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Emma und das göttliche Spiel

1.

Liebe Katrin,

wenn Du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr am Leben sein. Du weißt, dass vor mir eine unerträgliche Leidenszeit läge und ich meine einzige Chance zu entkommen wahrnehme. Die Schmerzen werden stärker, ich kann sie schon nicht mehr lokalisieren. Sie scheinen in jedem Knochen, in allen Organen, auf und unter der Haut gleichzeitig zu sein. Doktor Weber hat mir hervorragende Medikamente verordnet. Sie nehmen dem Schmerz die Schärfe, belasten jedoch auch meinen Kreislauf. Ich kann nicht mehr klar denken und jeder Handgriff und Schritt wird von Tag zu Tag, beinahe möchte ich behaupten von Stunde zu Stunde, mühsamer. Es ist schon erstaunlich, wie ein Millimeter kleines Pünktchen aus meiner Brust in kurzer Zeit den Körper erobert und befallen hat. Der Krebs hat entschieden, mein Organsystem zu durchdringen, obwohl ich am Anfang noch versucht habe, Zwiesprache zu halten und mit ihm zu handeln wie mit einem alten Freund auf dem Markt. Du erinnerst Dich? Weißt Du noch, wie wir gemeinsam geweint und dann gelacht haben? Unser Plan schien so genial wie einfach. Ich würde dem Krebs einen Handel anbieten: Er könne bleiben, solle sich jedoch nicht ausbreiten. Ich habe ihm erklärt, dass auch er stirbt, wenn ich sterbe. Es scheint ihm egal. Mehr als das, er hat in atemberaubender Geschwindigkeit darauf hingearbeitet, die Kontrolle zu übernehmen und nun hat er es beinahe geschafft. Den letzten Triumph werde ich ihm rauben! Kein Siechtum, kein Delirium, kein Kampf. Liebe Katrin, ich kann deine Traurigkeit schon in meinem Herzen fühlen und spüre doch dein Verständnis für die Freundin, die sich nach einem schwierigen Leben erlaubt, den letzten Schritt selbst zu entscheiden. Weiß Du was? Es ist gar nicht so einfach! Wie oft habe ich mit dem Leben gehadert. Nun muss? kann? darf? ich es verlassen und meine Gefühle sind chaotisch und nicht bestimmbar.

Traurig blickte Emma von ihrem Schreibblock auf und schaute aus dem Fenster. Gedankenverloren beobachtete sie die untergehende Sonne, die auf dem Weg zu anderen Kontinenten bereits halb hinter dem Horizont verschwunden war. Die Gebäude der Kleinstadt, die sich unter Emma ausbreiteten, waren bereits in das Dunkel der Nacht eingehüllt, während die Kraft des Sonnenlichts den Himmel darüber noch halbreisförmig in goldenes Licht tauchte. In einigen Minuten würde die Sonne verschwunden sein, um am nächsten Tag zuverlässig wieder aufzugehen. Emma seufzte. Die untergehende Sonne erschien ihr wie eine Metapher für ihren Seelenzustand, der aus dem Gleichgewicht geraten war. Aber morgen früh würde nicht Alles wie am vergangenen Tag sein.

An ihrem rechten Zeigefinger bemerkte sie einen kleinen Tintenfleck, der während des Schreibens mit ihrem Füller entstanden war. Wichtige Briefe hatte sie immer mir dem Tintenfüller geschrieben, es schien persönlicher und dem Empfänger gegenüber Respekt und das Besondere auszudrücken, was sie für ihn oder sie empfand. Nun hatte blaue Tinte einen kleinen ovalen Fleck auf ihren Finger gezaubert.

„Du gibst also auch gerade den Geist auf“, sagte sie zu ihrem Füller und lächelte wehmütig.

„Das passt ja. Meine Güte, jetzt spreche ich schon mit einem Stift! Nun denn, lass uns noch diesen Brief gemeinsam zu Ende schreiben.“

Sie musste Katrin eine letzte Zusammenfassung ihrer Gedanken hinterlassen. Eine besondere Freundschaft erforderte besondere Behandlung. Katrin war immer für sie da gewesen und hatte alle Höhen und Tiefen mit einem unerschütterlichen Selbstverständnis mitgetragen. Kennen gelernt hatten sie sich während des BWL-Studiums, einer glücklichen Zeit im Leben beider Frauen.

Nahezu so lange ich denken konnte, hatte Seelenfinsternis immer wieder Abschnitte meines Lebens dunkel eingefärbt. Ich erinnere mich noch genau an die Sommerferien, nach denen ich in die Oberstufe des Gymnasiums wechseln sollte. Damals legte sich ein grauer Schleier über meine Lebensfreude, schleichend, sich jeglicher Kontrolle entziehend und resistent gegen mentalen Widerspruch. Ich habe es Dir oft erzählt, Katrin. Ausgerechnet in den von einer 16jährigen so lange ersehnten Ferien wurde ich von einer Welle tiefster Traurigkeit überschwemmt und war dieser machtlos ausgeliefert. Eine unbekannte tieftraurige Stimmung nahm mich in Besitz und übernahm ungefragt die Führung über meine Gedanken und Emotionen. Alles,

was mir bis dahin Freude gemacht hatte, wurde uninteressant. Ich hatte häufig Kopfschmerzen und litt unter Übelkeit und Bauchkrämpfen. Selbst wenn ich Lust gehabt hätte, in das normalerweise ersehnte Leichtathletiktraining zu gehen, so war es unmöglich, die Energie dazu aufzubringen. Jeden Morgen fühlte ich mich bereits unmittelbar nach dem Aufstehen so, als habe ich drei Tage und Nächte lang durchgearbeitet. Es schien anstrengend, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Tagsüber war ich müde und sehnte mich nach dem Bett, um dort der Beklemmung zu entfliehen, die meine Brust so sehr einschnürte und mir die Luft zum Atmen raubte.

„Interessant“, murmelte Emma, als sie die geschriebenen Worte las.

Schon damals dachte sie, sie sei krank, organisch krank.

Was sonst könnte ihr in solch einer Heftigkeit ihre Energie und Lebensfreude geraubt haben? Später hatte sie erkennen müssen, dass nicht ihr Körper, sondern ihr Gemüt erkrankt war. Und nun gebrauchte sie zur Beschreibung von damals eine Formulierung, die doppeldeutig war. Ja, als Teenager hatte sie das Gefühl, etwas habe ihr die Brust eingeschnürt und raubte ihr die Luft zum Atmen. Nun, am letzten Tag ihres Lebens blickte sie auf eine Krankheitsgeschichte zurück, in der ein Mamma Carzinom in der Brust ihr das Leben nach und nach genommen hatte und wie die daraus resultierenden Wassereinlagerungen in der Lunge ihr tatsächlich das Atmen erschwerten. Sie konnte es deutlich spüren, wenn sie eine Treppe hoch stieg oder etwas im Haushalt arbeitete, was in ihrem jetzigen Zustand anstrengend war. Dann schnaufte sie wie ein Asthmatiker und war bereits nach kurzer Zeit so erschöpft, dass ihr Körper eine Pause einforderte. Dieser Zustand verlangte von ihr viel Einsicht und Geduld, die sie nicht immer aufzubringen im Stande war.

Ich war 16 Jahre alt, ein Alter, in dem die Freude und Leichtigkeit des Lebens eigentlich vorrangig sein sollten. Aber ich lag nachts wach, gefangen in einem Gedankengeflecht irrealer Ängste und voller Verzweiflung. Da Ferien waren, fiel es Mama und Papa nicht als außergewöhnlich auf, dass ich morgens so lange schlief und sehr lethargisch einen Tag nach dem anderen durchlebte. Erst Jahre später erfuhr ich durch Doktor Schieber, dass die Medizin diesen Zustand als depressives Morgentief und als Motivationsproblem bezeichnet.

Wehmütig lächelte sie beim Gedanken an ihre vor einigen Jahren verstorbene Mutter. Herta hatte die Reizbarkeit und Rückzugstendenz ihrer Tochter als pubertäre Normalität interpretiert und mitfühlend belächelt. Wie hätte sie auch ahnen können, dass Emma nicht den Sinn des Lebens allgemein hinterfragt hatte, wie Teenager es tun, sondern dass sie sich ständig nach dem Sinn ihres eigenen Lebens gefragt hatte?

Ich spürte damals sehr wohl, dass sich mein Gemütszustand immer weiter von dem meiner Freundinnen entfernte. Die Konzentration reichte jedoch nicht aus, darüber nach zu denken. Alles Alltägliche war anstrengend genug. Ich habe mich oft gefragt, ob dies typisch für das erwachsene Leben sein sollte. Oh, Katrin, wie oft habe ich geweint, weil ich solche Angst davor hatte, erwachsen zu werden. Ich wollte so gerne das Kind meiner Eltern bleiben, eingebettet in ihre Liebe und Geborgenheit und mich der Verantwortung für mein eigenes Leben nicht stellen. Ich setzte den Verlust meiner Kindheit mit Schwere und Druck gleich. Damals war mir noch nicht klar, dass diese Bürde nicht vom Alter, sondern vom Empfinden abhängt.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Emma atmete tief durch, während sie die einbrechende Dunkelheit über der Stadt beobachtete. Ihr Brustkorb schmerzte. Die Fassaden, auf die sie blickte, erschienen nun, da sie von der Sonne nicht mehr angeleuchtet wurden, einheitlich grau und farblos.

'Alles Grau', dachte Emma. 'Die Sonne geht nun auf einem anderen Kontinent auf, der Mond scheint noch nicht. Grauzone. Und auch ich befinde mich in einer Grauzone.'

Sie spürte den Herzschlag in ihrem kranken Körper, der sich weich und doch so schwer und fremd anfühlte. Gerne hätte sie geweint, aber sie hatte schon lange keine Tränen mehr. Traurig folgte ihr Blick dem Kondensstreifen eines Flugzeuges.

'Wohin diese Menschen wohl fliegen?' überlegte sie. 'Die meisten sitzen sicher voller Vorfreude auf ihren wohlverdienten Urlaub im Flieger und malen sich aus, wie schön die nächsten Wochen in einem anderen Land sein werden. Dem Alltag entfliehen!'

Emma zupfte sich eines ihrer dunkelblonden kurzen Haare vom Ärmel des blauen Strickpullovers und blies es von ihrer Hand in den Raum.

„Du kannst nicht fliehen“, sagte sie zu sich selbst. „Du hast dich überall immer dabei!“

Kein Land dieser Welt, keine Landschaft, kein Hotel würde ihr die Last des eigenen Seins von den Schultern nehmen können. Es gab nur eine Möglichkeit der Flucht, die aus dem Leben heraus.

Emmas Gedanken schweiften wieder in die Vergangenheit, während sie in die Küche ging und sich ein Glas Wasser einschenkte. Lustlos trank sie einen kleinen Schluck und stellte das Glas auf die schwarzweiß marmorierte Arbeitsfläche zurück.

Heute weiß ich, dass ich als junges Mädchen in den Sommerferien zum ersten Mal eine so genannte mittelschwere Episode der Depression durchlebt habe. Glücklicherweise ging es mir nach einigen Wochen besser und ich konnte mich in der Oberstufe darauf konzentrieren, erfolgreich das Abitur abzulegen.

Du erinnerst dich sicher an unsere ersten Treffen. Ich war immer sehr darauf bedacht, mich an einen ruhigen Ort oder in einem kleinen Café mit wenigen Tischen zu treffen. Zuerst habe ich immer behauptet, man kann sich dort besser unterhalten. Später fanden wir dann das Café Chapeau Noir und machten es zu 'unserem' Café. Ich habe Dir schnell vertraut und konnte Dir erzählen, dass ich aus meiner depressiven Phase eine gewisse Scheu vor Menschenansammlungen und vor lauten Veranstaltungen zurückbehalten habe. Dies war jedoch für mich nie eine große Belastung. Schon als kleines Kind war ich das, was man als eher introvertiert bezeichnet. Zurückgezogen mit einem Buch in der Kuschelecke meines Kinderzimmers habe ich die glücklichsten Zeiten verbracht. Wie viele Stunden, Tage, Wochen, bin ich abgetaucht in die Welten von Astrid Lindgren oder Enid Blyton! Ich fieberte mit den fünf Freunden in deren Detektivabenteuern ebenso mit, wie ich durch die Geschichten über das Internatsleben junger Mädchen eine Sehnsucht nach diesem Leben entwickelte und in meinem Kopf eigene Schulgeschichten erfand, in denen ich die Hauptrolle spielte. Eine Zeit lang habe ich bei meinen Eltern gebittet und gebettelt, sie mögen mich in ein Internat schicken, in dem ich mit meinen Mitschülerinnen leben könnte wie Hanni und Nanni. Mama und Papa waren natürlich klug genug, um zu wissen, dass die Wahrheit des Internatslebens anders aussieht und dass ich vor Heimweh vermutlich krank geworden wäre.

Bücher wie die Unendliche Geschichte zogen mich so in ihren Bann, dass ich es überhörte, wenn Mama zum Essen rief. Mit 13 Jahren investierte ich mein wöchentliches Geld in eine Taschenlampe und las unter der Bettdecke weiter, wenn meine Eltern glaubten, dass ich das Licht ausgemacht und mich ins Traumland begeben hätte.

Jahre später hat Mama mir erzählt, dass sie innerhalb weniger Tage dieses Geheimnis gelüftet hatten. Sie und Papa haben darüber geschmunzelt und beschlossen, mir meine Freude zu lassen und erst dann einzugreifen, wenn sie das Gefühl hätten, ich wäre morgens zu sehr übernächtigt. Ach Katrin, wie schlau und lieb meine Eltern doch waren!

Emma stand auf, ging zum Fenster und lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe in der Hoffnung, einen klaren Kopf zu bekommen.

'Bücher', dachte sie. 'Bücher haben in meinem Leben eine wirklich bedeutende Rolle gespielt.'

Als erwachsene Frau hatte sie zunächst Liebesromane bevorzugt, danach war sie regelmäßig in die spannende und manchmal blutrünstige Welt der Krimis eingetaucht. Doch auch Hermann Hesse, Paulo Coelho oder Heinrich Böll konnten ihre Aufmerksamkeit fesseln. Phasen des esoterischen Interesses wechselten sich mit dem Studium der Belletristik ab.

Heute war das große, randvolle Bücherregal ihr ganzer Stolz. Es nahm zwei komplette Wände des Wohnzimmers ein, wofür sie gerne auf einen Schrank verzichtet hatte.

Erinnerst Du Dich noch, als wir das erste Mal über Bücher sprachen? Unsere gemeinsame Leidenschaft führte dazu, dass wir nahezu die ganze Nacht durchgequatscht haben und am nächsten Tag hundemüde, aber glücklich in der Vorlesung saßen. Ach, es waren wunderschöne Stunden, die langen Gespräche mit Dir! Oft waren wir einer Meinung. Wenn nicht, warst Du meine Meisterin. Ja, das klingt pathetisch, aber ich meine es genau so, Katrin. Vor Dir kannte ich niemanden, der so klar seine eigene Vorstellung ausdrücken konnte und gleichzeitig mit großem Interesse die Meinung des anderen hören und akzeptieren konnte. Wie viele Male habe ich dich sagen hören: “Interessant, so kann man das also auch sehen!“ Dabei hast Du mit dem Kopf hin und her gewackelt, als hättest Du Wasser in den Ohren. Niemals wärst du auf die Idee gekommen, Deine eigenen Gedanken und Dich selbst zu verraten. Liebe Katrin, zu sich zu stehen, egal was die anderen denken, ja, diesbezüglich habe ich viel von Dir lernen dürfen. Habe ich mich jemals dafür bei Dir bedankt? Ich bin mir nicht sicher. Also, vielen lieben Dank für die lehrreichen Stunden mit Dir.

Nach dem Abitur hatte Emma ein Studium der Betriebswirtschaftslehre begonnen. Das Lernen fiel ihr leicht und sie konnte eine relativ unbeschwerte Phase ihres Lebens als Studentin durchleben. Mit 22 Jahren hatte sie Johann kennen gelernt, einen fast gleichaltrigen Schreiner. Wie immer, wenn Emma an die erste Zeit mit Johann dachte, kamen ihr auch jetzt die Tränen. Sie stand auf und stellte sich vor die Bücherwand. Ihr Blick glitt die Regalbretter entlang und blieb an einem kleinen, gebundenen Buch hängen. Sie hatte es von Johann geschenkt bekommen. Es war das wertvollste Geschenk ihres Lebens! Nach ihrer ersten Liebesnacht hatte Johann es ihr mit der Post zugeschickt. Sie erinnerte sich an den pochenden Herzschlag, die Schmetterlinge im Bauch und dieses besondere Gefühl, als sie das Seidenpapier entfernte und das Buch in Händen hielt. Wenn auch von vielsagender Tiefgründigkeit, so hatten weder der Inhalt noch der Autor des Buches sie so sehr beeindruckt. Es war das Wissen, dass die Worte in dem Werk Johann nachhaltig geprägt hatten und für ihn etwas ganz Besonderes waren. Sie hatten ihn berührt. Die Tatsache, dass er mit seinem Geschenk diese Berührung mit ihr zu teilen suchte, machte das Buch für sie zu einem einzigartigen Geschenk. In diesem Moment war Emma klar geworden, dass ihre neue Liebe etwas war, was sie so noch nicht erlebt hatte. Alles war neu, so anders und besonders. Ihr Herz schlug mit Johanns Herz in Einklang und war erwärmt.

Der junge Mann hatte seine Freundin auf Händen getragen und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Es war eine ganz besondere, große Liebe, eine Beziehung im Gleichgewicht von Geben und Nehmen. 'Wenn ich mir einen Mann hätte backen können', dachte Emma 'dann wäre er genau wie Johann geworden!' Sie lachte schluchzend auf, während ihr einige Tränen über die blassen Wangen liefen.

Wie glücklich war ich, liebe Katrin, dass Du Dich gut mit Johann verstanden hast. Zu dem Zeitpunkt, als ich ihn kennen lernte, warst Du mir so wichtig, dass ich schweißnasse Hände hatte, als ich wusste, ihr werdet Euch zum ersten Mal begegnen. Es hätte mir wirklich das Herz gebrochen, wenn ihr nicht miteinander klar gekommen wäret. Und was sagtest Du ganz trocken, als ich Dich aufgeregt fragte, wie du meinen Liebsten findest? „Hm, war ja klar, dass du einen guten Geschmack hast.“ Auch Johann mochte Dich gerne und ich schwebte auf rosaroten Wolken. Unsere Freundschaft erfuhr eine bereichernde Ergänzung, als Du zwei Jahre später Sebastian kennen lerntest. Wie oft sind wir zu Viert losgezogen. Wir hatten viel Spaß miteinander! Aber ich glaube, das Wichtigste an unserer Bande war die Tatsache, dass wir auch zusammen weinen konnten. Zum Beispiel, als Dein Papa starb. Es war in der Zeit, als wir unsere Diplomarbeiten schrieben. Ganz unerwartet erwachte er morgens nicht mehr, er hatte einfach aufgehört zu leben. Herzinfarkt, sagte der Arzt, der den Leichenschein ausfüllte. So ein nüchternes Wort für diesen unermesslichen Schmerz, der Dich damals überfallen hat. Wir haben uns gemeinsam erinnert und zusammen geweint. Später hast du oft erzählt, dass Du diese schwierige Zeit als wertvolle Erfahrung betrachten konntest. Wir waren einfach da, für Johann und mich war das selbstverständlich. Als ich Dir sagte, dass es mir ein Bedürfnis sei, in dieser Zeit für Dich da zu sein, hast Du geantwortet:

“Aber das schließt doch meine Dankbarkeit darüber nicht aus!“ So warst Du und so bist Du. Schlicht verpackst Du große Lebensweisheiten in kleine Sätze.

Während Emma ihr Studium beendete, hatte Johann sich auf die Restauration alter Möbel spezialisiert. Seine Arbeit übte er mit einer großen Liebe, voller Respekt und Hingabe aus. Jeder konnte sehen, wie ernsthaft und begeistert er Holz berührte. „Holz lebt“, hatte er oft gesagt. „Es ist der schönste Werkstoff, den ich mir vorstellen kann. Ein Meisterwerk der Natur, dem ich mich nur ehrfürchtig annehmen kann.“ War eine besonders aufwendige Arbeit fertig gestellt, dann hatte er Emma manchmal gebeten, in die Werkstatt zu kommen. „Schau nur“, hatte er mit den leuchtenden Augen eines Kindes gesagt und war sanft über die Ablage des alten Vitrinenschrankes gestrichen, den er aus einem jammervollen Zustand befreit und zu einem Meisterstück gemacht hatte.

„Ist er nicht wunderschön?“

Ach Katrin, ich denke immer wieder an die Zeit gegen Ende des Studiums zurück. Johann hatte sich bereits in relativ kurzer Zeit einen Ruf als fingerfertiger Restaurator gemacht. Es war eine wahre Freude, ihm beim Arbeiten zu zu sehen. Ihm zu zusehen! Seine Freude und Begeisterung, wenn er ein altes herunter gekommenes Möbelstück zu neuem Leben erweckt hatte. Natürlich gefielen mir seine Arbeiten, aber eigentlich war er es, an dem ich mich dann nicht satt sehen konnte. Wie er sein Glück zum Ausdruck brachte! Mit strahlenden Augen, Sägespänen in den dunklen verwuschelten Locken und seinem auffallend mitreißendem Lachen stand er dann da. Unter seiner obligatorischen blauen Latzhose trug er ein altes T-Shirt, das seine wohl geformten Handwerkermuskeln gut zur Geltung brachte. Ich habe mich dann jedes Mal neu in ihn verliebt und dem Himmel ein stummes Dankgebet geschickt, dass ich mit diesem wunderbaren Menschen zusammen sein durfte. Ich habe ihn und seine Arbeit sehr bewundert.

Für Emma und Johann war es nicht wirklich wichtig gewesen, aber sie waren auch optisch ein schönes Paar. Der große, dunkelhaarige Mann, der immer ausgesehen hatte wie ein Sportler mit dem Schalk eines kleinen Jungen im Blick und die zierliche Emma mit ihrem langen Haaren und den bernsteinfarbenen Augen, die so gut in die Ferne und durch alles hindurch schauen konnten.

Die bereits verloren geglaubten Tränen flossen nun doch in Strömen.

„Ach, Johann“, flüsterte Emma und weinte lautlos. „Ich wünschte, du wärst jetzt hier.“ Sie stand auf, unschlüssig, was sie tun wollte. Den Blick auf das Fenster gerichtet glitt sie langsam mit dem Rücken an der Wand entlang, bis sie schluchzend auf dem Wohnzimmerboden hockte. Das Gesicht in den Händen verborgen lies sie ihren Gefühlen freien Lauf. Noch vor einer halben Stunde hatte sie geglaubt, keine Tränen mehr zu haben, und nun weinte sie seitdem bereits zum zweiten Mal. Ihre Schultern erbebten unter dem Schluchzen und Weinen. Johann war nicht da. Er würde nie mehr da sein. Es brach ihr zum tausendsten Mal das Herz.

„Warum durften wir nicht gemeinsam alt werden, so wie andere Paare auch?“ schluchzte Emma.

„Warum war überhaupt so Vieles ganz anders, als wir uns das gemeinsame Leben vorgestellt haben?“

Emma stand wieder auf, die Kälte der Wand durchdrang ihren Pullover, fröstelnd rieb sie sich über die Arme. Ihr Blick fiel auf die einfach geschwungene Blüte an einer großen Zimmerpflanze, die im Raum stand. Die Blüte war einfach, aber perfekt. Emma seufzte.

'Wenn doch alles im Leben in seiner Schlichtheit so perfekt sein könnte', dachte sie. 'Wie diese Blüten, wie ein Kätzchen. Oder wie ein Baby.'

Johann wäre ein wunderbarer Vater geworden. Und sie hätte so gerne die Mutterrolle ausgefüllt, eine Aufgabe, die das Leben ihr verwehrt hatte. Ihr Herz verkrampfte sich im Schmerz, den sie immer verspürte, wenn sie an Eva dachte.

Als ich von meiner Schwangerschaft erfuhr, konnte ich Johann nicht erreichen und so durftest Du, liebe Katrin, es als Erste erfahren. Du wusstest, dass Johann und ich uns eine kleine Familie wünschten und hast Dich so sehr mit uns gefreut! Die kommenden Monate waren von einer besonderen Aura umgeben, ich wünschte mir, das Leben könne immer so bleiben. Johann war glücklich, er war so liebenswert und rücksichtsvoll mir gegenüber. Auch meine Eltern freuten sich über die Aussicht, nun bald Großeltern sein zu dürfen. Es gab keinen Hinweis darauf, dass unser Glück nur gepachtet war.

Eva starb kurz vor dem errechneten Geburtstermin in meinem Bauch. Ein unglaublicher Schock für uns! Du warst mir in dieser Zeit Stütze und Halt, denn Johann war verständlicher Weise mit seinem eigenen Schmerz beschäftigt, auch wenn er mir gegenüber versuchte, stark zu sein. Ich habe mein wunderbares Mädchen auf die Welt gebracht. Ein kleiner Engel. Hatte sie Angst vor dem irdischen Leben? Warum wollte sie nicht atmen und das Leben mit uns teilen? Die Ärzte fanden keine Antworten auf unsere bohrenden Fragen. Es war so schlimm, Katrin, ein Albtraum, aus dem ich lange brauchte, zu erwachen und wieder in meinem normalen Alltag anzukommen. Nach so einem Erlebnis gibt es kein Anknüpfen mehr an das Gestern. Die Vergangenheit hatte ihre eigenen Regeln gebastelt und somit unsere Gegenwart vollkommen auf den Kopf und die Zukunft in Frage gestellt. Wir brauchten über ein Jahr Zeit zum Weinen und Trauern, und auch wenn es stimmt, dass die Zeit alle Wunden heilt, so blieb mein Kind, mein kleines geliebtes Mädchen, der Mittelpunkt in meinem Herzen und Fühlen und Denken. Bis Johann mich irgendwann fragte, ob wir nicht versuchen sollten, noch ein Kind zu bekommen. Zunächst konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Es schien mir wie ein Verrat an Eva zu sein, als solle die Erinnerung an sie durch ein weiteres Kind getilgt werden. Und wieder warst Du es, meine liebe Katrin, die mir in langen Gesprächen klar gemacht hat, dass dem nicht so sein würde.

Andere Familien haben auch zwei Kinder, warum ihr nicht?“ Diese Frage hast Du in deiner ruhigen Art in den Raum gestellt und somit hast Du wieder deine unglaubliche Gabe bewiesen, die Wahrheit und das Leben so zu sehen, wie es einfach ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann sagtest Du etwas, was mir mehr half als alle guten Ratschläge von lieben Menschen es gemeinsam tun konnten. Du sagtest: “Höre einfach auf dein Herz.“

Am Tag danach beschlossen Johann und ich, einer zweiten kleinen Seele die Möglichkeit zu geben, ihr Leben mit uns zu teilen. Leider wurde ich nicht mehr schwanger.

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