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Emmanuel Lévinas

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Inhalt

Lévinas Ethik im Kontext seiner Biographie

Lévinas im Profil

1 Lévinas’ Ethik und die abendländische Tradition

2 Ethik als Erste Philosophie

3 Das vitale Ich: Setzung durch den Genuss

4 Das verwundbare Ich

5 Die ethische Bedeutung der Sinnlichkeit

6 Die ethische Erweckung zur Verantwortung

7 Der Andere

8 In der Spur des Anderen

9 Der Dritte und die Frage nach der Gerechtigkeit

10 Besessenheit, Geiselstand und Stellvertretung

11 Gott als der Andere

Serviceteil

Glossar

Siglen der Werke

Bibliographie

Anmerkungen

Lévinas’ Ethik
im Kontext seiner Biographie

Emmanuel Lévinas gilt als einer der größten Ethiker des 20. Jahrhunderts – und als einer der radikalsten. Sein Denken ist konsequent dem Anderen geschuldet. Von Anderen her wird entwickelt, was Verantwortung für das Subjekt bedeutet. Die Auseinandersetzung mit diesem großen Denker, der in Straßburg, Freiburg und Paris studierte und später Philosophieprofessor an der Sorbonne war, hat in Deutschland erst in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen − einige Jahre vor Lévinas’ Tod. Heute ist seine Ethik nicht mehr wegzudenken aus dem philosophischen, pädagogischen und theologischen akademischen Diskurs.

Beim Nachdenken der Philosophie von Emmanuel Lévinas, der am 25. Dezember 1995 kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag verstarb, wird man ohne das Mitdenken seiner Biographie kaum auskommen, zumindest nicht ohne das kardinale Datum des Holocaust.

»Dem Gedenken der nächsten Angehörigen unter den sechs Millionen der von den Nationalsozialisten Ermordeten, neben den Millionen und Abermillionen von Menschen aller Konfessionen und aller Nationen, Opfer desselben Hasses auf den anderen Menschen, desselben Antisemitismus.« (JdS)

Lévinas’ Spätwerk Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht aus dem Jahr 1974 enthält zwei Widmungen: eine erste für alle Holocaust-Opfer des nationalsozialistischen Regimes und eine zweite hebräische Widmung für seine Eltern, die Brüder und Schwiegereltern, die in ihrem Heimatort Kaunas in Litauen der »Endlösung« zum Opfer gefallen waren.

»Dem Andenken des Lebenshauches meines Vaters, meines Lehrers Rav Jechi’el, Sohnes des Rav Avraham, des Leviten;

meiner Mutter, meiner Lehrerin, Devora, Tochter des Rav Mosche;

meines Brudes Dav, Sohnes des Rav Jechi’el, des Leviten, und Aminadav, Sohnes des Rav Jechi’el, des Leviten;

meines Schwiegervaters Schmu’el, Sohnes des Rav Gerschon, des Leviten;

und meiner Schwiegermutter Milka, Tochter das Rav Chajím.

Möge ihre Seele eingebunden sein im Beutel des Lebens!«*

Das Werk Lévinas’ ist das Werk eines Juden, der Antisemitismus und Holocaust am eigenen Leib und in der eigenen Familie erlebt hat. Lévinas’ Philosophie ereignete sich vor diesem Hintergrund. Seine Biographie wurde, wie er selbst sagt, beherrscht von der Vorahnung des Nazigrauens und der Erinnerung daran (vgl. EN, 108).

Dass die Nachwelt sich ein plastisches Bild vom Leben des französischen Philosophen machen kann, verdankt sie der detailreichen Biografie Salomon Malkas, der Schüler von Lévinas war und den ehemaligen Lehrer und Schulleiter nicht als Philosophen, sondern als Mensch porträtiert (vgl. Malka 2003). Diese persönliche Biografie erlaubt einen anderen Blick auf ein Werk, das nicht leicht zu lesen ist, dessen Ethik im wahrsten Sinne des Wortes »an-stößig« sein kann. Lévinas ist nicht nur einer der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, er war auch gläubiger Jude – und zutiefst Mensch.

»Den Menschen kannte ich schon seit meinem siebzehnten Lebensjahr, als ich Schüler der ENIO war. Das kleine Energiebündel, das durch die Gänge fegte, machte damals Eindruck auf uns. Ich erinnere mich an seine Art zu gehen, seine kleinen, abgehackten Schritte. Ich höre noch sein ›Nicht wahr?‹ am Ende jedes noch so kleinen Satzes und sehe ihn mit seinem Exemplar von Le Monde, das er täglich nach dem Mittagessen unter dem Arm trug. […] Wir lebten in seiner Philosophie, ohne uns darüber im Klaren zu sein. Ich denke an die Aufmerksamkeit, die er, ohne es sich anmerken zu lassen, den ungeduldigen Fragen der jungen Leute, ihrem Bedürfnis, bemerkt zu werden, widmete. […]

Sein Ringen nach Luft, wenn er das richtige Wort suchte, das angestrengte Nachdenken, bei dem man ihn buchstäblich zusehen konnte, tastende Formulierungen und Gedankenblitze, befreiende plötzliche Erkenntnisse sowie aufscheinende Emotionen, und dann wieder ein instinktives, brüskes Zurückschrecken vor jedem Anflug von Eitelkeit: All das war bei ihm gleichzeitig zu erleben.« (Malka, 12; 106)

Emmanuel Lévinas wurde 1906 in Kaunas in Litauen geboren, das damals zum zaristischen Russland gehörte. Sein Vater Jehiel betrieb eine Buchhandlung in der Hauptstraße, heute Allee der Freiheit, in der sich auch das Café Conrad befand, ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle. Die Familie Lévinas selbst wohnte mit den drei Söhnen Emmanuel, Boris und Aminadab ein paar Straßen weiter in der Nähe des Flusses Nemunas. Im Nebenhaus lebte die Familie Lévy mit der Tochter Raissa, Lévinas’ späterer Frau.

Der junge Emmanuel wuchs in einem traditionellen jüdischen Milieu auf, religiöse Bräuche und Riten waren eingebettet in den Alltag der Familie. Lévinas lernte die hebräische Bibel und die talmudische Gelehrsamkeit kennen, die drei Brüder hatten einen eigenen hebräischen Hauslehrer.

Exkurs

Jüdisches Leben in Litauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Salomon Malka beschreibt das jüdische Leben in Litauen zu dieser Zeit: » war die Zeit der Jahrhundertwende, als Sprache, Religion und nationale Frage im Zentrum aller Debatten standen, als Emanzipationsgelüste aufkamen, das kulturelle Leben einen Höhepunkt erlebte. In Kaunas wie im übrigen Litauen waren all diese Strömungen lebendig. Ihren deutlichsten Niederschlag fanden sie in einem Netz unterschiedlichst orientierter Schulen, deren Lehrer, seien sie religiös oder laizistisch ausgerichtet, Zionisten oder Jiddischisten, all diese Strömungen widerspiegelten. Diese ganze Skala der Nuancen machte die Besonderheiten der Stadt, machte die Besonderheit Litauens aus. (Malka, 29)

Verfechter der Orthodoxie gab es in Kaunas ebenso wie Anhänger der Haskala, der aus Deutschland stammenden Aufklärung, die mit einem Aufblühen der Wissenschaften und der Künste einherging. Es gab Zionisten, die für die Schaffung einer jüdischen Gesellschaft in Palästina eintraten; und es gab Bundisten, die das jüdische Proletariat mit Hilfe sozialistischer Ideen einigen wollten. Prägend für die Zeit waren die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des Chassidismus, einer pietistischen, auf religiöse und mystische Erneuerung abzielenden Strömung und den Anhängern der sog. Litwak-Kultur.

Insgesamt gab es in Litauen vor dem Ersten Weltkrieg rund 40.000 Juden. Auch in Lévinas’ Heimatstadt Kaunas prägten sie das kulturelle Leben stark mit durch jüdische Theatergruppen, Zeitungen sowie jüdische Schulen (vgl. Malka, 28ff.).

Die Familie Lévinas lebte in einem gemäßigten jüdischen Milieu, in dem die Begegnung mit dem Talmud als wichtig erachtet wurde. Ebenso wichtig aber war im Hause Lévinas Literatur. Dies versteht sich nahezu von selbst, bedenkt man, dass der Vater Jehiel eine Buchhandlung betrieb, seine Schwester die russische Stadtbibliothek von Kaunas leitete. Emmanuels Mutter Dwora vermittelte Emmanuel die Liebe zur Literatur, las den Söhnen vor, ermöglichte die Begegnung mit den russischen Dichtern, die den Sohn faszinierten und, wie er selbst sagte, zusammen mit der Bibel zur Philosophie brachten.

»Die Bibel sehr früh, die ersten philosophischen Texte an der Universität […] Aber zwischen der Bibel und den Philosophen: die russischen Klassiker Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew, Dostojewsky und Tolstoi, und auch die großen Schriftsteller des westlichen Europa, vor allem Shakespeare, den ich in Hamlet, Macbeth und König Lear sehr bewundert habe. Ist dies eine gute Vorbereitung auf Platon und Kant, die auf dem Programm für das Diplom für Philosophie stehen, wenn man die Kernfrage der Philosophie als die nach dem Sinn des Menschlichen, wie sie Suche nach dem berühmtem ›Sinn des Lebens‹ – nach dem sich die Romanfiguren der russischen Schriftsteller ununterbrochen fragen – versteht?« (EU, 14)

In seiner Jugend erlebte Emmanuel die Unruhen des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution. Die Familie Lévinas war betroffen von den politischen Turbulenzen. Sie emigrierte nach der deutschen Invasion in die Ukraine, Emmanuel besuchte in Charkow das russische Gymnasium, wurde dort als einer von nur fünf jüdischen Schülern aufgenommen.

Exkurs

Litauen im frühen 20. Jahrhundert

Litauen gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zum zaristischen Russland, die Stadt Kaunas war zur Zeit, als Lévinas geboren wurde, Hauptstadt einer sog. Gubernja, eines Gouvernements. Litauen war nach der dritten Teilung Polens (1795) zu einer Provinz des Russischen Reiches geworden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verfolgte das zaristische Russland eine völlige Russifizierung: Der Druck litauischer Texte in litauischer Sprache wurde verboten, litauische Schulen wurden geschlossen. Gleichzeitig engagierten sich jedoch Intellektuelle für eine eigene politische und nationale Identität Litauens. Im Jahr 1905 erklärte der Große Wilnaer Landtag die Autonomie des litauischen Staates innerhalb des Russischen Reiches. Litauisch wurde wieder zur offiziellen Sprache.

Während des Ersten Weltkrieges besetzte Deutschland 1915 litauische Gebiete und fasste sie unter der Führung von General Erich Ludendorff zur Verwaltungseinheit Ober-Ost zusammen. Am Ende des Ersten Weltkrieges erklärte der litauische Landesrat (Lietuvos Taryba), die Unabhängigkeit Litauens mit der Hauptstadt Vilnius. Doch Polen meldete territoriale Ansprüche auf die Gebiete rund um Vilnius an und annektierte im Zuge des Polnisch-Litauischen Kriegs (1920) Mittellitauen. Schließlich wurde Kaunas zur Hauptstadt der Ersten Republik, zugleich Zentrum der Kultur und Bildung. In den 20er Jahren entwickelte sich ein reiches und national geprägtes Kulturleben (vgl. Rofall, 342ff., 462ff.; Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, 58ff.).

1920 kehrte die Familie Lévinas nach Litauen zurück, Emmanuel legte am jüdischen Gymnasium in Kaunas sein Abitur ab und erlebte als junger Mann die kulturelle Blüte und die geistige Offenheit seiner Heimatstadt Kaunas. »I woke up one day and I knew I was a European« – diese Widmung, die er handschriftlich Dr. Moses Schwabe in seinem Buch Vom Sein zum Seienden zukommen ließ, wird als Hommage an einen europäischen Humanismus gedeutet, den er nicht zuletzt diesem deutschen Schulleiter des jüdischen Gymnasium in Kaunas verdankte (vgl. Miething / Wolzogen, 7f.).

Interessiert an der deutschen humanistischen Tradition und ausgestattet mit guten Deutschkenntnissen, bewarb Lévinas sich 1923 um einen Studienplatz für Philosophie an den Universitäten Königsberg, Berlin und im Rheinland. Er erfuhr Ablehnungen – mit der Begründung, dass der Unterricht in einem jüdischen Gymnasium in Litauen kein ausreichendes Niveau aufweise (vgl. Lescouret, 51). Wie bitter, dass er in diesem Land, dessen humanistisches Erbe er studieren wollte, 20 Jahre später den Inbegriff der Inhumanität in einem Lager für jüdische Kriegsgefangene erleben musste!

Wegen der Ablehnungen in Deutschland ging Emmanuel Lévinas zum Philosophiestudium nach Straßburg und begegnete dort einem Freund: Maurice Blanchot, Journalist, Schriftsteller und Literaturtheoretiker.

»Ich glaube, jeder weiß, was ich Emmanuel Lévinas, meinem nunmehr ältestem Freund und dem einzigen, der mich zum Du autorisiert hat, verdanke. Bekannt ist auch, dass wir uns 1926 in Strassburg kennen lernten, wo so viele große Lehrer uns eine keineswegs mittelmäßige Philosophie lehrten. War diese Begegnung dem Zufall geschuldet? Man kann es so sagen. Doch unsere Freundschaft war weder gewagt noch zufällig. Etwas Tiefes ließ uns zueinander finden. Ich würde nicht sagen, dass es bereits das Judentum war, sondern, neben seiner Fröhlichkeit, jene ernste und schöne Art, in der er, ohne jede Pedanterie, die Tiefen des Lebens auslotete.« (Blanchot 1988)

Dabei waren die beiden jungen Männer höchst unterschiedlich: Lévinas war emigrierter Russe und Jude, geprägt von diesem kulturellen Erbe; Blanchot stammte aus gutbürgerlichen französischen Verhältnissen, arbeitete als Journalist an Zeitschriften der extremen Rechten mit. Auch antisemitische Äußerungen sind von ihm überliefert. Die unterschiedliche politische Haltung mag mit ein Grund für eine zunehmende Entfremdung der beiden Freunde gewesen sein. Gleichwohl war es Blanchot, der Lévinas’ Frau und Tochter half, während des Krieges unterzutauchen.

»Wir verließen Straßburg fast zur gleichen Zeit, um nach Paris zu gehen, aber obgleich unser Kontakt nie abriss, bedurfte es doch der Katastrophe eines entsetzlichen Krieges, um unsere Freundschaft, die vielleicht etwas lockerer geworden war, wieder zu festigen. Um so mehr, als Lévinas, der zunächst in Frankreich in Gefangenschaft geriet, mir auf geheimem Weg die Bitte übermitteln ließ, für seine Lieben zu sorgen, die leider von den Gefahren einer abscheulichen Politik bedroht waren.« (Ebd.)

Die Freundschaft zwischen Lévinas und Blanchot begleitete sie ihr ganzes Leben. Zeugnis dieser Beziehung geben Veröffentlichungen der beiden. Emmanuel Lévinas veröffentlichte im Jahr 1975 eine kleine Schrift Sur Maurice Blanchot, Blanchot beteiligte sich seinerseits 1980 an der Veröffentlichung Textes pur Emmanuel Lévinas und gab einer Erzählung den Namen von Emmanuels Bruder Aminadab.

Im Sommer 1928 ging Lévinas nach Freiburg. Dort begegnete er Philosophen, die sein Denken schulten und prägten und die unterschiedlicher nicht sein könnten: Husserl und Heidegger.

Der Philosophiestudent Lévinas lernte Edmund Husserl zu einem Zeitpunkt kennen, als dieser kurz vor seiner Emeritierung stand. Und dennoch entspann sich zwischen beiden eine enge Beziehung, Lévinas sprach Zeit seines Lebens voller Hochachtung über den Philosophen, aber auch den Menschen Husserl.

Im Jahr 1930 übersetzte Lévinas zusammen mit seiner Mitstudentin Gabrielle Pfeiffer Husserls Cartesianische Meditationen ins Französische, stellte der Übersetzung eine Einführung in die Phänomenologie Husserls voran und trat damit zum ersten Mal als Philosoph in die wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Er weiß sich Zeit seines Lebens von der Phänomenologie Husserls beeinflusst.

Exkurs

Edmund Husserl und die Phänomenologie

Edmund Husserl (1859–1938), Mathematiker und Philosoph, gilt als Begründer der phänomenologischen Methode. Er versuchte die Philosophie als apriorische strenge Wissenschaft neu zu begründen, indem er bei den Phänomenen, bei den Sachen selbst, in ihrer Selbstgegebenheit ansetzte und den Verzicht auf jegliches (Vor-)Urteil forderte. Die Phänomenologie stellt die Frage, ob der Erkenntnisgegenstand auch unabhängig vom Bewusstsein wirklich ist und versucht, Meinungen und Vorentscheidungen auszuklammern um zu den Sachen selbst zu kommen (vgl. Müller / Halder, 135f.).

Husserl wurde als zum Protestantismus konvertiertem Juden 1936 die Lehrerlaubnis entzogen.

In Freiburg begegnete Lévinas auch Martin Heidegger, dem Lehrstuhl-Nachfolger Edmund Husserls. Wie die meisten seiner Mitstudierenden war er begeistert von Heidegger. An einem philosophischen Treffen im Jahr 1929 in Davos, das maßgeblich von Ernst Cassirer und Heidegger gestaltet wurde, nahm auch der junge Lévinas teil.

Exkurs

Ernst Cassirer

Cassirer (1874–1945) war einer der bedeutendsten Neukantianer der sog. Marburger Schule. Obwohl er Jude war, war er 1929 noch Rektor der Universität Hamburg geworden, war Professor in Oxford, Göteborg und seit 1941 in New York. Cassirer steht für eine Philosophie, die die formale Betrachtungsweise des Neukantianismus mit einem Sinn für Geschichte verbindet. »Statt lediglich die allgemeinen Voraussetzungen des wissenschaftlichen Erkennens der Welt zu untersuchen, will er die verschiedenen (geschichtlichen) Grundformen des Verstehens der Welt bestimmt gegeneinander abgrenzen: Symbolische Formen in den Grundausprägungen von Sprache, Mythos, Wissenschaft. « (Müller / Halder, 54)

Die Begegnung zwischen Cassirer und Heidegger scheint nicht harmonisch verlaufen zu sein, wie den Protokollen zu entnehmen ist, da beide eine völlig unterschiedliche Philosophie vertraten. »Die eine beruft sich auf die europäische Tradition der Philosophie seit der Aufklärung, und die andere, die einen Neubeginn verkündet, zögert nicht, die Destruktion all dessen anzukündigen, was bisher die Fundamente der westlichen Metaphysik gewesen sind (Geist, Logo, Vernunft).« (Aubenque, zitiert nach Malka, 60). Lévinas stand auf der Seite der neuen Philosophie, war von Heideggers Denken angetan. Der junge Philosoph Maurice de Gandillac, wie Lévinas später Professor an der Sorbonne, berichtete von dieser Begegnung: »Er (Lévinas) sprach von Heidegger voller Verehrung, offenbarte uns alle Nuancen eines Denkens, das ihm bereits wohl vertraut war. Damals verspürte er dieses Misstrauen noch nicht, das sich ihm später aufdrängte.« (Gandillac, zit. nach Malka, 134)

Exkurs

Martin Heidegger

Martin Heidegger (1889–1976) war ein Schüler Husserls, ab 1923 Philosophieprofessor in Marburg, ab 1928 Nachfolger Husserls in Freiburg. Sein Hauptwerk Sein und Zeit ist methodisch der Phänomenologie verpflichtet.

Heidegger geht nicht vom Bewusstsein, sondern vom konkreten Da-sein des Menschen in der Welt aus. Dieses Dasein ist endlich, vom eigenen Tod bedroht. Aufgabe des Einzelnen ist es, im Vorfeld des Todes ein Verhältnis zu seiner eigenen Existenz zu finden (vgl. Müller / Halder, 127f.).

Martin Heidegger trat im Jahr 1933 in die NSDAP ein und wurde im selben Jahr Rektor der Freiburger Universität. Seine Rektoratsrede Die Selbstbehauptung der Deutschen Universität war höchst umstritten und stellte Heidegger in ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten. 1934 trat Heidegger von seinem Amt als Rektor zurück, doch seine nationalsozialistische Aktivität blieb an ihm haften.

Es ist nicht belegt, ob sich zwischen dem Studierenden Lévinas und dem Professor Heidegger ein engerer Kontakt entwickelte, obwohl beide Teilnehmende am philosophischen Treffen in Davos waren. Lévinas schätzte Zeit seines Lebens die denkerische Schärfe Heideggers, wandte sich jedoch vom Denken eines Seins ab, in dem das Zwischenmenschliche, die Ethik, die Begegnung von Mensch zu Mensch keine Rolle spielen.

»Heidegger ist für mich der größte Philosoph des Jahrhunderts, vielleicht einer der ganz großen des Jahrtausends; doch das macht mir zu schaffen, denn ich kann niemals vergessen, was er 1933 darstellte, selbst wenn er es nur für eine sehr kurze Zeit war.« (ZU, 147)

1930 promovierte Lévinas und ging an die Sorbonne in Paris. Geprägt durch positive Erfahrungen in Straßburg und begeistert vom französischen Humanismus, wurde er 1930 französischer Staatsbürger. Im Jahr 1932 heiratete er Raissa Lévy, die er bereits von Kindesbeinen an kannte. Raissa war zum Musikstudium nach Wien und Paris gegangen und hatte dort Emmanuel wieder getroffen. Im Jahr 1935 wurde die Tochter Simone geboren, 1949 folgte Sohn Michael, Komponist, Pianist und Professor am Konservatorium in Paris.

In den 30er Jahren arbeitete Emmanuel Lévinas im Lehrkörper der »Alliance Israélite Universelle«, einer internationalen jüdischen Organisation, die im Jahr 1860 in Frankreich als Reaktion auf antisemitische Ausschreitungen gegründet wurde und die bis heute eine zentrale Institution für jüdische Bildung und Kultur darstellt (vgl. https://www.aiu.org).

Als Franzose wurde Lévinas 1939 eingezogen, geriet 1940 in deutsche Gefangenschaft und wurde in Deutschland in das Lager Fallingbostel Stalag XI B, ein Lager für Kriegsgefangene, gebracht. Die Behandlung in diesen Lagern war abhängig von der Nationalität der Inhaftierten. Osteuropäische Insassen sowie Juden wurden im Hinblick auf Nahrung und Medizin unzureichend versorgt (vgl. https://www.relikte.com/fallingbostel/index.htm). Allerdings waren die jüdischen französischen Soldaten durch die Genfer Konvention besser geschützt als jüdische Zivilisten. Lévinas wurde einer Gruppe von siebzig jüdischen Häftlingen zugeteilt, die im Wald als Holzfäller arbeiten mussten.

Er überstand die Zeit bis zur Befreiung 1945 – in Unwissenheit darüber, was mit seiner Familie während des nationalsozialistischen Terrors geschah. Seine Frau und seine Tochter überlebten in einem Frauenkloster versteckt, seine gesamte Familie in Litauen fiel der sog. Endlösung der Judenfrage zum Opfer.

Lévinas äußerte sich selten über diese Zeit. Ein kleiner Aufsatz »Nom d’un chien« oder das Naturrecht berichtet vom Elend und den Erniedrigungen dieser Zeit und weckt Verständnis für die Entscheidung des Philosophen, nie wieder deutschen Boden zu betreten.

»Wir waren siebzig in einem Waldarbeiterkommando israelitischer Kriegsgefangener in Nazideutschland […]. Die französische Uniform beschützte uns damals noch vor der Hitlerschen Vernichtungswut. Die anderen Menschen jedoch, die uns trafen oder uns Arbeit oder Befehle gaben oder uns sogar zulächelten – und die Kinder und Frauen, die vorübergingen und manchmal einen Blick auf uns warfen –, beraubten uns unserer Menschenhaut. Wir waren nur noch quasi-menschlich, eine Affenbande. Wie es die Kraft und das Elend der Verfolgten ist: Ein dünnes inneres Gemurmel erinnerte uns an unser Dasein als Vernunftwesen. Doch wir waren nicht mehr auf der Welt. Unser Kommen und Gehen, unsere Pein und unser Gelächter, unserer Krankheiten und Zerstreuungen, die Arbeit unserer Hände und die Angst in unseren Augen, die wenigen Briefe aus Frankreich, die man uns aushändigte und diejenigen an unsere Familien, die man akzeptierte – all das geschah zwischen Klammern. Wesen, die ihrer Art nicht entkommen konnten; sprachlose Wesen, trotz ihres reichen Wortschatzes.« (NdCh, 57ff.)

Selbst als ihm im Jahr 1983 der Karl-Jaspers-Preis der Universität Heidelberg verliehen wurde, kam Lévinas nicht nach Deutschland. Sein Sohn Michael nahm an seiner Stelle den Preis entgegen, verlas die vom Vater vorbereitete Rede (vgl. Malka, 247).

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Lévinas nach Frankreich zurück. Im Jahr 1946 übernahm er die Leitung der »Ecole Normale Israélite Orientale« (ENIO) in Paris, einer Schule für Jüdinnen und Juden vor allem marokkanischen Ursprungs, die Lehrer für die Schulen der »Alliance Israélite Universelle« ausbildet. Die Konstellation war durchaus ungewöhnlich, bedenkt man, dass Emmanuel Lévinas ein Aschkenas war, ein Jude aus Osteuropa, während die ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler Sephardim, Juden und Jüdinnen aus Nordafrika waren. Lévinas behielt die Leitung der Schule nominell bis 1973, lehrte dort Philosophie und Hebräisch. Die Zeit bis zu seiner Emeritierung an der Universität in Paris im Jahr 1976 beschreibt Lévinas selbst so:

»Seit 1947 regelmäßige Vorlesungen im philosophischen Colloquium, das von Wahl gegründet und mit Leben erfüllt wurde. Leitung der hundert Jahre alten Ecole Normale Israélite Orientale, Ausbildung von Französischlehrern für die Alliance Israélite Universelle des Mittelmeerraumes. […] Seit 1957 jährliche Vorlesungen über talmudische Texte bei den Colloquien der Französischen Jüdischen Intellektuellen. 1961 Doktordissertation der Geisteswissenschaften. Seit 1967 Professur an der Universität Paris-Nanterre und seit 1973 an der Sorbonne.

Dieses Sammelsurium ist eine Biographie.« (EN, 108)

Im September 1994 starb Lévinas’ Frau Raissa, die er zärtlich »Rainka« nannte. Raissa Lévinas hatte ihren Mann immer zu Vorträgen und Vorlesungen begleitet, war in seiner Nähe, aber stets im Hintergrund. Nach dem Tod von Emmanuel Lévinas schreibt Wilhelm Schmid: »Die Inkarnation des Anderen, das war für Lévinas sein Frau. Als er sie letztes Jahr zu Grabe tragen musste, mochte er selbst nicht mehr leben. Lévinas starb am 25. Dezember, fast 90 Jahre alt.« (Schmid, 27.12.1995).

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Emmanuel und Raissa Lévinas (Malka, 224).

Emmanuel Lévinas hat den Holocaust erlebt und überlebt.

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