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Endlich ist Mommy wieder glücklich!

1. KAPITEL

Es gab nur zwei Dinge, bei denen Kieran O’Brian sich richtig entspannen konnte – bei fantastischem Sex und beim Gewichtestemmen. Und da er momentan Single war, musste er sich wohl mit einer Trainingseinheit pro Tag in seinem privaten Fitnessraum neben dem Büro zufriedengeben. Als Besitzer von zwei großen Fitnessklubs in Houston, der gerade dabei war, einen Dritten zu bauen, wusste er die Ruhe hier zu schätzen.

In der öffentlichen Trainingshalle herrschte die typische Geräuschkulisse, und er wurde auf dem Weg wiederholt von Stammkunden begrüßt. Darunter waren einige Frauen, denen er mal Einzelstunden gegeben hatte. Ein paar hatten mehr gewollt als ein gutes Work-out, doch er hatte sich von Anfang an geschworen, Geschäftliches und Privates streng zu trennen. Bis jetzt hatte er sich streng daran gehalten – auch wenn die Versuchung manchmal groß war. Deshalb, und auch aus Zeitgründen, gab er seit einiger Zeit keine Privatstunden mehr.

Kieran hatte sein Büro fast erreicht, als jemand an seinem T-Shirt zupfte. Als er sich umdrehte, stand ein kleines Mädchen mit großen blauen Augen und rotblonden Haaren vor ihm. Es trug eine rosafarbene Jacke, ein weißes T-Shirt und verwaschene Jeans. Ein Kinderrucksack hing über der Schulter der Kleinen. Sie sah unglaublich süß aus, und er blieb stehen. „Na, hast du dich verlaufen, meine Kleine?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und schaute auf ihre Schuhspitzen. „Ich suche Mr O’Brian. Lisa hat gesagt, er hätte volle schwarze Haare und jede Menge Muskeln. Sind Sie das?“

„Ja, der bin ich.“ Aber wer ist Lisa? Hmm, keine meiner Angestellten. „Und wie heißt du?“

„Stormy.“

„Sind deine Mom oder dein Dad hier Mitglied?“

„Nein. Ich bin mit Lisa und ihrer Mutter hier.“

„Und wie heißt Lisas Mutter?“

„Candice Conrad.“

Mit diesem Namen konnte er endlich etwas anfangen. Candice war eine gut aussehende Frau mit zu viel Freizeit und einem Ehemann, der sie vernachlässigte. Vor zwei Jahren hatte sie ihn als Personal Trainer angeheuert, doch als er rausgefunden hatte, worauf sie eigentlich aus war, hatte er den Auftrag abgelehnt. Seitdem fragte sie ihn in regelmäßigen Abständen, ob er sie nicht wieder trainieren wolle.

„Suchst du Mrs Conrad?“, fragte er die Kleine. In diesem Fall würde er lieber einen seiner Angestellten um Hilfe bitten, um nicht von Candice in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Doch Stormy schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich weiß, wo sie ist! Ich wollte mit Ihnen über Trainingsstunden sprechen.“

Ihr Selbstbewusstsein beeindruckte ihn, aber natürlich war sie viel zu jung für einen Personal Trainer.

Um sie nicht allzu sehr zu enttäuschen, führte er sie zu einem runden Tisch an der Saftbar, schenkte ihr einen Fruchtsaft ein und setzte sich ihr gegenüber. „Wie alt bist du denn?“

Sie nahm ihren Rucksack ab und legte ihn vor sich auf den Tisch. „Zwei Wochen vor Weihnachten werde ich elf. Meine Mom sagt immer, ich bin ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.“

Ihr Lächeln war entwaffnend. Er hätte sie für mindestens zwei Jahre jünger gehalten, denn sie war klein und wirkte sehr zart.

„Du musst mindestens achtzehn sein für die individuellen Trainingsstunden, aber du könntest in unserem Nachmittagsprogramm für Jugendliche mitmachen.“

Nach einem Schluck Fruchtsaft zog sie die sommersprossige Nase kraus. „Das Training ist doch nicht für mich. Sie sollen meiner Mutter Stunden geben.“

Da er aus Prinzip keine Einzelstunden mehr gab, konnte er ihr damit leider auch nicht weiterhelfen, aber er beschäftigte noch andere Personal Trainer.

„Sag ihr einfach, sie soll mich anrufen. Ich finde den perfekten Trainer für sie.“

Wieder erntete er einen entrüsteten Blick. „Das geht nicht. Es soll eine Überraschung zu ihrem Geburtstag sein. Und außerdem sollen Sie sie trainieren. Lisas Mom sagt, Sie sind der Beste.“

Erstaunlich, denn Lisas Mom war am Training ja gar nicht so interessiert gewesen.

„Tut mir leid, Stormy, aber Einzelstunden sind sehr teuer und …“

„Das weiß ich.“ Sie griff in ihren Rucksack, zog eine Handvoll zerknitterter Scheine hervor und streckte sie ihm hin. „Ich habe mein Taschengeld gespart. Es sind fast achtzig Dollar. Reicht das für einen Monat?“

Für eine Zehnjährige war das sicher viel Geld, aber es deckte nicht einmal eine einzige Stunde zu seinem üblichen Satz. „Pass auf, ich gebe deiner Mom drei Monate Mitgliedschaft kostenlos. Wie wäre das?“

Jetzt wirkte die Kleine völlig enttäuscht. „Nach der Schule gehe ich immer in das Spa, wo sie arbeitet. Und da habe ich gehört, wie sie mit einer Kollegin geredet hat. Sie möchte eines Tages, wenn sie genug Geld hat, einen Personal Trainer haben. Und deshalb will ich ihr das schenken.“

Kieran wusste nicht so recht, was er machen sollte. Er suchte noch nach den richtigen Worten, als sie hinzufügte: „Sie soll einfach wieder glücklich sein. So wie früher.“

Ihre traurige Stimme traf ihn mitten ins Herz. „Wie früher?“

Jetzt schimmerten Tränen in ihren Augen. „Bevor mein Dad gestorben ist. Das ist sehr lange her – da war ich vier – aber sie vermisst ihn immer noch. Und ich auch.“

Kieran spürte, wie er weich wurde. Sie sah ihn einfach unwiderstehlich süß an – und bittend.

„Wenn Sie mehr Geld brauchen, kann ich Ihnen bald das geben, was meine Großeltern mir zum Geburtstag und zu Weihnachten schenken. Und ich spare weiter mein Taschengeld. Ich kann auch mein Fahrrad verkaufen.“

Vielleicht würde es ihm später leidtun, aber jetzt konnte er sie auf keinen Fall enttäuschen. Also nahm er ungefähr die Hälfte der Geldscheine aus ihrer Hand – später würde er sie ihr sowieso zurückgeben – und sagte: „Das sollte für einen Monat reichen.“

Jetzt lächelte sie endlich wieder, aber sie war noch nicht fertig.

„Ich kann meine Mom nicht dazu überreden, hierher zu kommen“, erklärte sie. „Können Sie heute Abend bei uns vorbeischauen und sie überraschen?“

Offensichtlich hatte sie alles genau geplant, und er bewunderte ihr Organisationstalent und ihre Entschlossenheit. Doch heute war ziemlich ungünstig. „Ginge es auch morgen Abend?“

„Freitags arbeitet sie länger. Aber heute Abend macht sie früher Schluss, denn donnerstags gibt es bei uns immer Pizza.“

Und wenn schon, dann kam er eben zum Abendessen mit seiner Familie etwas später. „Wo wohnt ihr denn?“

Sie zog ein Stück Papier aus dem Rucksack und reichte es ihm. „Hier sind Adresse und Telefonnummer. Aber rufen Sie vorher nicht an. Es soll …“

„… eine Überraschung sein, ich weiß.“ Hoffentlich warf ihn die überraschte Mutter nicht hochkant wieder hinaus …

„Ich komme, aber versprich mir, in Zukunft deine Adresse keinem Fremden zu geben.“

Wieder lächelte sie breit. „Okay. Aber Sie sind ja jetzt kein Fremder mehr.“

„Du solltest jetzt besser wieder zu Lisas Mutter gehen, sonst sucht sie dich noch“, sagte er, stand auf und schob seinen Stuhl an den Tisch. Und das wollen wir ja nicht, fügte er in Gedanken hinzu.

Auch Stormy stand auf, ging auf ihn zu und umarmte ihn kurz. „Danke, Mr O’Brian.“

Sie war wirklich dankbar, und das gab ihm ein gutes Gefühl. „Gern geschehen! Und sag ruhig ‚Kieran‘ zu mir.“

„Meine Mom heißt Erica.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesichtchen. „Sie kommen doch wirklich, oder?“

Keine zehn Pferde hätten ihn jetzt noch davon abgehalten. Wenn er diesem kleinen Mädchen und seiner Mutter eine Freude machen konnte, würde er es tun. Er merkte schon jetzt, dass es ihm guttat. „Gegen sechs bin ich da“, versprach er.

„Das passt prima.“ Auf dem Weg zurück in die Trainingshalle machte sie einen kleinen Hüpfer. „Das wird der beste Pizzaabend seit Langem!“

So einen attraktiven Pizzajungen hatte Erica Stevens noch nie gesehen. Pizzamann, korrigierte sie sich im Stillen. Ein großer, kräftiger Mann mit vollem, gewelltem Haar und dunkelbraunen Augen. Bestimmt eins neunzig, in Jeans, einem schwarzen Poloshirt und einem hellen Sakko – und ganz ohne Pizzaschachteln.

Das überraschte sie nicht. Die Pizza kam normalerweise erst ungefähr eine Stunde nach der Bestellung, nicht schon nach fünf Minuten. Und sonst wurde sie auch von schlaksigen Schülern gebracht und nicht von fleischgewordenen Actionfilm-Helden.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie vorsichtig.

„Sind Sie Erica?“

Wenn er nicht von der Pizzakette kam, woher kannte er dann ihren Namen?

„Ja. Und sind Sie der Pizzabote?“

Er lehnte sich an den weißen Pfosten des Verandavordachs und steckte die Hände in die Jeanstaschen. „Nein, ich bin Ihr Geburtstagsgeschenk.“

Jetzt fiel ihr Blick auf die Sakkotasche, wo der Schriftzug „Bodys By O’Brian“ eingestickt war. Oh nein, das konnte ja wohl nicht wahr sein! Aber ihren Kolleginnen im Spa war einfach alles zuzutrauen.

„Sagen Sie bitte nicht, dass Sie ein Stripper sind“, bat sie.

Sein breites Lächeln war entwaffnend; es ließ ebenmäßige, weiße Zähne sehen. „Ich bin Personal Trainer. Mein Name ist Kieran O’Brian und mir gehört ‚Bodys By O’Brian‘ – das ist ein Fitnesscenter, kein Stripklub. Und auch kein Pizzaservice.“

Jetzt war sie wirklich verwirrt, zumal ihr Körper auf sein Lächeln sehr ungewöhnlich reagierte. Am liebsten hätte sie sich vor ihn gestellt, ihm das Sakko ausgezogen und nachgeschaut, ob er wirklich so muskulös war, wie er wirkte. Stattdessen zupfte sie an ihrem übergroßen Sweatshirt, das ihre überflüssigen Pfunde verdecken sollte.

„Also erstens habe ich erst in zwei Wochen Geburtstag“ – ihr einunddreißigster, den sie am liebsten einfach vergessen hätte – „und zweitens will ich keinen Personal Trainer.“

Etwas unbehaglich verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Das hat die Schenkerin anders verstanden. Sie hatten wohl erwähnt, Sie hätten gerne einen. Und deshalb hat sie mich für Sie angeheuert.“

Verflixt, sie hätte das im Spa nicht erzählen sollen. Und schon gar nicht Bette, die sich gern in alles einmischte.

„Das ist eine wirklich nette Idee, aber ich wüsste nicht, wie ich das zeitlich schaffen sollte. Ich bin Massagetherapeutin in einem Spa, habe zu ganz unterschiedlichen Zeiten Dienst und komme darüber hinaus zu fast nichts.“

„Sie haben keine Pausen?“, fragte er erstaunt.

„Normalerweise komme ich erst nach sechs nach Hause, und ich arbeite auch samstags. Den Rest meiner Zeit verbringe ich mit meiner Tochter.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Wann fangen Sie morgens an?“

Oje, sie wusste genau, worauf er hinauswollte. „Ich fange gegen neun an, aber morgens bin ich zu nichts zu gebrauchen, Mr O’Brian.“

„Kieran, bitte. Ein gutes Work-out am Morgen bringt Sie richtig auf Touren und gibt Ihnen die nötige Energie für den Tag.“

„Ich dachte, dafür gibt es Kaffee.“

„Keine Ahnung, ich trinke keinen. Mir ist ein natürlicher Endorphinschub lieber.“

Ganz im Gegensatz zu ihr, sie konnte ohne einen doppelten Espresso, Mokka oder Cappuccino mit Schlagsahne nicht leben. Aber an die Zeit der Endorphinschübe, als sie eine begeisterte Turnerin gewesen war, erinnerte sie sich gern. Damals hatte sie noch nicht fünfzehn Kilo zu viel auf den Rippen gehabt – und auch nicht die ganze Verantwortung allein tragen müssen.

„Ich bin wirklich kein Frühaufsteher“, wiederholte sie vorsichtshalber.

Kieran hob die Schultern. „Sie können es ja mal versuchen, vielleicht gefällt es Ihnen besser, als Sie denken. Aber wenn es morgens überhaupt nicht passt, finden wir schon einen anderen Termin, keine Sorge.“

Und dann würde er sie ordentlich in die Mangel nehmen, daran bestand kein Zweifel. Schon jetzt hatte sie das Gefühl, schweißgebadet zu sein, obwohl es draußen ziemlich kühl war.

„Das klingt ja alles sehr verlockend, aber ich muss leider ablehnen“, sagte sie. „Trotzdem werde ich mich natürlich bei Bette für die nette Idee bedanken.“

Jetzt runzelte er die Stirn. „Wer ist Bette?“

So langsam kam ihr die Sache wirklich seltsam vor. „Meine Kollegin. Aber wenn nicht Bette Sie vorbeigeschickt hat, wer dann?“

„Da sind Sie ja, Mr O’Brian!“, hörte sie hinter sich Stormys Stimme, und bevor sie etwas sagen konnte, lief ihre Tochter an ihr vorbei hinaus. Jetzt wusste sie also, wem sie diese Überraschung zu verdanken hatte, auch wenn ihr noch nicht ganz klar war, wie Stormy das eingefädelt hatte.

„Ihr beiden kennt euch offensichtlich“, bemerkte sie, als Stormy Kieran O’Brian herzlich umarmte.

Stormy grinste zufrieden. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mom!“

Wie hatte sie das nur hingekriegt? Einzelstunden bei einem Trainer waren nicht gerade billig. „Mein Geburtstag ist erst in zwei Wochen, und jetzt verrate mir bitte mal, was das soll, junge Dame.“

„Lisas Mom hat mir von Mr O’Brian erzählt, als ich mit ihr und Lisa im Fitnessstudio war. Und da habe ich ihn für dich gemietet.“ Bewundernd blickte sie zu Kieran auf. „Richtig?“

Er lächelte breit. „Richtig.“

Candice Conrad? Bis jetzt hatte die Frau kaum zwei persönliche Worte mit ihr gewechselt, wenn sie absprachen, wann ihre Töchter sich zum Spielen treffen sollten. Aber immerhin brachte sie fast jeden Nachmittag Stormy nach der Schule bei ihr im Spa vorbei. Natürlich sah sie dabei immer perfekt aus, war superschlank und modisch gestylt. Und nun wollte sie wohl der armen, übergewichtigen Erica einen Wink mit dem Zaunpfahl geben.

Besser, sie besprach das mit Kieran O’Brian allein.

„Du musst noch deine Hausaufgaben fertig machen, bevor die Pizza kommt“, sagte sie zu Stormy.

„Aber Moooom …“

„Keine Widerrede. Ich muss kurz mit Mr O’Brian reden.“

„Wegen der Trainerstunden“, vermutete Stormy siegesgewiss.

Um ihm abzusagen, dachte Erica, aber sie würde sich hüten, jetzt mit Stormy eine Diskussion darüber anzufangen.

„Deine Hausaufgaben warten“, erwiderte sie nur.

Missmutig stapfte Stormy ins Haus. Als sie außer Hörweite war, wandte sich Erica ihrem unverhofften Besucher zu.

„Stormy hat nicht genug Geld, um Ihren Stundensatz zu bezahlen“, erklärte sie.

„Sie hat mir fast ihr ganzes Taschengeld gegeben.“

Was nicht gerade viel sein konnte, selbst, wenn Stormy monatelang gespart hatte.

„Und wie viel war das? Fünfzig Dollar?“

Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. „Achtzig, um genau zu sein.“

Erica hob die Augenbrauen. „So viel verdienen Sie wahrscheinlich in einer halben Stunde.“

„Normalerweise schon, aber ich habe ihr Rabatt gegeben. Und das hier würde ich auch gern zurückgeben.“

Er griff nach ihrer Hand und legte die Geldscheine hinein, schloss dann ihre Finger darüber. „Falls Sie mal etwas Besonderes braucht. Sagen Sie ihr aber nichts davon, bitte.“

Seine Berührung brachte Erica durcheinander. „Wieso würden Sie mir kostenlose Stunden geben?“, fragte sie verwirrt.

„Weil sie ein außergewöhnliches Mädchen ist und ihr das hier so viel bedeutet. Denken Sie bitte ernsthaft darüber nach, bevor Sie das Angebot ausschlagen.“

Da hatte er natürlich recht. Trotzdem würde sie auf keinen Fall Almosen annehmen.

„Kann ich Sie irgendwie erreichen, falls ich mich dafür entscheide?“, fragte sie.

Er zog eine Visitenkarte aus seiner Jeanstasche.

„Haben Sie einen Stift?“, fragte er. „Ich schreibe Ihnen besser meine Handynummer auf, da bin ich leichter zu erreichen.“

Ihre ausgeleierten Jogginghosen hatten keine Taschen, und normalerweise trug sie sowieso keine Kugelschreiber mit sich herum. Also konnte sie ihn entweder draußen stehen lassen oder sie war höflich und bat ihn herein.

Ach, was soll’s, dachte sie. „Kommen Sie rein, ich hole einen Stift.“

Als er an ihr vorbei durch die Tür trat, ertappte sie sich dabei, wie sie bewundernd seinen knackigen Po betrachtete. Göttlich, einfach göttlich. Sie musste sich wirklich zusammennehmen.

Sie blieb hinter ihm, damit er ihre rundlichen Hüften nicht sah, und ging zum kleinen Schreibtisch in der Ecke. Die zusätzlichen Pfunde hatte sie sich nach Jeffs Tod angefuttert, weil sie versuchte, ihre Trauer mit Süßigkeiten zu dämpfen, und weil sie sich mit der alleinigen Verantwortung für ihre Tochter manchmal überfordert fühlte. Jedenfalls hatte sie in den letzten sechs Jahren die Trauerarbeit offenbar nicht abgeschlossen.

Umso verwunderlicher war ihre heftige Reaktion auf den attraktiven Fremden, der sich in ihrem Wohnzimmer umsah, während sie die Geldscheine im Schreibtisch verstaute und gleichzeitig nach einem Stift suchte.

Natürlich war keiner da – bestimmt hatte Stormy sich den Letzten gemopst.

„Mom! Ich krieg das allein nicht hin!“

Die durchdringende Stimme ihrer Tochter ließ sie zusammenzucken.

„Ich komme gleich!“, antwortete sie und blickte etwas verlegen zu Kieran hinüber, der neben dem Sofa stehen geblieben war. „Wenn sie etwas will, kann sie sehr laut und fordernd sein.“

„Und deshalb haben Sie sie Stormy genannt?“, fragte er amüsiert.

Sie lehnte sich an den Schreibtisch und verschränkte die Arme vor dem Bauch. „Nein. Es gab eine Tornadowarnung in Oklahoma, als sie geboren wurde.“

„Mom, wenn du jetzt nicht kommst und mir hilfst, schmeiß ich mein Mathebuch aus dem Fenster! Bis zum Test muss ich das alles können!“

„Immer mit der Ruhe, Süße! Bring mir bitte mal einen Stift. Nun ja, der Name passt zu ihr“, fügte sie an Kieran gewandt hinzu.

Kurz darauf erschien Stormy. Sie schenkte Kieran ein strahlendes Lächeln und marschierte dann mit hüpfendem Pferdeschwanz zu ihrer Mutter, um ihr den Stift zu überreichen. „Bitte sehr. Hilfst du mir jetzt?“

„Ich kann es versuchen, aber du weißt ja, ich bin in Mathe auch keine Leuchte.“

„Vielleicht kann ich helfen?“, warf Kieran ein. „Ich bin ganz gut darin.“

Mit großen Augen blickte Stormy zu ihm auf. „Echt?“

„Ob du es glaubst oder nicht, ich war auf der Highschool ein Vorzugsschüler. Und auf dem College habe ich einen Abschluss in BWL gemacht. Also stell mich auf die Probe, dann wirst du sehen …“

„… dass Sie nicht nur Muskeln, sondern auch Hirn haben?“, platzte Erica unbedacht heraus.

„So in der Art“, erwiderte er lachend.

„Meine Schulsachen sind in der Küche“, erklärte Stormy und lief hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten. Offenbar hatte sie keinerlei Bedenken, Kieran als Nachhilfelehrer einzuspannen.

Seufzend reichte Erica Kieran den Stift. „Sie müssen das wirklich nicht machen.“

„Kein Problem“, erwiderte er, notierte seine Nummer auf der Karte und reichte sie ihr.

„Haben Sie denn heute Abend nichts anderes zu tun?“, fragte sie. Vielleicht eine Verabredung mit einer zweifellos schlanken, durchtrainierten Frau?

„Ich werde in etwa einer Stunde zum Abendessen bei meiner Schwester erwartet, also habe ich noch Zeit.“

Der Mann war wirklich ein fleischgewordener Traum. „Und was ist mit Ihrer Frau?“, hakte sie nach.

„Ich bin Single“, erwiderte er bereitwillig. Offenbar machte ihm ihr kleines Verhör nichts aus.

Single. Wow. Das machte die ganze Sache etwas schwierig. Wenn er schon vergeben gewesen wäre, hätte Erica leichter damit umgehen können.

Wo denkst du denn hin? rief sie sich sofort zur Ordnung. Er kommt trotzdem nicht für dich infrage.

„Wenn Sie Stormy wirklich gern helfen wollen, werde ich Sie nicht davon abhalten. Mit ihr Hausaufgaben zu machen, ist nicht immer einfach. Das werden Sie wahrscheinlich schnell selbst merken.“

„Keine Sorge, das kriege ich schon hin, ich bin hart im Nehmen“, erwiderte er. „Außerdem ist sie schwer in Ordnung.“

Mal sehen, wie du hinterher darüber denkst, hätte Erica am liebsten gesagt, biss sich jedoch auf die Zunge und ging mit ihm in die Küche, wo Stormy an dem schmalen Esstisch saß und ungeduldig mit dem Stift auf ihr Buch klopfte.

Wieder musste Erica sich zur Ordnung rufen, als Kieran das Sakko auszog und es über die Stuhllehne hängte, bevor er sich umgekehrt auf den Stuhl setzte und die Arme auf die Lehne stützte.

Der Anblick war wirklich zum Dahinschmelzen. Das Poloshirt spannte sich über seinen beeindruckenden Bizepsen und dem breiten Kreuz. Sie hätte viel dafür gegeben, diese herrlichen Muskeln mal in die Finger zu bekommen. Rein beruflich, natürlich.

Etwas verspätet erinnerte sie sich an ihre Gastgeberinnen-Pflichten. „Kaffee trinken Sie ja nicht, aber kann ich Ihnen etwas anderes anbieten?“

„Danke, nein“, antwortete er und rückte näher an den Tisch.

„Sagen Sie Bescheid, wenn Sie was brauchen“, sagte sie und nutzte die Zeit, um erst die Arbeitsplatte und dann die ganze Küche zu putzen, wobei sie hin und wieder verstohlen zu ihm hinüberschaute.

Erstaunlicherweise hörte ihre Tochter aufmerksam zu, als Kieran ihr die Aufgaben erklärte, und löste sie dann fast ohne Hilfe.

„Sie haben Ihre wahre Bestimmung verfehlt“, bemerkte Erica, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abtrocknete. „Sie hätten Lehrer werden sollen.“

„Glaube ich nicht“, widersprach er. „Beim Sport bin ich besser.“

„Und ich bin fertig“, verkündete Stormy, klappte ihr Heft zu und seufzte. „Wenn Mom mir geholfen hätte, würden wir heute Nacht noch hier sitzen.“

Erica zupfte sie für die Bemerkung am Pferdeschwanz. „Frechdachs. Geh dir schon mal die Hände waschen, die Pizza muss jeden Moment kommen. Aber zuerst musst du dich bei Mr O’Brian bedanken.“

„Danke, Kieran“, sagte Stormy, als sei es schon völlig selbstverständlich für sie, ihn beim Vornamen zu nennen.

„Gern geschehen. Viel Glück bei deinem Test!“

„Der macht mir jetzt keine Probleme mehr“, erklärte sie selbstbewusst und bedachte ihren Helden mit einem dankbaren Blick. „Ich erzähle dann, wie es gelaufen ist, wenn ich mit Mom ins Fitnesscenter komme.“

Erica verzichtete darauf, ihr zu widersprechen, und führte Kieran zurück ins Wohnzimmer. Auf dem Weg zur Haustür blieb er vor einem gerahmten Foto stehen, auf dem sie beim Turnen zu sehen war – schlank und in Bestform.

„Das war in meinem letzten Jahr auf der Highschool“, sagte sie ein wenig verlegen. „Im College habe ich dann ein Jahr lang an Wettkämpfen teilgenommen, bevor ich mit Stormy schwanger wurde.“

„Sie waren eine sehr junge Mutter.“

„Ja, gerade mal zwanzig.“

Umso schwerer hatte sie Stormys angeborener Herzfehler getroffen, der Grund, aus dem sie und Jeff schließlich nach Houston gezogen waren, wo es Spezialkliniken gab.

Aber wie sie es ihrer Tochter versprochen hatte, erzählte sie Kieran nichts davon. Ihre Tochter wollte ein ganz normales Leben führen und hasste es, wenn man ihre Krankheit erwähnte.

„Wir haben gleich nach dem Highschool-Abschluss geheiratet, falls Sie sich wie die meisten Leute fragen, ob wir heiraten ‚mussten‘.“

„Meine Schwester hat auch jung geheiratet, ohne schwanger zu sein“, erwiderte er. „Leider hat die Ehe nicht lang gehalten.“

„Meine auch nicht“, seufzte sie. „Mein Mann kam bei einem Arbeitsunfall ums Leben, als Stormy vier war.“

„Das hat sie erzählt“, gab er zurück und schaute zu dem Foto von Jeff hinüber. „Tut mir sehr leid.“

„Man kann das Schicksal nicht kontrollieren“, sagte sie leise.

„Ich weiß, aber es ist bestimmt nicht einfach, damit fertigzuwerden.“

Keineswegs, aber sie wollte lieber nicht über dieses traurige Thema reden. „Jedenfalls hatte ich vor, nach dem College Gymnastik-Trainerin zu werden. Aber dann haben mich die Umstände gezwungen, unseren Unterhalt allein zu bestreiten, und so habe ich eine Ausbildung zur Masseurin gemacht.“

„Können Sie noch immer Flickflacks?“, fragte er. Sein fröhliches Lächeln war ansteckend.

„Nur, wenn ich danach selbst eine Massage bekomme.“

„Wenn ich mit Ihnen fertig bin, können Sie wieder damit loslegen.“

„Ich wäre schon froh, wenn ich wieder Rad schlagen könnte.“

„Dann trainieren Sie also mit mir?“

Verflixt, er war gut. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber Sie haben auch noch nicht abgelehnt.“

„Nein. Wie man sieht, habe ich es bis jetzt nicht geschafft, mein Übergewicht loszuwerden. Und es sind mehr als ein paar Kilo.“

„Eine gewisse Gewichtszunahme ist normal. Sie sind keine sechzehn mehr. Der Körper verändert sich eben.“

Allerdings wohl nicht in dem Maße wie ihrer. Bei ihrer Größe von knapp eins sechzig sahen die überflüssigen Pfunde einfach unmöglich aus.

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