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Endlich glücklich auf Capri?

1. KAPITEL

Die Sonne sank bereits dem Horizont entgegen, als die letzte Fähre des Tages von Neapel im Hafen Marina Grande einfuhr. Kathleen stand an der Reling und schaute gedankenverloren auf das Meer hinaus, das im Licht des schwindenden Tages tiefrot erstrahlte, während sich der Himmel über ihr bereits im kühlen Blau der heraufziehenden Nacht präsentierte.

Sanft spielte der Wind mit einigen Strähnen ihres glänzenden, fast hüftlangen kastanienbraunen Haares, das sie heute einmal offen trug. Für einen Moment vergaß sie all ihre Sorgen. Ihre Züge wirkten entspannt, und in ihren Augen lag ein beinahe schon entrückter Glanz.

Capri. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht. Das Klingeln ihres Mobiltelefons holte sie in die Realität zurück.

Ein kurzer Blick auf das Display verriet ihr, dass es sich um die Rufnummer von Dream Holidays handelte, und zwar um die Durchwahl des Vorzimmers ihres direkten Vorgesetzten James Frazier.

„Malloy“, meldete sie sich förmlich. Das Verhältnis zwischen ihr und Fraziers Vorzimmerdame Gladys Seward war nicht sonderlich herzlich. Diese ärgerte sich wohl noch immer darüber, dass Kathleen den Job bekommen hatte, den nach ihrem Dafürhalten eigentlich die Tochter ihrer Cousine erhalten sollte. „Was gibt es, Gladys?“

„Ich vermute, Sie befinden sich noch auf der Überfahrt nach Capri. Hatten Sie eine angenehme Reise?“

Als ob dich das interessiert, dachte Kathleen mürrisch. Laut sagte sie: „Vielen Dank, der Flug nach Neapel verlief ohne Zwischenfälle. Aber deshalb rufen Sie mich doch sicher nicht an.“

Gekünsteltes Lachen am anderen Ende der Leitung. „Nein, wohl kaum. James bat mich, Ihnen mitzuteilen, dass es vielleicht ein paar kleine Schwierigkeiten mit Ihrem Transfer geben könnte.“

Kathleen verzog das Gesicht. Das lag weniger an den unerfreulichen Neuigkeiten, die Gladys ihr höchstwahrscheinlich mit Begeisterung übermittelt hatte, als daran, dass sie die leidige Angewohnheit besaß, den Leiter der Abteilung Mittelmeer bei Dream Holidays beim Vornamen zu nennen, wenn dieser nicht anwesend war.

„Kein Problem“, sagte sie. „Ich werde mir ein Taxi nehmen.“

„Das wird nicht nötig sein. James lässt ausrichten, dass Sie am besten die Seilbahn benutzen, die vom Hafen aus in die Stadt fährt. Bis Sie dort angekommen sind, sollte Ihre Abholung ebenfalls eingetroffen sein.“

„Wie erkenne ich den Mann?“

„Er wird Sie erkennen. Halten Sie sich einfach in der Nähe der Seilbahnstation auf. Ich habe Ihre Beschreibung durchgegeben.“

„Alles klar.“ Kathleen beendete die Verbindung. Mittlerweile hatte die Fähre im Hafen angelegt, und die meisten Passagiere waren bereits an Land gegangen. Sie nahm ihren kleinen Koffer, in dem sich alles befand, was sie für eine Geschäftsreise benötigte, und beeilte sich, das Schiff ebenfalls zu verlassen. Zuvor erkundigte sie sich allerdings nach dem Weg zur Seilbahn, die sich ganz in der Nähe des Hafens befand.

Mit viel Glück erreichte sie die Talstation gerade noch, ehe die letzte Bahn sich auf den Weg machte. Rasch löste sie ein Ticket und stieg ein. Da zu so später Stunde kein besonders großer Andrang herrschte, konnte Kathleen einen Platz am Fenster ergattern. Langsam, aber stetig kletterte der Wagen, der auf Schienen laufend mittels eines Stahlseils gezogen wurde, den Berg hinauf. Der Ausblick verschlug ihr beinahe den Atem. Das steil abfallende Gelände war üppig mit Lorbeer, Baumheide und Zistrosen bewachsen. Im letzten goldenen Sonnenlicht erstrahlte es noch einmal in all seiner Pracht.

Dann wurde es dunkel.

Kathleen öffnete die Seitentasche ihres Koffers und zog eine Akte mit der Aufschrift Cresta dei Falchi daraus hervor. Eine Büroklammer hielt eine Fotografie an den Deckel der Akte befestigt. Sie zeigte ein jahrhundertealtes Anwesen, malerisch gelegen inmitten von Weinbergen. Efeu, Kletterrosen und Wicken rankten sich an der terrakottafarbenen Fassade empor. Es fiel ihr nicht schwer nachzuvollziehen, warum James Frazier ein so großes Interesse daran zeigte, dieses Objekt in das Angebot von Dream Holidays aufzunehmen. Allein der Anblick lud zum Träumen ein, versprach Ruhe und Erholung.

Doch sie war nicht hier, um sich zu entspannen. Nein, dazu schickte James Frazier seine – nach eigener Aussage – beste Mitarbeiterin ganz gewiss nicht auf die Insel Capri. Er wusste einfach, dass er sich auf sie verlassen konnte. In den zehn Jahren, die sie nun schon für ihn arbeitete, hatte sie ihn noch nie enttäuscht. Kathleen besaß ein unbestreitbares Talent dafür, schwierige Verhandlungen zu einem positiven Abschluss zu bringen. Ein echter Profieben. Und dieses Mal hing für sie besonders viel davon ab, dass alles so lief, wie sie es sich vorstellte.

Mit einem letzten Rucken fuhr die Seilbahn in die Endstation ein. Kathleen, die völlig in das Studium ihrer Unterlagen vertieft gewesen war, packte eilig ihre Sachen zusammen. Da sie auch Zeit gefunden hatte, einen kurzen Blick in ihren Reiseführer Capri Kompakt zu werfen, wusste sie, dass der Platz, den sie nun betrat, Piazza Umberto oder einfach nur Piazzetta genannt wurde.

Hier gab es eine Menge Restaurants und Straßencafés, außerdem noch eine Vielzahl von kleinen Boutiquen und Andenkenläden.

Suchend blickte sie sich um, doch sie konnte in dem Gewühl von Menschen niemanden ausmachen, der nach ihr Ausschau zu halten schien. Nirgendwo ein eifrig in die Höhe gerecktes Schild mit der Aufschrift „Signorina Malloy“.

Na wunderbar, dachte sie und seufzte leise. Ihre Füße schmerzten höllisch nach mehr als acht Stunden in den teuren Designerschuhen, sie fühlte sich erschöpft und abgespannt. Alles, was sie jetzt noch wollte, war eine Dusche und dann ein Bett. Doch wie es aussah, würde sie auf beides noch eine Weile warten müssen.

Kathleen überlegte, ob sie die hübsche Einkaufsstraße entlangschlendern oder doch lieber versuchen sollte, einen Platz in einem der Straßencafés zu ergattern. Das heftige Brennen in ihren Fußsohlen gab den Ausschlag dafür, sich für die zweite Alternative zu entscheiden. Sie nahm auf der Terrasse eines Lokals Platz, von dem aus sie beinahe die gesamte Piazzetta überblicken konnte, und bestellte beim Kellner, als sie die unverschämt hohen Preise auf der Speisekarte erblickte, lediglich ein Glas stilles Wasser.

Eine halbe Stunde verging, ohne dass jemand auftauchte, dem der Tourist nicht schon auf hundert Metern Entfernung deutlich anzusehen war. Und die Uhr tickte unbarmherzig weiter. Eine weitere halbe Stunde später begann sich die Piazzetta langsam zu leeren und Kathleen die Geduld zu verlieren. Es war eine Unverschämtheit, sie so lange warten zu lassen.

Schließlich beschloss sie, da sie nun lange genug untätig dasaß, ihr Wasser zu zahlen und zu gehen. Sie würde sich ganz einfach ein Taxi zum Weingut nehmen. Wenn ihre Abholung in der Zwischenzeit eintraf, war das deren Pech. Sie hatte jedenfalls keine Lust, ihre erste Nacht auf Capri gemeinsam mit ein paar Stadtstreichern auf irgendeiner Parkbank zu verbringen.

Nach einem Taxistand Ausschau haltend, verließ sie die Piazzetta. Schon bald begegneten ihr nur noch wenige Touristen. Einheimische saßen im Schein von Kerzen vor ihren Häusern zusammen, unterhielten sich und lachten.

„Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich hier ein Taxi bekommen kann?“, wandte Kathleen sich Hilfe suchend an eine Gruppe älterer Frauen, doch die schienen kein Englisch zu verstehen. Jedenfalls erntete Kathleen nur ratlose Gesichter. Sie unterdrückte einen Fluch. Dummerweise sprach sie nur ein paar Worte Italienisch. Zu wenig jedenfalls, um sich in einer solchen Situation verständlich zu machen.

„Signorina?“

Kathleen drehte sich um, als sie den Ruf vernahm. Im schwachen Schein einer Straßenlaterne erblickte sie einen Mann. Sein Gesicht lag im Schatten, sie konnte nur erkennen, dass er groß und schlank war. „Meinten Sie mich?“, fragte sie und deutete zur Veranschaulichung ihrer Worte – Fremdsprachenkenntnisse schienen hier ja nicht gerade sehr weit verbreitet zu sein – mit einer Hand auf sich.

„Das kommt ganz darauf an“, erwiderte er auf Englisch, dem nicht der Hauch eines Akzents anhaftete. „Ich bin auf der Suche nach einer Mitarbeiterin von Dream Holidays, deren Beschreibung auf Sie zu passen scheint. Sind Sie zufällig Miss …“ Er versuchte etwas von einem Stück Papier zu entziffern, das er in der Hand hielt. „Miss Molski?“

Seine Stimme kam Kathleen ungeheuer bekannt vor, aber sie musste sich irren. Die Assoziation, die sie in ihr hervorrief, war einfach lächerlich, obwohl sie für einen Moment hätte schwören können … Nein, Unsinn!

Doch dann trat er aus dem Schatten heraus, und Kathleen konnte endlich sein Gesicht erkennen.

Sie erstarrte.

Nein, vollkommen unmöglich! Er sah ihm wahrscheinlich nur sehr ähnlich. Albern, auch nur anzunehmen, dass er es war. Nicht nach all den Jahren. Doch in dem Moment, in dem er den Mund aufmachte, konnte sie die Wahrheit nicht mehr länger verleugnen.

„Kathleen? Kathleen Jane Malloy, bist du das wirklich?“

Sie schluckte. Unglaublich, aber er war es tatsächlich. „Alessandro.“

Alessandro Gioberti konnte es nicht fassen, dass sie tatsächlich vor ihm stand. Kathleen Malloy. Es war nun schon so lange her, dass es ihm fast wie ein Traum vorkam. Zwölf Jahre mussten es bereits sein. Mindestens. Doch obwohl sie sich verändert hatte – sehr zu ihrem Vorteil, denn sie wirkte viel fraulicher, reifer als damals –, erkannte er sie auf Anhieb wieder.

Kein Wunder. Eine Frau wie sie vergaß man nicht so leicht.

Mit einem Anflug von Bedauern dachte Alessandro zurück an jene Nacht, in der sie sich liebten. Eine einmalig sinnliche Erfahrung, wie er sie danach niemals wieder erleben durfte. Mit Kathleen in seinen Armen hatte er die Welt um sich herum vergessen. Und nur widerstrebend war er kurz darauf abgereist, ohne Gelegenheit zu haben, sich von ihr zu verabschieden oder ihr sein Verhalten zu erklären. Die Umstände machten seinen überstürzten Aufbruch erforderlich und ließen es eine Weile lang auch nicht zu, dass er sich mit etwas anderem befasste.

Natürlich hatte er später versucht, wieder Kontakt zu Kathleen aufzunehmen, jedoch nur um zu erfahren, dass sie aus Lichfield weggezogen war, ohne ihre neue Adresse zu hinterlassen. All die kurzen Affären, die danach folgten, konnten ihm doch nie die Erfüllung bringen, die er mit Kathleen erlebt hatte. Und dann kam Giovanna …

„Na, so was“, sagte Kathleen und schüttelte den Kopf. „Alessandro Gioberti. Um ehrlich zu sein, ich dachte nicht, dass wir uns noch einmal wiedersehen.“

Alessandro konnte ihren Gesichtsausdruck nicht genau deuten, doch sie schien nicht sonderlich erfreut darüber zu sein, ihm zu begegnen. „Du siehst noch immer genauso gut aus wie früher“, sagte er und lächelte versonnen. „Vielleicht sogar noch besser.“

„Du kannst dir das Süßholzraspeln sparen“, erwiderte Kathleen kühl und bestätigte so Alessandros ersten Eindruck, dass ihr unerwartetes Aufeinandertreffen bei ihr nicht gerade Begeisterungsstürme auslöste. „Die Zeiten, in denen mich solche Worte haben dahinschmelzen lassen, sind längst vorbei. Du bist damals einfach verschwunden, erinnerst du dich? Keine Nachricht, kein einziges Wort. Zwölf Jahre lang habe ich nichts von dir gehört. Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich dir jetzt vor Freude um den Hals falle.“

„Ich bin nicht gerade stolz auf das, was damals vorgefallen ist“, erklärte er mit einem – wie er hoffte – entwaffnenden Lächeln. „Aber bitte glaube mir, dass mir keine andere Wahl blieb, als zu gehen.“ Er seufzte. „Das ist alles jetzt schon eine halbe Ewigkeit her. Wir waren fast noch Kinder, und seitdem ist eine Menge passiert. Denkst du nicht, dass es an der Zeit ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen?“

Es stimmte, sie waren beide noch sehr jung gewesen, Alessandro dreiundzwanzig, Kathleen gerade einmal achtzehn. Ein junges, unschuldiges Mädchen. Davon konnte heute keine Rede mehr sein. Die vergangenen Jahre waren ihr offenbar gut bekommen. Alessandro zweifelte ernsthaft daran, dass man das von ihm ebenfalls behaupten konnte.

Gerade erst fünfunddreißig geworden, durchzogen bereits erste graue Strähnen sein dunkles Haar. Seine Figur konnte man noch immer als sportlich durchtrainiert bezeichnen, was aber vor allem daran lag, dass er viel im Freien arbeitete. Zwar wusste er, dass er bei den Frauen in der Umgebung als begehrter Junggeselle galt, doch darunter war nicht eine, die an Kathleen heranreichte. Und nach der Erfahrung mit Giovanna hielt sich sein Interesse an Frauen ohnehin in Grenzen. Doch bei Kathleen war es anders. Schon jetzt fühlte er sich kaum mehr in der Lage, die Wirkung, die sie auf ihn ausübte, zu kontrollieren.

Kathleen schien damit weit weniger Probleme zu haben. Ihre Miene blieb verschlossen. „Ich nehme an, du bist gekommen, um mich abzuholen“, sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehen. „Könnten wir wohl langsam aufbrechen? Es war eine lange Reise, und ich bin ziemlich erschöpft.“

„Natürlich.“ Alessandro seufzte. Ganz offensichtlich war Kathleen nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu begraben. Sie war noch immer wütend auf ihn, und im Grunde konnte er es ihr nicht einmal vorwerfen. Noch wusste sie ja nicht, warum er damals einfach fortgegangen war. Und jetzt schien ihm nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, sie darüber aufzuklären. So nahm er sich vor, sie vorerst wie eine x-beliebige Fremde zu behandeln. Vielleicht fiel es ihr dann leichter, sich mit der Situation zu arrangieren. „Du arbeitest also für Dream Holidays?“, fragte er, um dem Gespräch eine unverfängliche Wendung zu geben.

„Schon seit vielen Jahren“, erwiderte Kathleen knapp. Sie schaute ihn an, als wollte sie sagen: Wenn du nicht einfach verschwunden wärst, bräuchtest du mich das nicht zu fragen. „Können wir jetzt endlich los?“

„Wir nehmen am besten ein Taxi. Für Grundbesitzer und residente Bürger ist die Benutzung eines Wagens auf Capri zwar erlaubt, aber ich finde es auf einer kleinen Insel wie dieser ziemlich überflüssig. Die meisten Strecken kann man leicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigen, und so lässt sich die fantastische Umgebung auch viel besser genießen.“

„Hast du deshalb so lange gebraucht, um hier zu erscheinen? Weil du auf deinem Weg noch die Schönheiten der Natur bewundern musstest?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, daran lag es nicht. Ein kleines Missverständnis ist schuld“, sagte er, ohne dabei zu erwähnen, dass im Grunde sein Großvater dafür verantwortlich war. Er hatte die Mitteilung von Dream Holidays entgegengenommen, dass ihre Mitarbeiterin bereits einen Tag früher als geplant eintraf, und sie erst in letzter Minute an Alessandro weitergeleitet. Aber das brauchte Kathleen nicht zu wissen. „Trotzdem möchte ich mich für meine Verspätung entschuldigen. Ich hoffe, du hast nicht allzu lange gewartet.“

Er konnte die gemurmelte Antwort nicht genau verstehen, aber es klang wie: Du hast ja keine Ahnung, wie lange. Da er aber nicht sicher sein konnte, beschloss er, darüber hinwegzugehen. „Wo ist dein Gepäck?“ Er blickte sich suchend um. Als sie auf ihren kleinen Koffer deutete, blinzelte er erstaunt. „Das ist alles?“

„Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber da ich nicht vorausahnte, dich hier anzutreffen, reise ich nur mit kleinem Gepäck“, entgegnete sie schnippisch. „Ansonsten hätte ich natürlich Abendgarderobe und teure Dessous eingepackt.“

„Natürlich“, sagte Alessandro. „Wenn du mir jetzt bitte folgen würdest.“

Er ahnte schon jetzt, dass die kommenden Tage kein reines Vergnügen für ihn werden würden.

Als der Wagen vor dem Weingut vorfuhr, war es bereits zu dunkel, als dass Kathleen Details des Gebäudes erkennen konnte. Durch zwei breite Flügeltüren trat sie in eine lang gestreckte Eingangshalle, die sparsam mit antiken Möbeln aus dunklem Holz möbliert war. Alles wirkte sehr geschichtsträchtig und anheimelnd zugleich. Die Touristen würden eine solche Umgebung sicher lieben.

Alessandro winkte eine junge Hausangestellte heran, die Kathleen mit einem freundlichen Lächeln und einem Knicks begrüßte. „Das ist Eleonora“, erklärte er. „Sie wird dir dein Zimmer zeigen und dir behilflich sein, solltest du noch irgendwelche Wünsche haben.“ Als er Anstalten machte, freundschaftlich einen Arm um sie zu legen, wich Kathleen ihm aus. Stirnrunzelnd sprach er weiter: „Da du ja, wie du sagtest, recht erschöpft bist, hast du sicher nichts dagegen, wenn wir uns erst morgen unterhalten.“

Wir? Wie darf ich das verstehen? Willst du damit etwa sagen, dass du mein Gesprächspartner bist?“

Alessandro schmunzelte. „Nun, was hast du erwartet? Mein Großvater hat die Leitung von Cresta dei Falchi vor fünfzehn Jahren an meinen Vater übertragen. Nach dem Tod meiner Eltern habe ich die Geschäftsführung übernommen.“ Er machte eine kurze Pause. Der Verlust seiner Eltern schmerzte ihn auch nach all den Jahren noch. „Ich weiß zwar nicht, was dein Mr. Frazier genau von mir möchte, aber sofern es das Weingut betrifft, bin ich der richtige Ansprechpartner für dich. Also, wir sehen uns dann morgen früh, wenn es dir recht ist. Sag Eleonora einfach, wann du geweckt werden willst. Und keine Sorge, sie spricht beinahe ebenso gut Englisch wie ich. Ich vermute, dein Italienisch hat sich im Laufe der Jahre nicht verbessert?“

„Man kann nicht gerade behaupten, dass ich ein gesteigertes Interesse hatte, daran zu arbeiten“, erwiderte Kathleen eisig. Dann wandte sie sich an Eleonora, wobei sie sich alle Mühe gab, Alessandro zu ignorieren. „Ciao Eleonora! Come va? Wie geht es Ihnen?“

„Vielen Dank, Signorina, es geht mir sehr gut. Ich hoffe, Ihre Reise war angenehm?“

Alessandro neigte offenbar nicht zu Übertreibungen, denn Eleonora sprach tatsächlich ganz ausgezeichnet Englisch. Kathleen unterhielt sich eine Weile lang mit der jungen Italienerin, doch sie war sich Alessandros forschendem Blick in ihrem Rücken die ganze Zeit über deutlich bewusst. Als er endlich ging, fühlte sie, wie Erleichterung sie durchströmte.

Eleonora führte sie hinauf in den ersten Stock zu ihrem Zimmer, das überraschend geräumig war und mit seiner rustikalen Einrichtung genau dem Stil entsprach, von dem James Frazier so angetan war.

„Kann ich noch irgendetwas für Sie tun, Signorina?“

„Nein, vielen Dank“, sagte Kathleen, aber als ihr Magen hörbar knurrte, überlegte sie es sich noch einmal anders. „Nun ja, vielleicht doch. Ich weiß, es ist schon recht spät, aber wäre es vielleicht möglich, noch einen kleinen Imbiss zu bekommen? Ein Käsesandwich würde mir schon genügen.“

„Das dürfte kein Problem sein“, erwiderte Eleonora lächelnd. Dann nickte sie Kathleen noch einmal zu und schloss die Tür hinter sich.

Endlich allein.

Kathleen fühlte sich plötzlich ganz schwach, als mit einem Mal alles auf sie hereinstürzte. Sie war hier, um dem Besitzer eines Weinguts ein Angebot von Dream Holidays zu unterbreiten. James Frazier hatte das Anwesen vor Kurzem während eines geschäftlichen Aufenthalts auf Capri entdeckt und sofort ein Auge darauf geworfen. Er sah in Cresta dei Falchi das ideale Flaggschiff der neu ins Programm aufgenommenen Linie Relax, die sich ganz auf das Klientel des Erholung suchenden Konzernmanagers konzentrierte.

Wie versessen ihr Chef darauf war, einen Deal mit dem Besitzer des Weinguts auszuhandeln, konnte man schon daran erkennen, dass er Kathleen geschickt hatte, um die Verhandlungen zu führen. Als zusätzlichen Anreiz stellte er ihr für den Erfolgsfall eine äußerst verlockende Prämie in Aussicht. Nur den Namen ihres Gesprächspartners auf Capri hatte Frazier mit keiner Silbe erwähnt. Hätte sie geahnt, dass ausgerechnet Alessandro Gioberti sie auf Capri empfing …

Lange Zeit lebte sie nun in der Gewissheit, ihn niemals wiederzusehen. Doch Alessandro hatte schon einmal bewiesen, dass er stets für eine Überraschung gut war. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, als er an jenem verhängnisvollen Abend vor zwölf Jahren plötzlich vor ihrer Tür stand.

Sie war förmlich aus allen Wolken gefallen. Seit er sechs Jahre zuvor mit seinen Eltern nach Italien zurückgekehrt war, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. In den ersten Monaten nach seiner Abreise bekam sie noch hin und wieder einen Brief von ihm, doch dann riss der Kontakt einfach ab. Die damals zwölfjährige Kathleen hatte dem Schwarm ihrer Kindheit lange Zeit nachgetrauert. Umso größer die Überraschung, ihn all die Jahre später wiederzusehen.

Angeblich stattete er Lichfield – und auch ihr – aus rein nostalgischen Gründen einen Besuch ab. Kathleen interessierte sich nicht für seine Gründe. Sie wusste nur, dass die Anziehungskraft, die er schon immer auf sie ausgeübt hatte, im Verlauf der Jahre sogar noch stärker geworden war. So groß, dass sie sich am Ende zu einem schwerwiegenden Fehler hinreißen ließ, der ihr ganzes Leben verändern sollte.

Aber jetzt war nicht der richtige Moment, um in der Vergangenheit zu schwelgen. Dazu bereiteten ihr die Gegenwart und vor allem die Zukunft zu großes Kopfzerbrechen. Wie sollte sie mit Alessandro umgehen? Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, konnte sie ihn nicht wie einen Fremden behandeln. Andererseits waren die Zeiten, in denen sie ihn als Freund betrachtet hatte, längst vorbei.

Unter normalen Umständen hätte Kathleen wahrscheinlich einfach bei Frazier angerufen und ihn darum gebeten, jemand anderen mit dem Projekt zu betreuen. In diesem Fall war an eine solche Vorgehensweise allerdings gar nicht zu denken. Kathleen musste diese Aufgabe unbedingt selbst zu einem positiven Abschluss bringen. Zu viel hing davon ab, als dass sie sich von diesem Ziel abbringen lassen durfte.

Sie trat ans Fenster und lehnte die Stirn gegen das kühle Glas. Dann schloss sie die Augen. Alessandro war Geschichte, ein lästiger Geist ihrer Vergangenheit. Abgesehen davon hatte sie schon mit viel größeren Kalibern verhandelt. Der Leiter eines kleinen Weinguts auf einer winzigen Insel im Mittelmeer sollte für sie doch kein Problem darstellen.

Nachdem sie sich auf diese Weise Mut zugesprochen hatte, fühlte sie sich schon ein wenig besser. Der kleine Imbiss, den Eleonora ihr ein paar Minuten später aufs Zimmer brachte, tat sein Übriges, um sie zu stärken.

Als sie an diesem Abend zu Bett ging, glaubte Kathleen fest daran, dass sie es schaffen konnte. Für dich, Emma, dachte sie, ehe ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen.

2. KAPITEL

Als Kathleen am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne bereits strahlend am Himmel. Gähnend trat sie ans Fenster und streckte sich genüsslich, wobei sie ihren Blick über die prachtvolle Gartenanlage des Gutshauses schweifen ließ. Es war ein wirkliches Blumenmeer, das sich da unter ihr ausbreitete. Blauvioletter Lavendel, zartrosafarbene Magnolien und rot leuchtende Geranien, umgeben von üppig blühenden Zitronenbäumen, deren weiße Blüten einen intensiv süßlichen Duft verströmten.

Es klopfte an ihrer Zimmertür. Widerwillig riss Kathleen sich von dem bezaubernden Anblick, den der Garten bot, los. Da sie annahm, dass es sich um Eleonora handelte, die kam, um sie zu wecken, verzichtete sie darauf, sich den dünnen Morgenmantel überzustreifen, der noch in ihrem Koffer steckte. Doch als sie öffnete, bereute sie diese Entscheidung sogleich wieder.

Buongiorno, Kathleen“, begrüßte Alessandro sie überschwänglich, während er sich mit einem Tablett, voll beladen mit köstlich duftenden Speisen, an ihr vorbeidrängte. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen und bist mit reichlich Appetit aufgewacht. Francesca, unsere Köchin, hat sich heute Morgen nämlich selbst übertroffen und …“

„Mach, dass du hier rauskommst, Alessandro!“

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