Fabrik hopsgegangen. Sie litten nun unter ernst zu nehmendem Personalmangel.

Der Wind war belebend kühl, und ich war, entgegen jeglicher Chance, immer noch am Leben. Ich war sonderbar gut gelaunt und fixierte wieder den Soldaten. »Du kannst mich mal«, sagte ich und lächelte dabei immer noch.

Über dieses Angebot schien er kurz nachzudenken. Dann allerdings verzog er höhnisch das Gesicht und wandte den Blick ab. Es wäre gut gewesen, wenn meine Provokation funktioniert hätte. Wenn er sich hätte ärgern lassen, hätte ihn das ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Leider hatte der junge Bursche dann doch zu viel auf dem Kasten. Also nahm ich mir einen Moment Zeit und ging in Gedanken durch, welche Ressourcen mir zur Verfügung standen. Da ich einen ganzen Moment Zeit hatte, machte ich das sogar zweimal.

Die Silikon-Fesseln hatte man uns nur sehr schlampig angelegt. Meine eigenen Fesseln hatte ich schon vor mehr als einer halben Stunde abgestreift. Das war der erste Pluspunkt auf meinem Konto. Ich blickte mich auf der Ladefläche des Trucks um, während der Wind mir das Haar zerzauste, das länger war als je zuvor in meinem Leben. Nachdenklich begutachtete ich meine Gefährten. Wie ich sollten sie ganz gegen ihren Willen in den Dienst der Army gezwungen werden. Praktisch handelte es sich um die gesamte Bevölkerung von Englewood - zumindest um fast alle von denen, die den Überfall der Army überlebt hatten. Gerry, unsere ungewählte Bürgermeisterin, saß mir im Truck gegenüber. Sie war in sich zusammengesunken und ließ den Kopf hängen. Bixon, der aus einer Schnittwunde auf dem Kopf blutete und sehr bleich aussah, starrte einfach nur geradeaus ins Leere und bewegte sich mit bemerkenswerter Anmut, wann immer der Track über einen Stein oder so etwas holperte. Fast als hätte der massige Barkeeper überhaupt keine Knochen im Leib. Remy starrte mich an. Unsere Blicke trafen sich, und er blinzelte mir einmal kurz zu. Dann blickte er kurz auf seinen Schoß und schaute dann wieder zu mir. Wie geheißen folgte ich seinem Blick, und er nahm die Hände ein wenig auseinander und zeigte mir seine ungefesselten Handgelenke. Als ich dem Kleinen dann wieder ins Gesicht schaute, lächelte er mich an. Dieser unverschämte Bursche. Seit Monaten lief er mir hinterher und erzählte den anderen Kindern, er sei mein Deputy - diesen Ausdruck hatte ich vorher noch nie gehört. Ich mochte den Kleinen.

Also: Da war ich selbst und als Dreingabe ein vierzehnjähriger Junge, der so behütet aufgewachsen war, dass ihm eine Droiden-Nanny sogar den Hintern abgeputzt hatte. Wieder blickte ich zu unserer Wache hinüber. Soldaten waren echte Menschen; das waren keine Avatare mit Steuerchips wie die Cops. Also konnte man mit denen auch verhandeln - hin und wieder zumindest. Früher war es mir schon so manches Mal gelungen, das eine oder andere Frontschwein zu bestechen: Nachdem ich aus der Strafvollzugsanstalt Chengara ausgebrochen war, hatte ich mehrere Millionen Yen für zwei Fallschirme und das Recht bezahlt, aus einem Schweber springen zu dürfen. Aber momentan, so glaubte ich, besaßen meine Yen wahrscheinlich nicht genug Wert. Außerdem hatte ich mitbekommen, wie dieses Frontschwein hier auf dem Truck den Marschbefehl von seinem Vorgesetzten erhalten hatte, kurz bevor wir gestartet waren. Von mir mochte dieser Soldat ja nicht sonderlich beeindruckt sein. Aber er hatte eine Scheiß-Angst vor dem hochgewachsenen, mageren Colonel mit dem weißen Haar und der künstlich dauersonnengebräunten Haut. Beide Augen des Colonels hatten seltsam geschimmert, die linke Iris in eisigem Silber, die rechte in einem warmen Orangeton. Gelächelt hatte der Mann nicht. Sofort hatte sich mir der Eindruck aufgedrängt, dieser Mann lächele niemals. Vielleicht fehlten ihm gar die dafür erforderlichen Muskeln.

»Kopf hoch, Bürger!«, hatte er gebellt. »Du wirst dich an diesen Tag erinnern als den schönsten Tag in deinem ganzen Leben: der Tag, an dem du voller Freude den Dienst bei der Army des Systems Konföderierter Nationen angetreten hast.«

Als meine Gedanken zurück nach Chengara wanderten, musste ich sofort auch an Michaleen denken. Der kleine Mann fiel in die Kategorie ›ich habe da halt noch was zu erledigen‹. Und hier war ich jetzt und ließ mich entführen - ich wurde entführt, um für die System of Federated Nations Army zu kämpfen, unsere allseits beliebten SFNA. Für so etwas hatte ich keine Zeit; ich musste noch ein paar Leute umbringen. Wäre ich vor drei Tagen aufgebrochen, so wie ich das ursprünglich geplant hatte, hätte man mich nicht mit dem Rest dieser lächerlichen Bevölkerung von Englewood eingesackt.

Wieder blickte ich zu dem Kleinen hinüber und nickte ihm zu. Mittlerweile hatten wir beide eine ziemlich gute nonverbale Kommunikation drauf. Der Kleine hatte sich wie eine Klette an mich gehängt und war mir ständig hinterhergelaufen, als wäre er mein gottverdammter Kammerdiener. Und dafür hatte ich ihm ein paar Dinge beigebracht. Er erwiderte das Nicken. Daraufhin schenkte ich meine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Wachmann. Immer noch saß er da auf der Ladefläche, den Shredder über den Knien. Dabei sah er ungefähr so bedrohlich aus wie ein hübscher Tagtraum. Die Soldaten der SFNA waren wirklich schnell: Sie strotzten nur so vor Erweiterungen, die sie deutlich schneller und stärker machten, als die Natur das ursprünglich vorgesehen hatte. Und dazu kamen auch noch ein paar weitere nette Kleinigkeiten wie Nachtsichtfähigkeit und dergleichen. Und trotzdem: Im Kampf Mann gegen Mann wären sie vermutlich den Cop-Avataren, gegen die sie in diesem Bürgerkrieg kämpften, nicht gewachsen. Im Großen und Ganzen jedoch waren sie schon ganz schön harte Burschen. Was mich im Vergleich zu ihnen anging: Ich fühlte mich ziemlich gut. Ich hatte nun ein paar Monate lang regelmäßig gegessen. Obendrein hatte ich mich praktisch nur ausgeruht - na gut, hin und wieder hatte ich mal den einen oder anderen Schädel eingeschlagen. Das alles führte aber dazu, dass ich mich eigentlich besser als vor der Scheiß-Seuche fühlte. Gut, mein Bein schmerzte immer noch, und ich war auch nicht mehr so schnell wie früher. Aber eigentlich war ich ganz ordentlich in Schuss.

Ich wusste, ich könnte diesen Soldaten in einem fairen Kampf nicht besiegen. Aber ich hatte schließlich nicht die Absicht, sonderlich fair zu kämpfen.

Soweit ich gehört hatte, war an dem Umstand, gegen seinen Willen zum Militärdienst gezwungen zu werden, wirklich überhaupt nichts Gutes. Die meisten, die dieses Schicksal erlitten, wurden Stoßtrupps zugeteilt - und zwar entbehrlichen Stoßtrupps. Die griffen dann befestigte Stellungen an oder gingen auf andere Selbstmordkommandos. Es hielten sich hartnäckig Gerüchte, dass viele Offiziere ihre Untergebenen auch verkauften, sofern jemand an dem einen oder anderen Soldaten besonders interessiert war oder einfach genug Schotter bot. Mir fielen gleich ein paar Leute ein, die ganz gewiss überhaupt nichts dagegen hätten, mich in die Finger zu bekommen. Ich aber wollte wirklich nicht herausfinden müssen, ob man immer noch an mir interessiert war.

Ich gab dem Kleinen ein Zeichen, und wieder nickte er. Dann ließ er die Fesseln lautlos auf die Ladefläche des Trucks fallen. Er starrte einige Sekunden lang schweigend auf seine Füße, während der Laster weiterrumpelte. Dann, plötzlich, stand Remy auf.

»Ich will nach Hause!«, kreischte er und ließ seine Stimme überzeugend weinerlich klingen.

Der Soldat war schon auf den Beinen, und den Shredder hatte er auch schon in der Hand - der Bursche war wirklich schnell! Aber er hatte die Waffe beim Aufspringen nicht auch noch aktiviert. Er richtete sie zwar genau auf Remy und positionierte seine Füße so, dass er jederzeit kampfbereit wäre. Es war allerdings augenfällig, dass er in dem kleinen Jungen keine ernst zu nehmende Bedrohung sah.

»Setz dich sofort wieder hin!«, befahl er. »Wenn ich dir das noch einmal sagen muss, scheuer ich dir eine!«

»Ich will nach Hause!«, heulte Remy erneut. Ich behielt den Soldaten genau im Auge, und als er entschlossen die Zähne zusammenbiss und sein Körpergewicht verlagerte, sprang ich auf und stürzte mich auf ihn. Mit beiden Händen packte ich die Waffe und rammte sie ihm ins Gesicht - seine Nase brach sofort. Dann ließ ich mich auf den Kerl fallen - mit freundlicher Unterstützung der Schwerkraft. Der Soldat landete mit dem Rücken genau auf der Heckklappe, und mit meinem Körpergewicht nagelte ich ihn dort fest. Erneut rammte ich ihm den Shredder ins Gesicht, einfach weil es sich gut anfühlte. Anschließend drückte ich ihm den Lauf der Waffe gegen die Kehle: gerade fest genug, um ihn zum Keuchen zu bringen, aber noch nicht so fest, dass ich wirklich Schaden angerichtet hätte.

»Was deine Daumen betrifft …«

Er bäumte sich unter mir auf, und ich wurde rücklings fortgeschleudert - der Bursche war richtig stark! Doch meine Finger umklammerten immer noch den Shredder, und so riss ich dem Soldaten die Waffe aus der Hand, während ich zurücktaumelte und gegen die anderen Zwangsrekrutierten auf der Ladefläche prallte. Sie stießen mich von sich, als hätten sie Angst, ich sei ansteckend. So prallte ich gerade rechtzeitig zurück, damit mir der Soldat seinen Kopf in den Magen rammen konnte. Das trieb mir nicht nur jegliche Luft aus der Lunge, sondern - so fühlte es sich zumindest an - auch noch die Nieren sonstwohin. Ein paar schrille Schreie waren zu hören; Hände packten uns, stießen uns hektisch fort. Alle hier hatten zu viel Angst, um auch nur zwanzig Sekunden weit in die Zukunft zu schauen, in der wir frei sein würden und in die öde Landschaft draußen fliehen könnten. Die meisten von ihnen hatten früher ein sorgenfreies Leben geführt, mit Geld, manche sogar mit Macht und Einfluss - dieser alten Form von Macht und Einfluss, wie es sie mittlerweile nicht mehr gab. Keiner von ihnen glaubte also, so richtig im Arsch zu sein. Sie dachten immer noch, irgendwann würde ein Engel vom Himmel herabsteigen und sie einsammeln, sie für das erlittene Ungemach um Verzeihung bitten und dafür sorgen, dass alles Böse einfach aus der Welt verschwände. Zu diesem Bösen gehört offenkundig auch meine Wenigkeit, und das, obwohl ich in den vergangenen sechs Monaten dafür gesorgt hatte, dass sie überhaupt noch am Leben waren.

Das Frontschwein stieß mir die Stirn gegen den Schädel, umschlang mich mit den Armen und quetschte mich mit qualvoller, überraschender Kraft zusammen. Meine Rippen knackten lautstark. Das Jüngelchen klemmten dabei den Shredder zwischen uns beiden ein. Blut quoll dem Kerl über die Lippen, rann ihm übers Kinn, und plötzlich sah er viel älter aus - und viel gefährlicher.

»Ich hab meine Daumen immer noch, alter Knacker«, keuchte er. »Willst du sie mir vielleicht mit der Kraft deiner Gedanken brechen?«

Der Kerl gefiel mir. Ich mochte die Soldaten sowieso lieber als die Cops - die Cops machten immer auf Schau, spielten in ihren teuren Anzügen immer den Dandy. Das hatten sie auch schon getan, ehe man sie alle in Avatare verwandelt hatte, in Droiden mit digitalen Gehirnen. Klar, die Soldaten hatten mehr Metall in ihren Schädeln, als mir lieb war. Aber wir haben alle unsere Fehler. Ich zum Beispiel neigte dazu, Leute, die ich kennen lernte, umzubringen - mehr oder weniger unfreiwillig.

Bevor ich dem Frontschwein davon berichten konnte, dass meine Zuneigung zu ihm deutlich gestiegen war, sprang Remy auf und klammerte sich an seinem Rücken fest. Mit seinen mageren Ärmchen umschlang er den Hals des Kerls. Bevor ich auch nur blinzeln konnte, kam er dem Gesicht des Soldaten ganz nah, fast wie ein durchgeknallter Liebhaber, und biss dem Mann ins Ohr - ein heftiger, reißender Biss.

Der Soldat schrie auf. Es war ein schriller Schrei, wie der von einem kleinen Jungen. Taumelnd wich der Uniformträger vor mir zurück, schlug nach Remy. Ich lächelte und dachte bei mir: Gut gemacht, mein Junge.

Ich richtete mich auf, drehte den Shredder, der immer noch vor mir hing. Ich fühlte mich prima. Ich verlor nicht einmal das Gleichgewicht, als der Truck unter mir schlingerte und ruckte. Die Ladeanzeige der Waffe glomm in einem dumpfen Rot: ein volles Magazin. Aber ich wollte den Wachmann nicht in einen feinen roten Nebel verwandeln, selbst wenn Remy sich irgendwie in Sicherheit hätte bringen können. Dieser Mann hier machte doch auch bloß seinen Job. Ich schluckte einen gefrorenen Klumpen aus Übelkeit und Schmerz in meinen Magen hinunter, wirbelte die Waffe herum und packte sie mit beiden Händen am Lauf. Ihr Schulterstück war ein bisschen arg schwer. Aber ich brauchte ja auch keine gute Waffe. Ich musste den Soldaten nur vom Track stoßen, damit er hinter uns in der Nacht einfach verschwände.

Remy gab nicht so leicht auf. Das Frontschwein hielt den Jungen jetzt mit beiden Händen am Kopf fest, versuchte ihn von sich zu reißen. Remy aber ließ einfach nicht los. Ich trat drei Schritte vor und holte mit dem Shredder aus. Gerade als ich in Reichweite kam, bekam der Wachmann Remy richtig zu packen und riss ihn von sich. Remy rutschte über den glatten Metallboden und prallte schließlich gegen die Fahrerkabine.

Ich schwang die Waffe. Doch der Wachmann hob schützend den Arm, schneller als ich das jemals für möglich gehalten hätte. Er fing den Schlag ab. Es fühlte sich an, als hätte ich mit Schwung gegen einen schweren Eisenträger geschlagen. Heftig riss der Soldat an der Waffe. Ich überließ sie ihm, sprang dabei vor und wendete seinen eigenen Trick gegen ihn an: Ich umklammerte seinen Hals und klemmte die Waffe dabei zwischen uns ein. Dieses Mal drückte ich mit aller Kraft zu.

»Tut mir leid, Kumpel«, keuchte ich, plötzlich sehr erschöpft, »die Army ist einfach nichts für mich.«

Er grinste mich an, und in diesem Augenblick verliebte ich mich fast in den Mistkerl. »Scheiße, Mann, ich kann's dir nicht mal verübeln. Wenn mich Wa Belling verarscht hätte, würde ich auch machen, dass ich von diesem Truck runterkäme.«

Ich erstarrte. »Was?«

Das Frontschwein nickte. »Hat mir mein Vorgesetzter erzählt. Du hast den Preis echt in Rekordhöhen getrieben. Wenn ein beschissener Revolverheld wie Belling es auf mich abgesehen hätte, würde ich auch lügen, stehlen und betrügen, bloß um wegzukommen. Ich habe Geschichten über den gehört - der steht auf sämtlichen Listen von Personen, auf die wir aufpassen sollen. Es gibt sogar einen Dauerbefehl, einen 909er - wenn wir den Kerl in die Finger bekommen, wird er sofort erschossen.«

Einen Moment lang war ich regelrecht entrüstet. Wa Belling. Er war eines der Gründungsmitglieder der Dúnmharú, klar, einer der ersten echt harten Burschen. Aber er war auch einer meiner ganz persönlichen Fehler gewesen. Er hatte mich in London verarscht, damals bei dieser Squalor-Sache. Damals hatte er behauptet, er sei Canny Orel, der berühmteste Revolverheld aller Zeiten. Er hatte Leute umgebracht, obwohl ich ihn angewiesen hatte, es nicht zu tun. Dann hatte er in New York so getan, als stünde er auf meiner Seite. Zusammen mit mir hatte er Cops umgebracht, weil ich damals dachte, das könnte vielleicht einen Unterschied machen. Aber als die Seuche tobte, nachdem ein Wahnsinniger eine Billion Nanobots auf die Welt losgelassen hatte, da hatte Wa Belling mich verraten und verkauft. Dank Bellings Hilfe war ich der Indexpatient gewesen.

Seitdem hatte ich Belling nicht mehr gesehen. Ungeduldig hatte ich in Chengara abgewartet und wurde dabei von seinem Boss verarscht: Canny Orel - alias Michaleen Garda, der in diesem Knast mein allerbester Kumpel gewesen war. Er hatte mich angelogen und ausgenutzt und mich dann, nachdem er mich so richtig gründlich verarscht hatte, auch noch in diesem Scheiß-Loch von einem Gefängnis zurückgelassen. Die letzten sechs Monate hatte ich damit verbracht, meine Rache an Michaleen zu planen. Aber Belling … Belling wäre ein guter Anfang. Wa Belling hatte mich gottverdammte Jahre lang zum Narren gehalten. Warum also nicht?

»Wenn es einen Dauerbefehl gibt, ihn zu erschießen«, fragte ich, »wie kann er dann Geschäfte mit euch machen?«

Der Wachmann fletschte die Zähne. »Mein Vorgesetzter macht mit jedem Geschäfte, der den Preis zahlen kann«, spie er aus. »Selbst wenn Dick Marin persönlich ihm ein Angebot unterbreiten würde, würde mein Vorgesetzter für die entsprechenden Arrangements sorgen. Anners ist echt ein Schwein.«

Seine Empörung war wirklich rührend! Dieser Bursche hier war richtig von der Sache überzeugt, für die er kämpfte - ein echter Gläubiger. Von solchen Typen gab es im System viel mehr, als ich mir je hatte träumen lassen. Ich wich ein Stück weit vor dem Wachmann zurück. Wir starrten einander an, und plötzlich runzelte der Soldat die Stirn. Ich streckte ihm den Shredder entgegen.

»Hier«, sagte ich, »nennen wir es ein Unentschieden.«

Wieder starrte mich der Soldat an. Die untere Hälfte seines Gesichts war eine blutverkrustete Maske. Erst lagen seine Hände nur ganz schlaff auf dem Shredder. Dann aber packte er fester zu und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Einen Moment lang musterte er mich eingehend. Schließlich lächelte er. Fast war ich schon überzeugt, er hätte kapiert, worum es ging. Oder vielleicht war er einfach nur erleichtert, tatsächlich sämtliche Personen abliefern zu können, die man ihm anvertraut hatte.

»Dann setz dich endlich hin, verdammt!«, sagte er vorsichtig, blickte mich noch einmal scharf an und aktivierte endlich doch noch das Gewehr. Der Wind trieb das ekelhafte Heulen der Waffe fort, sodass es kaum zu hören war.

Wa Belling. Ich drehte mich um und setzte mich wieder hin. Mit Belling hatte ich noch deutlich mehr als nur ein Hühnchen zu rupfen. Wenn mich der Truck näher an diesen Dreckskerl heranbrachte, dann: scheiß drauf! Ich würde mich eben bis zu Belling fahren lassen und ihm beizeiten meine Faust so tief in den Arsch rammen, wie es eben ging.

Ich setzte mich, und die beiden Gestalten links und rechts von mir versuchten, so weit wie möglich von mir abzurücken. Ich blickte mich um und sah Remy, der immer noch vor der Fahrerkabine lag. Er starrte mich an. Ich schaute kurz zu ihm und wandte dann den Blick ab. Das Blut schoss mir ins Gesicht.

»Klappe, Kleiner«, flüsterte ich, »ich arbeite dran.«

II

Wir bringen alles wieder in Ordnung, Mr. Cates

Wieder wurde ich einen Korridor hinuntergerollt. Furcht brodelte in meinen Eingeweiden - aber nur auf kleiner Flamme. Wenn ich irgendwann doch würde sterben müssen, würde mein Leben vor meinen Augen vorbeiziehen: Ich bekäme hauptsächlich Szenen zu sehen, in denen ich, auf irgendein Gefährt mit Rädern festgeschnallt, von einer Hölle in die nächste transportiert wurde. Ich erinnerte mich daran, wie man mich in die Westminster Abbey eingeschleust hatte, um mich um Squalor und seine Cyber-Kirche zu kümmern. Damals war ich eigentlich so etwas wie tot gewesen und hatte Höllenqualen gelitten. Ich erinnerte mich daran, während der Seuche von Hense und ihrem Trupp wie ein Gepäckstück durch die Gegend verfrachtet worden zu sein. Ich erinnerte mich, wie mich diese deutsche Schlampe in die Labors gefahren hatte, in denen man dann mein Gehirn hatte leer saugen wollen. In den Labors von Chengara wurden die Gehirne auf Festplatten gespeichert. Und jetzt war ich hier - immerhin stand ich dieses Mal wenigstens aufrecht -, so straff an eine Sackkarre gezurrt, dass meine Hände und Füße schon ganz taub waren. Mein blödes Bein, zuvorkommend wie immer, schickte mir den vertrauten Schmerz tief durch sämtliche meiner Knochen. Ich verspürte das übermächtige Bedürfnis, mein Gewicht zu verlagern. Es fühlte sich an, als hätte ich Ameisen unter der Haut, die sich allmählich durch sämtliche Nerven hindurchfraßen.

Avery Cates, der Grooche und Chreckliche, dachte ich. Der wäre wirklich ein richtig Furcht erregender Bursche, wäre er nicht dauernd zusammengeschnürt wie ein Rollbraten.

›Korridor‹ war eigentlich nicht das richtige Wort: Die Wände hier bestanden aus Segeltuch. Bei dem Segeltuch handelte es sich um die Außenwände großer Zelte, die man im Abstand von weniger als zwei Metern nebeneinander errichtet hatte. Darüber hatte man weitere Planen aus Segeltuch als Decke gespannt; der Boden bestand aus groben Holzplanken. Die Armee des Systems Konföderierter Nationen war eine mobile Truppe, die keine festen Stützpunkte hatte. Selbst deren Rechen- und Rekrutierungszentrum war darauf ausgelegt, innerhalb weniger Stunden eingerollt, weggepackt und fortgeschafft zu werden. Der Chauffeur meines äußerst unbequemen Fahrzeugs war ein magerer, sonnengebräunter Bursche namens Umali. Er war Corporal und verlas gerade einen Bericht, der auf Daten basierte, die man über mich erhalten hatte, während ich bewusstlos gewesen war. Mein neuer Freund, der bleicheste Mann der Welt, trat zielstrebig zu uns.

»… aber ich würde sagen ungefähr fünfzig, wenn man sich seine allgemeine Konstitution und die Ergebnisse der Belastungstests an Knochen und Bändern anschaut. Schauen wir doch mal: überdurchschnittliche Reflexe, ausgezeichneter Muskelaufbau, ausgezeichnetes Sehvermögen bei Tageslicht, allerdings entwickelt sich in Folge von Alterserscheinungen allmählich eine gewisse Nachtblindheit. Zahlreiche Narben an … ach, eigentlich überall, auch wenn man bei normaler Beleuchtung nur recht wenige davon sieht. Dazu gehören auch die üblichen Seuchen-Narben an Hals und Brustkorb. Der Mann ist also ein echter Überlebenskünstler. Seine Zähne sind ein einziger Albtraum. Mehrere fehlen ganz, die restlichen befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Guter Gleichgewichtssinn, überdurchschnittlicher IQ, ein geringfügiges Stoffwechselungleichgewicht, das allerdings natürlichen Ursprungs zu sein scheint und wahrscheinlich kein allzu großes Problem darstellt, außer was die Beherrschung und das Sozialverhalten angeht.«

Ich konnte den Kopf nicht bewegen. Deswegen rollte ich nur mit den Augen und versuchte, mir die beiden genauer anzusehen. Meine Hände zuckten, als ich versuchte, meine Arme freizubekommen, um diesem mageren Dreckskerl da eine Lektion in Höflichkeit zu erteilen.

»Das hier hingegen ist interessant: Er hat eine Narbe am Hinterkopf, die charakteristisch ist für ein AV-79-Verfahren.«

Ich rollte die Augen rechtzeitig zu dem Offizier hinüber, um zu erkennen, wie er mich stirnrunzelnd anblickte. »Was?«

»Völlig unverkennbar. Aber er kann das Verfahren natürlich unmöglich vollständig durchlaufen haben.«

Noch einige Momente starrte mich der Offizier an, dann blickte er wieder geradeaus. »Nicht unbedingt. Ganz oben heißt es, sie hätten neue Präparationsverfahren für die Avatare entwickelt - dieses Mal nicht tödlich. Aber sie bringen die armen Schweine nach Abschluss der Präparation wohl trotzdem um. So jedenfalls geht das Gerücht.«

Umali räusperte sich. »Na, gut. Also, schauen wir mal … seine Hirnfunktionen sind sehr ungewöhnlich, und das könnte sich darauf zurückführen lassen. Die Ergebnisse gehen über alles bisher Bekannte hinaus, obwohl er auf der Amblen-Skala völlig normale Werte liefert. Aber bei jedem anderen Test reicht die Anzeige überhaupt nicht mehr aus.«

»Aber 'n Krüppel isser nich'?«, fragte der Offizier nach. Es klang, als zerkaue er seine Silben und spie sie dann nach und nach aus. »Er is' ein-satz-be-reit?«

»Oh ja.« Umali schien recht zufrieden, das bestätigen zu können. Er sprach mit sanfter, leiser Stimme und klang überhaupt nicht nach jemandem, den ich in den Reihen der Army erwartet hätte. »Trotz des widrigen äußeren Anscheins ist er völlig normal. Aber seine Hirnwellen sind äußerst ungewöhnlich. Wir sollten damit rechnen, dass er auf Erweiterungen in unerwarteter Art und Weise reagiert, und …«

»Wen interessiert das schon?« Allmählich hatte ich mich an den Akzent des Offiziers gewöhnt und verstand ihn deutlich besser. Also konnte ich auch rascher verarbeiten, was ich hörte. »In ein paar Stunden ist er nicht mehr unser Problem.«

»Ja.« Umali klang zwar verärgert, doch nach kurzem Schweigen setzte er seinen Bericht fort. »Was seinen Hintergrund angeht: Über ihn bestehen mehrere Dutzend Einträge in den SSD-Datenbanken. Einige haben eine sehr hohe Sicherheitseinstufung erhalten. Auf diverse andere können wir nicht einmal physisch zugreifen, weil sie sich überhaupt nicht im Intranet des SSD befinden. Da sind bloß Verweise auf einen Server, der anscheinend bewusst off-line gehalten wird. Gesessen hat er nur zweimal, einmal davon allerdings in Chengara. Vielleicht hat man da an seinem Gehirn herumgepfuscht.« Umali rasselte den Rest der Ergebnisse nur noch herunter. Offenbar waren wir beim Infoberg am steilen Gefälle abnehmender Bedeutung angekommen. »Schauen wir mal … eine ganze Menge Yen auf diversen gesicherten Konten - ist aber heutzutage nicht mehr viel wert. Abgesehen davon finde ich praktisch überhaupt nichts über ihn. Keine Unterlagen über irgendwelche Arbeitsverhältnisse, keine Einträge in alten Aufzeichnungen des Einheitsrates, überhaupt nichts.«

»Natürlich nicht«, versetzte der Offizier. »Dieser Mann ist ein Krimineller. Interessant ist doch bloß, dass jemand seinen Kadaver haben will, kapiert?«

»Jawohl, Sir.« Umali schien nicht überzeugt. Ich versuchte mich zu entspannen und den Moment abzuwarten, in dem die mir die Fesseln lösten und mir tatsächlich wieder Möglichkeiten offenstünden - welcher Art auch immer.

Wir kamen um eine Ecke und näherten uns einer Art Durchschlupfmöglichkeit, Tür wäre zu viel gesagt: Die Zeltbahnen hatte man zweckdienlicherweise vom Boden bis zur so genannten Decke eingeschnitten. Davor stand eine kleine, dunkelhäutige Frau. Sie trug die vielleicht teuerste Kleidung, die ich jemals gesehen hatte. Leuchtend grün. Der Stoff schimmerte und waberte, als sie sich bewegte, und im Gegensatz zu ihrer dunklen Haut wirkte das Ganze wie ein kontrolliert loderndes Feuer, ständig in Bewegung. Ihr Gesicht war breit und erstaunlich flach, ihre Haut makellos. Ihr Haar passte perfekt zu ihrer Kleidung, ein helles, Übelkeit erregendes Grün. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie eine Erweiterung hatte, die ihr gestattete, ihre Haarfarbe ganz nach Wunsch an ihre jeweilige Kleiderfarbe anzupassen.

Ihre Augen hingegen waren von einem hell leuchtenden Blau - eine drahtlose Daten-Erweiterung. So etwas hatte ich schon früher gesehen, allerdings nicht allzu oft. Diese Erweiterung gestattete der Frau, sich jederzeit mit jedem zur Verfügung stehenden Netz zu verbinden und eine direkte Datenübertragung einzuleiten.

»Colonel«, sagte sie mit einem interessanten Akzent - als hätte sie einen kleinen Kieselstein im Mund, der sie zwinge, jeden Vokal ein bisschen zu sehr zu runden.

Der Offizier machte eine abwehrende Handbewegung. »Nicht jetzt, Mardea, verdammt noch mal«, grollte er. »Wenn Sie einen ganzen Text loswerden wollen, dann warten Sie gefälligst 'ne Minute!«

Wieder öffnete die Frau den Mund. Dann aber überlegte sie es sich anders und nickte. »Sehr wohl, Colonel. Ich kann warten, bis es Ihnen genehm ist.«

Sie wandte sich um und ging mit großen Schritten davon. Sie hatte an ihrem Mantel keine ID-Kennung und kein Rangabzeichen gehabt. Sie schien allerdings weder sonderlich besorgt, hier zu sein, noch irgendwie fehl am Platze. Einen Moment lang schauten wir drei ihr nur hinterher, wie sie mit auffallend rhythmischen Bewegungen fortging. Wahrscheinlich ging uns allen dreien in diesem Moment die gleiche Sexfantasie durch den Kopf. Dann stieß der Offizier einen Grunzlaut aus, und ich wurde durch den Schlitz hindurch in ein benachbartes Zelt geschoben, in dem ein billig aussehender Plastiktisch und ein paar Stühle aufgestellt waren. Ein großer Wasserkrug stand auf dem Tisch, umringt von einer ganzen Schar Metallbecher. Mein Blick fiel darauf und konnte sich nicht mehr lösen. Mein Mund war plötzlich so trocken wie eine mittelgroße Wüste.

Umali fuhr mich bis an den Tisch heran und sorgte dafür, dass mein Gefährt weder umfallen noch wegrollen konnte. Dann trat er hinter den Colonel. Ich konnte ihn daher nur noch aus dem Augenwinkel sehen. Umali war vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt; in seiner schlichten schwarzen Uniform schien er nur aus Sehnen und militärischer Haltung zu bestehen - wobei Letztere ihm gewiss gewaltige Rückenschmerzen einbrachte. Seine Nase war breit, seine Augen wirkten verschlafen, sodass er zugleich begriffsstutzig und gleichgültig wirkte. Der Offizier war genau der, dem ich auch schon bei meiner Zwangsrekrutierung kurz begegnet war. Er lümmelte sich in einen Stuhl und blätterte mit ungeduldigen, fahrigen Gesten eine digitale Akte durch. Im Licht der kleinen Lampe, die wackelig an der Zeltstange in der Mitte des Zelts befestigt war, wirkte sein Haar silbrig, seine Nase sehr lang und dünn. Sie war nach unten gebogen, wies dabei aber ein wenig nach links. Sie erinnerte eindeutig an den Schnabel eines richtig alten Vogels.

Ich blickte von dem Offizier zum Wasserkrug hinüber und wieder zurück.

»Also gut, Mr. … Cates«, sagte er schließlich, warf das Elektronik-Papier auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Wie fühlt man sich denn so in der größten Armee der Menschheitsgesichte?«

Einige Sekunden lang starrten wir einander an. Dann schloss der Offizier plötzlich die Augen und verzog vor Zorn das Gesicht. Umali sprang auf, als hätte man ihn gezwickt, und kam zu mir herübergelaufen. Mit einer geschickten Handbewegung löste er den Kinnriemen, der mir den Mund verschlossen hatte, und eilte dann wieder zu seinem Platz hinter dem Offizier zurück, bevor dieser noch die Augen geöffnet hatte.

»Danke. Mr. Cates, ich bin Colonel Malkem Anners. Wir werden uns jetzt ein bisschen unterhalten.«

Wenn man hilflos ist, ist es immer eine gute Vorgehensweise, leere Drohungen auszustoßen. Kurzfristig amüsiert das jeden Beteiligten, und wenn man jemals dazu kommt, sie in die Tat umzusetzen, wirkt man gleich wie der gefährlichste Mistkerl, den man sich nur vorstellen kann. Ich leckte mir über die Lippen. »Ich will Ihnen mal was sagen, Colonel. Geben Sie mir einen Becher Wasser, und ich werde das begünstigend berücksichtigen, wenn ich wiederkomme, um Sie fertigzumachen.«

Sofort lächelte Anners. »Verdammt, 'türlich können Sie was zu trinken kriegen.« Augenblicklich trat Umali wieder an Anners vorbei, goss Wasser in einen der Becher und kam zu mir herüber. Geschickt hielt er mir den Becher an die Lippen und neigte ihn dabei in einer Bewegung, die reichlich Übung verriet. Kühles, sauberes Wasser strömte in meinen Mund, dass es eine wahre Freude war. Nach einigen Sekunden nahm Umali den Becher zurück, stellte ihn vor mir auf den Tisch und nahm erneut seine gewohnte Position ein. Ich blickte auf und bemerkte, dass Anners mich aufmerksam musterte.

»Ich bin ein vernünftiger Mann, Mr. Cates. Die SFNA züchtet vernünftige Männer. Die SFNA will keine Roboter oder Avatare oder Männer, die sich nicht trauen auszusprechen, was sie denken. Die SFNA legte es auf Intelligenz, Mitgefühl und Führungsstärke an.«

Ich konzentrierte mich sehr heftig und kam zu meinem eigenen Entsetzen zu dem Schluss, dass Colonel Anners das völlig ernst meinte.

»Und jetzt haben Sie sich entschieden - so wie es jeder gute Bürger des Systems Konföderierter Nationen getan hätte -, sich freiwillig für meine Fronteinheit zu melden. Das spricht sehr für Sie, Mr. Cates, und die ganze Welt ist Ihnen dafür dankbar.« Er beugte sich vor und tippte mit einem schwieligen Finger auf den Tisch. »Wir bringen alles wieder in Ordnung, Mr. Cates. Wir werden dieses digitale Arschloch und seine Spielzeug-Cops in den gottverdammten Ozean treiben, Mr. Cates. Und Sie haben sich dafür entschieden, Teil dieser glorreichen Bemühungen zu sein. Zu diesem Entschluss gratuliere ich Ihnen.«

Ich wollte etwas sagen. Ich wollte ihm sagen, er könne sich doch bitte schön ins Knie ficken. Aber ich konnte es einfach nicht. Dieser Mann war wirklich faszinierend.

Er lehnte sich zurück, legte sich einen Finger ans Kinn und nahm so die klassische Denkerpose ein. »Auch Ihr Timing ist ziemlich gut, Cates. Ich ziehe hier Truppen für einen größeren Einsatz in Hong Kong zusammen. Dort soll ein bisschen Rabatz gemacht werden, und Sie werden unmittelbar an der Front dabei sein und sich auf diese Silicium-Dreckskerle stürzen.«

Ich zwang meinen Mund, sich in Bewegung zu setzen. »Klingt nach viel Spaß. Kugeln abfangen, damit Sie und Ihre tollen Jungs nichts abbekommen.«

Der Colonel verzog das Gesicht und schwieg einen Moment. Plötzlich flatterte die äußere Zeltklappe auf, und eine vierte Person trat ein, bückte sich dabei unter dem niedrigen Eingang hindurch. Es war eine sehr hochgewachsene Frau mit breiten Schultern, kaffeebrauner Haut und einer sonderbaren Frisur: Ihr schwarzes, drahtartiges Haar sah aus, als wäre es explodiert und hing nun wie eine Gewitterwolke über ihrem Kopf. Sie trug die gleiche schwarze Uniform wie Umali. Aber an den breiten Aufschlägen ihres Mantels prangten zwei kleine silberne Sterne. Ihr Gesicht war rund, und sie wirkte sehr jung mit ihren Pausbäckchen und großen, weit aufgerissenen Augen, die irgendwie Abscheu verrieten.

Ich blickte zum Colonel hinüber und stellte fest, dass er aufgesprungen war und Haltung angenommen hatte. Ich hingegen fragte mich, ob die Frau bloß ein weiteres Arschloch war, das vorbeikam, um mir noch ein paar Stunden lang in die Eier zu treten, einfach so zum Spaß.

»Setzen Sie sich, Anners!«, fauchte die Frau und deutete kurz auf den Colonel. »Ich hoffe, ich störe nicht gerade.«

Anners entspannte sich sichtlich und ließ sich wieder in den Stuhl fallen. »Nein, selbstverständlich nicht. Ich halte nur gerade die nach der Rekrutierung übliche Besprechung ab.« Sein Akzent war so schlagartig verschwunden, dass ich mich ernstlich fragte, für welche der beiden Sprechweisen er sich denn nun eigentlich verstellen müsse.

Fragend wölbte die Frau eine Augenbraue. »Halten Sie alle diese Besprechungen immer persönlich ab?«

Während sie das fragte, streckte sie die Hand nach dem Wasserkrug aus, und zusammen mit einem der Becher hob er von der Tischplatte ab. Ich schaute zu, wie sie quer durch den Raum auf die Frau zuschwebten. Eine Psionikerin, dachte ich. Telekinese.

Leise hörte ich in meinem Schädel die Stimme von Dolores Salgado. Wir haben die ganze Army so strukturiert: ein politischer Verbindungsmann für jede Einheit. Dieser Verbindungsmann ist mit gewissen Befugnissen ausgestattet, notfalls auch dem kommandierenden Offizier Befehle zu erteilen. So haben wir alles weiterhin fest im Griff. Und es hält Offiziere davon ab, zu denken, das wären wirklich ihre Einheiten.

Ich blinzelte kurz, um Salgado aus meinem Hirn zu vertreiben. Ich hatte eine ganze Ladung an Gespenstern abbekommen - die digitalisierten Gehirne verschiedener Personen -, als man versucht hatte, mich in der Strafvollzugsanstalt Chengara in einen Avatar umzuwandeln. Die meisten Gespenster war ich mittlerweile losgeworden. Aber die drei Leute, denen ich im echten Leben wenigstens einmal über den Weg gelaufen war, waren mir geblieben. Salgado war eine Unterstaatssekretärin des Systems gewesen, und sie kannte immer noch einige Geheimnisse. Ich wünschte mir sehnlichst, die drei blinden Passagiere in meinem Verstand würden zur Hölle fahren. Aber bislang schienen sie mehr oder minder permanent zu sein - wie ein Hirnschaden eben.

Anners zuckte mit den Schultern. »Ein paar suche ich mir aus, Millar. Diese Leute hier werden unter meiner Fuchtel aktiv sein. Umie hier überprüft sie alle, und auf die interessantesten Fälle macht er mich dann aufmerksam.«

Umali schenkte Millar ein leicht kränklich wirkendes Lächeln, als die Frau nach dem Wasserkrug griff, sich eingoss und den Krug dann zum Tisch zurückschweben ließ. »Fein«, sagte sie, wandte sich ab, duckte sich erneut unter der Zeltklappe hindurch und verschwand.

»Scheiße, ich hasse diese gottverdammten Spooks!« Kaum hörbar atmete Anners tief durch, und wie von Zauberhand war sein Akzent wieder da. Wir beide blickten einander an, und er wölbte eine blasse Augenbraue. »Na, da habe ich jetzt doch glatt eine Vorgesetzte angelogen, Mr. Cates! Ich rede nur mit den wertvollen Leuten, die meiner geliebten Army beitreten.« Er lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, seine zweifarbigen Augen fest auf mich gerichtet. Ich fragte mich, was seine Erweiterung ihn wohl Neues sehen ließ: ob er vielleicht meine Körperwärme wahrnehmen konnte oder ob er die Gespenster in meinem Kopf erkannte, die mich nach und nach aushöhlten. Oder ob er vielleicht den dumpfen Schmerz in meinem Bein sah? »Manche Leute wissen die Army einfach nicht zu schätzen, wissen'se?

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