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Emmas schönster Tag

1. KAPITEL

„Was hast du damit gemeint?“ Ben hatte eben zu Emma gesagt, dass Rosalie immer gewinnen würde. „Das klang, als ob du etwas wüsstest!“ Und natürlich wusste Ben etwas. Er hatte herausgefunden, dass Rosalie ihre Schwangerschaft nur vortäuschte. Aber sie hatte ihm Geld versprochen, wenn er seine Klappe hielt. Geld, das er dringend brauchte, um seinen Onkel zu bezahlen, damit der die Verteidigung seiner Mutter übernahm.

„Ich habe bloß daran gedacht, wie oft Rosalie dich schon über den Tisch gezogen hat“, sagte Ben also nur. „Und du darauf reingefallen bist.“

„Rosalie ist manchmal mit Vorsicht zu genießen, ja …“ Das musste sogar Emma zugeben. „Aber jetzt – sie bekommt ein Kind. Allein. Ich kann verstehen, dass man da Angst vor der Zukunft hat. Und da kann ich meine Schwester nicht im Stich lassen.“

„Als ob du das je übers Herz gebracht hättest“, meinte er, und in Emma regte sich sofort das schlechte Gewissen. Immerhin hatte sie ihrer Schwester das Schlimmste angetan. Indem sie mit Felix zusammengekommen war. „Was ich bloß sagen wollte …“ Auch Ben wurde von Schuldgefühlen geplagt. Ihm war schließlich klar, wie sehr Emma unter Rosalies vermeintlicher Schwangerschaft litt. „Vielleicht passt es Rosalie ein bisschen zu gut, schwanger zu sein. Denn es ist ein Druckmittel, um sich deinen geliebten Felix wieder zu schnappen.“

„Du sprichst schon wie Felix“, wehrte sie aufgewühlt ab.

„Dann ist vielleicht was dran?!“, konterte er trocken.

„Könnt ihr nicht einfach mal Mitgefühl haben?“, stöhnte sie. „Rosalie hat es gerade alles andere als leicht.“

„Unser Deal steht noch, oder?“ Kurz darauf war Rosalie im Personalraum erschienen, um mit Ben zu reden.

„Ja, ich halte dicht“, erwiderte er angespannt und gab ihr die Kontonummer seines Onkels.

„Ich überweise gleich die erste Rate für das Honorar“, versprach sie. „Damit deine Mutter ordentlich verteidigt wird.“ Sollte die getürkte Schwangerschaft allerdings auffliegen, würde Barbara von Heidenberg wieder auf den Pflichtverteidiger angewiesen sein. Der eine ausgewiesene Pfeife war.

„Wie kannst du Emma das bloß antun?“, fragte Ben.

„Sie hat mir den Mann ausgespannt“, entgegnete Rosalie achselzuckend.

„Dein Ex gehört wahrhaftig nicht zu meinen Freunden, aber das, was du mit den beiden anstellst, ist das Allerletzte“, fand Ben.

„Spar dir die Moralpredigt“, erwiderte sie schnippisch. „Wenn du könntest, würdest du auch alles tun, um Emma zurückzugewinnen.“

„So weit würde ich nie gehen“, sagte er entschieden.

„Du hast bloß noch nicht begriffen, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist“, erklärte sie.

„Liebe …“, wiederholte er verächtlich. „Du liebst doch höchstens dich selbst.“

Ausgerechnet in diesem Fall waren Ben und Felix mal einer Meinung … Emma konnte nur den Kopf darüber schütteln. Rosalie war manchmal ein echtes Biest, ja. Aber dass sie vorhatte, Felix und sie durch das Baby auseinanderzubringen? Nein. Und selbst wenn – sie würde es nicht schaffen. Felix und sie gehörten zusammen. Das wusste Emma. Das spürte sie. Hoffentlich kühlten sich die Gemüter bald wieder ab … Wobei Emma fast befürchtete, dass sich alles noch länger hinziehen würde. Es konnte doch einfach nicht sein, dass Felix so stur war! Und trotzdem fiel es ihr unsagbar schwer, Abstand zu ihm zu wahren. Lange würde sie das nicht mehr aushalten. Aber es half alles nichts, sie musste jetzt stark bleiben.

Da sah sie Felix auf sich zukommen. Auch er war im Park, um ein bisschen frische Luft zu schnappen und seine Gedanken zu ordnen. Emmas Herz machte einen Sprung. Und ihm ging es nicht anders. Er vermisste sie so sehr.

„Wegen gestern … Wie ich mit dir und Rosalie geredet habe … Das war zu scharf. Entschuldige.“ Emma nahm ihm das längst nicht mehr übel. „Trotzdem verstehe ich dich nicht“, fuhr er aufgewühlt fort. „Wir lieben uns doch! Auch wenn ich etwas länger gebraucht habe, um das zu kapieren. Und jetzt, wo wir diese Liebe endlich leben könnten … Warum lässt du es zu, dass Rosalie genau das verhindert?“

„Bitte hör endlich mit deinen ständigen Vorwürfen auf.“ Trotzdem war es ihr anzumerken, dass sie sich am liebsten in seine Arme geworfen hätte.

„Es macht mich wahnsinnig, dass ich dich im Moment nicht sehen darf“, stöhnte er. „Du fehlst mir. Und ich habe Angst, dich zu verlieren. Ausgerechnet wegen der Frau, die dir so übel mitgespielt hat.“

„Bitte hör doch auf!“, rief sie wieder. „Was soll denn das bringen, ständig in der Vergangenheit zu wühlen?“ Sie mussten alle drei an die Zukunft denken und eine vernünftige Lösung finden. Aber im Moment hetzte er nur gegen Rosalie.

„Ich kümmere mich doch auch um sie“, verteidigte sich Felix. „Aber dass wir deswegen nicht zusammen sein dürfen – das ist doch nicht vernünftig!“

„Du machst sie bloß fertig“, warf Emma ihm vor. „Anstatt auf ihre Bedürfnisse einzugehen.“

„Sie manipuliert dich doch nur!“ Er hätte sie am liebsten geschüttelt. Glaubte sie etwa im Ernst, Rosalie würde das Kind abtreiben? Nur weil sie beide ein Paar waren?

„Ich habe keine Ahnung“, räumte Emma ein. Aber sie wusste, dass sie Rosalies Sorge nachvollziehen konnte. „Ihre größte Angst ist, dass sich ihre eigene Geschichte wiederholt. Dass du ihr Kind im Stich lässt, so wie ihr Vater sie.“

„Aber ich bin nicht ihr Vater!“, beteuerte er. Und er würde zu seinem Wort stehen.

„Dann gib ihr die Sicherheit, die sie braucht“, verlangte Emma. „Bitte, krieg das mit ihr auf die Reihe, damit endlich Frieden ist.“ Erst dann könnten auch sie beide wieder glücklich miteinander sein.

Fanny war zunächst mal auf die Damentoilette vom Alten Wirt geflohen. Dass sie sich hier mit André und Simon zusammen an einen Tisch setzen sollte, überforderte sie wirklich. Eigentlich war sie mit André zum Frühstück verabredet gewesen. Aber Simon war so neugierig geworden, als er hörte, dass sein Vater hier ein Date mit seiner geheimnisvollen Flamme hatte, dass er einfach dazugekommen war.

In ihrer Not rief sie André von der Toilette aus auf seinem Handy an.

„Ich bin’s. Dein Sohn darf auf keinen Fall herausfinden, dass du und ich … dass wir …“ André verstand und spielte die Nummer perfekt mit.

„Deine Mutter musste ins Krankenhaus?“, log er geistesgegenwärtig. „Mach dir meinetwegen keine Gedanken. Ist doch klar, dass sie dich jetzt braucht. Wir holen das nach, in Ordnung?“

„Danke, das vergesse ich dir nie“, flüsterte sie am anderen Ende der Leitung. „Morgen Abend?“

„Gern. Ich freu mich drauf.“ Der Chefkoch beendete das Gespräch.

„Sie versetzt dich!“, lächelte Simon. „Und ich lerne sie noch immer nicht kennen.“ Da kehrte Fanny von der Toilette zurück. „Stellen Sie sich vor, wir bleiben zu dritt“, klärte er sie augenzwinkernd auf.

„Oh, das tut mir leid“, meinte sie. „Was ist passiert?“

„Ich wurde leider versetzt“, antwortete André mit einem schelmischen Grinsen. Ein Kellner brachte eine dritte Tasse Kaffee, für Fanny. Doch die erinnerte sich gerade jetzt daran, dass sie im Fürstenhof etwas vergessen habe. Schnell eilte sie davon.

„Ich habe Frau Zastrow gesagt, dass wir sie leider nicht als Hausdame einstellen können.“ In der Tat hatte Charlotte das getan, und Cosima war alles andere als erbaut gewesen.

„Das macht dir Spaß, was?“, knurrte Werner. „Weil die Bank die Pfoten auf meinen Anteilen hat, nimmst du dir das Recht raus, hier nach Gusto zu entscheiden.“ Es war nämlich seine Idee gewesen, für Frau Zastrow eine Stellung als Hausdame zu schaffen. Sie gefiel ihm.

„Dieser Posten ist absolut unnötig, und außerdem passt diese Frau nicht zu uns“, erwiderte Charlotte resolut. Und Werner war machtlos dagegen.

Auf Charlotte wartete mittags eine unangenehme Nachricht. Sie hatte Post bekommen von Inge Klinker-Emden. Deren Tochter Katharina war mal mit Alexander verlobt gewesen. Inge gehörte inzwischen eine große internationale Hotelkette, die gerade weiter expandierte. Und heute machte sie Charlotte das Angebot, den Fürstenhof zu kaufen. Am liebsten hätte Charlotte den Brief einfach weggeworfen. Aber er betraf nicht nur sie allein. Inge schrieb, dass Felix einen ähnlichen Brief erhalten würde. Und Werner hatte schließlich auch ein Wort mitzureden, obwohl er seine Anteile beliehen hatte.

In ihrer Not wandte sie sich an Alfons und schilderte ihm die Situation.

„Steht es finanziell denn so schlecht um den Fürstenhof, dass ihr ernsthaft über so ein Angebot nachdenken müsstet?“, fragte er besorgt. Nein, so schlecht stand es nicht. Aber Charlotte konnte nicht einschätzen, wie Felix die Sache beurteilen würde.

„Er hat zurzeit so viele private Probleme“, seufzte sie. „Vielleicht würde er ja gern einen Schlussstrich ziehen, woanders neu anfangen …“

„Schätzt du deinen Neffen wirklich so ein?“ Alfons konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Juniorchef das Hotel verlassen wollte. Aber Charlotte war einfach grundsätzlich verunsichert.

„Elisabeth ist tot, Robert und Alexander weit weg, Werner ein Stück weit entmachtet“, klagte sie. Und das trug alles nicht gerade zur Stabilität des Unternehmens bei. „Ich bin immer sehr stolz darauf gewesen, wie ich es geschafft habe, das Lebenswerk meines Vaters fortzusetzen. Mit Hilfe, aber …“ Sie brach ab.

„Du warst und bist das Herz und die Seele des Fürstenhofs“, meinte Alfons lächelnd.

„Danke. Und trotzdem weiß ich nicht, ob ich das alles schaffe. Wie lange das hier noch so weitergehen kann.“ Aber Herr Sonnbichler machte sich fürs Erste keine weiteren Sorgen. Charlotte hatte schon ganz andere Krisen gemeistert. Also würde sie auch diese hier überstehen.

Sie suchte das Gespräch mit Felix. Aber der hatte den Brief von Inge Klinker-Emden noch nicht einmal geöffnet. Und er hatte auch nicht den Kopf für solche Angelegenheiten. Seine privaten Sorgen drohten ihm über den Kopf zu wachsen. Und seine Tante würde sich gedulden müssen, wenn sie dieses Thema mit ihm bereden wollte.

Der Senior plante zur gleichen Zeit eine kleine Überraschungsfeier für seine Exfrau. Charlotte hatte am 13. Juli Geburtstag, und er bat Marie Sonnbichler, das Restaurant für den Tag zu blocken. Nun musste er sich nur noch den Kopf über eine originelle Einladungskarte zerbrechen.

Dr. Michael Niederbühl saß über den alten Krankenakten, die Cosima Zastrow aus der Villa seines verstorbenen Vaters geholt hatte. Und er war gerade bei der Mappe angelangt, in der Charlottes Geburtsprotokoll steckte. Doch ehe er sich genauer damit befassen konnte, kam Werner Saalfeld herein und bat um ein Schlafmittel. Michael bestand darauf, ihn zumindest zu untersuchen, bevor er ihm Tabletten verschrieb. Und während er Werners Blutdruck maß, fiel dessen Blick auf die Krankenakte mit dem Namen seiner Exfrau.

„Was ist das?“, wunderte er sich.

„Eine Uralt-Akte“, antwortete Dr. Niederbühl. „Noch aus den Unterlagen meines Vaters.“

„Er hat meine Exfrau auf die Welt geholt, nicht wahr?“, fragte der Senior. Der Arzt nickte.

„Und nicht nur die“, fügte er hinzu. „Auch ihre Schwester Elisabeth, Cosima Merkenschlager, die Sie als Frau Zastrow kennen …“

„Darf ich mir die Akte vielleicht ausleihen?“ Werner hatte plötzlich eine Idee. Vielleicht könnte er aus den alten Unterlagen eine originelle Geburtstagseinladung für Charlotte zusammenstellen. Michael hatte nichts dagegen. Immerhin war die Akte über fünfzig Jahre alt.

Cosima besprach derweil ihren Plan ein weiteres Mal mit ihrem Sohn. Sie musste Michael einfach dazu bringen, die alten Krankenakten noch einmal mit ihr durchzusehen. Nur so konnte sie sichergehen, dass er Charlotte Saalfelds Akte auch wirklich entdeckte.

„Du meinst wohl eher deine Pfuscherei“, sagte Lukas, dem ihre Besessenheit langsam anfing auf die Nerven zu fallen.

„Und damit das auch klappt, stecken ihre und meine zufällig in derselben Mappe“, verkündete sie zufrieden. Sie war sich sicher: Wenn Charlotte Saalfeld davon erfuhr, dass sie als Baby vertauscht worden war, würde sie darauf reagieren. Sie würde sich verpflichtet fühlen, die Sünden ihres Vaters wiedergutzumachen.

„Und du willst dir das wirklich antun?“ Lukas musterte seine Mutter prüfend. „Du wirst noch mehr manipulieren und tricksen müssen. Und das ist anstrengend. Du bist nicht die Gesündeste. Denk an dein Herz.“

„Ich denke an nichts anderes“, konterte sie bitter. Immerhin war ihr Herzfehler der Grund dafür gewesen, dass ihr leiblicher Vater sie nicht hatte haben wollen. „Ich habe jetzt die einmalige Chance, mein Leben umzudrehen. Nach einer miesen Kindheit, einer verkorksten Ehe und Jahren der Plackerei könnte ich es mir endlich gut gehen lassen. Das ist meine Chance!“

Emma saß verweint in ihrem Zimmer bei den Sonnbichlers, als Rosalie eintrat.

„Dir steht momentan der Kopf wahrscheinlich genauso wenig nach Prinzess-Dirndl wie mir“, begann Rosalie, die zufrieden registrierte, wie unglücklich ihre Schwester aussah. „Aber wir können uns eine Pause nicht leisten.“ Der Bekleidungsfabrikant aus Franken, den sie beauftragen wollten, hatte inzwischen ein Muster-Dirndl fertiggestellt. Und jetzt musste überprüft werden, ob es so gut geworden war, wie er versprochen hatte. Eigentlich hatte Rosalie angekündigt, nach Franken zu fahren. „Ich muss zugeben, mir graut vor der Fahrerei“, sagte sie jetzt jedoch. „Mir steckt die Infektion noch in den Knochen – und wenn ich mir vorstelle, ich bekomme auf der Fahrt wieder Krämpfe …“ Ohne zu zögern schlug Emma vor, dass sie fahren würde. Vorausgesetzt, Herr Sonnbichler gab ihr so kurzfristig Urlaub.

„Es ist mir sogar recht, wenn ich in Ruhe nachdenken kann“, erklärte sie. „Und ein bisschen räumlicher Abstand zu Felix kann auch nicht schaden.“ Dann kam sie wenigstens nicht in Versuchung. Und genau das hatte Rosalie erreichen wollen.

„Du bist ein Schatz“, heuchelte sie. „Was täte ich nur ohne dich?“

Werner entdeckte Cosimas Manipulation auf Charlottes Geburtsprotokoll sofort. „Angeborener Herzfehler“ hatte sie dort hingeschrieben und dann mehrfach wieder durchgestrichen. Und als der Senior weiterblätterte, stieß er auf Cosima Merkenschlagers Unterlagen. Die am selben Tag wie Charlotte geboren worden war. Und bekanntlich einen angeborenen Herzfehler hatte. Ihm wurde schwindelig.

Da kam André herein und war bester Laune. Neugierig wollte er nach der Krankenakte greifen, aber Werner hinderte ihn daran.

„Du erfährst schon früh genug, was Charlotte bei der Geburt gewogen hat“, meinte er. „Das wird alles Teil der Einladung. Kümmer du dich lieber um das Geburtstagsmenü!“

„Ich denke an nichts anderes“, frotzelte sein Bruder und war schon wieder verschwunden. Sofort vertiefte sich Werner wieder in die Krankenakte.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, murmelte er entgeistert vor sich hin.

Doch er verschwieg seiner Exfrau zunächst, was er entdeckt hatte. Und die hatte außerdem auch andere Sorgen. Das Kaufangebot von Inge Klinker-Emden verursachte ihr weiterhin arges Kopfzerbrechen. Und dass Felix nicht mit ihr darüber hatte reden wollen. Sie bat Werner, noch einmal sein Glück bei ihrem Neffen zu versuchen. Und natürlich versprach der, sich so schnell wie möglich mit Felix zu unterhalten.

Cosima Zastrow reagierte wütend, als sie erfuhr, dass Dr. Michael Niederbühl Charlottes Krankenakte einfach so an deren Exmann weitergegeben hatte. Ihr Plan war in Gefahr. Denn sie war sich sicher, dass Werner Saalfeld kein Interesse daran haben würde, die Vertauschung der Säuglinge aufzudecken. Immerhin hatte er in die Familie Saalfeld eingeheiratet und ihren Namen angenommen.

2. KAPITEL

Natürlich hatte Emma freibekommen, um nach Franken zu fahren. Sie hatte ein kleines Köfferchen gepackt und sich nur von Marie verabschiedet. Jetzt stand sie an der Bushaltestelle, es war noch früh am Morgen.

Zufällig ging Felix die Straße entlang. Erschrocken bemerkte er ihr Gepäck.

„Du willst weg?“, flüsterte er.

„Ich muss nach Franken“, erklärte sie. „Ein paar Sachen wegen der Dirndl-Fabrikation regeln.“ Zumindest wollte sie nicht für immer verschwinden, registrierte er erleichtert. „Wahrscheinlich ist es ganz gut, wenn wir uns ein paar Tage nicht über den Weg laufen können“, meinte sie. Er schüttelte energisch den Kopf.

„Zum hundertsten Mal: Das Letzte, was ich will, ist Abstand! Ich liebe dich doch, Emma. Und wenn du behauptest, dass du das willst, dann unterstelle ich einfach mal, dass du nicht ehrlich bist. Vor allem nicht dir selbst gegenüber.“ Sie schwieg. Was sollte sie auch sagen? Er hatte ja recht. Und dann kam der Bus.

„Mach’s gut“, flüsterte sie nur. „Bis bald.“ Beiden brach beinahe das Herz, als sie sich so voneinander verabschiedeten.

Fanny fand vor Dienstbeginn ein Buch über Horoskope und eine Schachtel mit Schokoladenherzen an ihrem Spind. Und weil nun gerade Simon in den Personalraum kam, nahm sie an, dass die Geschenke von ihm waren. Fröhlich bedankte sie sich. Aber Simon hatte ihr gar nichts geschenkt. Misstrauisch beäugte er das Buch und die Schokoladenherzen, klärte den Irrtum jedoch nicht auf.

„Ich glaube, Fanny hat einen anderen“, beklagte er sich später bei Ben und erzählte von den Geschenken, die sie erhalten hatte.

„Vielleicht ein Gast?“, meinte Ben. Doch Simon erschien das unwahrscheinlich. Ein Buch über Horoskope – dafür musste man Fanny doch schon etwas näher kennen …

Charlotte war noch immer ausgesprochen angespannt, was nun auch André auffiel.

„Was läuft hier eigentlich?“, fragte er. „Irgendetwas habt ihr doch, Werner und du.“

„Ja, das ist rein geschäftlich“, erwiderte sie abwehrend.

„Was hat denn deine Geburt mit dem Geschäft zu tun?“ Perplex sah sie ihn an. „Gestern habe ich zufällig mitbekommen, wie Werner alte Akten studiert hat. Sie stammen anscheinend aus dem Krankenhaus, in dem du geboren wurdest.“ Sie verstand nur Bahnhof. „Werner wirkte richtiggehend verstört“, fügte er noch hinzu.

„Wegen meiner Geburtsunterlagen?“ Sie hatte wirklich keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.

Werner sprach unterdessen mit Felix.

„Ich habe gestern auf Charlotte wahrscheinlich keinen besonders kooperativen Eindruck gemacht“, gab der sofort zu. „Aber ich bin natürlich ihrer Meinung und werde selbstverständlich auch nicht an die Klinker-Emden-Gruppe verkaufen. Ich habe zwar lange damit gehadert, ein Saalfeld zu sein, aber jetzt bin ich einer. Und handele auch dementsprechend.“ Da fing Werner plötzlich an, lauthals zu lachen.

„Der ist gut!“, prustete er. „Der ist richtig gut!“ Er konnte sich kaum beruhigen. „Ein Saalfeld, ein echter Saalfeld! Und weißt du was, mein Junge? Sei stolz! Es könnte nämlich sein, dass du weit und breit der Einzige bist, der sich einen Saalfeld schimpfen darf!“

„Was soll das?“, fragte Felix konsterniert. Aber sein Onkel blieb ihm die Antwort schuldig.

Nach dieser rätselhaften Unterhaltung wurde Felix von Rosalie in den Park gebeten. Sie saß dort auf einer Bank und betrachtete voller Entzücken ein Ultraschallbild.

„Unser Streit gestern …“, begann sie. „Es tut mir leid. Ich möchte das nicht mehr. Schließlich geht es jetzt in allererster Linie um unser Kind. Ich habe nachgedacht.“ Zu seiner großen Verblüffung eröffnete sie ihm, dass sie das Baby „Johann“ nennen wollte, falls es ein Junge würde.

„Johann?“, wiederholte er. „Nach meinem Vater?“ Sie nickte eifrig.

„Du weißt ja, was für ein schlechtes Verhältnis ich zu meinem Vater hatte“, erklärte sie. „Zu beiden Vätern, sowohl zu meinem leiblichen als auch zu meinem Stiefvater.“ Sie drückte ihm das Ultraschallbild in die Hand. Fasziniert starrte er es an. Das war ein Bild von einem werdenden Leben. Von seinem Kind. „Deshalb möchte ich, dass mein Kind so viel wie möglich von seiner Familie bekommt“, fuhr sie nun fort. „Den Vornamen vom Großvater, den Nachnamen vom Vater.“

„Johann Saalfeld? So soll dein Sohn heißen?“

„Unser Sohn“, korrigierte sie. „Unser Sohn, Felix.“

„Von mir aus …“ Es gelang ihm nicht, zu verbergen, wie gerührt er auf einmal war. Er wurde Vater …

Werner hatte sich wieder in die Wohnung zurückgezogen und tigerte unruhig auf und ab. Endlich entschloss er sich dazu, die alte Krankenakte zu verbrennen. Doch bevor es dazu kam, stand Charlotte im Zimmer. Und die verlangte natürlich sofort, zu sehen, was er da vernichten wollte – zumal André ja schon angedeutet hatte, dass Werner wegen irgendeiner Krankenakte völlig durch den Wind sei.

Verwundert betrachtete sie ihr Geburtsprotokoll mit der durchgestrichenen Anmerkung. Und noch mehr staunte sie, als sie in derselben Mappe das Geburtsprotokoll von Cosima Merkenschlager entdeckte. War das etwa Frau Zastrow? Werner nickte.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte sie beunruhigt.

„Wenn es stimmt, was ich daraus lesen konnte …“ Er stockte. „Falls es tatsächlich wahr ist … seid ihr beide als Babys vertauscht worden.“ Sprachlos starrte sie ihn an. „Weißt du, was das bedeutet?“, fuhr er aufgewühlt fort. „Deine Eltern wären nicht deine leiblichen Eltern. Und du bist keine Saalfeld.“

„Wie bitte?! Was redest du da?!“

„Ich behaupte ja nicht, dass es die Wahrheit ist.“ Deshalb hatte er die Unterlagen ja auch eigentlich verbrennen wollen. „Aber wenn man dem glaubt, was hier steht …“

„Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist es ein besonders geschmackloser“, stellte Charlotte noch immer schockiert fest. „Wie bist du überhaupt an die Papiere gekommen?“

„Dr. Niederbühl war dabei, den Nachlass seines Vaters zu ordnen“, antwortete er. „Da habe ich sie durch Zufall gesehen. Er hat sie mir überlassen.“

„Als Säugling vertauscht …“ So etwas gab es doch nur im Kitschroman.

„Zumindest ist es eine Tatsache, dass die Unterlagen manipuliert wurden“, beharrte Werner.

„Ist dir klar, was du Dr. Niederbühl damit unterstellst?“, herrschte sie ihn an. „Warum hätte er das tun sollen?“

„Es muss der Wunsch deines Vaters gewesen sein“, entgegnete der Senior hilflos. „Das ist die einzige Erklärung.“ Aber Charlotte konnte und wollte nicht glauben, dass ihr Vater und Korbinian so etwas getan haben könnten. Die beiden waren doch keine Verbrecher gewesen!

„Bei Charlotte Saalfeld steht ‚angeborener Herzfehler‘“, setzte Werner von Neuem an. „Bei Frau Zastrow ist diese Herzinsuffizienz nicht vermerkt. Sie wurde am selben Tag im selben Krankenhaus geboren. Und sie leidet bis heute an einem angeborenen Herzfehler.“ Die Blutgruppen der Säuglinge waren ebenfalls geändert worden.

„Diese Unterlagen haben mehr als fünfzig Jahre lang irgendwo herumgelegen“, argumentierte Charlotte nun. „Die könnte jeder verändert haben.“ Aber warum jemand das hätte tun sollen, konnte sie sich auch nicht erklären.

„Ich fürchte, du musst den Tatsachen ins Auge blicken“, seufzte ihr Exmann. „Dein Vater wollte ein gesundes, starkes Kind. Und das hat er sich verschafft. Wenn nötig, konnte der alte Wiggerl schnell, entschlossen und rücksichtslos sein. Und in diesem Fall musste er das. In seinen Augen war die echte Charlotte nicht lebensfähig.“

„Aber das hieße ja …“ Ein Abgrund tat sich vor ihr auf. Wenn sich das bewahrheiten sollte, dann wäre ihr ganzes Leben nur eine einzige große Lüge gewesen …

Werner wusste sich keinen anderen Rat, als noch einmal zu Dr. Niederbühl zu gehen und weitere Informationen einzuholen. Unauffällig horchte er den Arzt über dessen Vater aus. Korbinian war in der Nähe des Fürstenhofs aufgewachsen, sein Vater war Knecht auf einem Bauernhof gewesen.

„Und dann konnte sich Ihr Vater ein Medizinstudium leisten?“, staunte der Senior.

„Er war Sanitäter im Krieg“, erzählte Michael. „Und hat irgendeinem hohen Tier das Leben gerettet. Der hat dann dafür gesorgt, dass er Militärarzt werden konnte.“ Nach dem Krieg hatte Korbinian am hiesigen Kreiskrankenhaus gearbeitet. Und dann hatte er die Praxis im Dorf übernommen.

„Die hat sicher eine Stange Geld gekostet …“, bohrte Werner weiter. Dr. Niederbühl nickte.

„Mein Vater war ganz offensichtlich ein Künstler darin, zur richtigen Zeit dem richtigen Menschen zu helfen“, stellte er fest. „Auch für die Einrichtung seiner Praxis hat er einen reichen Gönner gefunden.“

„Hat er dem auch das Leben gerettet?“, hakte der Senior nach.

„Keine Ahnung, warum er ihm so viel Geld gab.“ Darüber hatte Korbinian nie gesprochen. Und Michael hatte auch keine Ahnung, wer dieser reiche Gönner gewesen war. Werner hatte genug gehört.

Charlotte stand derweil im Roten Salon vor dem Porträt ihres Vaters. Beziehungsweise des Menschen, den sie all die Jahre für ihren Vater gehalten hatte. Hatte er es wirklich fertiggebracht, seine eigene Tochter vertauschen zu lassen? Tränen liefen über Charlottes Wangen. Sie war so verzweifelt und durcheinander, dass sie nicht bemerkte, dass Cosima Zastrow den Kopf zur Tür hereinsteckte. Und Cosima war mehr als befriedigt, als sie Charlotte in diesem Zustand sah. Dann hatte ihr Plan also doch Früchte getragen. Charlotte Saalfeld wusste Bescheid!

Schon am Nachmittag kehrte Emma aus Franken zurück. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ein paar Tage dort zu bleiben, um in Ruhe nachdenken zu können. Aber sie hatte es allein nicht ausgehalten. Ohne Felix. Wenigstens war der Bekleidungsfabrikant bestens vorbereitet. Die Modenschau konnte kommen. Aber in Emmas Seele sah es trotzdem finster aus. Was hatte sie nur angerichtet mit ihrer Entscheidung, auf Abstand zu gehen? Sie hatte genau das getan, was sie auf keinen Fall wollte. Nur weil sie sauer und schockiert gewesen war, dass Felix sie kritisiert hatte und ständig gegen Rosalie hetzte. Aber sich deswegen nicht mehr zu treffen – was für eine schwachsinnige Idee! Und er litt darunter genauso wie sie selbst. Dabei liebten sie sich doch! Warum konnte sie denn nicht mit Felix zusammen sein und Rosalie helfen? Warum musste ihre Schwester nur so hysterisch sein mit ihrer Schwangerschaft?!

Eigentlich war Fanny für den Abend mit André verabredet gewesen, doch der sagte ihr ab. Er hatte bemerkt, in welch aufgelöstem Zustand sich Charlotte befand, und wollte sich um sie kümmern. Außerdem war er natürlich furchtbar neugierig, biss mit seinen Fragen aber sowohl bei ihr als auch bei Werner auf Granit. Keiner wollte ihm sagen, was eigentlich los war.

Fanny nutzte seine Absage, um sich flugs mit Simon zu verabreden. Und der reagierte erfreut. Er hatte schon befürchtet, sie wolle ihn nicht mehr sehen.

„Es muss so gewesen sein, alle Indizien sprechen dafür.“ Aufgeregt lief Werner im Wohnzimmer auf und ab. Die Akten waren das eine. „Dann hat Dr. Niederbühl seine Praxis eröffnet, kurz nachdem ihr beide geboren worden seid. Das Geld hatte er von einem unbekannten Gönner. Über den er nicht reden wollte.“ Charlotte schüttelte matt den Kopf. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Sie, in Wahrheit die Tochter eines wildfremden Menschen? „Ich weiß, wie furchtbar das für dich sein muss“, seufzte Werner. „Aber es ist aller Wahrscheinlichkeit nach die bittere Wahrheit.“ Er schlug ihr vor, einen Gentest zu machen. „Hast du vielleicht noch etwas von deiner Schwester? Eine Haarbürste oder etwas Derartiges?“ Sie hatte noch ein paar Haarsträhnen von Elisabeth, in einem alten Medaillon.

„Aber ist das wirklich nötig?“, fragte sie vollkommen überfordert.

„Du musst dir Klarheit verschaffen“, meinte er. „Sonst frisst die Sache dich auf.“

Felix ließ sich nach Feierabend an der Bar nieder und bestellte einen Grauburgunder. Auch Dr. Niederbühl ließ den Tag mit einem Wein ausklingen, und die beiden Männer kamen ins Gespräch.

„Die Geschichte mit Ihrer Freundin hat sich bisher nicht wieder eingerenkt, nicht wahr?“, fragte der Arzt, der um die schwierige Situation, in der Felix steckte, wusste. Bitter schüttelte der Juniorchef den Kopf. „Haben Sie denn mittlerweile ein besseres Verhältnis zu Ihrer Ex?“

„Sie hat mir heute ein neues Ultraschallbild gezeigt …“, erzählte Felix seufzend.

„Und?“

„Es sieht jetzt fast aus wie eine kleine Kaulquappe. Seit dem letzten Mal ist es gewachsen.“ Michael nickte. „Und als ich heute auf dieses Etwas geschaut habe, das mal mein Sohn oder meine Tochter sein wird …“ Der Arzt verstand: Felix freute sich auf sein Kind.

„Sie setzen sich mit der Tatsache auseinander, dass Sie Vater werden. Und diese Tatsache verändert ihr Leben.“ Felix nickte. Er fing gerade erst an, zu begreifen, was ein Kind für ihn und sein Leben bedeuten würde. „Ich kann Ihnen nur einen Rat geben“, fuhr Michael fort. „Egal, was passiert – verlieren Sie Ihr Kind nicht aus den Augen. Das würden Sie sonst bitter bereuen.“ Er sprach aus Erfahrung. Seine eigene Tochter lebte mit ihrer Mutter in den USA. Und er sah sie nur selten. Er war mit der Kindsmutter nicht verheiratet gewesen und hatte dementsprechend als Vater auch keinerlei Rechte.

„Nach der Trennung hat sie darauf bestanden, in ihre Heimat zurückzukehren.“ Damit hatte sich ein gemeinsames Sorgerecht natürlich erledigt. „Ich hätte vielleicht darum kämpfen können, dass die Kleine in Deutschland bleibt. Aber ob das das Beste für sie gewesen wäre? Zwischen ihren Eltern hin- und hergerissen zu werden?“ Er wirkte auf einmal sehr traurig. „Jetzt stehe ich da, und mein eigenes Kind ist eine Fremde für mich. Ich habe so vieles versäumt …“ Als seine Tochter noch klein gewesen war, hatte er viel zu wenig Zeit für sie gehabt. „Ich war Arzt an einem Kreiskrankenhaus mit unmenschlichen Arbeitszeiten. Und wenn ich dann mal zu Hause war, wollte ich meine Ruhe haben.“ Er war ein ziemlicher Egoist gewesen, damals. Und mit einem Kind vollkommen überfordert. „Ich kann Ihnen also nur raten, nicht denselben Fehler zu machen wie ich. Sonst sind Sie für Ihr Kind nichts weiter als ein Fremder, der monatlich Geld überweist.“ Dr. Niederbühls Worte hatten Felix sehr nachdenklich gemacht. Und er wollte mit seinem Kind ganz sicher etwas anderes erleben.

Emma hatte sich in ihr Zimmer verkrochen und verspeiste eine Familienpackung Eis. Es war ja doch egal, wie sie aussah. Felix und sie würden niemals miteinander glücklich sein können. Marie versuchte, ihre Freundin aus ihrem Kummer herauszuholen. Vergeblich.

„Meine Sehnsucht nach Felix wächst mit jeder Sekunde“, klagte Emma. „Es tut so weh, von ihm getrennt zu sein. Hoffentlich hat das bald ein Ende …“

„Du kannst das ändern, das weißt du …“, meinte Marie sanft.

„Warum ist mein Privatleben so wahnsinnig kompliziert?“, brach es da aus Emma heraus. „Erst schien es so, als würden Felix und ich nie zusammenkommen. Ich war so glücklich wie noch nie in meinem Leben, als es dann doch passiert ist. Und jetzt?“ Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich habe unsere Beziehung auf Eis gelegt, wegen Rosalies Schwangerschaft. Was kommt als Nächstes? Wie geht es weiter, wenn das Kind erst da ist?“ Mitfühlend nahm Marie sie in den Arm. „Ich will nichts mehr, als Felix wiedersehen, ihn umarmen …“, schluchzte Emma weiter. „Aber das geht nicht so leicht. Er hackt auf Rosalie rum, begreift nicht, warum ich zu ihr halte, und ist deswegen sauer auf mich. Und Rosalie heult nur noch und fühlt sich unverstanden. Ständig wird einer verletzt.

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