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Endlich geborgen bei dir

1. KAPITEL

Es goss in Strömen.

Laura Alcott bog mit ihrem Wagen in die kleine Reihenhaussiedlung ein, in der sie jetzt seit vier Tagen wohnte. Bei dem Anblick der hübschen roten Backsteinhäuser mit den gepflegten Vorgärten und den vielen bunten Blumenbeeten lächelte sie.

Country Garden Apartments.

Schon der Name hatte so freundlich geklungen. Die Siedlung gehörte zu Pollero, einer Kleinstadt sechzig Kilometer westlich von Austin. Gleich dahinter erstreckte sich offenes Land, so weit das Auge reichte. Jetzt, Ende März, waren die umliegenden sanften Hügel von Millionen blauer Lupinen bedeckt – dem Wahrzeichen dieser Gegend von Texas.

Laura war hierher gezogen, weil die Gegend weit abgelegen war, aber auch, weil die kleinen Häuser mit den altmodischen Fensterläden, die weiß gestrichenen Gartenzäune, Gaslaternen und gepflasterten Wege so etwas Beruhigendes hatten.

Und trotzdem war ihr am Einzugstag plötzlich der Gedanke gekommen, ob sie nicht doch einen Fehler beging. Immerhin hatte sie gerade auf einen Schlag alle Brücken zu ihrem bisherigen Leben abgebrochen.

Aber es war eine ungeheure Erleichterung, nicht mehr jeden Augenblick damit rechnen zu müssen, dass Jonathan vor der Tür stand oder bei ihr anrief.

Und nachdem jetzt alles ausgepackt und eingeräumt war, fühlte Laura sich in ihrem Apartment schon beinahe zu Hause. Endlich fiel die Anspannung von ihr ab. Vielleicht hatte sie jetzt wirklich Ruhe vor Jonathan, und er hatte die Scheidung inzwischen akzeptiert.

Lieber Gott, bitte …

Dieses Stoßgebet schickte sie fast jeden Tag zum Himmel, seit sie vor einem Jahr den Mut aufgebracht hatte, Jonathan zu verlassen. Die herrschaftliche Villa in Austin, in der sie all die Jahre mit Jonathan gelebt hatte, war auch so ein Statussymbol gewesen – wie Laura selbst. Nach ihrem Auszug hatte sie zunächst eine kleine Wohnung in Austin gemietet, weil sie ihren Freundeskreis und die vertraute Umgebung nicht verlieren wollte.

Aber vor einem Monat hatte sie begriffen, dass sie Jonathan nie loswerden würde, solange sie noch in derselben Stadt wohnten. Immer wieder kam er unangemeldet vorbei oder bedrängte sie am Telefon. Er hatte sogar begonnen, ihr mit dem Wagen zu folgen, wenn sie abends oder am Wochenende ausging. Als er sie bis ins Büro verfolgte, war ihr klar, dass es nicht so weitergehen konnte.

Also war Laura noch einmal umgezogen. Sie hatte extra einen Tag ausgesucht, an dem Jonathan bis abends im Operationssaal zu tun hatte, und die Flucht war geglückt. Aber um welchen Preis! Sie hatte ihre erste Stelle seit zehn Jahren aufgegeben und fing hier ganz allein wieder bei null an.

Es war die einzige Möglichkeit gewesen, denn sie kannte ihren Exmann. Wenn auch nur irgendjemand von ihren Freunden oder Bekannten wüsste, wo sie war, würde Jonathan es früher oder später herausfinden.

Seufzend verdrängte Laura die düsteren Gedanken und fuhr mit dem alten Toyota, den sie sich nach der Scheidung gekauft hatte, so dicht wie möglich an den Hintereingang des Hauses heran. Dann schaltete sie den Motor aus und blickte hinaus. Es schüttete jetzt wie aus Kübeln. Sie hatte keine große Lust, auf dem kurzen Weg ins Haus bis auf die Haut durchgeweicht zu werden. Daher beschloss sie, abzuwarten, bis der Regen irgendwann nachließ. Sie nahm ihr Handy und wählte die Nummer ihrer Großtante, die in einem Altersheim in Boston lebte.

„Tante Deena?“, sagte sie, als am anderen Ende die zittrige Stimme erklang.

„Laura? Bist du das?“

„Ja, Tante Deena.“

„Ach, wie schön! Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich erst heute wieder anrufen kann.“

„Ja, aber ich werde ganz nervös, wenn ich gar keine Möglichkeit habe, dich zu erreichen.“

„Tante Deena …“ Laura ermahnte sich zur Geduld. Die Tante ihrer Mutter war fünfundneunzig und vergaß eben manches. „Du hast doch meine Handynummer. Da kannst du mich jederzeit anrufen.“

„Diese neumodischen Dinger sind nichts für mich.“ Jetzt klang Tante Deenas Stimme schon viel fester.

Laura lachte. „Du musst das Handy dabei doch nicht benutzen!“

„Egal“, erklärte Deena eigensinnig. „Es geht ums Prinzip.“

Laura wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihrer Großtante zu streiten. „Ich wollte dir nur sagen, dass es mir gut geht“, fuhr sie deshalb munter fort. Als es am anderen Ende still blieb, fragte sie nach: „Tante Deena? Hörst du mich?“

„Ja, ja. Ich finde es nur so schade, dass die Ehen heutzutage nicht mehr halten. Dein Großonkel Harold und ich waren fast sechzig Jahre zusammen! Natürlich hatten wir auch schwere Zeiten, aber das haben wir miteinander durchgestanden. Ihr jungen Leute gebt ja gleich auf. Ich habe deiner Mutter gesagt, dass sie dir und Emily ein schlechtes Beispiel gibt, aber sie hat ja nie auf mich gehört.“

Laura unterdrückte einen Seufzer. Wie oft hatte sie das im letzten Jahr von Deena zu hören bekommen. Gern hätte sie ihr erklärt, woran ihre Ehe gescheitert war, aber dann würde sie ihrer Tante noch mehr Kummer bereiten. „Ich weiß. Aber vorbei ist vorbei. Ich bin geschieden, und jetzt versuche ich mir ein neues Leben aufzubauen.“ Sie gab sich Mühe, heiter und zuversichtlich zu klingen. „Und wie ist es dir diese Woche ergangen, Tante Deena?“

„Ach, mein Rheuma plagt mich, und die Augen sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber sonst bin ich fit wie ein Turnschuh.“

Laura lächelte. Fit wie ein Turnschuh. Das war ein Lieblingsausdruck ihrer Tante. „Wie schön.“

„Ja, Laura, danke für deinen Anruf, aber jetzt muss ich gehen, sie läuten zum Mittagessen.“

„Da willst du nicht zu spät kommen.“

„Oh nein, auf keinen Fall. Donnerstags gibt es Hackbraten.“

„Heute ist Freitag, Tante Deena.“

„Tatsächlich? Oh, ich weiß gar nicht mehr, was es freitags gibt.“ Plötzlich klang die alte Frau ganz verstört.

„Käsemakkaroni, oder? Und Fisch. Du magst doch Fisch“, sagte Laura schnell.

„Oh ja … vor allem, wenn sie dazu diese gute Sauce tatare machen. Laura, wann kommst du mich wieder besuchen?“

„Zu deinem Geburtstag, im Juni.“

„Gibt es da ein Fest?“

„Na klar! Man wird doch nicht jeden Tag sechsundneunzig.“

„Mit Kuchen und Geschenken und Kerzen?“

„Was wäre das denn sonst für ein Fest?“

„Da hast du recht. Wie schön! So, Kind, sie läuten schon wieder. Jetzt muss ich los. Bis bald!“

„Bis bald, Tante Deena. Nächsten Freitag rufe ich dich wieder an.“

Laura drückte auf die Taste und steckte das Handy langsam wieder ein. Jedes Mal, wenn sie sich von Tante Deena verabschiedete, saß ihr in letzter Zeit dieser Kloß im Hals. Ihre Großtante war immer so lebhaft, souverän und zupackend gewesen. Und jetzt … jetzt schienen ihre Rollen auf einmal vertauscht. Ihr Leben lang hatte Laura immer mit ihren Ängsten, Nöten und Träumen zu Deena kommen können. Seit ihrer Kindheit war ihre Tante ihr Halt und ihre Zuflucht gewesen. Doch nun war es, als wäre Laura die Erwachsene und ihre Großtante das Kind.

Manchmal fühlte Laura sich sehr allein. Sie hatte noch eine Mutter und eine Schwester, aber ihre Mutter lebte mit ihrem dritten Ehemann in London, und ihre Schwester Emily war zweiundvierzig und damit zehn Jahre älter als Laura. Sie und ihr Mann waren Archäologen und reisten ständig um die ganze Welt. Ohnehin hatten sich die beiden Schwestern nie besonders nahegestanden. Vor drei Jahren hatten sie sich zum letzten Mal gesehen, und ihr letztes Telefongespräch war auch schon wieder ein halbes Jahr her.

Kein Wunder, dass ich für Jonathan so eine leichte Beute war.

Als Laura jetzt hinaussah, hatte der Regen deutlich nachgelassen. Sie hängte sich die Tasche über die Schulter, zog den prallen Einkaufsbeutel vom Beifahrersitz und griff nach ihrem Regenschirm. Dann stieg sie aus dem Wagen und sprintete zur Hintertür ihres Reihenhauses.

Es dauerte einen Augenblick, bis sie aufgeschlossen hatte. Drinnen legte sie ihre Tasche und die Einkäufe auf den Küchentisch, stellte den nassen Regenschirm in eine Ecke und wollte gerade den Mantel ausziehen, da klingelte es an der Vordertür.

Das mussten die Leute von der Telefongesellschaft sein! Sie hatten versprochen, heute eine Buchse im Schlafzimmer zu installieren. Laura eilte durchs Wohnzimmer zur Eingangstür. Aber durch den Spion erblickte sie nicht den Telefontechniker.

Jonathan.

Es traf sie so unvorbereitet, dass ihr sofort das Herz bis zum Hals schlug und das Blut in den Ohren rauschte.

Nein!

Auf Zehenspitzen trat sie den Rückzug an, während ihre Gedanken rasten. Sie machte nicht auf, auch wenn er noch so lange klingeln und klopfen würde. Irgendwann würde er schon aufgeben und gehen.

Oder nicht?

Laura musste daran denken, wie eine der OP-Schwestern einmal eine Anordnung von ihm angezweifelt hatte und er der Frau danach so lange zugesetzt hatte, bis sie einen Versetzungsantrag stellte. Oder wie er sich einmal geweigert hatte, von der Tür eines Juweliergeschäfts wegzugehen, das fünf Minuten zu früh geschlossen hatte, bis man sie schließlich noch einmal hereinließ und sie bediente. Sie wusste, wie gnadenlos Jonathan sein konnte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Es klingelte wieder.

Laura starrte auf die Tür. Von innen war die Kette vorgelegt. Vielleicht würde er sich damit zufriedengeben, wenn sie die Tür so weit aufmachte, dass sie miteinander reden konnten.

Sie holte tief Luft, schob den Riegel zurück und öffnete einen Spaltbreit, bis die Kette einrastete.

„Hallo, Laura.“ Jonathan lächelte ihr zu. Dieses jungenhafte, anziehende Lächeln.

„Hallo, Jonathan. Was gibt’s?“

„Sei nicht so abweisend, Laura. Ich wollte dich nur sehen. Ich muss mit dir reden.“

„Es gibt nichts mehr zu reden. Wir haben uns schon alles gesagt.“

„Laura, ich mache dir keine Vorwürfe, dass du verletzt und wütend bist. Wirklich nicht. Aber du bist doch wohl nicht so böse auf mich, dass du mich nicht mal anhören willst.“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Das habe ich doch oft genug getan, Jonathan.“ Aber es hat sich nichts geändert. Und es wird sich auch nie etwas ändern. „Ich will nichts mehr hören.“

„Bitte. Lass mich kurz reinkommen. Nur bis ich sagen konnte, was ich zu sagen habe, und wenn du dann immer noch darauf bestehst, dass ich gehe, verschwinde ich.“ Als Laura sich nicht rührte, fügte er hinzu: „Komm schon. Sei nicht so herzlos. Ich werde hier draußen klatschnass.“

„Jonathan, ich …“

„Bitte, Laura. Ich möchte doch nur kurz mit dir reden.“

Sie seufzte. „Okay, fünf Minuten.“ Sie schob die Tür zu, löste die Vorhängekette und öffnete.

Kaum war Jonathan drinnen, versuchte er sie in die Arme zu nehmen, aber sie schüttelte den Kopf und wich vor ihm zurück. „Jonathan, du hast gesagt, du willst nur reden.“

„Ich weiß. Ich möchte dir sagen … Laura, Schatz, ich liebe dich. Bitte komm zurück. Ich kann ohne dich nicht leben.“

Er sah furchtbar aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Unter den Augen lagen dunkle Ringe, und sein Gesicht war eingefallen.

Er tat ihr trotz allem leid. „Jonathan“, sagte sie so sanft sie konnte. „Ich weiß, du glaubst …“

„Ich habe mich geändert“, unterbrach er sie heftig. „Wirklich. Ich tue alles für dich. Ich gehe zu einer Beratung, alles, was du willst. Nur komm wieder zurück.“ Er sah sie durchbohrend an. „Ohne dich halte ich es nicht aus. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht schlafen. Ich denke nur noch an dich, und was für ein Idiot ich war, und wie sehr ich dich liebe.“

Sie hob verzweifelt die Arme. „Bitte hör auf damit. Es geht einfach nicht mehr.“

„Laura! Warum bist du nur so kalt? So warst du vorher nie!“

„Ich bin nicht kalt. Es ist nur …“ Sie holte tief Luft. „Ich liebe dich nicht mehr.“

„Das meinst du doch nicht ernst. Du willst mich nur bestrafen. Aber du hast ja recht, ich habe eine Strafe verdient. Hier.“ Er hielt ihr eine Wange hin. „Schlag mich. Los. Schlag, so fest du kannst. Aber sag nicht, dass du mich nicht mehr liebst.“

„Hör auf, Jonathan! Hör auf damit!“

Er starrte sie nur an.

„Ich will dir nicht wehtun“, sagte sie leise. „Aber du musst endlich begreifen, dass ich nicht mehr zurückkomme.“

„Sag nicht so etwas!“ Er packte sie bei den Schultern, und sie zuckte zusammen. Sein Griff war hart und schmerzhaft. Laura schloss die Augen.

„Wir können meinetwegen auch Kinder haben, so viele du willst!“, rief er verzweifelt. „Nur komm nach Hause, wo du hingehörst.“

„Ich kann nicht!“, flüsterte sie.

Sein Griff wurde noch fester, und der Schmerz fuhr ihr durch beide Arme.

„Du meinst, du willst nicht.“ Jetzt war sein flehentlicher Ton verschwunden.

Von irgendwoher nahm Laura allen Mut zusammen und sah ihm direkt in die Augen. „Ja. Du kannst es nicht mehr ändern. Unsere Ehe ist vorbei.“

Da wurden seine Augen dunkel vor Wut. „Du Miststück!“, stieß er hervor.

Als er ihre Schultern abrupt losließ, dachte sie einen Augenblick, er hätte endlich begriffen und würde gehen. Deshalb traf sie der Stoß vor die Brust völlig unvorbereitet. Jonathan schlug sie so kräftig, dass sie das Gleichgewicht verlor und schwer mit dem Kopf an die Tischkante stieß.

Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie noch, wie er mit dem Fuß ausholte, um nach ihr zu treten.

Dann wurde alles schwarz um sie.

2. KAPITEL

Die Scheibenwischer von Kevin Callahans Ford Pick-up liefen auf schnellster Stufe, aber trotzdem konnte man die Umgebung draußen nur noch schemenhaft erkennen. Es war einer der schlimmsten Frühlingsregenstürme, den die Gegend seit Jahren erlebt hatte. Der Regen peitschte fast horizontal gegen den Wagen.

Kevin drosselte das Tempo noch weiter. Er hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Niemand erwartete ihn dort.

Er hasste die Wochenenden. Die Woche über hatte er zu tun und war genauso beschäftigt wie alle anderen. Aber samstags und sonntags, wenn andere Paare etwas zusammen unternahmen, wurde ihm die Einsamkeit fast unerträglich. Seine besorgte Familie versuchte ihn abzulenken, aber das half immer nur vorübergehend.

Du fehlst mir so, Jill.

Der Schmerz war inzwischen nicht mehr so stark, aber er würde nie ganz verschwinden. Das wollte Kevin auch gar nicht, denn wenn der Schmerz verging, dann würde auch die Erinnerung an Jill verblassen.

Was für eine grausame Ironie des Schicksals: Bis kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag hätte er nie geglaubt, dass er jemals heiraten würde. Er hatte immer ehrfürchtig auf die Ehen seiner Eltern und seiner Geschwister geblickt und dabei das Gefühl gehabt, er selbst könnte sich nie fest an einen Menschen binden.

Doch dann war er Jill begegnet, und schon nach drei Monaten hatten sie sich verlobt. Niemals hätte Kevin sich vorstellen können, dass er einmal so glücklich sein würde. Bis er von einem Augenblick auf den anderen alles verlor. Sechs Wochen vor ihrer Hochzeit starb Jill bei einem Autounfall. Die Wochen nach ihrem Tod erlebte er nur wie in dichtem Nebel, von Schmerz und Trauer völlig betäubt.

Das war jetzt ein Jahr her, und manchmal fiel es ihm noch schwer, zu glauben, dass Jill nicht mehr da war. Gerade heute hatte er viel an sie gedacht, weil er den Vormittag in Austin damit zugebracht hatte, die letzten Details für sein neues Büro zu organisieren. Sie wäre so stolz gewesen auf die Goldbuchstaben an der Tür: Kevin Callahan, Architekt.

Sich als Architekt selbstständig zu machen, war die Erfüllung eines lang gehegten Traumes. Nur hatte er jetzt niemanden mehr, mit dem er die Aufregung und Freude darüber teilen konnte.

Ach, Jill …

Er war so in Gedanken versunken, dass er beinahe die junge Frau übersehen hätte. Plötzlich war sie in seinem Blickfeld aufgetaucht, schwankend am Straßenrand. Hätte er nicht so blitzschnell reagiert, dann hätte er sie mit dem Wagen gestreift. In letzter Sekunde riss er das Steuer herum, um ihr auszuweichen, und verlor beinahe die Kontrolle über den Wagen, der seitlich über den nassen Asphalt rutschte.

„Was zum Teufel …?“ Mit klopfendem Herzen brachte Kevin den Pick-up zum Halten. Im Rückspiegel sah er, dass die Frau jetzt am Boden lag. Ein neuer Schreck durchfuhr ihn. Hatte er sie etwa erwischt?

Er sprang aus dem Wagen und lief zu der zusammengesunkenen Gestalt. Was machte sie bloß hier, in diesem fürchterlichen Unwetter, an einer einsamen Landstraße, meilenweit von den nächsten Häusern entfernt? War sie krank? Im Drogenrausch? Verrückt?

Er ging neben ihr in die Hocke. „Miss?“, fragte er sanft und berührte sie vorsichtig an der Schulter. „Alles in Ordnung?“

Die junge Frau schlug die Augen auf. „Ich …“ Ihre Zähne klapperten, und sie versuchte sich zitternd aufzurichten, aber gleich darauf sackte sie wieder erschöpft zusammen und schloss die Augen.

Als Kevin sie ein weiteres Mal ansprach, reagierte sie nicht mehr. Eilig trug er die Fremde zu seinem Wagen und ließ sie sanft auf den Sitz gleiten. Offensichtlich war sie verletzt oder krank.

Die nächste mögliche Anlaufstelle war die Notaufnahme im Tri City General, dem zentralen Krankenhaus der drei Nachbarstädte Rainbow’s End, Pollero und Whitley.

Er wollte schon den Notruf wählen, aber dann hielt er es für besser, wenn er die Fremde gleich selbst hinbrachte.

Kevin fuhr vorsichtig und warf immer wieder besorgte Blicke zu der bewusstlosen jungen Frau.

Dann sah er auch schon das Krankenhaus. Beim Anblick des modernen, gewaltigen Gebäudekomplexes empfand Kevin jedes Mal einen gewissen Stolz. Das Krankenhaus war von der Callahan-Baufirma errichtet worden, dem Unternehmen, das sein Vater gegründet hatte und das mit den Jahren zu einem der größten Arbeitgeber in der Region geworden war.

Kevin bog in die Einfahrt zur Notaufnahme, stellte den Motor ab und lief um den Wagen herum zur Beifahrerseite. Als er die junge Frau behutsam heraushob, schlug sie kurz die Augen auf.

Die Schwester am Empfang sah hoch und lächelte verblüfft, als ihre Blicke sich begegneten.

Kevin erkannte Jackie Fox, mit der er vor vielen Jahren ausgegangen war. „Hallo, Jackie.“ In knappen Worten schilderte er ihr, wie er die Verletzte gefunden hatte.

Jackie handelte sofort. „Komm mit, hier entlang“, sagte sie kurz. „Wir müssen ihr die nassen Sachen ausziehen.“

Als die Unbekannte schließlich auf einem Behandlungstisch lag, konnte Kevin sie zum ersten Mal richtig ansehen. Sie war älter, als er zuerst gedacht hatte – um die dreißig. Ihr langes Haar war dunkelblond. Sie war eine hübsche Frau, aber sie sah bleich und zerbrechlich aus.

Jackie fühlte den Puls und maß den Blutdruck. Dann nahm sie eine Decke aus einem Regal und deckte die Patientin zu. „Bleib bitte kurz bei ihr. Ich hole Doktor Sanchez.“

Kevin betrachtete die Züge der Fremden. Sie hatte ein feines Gesicht, mit einer kleinen Stupsnase und einem breiten Mund. Plötzlich regte sie sich, die Lider flatterten, und sie schlug die Augen auf. Ihre Augen waren von einem warmen Braun mit goldenen Reflexen, und zuerst schien sie nichts um sich herum wahrzunehmen, bis ihr Blick an Kevin hängen blieb.

„Hi“, lächelte er.

„Hi“, antwortete sie unsicher.

Er war froh, dass er ihr offenbar zumindest keine Angst einjagte. Als sie versuchte, sich aufzurichten, berührte er sie sanft an der Schulter. „Bleiben Sie lieber liegen. Der Arzt kommt gleich.“

„Der Arzt …?“

„Ja. Sie sind im Tri City General.“

Sie sah ihn verwirrt an. „Ich verstehe das alles nicht.“ Sie zuckte zusammen und hielt sich den Kopf mit beiden Händen. „Wie … wie bin ich hierher gekommen?“

„Ich habe Sie gebracht.“

„Ich kenne Sie ja gar nicht …“

„Sie waren auf der Straße …“

Weiter kam er nicht, denn in dem Augenblick betrat zu Kevins Erleichterung ein junger, etwas gehetzt wirkender Arzt zusammen mit Jackie den Raum.

„Ah, sie ist wach“, bemerkte Jackie. Mit einer Kopfbewegung wies sie auf Kevin. „Er hat sie hergebracht.“

„Ich bin Doktor Sanchez“, sagte der Arzt nun zu ihm gewandt.

„Kevin Callahan“, stellte Kevin sich vor.

Sie gaben sich kurz die Hand, und dann kümmerte Sanchez sich um die junge Patientin. Er untersuchte sie routiniert und schob anschließend einen Arm unter sie, um sie aufzurichten. Dabei zuckte sie zusammen und stöhnte auf.

„Wo tut es weh?“

„Überall. Kopf, Brust, Bauch …“, flüsterte sie.

Sanchez betastete vorsichtig ihren Kopf. „Ja“, sagte er, während er eine Stelle am Hinterkopf aus der Nähe musterte. „Sie haben da eine sehr hässliche Beule. Was ist passiert? Sind Sie gestürzt?“

„Ich … ich weiß nicht.“

Sanchez warf Jackie einen schnellen Seitenblick zu und beugte sich wieder über die Frau. „Sehen wir uns mal Ihre Brust an.“ Er knöpfte die Bluse auf und tastete vorsichtig die Rippen ab. „Können Sie tief einatmen?“

Sie verzog das Gesicht. „Es tut weh.“

„Hat Sie jemand geschlagen?“, fragte der Arzt geradeheraus.

„Ich … weiß nicht.“

Er musterte sie zweifelnd. „Sie wissen es nicht? Oder versuchen Sie jemanden zu decken?“

„Doktor“, warf Kevin ein. „Ich glaube, sie sagt Ihnen die Wahrheit.“ Dann erklärte er, wie er sie gefunden hatte, wobei er der Fremden immer wieder beruhigende Blicke zuwarf.

Sanchez wandte sich erneut an die Frau. „Wie ist Ihr Name, Miss?“

Plötzlich hatte sie einen panischen Gesichtsausdruck. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah zwischen Jackie, dem Arzt und Kevin hin und her. „Ich weiß nicht.“ Im nächsten Moment schlug sie die Hände vors Gesicht und begann verzweifelt zu schluchzen.

„Schon gut“, sagte Jackie sanft und legte der Unbekannten tröstend die Hand auf die Schulter.

Sanchez wandte sich an Kevin. „Sie wissen also auch nicht, wer sie ist?“

Kevin schüttelte den Kopf. „Ich war in meinem Wagen auf dem Heimweg. Sie lief in dem Unwetter die Straße entlang …“

Sanchez nickte langsam. „Wir schicken sie zur Computertomografie, um herauszufinden, was es mit der Beule am Hinterkopf auf sich hat. Mindestens eine Rippe ist gebrochen.“ Zu Jackie bemerkte er: „Machen wir auch noch ein paar Bluttests, für alle Fälle.“ Er griff nach der Krankenkarte und kritzelte eilig etwas hin, während er Jackie gleichzeitig weitere Anweisungen gab.

Als der Arzt verschwunden war, nahm Jackie Kevin beiseite, außer Hörweite der jungen Frau. „Hatte sie keine Brieftasche bei sich? Irgendeinen Ausweis?“

„Ich habe nichts gesehen.“

„Hast du noch Zeit? Dann können wir ein bisschen reden. Aber erst muss ich die Radiologie anrufen, damit sie sie hier abholen.“

Die junge Frau hatte sich etwas beruhigt und lag jetzt mit geschlossenen Augen flach auf dem Rücken. Sie tat Kevin leid. Es musste beängstigend sein, seinen Namen nicht zu wissen und sich an nichts zu erinnern. Ganz abgesehen davon, dass jemand sie offenbar angegriffen hatte!

Nach etwa zehn Minuten erschien ein Pfleger von der Radiologie. Mit Jackies Hilfe setzte er die junge Frau in einen Rollstuhl, und kurz darauf wurde sie hinausgerollt.

„Okay“, sagte Jackie. „Nehmen wir uns mal ihren Regenmantel vor. Vielleicht finden wir in den Taschen einen Anhaltspunkt.“

Aber zum Vorschein kamen nur ein paar zerknitterte Dollar-Scheine, ein Lippenstift und ein zusammengeknülltes Taschentuch.

„Wir können wohl nicht herausfinden, ob sie eine Krankenversicherung hat“, bemerkte Jackie.

„Das soll nicht das Problem sein“, sagte Kevin spontan. „Ich bezahle für ihre Behandlung.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“ Irgendwie fühlte Kevin sich für die Frau verantwortlich, auch wenn es dafür objektiv keinen Grund gab.

„Gut. Dann kümmere ich mich jetzt besser um die Formalitäten. Du müsstest ein Formular unterschreiben“, erklärte Jackie.

Während sie hinausging, um sich um die Papiere zu kümmern, zog Kevin sein Handy heraus. Er hatte seinem Bruder Rory für diesen Abend halbherzig zugesagt, zum Pot O’Gold zu kommen, einer Lieblingskneipe seiner beiden jüngeren unverheirateten Brüder. Aber jetzt hatte er die ideale Ausrede, um nicht hinzufahren.

Rory war sofort am Telefon. „Hey, Kevin“, antwortete er munter. „Bleibt’s bei heute Abend?“

„Nein, tut mir leid, heute wird nichts daraus.“

„Wieso? Was ist los?“

Kevin erzählte ihm in knappen Worten, was passiert war. „Ich bleibe noch ein bisschen hier, bis man weiß, was ihr fehlt, und dann fahre ich wohl gleich nach Hause und lege mich ins Bett.“

„Du meinst, du willst heute Abend Trübsal blasen.“

„Wenn mir nicht danach ist, dann …“

„Ich habe schon verstanden und weiß, wie dein Abend heute aussehen wird. Wie immer, seit Jill tot ist.“ Rory machte eine Pause. „Das würde sie nicht wollen, Kevin“, sagte er dann beschwörend. „Sie würde sagen: Lass dich nicht hängen, schau nach vorn.

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