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Empirische Sozialforschung

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Prof. i. R. Dr. Helmut Kromrey, bis 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und Methodenlehre an der Freien Universität Berlin; Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Bildung und Beruf, Medien, Stadt, Wissenschaftstheorie und empirische Forschung, Evaluation.

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Prof. Dr. Jochen Roose ist Professor für Sozialwissenschaften am Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, Polen. Seine Forschungsthemen sind Partizipation, Europäisierung und Methoden der empirischen Sozialforschung.

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Prof. Dr. Jörg Strübing forscht und lehrt zu qualitativ-interpretativen Methoden der empirischen Sozialforschung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

1 Empirische Sozialforschung und empirische Theorie

1.1 Zur Situation empirischer Sozialwissenschaft

1.1.1 Funktion von Wissenschaft in der Gesellschaft

Während des überwiegenden Teils der Menschheitsgeschichte bis weit in die neuere Geschichte hinein existierte das, was wir heute im Alltag unter „Wissenschaft“ verstehen, noch überhaupt nicht. Allenfalls gab es im Bereich des Handwerklichen, des Ackerbaus, der Schifffahrt und vor allem der Waffentechnik Erfahrungen, die im praktischen Umgang mit der Welt gewonnen und die dann von Generation zu Generation als Handlungswissen (teilweise als Geheimwissen) weitergegeben wurden.

Eine ausdrückliche Definition von „Sozial“wissenschaft gar kennen wir erst seit kurzem. „Wissenschaft“ war quasi selbstverständlich Naturwissenschaft. Der Umgang mit dem Wort dagegen war eine „Lehre“; und denjenigen, der sich damit beschäftigte, nannte man einen „Gelehrten“. Der Begriff Soziologie geht auf den französischen Philosophen Auguste Comte (1798–1857) zurück. Ursprünglich hatte er von physique sociale gesprochen. Sie sollte nach dem Vorbild der positiven – d. h. empirische Fakten feststellenden und erklärenden – Naturwissenschaften die gesellschaftlichen Erscheinungen studieren und ihre Gesetze aufzeigen.

Mit dem Schwinden der Bedeutung verbindlicher Zielvorgaben, wie sie bis dahin Religion und Tradition bereitstellten, waren auch zentrale Orientierungs- und Legitimationsgrundlagen für menschliches Handeln verloren gegangen. Die entstehende Lücke sollte nun – nach der Vorstellung von Auguste Comte – die Wissenschaft ausfüllen. Als konzeptuelle Basis dafür bot er (ohne Selbstbescheidung) seine Hauptwerke Cours de philosophie positive und Système de politique positive an.2

Auguste Comte postulierte für die Entwicklung jeder historischen Gesellschaft wie auch für die gesamte Menschheitsgeschichte ein sogenanntes Dreistadiengesetz. Danach durchlaufen sowohl die individuellen Erkenntnisfähigkeiten als auch die Wissenschaften und die Zivilisation „notwendigerweise und unumkehrbar drei Entwicklungsstadien zunehmender Aussonderung und Konkretisierung“ (Lexikon zur Soziologie, 1978, 169; s. auch zusammenfassend Abels 2004, 365 ff.), und zwar ein theologisch-fiktives, ein metaphysisch-abstraktes und ein positiv-reales Stadium:

  • Im theologisch-fiktiven Stadium deuten – so meinte Comte – die Menschen die Natur durch die Annahme der Existenz willensbegabter Wesen (Geister, Götter), welche die rätselhaften Naturvorgänge von innen her bewirken. In einer solchen Gesellschaft bekleiden dementsprechend Priester und Theologen die Machtpositionen.
  • In der mittleren Epoche, dem metaphysisch-abstrakten Stadium, wird die Naturerklärung mittels personenähnlicher Wesen durch abstrakte „Wesensbegriffe“ wie Substanz, Äther ersetzt. Die Theologen müssen ihre gesellschaftlich führende Stellung an die Vertreter einer metaphysisch-abstrakten Philosophie abgeben. Auch die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen unterliegen zunehmend abstrakten Regeln.
  • Im positiv-realen Stadium schließlich wird die Natur durch die Aufdeckung gesetzmäßiger Zusammenhänge auf der Grundlage empirischer Forschungen wissenschaftlich erklärt. Abstrakt-willkürliche Regelungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen sollen durch eine auf Fachwissen und Berufserfahrung beruhende Lenkung der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ersetzt werden. Alle Entscheidungen sollen aus dem Bereich des Willkürlichen herausgenommen und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden. Die Aufgabe einer „positiven“ Wissenschaft ist es dann (nach Comte), den Maßstab für die Erkenntnis zu liefern, was gut und was richtig ist.

Diese Zukunftsperspektive aus dem vorigen Jahrhundert und die damit verbundene Aufgabenzuschreibung an die Wissenschaft (genauer: an eine empirisch fundierte, nicht-subjektivistische, „positive“, kurz: eine „Erfahrungswissenschaft“) haben bis in die jüngste Zeit nachgewirkt. Die Ausweitung des Zuständigkeitsbereichs der Wissenschaften – vor allem des Feldes der Sozialwissenschaften – in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist zumindest teilweise so zu erklären.3 Man erhoffte sich von ihr sowohl Hilfen zur Orientierung bei politischen Entscheidungen (wissenschaftliche Beratung der Politik, sozialwissenschaftliche Begleitung und empirische Evaluation politischer Programme) als auch eine sichere Basis zur Rechtfertigung gesellschaftlichen Handelns. Die Wissenschaft sollte auf der Grundlage empirischer Daten unbestreitbare, handlungsleitende Erkenntnisse bereitstellen, sollte den Prozess politischer Entscheidungen aus dem Zwielicht undurchschaubarer Mehrheits- und Machtkonstellationen herausführen und zur Entscheidungsfindung auf der Basis „objektiver“ Daten beitragen.4 Die Wissenschaft sollte aber nicht nur „objektive Daten“ liefern, also nicht nur herausfinden, was ist, sondern auch, was sein soll.

Der Streit um Werte und ihre wissenschaftliche Begründbarkeit5 ist zwar mittlerweile abgeklungen, nicht aber mit einem eindeutigen Ergebnis zu den wissenschaftsgeschichtlichen Akten gelegt worden.

Die mit den oben skizzierten großen Hoffnungen einhergehende Wissenschaftsgläubigkeit ist zumindest im Bereich der Sozialwissenschaften – aber auch im naturwissenschaftlichen Bereich – zunehmend einer Ernüchterung gewichen. Wissenschaft wird weitgehend nicht mehr als die Institution gesehen, die letzte, endgültige Wahrheiten bereitstellt.

Eine solche skeptische Haltung wird von der diesem Buch zugrunde gelegten wissenschaftstheoretischen Position des Kritischen Rationalismus nicht nur hingenommen, sondern steht ausdrücklich im Einklang mit ihrer Grundauffassung. Danach ist es gerade ein wesentliches Merkmal wissenschaftlichen Wissens, dass es sich immer wieder aufs Neue zu bewähren hat, dass es immer wieder in Zweifel gezogen, immer wieder erneut getestet und in neuen Zusammenhängen überprüft werden muss. Empirische Wissenschaft soll nicht „Glaubenssicherheit“ vermitteln, sondern die Welt – so wie sie ist – beschreiben und erklären, soll die Augen für den kritischen Blick auf die Realität öffnen.

1.1.2 Zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis

Die Beschränkung der empirischen Wissenschaft auf beschreibende und erklärende Aussagen sowie der Verzicht auf den Versuch, wertende Handlungsanweisungen wissenschaftlich zu begründen, muss jedoch kein Nachteil sein. Wenn eine Erfahrungswissenschaft auch nicht begründen kann, was sein soll, so besteht doch in komplexen Industriegesellschaften ein zunehmender Bedarf an wissenschaftlich abgesicherten beschreibenden und erklärenden Aussagen darüber, was ist, wie die Dinge zusammenhängen, welche Folgen bestimmte Handlungen und politische Programme haben können. Bedarf an sozialwissenschaftlichen Daten besteht in vielfältigen gesellschaftlichen Bereichen, die hier nur mit einigen Stichworten angedeutet seien: Ursachen sozialer Ungleichheit, psychosoziale Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit, Integration von Migranten, Prozesse gesellschaftlichen Wandels, Technikfolgenabschätzung etc. Zunehmend wird das technologisch Machbare nicht mehr als etwas angesehen, das notwendigerweise realisiert werden muss; zunehmend wird gefordert, das Machbare zunächst an psychischen, sozialen und gesellschaftlichen Erfordernissen und Konsequenzen zu messen. Hierbei aber ist wieder die Sozialwissenschaft gefragt, und zwar nicht als Begründer von Zielen, sondern als Produzent praxisrelevanter sozialwissenschaftlicher Forschungsresultate.

Doch auch in dieser eingeschränkten Funktion hat die Sozialwissenschaft Schwierigkeiten, mit der sozialen Praxis zusammenzukommen. So wird immer wieder neu diskutiert, wie denn praxisrelevante, d. h. anwendungsorientierte Sozialforschung auszusehen habe. Der Vorwurf von Praktikern an die Sozialwissenschaft lautet häufig, sie produziere entweder Banalitäten, die jeder Praktiker ohnehin schon lange wisse, oder die Ergebnisse seien völlig praxisfern.

In dieser Hinsicht haben es die Sozialwissenschaften im Vergleich zu den Naturwissenschaften heute besonders schwer. Eine Wissenschaft, die sich mit dem Erleben und dem Verhalten von Menschen beschäftigt, betritt ja kein Neuland; sie tritt in Konkurrenz zu vorhandenem Alltagswissen, zu bereits vorhandener Alltagserfahrung. Das in der Menschheitsgeschichte in Jahrtausenden angesammelte Wissen ebenso wie das in der Entwicklungsgeschichte jedes Individuums – in seinem ganzen bisherigen Leben – kumulierte Alltagswissen zeichnen sich gerade durch einen hohen Grad an praktischer Bewährung im Alltag aus: Was sich da an Wissen und Erfahrung angesammelt hat, muss zwar nicht unbedingt richtig sein (im Sinne von exakter Übereinstimmung mit der Realität), aber es „funktioniert“, d. h. es hat sich in der Bewältigung von Alltagsaufgaben als hilfreich erwiesen.

Sofern nun die Sozialwissenschaft Ergebnisse liefert, die mit diesem „funktionierenden“ Alltagswissen übereinstimmen, lautet die verständliche Reaktion: „Das ist doch trivial; das wissen wir schon längst. Wozu muss man mit großem Aufwand Daten erheben und auswerten, wenn schließlich nur Selbstverständliches herauskommt?“

Sobald dagegen die Sozialwissenschaft Ergebnisse produziert, die besagen, dass das bisher bewährte Alltagswissen eigentlich nicht stimmt, dass seine Anwendung nur unter ganz bestimmten Bedingungen „funktioniert“, herrscht große Skepsis, wenn nicht gar Ablehnung gegenüber solchen Forschungsergebnissen.

Im ersten Fall – Alltagswissen und wissenschaftliche Erkenntnisse stimmen überein – werden die Forschungsbefunde allenfalls dann begrüßt, wenn bereits getroffene Entscheidungen auf diese Weise zusätzlich legitimiert und „wissenschaftlich abgesichert“ werden können.

Im zweiten Fall – Alltagswissen und wissenschaftliche Erkenntnisse stimmen nicht überein – haben die Forschungsbefunde vor allem dann eine Chance, akzeptiert zu werden (ja, sie werden sogar dringend gefordert), wenn bisher bewährtes Alltagswissen unter geänderten Rahmenbedingungen nicht mehr „funktioniert“, wenn die bisherige gesellschaftliche Praxis in eine Krise geraten ist.

Schließlich kann noch ein dritter Fall eintreten: Wissenschaftliche Befunde werden zu einem Bereich vorgelegt, über den bisher noch kein oder nur wenig Alltagswissen existiert. Falls sich solche Forschungsergebnisse dennoch auf einen – im Sinne der Alltagserfahrung – wichtigen Gegenstandsbereich beziehen, trifft das gleiche zu wie im zweiten Fall: Die Befunde werden gern aufgegriffen, soweit sie nicht mit wesentlichen Wertvorstellungen des Adressaten in Widerspruch stehen. Betreffen sie dagegen einen – im Sinne der Alltagserfahrung – unwichtigen Gegenstandsbereich, werden sie als unnütze Forschung (als „Wissenschaft im Elfenbeinturm“) abgetan.

Wer also sozialwissenschaftliche Forschung in der Hoffnung betreibt, allein durch die Resultate einiges in Bewegung zu bringen, wird mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. Nach dem oben Geschilderten ist es denn auch kein Zufall, wenn es für die Themen sozialwissenschaftlicher Forschung ähnliche „Konjunkturen“ gibt wie in der politischen Auseinandersetzung. Vor allem Forschung über Sachverhalte, die im politischen Raum als „problematisch“, d. h. als lösungsbedürftig angesehen werden, hat eine unmittelbare Chance sowohl auf die Bewilligung von Forschungsgeldern als auch darauf, dass ihre Ergebnisse zur Kenntnis genommen werden. Verständlicherweise greifen daher Sozialwissenschaftler mit Vorliebe solche Sachverhalte auf, für die sie erstens eine Chance sehen, Forschungsmittel bewilligt zu bekommen, und bei denen sie zweitens nicht die enttäuschende Erfahrung machen, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit auf wenig Akzeptanz treffen.

Die geschilderte Problemlage unterscheidet die Sozialwissenschaften von der gegenwärtigen Situation der Naturwissenschaften: Bezüglich der zu behandelnden sozialwissenschaftlichen Fragen und Probleme liegt Alltagswissen vor. Zu Fragen (beispielsweise) der Erziehung von Kindern, der Zugangsmöglichkeiten zu weiterführender Bildung, zum innerbetrieblichen Arbeitsklima, zu den sozialpolitischen Konsequenzen von Arbeitslosigkeit oder ungleicher Einkommensverteilung etc. hat jeder von uns seine eigene Anschauung. Das Vorliegen solchen Alltagswissens ist häufig sogar die Voraussetzung dafür, dass ein Problem als sozialwissenschaftlich relevant beurteilt wird.

Die Forschungsfelder der Naturwissenschaften dagegen entfernen sich zunehmend von den Möglichkeiten alltäglicher Anschauung: Neue Ergebnisse etwa über die Entdeckung eines bisher unbekannten Bestandteils des Atomkerns oder der Supraleitfähigkeit von Materialien entziehen sich der alltäglichen Lebenserfahrung. Sie können beim naturwissenschaftlichen Laien nicht in Konkurrenz zum bisher Erlebten treten. Zwar wird in jüngerer Zeit auch im technologischen Bereich Kritik laut, etwa an der Energiegewinnung mittels Kernspaltung (Atomkraftwerke), am Gefährdungspotenzial chemischer Produkte, an der Gentechnik. Hierbei handelt es sich jedoch um Kritik, die sich nicht gegen die Richtigkeit oder die vermutete Trivialität der wissenschaftlichen Aussagen wendet, sondern gegen die beobachteten oder befürchteten Konsequenzen der praktischen Anwendung besagter wissenschaftlicher Erkenntnisse.

In den Sozialwissenschaften setzt die Kritik aber nicht erst bei bestimmten Formen der Anwendung ihrer Befunde ein (etwa bei didaktischen Umsetzungen empirisch gestützter, lerntheoretischer Annahmen in Lernsoftware oder Online-Teaching). Die Kritik richtet sich vielmehr bereits gegen die Aussagen selbst. Dies ist allerdings kein spezifisch sozialwissenschaftliches Schicksal, sondern damit sahen sich in früheren Zeiten auch die Naturwissenschaften konfrontiert. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie „Die Erde ist eine Kugel“ oder „Die Erde dreht sich um die Sonne“ widersprachen bei ihrer Entdeckung in eklatanter Weise aller bisherigen Alltagswahrnehmung und stießen demgemäß auf erbitterten Widerstand.6

1.1.3 Zum Verhältnis von Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung

Die bisherigen Überlegungen zur gesellschaftlichen Einbindung empirischer Sozialwissenschaft führen zur Frage nach dem Zusammenhang und nach dem Unterschied von (theoretischem) Grundlagenwissen versus Praxiswissen bzw. von Grundlagenforschung versus anwendungsorientierter Forschung. Für das hier behandelte Thema „Methoden empirischer Sozialforschung“ ist diese Unterscheidung u. a. deshalb von Bedeutung, weil Forschungslogik und -methodik weitgehend vor dem Hintergrund des Vorgehens in der Grundlagenforschung entwickelt und begründet worden sind, während andererseits der Großteil tatsächlicher empirischer Forschungen durch anwendungsorientierte Fragestellungen initiiert wird.

So kommt es, dass faktisches Forscherverhalten häufig darauf hinauslaufen muss, einen Kompromiss zu finden zwischen den Anforderungen, die sich einerseits aus der Methodologie und andererseits aus dem Gegenstand der Untersuchung ergeben. Zwar gehen anwendungsorientierte Projekte ebenso wie Projekte der Grundlagenforschung prinzipiell von der gleichen Methodologie aus; doch führen Unterschiede in der Aufgabenstellung und in den Bedingungen der Projektdurchführung dazu, dass sich die methodologischen Prinzipien nicht in gleichem Maße realisieren lassen. Wenn auch dieser Punkt im vorliegenden Text nicht ausdiskutiert werden kann, seien hier doch zumindest einige Differenzierungsmerkmale skizziert (ausführlicher Kromrey 2003).

Sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung legt ihr Gewicht auf die Produktion und Vermehrung von möglichst allgemeingültigem Wissen, auf die verallgemeinerbare Beschreibung (Diagnose) und Erklärung sozialer Sachverhalte und Zusammenhänge. Nicht der einzelne Fall, sondern der genau identifizierte, generelle Zusammenhang steht im Vordergrund des Interesses. Im Unterschied dazu soll anwendungsorientierte Forschung Ergebnisse liefern, die beim aktuellen Entscheidungsprozess verwertet werden können. Nicht abstrakte Zusammenhänge („Gesetzmäßigkeiten“) stehen im Vordergrund, sondern die Anwendbarkeit der Befunde auf einen aktuellen Fall oder auf eine Klasse gleichartiger Fälle.

Grundlagenforschung begründet die Relevanz der von ihr aufgegriffenen Themen wissenschaftsimmanent aus bestehenden Lücken im bisherigen Wissensbestand bzw. aus Widersprüchen zwischen bisherigen Wissensbestandteilen. Bei anwendungsorientierter Forschung leiten sich die behandelten Fragestellungen aus den Bedürfnissen der Praxis her (z. B. Wirksamkeit eines Unterrichtsprogramms zur Kompensation der Benachteiligungen von Kindern aus Unterschichtfamilien im traditionellen Bildungssystem).

In der Grundlagenforschung sind die Fragestellungen der Untersuchung und die Sicherung der Gültigkeit der Resultate Maßstab aller Entscheidungen der Wissenschaftlerin bzw. des Wissenschaftlers. Die Untersuchung wird so konzipiert, dass präzise Aussagen zu dem erforschten Sachverhalt möglich werden. Sie versucht, alle Randbedingungen zu erfassen, die Einfluss auf die Ergebnisse haben können. Im Grenzfall werden unter kontrollierten Bedingungen Experimente im Forschungslabor durchgeführt, selbst wenn dadurch die Reichweite der Aussagen eingeschränkt werden sollte oder die Forschungen einen langen Zeitraum erfordern. Bei anwendungsorientierter Forschung steht nicht das Forschungsprojekt und seine absolut „wissenschaftliche“ Durchführung im Vordergrund, sondern die Anwendungspraxis (z. B. das zu untersuchende Handlungsprogramm). Präzision und Allgemeingültigkeit der Aussagen müssen notfalls zurückstehen, wenn dadurch die Resultate „zu spät“ (z. B. nicht rechtzeitig vor einer anstehenden politischen Entscheidung) zustande kämen oder wenn durch die Forschung die Durchführung des zu untersuchenden Programms behindert werden könnte.

Ergebnisse von Grundlagenforschungen hat die Wissenschaftlerin bzw. der Wissenschaftler vor den Fachkollegen zu vertreten. Ihnen gegenüber ist das Vorgehen zu rechtfertigen, und zwar durch den Nachweis der Einhaltung der geltenden wissenschaftlichen Standards. Ziel ist der kritische Diskurs mit den Fachkollegen, in welchem die möglicherweise vorhandenen Schwächen des gewählten Ansatzes oder eventuelle Fehlschlüsse bei der Einordnung der Befunde aufgedeckt werden sollen. Es gehört daher zu den selbstverständlichen Normen der empirischen (Grundlagen-)Wissenschaft, die Forschungsergebnisse möglichst aktuell zu veröffentlichen, das methodische Vorgehen zu erläutern und die Befunde auch in ihren Einzelheiten allen Interessierten zugänglich zu machen.

Bei anwendungsorientierten Projekten (insbesondere bei Auftragsforschungen) dagegen haben es die Forscher bei der Rechtfertigung ihres Vorgehens nicht in erster Linie mit anderen Wissenschaftlern, sondern mit Praktikern zu tun. Bei ihnen steht als Beurteilungsmaßstab die unmittelbare Brauchbarkeit (Praxisrelevanz) der Ergebnisse für die aktuell von ihnen zu lösenden Probleme im Vordergrund. Ein Forscher, für den die strikte Einhaltung aller wissenschaftlichen Standards oberste Priorität hat, eine Forscherin, die ihr Ansehen gegenüber den Fachkollegen nicht durch möglicherweise „unwissenschaftlich“ erscheinende Forschungen aufs Spiel setzen will, werden daher nicht selten Konflikten zwischen widerstreitenden Anforderungen ausgesetzt sein. Hinzu kommt, dass sie nicht immer selbst darüber entscheiden können, ob, wann und in welcher Weise die von ihnen erzielten Resultate veröffentlicht werden.

Grundlagenforschung

Anwendungsorientierte Forschung

Interesse am Generellen

Interesse am konkreten Fall

Bearbeitung von Wissenslücken in der Wissenschaft

Lösung praktischer Probleme

Entscheidungen im Forschungsprozess nach Gründlichkeit und Genauigkeit

Entscheidungen im Forschungsprozess nach zeitlich naher Realisierbarkeit

Darstellung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Darstellung für Praktikerinnen und Praktiker

Tabelle 1.1:Vergleich Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung

1.1.4 Zum Verhältnis von „wissenschaftlicher Erfahrung“ und Alltagserfahrung

Empirische Wissenschaft wird üblicherweise Erfahrungswissenschaft genannt. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die mit empirischen Daten begründeten Aussagen auf der „Erfahrung“ beruhen.7 Diese Begriffswahl ist durchaus gerechtfertigt, denn empirisch-wissenschaftliche Erfahrungen und Alltagserfahrungen sind nicht grundsätzlich verschieden. Beide basieren auf Beobachtungen.8 Die Beobachtungen sind in beiden Fällen theoriegeleitet. Hier wie dort zielt man auf Klassifizierungen der beobachteten Phänomene (Sachverhalte, Ereignisse etc.) und auf Schlussfolgerungen ab, d. h. die Beobachtungen sind nicht Selbstzweck.

Wissenschafts- und Alltagserfahrung unterscheiden sich jedoch darin, dass alltägliche Beobachtungen und Schlussfolgerungen stärker auf konkretes Handeln, auf die jeweilige besondere Situation, auf den Einzelfall gerichtet sind: Was habe ich in dieser speziellen Situation beobachtet? Was ist in dieser speziellen Situation zu tun? (Zum Beispiel: Wie entwickelt sich die Bürgerinitiative gegen den Ausbau der Autobahn in X? Wird sie Erfolg haben? Was muss sie tun, um ihre Ziele zu erreichen?) Die Alltagsbeobachtung versucht dabei, die komplexe Einzelsituation in ihrer individuellen Besonderheit unter bestimmten alltagsrelevanten Gesichtspunkten möglichst umfassend wahrzunehmen, um im Einzelfall möglichst präzise Voraussagen über die Angemessenheit bestimmter Handlungsstrategien machen zu können. Alltagserfahrung ist damit auf die individuelle Ansammlung von handlungsrelevantem Wissen ausgerichtet.

Wissenschaftliche Beobachtung ist im Vergleich dazu stärker selektiv – wobei zugleich die Selektivität in höherem Maße kontrolliert wird – und stärker verallgemeinernd. Sie versucht, aus einer Vielzahl ähnlicher Situationen das Gemeinsame herauszuarbeiten, um relevante Einflussgrößen isolieren und generalisierende Prognosen formulieren zu können: Was ist den Situationen vom Typ X gemeinsam? Was sind die wichtigen Einflussgrößen in Situationen vom Typ X? (Zum Beispiel: Aus welchen Gründen bilden sich Bürgerinitiativen? Unter welchen Bedingungen können sie erfolgreich auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen?)

Empirisches wissenschaftliches Arbeiten verfolgt also (grob zusammengefasst) zwei wichtige Ziele:

  • die Phänomene der realen Welt (möglichst „objektiv“) zu beschreiben und zu klassifizieren,
  • die (möglichst allgemeingültigen) Regeln zu finden, durch die die Ereignisse in der realen Welt erklärt und Klassen von Ereignissen vorhergesagt werden können.

Alltägliche und wissenschaftliche Erfahrung unterscheiden sich dagegen nicht darin, dass jede Beobachtung (notwendigerweise) theoriegeleitet ist. Diese Behauptung widerspricht gängigen Vorurteilen, in denen häufig übersehen oder sogar ausdrücklich bestritten wird, dass wir (auch) im Alltag ständig auf Theorien – auf „Alltagstheorien“ – zurückgreifen. Fast genauso häufig führt dieses Vorurteil zu der (ebenfalls irrigen) Meinung, es gebe den Typ einer „rein deskriptiven“ (also ausschließlich beschreibenden) empirischen Forschung mit der Möglichkeit absolut theoriefreien Vorgehens, im Unterschied etwa zur ausdrücklich hypothesen- oder theorietestenden Forschung.

Richtig an diesem Vorurteil ist lediglich, dass im ersten Fall (Alltagsbeobachtung, „rein deskriptive“ Forschung) die verwendeten Theorien nur implizit bleiben, also nicht ausdrücklich ausformuliert werden, ja, dass der Beobachter vielleicht sogar gänzlich unbewusst auf sie zurückgreift. Im anderen Fall dagegen (hypothesen- oder theorietestende Forschung) werden die verwendeten Theorien für jeden ersichtlich offen gelegt.

Auch der Unterschied zwischen „wissenschaftlichen“ und „alltäglichen“ Theorien ist nicht von prinzipieller, sondern von nur gradueller Art: Wissenschaftliche Theorien sind in ihren Aussagen klarer fassbar und damit (der Möglichkeit nach) besser durchschaubar; sie verwenden im Idealfall präzise definierte Begriffe, geben ihren Geltungsbereich genau an. Dieser Vorzug wird durch eine Reduktion der Gesichtspunkte erkauft, die in die Theorie einbezogen werden: Die Zahl der Aspekte, unter denen man die Realität betrachtet und erklärt, wird möglichst klein gehalten („Reduktion der Komplexität“).

Beim Vergleich von alltäglich benutzten gegenüber wissenschaftlichen Theorien stellen sich zwei wichtige Fragen:

  • Sind wissenschaftliche Theorien durch die in ihnen vorgenommene Reduktion der komplexen Realität auf einige wenige – nach Auffassung der Theoretiker: zentrale – Situationsaspekte unmittelbar in alltägliches Handeln umsetzbar? Hier setzt die häufig zu hörende Kritik an: „Ja, in der Theorie ist das zwar so, aber in der Praxis …“
  • Sind Alltagstheorien mit ihrer Orientierung an Einzelfällen und an individuellen Erfahrungen geeignet, generelle Tendenzen, abstraktere, allgemeinere Sachverhalte zu erklären?

Es sei an dieser Stelle schon vorwegnehmend darauf hingewiesen, dass in den empirischen Wissenschaften keine einheitliche Auffassung darüber existiert, welche Merkmale Alltagstheorien von wissenschaftlichen Theorien unterscheiden und wie stark der abstrahierende, verallgemeinernde Charakter wissenschaftlicher Theorien sein soll. Je nach dem wissenschaftstheoretischen Standort einer Forscherin/eines Forschers werden sich die theoretischen Entwürfe entweder stärker am Konzept eines idealtypisierenden (nur die wesentlichen Merkmale einer Klasse ähnlicher Sachverhalte herausarbeitenden) Vorgehens orientieren, oder sie werden eher am Konzept einer „ganzheitlichen“ (möglichst viele konkrete Situationselemente berücksichtigenden) Anschauung ausgerichtet sein.

Wissenschaftliche Erfahrung

Alltagserfahrung

Theoriegeleitet

Theoriegeleitet

Möglichst objektiv beschreiben und klassifizieren

Möglichst alles Relevante wahrnehmen

Möglichst allgemeingültige Regeln finden

Funktionierende Regelmäßigkeiten finden

Selektive, verallgemeinernde Beobachtung

Individuelle Sammlung handlungsrelevanten Wissens

Betrachtung weniger Gesichtspunkte

Betrachtung relevanter Situationen in ihrer Gesamtheit

Tabelle 1.2: Vergleich von wissenschaftlicher Erfahrung und Alltagserfahrung

1.2 Grundpositionen der Erfahrungswissenschaft

1.2.1 Annahme der Existenz einer „tatsächlichen Welt“

War bisher allgemein von „wissenschaftlicher Erfahrung“ und „alltäglicher Erfahrung“ die Rede, so soll jetzt speziell auf Konzepte empirischer Wissenschaft (bzw. Erfahrungswissenschaft) eingegangen werden.9 Empirische Wissenschaft verfolgt das Ziel, gesicherte Erkenntnisse über die „Wirklichkeit“10 zu gewinnen.

Empirische Wissenschaft setzt die Existenz einer realen, einer tatsächlichen, „objektiven“ Welt (Gegenstände, Ereignisse, Beziehungen zwischen Gegenständen oder Ereignissen) unabhängig von ihrer Wahrnehmung durch einen Beobachter voraus.

Dieses Axiom (also: diese grundlegende, nicht weiter beweisbare Annahme) wird von Vertretern unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Positionen innerhalb der Erfahrungswissenschaft nicht in Frage gestellt. Solche Einmütigkeit herrscht dagegen nicht mehr bei weiteren Annahmen über Eigenschaften der tatsächlichen Welt (vgl. das folgende Kapitel 1.2.2) sowie hinsichtlich der Möglichkeit der Erkenntnis der „objektiven Realität“.

Der erkenntnistheoretische Realismus – und auf dessen Basis wurde bisher implizit argumentiert (vgl. Kapitel 1.1.4) – bejaht diese Möglichkeit. Denn nur wenn im Prinzip die Chance besteht, mit den Wahrnehmungssinnen und/oder mit Hilfe unterstützender Beobachtungs- und Messinstrumente die außerhalb des beobachtenden Subjekts existierende Realität zu erfahren, sind sinnvolle Aussagen über die Realität formulierbar und „empirisch“ in der Realität überprüfbar.

Der erkenntnistheoretische Konstruktivismus bestreitet dagegen die Möglichkeit, mit den Wahrnehmungssinnen die Realität so zu erfassen, wie sie wirklich ist. Vertreter des „radikalen Konstruktivismus“ etwa kommen aufgrund von Forschungen in der Physik, Biologie und Kybernetik zu dem Schluss, „dass all unsere Erkenntnisse Erkenntnisse eines sich selbst organisierenden Systems, des Gehirns, sind, gebunden an dessen Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen. Diese erlauben grundsätzlich keine Aussagen über die tatsächliche, die ‚wahre‘ Beschaffenheit der Welt; sie zeigen nur, ob eine Erkenntnis mit der Beschaffenheit der Welt vereinbar ist, ob sie ‚passt‘ – nicht aber, dass sie ‚wahr‘ (im Sinne eines ‚einzig richtig‘) ist.“ (Meinefeld 1995, 100).11

Vereinfacht ausgedrückt: Über die Sinne werden zwar Umweltreize wahrgenommen. Diese formen jedoch im Kopf der wahrnehmenden Person kein „Abbild“ der Umwelt. Vielmehr wird aus den Sinnesreizen durch eigene Interpretationsleistungen ein (subjektives) Bild „konstruiert“. Jeder lebt sozusagen in seiner eigenen „virtuellen Realität“. Solange dieses virtuelle Modell mit der „tatsächlichen“ Welt hinreichend zusammenpasst, ist es möglich, in dieser „tatsächlichen“ Welt zu leben und zu überleben, allerdings ohne erkennen zu können, wie sie unabhängig von der eigenen gedanklichen Realitätskonstruktion „wirklich“ ist.12 Manche Autoren ziehen die Konsequenz, auch sprachlich zwischen (objektiver) Realität und (subjektiver) Wirklichkeit zu unterscheiden.

1.2.2 Ordnung, Struktur, Gesetzmäßigkeiten

Anhänger einer analytisch-nomologischen bzw. deduktiv-nomologischen Wissenschaft (die Darstellung dieser wissenschaftstheoretischen Position folgt in Kapitel 1.3) gehen von einer geordneten, strukturvollen, regelhaften „wirklichen Welt“ (Welt der Tatsachen) aus. D. h. die einzelnen Gegenstände stehen in geordneter Weise miteinander in Beziehung, sie bilden eine Struktur; Ereignisfolgen laufen nach immer gleich bleibenden Regeln („Gesetzen“) ab; für jedes Ereignis muss es eine Ursache oder auch eine komplexe Menge von Ursachen geben (Kausalitätsprinzip).

Unter solchen Gegebenheiten besteht die Aufgabe der Wissenschaft darin, die in der Welt der Tatsachen herrschenden Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu „entdecken“. Je mehr Wissen über Strukturen und Gesetzmäßigkeiten verfügbar ist, desto mehr werden beobachtete Ereignisse erklärbar und künftige Ereignisse prognostizierbar, und desto mehr wird die Welt beherrschbar.

Da die prinzipielle Ordnung und Regelhaftigkeit für die gesamte reale Welt unterstellt wird, unterscheiden sich nach dieser Vorstellung die verschiedenen Erfahrungswissenschaften (z. B. Naturwissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie oder Sozialwissenschaften wie Ökonomie, Psychologie, Soziologie) lediglich in dem Gegenstand, mit dem sie sich befassen, nicht dagegen in der Art ihres Vorgehens. Zum Auffinden empirischer Gesetzmäßigkeiten können also alle Erfahrungswissenschaften nach der gleichen Verfahrenslogik, nach den gleichen methodischen Prinzipien vorgehen (Postulat der Einheitswissenschaft).

Gegen diese Sicht auf die Welt hat sich in den Sozialwissenschaften mit der interaktionistischen, qualitativ-interpretativen Richtung eine prominente Alternative etabliert.13 Vertreter dieser qualitativ-interpretativen Sozialwissenschaft lassen für den Bereich des Sozialen (für die Gesellschaft sowie für Ereignisse und Beziehungen innerhalb der Gesellschaft) die These einer vorgegebenen Struktur mit grundlegenden und gleich bleibenden Regelhaftigkeiten („sozialen Gesetzen“) nicht gelten. Sie postulieren, dass die Menschen die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie miteinander leben, durch ihr Handeln selbst schaffen und damit auch ständig verändern. Die Art der Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Gruppen von Menschen wird – so die grundlegende These – auf der Basis des bei jedem Mitglied einer Gesellschaft vorhandenen Alltagswissens in Interaktionen (d. h. durch aufeinander bezogenes Handeln von Personen oder Gruppen) immer wieder neu definiert, wird immer wieder in Auseinandersetzung mit der gegebenen Situation neu entwickelt oder weiterentwickelt (klassisch Blumer 2004, Orig. 1969).

Mit anderen Worten: Wenn – im einfachsten Fall – zwei Personen miteinander zu tun haben, dann versucht jede der beiden Personen die für ihre Absichten relevanten Merkmale der Situation, in der man zusammentrifft, wahrzunehmen und deren Bedeutung aufgrund des vorhandenen Wissens über frühere ähnliche Situationen zu erfassen. Jede der beiden Personen interpretiert aus ihrer Perspektive die Dinge, die sie sieht, einschließlich des Gegenübers, seines Auftretens, seiner Gesten usw. Erst durch diese Interpretation erhalten die wahrgenommenen Dinge für die Person eine Bedeutung. Des Weiteren stellt jede der beiden Personen Vermutungen darüber an, wie das Gegenüber die Situation interpretiert und welche Absichten und Erwartungen sie mitbringt. Beide Personen werden dann auf der Basis der eigenen Situationsdefinition, der eigenen Ziele und Erwartungen sowie der Vermutungen über die entsprechende Sichtweise des Gegenübers handeln und die Reaktionen des Gegenübers daraufhin prüfen, ob sie mit den eigenen Annahmen in Einklang stehen. So bildet sich in einer Folge von Interaktionen sowie wiederholten, gegebenenfalls revidierten Interpretationen beider Seiten eine spezifische, für diese Situation ausgehandelte Beziehung der Interaktionspartner heraus. Je alltäglicher, je gewohnter die Handlungssituation für die Beteiligten ist und je zutreffender die gegenseitigen Vermutungen über die Perspektive des Gegenübers sind, desto unmerklicher läuft der Interpretations- und Aushandlungsprozess ab. Je neuer, je ungewohnter dagegen die Situation, desto eher wird zunächst ein vorsichtiges gegenseitiges „Abtasten“ notwendig und desto ungewisser wird der Ausgang des Aushandlungsprozesses sein.14

Was hier für den vereinfachten Fall eines Zweierkontakts in einer abgegrenzten Handlungssituation skizziert wurde, gilt nach den Vorstellungen interpretativer Sozialwissenschaft auch für Gruppenbeziehungen bis hin zur gesellschaftlichen Ebene. Der jeweils gegebene gegenwärtige Zustand wird als Resultat komplexer Abfolgen von Interaktionen begriffen, der in weiteren Interaktionen ständig neu zur Disposition gestellt, ständig neu interpretiert und weiterentwickelt wird.

Wenn demnach für den Gegenstand des Sozialen nicht von stabilen Strukturen und von gleich bleibenden Regelmäßigkeiten ausgegangen wird, dann ist es aus dieser Sicht selbstverständlich sinnlos, nach „sozialen Gesetzen“ zu suchen und soziale Ereignisse in der empirischen Welt mit Hilfe von Gesetzmäßigkeiten erklären oder prognostizieren zu wollen; denn dann „passt“ das Axiomensystem des erkenntnistheoretischen Realismus nicht.

Die analytisch-nomologische Position der Erfahrungswissenschaft unterstellt dagegen – wie schon erwähnt – ausdrücklich auch für den Bereich des Sozialen die Existenz grundlegender Gesetzmäßigkeiten. Diese treten unter veränderten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen lediglich in unterschiedlicher Ausprägung in Erscheinung. Aussagen über soziale Regelhaftigkeiten sollen daher im Idealfall „nomologischen“ Charakter haben, d. h. sie sollen in ihrem Geltungsanspruch weder räumlich noch zeitlich relativiert sein. Prinzipiell gilt für ihre Form Folgendes: Immer wenn der Sachverhalt X vorliegt und wenn zugleich die Zusatzbedingungen Y1, Y2, Y3, … erfüllt sind, dann wird auch das Ergebnis Z eintreten. Durch deduktiv-logische Ableitung kann diese allgemeine Gesetzesaussage auf beliebige räumlich und zeitlich identifizierbare Situationen übertragen werden; etwa: Der Sachverhalt A am Ort O zum Zeitpunkt t gehört zur Klasse der Sachverhalte X; die Situationsgegebenheiten b1, b2, b3, … entsprechen den im nomologischen Gesetz aufgeführten Zusatzbedingungen Y1, Y2, Y3, …; daher wird auch hier ein Ergebnis Z eintreten.

Auf rein logischem Wege begründete Aussagen nennt man auch „analytische“ Sätze. Daraus folgt die Bezeichnung „analytisch-nomologisch“ für die hier skizzierte wissenschaftstheoretische Position; zum Teil findet sich auch die Formulierung „deduktiv-nomologisch“.15

1.2.3 Empirische Erfahrung als Grundlage des Wissens

Einmütigkeit besteht zwischen den Vertretern unterschiedlicher Positionen innerhalb der Erfahrungswissenschaften darüber, dass empirisches Wissen, d. h. Wissen über die tatsächliche Welt, nur in der Auseinandersetzung mit der Realität gefunden und durch Beobachtung der Realität abgesichert werden kann. „Beobachtung“ ist hierbei in einem sehr weit gefassten Sinne zu verstehen als kontrollierte direkte oder indirekte Wahrnehmung mit Hilfe der menschlichen Wahrnehmungssinne und unterstützt durch zu diesem Zweck konstruierte Beobachtungs- und Messinstrumente (hierher gehören z. B. auch alle Formen der Befragung). Uneinigkeit besteht dagegen zwischen den verschiedenen Positionen über die Art der Auseinandersetzung mit der Realität und über die Regeln der – im obigen Sinne verstandenen – kontrollierten Beobachtung.

Analytisch-nomologisch orientierte Erfahrungswissenschaftler beginnen damit, dass sie generelle Vermutungen („Hypothesen“) über Eigenschaften der tatsächlichen Welt und über deren Gesetzmäßigkeiten aufstellen.16 Anschließend werden die Ausschnitte der realen Welt identifiziert, über welche die Hypothesen etwas aussagen und in denen sie sich demnach zu „bewähren“ haben. Für die so abgegrenzten Realitätsausschnitte werden schließlich – sehr stark vereinfacht skizziert – auf kontrollierte Weise empirische Daten erhoben, und die Resultate der Datensammlung werden in „Beobachtungsaussagen“ beschrieben. Stehen die Beobachtungsaussagen mit den vorher formulierten Vermutungen im Einklang, dann gelten die Hypothesen als „empirisch bewährt“. Widersprechen dagegen die Beobachtungsaussagen den vorher formulierten Vermutungen, treffen also die Vermutungen in der beobachteten Realität nicht zu, dann gelten die Hypothesen als „falsifiziert“. Sie müssen entweder ganz verworfen oder umformuliert und einer erneuten empirischen Überprüfung unterzogen werden.

Damit die erhobenen Daten auch tatsächlich diese Funktion eines „Wahrheits-Entscheidungskriteriums“ beim empirischen Test von Hypothesen erfüllen können, müsste allerdings im Idealfall gewährleistet sein, dass sie die empirischen Gegebenheiten „objektiv richtig“ abbilden.17 Dieses Ideal ist aus Gründen, die später (Kapitel 1.3) im Einzelnen beschrieben werden, nicht erreichbar.

Um dennoch zumindest sicherzustellen, dass nicht systematische Verzerrungen das empirische Abbild der Realität beeinflussen, gilt als zentrale Norm analytisch-nomologisch orientierter Wissenschaft, dass im Zusammenhang mit der Datenerhebung und auswertung ausschließlich von der Forschungsfragestellung her notwendige und sachlich-methodisch begründete Entscheidungen zu treffen und dass alle Entscheidungen und ihre Begründungen zu dokumentieren sind. Subjektive Werte, Urteile und Vorlieben der Forscher oder der mit der Datenerhebung betrauten Personen dürfen dabei ausdrücklich keine Rolle spielen (Prinzip der Wertneutralität innerhalb des Forschungsprozesses).

Der nach empirischen Gesetzmäßigkeiten fahndenden Forscherin und ihren Kollegen ist allerdings nicht mit isolierten Einzelbeobachtungen gedient. Sie wollen aus den Daten Schlussfolgerungen ziehen, die über die Besonderheiten des jeweiligen Einzelfalls hinausgehen. Daher ist Vorsorge zu treffen, dass die Bedingungen der Datenerhebung sich nicht von einem Fall zum anderen unterscheiden, so dass die Resultate der einzelnen Beobachtungen miteinander vergleichbar sind (Prinzip der Standardisierung der Messsituation). Und schließlich noch soll – wie oben schon angedeutet – das gesamte Vorgehen so vollständig dokumentiert werden, dass es von anderen Personen (anderen Forschern oder am Thema interessierten Laien) nachvollzogen, beurteilt, gegebenenfalls kritisiert oder sogar durch Wiederholung der Untersuchung nachgeprüft werden kann (Prinzip der intersubjektiven Nachprüfbarkeit).

Auf erheblich andere Weise versuchen die am Konzept einer interpretativen Sozialwissenschaft orientierten Forscher, Zugang zu Informationen über die Realität zu finden. Am Beginn stehen nicht möglichst präzise formulierte Hypothesen, die durch Konfrontation mit der Realität überprüft werden sollen. Am Beginn steht vielmehr das Gewinnen möglichst authentischer Erfahrungen im Untersuchungs-„Feld“, also in dem Ausschnitt der tatsächlichen Welt, über den man Erkenntnisse gewinnen möchte.

Hierbei soll die Forscherin bzw. der Forscher sich vom „Prinzip der Offenheit“ leiten lassen. Dieses Prinzip besagt, dass sie/er nicht mit vorgefassten Meinungen in die Datenerhebung eintreten darf; insbesondere dürfen nicht in Hypothesen vorab festgeschriebene Behauptungen und Definitionen zum Maßstab der Datensammlung gemacht werden. Die Aufmerksamkeit soll vielmehr offen sein für die Wahrnehmung der Situationsdefinitionen, wie sie für die im Untersuchungsfeld alltäglich Handelnden gelten. Vorkenntnisse und Vorannahmen über den Untersuchungsgegenstand sollen daher einen bewusst vorläufigen Charakter haben. Sie sollen zwar die Aufmerksamkeit „sensibilisieren“, sollen neugierig machen; sie dürfen aber nicht (in Form forschungsleitender oder zu überprüfender Hypothesen) zu Voreingenommenheiten bei der Auswahl von Daten und bei deren Charakterisierung als relevant oder irrelevant für die Forschungsfrage verführen.

Möglichst präzise formulierte Hypothesen über den Untersuchungsgegenstand stehen also für Anhänger einer interpretativen Sozialwissenschaft nicht am Beginn des Forschungsprozesses; sie können allenfalls das Ergebnis einer empirischen Untersuchung sein. Auch die Forschungsergebnisse haben im Übrigen immer nur vorläufigen Charakter, da ja die soziale Welt als im stetigen – wenn möglicherweise auch unmerklich langsamen – Wandel befindlich begriffen wird, nämlich im Zuge der ständig fortlaufenden Interpretationsleistungen der Interagierenden.

Ob sozialwissenschaftliche Aussagen als „wahr“ akzeptierbar sind, darüber entscheiden dementsprechend – anders als nach der analytisch-nomologischen Position – nicht die Forscher durch Vergleich ihrer Hypothesen mit den Daten über die tatsächliche Welt, sondern darüber entscheiden die in der Alltagsrealität Interagierenden. Wenn für die Auswirkungen der sozialen Umwelt auf das Handeln von Personen, Gruppen oder Organisationen nicht allgemeingültige soziale Gesetzmäßigkeiten verantwortlich sein sollen, wenn vielmehr die Umweltgegebenheiten erst durch die interpretierenden Bedeutungszuschreibungen der Beteiligten wirksam werden, dann müssen die Beobachter neben den Daten über objektive Sachverhalte der sozialen Welt immer auch die subjektiven Deutungen dieser Sachverhalte durch die Akteure mit erfassen, um die erhobenen Daten überhaupt ihrem eigenen Sinn entsprechend verstehen zu können. Mit anderen Worten: Untersuchungsgegenstand ist nicht die „objektive Realität“, sondern die „subjektive Wirklichkeit“ der Handelnden.

Die Vergleichbarkeit der Einzeldaten wird von interpretativen Sozialforschern nicht durch Standardisierung der Erhebungssituation herzustellen versucht, sondern dadurch, dass möglichst alle für die untersuchten Sachverhalte bedeutsamen Randbedingungen und Interpretationen mit erhoben werden. Dies verlangt von den verwendeten Beobachtungs- oder Informationsbeschaffungs-Strategien eine möglichst große Flexibilität, so dass zu jedem Zeitpunkt auch unvorhergesehene Aspekte berücksichtigt werden können. Ein methodisches Vorgehen dieser Art – Prinzip der Offenheit, kommunikative Erhebung von Situationsdeutungen im sozialen Feld im Sinne „kontrollierter Subjektivität“ – bezeichnet man üblicherweise als qualitative oder interpretative Sozialforschung.18

Dass die Bedeutung objektiver Gegebenheiten für die im sozialen Feld Agierenden von einer Vielzahl von Randbedingungen abhängt und dass die Bedeutung eines Gegenstandes A für dieselbe Person in einer Situation S1 nicht die gleiche sein muss wie in einer anderen Situation S2, wird auch von der analytisch-nomologisch orientierten Wissenschaft nicht bestritten. Sie geht jedoch davon aus, dass auch situationsspezifisch unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen nicht beliebig (in immer wieder neuen und jedes Mal vom Ergebnis her offenen Aushandlungsprozessen) erfolgen, sondern dass auch die Bedeutungszuschreibungen selbst sozialen Regelmäßigkeiten unterliegen. Erforderlich ist daher aus dieser Sicht entweder die Kontrolle der relevanten Situationsbedingungen (z. B. durch gezielte Auswahl miteinander vergleichbarer Handlungssituationen bzw. durch Beeinflussung der Randbedingungen, etwa im Experiment) oder – ein Weg, der häufiger gewählt wird – durch systematische Erhebung von Daten über möglichst alle relevanten Situationsbedingungen. Das macht empirische Sozialforschung zwar erheblich komplizierter als naturwissenschaftliche Forschung, bedeutet jedoch nicht, dass die Sozialwissenschaften für ihre Forschungen eine Methodologie entwickeln müssten, die von anderen Wissenschaften grundsätzlich verschieden wäre.

Auch dass die meisten in den Sozialwissenschaften verwendeten Datenerhebungsinstrumente auf die Kommunikation zwischen Forscher (oder Forschungspersonal) und den Forschungsgegenständen (nämlich den Akteuren im sozialen Feld) angewiesen sind, ist kein prinzipielles Hindernis. Es bedeutet lediglich, dass auch die Einflussfaktoren der Forschungskontaktsituation, d. h. der Kommunikationsbeziehung zum Zwecke der Datenerhebung, zu kontrollieren sind. Üblicherweise wird dies von Vertretern der analytisch-nomologischen Wissenschaft dadurch angestrebt, dass man versucht, die Erhebungssituation für alle Einzelfälle identisch zu gestalten (im Falle von Interviews durch Verwendung standardisierter Fragebögen, die den Wortlaut und die Reihenfolge der Fragen exakt festlegen; durch präzise Verhaltensanweisungen an die Interviewer; durch die Forderung, dass jedes Interview mit der Zielperson allein und z. B. jeweils in ihrer häuslichen Umgebung geführt wird usw.).

1.2.4 Ein Missverständnis: standardisiert = quantitativ

Für ein methodisches Vorgehen der oben skizzierten Art – also möglichst detaillierte Vorstrukturierung des Untersuchungsgegenstands durch Hypothesen sowie Standardisierung der Erhebungssituation mit dem Ziel der Gewinnung präziser, vergleichbarer, intersubjektiv gültiger empirischer Informationen – haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch Bezeichnungen wie quantitative Methoden oder quantitative Sozialforschung eingebürgert. Solche Bezeichnungen sind jedoch irreführend, da die wesentlichen Unterschiede nicht erst in der Phase der Datenauswertung auftreten (quantifizierende Analyse mit Hilfe statistischer Verfahren versus qualitativ-hermeneutische Interpretation des gesammelten Materials), sondern schon im Zuge der Datenerhebung. Die Bezeichnungen richten damit den Fokus auf einen Teilaspekt, der gerade nicht den zentralen Unterschied zwischen der standardisierten und der nicht standardisierten, offenen Forschungsstrategie ausmacht und der sich allenfalls als ideologischer Kampfbegriff („qualitativ“ versus „quantitativ“) eignet.19

Zentral ist, dass die in einem standardisierten Vorgehen erhobenen Informationen den Charakter von „Daten“ haben sollen, also von „Messwerten“, die in der Phase der Datenanalyse ohne weitere semantische Deutung unmittelbar statistisch auswertbar sind. Wie dies zu erreichen ist, steht im Detail in den Kapiteln 2 bis 7 dieses Lehrtextes.

Will man die Strategie der sogenannten „quantitativen“ Forschung kurz auf den Punkt bringen, dann treffender durch folgende Charakterisierung:

ein streng zielorientiertes Vorgehen, das die „Objektivität“ seiner Resultate durch möglichst weitgehende Standardisierung aller Teilschritte anstrebt und das zur Qualitätssicherung die intersubjektive Nachprüfbarkeit des gesamten Prozesses als zentrale Norm postuliert.

Ein solches zielorientiertes und auf Standardisierung angelegtes Vorgehen ist allerdings nur realisierbar, wenn zuvor mehrere Voraussetzungen erfüllt sind.

Zu Beginn muss die Themenstellung exakt und unter Vermeidung von Leerformeln beschrieben und muss der Informationsbedarf vollständig und präzise angegeben werden (Kapitel 3): Welche Informationen werden in welchem Detaillierungsgrad für welche Zwecke benötigt? In gleicher Genauigkeit ist der „Gegenstand“ zu definieren und abzugrenzen, über den die gewünschten Informationen erhoben werden sollen: Welche Objekte gehören (noch) dazu, und welche Strukturelemente sind relevant? Falls die Formulierung des Themas sowie des Gegenstands der Untersuchung (noch) nicht hinreichend präzise möglich ist, ist auch die Entwicklung eines angemessenen standardisierten Forschungsdesigns nicht möglich; „strukturentdeckende“, auf Offenheit des Vorgehens angelegte Konzepte der sogenannten „qualitativen“ Forschung sind in diesem Fall geeigneter.

Bei der Ausarbeitung des Forschungsdesigns (Kapitel 2) und der Planung der einzelnen Schritte zur Informationssammlung (= Operationalisierung; Kapitel 4) ist die Präzisierung durch Entwicklung eines forschungsleitenden Strukturmodells (einschließlich der Ausformulierung expliziter Zusammenhangshypothesen) und ist die Fokussierung auf den angestrebten Informationsbedarf fortzusetzen. Die Grundgesamtheit aller Objekte, für die die zu gewinnenden Aussagen gelten sollen, ist zu definieren und empirisch abzugrenzen (Kapitel 6). Es ist zu entscheiden, ob eine Vollerhebung angestrebt wird oder eine Stichprobe gezogen werden muss (und falls ja: nach welchem Verfahren). Schließlich ist zu entscheiden, welche Informationsquellen bzw. welche Informanten die benötigten Daten liefern sollen und mit welchen Instrumenten sie in einer für die Untersuchungsfrage geeigneten Weise erhoben werden können (z. B. per Inhaltsanalyse von Dokumenten oder per Interview oder schriftlicher Befragung; Kapitel 7). Alle Entscheidungen sind zu begründen und zu dokumentieren, um die geforderte intersubjektive Kontrollierbarkeit überhaupt zu ermöglichen.

Die Designphase ist derjenige Abschnitt des Forschungsprojekts, in dem die Basis für die Qualität der Resultate gelegt wird. Was in dieser Phase übersehen oder falsch entschieden wird, lässt sich später (bei der Datenerhebung und bei der Datenanalyse) nicht mehr korrigieren. Gründliche Recherchen des bereits verfügbaren Erkenntnisstandes, die sorgfältige Entwicklung der einzusetzenden Instrumente und ihr umfassender Pretest sind daher unabdingbare Voraussetzungen, um bei einem standardisierten Verfahren der Informationsgewinnung zu verlässlichen Daten zu kommen.

„Standardisierung“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Erhebung der Informationen sich in jedem einzelnen Fall in gleicher Weise vollzieht. Rein formal ist das zwar relativ gut realisierbar: durch ein für alle identisches Erhebungsinstrument (z. B. standardisierter Fragebogen), durch Sicherstellung des gleichen Typs von Forschungskontakt bei allen Informanten (z. B. persönliches Einzelinterview in der Wohnung des Befragten), durch überall gleichartiges Verhalten des „Informationssammlers“ (z. B. freundlich-neutrales Auftreten des Interviewers). Das allein sichert jedoch noch nicht die semantische Gleichheit formal identischer Antworten. Diese ist vielmehr erst dann gewährleistet, wenn die gleiche Kategorie im Erhebungsinstrument (z. B. Fragewortlaut plus Antwortvorgaben im Fragebogen) von den Informanten in identischer Weise verstanden und nach den gleichen Kriterien beantwortet wird.20 Diese Prüfung – Frageverständnis und Beantwortungsweise beim Informanten – ist die zentrale (und über die Datenqualität entscheidende) Funktion von Pretests, die leider viel zu häufig vernachlässigt wird. Interviewer können darin geschult werden, sich „standardisiert“ zu verhalten; Informanten werden nicht „geschult“, für sie muss das Erhebungsinstrument „selbsterklärend“ sein. Nur so lässt sich eine Datenbasis gewinnen, in der gleiche Codes auch Gleiches bedeuten.

Dass letzteres gewährleistet ist – ohne weitere Deutung vergleichbare Daten –, ist die meist implizit gelassene Voraussetzung der Einsetzbarkeit statistischer Modelle und Verfahren (Kapitel 7) für die Analyse. Nur unter dieser Voraussetzung können die Codes in der Datenmatrix ausgezählt und dürfen die in den Daten ermittelten Häufigkeiten in empirische Häufigkeiten übertragen werden, nur unter dieser Voraussetzung dürfen statistische Beziehungen zwischen „Variablen“ der Datenmatrix als Zusammenhänge zwischen Merkmalen in der empirischen Realität interpretiert werden.

Um auf die zu Beginn problematisierte Bezeichnung „quantitative Methoden“ zurückzukommen: Erst auf der Stufe der Datenanalyse ist sie zutreffend. Bei statistischen Verfahren handelt es sich nun in der Tat um „quantitative Methoden“. Ihr Einsatz setzt „quantifizierbare“ (d. h.: unmittelbar auszählbare, weil jeweils Identisches abbildende), nicht jedoch „quantitative“ (d. h.: Quantitäten abbildende) Daten voraus (Kapitel 5). Auch „qualitative“ Informationen wie „Geschlecht“ oder „höchster Schulabschluss“ können selbstverständlich Gegenstand statistischer Analysen sein, wenn diese Merkmale in standardisierter Weise erhoben worden sind.

1.3 Empirische Sozialforschung als „kritisch-rationale Wissenschaft“

Als Hintergrundinformationen für die in den Kapiteln 2 bis 7 darzustellende Methodologie standardisiert verfahrender empirischer Forschung werden im Folgenden einige zentrale wissenschaftstheoretische Postulate einer analytisch-nomologisch orientierten Erfahrungswissenschaft näher erläutert. Der Text lehnt sich dabei an die Position an, die als sogenannter „Kritischer Rationalismus“ ausformuliert wurde und als deren Hauptvertreter Karl R. Popper sowie in Deutschland Hans Albert gelten.

Dies geschieht nicht, um den Leser zu dieser wissenschaftstheoretischen Schule zu „bekehren“. Vielmehr sind die gängigen Methoden empirischer Sozialforschung sowie deren theoretische Begründungen und die Regeln ihrer Anwendung (die Methodologie) von Vertretern dieser Richtung der Erfahrungswissenschaft entwickelt worden. Manche der später folgenden methodologischen Argumentationen wären ohne einige wissenschaftstheoretische Grundlagen schwer nachzuvollziehen.

1.3.1 Begriffsklärung

Empirische Wissenschaft ist – wie bereits vorne ausgeführt – der Teil der Wissenschaften, der auf der Erfahrung durch die menschlichen Sinne (auf Beobachtung in allerweitester Bedeutung) beruht.

Empirisches Vorgehen ist das „Ausgehen von Erfahrungstatsachen“.

Dass dies nicht gleichbedeutend mit theorielosem Vorgehen ist, vielmehr ohne Rückgriff auf Theorien (explizite oder zumindest Alltagstheorien) gar nicht möglich wäre, wurde ebenfalls schon angemerkt und wird im Folgenden noch weiter zu verdeutlichen sein.

Bei der Erfassung von „Erfahrungstatsachen“ bedient man sich bestimmter Strategien wie Beobachtung, Experiment, Befragung usw. Für den Ansatz einer standardisiert-quantitativ vorgehenden empirischen Sozialforschung, deren Methoden in diesem Lehrbuch vorgestellt werden, kann die unter dem Namen „Kritischer Rationalismus“ ausformulierte Variante der Forschungslogik (Albert im Anschluss an Popper) als die vorherrschende Leitmethodologie gelten. Die rigorose Position, wie Albert sie vertritt, ist zwar in der praktischen Sozialforschung selten vollständig durchzuhalten; dennoch ist sie weitgehend die wissenschaftstheoretische Basis standardisierter empirischer Forschung. Wenn wir im Folgenden von der Position des Kritischen Rationalismus ausgehen, so bedeutet dies selbstverständlich nicht – das sei noch einmal ausdrücklich betont –, dass andere wissenschaftstheoretische „Schulen“ (neben der bereits genannten „interpretativen Soziologie“ auch etwa marxistisch-materialistische oder dialektisch-kritische Positionen) auf empirisches Vorgehen bei der Informationsbeschaffung über die Realität verzichten könnten oder wollten.21

1.3.2 Einige Prinzipien der empirischen Forschungsmethodein der Version des „Kritischen Rationalismus“

Das Hauptprinzip empirischer Forschungsmethodologie – wie es vom Kritischen Rationalismus vertreten wird – lautet:

Alle Aussagen müssen an der Erfahrung überprüfbar sein, müssen sich in der Konfrontation mit der Realität bewähren.

Mit anderen Worten: Alle Aussagen einer empirischen Wissenschaft müssen – sofern sie unzutreffend sind – prinzipiell an der Erfahrung scheitern können (vgl. Popper 1971, 15).

Das hat drei einschränkende Konsequenzen für den Geltungsbereich so abgegrenzter erfahrungswissenschaftlicher Aussagen:

1) Nur solche Begriffe können in erfahrungswissenschaftlichen Aussagen benutzt werden, die sich auf die erfahrbare Realität beziehen: empirischer Bezug der benutzten Begriffe (positive Beispiele: Tisch, Kernkraftwerk, politische Partei; negative Beispiele: „gute Fee“, Zentaur, Himmelstor).22

2) Die formulierten Sätze oder Aussagen empirischer Wissenschaft müssen eine Beschreibung von Zusammenhängen oder Sachverhalten bieten, die ebenfalls prinzipiell erfahrbar sind: empirischer Bezug der Gesamtaussage (positives Beispiel: Die CSU siegt bei der nächsten bayerischen Landtagswahl; negatives Beispiel: Das Leben nach dem Tode währt ewig).

3) Die Sätze müssen so formuliert sein, dass sie prinzipiell23 widerlegbar sind. Als empirische Aussagen nicht zugelassen sind daher analytisch wahre (d. h. aus logischen Gründen wahre) Aussagen sowie „Es-gibt“-Sätze (Existenzbehauptungen).

Über die Wahrheit oder Falschheit analytischer Sätze kann allein schon aufgrund ihrer logischen Struktur entschieden werden. „Analytisch wahre“ Aussagen sind z. B. Tautologien; etwa: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist.“ Dieser Satz ist aufgrund seiner logischen Struktur immer wahr; er schließt alle Möglichkeiten ein, die jemals eintreten könnten, und kann daher auch niemals an der Erfahrung scheitern. Keine Tautologie, aber trotzdem analytisch wahr wäre z. B.: „Wenn irgendein Gegenstand ein soziales System ist, dann besteht es aus Personen, die miteinander interagieren“ (Opp 1976, 118). Im letzteren Fall ist nämlich der Begriff „soziales System“ u. a. definiert als eine Menge von Personen, die miteinander interagieren; die Aussage ist also per definitionem wahr. Eine Existenzaussage wäre z. B.: „Es gibt weiße Raben“. Diese Aussage ist empirisch nicht widerlegbar, da niemals sämtliche Raben in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf die Farbe ihrer Federn überprüft werden können.

Beispiel

Der folgende Satz könnte Teil eines empirischen Aussagenzusammenhangs sein: „In neu gebauten Vorortwohnsiedlungen sind die Nachbarschaftskontakte weniger intensiv als in innerstädtischen älteren Wohngebieten.“

Zu 1): Die verwendeten (sinntragenden, nicht sprachlogischen) Begriffe beziehen sich auf die erfahrbare Realität (neu gebaute Vorortsiedlungen; Nachbarschaftskontakte; innerstädtische ältere Wohngebiete).

Zu 2): Der zum Ausdruck gebrachte Sachverhalt (Zusammenhang von Alter und Lage der Wohngebiete mit der Intensität von Nachbarschaftskontakten) ist real erfahrbar, ist also empirisch feststellbar.

Zu 3): Der Satz ist empirisch prüfbar und gegebenenfalls widerlegbar, sowohl was den zum Ausdruck gebrachten Sachverhalt betrifft, als auch von seiner Formulierung her (keine analytisch wahre Aussage, keine Existenzbehauptung): Man könnte in einer Reihe neuer Vorortwohnsiedlungen und in einer Reihe älterer innerstädtischer Wohngebiete die Intensität von Nachbarschaftskontakten messen (ohne jetzt schon auf die Messproblematik eingehen zu wollen) und dabei finden, dass in mindestens einer neu gebauten Vorortsiedlung die Intensität der Nachbarschaftskontakte nicht weniger intensiv ist als in mindestens einem innerstädtischen älteren Wohngebiet. Dann wäre die Aussage falsch (falsifiziert); denn in der Formulierung wie oben hat sie die Form eines „All-Satzes“ (= Für alle Ereignisse oder alle Fälle der beschriebenen Art gilt, dass …).

Eine Formulierung wie die folgende wäre dagegen prinzipiell nicht widerlegbar: „Es gibt neu gebaute Vorortwohnsiedlungen, in denen die Nachbarschaftskontakte mindestens gleich intensiv sind wie in innerstädtischen älteren Wohngebieten.“ Man könnte tausend und noch mehr Fälle vorweisen, in denen die Aussage nicht zutrifft: es bliebe dennoch die Möglichkeit, dass es irgendwo und irgendwann eine Vorortsiedlung gibt, gegeben hat oder geben wird, für die diese Aussage richtig ist. Sobald man dagegen einen einzigen solchen Fall gefunden hat, ist die Aussage als wahr bewiesen: sie ist verifiziert.

Anhand der beiden Aussageformen (All-Sätze bzw. nomologische Aussagen und Es-gibt-Sätze bzw. Existenz-Aussagen) lässt sich die Asymmetrie zwischen Falsifikation und Verifikation feststellen. All-Aussagen sind prinzipiell nicht verifizierbar; aber ein einziger konträrer Fall reicht, um sie zu falsifizieren (als endgültig falsch zu erweisen). In ihrem Geltungsanspruch (räumlich und zeitlich) nicht eingegrenzte Existenz-Aussagen sind demgegenüber prinzipiell nicht falsifizierbar; aber ein einziger übereinstimmender Fall reicht, um sie zu verifizieren (als endgültig wahr zu erweisen).

Diese Feststellung hat allerdings einen gewichtigen Haken (worauf noch näher einzugehen sein wird), nämlich: (1) Der „Fall“ muss der Beobachtung zugänglich sein, und (2) die Beobachtung muss korrekt sein, genauer: Die Aussage über die Feststellung eines Sachverhalts, der mit der All-Aussage im Widerspruch (bzw. mit der Existenz-Aussage im Einklang) steht, muss „wahr“, muss unwiderlegbar richtig sein. „Wahr sein“ heißt in diesem Zusammenhang: Sie muss mit den Fakten übereinstimmen.

Zunächst aber bleibt festzuhalten:

1) Aussagen der Erfahrungswissenschaften (Hypothesen, Theorien) sollen über die Realität eines Gegenstandsbereichs informieren, für den sie aufgestellt wurden.

2) Sie müssen an eben dieser Realität, für die sie gelten sollen, scheitern können. Dieser Anspruch grenzt empirische Theorien von anderen wissenschaftlichen und sonstigen Aussagesystemen ab. Man nennt dies das Abgrenzungskriterium empirischer Wissenschaft.

Erfahrungswissenschaft erhebt somit keinen allumfassenden Geltungsanspruch. Das genannte Abgrenzungskriterium definiert vielmehr „aus dem Bereich möglicher Fragestellungen und möglicher Erkenntnisobjekte (der ,Welt‘ überhaupt) ein Segment …, das als Bereich dessen, was überhaupt von dieser Wissenschaft untersucht werden soll, gilt und zu dessen Erkenntnis ein Satz bestimmter methodischer Regeln sich als brauchbar erwiesen haben soll“ (Hülst 1975,12).

Wenn nun aber in einer erfahrungswissenschaftlichen Theorie nur widerlegbare Hypothesen zugelassen, nicht widerlegbare Aussagen verboten sind, dann besteht das Problem darin, wie man an „wahre Aussagen“ kommt (genauer: wie man die „Wahrheit“ von Aussagen erkennen kann). Die Hypothesen können noch so oft mit den Beobachtungsergebnissen übereinstimmen, sie können dennoch niemals endgültig bewiesen, d. h. verifiziert werden. Das gilt jedenfalls für die oben vorgestellte sprachlogische Form der All-Aussage. Und gerade solche Aussagen, die Geltung unabhängig von Raum und Zeit beanspruchen (nomologische Hypothesen), soll die empirische Wissenschaft (nach den Forderungen des Kritischen Rationalismus) anstreben. Dass es für die Sozialwissenschaften solche Nomologien streng genommen nicht – oder jedenfalls kaum – gibt, ändert nichts an dem geforderten Prinzip der Gewinnung von wissenschaftlicher Erkenntnis mittels nomologischer Aussagen.

In diesem Zusammenhang schleicht sich häufig ein sprachliches Missverständnis ein. Es beruht darauf, dass nicht unterschieden wird zwischen den Formulierungen: „Eine Aussage ist wahr (bzw. nicht wahr)“ und „Die Wahrheit der Aussage ist bewiesen (bzw. nicht bewiesen)“. Deshalb sei hier hervorgehoben: Im Sinne der Aussagenlogik hat jede Aussage entweder die Eigenschaft „wahr“ oder die Eigenschaft „nicht wahr“. Dass ein All-Satz nicht (endgültig) verifiziert werden kann, heißt nicht, dass die All-Aussage niemals (endgültig) wahr sein könne. Es heißt lediglich: Die (mögliche) Wahrheit der Aussage kann nicht endgültig bewiesen (= verifiziert) werden.

Um sich angesichts der oben genannten Schwierigkeit dennoch an die – nicht endgültig beweisbare – Wahrheit heranzutasten, wird von kritischen Rationalisten als eine Strategie (nach einer frühen Version Poppers) das folgende Vorgehen bei der Überprüfung empirischer Aussagen empfohlen: Hat sich eine Hypothese oder eine Theorie als empirisch falsch erwiesen und war die zur Falsifikation führende Beobachtung korrekt, dann wird diese Hypothese/Theorie verworfen. Das heißt nicht, dass sie samt und sonders in den Papierkorb wandert; sondern sie darf in der gegenwärtigen Formulierung keine Geltung mehr beanspruchen. Die Konsequenz besteht in zwei Alternativen:

  • Die falsifizierte Hypothese/Theorie ist entweder aufgrund der ihr widersprechenden Daten „nicht mehr zu retten“ und daher zu verwerfen;
  • oder sie kann unter Berücksichtigung der neu gewonnenen Erkenntnisse so umformuliert werden, dass ihr „Falschheitsgehalt“ eliminiert wird.

Diese neue Theorie oder Hypothese ist dann wiederum empirischen Tests zu unterwerfen. Wird sie wieder falsifiziert, ist sie gegebenenfalls erneut zu modifizieren und empirisch zu testen usw. Bestätigen dagegen die empirischen Befunde die Hypothese/Theorie, wird diese als vorläufig bestätigt im Bestand empirischer Theorien/Hypothesen beibehalten und bei nächster Gelegenheit einer schärferen Überprüfung (einem empirischen Test unter härteren Bedingungen) ausgesetzt. Hypothesen/Theorien, die wiederholten und verschärften empirischen Tests standgehalten haben, gelten als bewährte Aussagen.

Damit aber ist der Prozess des Forschens nicht zu Ende. „Bewährte Aussagen“ werden im Allgemeinen solche sein, deren Geltung durch einschränkende Randbedingungen oder andere Einschränkungen des Geltungsbereichs relativ eng eingegrenzt worden ist. Sie sind dann keine echten All-Aussagen, sondern Aussagen mit eingeschränkter Reichweite. Die empirische Wissenschaft soll nun versuchen, aus solchen Hypothesen/Theorien „mittlerer Reichweite“ allgemeinere, umfassendere Hypothesen/Theorien zu formulieren, deren Geltungsbereich die bewährten Aussagen als Teilmenge enthält, aber zusätzlich noch weitere Phänomene mit erklärt. Solche allgemeineren Hypothesen haben einen höheren Informationsgehalt;24 aus ihnen können spezifischere Hypothesen unter Angabe bestimmter Randbedingungen deduktiv abgeleitet werden. Bei der Überprüfung dieser allgemeineren Aussagen geht der – idealtypische – Erfahrungswissenschaftler wieder so vor, wie eben geschildert: empirischer Test bei Falsifikation Umformulierung erneuter Test bei Bestätigung Verschärfung der Überprüfungsbedingungen usw.25

Das heißt also:

An „wahre Aussagen“ tastet sich die empirische Wissenschaft durch Versuch und Irrtum, durch Ausscheiden falscher Hypothesen, durch verschärften Test bestätigter, durch Erweiterung bewährter Hypothesen heran. Das „Wahrheits(entscheidungs)kriterium“ ist somit einzig und allein die Konfrontation mit erfahrbarer Realität.

Als Kriterium der Wahrheit (genauer: Kriterium der Entscheidung über die Wahrheit) gilt nicht „höhere Einsicht“, nicht der Hinweis auf „letzte Quellen“ oder auf Autoritäten (etwa die Bibel oder Max Weber oder Karl Marx), sondern einzig und allein der langwierige Weg von Versuch und Irrtum beim Vergleich von theoretischer Aussage und beobachtbarer Realität.26

1.3.3 Probleme und Dilemmata bei der Suche nach empirischen „Gesetzen“

Nun mag zwar das oben postulierte Vorgehen bei der empirischen Suche nach (und der Annäherung an) „Wahrheit“ logisch einleuchten. Praktisch jedoch stellen zwei gravierende Probleme die empirische Wissenschaft vor grundlegende Schwierigkeiten.

Das erste Problem bezieht sich auf das absolute Postulat der endgültigen Zurückweisung einer Aussage, sobald auch nur ein einziger Fall auftaucht, der im Widerspruch zu der Theorie/Hypothese steht. Dieses Postulat gilt logisch nur für nomologische Aussagen, d. h. für (deterministische) „Gesetzesaussagen“, deren Geltungsanspruch weder räumlich noch zeitlich eingeschränkt ist. Da es solche Aussagen für die Sozialwissenschaften derzeit kaum gibt, würde es auch keine empirischen sozialwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten vorzuweisen geben. Dies wäre natürlich keine für die Sozialforschung (auch nicht für Wissenschaftstheoretiker) befriedigende Situation, so dass ein Ersatz für nomologische Aussagen gefunden werden muss.

Das zweite Dilemma allerdings existiert auch im Falle nomologischer Gesetze. Es entsteht, weil die Entscheidung über die (endgültige) Zurückweisung einer empirischen Hypothese bei konträren Beobachtungen sich bei genauerem Hinsehen als weitaus schwieriger erweist, als dies bisher vereinfachend dargestellt wurde. Denn die Hypothese (= die auf Vermutungen basierende Aussage) über reale Phänomene kann ja nicht unmittelbar mit der Realität konfrontiert werden, sondern lediglich mit einer auf Beobachtungen fußenden anderen Aussage über die Realität. Und diese Beobachtungsaussage27 über ein Ereignis kann selbst falsch sein. Sie müsste sich, um als Grundlage für die Entscheidung über die Hypothese dienen zu können, verifizieren lassen (siehe weiter unten: Basissatzproblem).

Zu Problem 1:

Nomologien, statistische Gesetze oder Aussagen mittlerer Reichweite?

Eine der Rettungsmöglichkeiten aus diesem ersten Dilemma wurde schon angedeutet: Pragmatischerweise wird man bei gegebener Sachlage nicht sozialwissenschaftliche Hypothesen/Theorien mit uneingeschränktem Geltungsanspruch („Gesetzeshypothesen“), sondern zunächst Aussagen eingeschränkter Reichweite formulieren.28 Man gibt also einschränkende Randbedingungen an; beispielsweise soll ein postulierter Zusammenhang nur für entwickelte Industriegesellschaften westlicher/kapitalistischer Prägung gelten oder nur für eine bestimmte geschichtliche Epoche oder nur für einen begrenzten geografischen Raum oder … Im Vergleich zu Nomologien haben Aussagen eingeschränkter Reichweite allerdings einen geringeren Informationsgehalt (bzw. „empirischen Gehalt“ vgl. Fußnote 23). Eine Hypothese „Wenn x, dann y“ gilt dann nicht mehr für alle x und y (All-Aussage), sondern ist nur noch anwendbar, wenn zusätzliche Randbedingungen erfüllt sind. Das bedeutet aber, dass aus der allgemein formulierten Hypothese durch Deduktion nur noch Aussagen für eine kleinere Zahl konkreter Situationen (= potenzielle oder „theorie-implizierte“ Basissätze) ableitbar sind, in denen die Hypothese sich bewähren oder auch scheitern könnte. Der Kritische Rationalist würde formulieren: Die Menge der potenziellen Falsifikatoren ist eingeschränkt worden. Im Extremfall kann der Informationsgehalt durch Formulierung von ceteris-paribus-Klauseln (d. h. Einschränkungen wie „unter ansonsten gleichen Bedingungen“) so weit eingegrenzt werden, dass empirisch überhaupt kein einziger Fall mehr den Bedingungen dieser Aussage gerecht werden kann. Damit aber ist die Aussage/Theorie nicht mehr empirisch überprüfbar, sie hat keinen empirischen Gehalt mehr und ist dadurch gegen die Erfahrung „immunisiert“ worden.29

Der Kritische Rationalismus lässt die Formulierung von Hypothesen und Theorien eingeschränkter Reichweite durchaus zu, hält aber an dem Ziel der Erfahrungswissenschaft fest, möglichst „kühne“ Theoriegebäude mit möglichst hoher Erklärungskraft (d. h. auch: mit möglichst hohem empirischem Gehalt) zu entwerfen und durch Konfrontation mit der Realität weiterzuentwickeln. Theorien, die sich bei empirischen Tests teilweise bewähren oder teilweise falsifiziert werden, sind so umzuformulieren, dass ihr „Wahrheitsgehalt“ (weniger anspruchsvoll formuliert: die bewährten Bestandteile der Aussagen) nicht verloren geht und ihr „Falschheitsgehalt“ (die falsifizierten Bestandteile) eliminiert wird. Bewährte Aussagen wiederum sind „gehaltserweiternd“ umzuformulieren und erneut empirisch zu prüfen. Auf diese Weise – so hofft der überzeugte Kritische Rationalist – nähert sich die Wissenschaft Schritt für Schritt dem Idealbild empirisch bewährter Nomologien.30

Die zweite – in den Sozialwissenschaften am häufigsten gewählte – Rettungsmöglichkeit ist, nicht deterministische Hypothesen (immer wenn x, dann auch y), sondern statistische oder probabilistische Aussagen zu formulieren. So ist z. B. mit einer Aussage über räumliche Mobilität: „Ältere Leute sind weniger mobil als jüngere Personen“ im Allgemeinen nicht gemeint: „Für alle Personen x und y gilt: Immer wenn Person x älter ist als Person y, dann ist x weniger mobil als y“. Sondern man meint damit entweder: „Für die Gruppe der alten Menschen gilt, dass sie im Durchschnitt weniger mobil ist als die Gruppe der jungen Menschen“. Oder – auf die Einzelperson gemünzt –: „Die Wahrscheinlichkeit, mobil zu sein, ist für eine ältere Person geringer als für eine jüngere“.

Beide Aussagen sind mit der Beobachtung von Fällen vereinbar, in denen die eine oder andere ältere Person dennoch mobiler ist als die eine oder andere jüngere Person. Nur sind solche Fälle eben weniger wahrscheinlich als die umgekehrte Merkmalskombination, so dass sich in den meisten Fällen die formulierte Hypothese bestätigen dürfte. Für die Prüfung statistischer/probabilistischer Hypothesen reichen Einzelbeobachtungen nicht aus. Erforderlich sind vielmehr Informationen über eine größere Zahl von Fällen, die in ihrer Zusammensetzung „repräsentativ“ für die Gesamtheit der durch x und y bezeichneten Fälle sein müssen. Die Wahrscheinlichkeitsstatistik stellt für die Entscheidung über statistische/probabilistische Hypothesen geeignete Modelle bereit.

Zu Problem 2:

Objektivität oder Intersubjektivität? Das Basissatz-Dilemma

„Das Ethos der Wissenschaft ist die Suche nach ‚objektiver‘ Wahrheit“, schrieb 1971 der schwedische Sozialwissenschaftler Gunnar Myrdal. „Objektiv“ meint in diesem Zusammenhang, dass für die Wahrheit einer Erkenntnis die Objekte in der Realität entscheidend sind, wie sie außerhalb des erkennenden Subjekts existieren. Dies kommt auch in der Entscheidungsregel des Kritischen Rationalismus zum Ausdruck, wie sie bisher in diesem Text dargestellt wurde: Über die Wahrheit einer empirischen Aussage (Hypothese) entscheidet die Konfrontation mit der Realität. Stimmt der semantische Gehalt (= die Bedeutung) der Aussage mit den Gegebenheiten in der Realität überein, dann gilt sie als richtig; ist dies nicht der Fall, dann gilt sie als falsch (= „Korrespondenztheorie der Wahrheit“, vgl. Fußnoten 17 und 26).

Nun kann jedoch eine Aussage nicht unmittelbar „mit der Realität konfrontiert“ werden; vielmehr muss die Realitätswahrnehmung eines erkennenden Subjekts zwischengeschaltet werden. Sinneswahrnehmungen bilden somit die Grundlage für jegliche Form von Wissen (vgl. „erkenntnistheoretischer Realismus“, Kapitel 1.2.1). Die „Konfrontation mit der Realität“ geschieht im erkennenden Subjekt; dieses vergleicht den semantischen Gehalt der Aussage (= die Behauptung über die Realität) mit seinem Wahrnehmungserlebnis (= mit den durch die Wahrnehmungssinne erkannten Gegebenheiten der Realität). Soll dieses der „Beweis“ für die Richtigkeit oder Falschheit einer (hypothetisch formulierten) Tatsachenbehauptung sein, muss die Möglichkeit einer unverfälschten, die Gegebenheiten der Realität korrekt abbildenden (insofern also „objektiven“) Wahrnehmung unterstellt werden. Diese Möglichkeit wurde in der Tat im frühen Positivismus angenommen.

Unterstellt, „objektive“ Wahrnehmung wäre tatsächlich möglich, bleibt immer noch ein Problem bestehen: Das Wahrnehmungserlebnis der beobachtenden Person kann nicht als solches kommuniziert werden; es ist lediglich subjektive Erfahrung. Zum Zwecke der Kommunikation ist es in eine sprachliche Form zu übersetzen: in eine „Beobachtungsaussage“ bzw. einen „Protokollsatz“. Erst diese Beobachtungsaussage lässt sich vom erkennenden Subjekt ablösen und kann damit zur Basis für intersubjektiv geteilte Erfahrung werden.

Doch auch jetzt sind wir noch nicht am Ziel. Ein direkter Vergleich der Beobachtungsaussage (des Protokollsatzes) mit der Realitätsbehauptung der zu prüfenden Hypothese ist noch immer nicht möglich. Die beiden Aussagen gehören nämlich zwei unterschiedlichen „Sprach-Ebenen“ (Carnap) an. Bei der Beobachtungsaussage (empirischer Basissatz) handelt es sich um das „Protokoll“ eines einzelnen, raum-zeitlich fixierten Beobachtungsfalls, um eine „singuläre Aussage“; etwa:

Beispiel

„Am 29.8.2005 zwischen 18 und 19 Uhr wurden in der Straße ‚An der Bottmühle‘ im zentrumsnah gelegenen Severinsviertel der Stadt Köln 23 Nachbarschaftskontakte beobachtet.“ Und: „In der Neubausiedlung von Bocklemünd am Stadtrand von Köln wurden am 29.8.2005 zwischen 18 und 19 Uhr am ‚Theodor-Heuß-Ring‘ sechs Nachbarschaftskontakte beobachtet.“

Die Hypothese aus dem weiter oben behandelten Beispiel („In neu gebauten Vorortwohnsiedlungen sind die Nachbarschaftskontakte weniger intensiv als in innerstädtischen älteren Wohngebieten“) ist demgegenüber allgemeiner und ohne räumlich-zeitliche Einschränkungen formuliert. Bevor diese hypothetisch-theoretische Aussage mit den Beobachtungsergebnissen konfrontiert werden kann, ist sie auf eine konkrete empirische Basis zu beziehen. Anders ausgedrückt: Aus der abstrakt und allgemein formulierten Hypothese sind durch logische Deduktion konkrete und beobachtbare Realitätsbehauptungen (theoretische Basissätze) abzuleiten; etwa:

Beispiel

„Beim Kölner Severinsviertel handelt es sich um ein älteres innerstädtisches Gebiet; in Bocklemünd am Kölner Stadtrand existiert eine Neubauwohnsiedlung. In den Wohnstraßen des Severinsviertels kommt es zu mehr Nachbarschaftskontakten als in den Wohnstraßen des Neubauteils von Bocklemünd.“

Jetzt erst – nachdem die Hypothese/Theorie auf eine konkrete empirische Basis bezogen wurde und nachdem Aussagen über das Ergebnis von Beobachtungen an eben dieser empirischen Basis vorliegen – ist der Vergleich zwischen Theorie und Empirie möglich: Verglichen werden die (deduktiv aus der Hypothese abgeleiteten) theoretischen bzw. theorie-implizierten (Esser 1984) Basissätze mit den (die Beobachtungen beschreibenden) empirischen Basissätzen.

Allerdings ergibt sich bis zu diesem Punkt noch nicht das behauptete „Basissatz-Problem“ oder „Basissatz-Dilemma“. Dieses entsteht vielmehr dadurch, dass es – im Unterschied zur Annahme des frühen Positivismus – eine voraussetzungslose Wahrnehmung nicht geben kann, dass vielmehr jede Wahrnehmung „theoriegetränkt“ ist.

In Wirklichkeit wird nicht lediglich – wie oben vereinfachend formuliert – das Wahrnehmungserlebnis des erkennenden Subjekts in eine sprachliche Form „übersetzt“. Vielmehr wird die Wahrnehmung durch das begriffliche Instrumentarium gelenkt. Kein Beobachter hat es mit irgendeiner neutral wahrnehmbaren Realität zu tun, sondern immer mit einer durch Begriffe bereits vorstrukturierten. „Wir ordnen die Erfahrungswelt durch unsere Begriffe, aber diese Ordnung entspricht nicht unbedingt einer objektiven Wirklichkeitsstruktur“ (Mayntz, Holm, Hübner 1971, 9). Unter einem Begriff verstehen wir ein sprachliches Zeichen (Wort), das mit einem bestimmten Vorstellungsinhalt fest verbunden ist; und Wahrnehmung besteht darin, diesen durch den Begriff vorgegebenen Vorstellungsinhalt in der Realität wiederzufinden. Für Dinge, für die wir keine Vorstellungsinhalte entwickelt haben und die wir somit nicht „auf den Begriff bringen“ können, sind wir praktisch blind.

Diese generelle, in den Beobachtungsbegriffen sich manifestierende „Realitätstheorie“ müssen wir bei jeder – auch der alltäglichen – Wahrnehmung anwenden, um Realität überhaupt erkennen zu können. Bei der methodisch kontrollierten wissenschaftlichen Beobachtung sind darüber hinaus weitere Theorien heranzuziehen, um zu den empirischen Beobachtungs- bzw. Protokollsätzen (allgemein: zu Daten) zu gelangen.

Dass – auf der sprachlich-logischen Ebene – die theoretische Sprache der Hypothesen in Beobachtungssprache (deduktiv abgeleitete Realitätsbehauptungen) überführt werden muss, wurde als Aufgabe schon benannt. Auf der empirischen Ebene, also der Ebene der Sachverhalte und Phänomene, ist eine analoge „Übersetzungs“-Aufgabe zu lösen: Für den mit dem theoretischen Begriff gemeinten (nicht direkt beobachtbaren) Sachverhalt müssen andere (und zwar: unmittelbar wahrnehmbare) Sachverhalte bestimmt und über sogenannte „Korrespondenzregeln“ mit dem theoretischen Sachverhalt verknüpft werden, so dass sie in eindeutiger Weise als (beobachtbare) „Indikatoren“ für das eigentlich Gemeinte dienen können.31

Beispiel

Im obigen Beispiel ist in der Hypothese von der Intensität der Nachbarschaftskontakte die Rede, die Protokollsätze geben dagegen lediglich Auskunft über die Häufigkeit von Kontakten. Die (zählbare) Häufigkeit wird anstelle der nicht ohne Weiteres feststellbaren Intensität beobachtet und protokolliert. Offenbar soll hier folgende Korrespondenzregel gelten: „Je intensiver die Nachbarschaftsbeziehungen ausgeprägt sind, desto häufiger kommt es zu Kontakten zwischen den Nachbarn.“ Sofern diese Annahme stimmt, kann man aus der Häufigkeit auf die Intensität rückschließen.

Zur systematischen Feststellung und Protokollierung der zu beobachtenden Sachverhalte müssen sodann Erhebungs- bzw. Messinstrumente entwickelt und eingesetzt werden. Zur Auswertung der gewonnenen Informationen sind des Weiteren geeignete Methoden der Informationsverdichtung (statistische Modelle) anzuwenden. Der schließlich zu formulierende empirische Basissatz kommt erst in Abhängigkeit von all diesen Zwischenschritten und den dabei verwendeten theoretischen Vorannahmen zustande, ist also das Resultat von Wahrnehmungs- und Instrumententheorien sowie ihrer praktischen Anwendung.32

Eine „objektive“ Abbildung der Realität können empirische Basissätze nur in dem Maße sein, in dem diese (Hilfs-)Theorien nicht fehlerhaft sind und in dem bei ihrer Anwendung keine Fehler begangen wurden.

Wie unschwer zu erkennen ist, befindet sich der Kritische Rationalismus mit seiner Wahrheits-Entscheidungsregel an dieser Stelle in einem logisch nicht auflösbaren Dilemma: Soll (und kann) tatsächlich eine Protokollaussage über eine Beobachtung, die zu einer nomologischen Hypothese im Gegensatz steht, ausreichen, um diese Hypothese in der vorliegenden Form endgültig zu widerlegen? Kehren wir noch einmal zu der Hypothese über Nachbarschaftskontakte in unterschiedlichen Wohngebieten zurück und nehmen wir an, ein weiteres Paar von Beobachtungen habe zu folgendem Protokollsatz geführt: „In der Vorortsiedlung x sind zum Zeitpunkt t die Nachbarschaftskontakte (gemessen an ihrer Häufigkeit) intensiver gewesen als im innerstädtischen Gebiet y zum gleichen Zeitpunkt t.“

Logisch ergäbe sich überhaupt kein Problem, die Hypothese aufgrund dieses Protokollsatzes zurückzuweisen, sofern dieser als wahr bewiesen (verifiziert) werden könnte. Das aber ist – wie eben dargelegt – nicht möglich. Denn das Forschungsprojekt ist ja nicht ohne die implizite Unterstellung der Richtigkeit anderer Hypothesen zu dieser Aussage gekommen, z. B.: Immer, wenn ich die Beobachtungs- oder Befragungsinstrumente A, B, C von geschulten Mitarbeitern auf beliebige Erhebungsobjekte (hier: Wohnsiedlungen) anwenden lasse, werden die Ergebnisse der Erhebung von Eigenschaften der Objekte (hier: Häufigkeit von Nachbarschaftskontakten als Indikator für deren Intensität) zu korrekten Abbildungen der realen Phänomene führen. Aber: Solche Hintergrundhypothesen sind ihrerseits genauso wenig verifizierbar wie andere empirische Hypothesen. Wenn es deshalb so ist, dass der Protokollsatz (der empirische Basissatz) nicht verifiziert werden kann, dann ist er eine unsichere Datenbasis.

Die logische Konsequenz ist: Durch einen solchen (nicht beweisbaren) Protokollsatz können wir eigentlich die zu überprüfende Hypothese nicht falsifizieren (als endgültig falsch zurückweisen), selbst wenn er der aus der Hypothese abgeleiteten Realitätsbehauptung (= dem theorie-implizierten Basissatz) widerspricht.33.

Die Lösung dieses Dilemmas ist nur konventionalistisch, d. h. durch Vereinbarung der Wissenschaftlergemeinde (des sozialen Systems „Erfahrungswissenschaft“) möglich. Man vereinbart:

  • Die Forscherin bzw. der Forscher hat den gegenwärtig höchstmöglichen methodischen Standard einzuhalten; und
  • die Forschungsprozesse, die zu den Protokollsätzen (allgemeiner: zur Datenmatrix, vgl. Kapitel 5.3.3) geführt haben, müssen intersubjektiv überprüfbar und nachvollziehbar sein; d. h.: Das ganze Vorgehen muss gut dokumentiert, jede Entscheidung muss explizit gemacht und begründet werden.

Wenn andere Forscher an der Richtigkeit der Protokollsätze zweifeln, sollen sie in der Lage sein, den Vorgang genau zu replizieren. Zumindest muss das Vorgehen gedanklich nachvollziehbar sein, um eventuelle Schwachstellen im Forschungskonzept aufdecken zu können. Mit anderen Worten: Das empirische Forschungsprojekt hat sich offen der Kritik anderer Wissenschaftler und der Öffentlichkeit zu stellen (das ist die Bedeutung des Wortes „Kritik“ in der Bezeichnung „Kritischer Rationalismus“).34

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann wird der Protokollsatz (der empirische Basissatz) so lange als richtig anerkannt, wie er nicht durch begründete Methodenkritik ins Wanken gebracht oder durch andere Forschungsergebnisse selbst widerlegt worden ist. Wird also die Datenbasis, die zur Falsifikation einer Hypothese/Theorie geführt hat, selbst hinsichtlich ihrer Gültigkeit und Zuverlässigkeit (vgl. Kap. 4.3 und 5.6) widerlegt, dann kann die zunächst falsifizierte Hypothese/Theorie wieder in den Kreis der noch nicht falsifizierten empirischen Aussagen zurückgeholt werden.

Nach der Unmöglichkeit der Verifikation empirischer Hypothesen erweist sich auch deren (endgültige) Falsifikation als unmöglich. Das ansonsten nicht lösbare Basissatz-Problem wird nur per Vereinbarung umschifft: Solange das Vorgehen der Forschung dem jeweils besten methodischen Standard entspricht, sollen die empirischen Befunde als brauchbare Annäherung an die realen Phänomene akzeptiert werden.

„Die Basissätze werden durch Beschluss, durch Konvention anerkannt, sie sind Festsetzungen“ (Popper 1971, 71). Das Ziel „Objektivität“ muss mangels Einlösbarkeit (wegen der zwischengeschalteten, immer subjektiv bleibenden Wahrnehmungserlebnisse der Beobachter) zurückgenommen und reduziert werden auf das Konzept „kontrollierte Intersubjektivität“.

1.3.4 Hypothesen und Theorien

Ein weiteres Stichwort ist bisher schon mehrfach gefallen: empirische Theorie. Beispielsweise wurde es als die zentrale Aufgabe der Wissenschaft erfahrungswissenschaftlicher Richtung bezeichnet, Theorien über die Realität eines Gegenstandes aufzustellen und diese zu überprüfen. Das Ziel empirischer Forschung ist also nicht das Sammeln verstreuter Einzelinformationen – auch wenn dies angesichts mancher Datenfriedhöfe so aussehen mag –, sondern sie hat (wie jede wissenschaftliche Forschung) die systematische Erfassung von Zusammenhängen zum Ziel. Und solche systematische Beschreibung der Zusammenhänge von Sachverhalten geschieht in der Form von Theorien. Empirisch bewährte Theorien sind nichts anderes als die „Systematisierung des gesammelten Wissens“ (Zetterberg 1973, 103).

Unter empirischer Theorie soll im Folgenden verstanden werden: ein System logisch widerspruchsfreier Aussagen (Sätze, Hypothesen) über den jeweiligen Untersuchungsgegenstand mit den zugehörigen Definitionen der verwendeten Begriffe.

Unter einer Hypothese versteht man zunächst nicht mehr als eine Vermutung über einen Tatbestand.

Beispiel

Im Alltag kann jemand die „Hypothese“ aufstellen, dass der als wenig zuverlässig bekannte Kommilitone Franz wieder einmal die übernommene Aufgabe bis zum nächsten Treffen der studentischen Arbeitsgruppe nicht vollständig erledigt haben wird.

Eine „statistische Hypothese“ kann lauten, dass der Mittelwert des Einkommens der untersuchten Stichprobe von Beschäftigten nicht signifikant vom Durchschnitt der erwerbstätigen Bevölkerung abweicht.

Im Zusammenhang mit empirischen Theorien hat jedoch der Begriff eine spezifischere Bedeutung.

Unter Hypothese wird im Kontext sozialwissenschaftlicher Theorien verstanden: eine Vermutung über einen Zusammenhang zwischen mindestens zwei Sachverhalten.

Nach Auffassung des Kritischen Rationalismus ist es für das wissenschaftliche Vorgehen der Bestätigung oder Widerlegung von Hypothesen gleichgültig, wie der Forscher an seine Hypothesen kommt: ob aus seinem Alltagsvorverständnis über den Tatbestand, ob aus Zeitungsberichten, ob durch induktive Herleitung aus beobachteten singulären Ereignissen.35 Interessant ist einzig und allein, ob sich die Vermutungen empirisch widerlegen oder bestätigen lassen.

Zu einer Theorie gehören mehrere Hypothesen, jedoch nicht ungeordnete isolierte Hypothesen über dieses und jenes. Von einer Theorie reden wir erst bei einem System von Hypothesen über einen Gegenstandsbereich, und zwar einem logisch widerspruchsfreien System. D. h.: Die einzelnen Sätze oder Hypothesen müssen sich auf den gleichen Gegenstandsbereich beziehen, und sie dürfen sich nicht logisch ganz oder teilweise gegenseitig ausschließen oder sich widersprechen.

Beispiel

Die Hypothese über die Intensität von Nachbarschaftskontakten in alten und neuen Wohngebieten (s. o.) könnte z. B. Bestandteil einer – hier frei erfundenen – Mini-Theorie über den Zusammenhang zwischen Wohndauer, räumlicher Nähe und Kontakthäufigkeit sein oder als Ableitung aus ihr folgen.

Beispiel:

1) Je näher Personen zusammen wohnen, desto häufiger nehmen sie miteinander Kontakt auf.

2) Je häufiger Personen interagieren, desto intensiver wird die Beziehung zwischen ihnen.

3) Je länger Personen in einem Gebiet wohnen, desto stabiler wird das Interaktionsnetz im Nachbarschaftsbereich.

4) Je älter und zentraler gelegen Wohngebiete sind, desto höher ist ihre Bebauungsdichte.

5) In älteren innerstädtischen Wohngebieten wohnen die Menschen länger als in neu gebauten Vorortwohnsiedlungen.

6) In neu gebauten Vorortwohnsiedlungen sind die Nachbarschaftskontakte weniger intensiv als in innerstädtischen älteren Wohngebieten.

Erste Anforderung an empirische Hypothesen war: Sie müssen an der Erfahrung prinzipiell scheitern können (Kriterium der Prüfbarkeit). Alle sechs Aussagen genügen dieser Anforderung. Sie sind so formuliert, dass sie widerlegbar sind; sie enthalten nur Begriffe mit empirischem Bezug; jede Aussage bezieht sich auf einen Sachverhalt, der prinzipiell erfahrbar ist.

Die zweite Anforderung – bezogen auf den Begriff Theorie – wird auch erfüllt: Die Aussagen stehen in einem erkennbaren Zusammenhang zueinander und beziehen sich auf den gleichen Gegenstandsbereich; es sind nicht ungeordnete Aussagen.

Auch die dritte Anforderung ist erfüllt: Die Aussagen sind miteinander logisch verträglich (Kriterium der internen Konsistenz); was in einer Hypothese gesagt wird, steht nicht in Widerspruch zu den jeweils anderen Aussagen.36

Das Aussagensystem weist in diesem Beispiel sogar noch Merkmale einer axiomatisch formulierten Theorie auf, und zwar ist die sechste Aussage die (deduktive) Ableitung aus vorhergehenden Sätzen. Die Aussagen 1 bis 5 sind Axiome; die Aussage 6 ist eine abgeleitete Hypothese (ein Theorem); sie enthält nicht mehr Informationen als schon in den Axiomen stecken. Genauer: Sie fasst hier die Informationen der Axiome 1, 2 und 4 zusammen.37

Was an einer „Theorie“ im oben skizzierten Sinne jetzt noch fehlt, sind die Definitionen der verwendeten Begriffe (beispielsweise „Intensität von Nachbarschaftskontakten“, „Bebauungsdichte“).

1.3.5 Empirische Theorie und Realität

Dass empirische Theorien/Hypothesen überhaupt einen Bezug zur Realität haben müssen, stand oben als eine grundlegende Forderung: Alle Hypothesen müssen an der Erfahrung scheitern können. Daraus folgt, dass die Formulierung von Hypothesen nach Auffassung des Kritischen Rationalismus am Beginn der Forschungstätigkeit stehen muss38 und dass erst danach über den Einsatz von Methoden und Instrumenten zur Gewinnung der benötigten Informationen entschieden werden kann. Denn wie sollte eine Theorie/Hypothese an der Erfahrung scheitern können, wäre sie nicht vorher – vor der gezielten Erfahrung durch Beobachtung – schon vorhanden gewesen?

Es gibt aber einen weiteren, weniger trivialen Grund, weshalb zunächst theoretische Überlegungen angestellt werden sollen und erst im Anschluss daran Forschungsaktivitäten einsetzen können. Und dieser Grund gilt nicht nur für hypothesentestende Untersuchungen, sondern für jede, auch noch so deskriptive Datensammlung.

Keine Beschreibung eines realen Tatbestandes kann sozusagen fotografisch die Realität in ihrer ganzen Komplexität abbilden; darauf wurde in anderem Zusammenhang schon im Kapitel 1.3.3 verwiesen. Jede Beschreibung muss sich auf eine bestimmte Perspektive und auf einen relativ kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit beschränken. Es muss also immer eine gezielte Selektion der Merkmale des Untersuchungsgegenstandes vorgenommen werden, die beobachtet werden sollen.

Damit stehen wir vor der schwierigen Frage: Welchen Teil der Realität wollen wir abbilden? Welche Merkmale sollen als besonders relevant behandelt und somit erhoben werden? Welche Merkmale sollen wir als weniger relevant betrachten und bei der Datensammlung außer Acht lassen? Erst wenn wir eine gezielte Wahl getroffen und damit unsere Beobachtungsperspektive festgelegt haben, können wir systematisch beobachten, befragen, Daten erheben. Nur eine systematische Beobachtung eines Objektbereichs kann gewährleisten, „dass regelhafte Beziehungen seiner Struktur oder der Veränderung der Struktur … erkannt werden. Eine Beobachtung ist prinzipiell theoriegeleitet; d. h. unabhängig von impliziten oder expliziten theoretischen Vorurteilen, ideellen Vorwegnahmen oder Vorentscheidungen … kann keine Erfahrung gemacht werden“ (Hülst 1975, 14).39

Ist eine Theorie oder eine Hypothese empirisch zu testen, dann gibt natürlich die Formulierung der Theorie/Hypothese bis zu einem gewissen Grad die Beobachtungsperspektive und damit die Auswahl der zu beobachtenden Merkmale vor. Lautet die Aufgabe dagegen, einen nur global abgegrenzten Gegenstandsbereich zu beschreiben, dann muss zunächst aufgrund sorgfältiger Überlegungen (einer gedanklichen Durchdringung des Untersuchungsgegenstandes: „dimensionale Analyse“, vgl. Kap. 3.1) ein untersuchungsleitendes Modell des Gegenstandes konstruiert sowie eine Liste der relevanten Merkmale erstellt werden.

Wir benötigen ein – wie Zetterberg (1973) es genannt hat – deskriptives Schema, eine Begriffsanordnung, die uns zu den Phänomenen und den Aspekten hinführt, denen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Die Erstellung einer solchen Liste relevanter Eigenschaften, eines solchen deskriptiven Schemas, setzt zumindest implizite theoretische Überlegungen über die Eigenschaften des Gegenstandsbereichs und die Beziehungen zwischen diesen Eigenschaften (eben ein „Modell“ des Untersuchungsgegenstandes) voraus. So berichtet Zetterberg davon, dass z. B. die für Meinungserhebungen benutzten „objektiven (sozialstatistischen) Merkmale“ einer Person wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Einkommen, Beruf, Konfession sowie Erziehung und andere Indikatoren der sozialen Position in der Gesellschaft von den Meinungsforschern scheinbar zwar durch reines Ausprobieren gewonnen wurden. Tatsächlich aber ist es der Versuch, alle Faktoren zu erfassen, die Meinungen und Einstellungen zu differenzieren scheinen. Also: Im Hintergrund dieser Merkmalsliste – hierbei handelt es sich um ein solches „deskriptives Schema“ – steht eine Theorie über Zusammenhänge von „objektiven“ (soziodemografischen) Persönlichkeitsmerkmalen mit „subjektiven“ Persönlichkeitsmerkmalen wie Meinungen, Einstellungen (Zetterberg 1973, 118–119).

Am Prozess der Entwicklung dieser Liste sozialstatistischer Merkmale von Personen zeigt sich auch die wechselseitige Abhängigkeit von Theorie und Empirie: Je besser die theoretischen Kenntnisse, umso brauchbarer wird das deskriptive Schema, das die Erhebung lenkt. Je besser wiederum das deskriptive Schema, um so theoretisch relevanter werden die erhobenen Daten und umso besser sind die Voraussetzungen für die Fortentwicklung der Theorie. Die theoretischen Kenntnisse oder – wo solche nicht in gesicherter Weise vorhanden sind – die Vermutungen/Hypothesen über bestimmte Sachverhalte und Beziehungen strukturieren für eine beobachtende Person erst den Gegenstandsbereich, lenken ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte, als relevant angesehene Aspekte.

Beispiel

Am Beispiel der Mini-Theorie über den Zusammenhang zwischen Wohndauer, räumlicher Nähe und Kontakthäufigkeit sei dies noch einmal verdeutlicht. Aus den formulierten Aussagen ergibt sich unmittelbar, welche Merkmale von Wohngebieten und welche Merkmale der Bewohner relevant sein (und daher beobachtet werden) sollen, bzw. welche anderen Merkmale im gegebenen Zusammenhang als unbedeutend außer Acht gelassen werden können. Wir hätten also Merkmale zu erheben wie: räumliche Nähe des Zusammenwohnens von Haushalten, Häufigkeit des Kontakts zwischen Mitgliedern verschiedener Haushalte, Intensität der Kontakte, Alter und Lage der Wohngebiete, Bebauungsdichte, Wohndauer der Haushalte. Unberücksichtigt lassen wir nach dieser Theorie dagegen Merkmale wie: Einkommen der Bewohner, Schulbildung, Art der Berufstätigkeit, Alter der Bewohner, Kinderzahl und Alter der Kinder in den Haushalten.

Nun könnte es natürlich sein, dass jemand hierbei ein ungutes Gefühl hat und meint, zumindest Einkommen, Bildung, Berufstätigkeit, Alter, Kinderzahl müssten auch noch erhoben werden. Das wäre dann aber ein eindeutiges Zeichen dafür, dass offenbar im Hinterkopf eine umfassendere Theorie vorhanden ist, die lediglich nicht ausformuliert wurde. In dieser impliziten Theorie könnten Hypothesen vorkommen wie: Je höher die Schulbildung, desto reservierter verhält sich eine Person gegenüber ihren Nachbarn. Je älter eine Person, desto stärker ist sie an Nachbarschaftskontakten interessiert. Je höher die Kinderzahl und je jünger die Kinder, desto mehr Anknüpfungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten ergeben sich für Familien im Nachbarschaftsbereich (usw.).

Eine Strategie, die sich darauf beschränken würde, lediglich diejenigen Beobachtungsmerkmale aufzulisten, die dem Forschungsteam spontan einfallen, wird meist dann Schiffbruch erleiden, wenn nicht auch die im Kopf existierenden Hypothesen mit ausformuliert und zu einem Hypothesensystem (oder zu alternativen Hypothesensystemen) geordnet werden. Die Folge einer solchen Strategie wird häufig sein, dass den Forschern später – wenn die Daten ausgewertet werden – aufgeht, dass relevante Merkmale übersehen wurden und dass aufgrund dieser Lücken die gesamte erhobene Datenbasis für die zu bearbeitende Problemstellung möglicherweise nicht viel wert ist.

Durch diese wenigen Überlegungen wird bereits deutlich, wie sehr Hypothesenbildung bzw. Theoriekonstruktion, Datenerhebung und Auswertung (d. h. Anwendung von Erhebungstechniken und statistischen Modellen) miteinander verwoben und aufeinander angewiesen sind. Die Forscherin bzw. der Forscher wird bei den theoretischen Formulierungen bereits die Methoden der Datenerhebung und die möglichen statistischen Auswertungsverfahren mit bedenken müssen, ebenso wie später bei der Berechnung statistischer Kennziffern durch den Computer ohne Rückbezug zu den theoretischen Überlegungen nur bedeutungslose Zahlen zu erhalten sind.

Theorien sind für die Erfahrungswissenschaft die wesentlichen (Denk)„Werkzeuge“, die den Zugang zur Realität ermöglichen.40 Die Theorie liefert

1) die grundlegende Orientierung; sie definiert den Objektbereich, sie legt fest, welche Aspekte der Realität zum Gegenstand der Forschungstätigkeit gemacht werden sollen. Die Theorie stellt

2) das begriffliche Bezugssystem zur Verfügung; sie erlaubt, die als relevant definierten Aspekte des Objektbereichs systematisch darzustellen, zu klassifizieren und Beziehungen zu postulieren. In Theorien werden

3) empirisch ermittelte Fakten zu Generalisierungen bzw. zu Systemen solcher Generalisierungen zusammengefasst. Je nach dem Grad ihrer Allgemeinheit kann man zwischen Ad-hoc-Theorien, Theorien mittlerer Reichweite und solchen höherer Komplexität („allgemeinen“ Theorien) unterscheiden (vgl. König 1973, 4 ff.). Eine Theorie ermöglicht

4) die Vorhersage zukünftiger Ereignisse. „Wenn eine Zusammenfassung von Beobachtungen in Form von Verallgemeinerungen erstellt worden ist, erwartet man, dass dieselben Strukturen und Beziehungen auch dort gefunden werden, wo noch keine Erfahrungen oder Beobachtungen gemacht werden konnten, und man erwartet die Gültigkeit dieser Beziehungen auch in der Zukunft“ (Hülst 1975, 22). Schließlich gibt sie

5) Hinweise auf vorhandene Wissenslücken.

1.3.6 Hypothesentest und Theorieentwicklung im Wechselspiel von Theorie–Empirie–Theorie. Ein Beispiel

Die analytisch-nomologisch orientierte Sozialwissenschaft tastet sich – wie in Abschnitt 1.3.2 skizziert – durch Aufstellen von Hypothesen und ihre empirische Überprüfung schrittweise, in einem Prozess von Versuch und Irrtum, an „wahres“ Wissen über die soziale Realität heran. Am Ende soll dieses Wissen in Form „bestätigter“ Theorien, also einem logisch widerspruchsfreien System von empirisch bewährten Hypothesen, dokumentiert sein. Zur Erinnerung: Die dieser Forschungsrichtung zugrunde liegende Vorgehenslogik kennt zwei parallele Wege zu „wissenschaftlichem Fortschritt“. Erstens: Hypothesen, die sich bei Konfrontation mit der empirischen Wirklichkeit als unzutreffend erweisen, gelten als „falsifiziert“; sie sind – unter Berücksichtigung der neu gewonnenen Erkenntnisse – zu korrigieren und erneut empirisch zu testen. Zweitens: Hypothesen, die sich bei Konfrontation mit der empirischen Wirklichkeit als zutreffend erweisen, gelten als „bestätigt“; sie sind entweder „verschärften“ empirischen Tests zu unterwerfen, oder sie sind – falls sie sich bereits wiederholt bewährt haben – „gehaltserweiternd“ umzuformulieren (also stärker zu verallgemeinern) und danach wiederum empirisch zu überprüfen. Detailliert und unter methodologischen Gesichtspunkten werden die Argumentationslogik und das Design dieser „hypothesentestenden“ Sozialforschung im Kapitel 2.4.2 dargestellt. Vorgreifend soll jedoch schon an dieser Stelle die in der analytisch-nomologischen Wissenschaftstheorie postulierte Wechselbeziehung Theorie-Empirie-Theorie an einem Beispiel veranschaulicht werden.

Ausgangspunkt der Überlegungen sei die (generelle, d. h. stark verallgemeinernde) Hypothese: „Das Denken und Urteilen der Menschen wird von ihrer sozialen Umwelt bestimmt.“ Diese Aussage erhebt einen sehr weit gefassten Geltungsanspruch und ist zu unspezifisch, als dass sie durch eine einzige Untersuchung auf ihre empirische Richtigkeit überprüft werden könnte. Wir können jedoch auf logischem Wege (durch deduktiv-analytische Ableitung) zu Hypothesen kommen, die spezifischer sind. Zum Beispiel: „Das Denken und Urteilen der Mitglieder einer Gruppe wird vom Denken und Urteilen der übrigen Gruppenmitglieder bestimmt.“

Durch eine sprachlogische Analyse lässt sich feststellen, dass die Bedeutung des Begriffs „soziale Umwelt“ den sozialen Sachverhalt „Gruppe“ mit umfasst, dass also „Gruppe“ für deren Mitglieder ein Bestandteil von sozialer Umwelt ist. Wenn die zu prüfende Hypothese uneingeschränkt für den Einfluss „sozialer Umwelt“ auf einzelne Menschen gelten soll, dann folgt daraus, dass dies auch für den Einfluss von Gruppen (als eines Bestandteils dieser sozialen Umwelt) zutreffen muss; andernfalls hätte sie einen zu weiten Geltungsanspruch erhoben.

Auch die jetzt formulierte zweite Hypothese ist noch recht allgemein gehalten; sie erhebt Anspruch auf Geltung für beliebige Personen als Mitglieder beliebiger Gruppen zu beliebigen Zeitpunkten oder Zeiträumen. Wiederum auf logisch-deduktivem Wege lassen sich jedoch Aussagen ableiten, die nur noch für bestimmte Personen, bestimmte Gruppen und bestimmte Zeitpunkte oder Zeiträume etwas behaupten. Mit anderen Worten: Aus generellen Hypothesen lassen sich singuläre, auf Einzelfälle bezogene Aussagen ableiten. Zum Beispiel: Das Denken und Urteilen der Person P1 (Egon Müller) als Mitglied der Gruppe G1 (Computer-Hobbyclub „Fauler Apfel“ in Bochum) wird im Zeitraum t1 (Mitgliederstammtisch am …) vom Denken und Urteilen dieser Gruppe G1 bestimmt. Gleiches gilt für Personen P2, P3, …, für Gruppen G2, G3, … und für Zeiträume t2, t3, … Solche singulären, deduktiv aus generellen Hypothesen gewonnenen Behauptungen lassen sich durch gezielte empirische Beobachtungen daraufhin prüfen, ob sie in der beschriebenen Situation zutreffen.

Die bisher skizzierte Ableitung beschränkt sich allein auf die sprachliche Ebene, auf die Umformung von generellen Hypothesen in singuläre Sätze (vgl. in der Überblicksskizze am Ende von Kapitel 2.4.2 den linken Teil). Zur gezielten empirischen Beobachtung ist jetzt auf der methodologischen Seite (in der genannten Skizze der rechte Teil) zusätzlich die Verknüpfung der sprachlichen mit der empirischen Ebene herzustellen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Bedeutungsanalyse der Hypothese ergeben hat, dass sowohl die in ihr vorkommenden Begriffe wie auch die Aussage insgesamt empirischen Bezug haben, dann sind geeignete Indikatoren (d. h. beobachtbare Sachverhalte) zu benennen und zu begründen, und dann ist ein geeignetes Datenerhebungsinstrument zu wählen oder neu zu entwickeln (Operationalisierung).41 Mit Hilfe dieses Erhebungsinstruments werden die für die Hypothesenprüfung relevanten Daten gesammelt. Am Schluss sind statistische Modelle anzuwenden, um die Daten auszuwerten. Als Resultat werden die empirischen Ergebnisse in „Beobachtungsaussagen“ festgehalten.

Wie man sieht, greift der Forscher auf dem Wege von den in der Hypothese verwendeten Begriffen bis zur Gewinnung von Beobachtungsaussagen auf einen ganzen Satz von „Hilfstheorien“ zurück: Korrespondenzhypothesen zur Begründung der Indikatoren; Mess-, Instrumenten- und Beobachtungstheorien bei der Entwicklung und Anwendung der Erhebungsinstrumente; statistische Modelle bei der Datenauswertung. Damit die Beobachtungsaussagen als sichere Basis für die Entscheidung über die Bestätigung oder Zurückweisung der zu testenden Hypothese (als Bestandteil einer Gegenstandstheorie) geeignet sind, müsste auch die Richtigkeit der verwendeten Hilfstheorien gesichert sein. Innerhalb der durchzuführenden Untersuchung können diese Hilfstheorien – wie schon erwähnt (vgl. Kapitel 1.3.3) – jedoch nicht empirisch geprüft werden; ihre Richtigkeit muss vielmehr unterstellt werden.

Der Inhalt unserer Hypothese war Gegenstand der psychologischen Gruppenforschung. Der amerikanische Psychologe M. Sherif entwarf zum Test des behaupteten Einflusses der Gruppe auf die individuelle Urteilsbildung folgende Versuchsanordnung (Forschungsdesign „Labor-Experiment“, vgl. Kapitel 2.4.3): Einer Gruppe von Personen wird in einem völlig verdunkelten Raum für kurze Zeit ein kleiner, schwacher, nicht bewegter Lichtpunkt dargeboten. Die Personen werden gebeten zu schätzen, um wie viel Zentimeter sich der Lichtpunkt während der Betrachtung bewegt hat; sie sollen ihre Schätzungen nacheinander ausrufen, so dass jeder in der Gruppe sie hören kann. Da die Augenachsen des Menschen niemals ganz ruhig sind, scheint sich tatsächlich für jeden Versuchsteilnehmer der objektiv feste Punkt zu bewegen, jedenfalls dann, wenn – wie hier durch den völlig verdunkelten Raum – keinerlei zum Vergleich geeignete Bezugspunkte gegeben sind.

Bei Wiederholungen der Versuchsdurchgänge zeigt sich, dass die einzelnen Gruppenmitglieder sich sehr bald in ihren Einzelschätzungen einem gemeinsamen (mittleren) Wert annähern. Die individuelle Annäherung der Schätzungen ist umso stärker, je weiter die Versuchsperson in ihren ersten Schätzungen vom späteren Gruppenwert nach oben oder nach unten abweicht.

Sherif hat also aus der genannten generellen Hypothese die Aussage abgeleitet: „Die Urteile der Mitglieder einer Versuchsgruppe werden durch die Urteile dieser Gruppe bestimmt.“ „Urteil“ hat er dabei operationalisiert durch den Indikator: Einschätzung der scheinbaren Bewegung eines nicht bewegten Lichtpunktes im dunklen Raum. Die Ergebnisse seines Experiments (die Beobachtungsaussagen, also die Beschreibung der empirischen Schätzungen in mehreren Versuchsdurchgängen) stimmen mit dieser aus der Hypothese abgeleiteten Aussage überein; die Untersuchung hat die Hypothese „vorläufig bestätigt“.

Der deutsche Psychologe P. R. Hofstätter entwarf daraufhin einen härteren Test zur Prüfung der gleichen Hypothese. Er behielt im Prinzip das Sherifsche Experimentaldesign bei, führte jedoch zunächst vier Durchgänge von Schätzungen durch, bei denen jede Versuchsperson allein im Untersuchungsraum war, danach drei Versuchsdurchgänge von Schätzungen in der Sherifschen Gruppensituation und abschließend noch einmal vier Durchgänge von Einzelschätzungen. Die Verschärfung der Testsituation bestand darin, dass die Versuchspersonen zunächst die Chance hatten, sich ihre eigenen, individuellen Maßstäbe zu bilden, und dass ihnen nach dem Gruppenexperiment die Möglichkeit geboten wurde, ohne Kontrolle durch die anderen Versuchsteilnehmer vom Gruppenmaßstab wieder abzurücken und zu ihrem ursprünglichen Maßstab zurückzukehren.

Die Ergebnisse bestätigten jedoch weiterhin die Hypothese: Zunächst bildete sich in der Tat jede Person in den vier Einzeldurchgängen eine eigene, gegenüber den anderen Teilnehmern unterschiedliche Urteilsskala. Bei den Schätzungen in der Gruppensituation trat dann rasch eine Angleichung an den Gruppenmittelwert ein. Und: Diese Orientierung an der „Gruppennorm“ blieb auch in den abschließenden vier Einzelschätzungen erhalten (Hofstätter 1957, 53 ff.).

In weiteren Folgeuntersuchungen führten andere Forscher zusätzliche Verschärfungen für den Test der Hypothese ein, z. B. Variation im Grad der Information über den Urteilsgegenstand, Bereitstellung von Bezugssystemen, Kontrolle vorgefasster individueller Meinungen der Versuchspersonen zum Urteilsgegenstand, komplexere Beurteilungsaufgaben. Dabei erwies es sich, dass die genannte Hypothese zwar im Prinzip Bestand behielt, jedoch nicht unter allen Bedingungen in gleichem Ausmaß. Als Resultat der fortgesetzten Forschungsbemühungen konnte aufgrund zunehmenden empirischen Wissens die Ausgangshypothese präziser und differenzierter formuliert werden; ihr Geltungsbereich wurde damit schrittweise immer genauer abgesteckt.

„Wissenschaftlicher Fortschritt“ vollzieht sich nach den Vorstellungen der analytisch-nomologischen Position auf die hier skizzierte Weise.42

1.4 Empirische Verfahren und alternative Wissenschaftspositionen

In den Sozialwissenschaften gibt es die Wissenschaft als ein einheitliches und unbestrittenes System der Erkenntnisgewinnung nicht. Stattdessen existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Wissenschaftspositionen, die sich zum Teil in Details und zum Teil in sehr grundsätzlichen Fragen unterscheiden. Sie lassen sich zur besseren Übersichtlichkeit zu einigen Hauptströmungen zusammenfassen; etwa:

  • analytisch-nomologische Richtung mit Ausprägungen wie Empirismus, logischer Empirismus, Positivismus, Neo-Positivismus, Kritischer Rationalismus, Falsifikationismus, Fallibilismus;
  • hermeneutisch-dialektische Richtung mit Bezeichnungen wie kritisch-emanzipatorische Richtung, Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Historismus, Verstehen-Ansatz, hermeneutischer Ansatz, kritische Diskursanalyse;
  • dialektisch-materialistische Richtung mit Bezeichnungen wie marxistische, neo-marxistische Richtung, marxistisch-leninistische Wissenschaft, Materialismus (vgl. Esser/Klenovits/Zehnpfennig 1977/I, 163 ff.);
  • qualitative Sozialforschung verschiedener Richtungen wie „interpretatives Paradigma“, symbolischer Interaktionismus, „natural sociology“, Ethnomethodologie, Phänomenologie, rekonstruktive Sozialforschung.

Ein systematischer Vergleich dieser Positionen ist hier nicht das Ziel. Andererseits soll diese Vielfalt nicht einfach unter den Tisch fallen. Die prominenteste Alternative zu der hier diskutierten analytisch-nomologischen Richtung ist die qualitativ-interpretative Richtung. Wegen ihrer Bedeutung in den Sozialwissenschaften diskutieren Annotationen am Ende jedes Kapitels die Unterschiede zwischen der analytisch-nomologischen und der qualitativ-interpretativen Richtung.

Eine andere, ebenfalls prominente Richtung ist die Kritische Theorie der Frankfurter Schule (Wiggershaus 1986, Albrecht u. a. 1999). Diese Richtung, die insgesamt eine umfassende Gesellschaftstheorie mit methodischen und methodologischen Implikationen ist, kann weder hier noch in den Annotationen im Detail erörtert werden, doch ein Vergleich anhand von zwei Kriterien soll zumindest einen Eindruck der Unterschiede vermitteln.

1. Kriterium: „Kritik“ und Erkenntnisziel

Strikt erfahrungswissenschaftliche Soziologie verfolgt das Ziel, soziale Phänomene zu beschreiben und zu erklären. Die angestrebte Theorie ist ein System von empirisch prüfbaren Aussagen. Dabei hat die Empirie eine dominierende Stellung. Die Realität, so wie sie vom Forscher beobachtet werden kann, soll alleinige und letzte Entscheidungsinstanz darüber sein, ob eine Theorie richtig oder falsch ist. Die Entscheidung soll von jedem nachvollzogen werden können: Die theoretischen Aussagen und deren empirische Überprüfung müssen intersubjektiv nachvollziehbar, intersubjektiv überprüfbar und kritisierbar sein.

Kritik heißt beim „Kritischen Rationalismus“: Die Forschungsergebnisse und das Vorgehen beim Erzielen der Ergebnisse sind der ständigen kritischen Überprüfung anderer Forscher, der (wissenschaftlichen) Öffentlichkeit, ausgesetzt. Erkenntnisziel der Forschung ist die Aufklärung über das, was wirklich ist, wobei die Annäherung an die Wahrheit – „was wirklich ist“ – mittels Aussonderung empirisch falsifizierter und härterer Überprüfung bestätigter Theorien versucht wird. Eine Bewertung der Realität gehört nicht zum Gegenstand der Wissenschaft43 (Wertneutralitätspostulat, da Werte nicht wissenschaftlich – „intersubjektiv“ – begründbar sind; siehe Kapitel 2.3).

Für den dialektisch-kritischen Ansatz („Kritische Theorie“) ergibt sich eine ganz andere Zieldefinition: Nicht nur die Beschreibung und Erklärung sozialer Phänomene (nomologisches Wissen) ist ihr Gegenstand, sondern vor allem die kritische Beurteilung der sozialen Tatbestände. Kritik heißt hier nicht kritische Überprüfung theoretischer Aussagen an der Realität, sondern kritische Auseinandersetzung mit der Realität. Nicht ein eher technisches – wie bei der analytisch-nomologischen Richtung –, sondern ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse ist für dialektisch-kritische Ansätze grundlegend.

Kritik an der Wirklichkeit als wissenschaftliches Ziel ergibt sich für die dialektische Richtung aus der Tatsache, dass der Mensch als wollendes Subjekt den soziologischen Gegenstand, also die soziale Wirklichkeit, selbst produziert hat, und zwar geleitet von Werten und Bedürfnissen. Eine in diesem Sinne als kritisch verstandene Sozialwissenschaft wird sich also „mit der Analyse ,nomologischen Wissens‘ nicht begnügen; sie bemüht sich darüber hinaus, zu prüfen, wann die theoretischen Aussagen invariante Gesetzmäßigkeiten des sozialen Handelns überhaupt und wann sie ideologisch festgefrorene, im Prinzip aber veränderliche Abhängigkeitsverhältnisse erfassen. ,Emanzipatorisch‘ wird dieses Erkenntnisinteresse deshalb genannt, weil es auf ,Selbstreflexion‘ abzielt (…) Eine so verstandene kritische Soziologie ist natürlich nicht wertfrei. Die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse werden ja daraufhin befragt, ob das, was ist (z. B. ideologisch festgefrorene Abhängigkeitsverhältnisse), auch dem entspricht, was stattdessen sein könnte und sein sollte (etwa Selbstreflexion, Mündigkeit)“ (Bellebaum 1977, 29 ff., unter Verweis auf Habermas).

Auf solche Aussagen, die sich nicht nur auf das beziehen, was ist, sondern auch auf das, was sein sollte, ist das Kriterium empirischer Prüfbarkeit und intersubjektiver Kontrolle nicht mehr anwendbar. Für einen so konzipierten Erkenntnisprozess ist die Funktion empirischer Sozialforschung nicht mehr so zentral wie bei einem strikt erfahrungswissenschaftlichen Ansatz; sie hat aber selbstverständlich auch hier ihren unverzichtbaren Platz.

2. Kriterium: Thematisierung der Wirklichkeit

Aus erfahrungswissenschaftlicher Sicht lassen sich die Tatbestände der Realität unter einer Unzahl verschiedener Themen angehen. Der Gegenstand sagt nicht aus sich heraus, wie wir ihn betrachten sollen, sondern wir tragen Fragen an den Gegenstand heran. Der Blickwinkel, unter dem wir einen Tatbestand betrachten, ist prinzipiell beliebig. Beispielsweise können wir Gruppen hinsichtlich ihres Einflusses auf andere Gruppen untersuchen, wir können die Machtstruktur einer Gruppe analysieren, wir können uns auch auf die Rolle von Außenseitern oder von Meinungsführern in Gruppen beschränken. Die Begriffe, die wir aufgrund theoretischer Überlegungen oder Vermutungen definieren, „strukturieren die Wirklichkeit“.44

Vom dialektisch-kritischen Ansatz dagegen werden die sozialen Tatbestände als Produkt der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse begriffen, in denen auch die Forscher selbst leben und handeln. Forschung kann deshalb nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Wirklichkeit einzelne soziale Tatbestände untersuchen. Vielmehr haben die Gegenstände – als gesellschaftlich geformte – sozusagen ihre „eigenen Begriffe“: die Gegenstände lenken die Erkenntnis. „Das entscheidende Spezifikum ist dabei die Tatsache, dass die Theorie über die bewusst gestaltete Praxis Einfluss nimmt. Das heißt, der Einfluss der Praxis findet nicht in vager Form, etwa als ,soziologischer Alltag‘ Eingang in den Forschungsprozess, sondern die Ausführung eines soziologischen Forschungsvorhabens ist selbst Teil der bewusst gestalteten gesellschaftlichen Prozesse. Insofern ist die Auffassung des Forschers von der Gesellschaft zwingend vorgegeben … Indem also die gesellschaftlichen Prozesse gestaltet werden auf der Grundlage der Kenntnis der grundlegenden Bewegungsgesetze der Gesellschaft, kann die Ausführung von soziologischen Forschungsvorhaben auch nichts weiter sein als ein Stück dieser Gestaltung, die direkte Vorarbeit zu praktischen Maßnahmen“ (Koch 1976, 56 f.). Will die Forscherin bzw. der Forscher aus dieser Situation ausbrechen, muss sie/er die eigene Situation in ihren Abhängigkeiten reflektieren und den Sinn dieses Zusammenhangs sowie dessen Einflüsse auf die Erkenntnis zu durchdringen suchen.

1.5 Annotationen aus der Perspektive qualitativ-interpretativer Methoden

Das Verhältnis von Empirie, Theorie und Methoden stellt sich für qualitativ-interpretative Ansätze in etwas anderer Weise als für standardisierte Verfahren. Das hat ganz basal mit unterschiedlichen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundannahmen (Axiomen) zu tun, häufig aber auch mit vielfältig variierenden sozialtheoretischen Prämissen. Es hat aber in vielen Feldern der Sozialforschung auch mit unterschiedlichen methodischen Anforderungen zu tun, wie sie aus den Gegenstandsbereichen und Forschungsfragen resultieren. So stellt z. B. die Sozialstrukturanalyse andere Fragen, präferiert andere Arten von Daten und andere Analyseverfahren als etwa die fallrekonstruktive Biografieforschung.45

Doch bleiben wir zunächst bei erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundannahmen (Axiomen). Der in diesem Kapitel bereits vorgestellte Kritische Rationalismus basiert erkenntnistheoretisch auf einer dezidiert „realistischen“ erkenntnistheoretischen Position: Die Handelnden ebenso wie die wissenschaftlichen Beobachter finden eine identische, universelle Realität vor, die damit objektiv gegeben ist. Die handelnden Akteure können diese Realität mehr oder weniger zutreffend wahrnehmen („beobachten“); fallweise unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität ändern indes nichts an deren objektivem ‚So-Sein‘. Allerdings steht dem wissenschaftlichen Beobachter kein unmittelbarer Zugang zur Realität zur Verfügung, weil jede Beobachtung immer nur in schon theoriegeladenen „Protokollsätzen“ formuliert werden kann (vgl. Kapitel 1.2.1 und 1.3.2) (Popper 1994, 73).

Alternative Positionen finden wir z. B. im Pragmatismus und im Konstruktivismus. Im Pragmatismus, einer in Nordamerika um die vorletzte Jahrhundertwende ausformulierten und für Gesellschaftsentwicklung der USA prägenden Sozialphilosophie, geht man von der Vorstellung aus, dass Realität ausschließlich im Handeln und in den Konsequenzen dieses Handelns existiert. Das heißt nicht, dass wir uns die Welt so machen, wie wir sie gerne hätten, denn weil Handeln nicht ein rein mentaler Prozess, sondern praktisches Umgehen mit der materialen und sozialen Umwelt ist, muss es sich immer mit jener mal diffusen, mal sehr spezifischen Widerständigkeit auseinandersetzen, der die Handelnden ‚in der Welt‘ begegnen. In dieser Perspektive – die sich insofern deutlich nicht nur vom Realismus, sondern auch vom Idealismus und vom Nominalismus unterscheidet – konstituieren wir die Wirklichkeit dadurch, dass wir in der Welt ‚da draußen‘ auf Probleme stoßen, d. h. mit unserem Handeln nicht immer in erwarteter Weise fortfahren und ans Ziel kommen können. Aus dieser Handlungshemmung (Mead 1959, Orig. 1932) und dem damit verbundenen Zustand der ‚Ungewissheit‘ heraus setzen Problemlösungsprozesse ein, mit denen wir versuchen, einen Zustand der ‚Gewissheit‘ zu erlangen, also wieder handlungsfähig zu werden. Ob das Problem gelöst und damit der in der Problemlösung unterstellte Zustand der ‚Welt da draußen‘ als gewiss angenommen werden kann, entscheidet sich allein daran, ob unsere Handlungsfähigkeit wieder hergestellt und – durch die Auseinandersetzung mit dem Problem – erweitert werden konnte (Dewey 2002, Orig. 1938, 132 ff.). Der Prozess des Problemlösens wird dabei – gleichviel ob in alltäglichen Handlungsprozessen oder im Forschungshandeln – nicht als deduktiver Prozess des Erschließens bestimmter Konsequenzen aus gegebenen Bedingungen und Regeln verstanden, sondern als ein tentatives und kreatives Vorgehen: Wir benötigen in der Regel eine neue Idee, ein neues Verständnis der Situation, um eine Lösung zu entwerfen. Dieser Entwurf ist es, der im (auch gedanklichen) Handeln experimentell überprüft wird.46 Deduktion und Induktion werden hier also um die Abduktion ergänzt, ein nicht formallogisch zwingendes, sondern tentativ-praktisches Schlussverfahren, das kreative neue Problemlösungen generiert, deren Ergebnisse sich allerdings erst in der anschließenden praktischen Bewährung als zutreffend erweisen müssen (vgl. ausführlich Reichertz 2003).

In diesem Kapitel ist deutlich geworden, dass axiomatische Setzungen erkenntnistheoretischer Grundaussagen im methodologischen Diskurs vor allem legitimatorische Funktion haben: Wir beziehen die Geltungsbegründung für die jeweiligen Methodenkonzeptionen aus genau diesen Annahmen, die sich aufgrund ihres Status als Letztbegründungen weder empirisch noch logisch-theoretisch beweisen lassen. Auch wenn sich alle für die empirische Sozialforschung relevanten methodologischen Positionen im Kern mit der kritisch-rationalistischen Idee vereinbaren lassen, dass alle „Aussagen einer empirischen Wissenschaft […] prinzipiell an der Erfahrung scheitern können (müssen)“ (Popper 1994, 38): Die hinter diesem Satz liegenden grundsätzlichen Bestimmungen dessen, was wir unter Welt, Realität, Erfahrung etc. verstehen wollen, können nicht in gleicher Weise dem Kriterium des empirischen Scheiterns unterliegen. Auch deshalb formuliert Popper mit Bezug auf das Basissatzproblem: „So ist die empirische Basis der objektiven Wissenschaft nichts ‚Absolutes‘; die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland …“ (Popper 1994, 35).

Auch wenn sie als Geltungsbegründungen im rationalen Diskurs über Methoden und ihre Leistungsversprechen zentral sind: Nicht aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Setzungen resultieren unsere empirischen Methoden, sondern aus praktischen Versuchen zur Bewältigung von Forschungsproblemen, also aus unterschiedlichen Anwendungsbezügen – seien es solche aus den Wissenschaften selbst, oder seien es Problemlösungssuchen aus der Gesellschaft und ihren Institutionen heraus. So wurden wichtige „qualitative“ Studien in der Frühzeit der empirischen Sozialforschung von den sozialen Problemlagen inspiriert, die sich aus den enormen Zuwanderungsströmen im Chicago des frühen 20. Jahrhunderts ergaben.47 Lange vor der expliziten Auseinandersetzung mit Fragen einer wissenschaftstheoretischen Fundierung sind empirische Methoden so zunächst meist recht ‚hemdsärmelig‘ entwickelt sowie sukzessive in der Forschungspraxis und dann zunehmend auch unter Bezug auf methodologische Argumente und Diskussionen verfeinert worden.48

Ähnlich wie standardisierte Verfahren referieren qualitative Methoden nicht allein in ihrem Problembezug auch auf außerwissenschaftliche professionelle oder alltagspraktische Kontexte. Alltägliche Praktiken zur Lösung von Wissensproblemen (epistemische Praktiken) stehen in der Methodenentwicklung Pate für konkrete Verfahren oder Verfahrenskomponenten (so etwa Vergleichsheuristiken und Praktiken der Typenbildung). Damit geht häufig die Vorstellung einher, dass es keine distinkte Unterscheidung von Wissenschafts- und Alltagspraxis gibt. Das heißt nicht, dass der Unterschied negiert wird, er wird vielmehr gradualisiert: Die Perspektive qualitativ-interpretativer wissenschaftlicher Sozialforschung zeichnet sich gegenüber Alltagspraktiken aus durch

  • die Positionierung in einer sekundären Beobachterposition, also außerhalb der konkreten Handlungsbezüge im untersuchten Feld; mit der Konsequenz, dass die so gewonnenen Erkenntnisse – wie es bei Alfred Schütz heißt – als „Konstruktionen zweiter Ordnung“ anzusehen sind (Schütz 2004, Orig. 1953, 159);49
  • eine explizitere Orientierung auf Theorie als dominantem Wissenstypus im Unterschied zu Handlungswissen, das zwar mit generiert wird, aber oft unter Ableitung aus zunächst erarbeiteten Theorien;
  • eine entsprechend systematischer angelegte Gewinnung und explizitere Repräsentation wissenschaftlichen Wissens.

Ein Punkt, in dem weitgehende Einigkeit unter den Vertreterinnen und Vertretern qualitativ-interpretativer Methoden besteht, ist die Distanz gegenüber der im Kritischen Rationalismus und in der analytischen Wissenschaftstheorie anzutreffenden Vorstellung, das Ziel empirischen Forschens liege in der Erarbeitung und Prüfung nomologischer Aussagen über die soziale Realität. Jedoch zielt auch die qualitativ-empirische Forschung sehr nachhaltig auf Theorie, sie pflegt allerdings ein anderes Theorieverständnis (oder besser: verschiedene andere Theorieverständnisse) und legt den Akzent stärker auf den Aspekt einer empirisch basierten Theoriegenese (vgl. Kalthoff/Hirschauer/Lindemann 2008).

Damit geht auch die Kritik an einer einheitswissenschaftlichen Position einher.50 Vor allem Hempel und Oppenheim (1948), aber auch Popper vertreten die Vorstellung, alle wissenschaftlichen Aussagen hätten sich an dem von ersteren formulierten Modell wissenschaftlicher Erklärungen (Hempel-Oppenheim-Schema, Kapitel 2.4.1) zu orientieren. Diese Position wird von vielen Ansätzen qualitativ-interpretativer Sozialforschung entschieden abgelehnt. Reklamiert wird stattdessen – und mit im Detail durchaus unterschiedlichen Argumenten – ein gegenüber den Naturwissenschaften anderer Status der Sozial- und Geisteswissenschaften. Geltend gemacht wird dabei unter anderem, dass soziales Handeln im Unterschied zu naturwissenschaftlichen Prozessen immer schon sinnhaftes Handeln ist, beobachtetes manifestes Handeln also immer auch mit subjektivem Sinn der Handlungsträger unterlegt ist. Diesen gilt es im Wege des Verstehens und Deutens interpretativ zu erschließen, um „soziales Handeln“, wie Max Weber (1980, 1) fordert, „ursächlich erklären“ zu können. Gefragt ist also methodisch-kontrolliertes Fremdverstehen.

Zugleich wird geltend gemacht, dass der Akt wissenschaftlichen Beobachtens immer ein Handeln in der Welt darstellt und insofern auch allen damit verbundenen Restriktionen unterliegt, also perspektivgebunden und in der Vermittlung des im Handeln Erfahrenen auf ‚immer schon‘ theoriehaltige Sprache verwiesen ist. Während aber in der standardisierten Forschung unter Bezug auf ein ursprünglich den Naturwissenschaften entlehntes Objektivitätsideal versucht wird, diese als Störgrößen betrachteten Einflussfaktoren möglichst auszuschalten, kritisieren die verschiedenen Ansätze qualitativer Forschung dieses Vorgehen als unangemessen und betonen stattdessen das Erfordernis, die kreativ-interpretative Leistung der Forschenden und ihre handelnde Involviertheit in die zu erforschende Wirklichkeit als Ressource für den Forschungsprozess nutzbar zu machen.

Gleichviel, ob man in der qualitativ-interpretativen Sozialforschung nun einen subjektorientierten, intentionalen Handlungsbegriff à la Max Weber oder Alfred Schütz oder – wie George Herbert Mead – ein dezidiert interaktionistisches Verständnis von Sozialität vertritt: Einig sind sich diese Richtungen innerhalb der Soziologie über ein nicht-deterministisches Verständnis menschlichen Handelns. Was auch immer den Handelnden an Bedingungen entgegentritt: Diese wirken nicht wie Faktoren auf die Handelnden ein und bestimmen deren Handeln, sondern die Handelnden müssen sich im Handeln mit diesen Bedingungen auseinandersetzen. Und mehr noch: Die von Thomas/Thomas (1928, 572) geprägte klassische These von der „Definition der Situation“ besagt, dass die Art und Weise, in der die Menschen eine Situation und die darin enthaltenen Handlungsbedingungen wahrnehmen, realitätsverändernd wirkt. Wir handeln auf der Basis unserer subjektiven Situationsdefinition; und gleichviel, ob diese Definition in einem objektiven Verständnis oder auch nur aus der Perspektive anderer Handelnder richtig oder falsch ist, die Definition hat mit dem auf ihr gründenden Handeln immer reale Konsequenzen.

Diese sozialtheoretischen Argumente liegen auch der Distanzierung vom kritisch-rationalistischen Vorschlag einer Hypothesen-testenden, falsifikatorischen Forschungslogik zugrunde. Während bei Popper und der auf seiner Wissenschaftstheorie fußenden nomologisch-deduktiven Sozialforschung ein universell verstandenes Modell wissenschaftlichen Erklärens unter Zuhilfenahme allgemeiner Gesetze vertreten und das Kontingenzproblem menschlichen Handelns (wir wissen erst, wie gehandelt wird, wenn gehandelt wurde) mit der provisorischen Ablösung allgemeiner Gesetze durch induktiv-statistische Wahrscheinlichkeitsannahmen zu heilen versucht wird, ziehen die unterschiedlichen Methodologien qualitativ-interpretativer Sozialforschung aus diesen Ausgangsüberlegungen andere Konsequenzen. Man geht hier davon aus, dass Kausalerklärungen zur Erforschung der Sozialwelt eines deutend-verstehenden Zugangs zur Sinnproblematik menschlichen Handelns bedürfen.

Nicht alle in der qualitativ-interpretativen Sozialforschung vertretenen methodologischen Positionen gehen dabei in ihrem Erklärungsanspruch gleich weit.51 Insgesamt aber verzichten qualitative Verfahren nicht etwa auf den Anspruch, soziales Handeln „ursächlich zu erklären“; sie halten nur andere Wege dorthin für erforderlich.52 Insbesondere ist damit gemeint, dass soziales Handeln als Forschungsgegenstand einen deutenden Nachvollzug, d. h. eine Rekonstruktion der Perspektiven der Handelnden erfordert. Dieser Nachvollzug wird unterschiedlich konzeptualisiert: mal schlicht als Forderung nach Empathie, also danach, sich in die Handenden hineinzuversetzen und ihre Sichtweise temporär zu übernehmen; häufiger aber wird eine mehr oder weniger ausdifferenzierte Form verstehenden Erklärens und ein diffiziles Wechselspiel zwischen theoretischen Sensibilisierungen und empirischen Induktionen in Anspruch genommen.

Frühe Anknüpfungspunkte dafür finden sich in der deutschen geisteswissenschaftlichen Hermeneutik, wie sie entscheidend von Dilthey (2004, Orig. 1900) geprägt wurde, aber auch in der von dem deutsch-ungarischen Wissenssoziologen Karl Mannheim entwickelten „dokumentarischen Methode“ (2004, Orig. 1921). Beide haben es ...

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