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Endlich glücklich in Griechenland?

1. KAPITEL

„He, ihr beiden, macht gefälligst die Augen auf!“ Aufgebracht funkelte Kate die beiden jungen Mädchen an, die sich an ihr vorbeidrängten und dabei auf die Reisetasche zu ihren Füßen traten.

„’Tschuldigung!“

Kichernd stießen die beiden sich an, während sie eine Gruppe junger Männer betrachteten, die wenige Meter entfernt vor dem Aufzug stand.

„Für wen hält die sich eigentlich?“, fragte eine von ihnen die andere im Weggehen. „Ich wette, sie ist Lehrerin!“

Wütend blickte Kate ihnen nach. Noch mehr als das rücksichtslose Verhalten ärgerte sie die Erkenntnis, dass sie die jungen Mädchen um ihre Unbekümmertheit beneidete, denn anders als sie schienen diese keinerlei Panik zu verspüren.

Nervös sah sie wieder auf die Anzeigentafel, auf der dieselbe Information wie seit ihrer Ankunft in der Abflughalle zu lesen war. Ihre Maschine hatte erhebliche Verspätung, und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ihre Flugangst lähmte sie dermaßen, dass Kate nicht einmal die Energie aufbrachte, Schadensbegrenzung zu betreiben, indem sie nach Hause fuhr und diese Reise ganz strich. Ausgerechnet ihre Freundin Liz, die sie immer für vertrauenswürdig gehalten hatte und die von ihrer Flugangst wusste, hatte sie förmlich dazu genötigt.

Wie hatte sie sich nur darauf einlassen können, vor allem jetzt, da sich ihr erster großer geschäftlicher Erfolg abzeichnete?

Sie stellte sich ihre Tasche auf den Schoß, wobei sie sie unbewusst an sich drückte, während sie sich an jenen Abend in der vergangenen Woche erinnerte, als Liz ihr das Ticket überreicht und sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.

„Du brauchst unbedingt eine Auszeit, Süße“, hatte sie verkündet. „So kann es nicht weitergehen. Wann hast du das letzte Mal richtig ausgeschlafen?“ Dabei hatte sie sie forschend betrachtet. „Du hast schon Ringe unter den Augen, und das ist nicht gut fürs Geschäft.“

Dabei hatte sie natürlich genau gewusst, dass dies nicht an der zusätzlichen Arbeit lag, die mit der Eröffnung ihrer zweiten Boutique verbunden war.

„Aber ich …“, hatte Kate angesetzt, doch Liz hatte sie nicht ausreden lassen.

„Ich weiß, dass du nicht gern fliegst“, hatte sie eingeräumt, „aber daran habe ich auch gedacht.“

Dann hatte sie einen kleinen weißen Umschlag aus ihrer Handtasche genommen und ihn ihr überreicht.

„Die habe ich mir von Ian besorgt. Wozu hat man schließlich einen Bruder, der Arzt ist?“

„Was ist das?“ Skeptisch hatte Kate die Blisterpackung darin betrachtet.

„Beruhigungstabletten. Es sind nur vier, und sie sind nicht besonders stark. Zwei sind für den Hin- und die anderen beiden für den Rückflug – falls du überhaupt zurückkommst. Warte nur, bis du das Haus gesehen hast. Wahrscheinlich willst du dort bleiben, um ein neues Leben zu beginnen und alles hinter dir zu lassen.“

Mit allem hatte Liz natürlich Michael gemeint, aber an ihn wollte sie jetzt nicht denken …

Den Griff ihrer Tasche krampfhaft umklammert, zwang Kate sich, in die Gegenwart zurückzukehren. Sie musste sich zusammenreißen, statt hier zu sitzen und abwechselnd zu grübeln oder in Panik zu verfallen. Deshalb beschloss sie, einen Kaffee trinken zu gehen, und stand auf.

Da alle anderen Sitze besetzt waren, nahm sofort eine junge Mutter mit einem Baby den freien Platz ein und lächelte sie an.

Kate erwiderte ihr Lächeln, bevor sie wegging, drehte sich dann jedoch aus einem Impuls heraus noch einmal um. Die junge Frau sprach gerade leise mit dem Kind, das sie anstrahlte. Offenbar fühlte es sich in ihren Armen trotz des Trubels ringsum geborgen.

Unwillkürlich fragte sich Kate, wie es wohl sein mochte, ein Baby zu haben und die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu übernehmen, der völlig von einem abhängig war – so wie Carol es bald erfahren würde. Dabei verspürte sie einen leisen Stich, den sie zu ignorieren versuchte – eine schmerzliche Sehnsucht, ja, Eifersucht.

Gequält blieb sie stehen und schloss für einen Moment die Augen. Dann riss sie sich zusammen und schob sich weiter an den vielen Menschen vorbei. Anders als Carol eignete sie sich überhaupt nicht als Mutter. Ihr Lebensweg würde ganz anders verlaufen, das hatte sie schon immer gewusst.

Als sie wenige Minuten später in der Schlange vor dem Coffeeshop stand, versuchte Kate, an etwas anderes zu denken als an Babys, Carol und den bevorstehenden Flug, und sich stattdessen auf all die Dinge zu konzentrieren, die vor der Eröffnung ihrer zweiten Boutique noch erledigt werden mussten.

Mit ihrem künstlerischen Talent hatte sie wohl einen großen Teil zum gemeinsamen Erfolg mit Liz beigetragen, doch andere Menschen anzuleiten gehörte nicht zu ihren Stärken. Peter, der junge Grafiker, den sie mit der Werbung beauftragt hatte, musste jedenfalls ständig dazu angehalten werden, seine Entwürfe pünktlich zu liefern.

Nachdem sie ihren Kaffee und ein Croissant erhalten hatte, setzte sie sich an einen freien Tisch und öffnete ihre Handtasche, um den Ordner mit dem Werbematerial herauszunehmen und darin zu blättern. Wenigstens konnte Liz sie nicht davon abhalten, während ihres erzwungenen Urlaubs etwas Sinnvolles zu tun.

Plötzlich stieß jemand sie an, woraufhin der Ordner auf den Boden fiel.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, rief Kate genervt, ohne zu der betreffenden Person aufzublicken. „Kann hier denn niemand mal aufpassen?“

Schnell kniete sie sich hin, um Petes Entwürfe zu retten, bevor noch jemand darauftrat.

„Oh, tut mir leid“, entschuldigte sich ein Mann. „Passen Sie auf, sonst stoßen Sie sich noch den Kopf!“

Erschrocken war Kate aufgesprungen und spürte nun, wie der Mann ihr die Hand auf die Schulter legte, damit sie nicht gegen den Tisch stieß.

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

Nachdem er die Unterlagen eingesammelt hatte, streckte er ihr die Hand entgegen, die sie widerstrebend ergriff. Als sie ihm gegenüberstand, blickte sie in amüsiert funkelnde graue Augen.

„Hoffentlich ist nichts kaputtgegangen. Ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen, aber ich musste auch jemandem ausweichen.“

Als der Fremde sie gewinnend anlächelte, wurde ihr bewusst, dass er sie immer noch festhielt. Schnell entzog sie ihm ihre Hand.

„Danke“, erwiderte sie eisig. „Aber es ist nichts passiert.“

Nachdem sie den Ordner in ihre Handtasche getan hatte, setzte sie sich wieder, um ihren inzwischen lauwarmen Kaffee auszutrinken.

„Nicht besonders lecker, stimmt’s?“, erkundigte er sich geradezu aufreizend fröhlich, als er ihren angewiderten Gesichtsausdruck bemerkte, und machte keine Anstalten zu gehen. „Ich trinke immer frisch gepressten Saft. Da kann man nicht viel falsch machen.“

Lässig nahm er ein Glas vom Nachbartisch und setzte sich auf die Kante, sodass sie gezwungen war, ihren Becher ein Stück zur Seite zu schieben.

„Es stört Sie doch nicht, oder?“, fuhr er im Plauderton fort. „Ich unterhalte mich immer gern auf Reisen, weil die Zeit so schneller vergeht. Ach übrigens, ich bin Alexander, aber meine Freunde nennen mich Alex.“

Erwartungsvoll betrachtete er sie, doch Kate war nicht in der Stimmung für seinen routinierten Charme. Schnell trank sie ihren Kaffee aus, schob das angebissene Croissant weg und stand auf, wobei sie seine überraschte Miene mit einem kühlen Blick quittierte.

„Sie können gern meinen Platz haben, denn ich gehe jetzt, Alexander.“ Nachdem sie ihre Tasche hochgehoben und ihm kurz zugenickt hatte, wandte sie sich ab und mischte sich unter die Menge, nur für den Fall, dass er auf die Idee kam, ihr zu folgen.

Sobald sie in sicherer Entfernung war, drehte sie sich um, konnte ihn allerdings nirgends ausmachen. Erleichtert atmete sie auf. Sie hatte wirklich genug Probleme und keine Lust auf Small Talk. Dennoch bedauerte sie ein wenig, so schroff gewesen zu sein. Schließlich hatte er ihr dabei geholfen, die Unterlagen einzusammeln, und sie so gewinnend angelächelt …

Jetzt war es allerdings zu spät, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Als Kate auf die Anzeigentafel blickte, setzte ihr Herz einen Schlag aus, und sie vergaß den Fremden sofort. Man hatte ihren Flug bereits aufgerufen, und nun gab es kein Zurück mehr, wenn sie ihre Freundin nicht vor den Kopf stoßen wollte.

„Sei nicht albern“, sagte sie leise zu sich selbst, während sie auf das betreffende Gate zuging. „Du hast deine Tabletten, und der Flug dauert nicht lange. Freu dich auf die Sonne und das Meer.“

Die Aussicht auf zwei Wochen, in denen sie ganz für sich wäre, erschien wirklich verlockend, wie sie sich jetzt eingestehen musste.

„Oh, da sind Sie ja wieder! Wie nett! Dann fliegen Sie also auch nach Athen?“

Als Kate sich resigniert umwandte, sah sie sich Alexander gegenüber, der sie – scheinbar ungerührt über die Abfuhr – charmant anlächelte.

„Scheint so!“, bestätigte sie unwirsch, bereute ihren schroffen Tonfall allerdings sofort. „Tut mir leid“, fuhr sie fort und rang sich ein Lächeln ab. „Ich wollte nicht … Ja, ich fliege auch nach Athen. Und von dort weiter“, fügte sie schnell hinzu, damit er sich keine falschen Hoffnungen machte.

„Oh, wohin …?“

Mehr bekam sie nicht mit, denn sie wurde vom Strom der anderen Passagiere mitgerissen und betrat nun die Maschine.

Beim Einchecken hatte sie um einen Platz am Gang gebeten, weil sie ohnehin nicht vorhatte, aus dem Fenster zu blicken. Vielmehr wollte sie sich mit einem Krimi oder mit Sudokus ablenken.

Als sie das Gepäckfach öffnete, hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich.

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

„Danke, das schaffe ich schon“, versicherte sie kühl. „Ich reise nicht zum ersten Mal allein.“

Nachdem sie ihre Tasche verstaut und das Fach verschlossen hatte, beobachtete sie, wie Alexander es wieder öffnete, um seine Tasche hineinzustellen.

„Nun reißen Sie mir doch nicht gleich den Kopf ab“, meinte er freundlich. „Es war wirklich nur nett gemeint. Würden Sie mich bitte durchlassen?“

Bestürzt beobachtete Kate, wie er auf den Platz neben ihr – den in der Mitte – deutete.

„Tut mir leid, aber Sie müssen mich jetzt noch bis Athen ertragen“, scherzte er und verzog dann das Gesicht, als er sich auf den schmalen Sitz zwängte.

„Die sind wirklich für Zwerge gemacht, stimmt’s? Na, zum Glück fliegen wir nur nach Griechenland, nicht nach Hongkong.“

Auch sie wünschte, der Flug möge so schnell wie möglich vergehen, wenn auch aus anderen Gründen. Während Alexander mit dem Nachbarn zu seiner Rechten plauderte, suchte sie in ihrer Handtasche nach den Tabletten, die sie hoffentlich für eine Weile beruhigen würden.

Gerade als sie die Packung zu fassen bekam, blitzte es draußen. Falls diese Maschine abstürzen sollte, würde auch eine Tablette sie nicht daran hindern. Also konnte sie sie auch später noch nehmen.

Offenbar merkte Alexander ihr die Anspannung an, denn er drehte sich nun zu ihr um und lächelte mitfühlend. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich fliege diese Strecke mindestens einmal im Monat.“ Entgeht diesem Typen denn gar nichts?, überlegte sie verärgert, während sie ihn mit einem eisigen Blick bedachte.

„Das habe ich auch nicht“, erklärte sie kühl. Als er unmerklich die Brauen hochzog, fügte sie schnell hinzu: „Na ja, etwas nervös bin ich schon. Ich weiß ja, dass Flugzeuge das sicherste Verkehrsmittel sind, aber wenn es mit dem Auto nicht so lange dauern würde …“ Sie zuckte die Schultern. Dann lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, in der Hoffnung, er würde den Hinweis verstehen und sie jetzt in Ruhe lassen – weit gefehlt!

„Mit mir als Sitznachbar brauchen Sie diese Tabletten da nicht“, verkündete er lässig. „Vielleicht finden Sie die Unterhaltung mit mir sogar so faszinierend, dass Sie wünschen, der Flug würde doppelt so lange dauern.“

„Das bezweifle ich“, stieß Kate hervor. „Hören Sie …“ Sie wandte sich zu ihm um und betrachtete ihn mit einem eisigen Blick. „Ich will nicht unhöflich sein, aber ich möchte lieber meine Ruhe haben, denn mir geht momentan viel im Kopf herum, und ich hasse das Fliegen, wie Sie ganz richtig bemerkt haben. Ich möchte einfach nur alles verdrängen, bis wir gelandet sind.“

Nachdem sie ihn mit einem strahlenden Lächeln bedacht hatte, drehte sie sich wieder um und schloss die Augen. Selbst er musste es nun endlich begriffen haben!

Zu ihrer Erleichterung schien es tatsächlich der Fall zu sein, denn er schwieg. So konnte sie sich nach dem Start auf ihren Krimi konzentrieren und sich nach einer Weile etwas entspannen. Da es sehr eng war, berührte Alexanders Arm ihren, doch sie war zu müde, um ihn sinken zu lassen. Außerdem übte seine Körperwärme eine beruhigende Wirkung auf sie aus …

Kate schreckte aus dem Schlaf, als eine Stewardess mit dem Getränkewagen kam.

Bestürzt stellte sie fest, dass ihr Kopf an Alexanders Schulter ruhte. Sofort rückte sie von ihm weg, doch statt zu spotten, erkundigte er sich leise, ob es ihr jetzt besser gehe.

„Ja, danke“, antwortete sie kurz angebunden, bevor sie ihren kleinen Spiegel aus der Handtasche nahm. Wie sie befürchtet hatte, sah sie nicht besonders frisch aus. Schnell kämmte sie sich das Haar und zog die Lippen nach.

„Sehr hübsch!“, bemerkte Alexander beifällig. „Und funkeln Sie mich nicht so böse an. Das passt nicht zu Ihnen.“ Dann beugte er sich vor, um sie forschend zu betrachten. „Sind Sie immer so kratzbürstig, Miss …?“ Schnell blickte er auf ihre linke Hand. „Oder Mrs.?“, fügte er jungenhaft lächelnd hinzu.

„Miss.“ Gereizt seufzte sie. „Kate Penwarden. Aber sagen Sie einfach Kate zu mir.“

„Aha.“ Er nickte zufrieden. „Und, sind Sie es?“

„Was?“

„So kratzbürstig. Schließlich wollte ich nur höflich sein und Ihnen helfen. Etwas anderes liegt mir fern, glauben Sie mir.“

Ein Schatten schien über sein Gesicht zu huschen, und wieder bedauerte Kate ihre Schroffheit. Alexander hatte recht. Er war nur nett zu ihr gewesen, auch wenn seine Offenheit sie irritierte, und sie hatte ihm ohne Grund die kalte Schulter gezeigt.

Deshalb rang Kate sich ein Lächeln ab und sagte steif: „Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein. Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber ich brauche einfach meine Ruhe. Von meiner Flugangst wissen Sie ja schon …“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie schulterzuckend fort: „Außerdem gibt es da ein paar andere Dinge, die mich beschäftigen, und ich bin wirklich nicht in der Stimmung zu plaudern.“

Als die Stewardess sie im nächsten Moment ansprach, wandte Kate sich ab. Bevor sie jedoch etwas bestellen konnte, meinte Alexander: „Die Lady möchte sich mit mir eine Flasche Champagner teilen.“ Sein ruhiger, aber bestimmter Tonfall verblüffte sie. „Sicher haben Sie einen, der schon kalt ist?“

Die Flugbegleiterin lächelte. „Natürlich, Sir. Wenn Sie bitte einen Augenblick warten würden …“

„Bestimmt mögen Sie Champagner, Kate?“, fragte er dann, ohne ihren wütenden Gesichtsausdruck zu beachten. „Es ist das beste Beruhigungsmittel, das ich kenne, und der beste Start für einen Urlaub. Sie fliegen doch in die Ferien, oder?“

„Ja, das tue ich.“ Sie seufzte resigniert. „Und ich trinke gern Champagner. Vielen Dank.“

Kurz darauf kehrte die Stewardess mit zwei Gläsern und einem Eiskübel mit der Champagnerflasche zurück. Alexander goss ein, reichte Kate ein Glas und prostete ihr zu.

„Auf einen schönen Urlaub also.“

Nachdem sie mit ihm angestoßen hatte, lehnte sie sich zurück und trank einen Schluck. Tatsächlich fühlte sie sich gleich besser, und als er sich ebenfalls nach hinten lehnte, um aus dem Fenster zu blicken, betrachtete sie ihn verstohlen.

Er war so ganz anders als Michael, den man beim besten Willen nicht als charmant hätte bezeichnen können.

Michael war genauso selbstsicher, dominant und einnehmend wie er, und zuerst war er auch zärtlich und großmütig gewesen, wie sie sich traurig erinnerte … Und sie hatten sich geliebt. Was war dann schiefgegangen? Wie hatte er sie so schamlos betrügen und eine Affäre mit einer anderen Frau beginnen können, während er noch mit ihr verlobt gewesen war – und sie trotzdem heiraten wollen?

Instinktiv berührte sie ihre linke Hand, aber der Ring steckte natürlich nicht mehr daran. Drei Jahre und vier Monate hatte sie ihn getragen …

Unwillkürlich ballte sie die Hände zu Fäusten, während sie starr nach vorn blickte und gegen die vertrauten Gefühle, Wut und Schmerz, kämpfte. Nein, denk nicht einmal daran, schalt sie sich dann. Du musst das alles hinter dir lassen, und dies ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um in Grübeleien zu verfallen.

Kate trank noch einen Schluck Champagner, bevor sie wieder Alexanders dichtes dunkles Haar und sein Profil betrachtete. Er unterhielt sich gerade mit dem Nachbarn zu seiner Rechten, der offenbar auf irgendeinen Punkt am Boden zeigte.

Sein Haar war tiefschwarz, leicht gewellt und reichte ihm bis zum Nacken. Ob er Grieche war? Er sprach Englisch mit einem leichten Akzent, aber seine grünen Augen deuteten nicht auf eine südländische Herkunft.

Seine gebräunte Hand ruhte auf seinem Schenkel, als er sich hinüberbeugte, um aus dem Fenster zu blicken, und einen verrückten Moment lang verspürte Kate den Drang, sie zu nehmen und festzuhalten.

Fassungslos lehnte sie sich wieder zurück. Was war nur in sie gefahren? Auf keinen Fall wollte sie sich wieder mit einem Mann einlassen, schon gar nicht mit diesem. Sie hatte sich vorgenommen, sich erst einmal auf ihre Arbeit zu konzentrieren, und so sollte es auch bleiben. Liebe und Romantik waren nichts für sie, wie Michael ihr unverblümt klargemacht hatte.

Zu ihrem Entsetzen spürte Kate, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, und sie neigte den Kopf, um diese schnell wegzuwischen. Auf keinen Fall sollte Alexander sie weinen sehen. Zum Glück konzentrierte er sich immer noch auf die Aussicht und schien nichts zu bemerken, sodass sie sich noch sammeln konnte, bevor die Stewardess das Essen brachte.

„Trinken Sie noch etwas Champagner“, lud er sie ein und schenkte ihr nach. „So schmeckt es gleich besser. Mahlzeiten im Flugzeug sind nicht gerade ein gastronomisches Highlight, stimmt’s?“

Nun musste sie lachen, woraufhin er gespielt erstaunt die Brauen hochzog.

„Sie lachen ja, Kate! Der Champagner scheint es in sich zu haben. Sind Sie sicher, dass Sie nicht schon beschwipst sind?“

Er trank auch einen Schluck und schüttelte danach den Kopf. „Nein, er schmeckt ganz normal. Also muss es an der Flughöhe liegen.“

Skeptisch probierte er die Vorspeise, bei der es sich um Taramasalat zu handeln schien.

Seufzend begann Kate, ebenfalls zu essen. „Sie wollten vorhin wissen, ob ich immer so kratzbürstig bin. Darf ich Sie etwas fragen?“

„Schießen Sie los. Ich freue mich riesig, weil Sie endlich mit mir reden.“

„Können Sie eigentlich nie ernst sein? Ihre Freunde sind bestimmt manchmal genervt von Ihrer Art.“

„Wie kommen Sie denn darauf, Kate? Ich wollte Sie nur aufheitern, aber wir können uns auch gern über wissenschaftliche oder kulturelle Themen unterhalten. Vielleicht interessieren Sie meine Ansichten über Gentechnik und den Niedergang der Filmindustrie? Sie müssen es mir nur sagen.“

Nachdem er noch etwas von seinem Tamarasalat gegessen hatte, legte er die Gabel weg und blickte Kate gespielt verzweifelt an. „Wir können auch gern über Sie sprechen, Kate. Zum Beispiel warum Sie allein nach Athen fliegen.“

Wieder seufzte sie. „Sie machen sich schon wieder über mich lustig, Alexander.“

„Nein, das tue ich nicht, aber es würde Ihnen doch nichts ausmachen, wenn es so wäre, oder?“ Er beugte sich zu ihr herüber, um sie forschend zu betrachten. Schließlich nickte er zufrieden. „Sie wirken jetzt nicht mehr so angespannt.“

Sanft legte er ihr den Zeigefinger zwischen die Brauen und zog ihn schnell wieder zurück, woraufhin Kate verwirrt auf das Tablett vor sich blickte. Dass ihr Puls so raste, ließ sich nicht nur mit ihrer Wut über die ungebetene zärtliche Geste erklären.

Sie spürte, wie Alexander sie beobachtete, konzentrierte sich allerdings auf ihr Essen, um sich nichts anmerken zu lassen und ihn außerdem nicht weiter zu ermutigen. Zu ihrem Leidwesen musste sie sich eingestehen, dass er sie tatsächlich von ihrer Flugangst abgelenkt hatte, und zumindest dafür sollte sie ihm dankbar sein. Fast bedauerte sie, dass er sie nicht auch von Athen nach Kalamata begleitete.

„O nein!“

Fast hätte sie den Kaffee verschüttet, den die Stewardess ihr gerade zum Dessert gereicht hatte. Alexander drehte sich zu ihr um. „Was ist?“ Kate machte eine fahrige Geste. „Mir ist gerade eingefallen, dass ich bestimmt meinen Anschlussflug verpasse. Wir haben über zwei Stunden Verspätung. Die Maschine ist längst weg, wenn wir landen.“

Normalerweise hätte sie sich über eine solche Lappalie nicht aufgeregt, weil sie im Geschäftsleben ständig mit irgendwelchen Unwägbarkeiten zu kämpfen hatte. Warum fühlte sie sich dann plötzlich so hilflos?

Sie stützte das Kinn in die Hände und merkte dann, dass Alexander leise und eindringlich mit ihr sprach.

„Keine Sorge, Kate. Sicher finden wir eine Lösung für Sie. Nennen Sie mir einfach Ihr Ziel, und ich kümmere mich darum, sobald wir in Athen sind. Ich könnte Ihnen einen Flug oder ein Hotelzimmer besorgen“

Doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke, ich komme schon klar.“ Bevor sie sich ihm zuwandte, setzte sie ein strahlendes Lächeln auf. „Wenn ich keinen anderen Flug mehr bekomme, suche ich mir selbst ein Zimmer.“

Nun trat ein unerwartet ernster Ausdruck in seine grünen Augen. „Sie müssen mir nicht sagen, wohin sie fliegen. Ich dachte nur, ich könnte Sie mitnehmen, falls wir das gleiche Ziel haben. Ich fahre in Richtung Süden …“

Anlügen wollte sie ihn nicht, aber Alexander musste auch nicht erfahren, dass sie in dieselbe Richtung reiste. Außerdem war „Richtung Süden“ ein vager Begriff, und sie wollte ihm keine Umstände machen, wie sie sich einredete.

„Ich schaffe das schon“, versicherte sie wieder. „Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen, aber wenn die nächsten Maschinen alle ausgebucht sind, bleibe ich erst mal in Athen und sehe mir die Stadt an.“

Als er sie daraufhin forschend betrachtete, hoffte sie, er würde sie nicht durchschauen und ihre Aussage als Abfuhr betrachten.

„Wenn Sie meinen … Aber Sie können es sich ja noch überlegen – bis wir gelandet sind.“

Während des restlichen Fluges wechselten sie nur noch wenige unverfängliche Worte miteinander, zumal Alexander begonnen hatte, in einer Zeitschrift zu lesen. Allerdings blätterte er die Seiten nicht eben häufig um.

Wäre er ein anderer Typ gewesen, hätte sie angenommen, dass sie ihn gekränkt hatte. Aber das war lächerlich. Männer wie er setzten ihren routinierten Charme als Waffe ein. Und wer wusste schon, wie es geendet hätte, wenn er sie in seinem Wagen mitgenommen hätte?

Es war besser, wenn sie ihn auf Abstand hielt und allein weiterreiste.

„Soll ich Sie wirklich nicht mitnehmen?“, erkundigte Alexander sich nach der Landung, während sie durch den Terminal gingen. „Mein Angebot steht noch.“

Energisch schüttelte Kate den Kopf. „Nein, danke. Ich bin es gewohnt, auf eigenen Füßen zu stehen.“

„Hmm.“ Mit einem rätselhaften Ausdruck betrachtete er sie. „Wie Sie wollen. Eins muss ich Ihnen allerdings noch sagen, bevor wir getrennte Wege gehen …“ Nun begannen seine grünen Augen amüsiert zu funkeln. „Vielleicht reißen Sie mir ja den Kopf ab, aber das Risiko ist es mir wert …“

Sie standen jetzt in der Schlange vor der Passkontrolle, und während Kate ihn ansah, bedauerte sie bereits, sein Angebot ausgeschlagen zu haben. Sein Lächeln schlug sie in seinen Bann, und womöglich war es unfair gewesen, ihm irgendwelche Hintergedanken zu unterstellen …

Als er den Kopf neigte, wäre sie am liebsten einen Schritt zurückgewichen, doch hinter ihr stand jemand. Also hielt sie seinem Blick stand.

„Nun, da Sie nicht mehr so ängstlich und misstrauisch sind – und nicht so kratzbürstig“, fügte er hinzu, „sind Sie wirklich hübsch, Kate. Sehr sogar.“

Dann wandte er sich ab, um seinen Pass vorzuzeigen, wechselte einige Sätze auf Griechisch mit dem Beamten und verschwand zu ihrer Bestürzung in der Menge.

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