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Die Carltons - Liebe findet ihren Weg

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Richard Carlton machte über Handy drei geschäftliche Telefonate und warf ungeduldig einen Blick auf die Wanduhr des Restaurants Old Town Alexandria. Danach erledigte er zwei weitere Anrufe und sah auf seine Armbanduhr. Langsam wurde er ärgerlich.

Weitere fünf Minuten, und er würde von hier verschwinden. Schließlich war er lediglich hier, um Tante Destiny einen Gefallen zu erweisen. Er hatte ihr versprochen, einer angeblich hervorragenden Marketing-Beraterin die Chance zu geben, trotz ihrer noch mangelnden Erfahrung eine weltweite Werbekampagne für das Familienunternehmen auszuarbeiten.

Er selbst suchte jemanden für seinen ersten Wahlkampf, doch die betreffende Person sollte eigentlich über mehr Erfahrung verfügen. Seine Tante war allerdings höchst überzeugend, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

“Triff dich mit der Frau, iss nett mit ihr und gib ihr Gelegenheit, dich zu verkaufen”, hatte Tante Destiny wie beiläufig gesagt, aber ihre Augen hatten dabei verdächtig gefunkelt. “Schließlich ist auf Erden niemand schwerer zu verkaufen als du, oder?”

“Schmeichlerin”, hatte Richard trocken erwidert.

Daraufhin tätschelte sie ihm die Wange, als wäre er noch zwölf Jahre alt. “Aber nein, mein Lieber, ganz und gar nicht.”

Destiny Carlton stellte die treibende Kraft seiner Kindheit dar. Eine solche Tante gab es bestimmt kein zweites Mal. Vierundzwanzig Stunden nach dem Flugzeugabsturz, bei dem seine Eltern umgekommen waren, war sie in sein Leben getreten. Damals war er zwölf gewesen.

Destiny war die ältere Schwester seines Vaters. Bis zu dem Unglück war sie herumgezogen, hatte sich mit diversen Prinzen gezeigt, in Monaco die Spielbank unsicher gemacht, war in den Schweizer Alpen Ski gelaufen und hatte sich schließlich in Frankreich niedergelassen. Dort hatte sie in einem Bauernhaus zu malen begonnen und ihre Werke sogar in einer kleinen Galerie in Paris verkauft. Man konnte sie durchaus als exotisch und exzentrisch bezeichnen, und mit ihr erlebten Richard und seine jüngeren Brüder mehr Spaß, als sie je zuvor gehabt hatten.

Eine selbstsüchtige Frau hätte die Jungen nach Frankreich mitgenommen und ihr Leben einfach fortgesetzt. Nicht so jedoch Destiny. Mit der ihr üblichen Begeisterung hatte sie sich in die ungewohnte Mutterrolle gestürzt und das bis dahin so wohlgeordnete Leben der Jungen in ein abenteuerliches Chaos verwandelt. Gleichzeitig konnten die drei Kinder sich der Liebe ihrer verrückten Tante immer sicher sein.

Und die Brüder hingen an Destiny, selbst wenn diese manchmal geradezu unerträglich war. Das galt besonders für die letzte Zeit, da sie auf die Idee gekommen war, die Jungs müssten endlich eine eigene Familie gründen. Zu ihrer größten Enttäuschung hatten Mack und Ben sich bisher ihrem Drängen erfolgreich widersetzt.

Trotz Destinys beachtlichem Einfluss hatte Richard sich stets eisern an die strengen Grundsätze seines Vaters gehalten. Arbeite hart, dann hast du auch Erfolg! Sei jemand! Das war ihm von klein auf eingeschärft worden.

Schon im zarten Alter von zwölf Jahren hatte er die Last der Verantwortung für Carlton Industries auf seinen schmalen Schultern gespürt. Zwar führte seit dem Tod seines Vaters ein Außenstehender die Firma, doch für Richard hatte nie ein Zweifel daran bestanden, dass er einst das Ruder übernehmen würde. Auch für seine Brüder hätte sich ein passender Platz in der Firma gefunden, doch keiner der beiden hatte jemals auch nur das geringste Interesse daran gezeigt.

Während seine Brüder früher nach der Schule zu Hause gespielt hatten, war Richard fast täglich in das historische Gebäude gegangen, in dem die Firmenbüros untergebracht waren. Destiny hatte sich bemüht, ihm Romane jeglicher Stilrichtung schmackhaft zu machen, die Geschäftsbücher waren ihm jedoch lieber gewesen. Endlose Zahlenreihen hatten ihm stets riesigen Spaß gemacht, ohne dass er hätte erklären können, warum. Selbst heute noch verstand er geschäftliche Vorgänge im Grunde besser als Menschen.

Mit dreiundzwanzig und nach Abschluss seines Studiums übernahm er dann die Firmenleitung. Das wunderte niemanden, da Richard seit dem Tod seines Vaters ohnedies mit seinem sicheren geschäftlichen Instinkt überall Eindruck gemacht hatte.

Inzwischen, mittlerweile zweiunddreißig Jahre alt, hatte er die Firma auf jenen Kurs gebracht, den auch sein Vater eingeschlagen hätte. Er hatte manche Firma aufgekauft und mehrere Übernahmen durchgeführt. Er war jung, erfolgreich und einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt.

Seine persönlichen Beziehungen waren jedoch immer nur von kurzer Dauer gewesen, weil die Frauen stets schnell merkten, dass sie nach dem Familienunternehmen erst an zweiter Stelle standen. Die letzte Freundin hatte ihn einen kalten und gefühllosen Mistkerl genannt. Er hatte nicht widersprochen, weil er ihr insgeheim recht gab. Menschen enttäuschten ihn, der Beruf jedoch nie, und er bevorzugte das Zuverlässige.

Wegen des fehlenden Erfolgs im Privatleben hatte er sich in jüngster Zeit anderen Dingen zugewandt. So wollte er in die Politik gehen und sich für den Stadtrat von Alexandria bewerben. Sein Vater hatte von seinen Söhnen erwartet, dass sie nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern auch in der Politik Macht und Einfluss anstrebten. Ein PR-Manager sollte helfen, für Richard ein geeignetes Image aufzubauen und seinen Namen bekannt zu machen.

Richard hatte einen Zeitplan – nein, eigentlich war es der Zeitplan, den bereits sein Vater aufgestellt hatte. Es gefiel ihm, schon jetzt genau zu wissen, wie alles in zehn, zwanzig und sogar dreißig Jahren laufen würde.

Und für jemanden mit einer dermaßen genauen Planung war es höchst ärgerlich, dass er nun schon zwanzig Minuten auf eine Frau wartete. Ungeduldig schnippte er mit den Fingern.

Der Oberkellner erschien sofort an seinem Tisch. “Sie wünschen, Mr. Carlton?”

“Setzen Sie den Kaffee bitte auf die Sammelrechnung, Donald. Mein Gast ist noch nicht hier, und ich habe einen Termin im Büro.”

“Der Kaffee geht aufs Haus, Sir. Soll Ihnen der Küchenchef einen Salat einpacken?”

“Nein, danke.”

“Möchten Sie Ihren Mantel?”

“Ich bin ohne gekommen.”

“Dann lassen Sie mich wenigstens ein Taxi für Sie rufen. Es hat heftig zu schneien begonnen, und die Straßen sind glatt. Vielleicht verspätet sich Ihr Gast deshalb.”

Richard interessierte sich nicht für die Gründe der Verspätung. “Wenn das Wetter wirklich so schlecht ist, bin ich zu Fuß schneller im Büro, als ein Taxi hier wäre. Trotzdem vielen Dank, Donald. Und falls Ms. Hart doch noch hier auftauchen sollte, sagen Sie ihr …”

Er verstummte, weil er doch besser nicht aussprach, was ihm gerade durch den Kopf ging. Es wäre seiner Tante auf jeden Fall zu Ohren gekommen, weil die wiederum zu Donalds bevorzugten Gästen gehörte. Er selbst fand zwar, dass er sich Destinys junger Freundin gegenüber richtig verhielt, doch seine Tante mochte das durchaus anders sehen.

“Sagen Sie ihr einfach, ich musste fort.”

“Ja, Sir.”

Kaum dass er allerdings die Eingangstür des Restaurants öffnete und auf den glatten Bürgersteig hinaustrat, prallte jemand mit voller Wucht gegen ihn. Hätte er sich nicht an der Tür festgehalten, hätte er im nächsten Moment auf dem Boden gelegen.

Der Frau, die mit ihm zusammengestoßen war, rutschen die Füße weg. Entsetzt starrte sie ihn aus weit aufgerissenen braunen Augen an, die von langen dunklen Wimpern umrahmt waren. Richard fing die Frau im letzten Moment auf. Obwohl sie wegen der Kälte dick angezogen war, fühlte sie sich zart an, und merkwürdigerweise meldete sich sein Beschützerinstinkt – ein Gefühl, das er bisher nur für seine jüngeren Brüder und seine Tante empfunden hatte. Die meisten Frauen in seinem Leben waren so stark und tüchtig gewesen, dass er nicht den geringsten Wunsch verspürt hatte, sie vor irgendetwas zu beschützen.

Die Unbekannte schloss die Augen, öffnete sie wieder und verzog schmerzlich das Gesicht. “Sagen Sie bitte sofort, dass Sie nicht Richard Carlton sind”, flehte sie und seufzte dann dramatisch. “Aber der sind Sie natürlich. Ihre Tante hat mir ein Foto gezeigt. So läuft das schon den ganzen Tag”, redete sie ohne Pause weiter. “Zuerst erwische ich einen Taxifahrer, der ohne Stadtplan nicht mal die nächste Straßenecke findet, dann bleiben wir hinter einem Müllwagen stecken, und danach schneit es schlimmer als am Nordpol.” Sie sah ihn hoffnungsvoll an. “Sie würden nicht vielleicht wieder hineingehen und sich setzen, damit ich einen besseren Auftritt hinlegen kann?”

Richard seufzte lautlos. “Melanie Hart, nehme ich an.”

“Ich könnte ja so tun, als wäre ich eine andere, und wir vergessen diesen unglücklichen Vorfall”, erwiderte sie. “Dann rufe ich später bei Ihnen im Büro an, entschuldige mich für die Verspätung, vereinbare einen neuen Termin und zeige mich von meiner professionellen Seite.”

“Sie möchten mich tatsächlich belügen?”

“Reine Zeitverschwendung, nicht wahr?”, vermutete sie mit Bedauern in der Stimme. “Ich habe mich schon verraten. Aber ich wusste gleich, dass diese Verabredung zum Mittagessen ein Fehler ist. In einem Konferenzraum mache ich einen viel besseren Eindruck. Vermutlich liegt das an der Umgebung. Die Leute nehmen einen ernster, wenn man Tabellen und Grafiken vorlegt. Das habe ich auch Destiny gesagt, aber sie hat auf dem Mittagessen bestanden. Angeblich wären Sie nicht so schwierig, wenn Sie satt sind.”

“Wie nett von ihr, so über mich zu sprechen.” Richard beschloss, seine Tante ein weiteres Mal – und vergeblich wie immer – zu bitten, nicht mit jedermann über ihn zu reden. Ihre Mitteilungsfreudigkeit würde ihm in einem Wahlkampf sehr schaden.

“Bestimmt sind Sie im Moment nicht satt, stimmt’s?”, vermutete Melanie Hart.

“Nein.”

“Dann sind Sie also schwierig. Gut, ich gehe jetzt ins Restaurant und überlege, wie es mir wohl gelungen ist, das wichtigste Vorstellungsgespräch meines Lebens zu verpatzen.”

“Falls Sie an meiner Meinung interessiert sein sollten, können Sie mich ja anrufen”, bot Richard an und wollte einfach weggehen, doch sie blickte so niedergeschlagen drein, dass er es nicht übers Herz brachte.

Außerdem hatte Destiny behauptet, Melanie Hart wäre sehr tüchtig, und Destiny täuschte sich in solchen Dingen nur selten. Sofern nicht Gefühle ihr Urteilsvermögen beeinträchtigten, zeigte sie sich als ausgezeichnete Menschenkennerin. Richard fürchtete allerdings, dass seine Tante sich in diesem Fall mehr nach ihrem Herzen gerichtet hatte.

Dennoch nahm er Melanie Hart am Arm und führte sie ins Restaurant. “Dreißig Minuten”, erklärte er knapp, während Donald sie beide strahlend zu dem Tisch führte, den Richard eben erst verlassen hatte. Ein frisches Tischtuch lag darauf, und zwischen den Gedecken brannte eine Kerze, die vorhin noch nicht da gewesen war. Donald schien mit seiner Rückkehr gerechnet zu haben und wollte wohl durch etwas Atmosphäre die schlechte Stimmung verbessern. Ganz sicher steckten der Oberkellner und seine Tante unter einer Decke. Wahrscheinlich sogar hatte er Destiny sofort nach dem Aufbruch ihres Neffen telefonisch Bericht erstattet.

Richard sah auf die Uhr, als Donald eine Kaffeekanne brachte. “Noch vierundzwanzig Minuten, Miss Hart. Nutzen Sie die Zeit.”

Melanie griff nach ihrer Aktentasche und stieß dabei ihr Wasserglas um – treffsicher in Richards Schoß.

Er sprang auf, als das kalte Wasser durch den Stoff drang. Der Tag verschlechterte sich von Minute zu Minute.

“Um Himmels willen, das tut mir schrecklich leid!” Melanie stand auf und griff nach einer Serviette, um ihm zu helfen.

Richard war bereit, sie gewähren zu lassen und abzuwarten, wie sie reagierte, wenn sie merkte, wo sie ihn dabei berührte. Sie erkannte jedoch offenbar das Problem und reichte ihm die Serviette.

“Es tut mir leid”, wiederholte sie, während er versuchte, seine Hose etwas zu trocknen. “Ich schwöre Ihnen, dass ich mich normalerweise nicht so ungeschickt anstelle. Nein, wirklich nicht”, beteuerte sie, als er ihr einen skeptischen Blick zuwarf.

“Na, wenn Sie es sagen.”

“Sollten Sie jetzt gehen wollen, verstehe ich das natürlich. Und wenn Sie mir sagen, dass ich Ihnen nie wieder unter die Augen treten soll, verstehe ich das auch.” Sie sah ihn direkt an. “Allerdings würden Sie damit einen schlimmen Fehler begehen.”

Scheu war sie nicht, das musste Richard ihr lassen. “Und weshalb?”, erkundigte er sich, während er vergeblich versuchte, den Stoff seiner Hose trocken zu bekommen.

“Weil ich genau richtig für Sie bin, Mr. Carlton. Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt.”

“Ja, das festzustellen, hatte ich bereits die Ehre”, entgegnete er nüchtern. “Ich habe allerdings nicht an Aufmerksamkeit durch Katastrophen gedacht.”

“Das schaffe ich”, beteuerte sie. “Ich besitze die nötigen Kontakte und bin klug und einfallsreich. Ich weiß genau, wie ich meine Kunden den Medien verkaufen muss. Ich habe sogar schon einen Planungsentwurf für Ihren Wahlkampf sowie für Carlton Industries bei mir.”

Bevor sie erneut nach ihrem Aktenkoffer greifen konnte, rückte Richard das zweite Wasserglas auf dem Tisch außer Reichweite und setzte sich, während sie überall Papiere verteilte. “Ich schätze Ihren Eifer, Miss Hart, ganz bestimmt”, sagte er, sobald sie fertig war, “aber das klappt nicht.” Um ihre Gefühle nicht zu verletzen, ergänzte er: “Ich brauche jemanden mit mehr Erfahrung.”

Er hätte hinzufügen können, dass er jemanden brauchte, der nicht so ungeschickt war. Außerdem war sie eine Frau und er ein Mann, der seit Monaten keinen Sex mehr gehabt hatte. Er brauchte bestimmt keine Mitarbeiterin, die alle möglichen Empfindungen in ihm auslöste, weil so etwas heutzutage unweigerlich zu juristischen Auseinandersetzungen führte.

Seine Reaktion auf Melanie Hart gab ihm zu denken. Innerhalb von – er warf einen Blick auf seine Uhr – von weniger als fünfundzwanzig Minuten hatte er sich über sie geärgert, danach noch mehr geärgert und fühlte sich nun plötzlich zu ihr hingezogen. Zu seiner Erleichterung war die ihr gesetzte Frist fast abgelaufen. “Ihre Zeit ist so gut wie um, Miss Hart. Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg.”

Erneut richtete sie den Blick ihrer Rehaugen mit einem so verwundeten Ausdruck auf ihn, dass ihm ganz flau im Magen wurde. “Sie stoßen mich also von sich?”, fragte sie leise.

Das war unglücklich ausgedrückt, weil Richard sich prompt vorstellte, sie in seinen Armen zu halten. Er sollte schleunigst wieder eine Beziehung eingehen, damit er nicht dermaßen heftig auf unpassende Frauen wie Melanie Hart reagierte.

“So würde ich das nicht ausdrücken”, entgegnete er. “Wir passen einfach nicht zusammen. Und wenn Sie so talentiert sind, wie meine Tante behauptet, werden Sie im Handumdrehen von einer anderen Firma engagiert.”

“Ich habe andere Kunden, Mr. Carlton, und bin ziemlich beschäftigt”, erklärte sie kühl. “Ich wollte für Sie und Carlton Industries arbeiten, weil ich meiner Meinung nach etwas zu bieten habe, worüber Ihre Mitarbeiter nicht verfügen.”

“Und das wäre?”

“Eine neue Perspektive, die das Image Ihrer Firma sowie Ihr persönliches Image auf einen modernen Stand bringt.” Sie erhob sich. “Doch vielleicht irre ich mich, und dieses steife Auftreten entspricht Ihnen exakt.”

Richard starrte ihr nach, während sie hoch erhobenen Hauptes, kerzengerade und mit einem aufreizenden leichten Hüftschwung das Restaurant verließ.

Verdammt, was war bloß mit ihm los? Diese unmögliche Person hatte ihn über den Haufen gerannt, ihn bis auf die Haut durchnässt, nun auch noch heruntergeputzt, und dennoch konnte er den Blick nicht von ihr wenden.

Das eigentliche Problem bestand darin, dass sie beabsichtigte, für ihn zu arbeiten, er sie aber aus völlig irren und unerklärlichen Gründen in seinem Bett haben wollte.

“Und dann habe ich ihm das Wasser in den Schoß gekippt”, berichtete Melanie einige Stunden später, als sie im ehemaligen Familienanwesen der Carltons, wo Destiny Carlton inzwischen allein lebte, mit der Hausherrin einen Drink nahm. “Wenn ich Pech habe, bekommt er eine Lungenentzündung und verklagt mich. Bestimmt finde ich morgen in der Post einen höflichen Brief, in dem er mich abblitzen lässt. Wahrscheinlich hasst er mich so sehr, dass er den Brief schon heute Abend per Boten losschickt, damit ich garantiert nicht morgen in seinem Büro auftauche und womöglich das Gebäude anzünde.”

Destiny lachte herzlich. “Ach, meine Liebe, besser hätte es gar nicht laufen können. Richard ist wirklich viel zu steif und nimmt sich zu ernst. Sie sind genau der frische Wind, den er dringend braucht.”

“Ich glaube allerdings nicht, dass er die Komik der Situation genossen hat”, meinte Melanie bedauernd.

Sie hatte Richard gemocht. Sicher, er gab sich steif und zurückhaltend, doch daran konnte sie arbeiten. Sie würde ihn dazu bringen, mehr zu lächeln. Ein einziges Mal hatte er gelächelt, und dabei hatte sie weiche Knie bekommen. Wenn er es schaffte, freundlich zu gucken, dann würde er sämtliche Wählerinnen in Alexandria für sich gewinnen – und das unabhängig von seinen politischen Ansichten.

Melanie war überzeugt, dass sie Carlton Industries und dem Firmenchef helfen konnte. Auf eine solche Herausforderung hatte sie gewartet, doch nun bekam sie keine Chance. Sie war nicht so erfolgreich, wie sie behauptet hatte, und ein dermaßen wichtiger Auftrag hätte ihre Zukunft gesichert.

“Ich spreche mit ihm und bringe alles in Ordnung”, bot Destiny hilfsbereit an und schenkte Melanie ein aufmunterndes Lächeln.

“Bitte nicht”, wehrte diese ab. “Sie haben schon genug getan und dieses Treffen für mich arrangiert. Ich habe es verpatzt. Vielleicht fällt mir etwas ein, wie ich es noch retten kann.”

“Das schaffen Sie bestimmt”, meinte Destiny und nickte bekräftigend. “In solchen Dingen sind Sie äußerst geschickt. Das habe ich schon bei unserer ersten Begegnung festgestellt.”

“Wir haben uns dadurch kennengelernt, dass ich auf Ihren Wagen aufgefahren bin”, erinnerte Melanie sie.

“Ja, und Sie haben mich auf der Stelle davon überzeugt, dass ich sowieso einen neuen Wagen brauchte. Außerdem haben Sie sofort dafür gesorgt, dass ich in einem Autohaus lande und mir einen schicken kleinen roten Sportwagen zulege. Dabei lasse ich mir sonst nicht leicht etwas einreden”, versicherte Destiny.

“Sie wollten ohnehin einen neuen Wagen”, entgegnete Melanie lachend. “Ich habe Ihnen nur einen Grund geliefert und Sie dann zu einem meiner Kunden geführt, der Ihnen ein gutes Angebot gemacht hat.”

“Aber genau darum geht es doch beim Marketing. Man muss Menschen dazu bringen, sich etwas zu kaufen, das sie schon lange haben wollten, was sie aber bisher nicht wussten. Jetzt müssen Sie bloß meinen Neffen davon überzeugen, dass er … also, dass Carlton Industries ohne Sie nicht leben kann.”

Destinys Versprecher löste bei Melanie Alarm aus. Obwohl ihre Freundin eine harmlose Miene machte, fragte sie: “Destiny, Sie versuchen doch nicht etwa, uns zu verkuppeln?”

“Wer? Ich? Richard verkuppeln? Um Himmels willen, nein! Das wäre reine Energieverschwendung. In Herzensangelegenheiten würde er sich nie nach meinen Ratschlägen richten.”

Das klang ziemlich überzeugend, doch Melanie nahm es ihr trotzdem nicht ganz ab. Destiny Carlton war eine nette, kluge und faszinierende Frau, jedoch auch eindeutig mit allen Wassern gewaschen. Außerdem liebte sie ihre Neffen. Von Anfang an hatte Destiny die drei gelobt und betont, wie gern sie es hätte, ihre Neffen endlich verheiratet zu sehen. Wer weiß, wozu sie fähig war, um da ein wenig nachzuhelfen!

“Ich suche keinen Ehemann”, erklärte Melanie entschieden. “Das wissen Sie doch, oder?”

“Aber Sie suchen einen lohnenden Auftrag. Daran hat sich nichts geändert, stimmt’s?”

“Nein, nichts.”

“Nun”, meinte Destiny fröhlich, “dann überlegen wir uns doch einen Plan. Niemand kennt Richards Schwachpunkte besser als ich.”

“Er hat Schwachpunkte?”, fragte Melanie zweifelnd. Auf sie hatte er energisch, tüchtig und ziemlich eingebildet gewirkt. Von Schwäche hatte sie nichts gemerkt. Dabei war sie darauf geeicht, Schwachstellen zu finden, auf die sich die Medien möglicherweise stürzten, um sie zu korrigieren oder wenigstens zu verbergen.

“Er ist schließlich ein Mann”, erklärte Destiny strahlend. “Alle Männer kann man mit der richtigen Taktik erobern. Habe ich Ihnen schon von dem Herzog erzählt?”

“Der Sie durch ganz Europa verfolgt hat?”

“Nein, Melanie, das war ein Prinz. Der Herzog war die Liebe meines Lebens”, gestand Destiny wehmütig. “Nun ja, das ist Vergangenheit, und daran rührt man besser nicht. Konzentrieren wir uns auf Richard. Etwas mehr als hundert Kilometer von hier steht am Fluss Potomac ein kleines Landhaus. Dort ist es sehr ruhig und friedlich, und ich kann es bestimmt einfädeln, dass Richard das Wochenende dort verbringt.”

Melanie gefiel das nicht sonderlich. “Und weiter?”, fragte sie vorsichtig.

“Dann tauchen Sie auf. Sie bringen sein Lieblingsessen mit. Ich helfe Ihnen bei der Zusammenstellung. Und außerdem legen Sie ihm Ihren Marketing-Plan vor. Er wird sicher nicht widerstehen können.”

Melanie fand an dieser Idee so viel falsch, dass sie nicht wusste, wo sie beginnen sollte. Sie hatte es schon peinlich und unprofessionell gefunden, in einem Restaurant über Geschäfte zu sprechen. Einen Mann in einem einsamen Landhaus aufzusuchen, das erschien ihr geradezu lächerlich und konnte nur wieder zu einer Katastrophe führen.

“Wenn er sich dort entspannen möchte, wird ihn eine Störung sicher ärgern”, gab sie zu bedenken.

Destiny winkte ab. “Dort möchte er sich nicht entspannen, sondern nur noch mehr arbeiten. Da draußen ist es ruhiger als bei ihm zu Hause.”

“Dann wird er sich über meinen Besuch noch weniger freuen”, wandte Melanie ein.

“Nicht, wenn wir das Essen richtig zusammenstellen”, beteuerte Destiny. “Die Liebe des Mannes geht durch den Magen, wie Sie wissen. Außerdem habe ich einige Flaschen seines bevorzugten Weines. Die können Sie auch mitnehmen.”

Melanie war trotzdem nicht überzeugt. “Das erscheint mir etwas riskant. Nein, es erscheint mir sogar äußerst riskant. Im Moment gehöre ich nicht zu den Menschen, nach deren Gesellschaft er sich sehnt.”

Destiny stellte sich taub. “Man muss immer ein Risiko eingehen, wenn man etwas erreichen möchte. Und was soll er schon machen? Ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen? Nein, dazu habe ich ihn zu gut erzogen.”

Letztlich war der Plan doch nicht allzu schlimm. Melanie riskierte zwar erneut Richards Zorn, aber andererseits konnte sie einen traumhaften Auftrag für ihre neue Firma an Land ziehen. Für Carlton Industries zu arbeiten wäre herrlich gewesen. Noch lohnender würde es allerdings sein, Richard Carlton bei seinem ersten Wahlkampf zu unterstützen. Und wenn er auch noch gewann, würde sie schlagartig bei allen politisch interessierten Leuten in der ganzen Gegend rings um Washington einen hervorragenden Ruf haben.

Melanie traf eine Entscheidung und lächelte Destiny zu. “Also gut, was werde ich ihm servieren?”

2. KAPITEL

Am Freitag gegen zwei Uhr trafen bei Melanie drei Körbe voll Essen und ein dicker Umschlag, beschriftet mit Destinys Handschrift, ein. Es sollte also tatsächlich geschehen. Melanie würde sich Richard Carlton aufdrängen und versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er sie brauchte – zumindest rein beruflich.

Sobald der uniformierte Chauffeur sich mit einer Verbeugung entfernt hatte, kam Melanies Assistentin aus dem Büro, das im früheren Schlafzimmer des Hauses eingerichtet war. Becky, gleichzeitig Melanies beste Freundin, warf einen Blick in die Körbe und richtete sich erstaunt wieder auf.

“Lieber Himmel, Mel, wer will dich denn da verführen?”, fragte Becky fasziniert.

“Niemand”, wehrte Melanie ab.

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