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Emilys Sehnsucht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Die erste Brücke
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  1. Die zweite Brücke
  2. 15. Kapitel
  3. 16. Kapitel
  4. 17. Kapitel
  5. 18. Kapitel
  6. 19. Kapitel
  7. 20. Kapitel
  8. 21. Kapitel
  9. 22. Kapitel
  10. 23. Kapitel
  1. Die dritte Brücke
  2. 24. Kapitel
  3. 25. Kapitel
  4. 26. Kapitel
  5. 27. Kapitel
  6. 28. Kapitel
  7. 29. Kapitel
  8. 30. Kapitel
  9. 31. Kapitel
  10. 32. Kapitel
  11. 33. Kapitel
  1. Die vierte Brücke
  2. 34. Kapitel
  3. 35. Kapitel
  4. 36. Kapitel
  5. 37. Kapitel
  6. 38. Kapitel
  7. 39. Kapitel
  8. 40. Kapitel
  9. 41. Kapitel
  10. 42. Kapitel
  11. 43. Kapitel
  12. 44. Kapitel
  13. 45. Kapitel
  14. 46. Kapitel
  15. 47. Kapitel
  16. 48. Kapitel
  17. 49. Kapitel
  1. Danksagung

Über die Autorin

Juliet Hall unterrichtet Schreiben und organisiert Literatur- und Musikfestivals in West Dorset. Zu den liebsten Reisezielen der Britin gehören Italien und Portugal, wohin sie die Leser ihres dritten Romans entführt.

1. Kapitel

Joanna saß auf dem verblichenen rosaroten Bettüberwurf und schaute auf den Koffer hinab, der zu ihren Füßen stand und sie vorwurfsvoll anzusehen schien. Schon gut. Sie hatte ja nicht geplant zurückzukommen, oder? Ihr ganzes Leben lang hatte sie nur vorwärtsgestrebt. Aber nun war sie wie eine Brieftaube nach Hause zurückgekehrt, als hätte sie sich nie von Mulberry Farm abgenabelt. Verdammt! Wahrscheinlich passiert so etwas, wenn das Leben einem übel mitspielt.

Mit der Hand strich sie glättend über die Tagesdecke, die nach dem künstlichen Frühlingsduft eines Weichspülers roch. Ihre Familie bewirtschaftete diesen Hof seit Generationen. Er schmiegte sich tief in die schützenden Täler und Hügel der Warren Down in Dorset, genau wie sie ihn in Erinnerung hatte. Dieses Mal unterschied sich ihre Rückkehr jedoch von all den anderen Gelegenheiten, bei denen sie in Begleitung von Martin heimgefahren war. Joanna hatte das Gefühl, wieder ein Kind zu sein. Sie streckte die Hand aus und zog den Vorhang beiseite. Draußen gab es keine Laternen; es war stockfinster.

Zu Hause. Seit sie als freie Journalistin in London lebte und arbeitete, seit vielen Jahren also, hatte sie stets etwas verächtlich auf ihr Elternhaus herabgeschaut - wie auf etwas, dem sie erfolgreich entkommen war, etwas, was zwar einen Wert besaß, dem sie jedoch entwachsen war. Trotzdem war sie nun hier. In einem Sturm lief man eben als Erstes den Heimathafen an.

Einem schrecklichen Sturm.

Joanna hörte, dass Harriet unten in der Küche umherlief, mit Töpfen klapperte und laut mit Mutter redete.

»Sie kommt gleich runter. Mach kein Theater!«

»Aber wo ist Martin?«, gab Mutter leicht quenglig zurück. »Joanna besucht uns so gut wie nie ohne Martin.«

Eine gute Frage. Joanna stand auf, legte den Laptop auf ihre alte Frisierkommode, deren weiß gestrichene Holzplatte immer noch die Spuren des grellen Make-ups ihrer Teenagerjahre trug: violetter Lidschatten, schwarzer Kajal und goldener Highlighter. In dem leicht angelaufenen Spiegel der Kommode erhaschte sie einen Blick auf sich und fuhr sich unwillkürlich mit der Hand ans Haar. Sie hatten ihren Glanz verloren, alle beide. Das Leben hatte ihnen zugesetzt. Aber die alte Joanna musste doch noch irgendwo da drin sein, oder? Trotz allem.

Mit Martin war es in dem schmalen Bett stets zu eng gewesen. Außerdem war er nicht der Typ, der einen so fest hielt, dass man nicht herausfallen konnte.

Über dem Bett hing das Bild von der Brücke. Es war immer da gewesen, und Joanna gefiel der Gedanke, dass es über sie wachte. Die Brücke stand irgendwo in Italien, vielleicht in Venedig. Das Gemälde hatte einen verschnörkelten Goldrahmen, und manchmal, wenn morgens die Sonne darauf schien, glänzte er vor der blassgelben Tapete.

Die Brücke war aus Holz und überspannte das Wasser in einem perfekten Bogen. Die Sonne stand tief an einem silberblauen Himmel, und Licht und Schatten sprenkelten das Wasser. Joanna hatte keine Ahnung, wer es gemalt hatte - die Signatur war ziemlich unleserlich -, obwohl sie meinte, es könne Emily heißen. Der Familienname begann mit einem S. Sie hätte es gern gewusst; es schien von Bedeutung zu sein. Aber eigentlich zählte nur, dass dieses Bild ihr ein Gefühl von Ruhe schenkte. Joanna war froh, dass Harriet es nicht abgehängt hatte.

Sie sollte eigentlich nach unten gehen. Zögernd zog sie die Tür hinter sich zu und schlich instinktiv vorsichtig über die Treppe. Sie wusste, welche Stufen knarrten - die vierte von unten und die zweite von oben -, und trat über sie hinweg, weil sie einfach noch ein paar Minuten allein sein wollte. Sie wollte … Eigentlich wusste sie nicht so genau, was sie wollte.

Als Joanna sich am Geländer festhielt, kam es ihr so vor, als habe sich die weiße Farbe immer schon in Blasen abgelöst und als sei das gesamte Haus in einem zeitlosen Raum erstarrt. So hatte es damals schon ausgesehen, wenn sie samstagnachts, lange nach Mitternacht, dieselbe Treppe hinaufschlich, nachdem ihr Freund Jez sie nach Hause begleitet hatte. Sie hatten stets ein entlegenes Pub auf dem Land besucht, wo man Joanna Shepherd, erst sechzehn Jahre alt, nicht kannte.

Am Fuß der Treppe warf sie einen Blick auf die alte Standuhr und flüsterte: »Eins, zwei, drei, ich komme!« Ein Spiel aus ihrer Kindheit - ihre und Harriets Version des Versteckspiels. Meistens hatte Joanna ihre Schwester nicht gefunden … Die Uhr würde gleich die volle Stunde schlagen. Perfekt. Als der Westminster-Schlag ertönte und in der Diele widerhallte, huschte Joanna lautlos aus der Haustür.

Draußen hielt sie inne und sog die Nachtluft ein. Gott, war es hier finster! Die Nacht auf dem Land war so viel dunkler als anderswo. Das war schon immer so gewesen, auch damals. Joanna wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

Jez pflegte sein Motorrad oben an der Straße abzustellen, und sie gingen dann das letzte Stück zu Fuß und knutschten ununterbrochen. Seine Hände wanderten nicht zufällig umher, sondern deckten eher systematisch jeden Quadratzentimeter ihres Körpers ab. Joanna lächelte. Sie hatten immer eine gute halbe Stunde für die hundert Meter gebraucht, und wenn sie die große Scheune erreichten, mussten sie sich stets für diese letzten verzweifelten, diamanthellen Augenblicke in den Schatten der breiten Holztür drücken, die Sinne zum Zerreißen gespannt. Blindes Tasten, schweres Atmen in seiner festen Umarmung; sein männlicher Geruch nach Motoröl, Leder und Nikotin - völlig anders als alle Gerüche auf der Farm. Berauschend!

Selbst die Erinnerung sorgte jetzt, zwanzig Jahre später, dafür, dass Joanna sich schwach fühlte. Sie presste die Handflächen gegen die Tür hinter sich und spürte die kalte Oberfläche.

»Siehst du denn nicht, was für ein Mensch er ist?«, pflegten ihre Eltern zu nörgeln.

Doch.

»Begreifst du denn nicht, dass er nur das eine will?«

Ja, ja, genau. Ahnten ihre Eltern denn nicht, dass sie es auch wollte? Sie war wie besessen von ihm; nun ja, höchstwahrscheinlich vor Begierde.

Joanna schloss die Augen und sehnte sich plötzlich danach, dieses alte Gefühl noch einmal zu erleben. Irgendwie, dachte sie, wird vielleicht alles besser, wenn ich es wieder einfange. Hinten auf Jez' Motorrad hatte sie sich an seine Taille geklammert wie eine Klette. Ihre Haut war vom Fahrtwind taub gewesen, ihre Augen tränten, und ihr Haar flatterte im Wind. Gott, das war der Himmel! Jungs. Motorräder. Sex. Am Samstagnachmittag Tanz im Viking Café zu Songs aus der Jukebox. Aber das war Vergangenheit.

Über den seitlichen Weg ging sie zum Teich und zum Maulbeerbaum. Es war ein Wunder, dass sie sich je abgenabelt, die Uni besucht und sich so in ihr Studium gekniet hatte, dass sie gute Noten erzielte. Besonders wegen Jez mit seinen blonden Locken und sexy blauen Augen. »Wie, du willst nicht mit in den Pub, Baby? Was ist denn los mit dir?«

Los war natürlich, dass Joanna schon damals gewusst hatte, dass sie nicht hierbleiben würde. Jez und alles, wofür er stand, waren nur eine Station auf Joannas Reise. Sie hatte nicht gewusst, wo sie endete, aber sie hatte gewusst, dass diese Reise sie aus Dorset hinausführen und von Jungs wie Jez trennen würde. Für immer.

Und so war es auch gekommen. Oder?

Der Teich war umgekippt, das Wasser wie Gelee. In ihren knöchelhohen Wildlederstiefeln stapfte Joanna durch das feuchte Laub unter dem Baum und wünschte sich, sie hätte Gummistiefel angezogen. Sie war auf dem Land. Und der Maulbeerbaum, so herrlich wie immer, breitete stolz die Zweige aus. Herbst?, schien er zu sagen. Warum sollte ich etwas darum geben, wenn ich ein paar Blätter verliere? Im Frühling wachsen mir ja neue. Wenn es für den Rest von uns auch so einfach wäre!, dachte Joanna.

Harriet hatte sie mit dem Pick-up vom Bahnhof abgeholt. Sie hatte es vermieden, Joanna anzusehen, und Martin kaum erwähnt; ob aus Taktgefühl oder Gleichgültigkeit, konnte Joanna nicht einschätzen. Sie hatte keine Ahnung, was in Harriet vorging. In den alten Zeiten hatte sie so oft versucht, zu ihrer Schwester durchzudringen. Aber irgendwann hatte sie es wohl aufgegeben. Harriet war unnahbar, unerreichbar und unergründlich.

»Wir müssen uns zusammensetzen«, hatte Harriet gesagt. »Wir müssen über Mutter reden.«

Joanna hatte zugestimmt. Doch inzwischen fragte sie sich, warum sie überhaupt hier war. Sie hatte genug eigene Probleme.

»Wie geht es ihr?«, hatte sie sich auf der Autofahrt erkundigt. Als ihr Vater gestorben war, hatte ihre Mutter nicht nur den Ehemann verloren. Audrey hatte selbst immer mehr nachgelassen, sodass schließlich alle Arbeiten auf der Farm an Harriet und den Hilfskräften hängen blieben, deren Anzahl stetig abnahm. Mutter war exzentrisch geworden, seltsam.

»Ziemlich schlecht«, gab Harriet zurück und nahm eine scharfe Linkskurve, sodass Joanna gegen die Beifahrertür geschleudert wurde. »Diese Woche waren es zwei Maler und Anstreicher, jemand, der den Abfluss frei machen sollte, und ein halber Klempner.«

Joanna rieb sich den Ellbogen. Die Fahrkünste ihrer Schwester hatten sich nicht verbessert; sie nutzte das Autofahren immer noch als Abfuhr für all ihren Zorn und ihre Frustration. »Ein halber Klempner?«

»Er ist nicht vorbeigekommen, aber er hat angerufen. Drei Mal.«

»Aha.« Mutter rief Handwerker an, damit sie vorbeikamen und einen Kostenvoranschlag für sie aufstellten. Dann konnte sie ihnen Tee kochen, Kuchen vorsetzen und mit ihnen reden. Das Bedürfnis nach männlicher Aufmerksamkeit verzehrte Audrey, und sie war von ihrem Aussehen besessen. Aber leider lebte Mutter auch in der Vergangenheit.

Joanna setzte sich auf die Bank unter dem Maulbeerbaum und lauschte dem Wind, der in den ausladenden Zweigen murmelte; sie erinnerte sich, wie Harriet und Vater die Äste geschüttelt hatten, bis die Früchte abfielen. Du bist noch zu klein, Joanna. Harriet kann das machen. Mutter, wie sie mit fleckigen Fingern Maulbeeren aus den Netzen klaubte. Sie kochte ein süß-scharfes Gelee daraus, so dunkelrot, dass es fast schwarz wirkte.

Joanna wusste, dass Mutter einsam war; sie brauchte Menschen und … Sie schaute in die stille Dunkelheit. Mulberry Farm lag ziemlich abgeschieden - das nächste Dorf war gut fünfzehn Minuten Fußmarsch entfernt.

Joanna drückte sich immer noch vor ihrer Pflicht.

»Jo-anna … Liebes …?« Die eindringliche Stimme ihrer Mutter. Sofort hatte Joanna ein schlechtes Gewissen. Gott, ging das schnell! »Komme schon!«, rief sie.

Dann Harriets Stimme: »Joanna, wirklich, was schleichst du da draußen herum?«

Ich denke über die Vergangenheit nach, antwortete Joanna lautlos und stand von der Bank auf. Obwohl das gefährlich werden kann. Aber das ist immer noch sicherer, als an Martin zu denken …

2. Kapitel

Perfekt geschminkt und völlig unpassend in eisblauen Chiffon und silberne Stilettos gekleidet, wuselte ihre Mutter um Joanna herum, als sie sich zum Abendessen an dem großen alten Tisch in der Küche setzte. Joanna konnte sich sehr gut vorstellen, wie Audrey Handwerkern den Tee im besten Porzellan servierte und die Gutsherrin spielte, obwohl Mulberry Farm in Wirklichkeit vollkommen marode war und weder Harriets Einkommen noch die Rente ihrer Mutter reichten, um Handwerkerrechnungen zu bezahlen. Arme Harriet! Joanna spürte einen Anflug von Mitleid mit ihrer Schwester. Das war bestimmt nicht leicht: Mutter zog die Männer in ihr Spinnennetz wie Fliegen, und Harriet durfte sie wieder herausklauben und zusehen, wie sie sie loswurde.

Mutter redete nicht um den heißen Brei herum. »Wo ist Martin?«, fragte sie.

»In London.« Und was vielleicht noch wichtiger war - was dachte Martin? Was fühlte Martin - jetzt, wo seine Frau nicht mehr da war? Zehn Jahre Ehe waren eine lange Zeit. Joanna schniefte, und Mutter sprang blitzschnell darauf an.

»Was ist, Liebes? Habt ihr euch gestritten?« Wenn man es nicht besser wusste, klang sie fast wie eine normale Mutter.

»Nicht wirklich.« Letzte Woche hatte sie im Radio gehört, dass Streit eine Beziehung lebendig halte, weil er zeige, dass man noch aneinander hänge. Aber Joannas Meinung nach traf das Gegenteil zu. Sie und Martin hatten oft Streit. Und das konnte einem die Liebe gründlich verleiden.

Joanna fühlte sich zerschlagen. Sie hatte das Gefühl, orientierungslos dahinzutreiben. Sie schaute auf ihren Ehering hinunter. Verschlungenes Gelb- und Weißgold. An dem Tag, als Martin ihn ihr überreicht hatte, war er so unsicher gewesen. Er hatte nicht gewusst, ob er es richtig machte, und gefürchtet, dass sie ihm einen Korb geben könnte. Genau das hatte sie an ihm geliebt, seine Verletzlichkeit. Ach, Martin! Sie runzelte die Stirn. Heute wirkte er überhaupt nicht mehr verletzlich.

Harriet verteilte Suppe in große Schalen, die sie eine nach der anderen auf den Tisch stellte. Die Flüssigkeit dampfte.

»Hühnersuppe«, erklärte Harriet. Sie begann, dicke Scheiben von einem Leib braunen Vollkornbrots abzuschneiden.

»Hmm. Riecht köstlich.« Mit einem Mal wurde Joanna klar, wie hungrig sie war. Sie hatte heute kaum etwas gegessen. Aber … Hühnersuppe? Doch hoffentlich nicht von einem der Hühner auf der Mulberry Farm? Ihr lief es kalt über den Rücken.

»Aus dem Supermarkt, von Morrisons«, sagte Harriet, die ihre Gedanken erraten hatte. »Wir hatten gestern Brathähnchen.«

»Oh.« Joanna aß einen Löffel von der heißen Brühe. »Ich brauche nur etwas …« Was? Zeit für mich, wahrscheinlich - das wäre zumindest ein Anfang. Sie tauchte das dicke Stück Vollkornbrot in die Suppe. »So eine Art Pause«, sagte sie.

Harriet warf ihr einen scharfen Blick zu und bestrich ihr Brot mit Butter - ziemlich aggressiv, wie Joanna bemerkte. Was ihr wohl durch den Kopf ging? Wäre es denn so schrecklich, wenn sie eine Weile wieder hierher zöge?

»Bleib, solange du möchtest!«, erklärte ihre Mutter großmütig. »Es ist wunderbar, dich hier zu haben.« Sie beugte sich vor, und Joanna erhaschte einen Hauch von ihrem Parfüm. Süß und blumig, beinahe unschuldig.

Aber in der Sekunde, als das Lächeln ihrer Mutter wich, sah sie so alt und die Haut in ihrem Gesicht so papierdünn aus, dass sich tief in Joanna etwas Undefinierbares regte. Es war wie eine Verschiebung, eine Umkehr, eine Wehmut, die sich in die Liebe mischte. Joanna wusste, dass ihre Mutter sie nicht verurteilen würde. Sie brauchte niemandem mehr Rechenschaft abzulegen; und niemand würde ihr Grenzen setzen. Gott, das war beängstigend. »Danke, Mutter«, sagte sie. Sie aß noch einen Löffelvoll. Harriet hatte reichlich Pfeffer hineingetan; seit Jahren hatte sie keine so gute Suppe mehr gegessen.

»Solange es dir nur gut geht«, meinte ihre Mutter betrübt.

»Ja«, antwortete sie. »Mir geht es gut. Ich bin mir beinahe sicher.«

Harriet betrachtete sie skeptisch. »Nimm noch etwas Brot!«

»Okay.« Joanna bediente sich und tunkte damit das letzte bisschen Suppe auf.

»Schließlich haben wir jede Menge Platz.« In einem ihrer plötzlichen Stimmungsumschwünge lächelte Audrey ihre Töchter an. »Wir könnten sogar den Dachboden zu einem Arbeitszimmer für dich ausbauen.«

Harriet zog eine Augenbraue hoch. »Mutter …« Unausgesprochen hing das Wort Handwerker in der Luft.

Aber Audrey hatte Blut geleckt. »Ich habe da kürzlich mit so einem netten Mann gesprochen.«

»Mit wem?« Harriet verschluckte sich und hustete. »Was für ein Mann? Wann hast du mit ihm geredet?«

Joanna schaute zwischen den beiden hin und her. Vielleicht war es Harriet nicht bekommen, all diese Jahre ohne einen Mann zu leben. Ob sie überhaupt schon einmal einen Mann gehabt hatte - so richtig? Joanna glaubte es nicht. Sie vermutete zwar, dass ihre Schwester schon einmal Sex gehabt hatte. Schließlich war sie neununddreißig, da war alles andere undenkbar, oder? Aber nicht als Teenager, da war Joanna sich ziemlich sicher. Während sie selbst in der Auffahrt mit Jez geknutscht und ihn nach einem Abend, an dem sie aus gewesen waren und Starkbier getrunken hatten, in die große Scheune gezerrt hatte, war Harriet … Nun ja, sie war immer zu Hause geblieben. Hatte mitgeholfen. War ein braves Mädchen gewesen, bemüht, es Vater recht zu machen.

»Wie wäre es mit Handy Andy?« Audrey runzelte die Stirn. »Mal überlegen. Oder Luke's Lofts?«

»Denk nicht mal dran, Mutter!«, knurrte Harriet. Sie sammelte die Suppenteller ein. Niemand sonst war in der Lage, so bedrohlich abzuräumen. Als sie das Geschirr auf die Spüle stellte, warf sie einen Blick nach draußen, runzelte erneut die Stirn und zog dann das Rollo so heftig herunter, als wolle sie die Nacht aussperren - oder was immer dort draußen sein mochte. »Sei nicht albern!«, setzte sie hinzu, obwohl nicht ganz klar war, mit wem sie sprach.

Joanna beobachtete sie. Harriet war damals verklemmt und angepasst gewesen, und sie war es immer noch. Joanna dagegen hatte nie einen Pfifferling darum gegeben, es ihren Eltern recht zu machen. Ihr war es nur um ihren Spaß gegangen.

Harriet bückte sich, öffnete die Backofentür und zog einen Fruchtauflauf mit Streuseln heraus.

»Rhabarber mit Ingwer.« Sie brachte ihn herüber, und Joanna sah, dass am Rand des Crumble rosafarbener, klebriger Rhabarbersaft herausquoll. An einigen Stellen waren die Streusel verbrannt, und die taten ihr irgendwie leid.

Joanna hatte mehr Spaß gehabt als ihre Schwester. Das war noch so etwas, was Harriet ihr wahrscheinlich nicht verzeihen konnte. Joanna lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Aber es war wohl kaum ihre Schuld, dass Harriet sich nie für Jungs interessiert und sich damit begnügt hatte, auf der Farm zu helfen und an ihrem Vater zu kleben.

Joanna hatte nie hierher gehört, nicht so wie Harriet. Joanna hatte sich vielleicht besser amüsiert - aber sie war bei ihrem Vater immer die zweite Wahl gewesen, nie die Nummer eins.

Sie schaute auf ihren Nachtisch hinunter.

Half es einem dabei, einen Weg nach vorn zu finden, wenn man zurückging? Joanna war sich nicht sicher. Sie würde zwangsläufig irgendwann nach Crouch End heimkehren, und selbstverständlich musste sie mit Martin reden. Aber jetzt noch nicht. Sie hatte noch nicht entschieden, was sie tun wollte.

Nach dem Ritual des Abwaschens flüchtete Joanna sich nach oben in ihr Zimmer und an ihren Laptop. Sie würde mit der Kolumne für die nächste Woche anfangen: Wenn der Mann, den Sie lieben, Ihnen Blumen schenkt … Nicht, dass Martin das getan hätte - jedenfalls seit Jahren nicht mehr. Das einzig Gute an den schlimmen Dingen war, dass sie großartiges Rohmaterial für Artikel abgaben.

Joanna sah sich in ihrem alten Kinderzimmer um. Merkwürdig, wieder dort zu sein, wo sie angefangen hatte. Sie fragte sich, ob sie verrückt werden würde. Hoffentlich nicht. Sie loggte sich ein.

Eine E-Mail von Toby, ihrem Redakteur. Nichts von Martin. Sie öffnete Tobys Nachricht.

Jo, Darling … Kannst du irgendwann diese Woche mit mir zu Mittag essen? Wir müssen über etwas Neues reden, das sich gerade ergeben hat. Ein interessantes Projekt … Ach, und sieh zu, dass dein Reisepass gültig ist. Tx

Pass? Joanna spürte einen Anflug von Aufregung. Sie sehnte sich nach einer Abwechslung. Nachdem Martin eine erhebliche Gehaltserhöhung erhalten hatte, hatten sie sich vor einem Jahr darauf geeinigt, dass Joanna ihre Festanstellung als Journalistin aufgab. Dadurch war sie frei, an etwas Innovativerem, Aufregenderem zu arbeiten, etwas, was eine größere Herausforderung bedeutete. Etwas Langfristiges, was sich später finanziell auszahlen würde. Doch abgesehen von ihrer Kolumne und freiberuflichen Artikeln für mehrere Zeitschriften war dieses »Etwas« bis jetzt ausgeblieben.

Vielleicht war dies ja die richtige Zeit … Aber unter diesen Umständen? Joanna musste zuerst ihr katastrophales Privatleben in Ordnung bringen. Sie drückte auf »Antworten«.

Ich bin in Dorset und ein bisschen angebunden. Kann ich dich in ein paar Tagen anrufen?

Toby antwortete sofort. Nein, kannst du nicht, verdammt! Das ist wichtig. Es wird dir gefallen.

Joanna griff nach ihrem Handy. Toby gehörte zu den Menschen, die vierundzwanzig Stunden am Tag erreichbar waren. Außerdem war er einer dieser kostbaren schwulen Freunde. Jede Frau sollte so einen Freund haben.

»Was ist das Problem, Darling?«, erkundigte er sich.

»Nichts«, antwortete sie nicht ganz wahrheitsgemäß. »Es ist nur schwierig, im Moment wieder in die Stadt zu fahren. Kannst du mir nicht einfach sagen, worum es geht?«

Er seufzte laut. »Joanna!«

»Ja?«

»Hast du mich gebeten, etwas Besonderes für dich aufzutun oder nicht?«

»Habe ich, aber …«

»Und liegt Dorset oder wo immer du bist, in der Nähe einer Bahnlinie und der Hauptstadt?«

»Ja, schon, aber …«

»Dann treffen wir uns am Donnerstag um halb eins in unserem Stammlokal«, fauchte er, »oder ich vergebe den Auftrag an jemand anderen, der nicht tausend Einwände hat. Okay, Darling?«

»Okay.« Er hatte ja Recht. Sie drückte das Gespräch weg. Natürlich konnte sie innerhalb eines Tages nach London und wieder zurück fahren. Ihre Karriere war jetzt wichtiger denn je. Sie würde nicht zulassen, dass Martin sie ruinierte.

Sie ging hinunter in den Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Dort war es ruhig und warm. Sie setzte sich in den alten hölzernen Schaukelstuhl in der Ecke und dachte an ihren Vater, wie er, die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, auf den Steinfliesen der Küche mit ihrer Mutter Walzer getanzt hatte. Langsam begann sie sich zu wiegen.

Solche Sachen passierten nicht aus heiterem Himmel, oder? Wenn man genau hinsah, konnte man die Gründe, die Wurzeln finden, aus denen alle schlimmen Dinge erwuchsen. Da war dieser Abend gewesen, an dem sie Freunde zum Essen eingeladen hatten. Schlimm genug, dass Martin gelächelt und gelacht und mit Hilary geflirtet hatte. Und die hatte die Brüste vorgestreckt und zurückgeflirtet. Aber als Joanna den Pudding hereinbrachte, hatte sie gesehen, wie Martin die Hand auf Hilarys Knie legte. Nur für einen winzigen Moment, aber das war einer dieser Augenblicke gewesen, in denen die Zeit stillzustehen schien. Die Art von Augenblick, in dem man einen Menschen betrachtet und sich eine Menge Fragen stellt. Und das tat Joanna. Sie hatte auch genug getrunken, um Dinge offen auszusprechen, schwierige Fragen, die sie nicht stellte, wenn sie nüchtern war. Gefährliche Fragen. Wahrheiten. Zum Beispiel: Was soll aus uns werden, Martin, aus uns beiden?

Es hatte schon vorher angefangen. Mit Martins spitzen Bemerkungen über ihre monatliche Zeitschriftenkolumne Das aufregende Leben über dreißig. Es hatte damit begonnen, dass er länger arbeitete und sie weniger gemeinsam unternahmen. So, wie solche Dinge oft ihren Anfang nahmen - mit einem weniger freundlichen Lächeln.

Sie wiegte sich ein wenig schneller. Und dann … Dann …

Zwei Tage nach dem Essen war das gewesen. Statt wie üblich in der British Library zu recherchieren, war sie früh nach Hause gegangen, mit Blumen im Arm und schwungvollem Schritt, um etwas Besonderes für Martin zu kochen, ein romantisches Abendessen für zwei; ein Versuch, dieses flüchtige Etwas zurückzuholen, was offenbar irgendwie verlorengegangen war.

Joanna trank ihr Wasser und schloss die Augen. An diesem Nachmittag hatte sie das Gefühl von Veränderung, das in der Luft lag, beinahe riechen können. Oktober … Schon wieder Herbst; eine Jahreszeit, in der sich manche Wesen auf den Winterschlaf vorbereiteten und andere erwachten. Es ging nicht an, weiter alles vor sich herzuschieben und Dinge hinzunehmen, die nicht richtig waren, einfach das bisherige Leben weiterzuführen, obwohl man wusste, dass man es verloren hatte - dieses Gefühl der Gemeinsamkeit. Man musste etwas unternehmen. Sie und Martin hätten so viel mehr haben können. Es war noch nicht zu spät.

Sie war den betonierten Weg hinaufgegangen. Hatte den Schlüssel ins Schloss gesteckt und die Tür aufgestoßen, die widerstrebend knarrte. Die Feuchtigkeit, dachte sie. Und hielt inne. Etwas in der Diele war anders als sonst. Sie runzelte die Stirn. Über Tag gehörte das Haus so sehr ihr allein, dass sie wusste, wenn etwas nicht stimmte.

Dann hörte sie etwas. Wie seltsam! War das Musik? Sie spähte die Treppe hinauf. Martin hatte gemeint, dass auf dem kaffeebraunen Läufer der Schmutz nicht zu sehen wäre. Sie berührte das geschnitzte Geländer. Martin?

Automatisch hatte sie die Schuhe ausgezogen. Hatte ihre Handtasche zu Boden gleiten lassen, war aus ihrer Jacke geschlüpft und hatte sie an den Haken neben der Tür gehängt. Die Garderobe war ein Holzpaneel aus einer alten Schulumkleide - das erste Stück, das sie sich gemeinsam gekauft hatten.

Natürlich war er bei der Arbeit. Trotzdem rief sie nach ihm … »Hallo? Martin?«

Und dann war ihr aufgegangen, wie still es war - und doch lauter als jedes Geräusch. Eine vollkommene Stille, die zuvor nicht da gewesen war. »Martin?« Einbrecher, dachte sie. Eine Sekunde lang fühlte sie sich versucht, geradewegs wieder aus dem Haus zu rennen, aber das erschien ihr dumm. Wie könnte sie ihr Heim Einbrechern überlassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie aufzuhalten?

Sie hob die Tasche vom Boden auf. Ihre Finger schlossen sich um das Handy in der Außentasche. Da erkannte sie, was in der Diele so anders aussah. Es war der schwarze Kleiderhaken in dem Hohlraum unter der Treppe, gleich neben der Küchentür, der einem sofort ins Auge fiel, sobald man das Haus betrat. Manchmal ließ sie ihre Handtasche in dieser Ecke, wenn sie sie nicht auf den Küchentisch warf; manchmal nur ihre Schlüssel.

An dem Haken hing eine Jacke. Eine cremefarbene Lederjacke. Sie gehörte weder ihr noch Martin. Und ganz bestimmt keinem verdammten Einbrecher. Sie hatte diese Jacke schon einmal gesehen. Genauer gesagt vor zwei Tagen, am Abend. Sie wollte nicht daran denken, aber manchmal hatte man einfach keine andere Wahl.

Schließlich stand Joanna aus dem alten Schaukelstuhl auf und stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Tobys Vorschlag kam ihr in den Sinn: etwas Neues. Das könnte aufregend werden.

Sie schaute zu dem Gemälde mit der Brücke auf, das über ihrem schmalen Jungmädchenbett hing. Vielleicht war es genau das, worauf sie gewartet hatte.

3. Kapitel

Herrgott, das machte wirklich süchtig! Harriet schaltete den Computer aus und schob den Drehstuhl vom Schreibtisch weg.

»Was machst du bloß immer vor dieser Kiste?«, fragte Mutter sie manchmal. »Ich kann mir das wirklich nicht vorstellen.«

Und das war auch gut so. Was Harriet tat, war ihr Geheimnis und ging nur sie allein etwas an. Ihre Mutter durfte es nie erfahren. Sollte Mutter, Joanna oder sonstwer jemals die Wahrheit herausfinden, würde sie vor Verlegenheit sterben.

Zeit, ins Bett zu gehen. Gähnend reckte Harriet sich. Der Herbst war eine arbeitsreiche Zeit; die Früchte aus dem Obstgarten mussten gepflückt werden, und alles Mögliche andere war zu erledigen. Heute Morgen war der Küchengarten der reinste Sumpf gewesen. Es war eine reife Leistung gewesen, den Blumenkohl und den Brokkoli zu ernten und zur Auslieferung fertig zu machen.

Es fiel ihr schwer, den Raum zu verlassen, den sie insgeheim immer noch Vaters Arbeitszimmer nannte und in dem sie beide so oft zusammengesessen hatten. Sie hatten gelesen, geredet und die Welt außerhalb von Mulberry Farm in eine Ordnung gebracht. Irgendwie war er in diesem Raum noch anwesend; sie hätte schwören können, dass sie seinen Pfeifentabak roch und die raue Wolle seines braunen Lieblingspullovers fühlte. Sie schluckte heftig. Er fehlte ihr immer noch so …

Das Arbeitszimmer war Harriets Zufluchtsort, doch nun wartete hier nicht mehr ihr Vater auf sie, sondern ihr Computer. Zum Glück hatte sie den angeschafft, als ein wenig Geld übrig gewesen war. Sie hatte über der Gebrauchsanweisung gegrübelt und sich in die Bedienung hineingefuchst und sich einen Internetanschluss besorgt. Jetzt verhieß der Computer mehr denn je Flucht, ja er war inzwischen so etwas wie ein Rettungsanker.

Harriet verließ den Raum und schloss die Tür. Joannas Zimmer lag nebenan. Sie blieb im Flur stehen und spitzte die Ohren. Doch sie hörte keinen Laut, kein Anzeichen dafür, dass ihre Schwester überhaupt da drin war. Aber sie war da. Wie lange sie wohl bleiben würde? Sie wollte ja nicht einmal erzählen, was passiert war oder warum sie hier ist.

»Das kommt ein wenig überraschend«, hatte Harriet im Pick-up gesagt, nachdem sie ihre Schwester am Bahnhof abgeholt hatte. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

Joanna hatte gelacht - ein wenig hysterisch, Harriets Meinung nach. »Prima«, hatte sie geantwortet. »Alles bestens.«

Alles bestens? Harriet hatte auf weitere Erklärungen gewartet, jedoch vergeblich.

Harriet schnalzte mit der Zunge. Freute sie sich, ihre Schwester zu sehen? Ja und nein. Das war bei Joanna schon immer so gewesen. Seit vierzehn Jahren wohnte sie nicht mehr hier, aber das Zimmer war genau wie früher immer noch »Joannas Zimmer«, als warte es auf die Rückkehr ihrer Schwester.

Auf der anderen Seite des Hauses, zum Hof hinaus, befanden sich das Bad, Harriets Zimmer und … Harriet rümpfte die Nase, als der vertraute, klebrig-süße Duft aus dem Zimmer ihrer Mutter über den Treppenabsatz kroch. Ein Eau de Cologne mit einem moschusartigen Lavendelduft, überlagert von dem Geruch der Antifaltencreme, die ihre Mutter sich hartnäckig zweimal täglich in die Haut rieb. Die Creme hieß Tranquility, obwohl der Geruch dick und erstickend war und mehr an verdorbenes Marzipan als an Geruhsamkeit erinnerte. Harriet schloss die Tür zum Zimmer ihrer Mutter. Man sollte meinen, mit sechsundsiebzig könnte Mutter ihre Falten hinnehmen.

Kümmere dich um deine Mutter!, hatte er gesagt. Versprich es mir!

»Ja, Vater«, hatte sie geantwortet.

Und hatte sie das nicht getan? Im Haus standen noch die Möbel aus ihrer Kindheit, und Harriet gefiel es so. Erinnerungen hatten so eine Art, sich in diesen alten Stühlen und Tischen, Uhren und Bücherregalen einzunisten wie Holzwürmer. Man konnte die staubigen Oberflächen berühren und beinahe wieder in der Vergangenheit sein. Jedenfalls konnte Harriet das.

Besonders die alte Standuhr erinnerte sie an das Spiel aus ihrer Kindheit: Verstecken, aber mit Zeitlimit. Traditionell hatten sie ihr Spiel fünfzehn Minuten vor der vollen Stunde begonnen. Eine von ihnen blieb bei der Uhr stehen, während die andere davonrannte, um sich zu verstecken. Nach fünf Minuten durfte diejenige, die mit Suchen an der Reihe war, anfangen. Wer sich versteckte, musste unentdeckt bleiben und dann wie durch Zauberei an der Uhr auftauchen, und zwar genau dann, wenn sie die Stunde schlug, und keineswegs früher, und aus vollem Hals »Eins, zwei, drei, ich komme!« rufen.

Bei der Erinnerung musste Harriet grinsen. Sosehr Joanna es auch versucht hatte, sie war nie auf Harriets liebstes Versteck gekommen, und Harriet hatte sich immer geweigert, es ihr zu verraten. Ein kleiner Triumph vielleicht, aber … »Eins, zwei, drei, ich komme!«, murmelte sie. Joanna war immer leicht zu finden gewesen: entweder in dem alten Kuhschuppen oder in der großen Scheune.

Harriet betrat ihr Zimmer. Seufzend streifte sie die etwas runzlige Strickjacke ab. Konnten Strickjacken Runzeln kriegen? Diese schon. Dann zog sie die alte und ziemlich biedere Baumwollbluse aus und ließ den Rock fallen. Sie verzog das Gesicht, faltete alle Kleidungsstücke zusammen und legte sie auf den kleinen Stuhl aus Eichenholz. Sie war zu lange aufgeblieben - das tat sie immer -, die Sitzungen am Computer waren zu einer Sucht geworden. Sie brauchte sie, konnte es kaum abwarten, bis sie an den PC kam, zappelte nervös herum, während er hochfuhr, und geriet in Panik, wenn die Verbindung unterbrochen wurde. Doch sie war sich bewusst, dass sie nie zufrieden war. Jede Sitzung wurde hektischer - eilig tippte sie E-Mails, entzifferte die kleine Schrift oder setzte die Brille auf, um die Bilder genau zu betrachten.

Hektisch, aber nicht verzweifelt, wies sie sich streng zurecht. Sie zog ihren Baumwoll-BH aus - neue Unterwäsche war eine Extravaganz, die sie sich nicht leisten konnte. Und streifte die - herrje, so vernünftigen - Unterhosen ab, die ziemlich genau so aussahen wie alle anderen in ihrer Schublade. Nach jeder Sitzung am Computer blieb ein Gefühl der Leere in ihr zurück, denn sie erreichte ja nichts, oder? Irgendetwas hielt sie davon ab.

Harriet schlug die Tagesdecke zurück. Jeder wäre da nervös. Jeder, der noch nie … nun ja, der noch nie … Und das war wahrscheinlich auch alles, nur die Nerven. Beklommenheit. Vielleicht sogar die nahenden Wechseljahre. Ach, Himmel … Nein, dazu war sie noch zu jung, oder? Sie legte ihr Nachthemd auf dem schmalen Bett aus. So wenig Zeit nur noch. Hatte sie doch zu lange gewartet? Und was hatte sie daran gehindert? Ihr Versprechen gegenüber Vater. Psst, ganz ruhig! Alles in Ordnung. Angst? Oder lag es an der Isolation, an dem Mangel an Gelegenheiten? Sie war ständig so beschäftigt, dass ein Jahr rasend schnell ins nächste überging und sie stets staunend registrierte, dass schon wieder ein neues Jahrzehnt angebrochen war. So unmerklich war sie von der Jugend ins mittlere Alter gerutscht, dass sie bald wahrscheinlich ebenso schnell weiterstolpern würde.

Schwer vorstellbar, wie sie diesem Leben entkommen könnte. Den ganzen Sommer über hatte sie für die Sommerfrischler gebacken - so nannte ihre Mutter jedenfalls die Gäste. Für Harriet waren sie die verdammten Touristen. Sie hatten das Glück - anscheinend war es eines -, dass die Wanderwege am Hügelmassiv des Warren Down, die über die Klippe zum Leuchtturm und hinunter zur Warren-Bucht führten, in der Touristeninformation von Pridehaven gut beworben wurden. Und es war auch ein Glück, dass es weder am Strand noch im Dorf Cafés gab, die ihnen Konkurrenz gemacht hätten. Das hieß, dass die Wanderer nach einer Tasse Tee dürsteten, wenn sie Mulberry Farm erreichten - und ein Stück Apfelkuchen nach Dorset-Art mit Sahne war eine willkommene Dreingabe. Manchmal waren alle Tische und Stühle besetzt, und die Besucher hockten sogar auf der Bank und auf dem grasigen Ufer beim Maulbeerbaum. Kinder rannten umher und warfen manchmal sogar Steine in den Teich. Hätte Harriet nicht so viel mit dem Backen zu tun gehabt, wäre sie wütend über dieses Eindringen in ihre Privatsphäre gewesen.

Im September, als die Tage kühler wurden und keine Besucher mehr zum Warren Down kamen, hatte sie erleichtert aufgeatmet und ihre Aufmerksamkeit den Bäumen im Obstgarten zugewandt - und dem Einwecken, Entsaften und dem Kochen von Marmelade, die sie an den Dorfladen verkaufte. Und natürlich mussten der Küchengarten und das Gemüsebeet in Ordnung gebracht werden. Das Bio-Gemüse, das sie an Bloomers und das Pub im Dorf verkaufte, sorgten für einen großen Teil ihres bescheidenen Einkommens, und zwar das ganze Jahr über: von Spargel, Babyartischocken und frischen Kräutern im Frühling bis zu Kohl, Brokkoli und Blumenkohl im Winter. Über den Winter dachte Harriet allerdings nicht gern nach. Im Winter fühlte sie sich noch einsamer als sonst und wusste noch weniger, was sie mit Mutter anfangen sollte.

Seit wann genau war die Sache mit Mutter eigentlich so festgefahren? Harriet seufzte. Woher sollte sie das wissen? Im Gegensatz zu Joanna war sie nicht zur Universität gegangen. Stattdessen war sie auf der Farm geblieben und hatte sich um alles gekümmert. Wie war sie in dieser fernen Vergangenheit eigentlich auf die Idee gekommen, dass dieser Zustand vorübergehend sein könnte? Hatte sie wirklich geglaubt, Joanna - die vom Glück begünstigte Joanna - käme zurück nach Warren Down und übernähme die Verantwortung? Natürlich nicht. Vor Verantwortung hatte man Joanna immer bewahrt. Sie hatte schließlich ein Leben. Sie wurde geliebt und beschützt. Außerdem kannte sie sich mit der Arbeit auf einer Farm nicht aus. Sie wusste nichts über die schwierigen Dinge des Lebens - wie auch? Sie war zu jung. Im Gegensatz zu Harriet hatte Joanna nie etwas versprochen. Sie war frei und konnte tun und lassen, was sie wollte.

Als Harriet ihren Frotteebademantel von dem Haken hinter der Tür nahm, sah sie, dass ein Lichtschimmer von ihrer Nachttischlampe schräg auf den Spiegel fiel. Sie hielt inne. Ihre Hand sank herab, und der Bademantel fiel zu Boden. Jetzt sieh dich an, dachte sie. Schau dich bloß an!

Nackt stand sie vor dem großen Spiegel. Das Licht war trübe, beschönigte aber dennoch nichts. Trotzdem … Sie schob die Hände unter die Brüste. Nicht übel. Sie fühlten sich weich und voll an. Sie wackelte ein wenig mit ihnen. Nicht groß, nicht klein, aber wenigstens keine Spur von einem Hängebusen, was mit neununddreißig nicht übel war - oder? Sie drückte sie zusammen. Wenn sie ihre Brüste so hielt, hatte sie ein großartiges Dekollete. Mit dem richtigen BH könnte sie einen tiefen Ausschnitt tragen und damit durchkommen. Womit durchkommen? Dem Eindruck von Jugend? Wohl kaum. Und wohin sollte sie in einem solchen Kleid gehen? Sie ließ die Hände sinken. Und mit wem …?

Eine Möglichkeit war Hector. Ob das sein echter Name war? Harriet zog die Nase hoch. Es klang wie jemand aus einer Kindergeschichte; wie ein Mann, der alte Dampfloks fuhr oder in einem Dorf irgendwo in Schottland Post austrug. Sein Profil behauptete, er sei fünfundvierzig, aber sie hatte sein Bild eingehend studiert - um genau zu sein, zwanzig Minuten lang -, und Harriet fand, dass das Gebiet zwischen Oberkiefer und Ohrläppchen verdächtig nach einem Lifting aussah. Außerdem hatte er einen manischen Blick.

Harriet strich sich mit den Händen über die Hüften. Sie war nicht schlank, aber dick war sie auch nicht. Natürlich, wenn sie ausatmete, hatte sie einen kleinen Bauch, aber das war schließlich bei jedem so - sonst müsste man ja durchbrechen, wenn man wieder einatmete.

Charles war der zweite Bewerber. Sie standen seit über einem Jahr in Kontakt. Er war irgendeine Art Forscher, was … ähem … interessant war. Sie drehte sich zur Seite, um ihr Hinterteil zu überprüfen. Zu groß, wahrscheinlich. Aber gab es nicht auch eine Kultur, die Frauenhintern verehrte - je runder, desto besser? Außerdem: Was war falsch an Wissenschaftlern? Sie waren gut sortiert, logisch und nicht unbedingt sonderbar.

Harriet wackelte mit den Hüften. Wie vorauszusehen, wabbelte ihr Hintern noch lange weiter, nachdem alles andere zur Ruhe gekommen war. Eigenartig war allerdings die knollenartige Kopfform des Forschers - als hätte er so viel Hirn hineingestopft, dass kein Platz mehr für ein Gesicht geblieben war. Trotzdem, Harriet mochte intelligente Männer, und es machte ihr nicht viel aus, jedes Mal im Wörterbuch nachzuschlagen, wenn Charles ihr eine E-Mail schickte; wenigstens erweiterte sie so ihren Wortschatz, was nicht schaden konnte, da sie die meiste Zeit über hier festsaß und bis auf Mutter den ganzen Tag niemanden zum Reden hatte.

Sie öffnete den Mund und schnitt sich selbst eine Grimasse. Okay, sie sah wütend und müde aus, ihr Haar war kraus und zeigte erste Spuren von Grau. Wahrscheinlich sollte sie mehr auf ihr Äußeres achten. Aber irgendwie kam immer alles andere dazwischen, sodass sie nie richtig Zeit dazu fand. Aber trotz einiger Linien, die abwärtsführten - sie verwahrte sich gegen das Wort »Falten« -, waren ihre Zähne in Ordnung, denn sie bearbeitete sie an den meisten Abenden mit Zahnseide und benutzte sogar eine elektrische Bürste. An den Zähnen konnte man eine Menge über den Stammbaum erkennen - und nicht nur bei Pferden. Charles' Zähne sahen ziemlich gut aus - für einen Akademiker. Er lebte in Portsmouth und versuchte seit einiger Zeit, sie zu treffen, aber Harriet war vorsichtig. Sie wollte nichts überstürzen.

Tatsächlich spielte sie dieses Spiel - wenn auch nicht immer mit Hector und Charles; da waren auch andere gekommen und gegangen, längst gelöschte und vergessene Profile - seit drei Jahren, ohne sich jemals mit einem der Männer getroffen zu haben. Denn alles in allem war das doch eine ziemlich gefährliche Art, einen Partner kennenzulernen, oder? Und konnte man wirklich über das Internet eine sexuelle Anziehung oder Seelenverwandtschaft erkennen? Nicht, dass sie Vollkommenheit oder auch nur Glück erwartete. Sie wollte etwas anderes. Sie wollte einfach einen Mann. Einen anständigen Mann. Jemanden, mit dem sie …

Oder vielleicht auch nicht. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt einen Mann wollte. Manchmal hatte sie ganz einfach entsetzliche Angst.

Wenigstens, dachte sie, habe ich keine nennenswerte Zellulitis. Aber Dynamic Dating - das sich in ihrem Fall ungefähr so dynamisch bewegte wie eine Schnecke auf Valium - brachte sie nicht weiter, weil sie zu viel Angst hatte, um sich vorzuwagen. Und daran musste sich etwas ändern. Ihre Zeit musste kommen, bevor ihr keine Zeit mehr blieb. Sie war fast vierzig und musste sich bewegen. Vorzugsweise vorwärts.

Der dritte Bewerber war Malcolm, ein Schweinebauer aus Ost-Devon. Malcolm hatte offensichtlich Pluspunkte - auch er war auf einem Bauernhof aufgewachsen, daher passten sie in dieser Hinsicht zusammen, und er wusste absolut alles über Schweine. Aber im Lauf der Zeit war das Harriet doch mehr und mehr als Minuspunkt erschienen. Sicher, sie musste die Tiere im Moment versorgen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie sich Schweine in ihrer Zukunft wünschte; sie standen jedenfalls ganz bestimmt nicht unter der Rubrik »Träume« in ihrem Profil. Sie fragte sich, ob Malcolm ihr je eine E-Mail schreiben würde, in der keine Schweine vorkamen? Anscheinend nicht. Harriet konnte sich nicht vorstellen, was er für einen Ehemann abgeben würde. Besser gesagt, sie konnte es, und da lag das Problem.

Sie hob ein Bein und überprüfte, ob ihr Oberschenkel wackelte. Nicht allzu schlimm. Jedenfalls nicht merklich, wenn sie ging. Sie hob den Arm. Offenbar speicherten Frauen in den Oberarmen Fett, das man unmöglich loswurde, solange man es nicht in Muskeln verwandelte. Winkfett nannte man das. Aber trotz all der körperlichen Arbeit, die sie tat, hörten ihre Winkarme nicht auf sie, sondern wabbelten beide unheilverheißend. Sie inspizierte ihre Achselhöhlen. Hmm. Wann hatte sie schon Zeit, sie zu depilieren … oder wie nannte man das? Die Farm hielt sie den ganzen Tag auf Trab. Und Mutter. Tja, Mutter …

Nach Vaters Tod hatte es angefangen. Damals hatte sie auch den Traum zum ersten Mal gehabt. Aber Harriet wollte nicht an den Traum denken.

Harriet wurde klar, dass mit jeder Woche, die verging, ihre Chancen, die Liebe zu finden, schwanden. Oder auch nur eine Verabredung zu treffen. Das Problem war nicht nur, dass Hector, Charles und Malcolm möglicherweise Trost in den Armen und den E-Mails einer anderen finden würden. Die Sache war eher die, dass Harriet nicht jünger wurde. Mit allen schrieb sie sich seit Monaten und wusste über diese Männer inzwischen mehr als über ihre eigene Schwester. Sie konnte es nicht länger hinausschieben. Ja, allmählich wurde es wirklich Zeit.

Harriet fuhr mit den Fingern über ihren Rumpf, von den Schultern über die Brüste, vorbei an ihrem Schambein und dem dichten Haarbüschel dort, bis hinab zu ihren weichen weißen Oberschenkeln. Würde je wieder ein Mann diesen Körper berühren? Und wer würde es sein? Hector? Oder Charles? Malcolm?

Sie hatte die Wahrheit ein wenig gebeugt - ich bin Mitte dreißig und habe einen eigenen Hof, daher kann ich mich schlecht frei machen -, aber wenigstens hatte sie ein Foto neueren Datums eingestellt, damit sie ungefähr wussten, womit sie zu rechnen hatten. Aber welchen von ihnen sollte sie zuerst treffen? Sie runzelte die Stirn. Charles steckte momentan bis zu den Schlüsselbeinen - jedenfalls hatte sie seine »Clavicel« so verstanden - in akademischen Papieren, und Malcolm würde immer gleichermaßen eingespannt sein, nur dass der Grund in seinem Fall Schweinemist war. Also Hector …

Ich bin seit drei Jahren verwitwet, hatte er erklärt. Aber jetzt bin ich bereit, mich einer anderen zu schenken. Harriet hatte das ein wenig zu religiös geklungen - sie ging Männern aus dem Weg, deren Profile auf irgendwelche fanatischen Überzeugungen oder Satanismus hindeuteten. Außerdem mied sie die Sternzeichen Jungfrau oder Schütze. Aber sie würde ihm eine Chance geben. Vielleicht sahen seine Augen im richtigen Licht ja normal aus.

Sie trat ans Fenster und zog den gelben Vorhang zurück, der seit ihrer Kindheit dort hing. Die Nacht war still, der Himmel so bewölkt, dass man den Mond kaum sah. Der Hof unter ihr schlief ruhig. Die Schweine wühlten nicht, die Hennen liefen nicht raschelnd in der kleinen Scheune aus und ein oder kratzten im staubigen Boden. Heute Morgen hatte sie in den Nestern in der kleinen Scheune nur fünf Eier gefunden. Was hatten die Rhodeländer bloß? Sie bekamen jetzt zwar weniger Licht - schließlich war es Oktober -, aber sie hatte schon damit gerechnet, dass sie noch eine Weile legten. Vielleicht hatten sie Stress? Warum nicht? Jeder war heutzutage gestresst. Vielleicht schlich dieser verdammte Fuchs wieder herum. Wie auch immer, von fünf Eiern am Tag wurden sie nicht reich - selbst wenn auf den Schalen die Stempel »Bio« und »Freilandhaltung« prangten.

Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie vor der großen Scheune den unförmigen Holzhaufen gegenüber dem Kuhstall und auch die Umrisse des uralten, seit Jahren nicht benutzten blauen Traktors erkennen.

Sie öffnete das Fenster und schaute hinaus. Der Maulbeerbaum zeichnete sich verschwommen ab. Er wachte über den Hof und war ein unverzichtbarer Teil dieses Orts und von Harriet. Er hat schon alles gesehen, dachte Harriet. Sie atmete tief ein. Frische Nachtluft auf dem Bauernhof. Herrlich!

Es wird nur noch ein paar Stunden so ruhig bleiben, dachte sie. Sie trat zurück; doch dabei zog eine Bewegung draußen ihren Blick auf sich. Der Mond war hinter den Wolken hervorgekommen, und sein Licht erhellte den Hof. Der Schleier hob sich. Jetzt konnte sie alle Gebäude deutlich erkennen, sogar die Pflastersteine auf dem Hof und eine Schubkarre, die sie …

Herrje. Harriet erstarrte. In der Nähe des alten Kuhstalls stand ein Mann auf dem Hof. Ein Mann, der einen Mantel und eine Brille trug. Er schien zum Haus aufzuschauen, hatte sie aber offenbar nicht entdeckt. Oder doch? Herrgott. Und sie war nackt. Rasch drückte sie sich neben das Fenster, riss die Vorhänge wieder zu und spähte an ihnen vorbei, um festzustellen, ob sie sich das Ganze eingebildet hatte. Den Mann nur eingebildet hatte.

Sie hatte schon früher den Eindruck gehabt, etwas gesehen zu haben - vorhin, als sie mit den anderen in der Küche war -, aber sie hatte es auf ein Spiegelbild im Fenster oder ihre Einbildung geschoben. Jetzt wusste sie Bescheid. Das war kein Trugbild und auch keine Einbildung, obwohl der Mond immer noch seinen unheimlichen Schein warf. Und obwohl der Mann nun verschwunden war.

4. Kapitel

Für Oktober war es warm, in der Sonne sogar fast heiß. Sie traf Toby vor der Weinbar an den Markthallen. Er saß an einem rot gedeckten Tisch unter einem cremefarbenen Sonnenschirm und sprach vornübergebeugt in sein Handy. Was sonst. Vor ihm standen eine Weinflasche - halb leer - und zwei Gläser, von denen eines halb voll war. Komisch, dachte sie, diese Sache mit halb leer und halb voll. Genauso merkwürdig fühlte es sich an, schon wieder zurück in London zu sein.

»Hi, Jo, Darling.« Er bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sich auf den Stuhl gegenüber zu setzen, und goss Sauvignon in das leere Glas. »Ja, ich rufe dich zurück, sobald ich Bescheid weiß. Sofort. Ja, ich bin schon dran.« Er verdrehte die Augen an Joannas Adresse.

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das »kein Problem« bedeutete. Er gehörte zu diesen Männern mit fein gemeißelten Zügen und weichem Haar, das zum Streicheln einlädt, bei denen man den Umstand verflucht, dass Homosexualität existierte. Oder so.

»Sicher, klar.« Er stand auf und lehnte sich zum Nachbartisch hinüber, um sich eine Speisekarte zu schnappen.

Sie ließ die Jacke von den Schultern gleiten und drapierte sie über die Stuhllehne. Es war sehr angenehm, im Oktober noch draußen sitzen zu können. Auf der anderen Seite des Platzes spielte ein Mann Gitarre. Got a Black Magic Woman. Die gefühlvollen Klänge erweckten in ihr den Wunsch, sich zurückzulehnen, die Augen zu schließen, sich zu entspannen und alles, was mit Martin passiert war, zu vergessen.

Lunch in Zacherellis Weinbar verkündete die Speisekarte in geschwungener Schrift. Toby telefonierte immer noch. »Hmm.« Sein hellblaues Hemd stand am Hals offen, und ein paar dunkle Haarbüschel lugten heraus. Sein Aftershave - das berauschend war - wetteiferte mit den Düften von frischem Kaffee, Parmesan und Bier. Und gewann.

Joanna schaute in die Karte. Das Menü war pseudoitalienisch, und zu allem wurde Rucola serviert.

»Bye-bye.« Toby hatte jetzt zu telefonieren aufgehört und sah sie mitfühlend an. »Schwierige Phase, Darling?«, erkundigte er sich. Schwule Männer waren so einfühlsam. Verdammt, sie verstanden einfach, wie sich Frauen fühlten. Aber andererseits, fiel Joanna auf, hatte Toby auch nicht zugelassen, dass ihre schwierige Phase seine Geschäfte beeinträchtigte.

»Schrecklich.« Sie stießen mit den Weingläsern an.

»Willst du darüber reden?«

Joanna schüttelte den Kopf. Er hatte Recht. Geschäft war Geschäft. Und sie hatte heute Morgen schon ihrer Freundin Steph das Ohr abgekaut, am Telefon, auf der Zugfahrt hierher.

»Würdest du ihn denn verlassen?«, hatte Steph gefragt. »Ist es schlimm genug, um zu gehen?«

»Ich glaube, das habe ich schon getan«, hatte Joanna gesagt. Zumindest hatte sie einen Koffer gepackt und Martin erklärt, sie fahre nach Hause. Hatte sie ihn verlassen? Wollte sie das überhaupt? Und wenn sie es schon getan hatte - was sollte sie jetzt tun?

»Und, hast du den Artikel geschrieben?«, wollte Toby wissen.

Ja. Aber was ist nun mit deinem interessanten Projekt?, dachte sie. »Mach ich das nicht immer?« Sie kramte ihn aus der Tasche und reichte ihn ihm. Sie hatte ihm den Artikel am Vorabend auch per E-Mail geschickt, aber jeder Autor, Agent oder Redakteur, den sie kannte, hielt lieber einen Papierausdruck in der Hand.

Während er zu lesen begann, lehnte sie sich zurück. Es war schön, draußen zu sein. Wie immer herrschte in Covent Garden reges Treiben. Das Karussell drehte sich langsam, und daneben wachte ein Blumenverkäufer über eine Schubkarre mit lilafarbenen Iris und goldgelben Sonnenblumen. An der Ecke warf ein Jongleur silberne Kegel in die Luft, während auf der anderen Straßenseite ein Mann Theaterkarten lautstark verkaufte. Es war ein lebhafter Ort zum Mittagessen. Tobys Büro lag gleich um die Ecke.

Joanna hatte Toby kennengelernt, als sie damals im Team von »Mutter und Kind« arbeitete; er war der Redakteur gewesen, sie seine Assistentin. Für diese spezielle Zeitschrift waren sie nicht wirklich ein Traumpaar gewesen, da sie keine Kinder hatte und Toby schwul war. Ob sie und Martin jemals Kinder haben würden? Tja. Das kam wohl darauf an, ob sie ihn nun verlassen hatte oder nicht.

Toby war ein brillanter Redakteur gewesen und hatte ihr im Lauf der Jahre viel beigebracht. Jetzt hatte er die Finger in allen möglichen Verlagsprojekten, und sie war Freiberuflerin. Und immer noch arbeitete sie gern für ihn und lernte auch weiterhin von ihm. Niemand verstand sich besser darauf, aufs Wesentliche zu kommen.

»Wir fangen hier an.« Er zeigte auf den dritten Absatz und zog einen schwarzen Füllfederhalter aus der Hemdtasche. Ehrlich, Toby war der Einzige, der noch mit Tinte schrieb. »Und das hier lassen wir weg.«

Joanna sah zu, wie er ihre sorgfältig formulierte Eröffnung wegstrich. Verdammt. Er hatte recht. Sie griff nach ihrem Glas. Wenn Toby in Redigierlaune war, brauchte sie immer Flüssignahrung von der alkoholischen Sorte.

Er schnalzte mit der Zunge und nahm eine weitere Änderung vor. Sie hatte keine Zeit gehabt, richtig daran zu arbeiten, das war das Problem. Nein, das eigentliche Problem war, dass sie entdeckt hatte, was Martin so trieb.

»Ist in Ordnung.« Toby schob den Artikel zur Seite.

Was für ein Lob! Joanna stieß den Atem aus, als die Kellnerin auftauchte. Jetzt würde sie vielleicht herausfinden, worum das alles ging. »Und …?«

»Einen kleinen Salat«, sagte Toby. »Mit Tomaten und Mozzarella.« Er blickte auf. »Ist alles bio?«

Die Kellnerin zuckte die Achseln. Sie sah aus, als sei sie erst zwölf.

»Herrgott noch mal«, brummte er. »Und ich schätze, wir werden Tafelwasser zu dieser gotterbärmlichen Plörre trinken müssen. Wahrscheinlich voller verdammter Chemikalien.«

Manchmal war er ein Miesling.

»Ich nehme die Linguine mit rotem Pesto und grünem Salat.« Joanna warf dem Mädchen ein Lächeln zu.

Toby streichelte Joannas Hand. Nett, obwohl sie wusste, dass es rein platonisch war. Wahrscheinlich sehnte sie sich verzweifelt nach menschlicher Berührung. Wie jämmerlich! »Ist etwas zwischen dir und Martin passiert?«, erkundigte er sich.

»Das könnte man so sagen«, antwortete sie.

Im Haus in Crouch End hatte sie in die Stille hineingelauscht. »Martin?«

Als sie nach oben gegangen war, hatten die Beine unter ihr nachzugeben gedroht. Die Schlafzimmertür war geschlossen. »Martin?«, sagte sie noch einmal. Sie konnte die eigene Stimme kaum hören. Ihre Hand lag auf der Türklinke. Aber … sie rang um Beherrschung, nahm dann die Hand weg. Nein. Sie würde nicht hineingehen, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Das war eine zu üble Farce, ein Klischee. Sie würde es nicht ertragen, die beiden zu sehen. Weil es kein absurdes Theater war, sondern die Wahrheit, oder? Und sie hasste verdammt noch mal absurdes Theater.

Jetzt trank sie noch einmal von ihrem Wein. Warum zum Teufel war Martin mit ihr nicht in ein billiges Hotelzimmer gegangen? Um Himmels willen! Hatte es ihm eine Art perverser Befriedigung verschafft, es in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, in ihrem Ehebett zu treiben? Sie konnte es sich nicht vorstellen. War sein Leben mit ihr denn so langweilig, dass er solche Risiken eingehen musste? Respektierte er sie denn so wenig?

»Eine andere Frau?« Toby ließ ihre Hand los, um ihr Wein nachzuschenken.

Joanna war vage erstaunt darüber, dass sie das erste Glas schon geleert hatte. »Ja, allerdings.«

Sie hatte sich natürlich gefragt, wie oft er sie schon betrogen hatte. Und nicht nur wegen der Essenseinladung und Hilary. Sie hatte das schon oft überlegt, aber es war immer so leicht gewesen, den Gedanken wegzuwischen. Dumme Joanna! Martin war eben Martin. Er war gesellig und freundlich. Er interessierte sich für Menschen - hauptsächlich für Frauen; er mochte Menschen, ganz besonders Frauen. Es hatte nichts zu bedeuten.

Aber die Realität hatte sich deutlich anders angefühlt, als sie erwartet hätte. Heftiger und schmerzhafter. Wie oft war das schon passiert? Wie oft, während sie montagnachmittags in der British Library saß? Sie war so vorhersehbar, ein solches Gewohnheitstier …

»Bastard!«, murmelte Toby. »Der Mann muss doch verrückt sein.«

»Danke.« Sie hatte eine Vision von sich und Toby, wie sie in fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahren am hellen Mittag vor einer Weinbar saßen: zwei alte Säufer, die die Welt an sich vorüberziehen ließen.

Jeder wusste, dass es schlecht war, schon am Mittag zu trinken. Jedenfalls schlecht für den Rest des Tages. Besonders auf leeren Magen. Reiß dich zusammen!, ermahnte Joanna sich. Das hier soll angeblich ein Geschäftsessen sein. Sie schlug die Beine übereinander und strich den Stoff ihrer Hosen glatt. Sie aß mit einem Redakteur in Covent Garden zu Mittag. Sie war eine berufstätige Frau - eine erfolgreiche berufstätige Frau, und sie stand kurz davor, dass man ihr einen interessanten, anspruchsvollen Auftrag anbot. Nicht wahr? Was machte es da, dass der Rest ihres Lebens auseinanderfiel?

Toby musterte sie scharf. »Du brauchst nicht immer tapfer zu sein, Darling.«

Joanna hielt seinem Blick stand. Wirkte sie leidend? Vorhin, als sie vom Bahnhof Waterloo hergekommen war, hatte sie sich in ihrer eng anliegenden schokoladenbraunen Hose, der leichten Wildlederjacke und mit dem geknoteten jadegrünen Seidenschal als Farbtupfer trotz allem selbstbewusst gefühlt. Was mit Martin passiert war, brauchte nicht das Ende der Welt, ihrer gemeinsamen Welt zu bedeuten. Dann hatte sie auf dem Weg aus dem Bahnhof in die spiegelnde Oberfläche eines Schaufensters geschaut und einen braunen Fleck aus Jacke und Hose, ihren braunen Bob und traurige Augen erblickt. Eine verschwommene Gestalt. Okay, sie war nicht schön, nicht einmal hübsch. Aber sie hatte etwas - sie hatte immer gewusst, dass sie etwas Besonderes hatte. Oder? Das Problem war, dass Martin aufgehört hatte, es zu sehen. Daher war sie nicht einmal mehr sicher, ob es noch da war.

Toby zog Papiere aus seinem Aktenkoffer. Er konnte innerhalb einer Nanosekunde vom Persönlichen zum Beruflichen wechseln. »Wo bleibt bloß das verdammte Essen?«

Joanna rümpfte die Nase. Besser, es kam bald, sonst wäre sie zu betrunken, um es noch zu sich zu nehmen. »Und …?«, versuchte sie es noch einmal. »Was ist jetzt dieser Vorschlag, von dem du gesprochen hast?«

»Ah ja. Galileo will ein paar Broschüren für Touristen herausgeben.« Er breitete einige Faltblätter auf dem Tisch aus. »Und da habe ich an dich gedacht.«

»Ein Reiseartikel?« Bisher klang es nicht so anspruchsvoll, wie sie gehofft hatte. Oder auch nur entfernt aufregend. In der Vergangenheit hatte sie etliche Reiseartikel für unterschiedliche Zeitschriften geschrieben, aber heutzutage fiel es schwer, etwas Neues zu finden. Hinz und Kunz reisten durch die Welt, und jeder wollte darüber schreiben, von Rucksacktourismus in Thailand bis zu Shopping-Wochenenden in New York.

»Nein, das trifft's nicht.«

Essen und Wasser kamen, und Toby fiel über seinen Salat her. Ihr fiel auf, dass er einen neuen Ring hatte, eine Art goldenen Liebesknoten. Sie schaute auf die eigenen Hände hinunter, auf ihren Ehering und den Amethyst, den Martin ihr zu ihrem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte und der von einem so dunklen Violett war, dass er fast schwarz wirkte - allerdings nicht in diesem Licht. Waren sie da noch glücklich gewesen? Sie war sich nicht sicher. Wann hatten sie eigentlich aufgehört, etwas gemeinsam zu unternehmen? Wann hatten sie sich unterschiedliche Freunde zugelegt, und wann waren sie auseinandergedriftet?

Sie hatte sich vom ersten Moment an von ihm angezogen gefühlt. Sie hatte in der Uni-Kantine in einer Schlange gestanden, in seine blauen Augen gesehen und den Wunsch verspürt, ihn ganz einfach zu umarmen. Wie wär's, wenn du uns einen Platz freihältst und ich den Kaffee besorge?, hatte er gefragt. Und gezwinkert.

Es war leichtgefallen, mit ihm zu plaudern, ihn in der Disco zu treffen, in seinen Armen zu tanzen und ihn auf der Wiese vor dem Wohnheim zu küssen, das in der Dunkelheit dreizehn Stockwerke hoch über ihnen aufragte. Leicht, sich in ihn zu verlieben, als sie entdeckte, dass er gar nicht so selbstbewusst war, wie er vorgab, sogar leicht, ihn zu heiraten, weil sie sich inzwischen niemand anderen als Ehemann vorstellen konnte. Alles lächerlich einfach. Aber jetzt … Genau die Dinge, die sie zueinander hingezogen hatten, schienen jetzt die zu sein, die sie auseinandergebracht hatten. Passierte das immer so? Mit der Fingerspitze berührte sie den dunklen Amethyst. Momentan lief Tobys Liebesleben eindeutig besser als ihr eigenes.

»Es ist für Touristen-Informationen im Ausland«, erklärte Toby. »Sie haben einen ganzen Stapel von dem Zeug bestellt. Und es soll ganz prominent herausgestellt werden.« Er wedelte mit den Broschüren, die jetzt mit Wein und Wasser bespritzt und mit Mayonnaise- und Pesto-Flecken übersät waren. »Es bedeutet gutes Geld. Und eine Chance zu reisen. Eine fantastische Gelegenheit, Darling.«

Joanna sah genauer hin. Rundwege durch Städte, Flusskreuzfahrten, dort, wo berühmte Gebäude am Ufer standen, so etwas. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu unterdrücken. »Wohin ins Ausland denn?«, fragte sie.

»All die Städte, in die Leute so reisen.« Er zuckte die Achseln. »Du weißt schon, diese verdammten, albernen Städtereisen, bei denen du die Hälfte der Zeit auf dem Flughafen festsitzt und den Rest in Kunstgalerien Schlange stehst. Sieh dir die Routen der Billigfluglinien an. Schau, wohin sie fliegen. Venedig, Prag, Budapest, Barcelona. All diese Käffer.«

All diese Käffer. »Und worüber genau soll ich da schreiben?«

Toby spießte das letzte Blatt Rucola auf. Ein Wunder, dass er nicht ständig unter Magenverstimmung litt. Wann würde die Menschheit endlich erkennen, dass Rucola eigentlich nicht besonders genießbar war? »Sie suchen noch nach einem Thema.«

Aha. »Sie wissen also nicht, was sie wollen?« Vielleicht war das ja die Herausforderung daran.

Toby fasste sich an die Nase. »Sie werden es wissen, wenn wir es ihnen sagen, Darling.«

»Nur dass das klar ist.« Sie zwirbelte auf ihrem Löffel ein paar Linguine zusammen, und Toby warf ihr einen seiner berühmten Blicke zu. »Du willst, dass ich in verschiedene Städte überall in Europa fliege und mir ein Thema einfallen lasse?«

»Einen roten Faden.«

»Okay, einen roten Faden.« Sie steckte die Pasta in den Mund und kaute. Nicht al dente, sondern ein vollgesogener Papp. »Ich soll also entscheiden, was ich damit anfange, etwas schreiben und mich darauf verlassen, dass Galileo uns das Ergebnis abnimmt?«

»Ach, sie werden es haben wollen, Darling.« Toby schob seinen Teller weg. Kein Wunder, dass er so schlank war. »Sie flehen uns an, den Auftrag anzunehmen, und sind bereit, im Voraus zu bezahlen. Ich sage dir, das ist ein solides Angebot.«

So etwas hatte sie schon öfter gehört. Aber wenn es so weit war, Taten zu bekennen und Vorschüsse zu zahlen, dann lösten sich die Versprechungen von Häusern wie Galileo in der Regel auf wie Butter in der Sonne. Herrgott, sie brachte ihre Metaphern durcheinander. Besser, sie riskierte keinen Wein mehr.

»Wie viel?«, erkundigte sie sich. »Ich kann es mir nicht leisten, einem Wolkenkuckucksheim nachzujagen.« Schon wieder die Metaphern. Nicht gerade jetzt. Nicht jetzt, da sie auf sich gestellt war. Falls sie es war.

Toby nannte eine Zahl. Eine hohe Summe. »Für die ersten drei Broschüren«, erklärte er. »Und dann …« Er ließ die Worte in der Luft hängen, zog eine schwarze Lederbrieftasche aus dem Aktenkoffer und wählte eine Kreditkarte aus.

Gott, das war verlockend. Aber Joanna seufzte. Sie hatte sich selbst etwas vorgemacht. Wie in aller Welt sollte sie diesen Auftrag annehmen? Wenn sie ins Ausland verschwände, würde sie ihre Eheprobleme nicht lösen, noch wäre sie Harriet eine Hilfe bei Mutter. »Im Moment habe ich zu viele Verpflichtungen, Toby«, sagte sie.

Er warf ihr einen wissenden Blick zu. »Und was für Verpflichtungen sind das?«

»Da ist zunächst mal meine Mutter«, gab sie zurück, und der Knoten in ihrem Magen zog sich vor Schuldgefühlen zusammen. »Dann Harriet und … äh … Martin …«

Sie beschloss, direkt nach Dorset zurückzufahren, wie sie es versprochen hatte. Dann würde sie entscheiden, was sie wegen Martin unternehmen sollte.

»Überleg doch nur, Darling«, drängte Toby. »Daraus könnte sich alles Mögliche entwickeln. Und es würde dir guttun, eine Weile wegzukommen.«

Warum? Waren ihre Artikel langweilig geworden? Sie starrte ihn an.

»Weg von Martin.«

Ach ja, Martin. Er hatte immer noch nicht versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Wuchs seine Liebe mit der Entfernung zu ihr, oder war sie eher aus den Augen, aus dem Sinn?

Joanna nahm die Broschüren und blätterte sie durch. Beneidete den Glückspilz, der durch Venedig, Prag und die anderen Städte spazieren würde. Bei dem Gedanken spürte sie einen Anflug von Aufregung; die Vorstellung, wegzukommen, etwas Neues zu erleben, über all diese Städte zu schreiben, auf ihre eigene Art. Aber wie sollte sie das machen? Sie hatte Probleme, denen sie sich stellen musste. Das war kein Projekt für ein, zwei Wochenenden, sondern es erforderte eine Reihe von Recherche-Reisen, die sie lange von Großbritannien und ihren Problemen fernhalten würden. »Ich kann das nicht, Toby«, meinte sie. »Danke für dein Angebot. Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Das ist einfach unmöglich.«

»Okay.« Toby zuckte die Achseln.

Aber sie hatte nicht vor, sich deswegen schlecht zu fühlen. Wahrscheinlich hatte er eine ganze Liste von Leuten, die er fragen konnte. Sie küsste ihn zum Abschied. »Danke für das Essen«, sagte sie. »Es war sehr schön.«

»Denk noch einmal über den Job nach, Darling!« Er warf ihr einen wissenden Blick zu. »Und wenn du es dir anders überlegst, ruf mich einfach an!«

5. Kapitel

Am Nachmittag des folgenden Tages kochte Harriet in der Küche Pflaumenmus und hing dabei Tagträumen nach. Darin kam eine Frau oder besser gesagt ein Mädchen vor, das einst Zeit und Lust gehabt hatte, sich mit einem Buch auf die Holzbank unter dem Maulbeerbaum zu setzen und dem Wind in den Blättern zu lauschen … Bis es an der Hintertür dreimal heftig klopfte und sie so erschrak, dass ihr der Holzlöffel in den Topf fiel.

»Jemand zu Hause?« Ihr wurde klar, dass sie trotz allem vergessen hatte, die Hintertür abzuschließen. Ohne auf eine Aufforderung zu warten, stapfte ihr Nachbar Owen Matthews über die hintere Veranda herein.

Harriet fischte den Löffel heraus. Warum konnten die Leute sie nicht einfach in Ruhe arbeiten lassen? Und sie musste ihre Nervosität beherrschen. Es gab keinen Grund auf Erden, warum jeder, der an die Tür kam, ein Verrückter sein sollte, der ihnen nachspionierte. Ja, schon … Aber wer war dann dieser Mann gewesen, der gestern Nacht auf dem Hof gestanden und zu ihrem Fenster heraufgesehen hatte? Irgendein Herumtreiber - oder Schlimmeres?

»Komm rein!«, sagte Harriet. Ein wenig kurz angebunden vielleicht, und außerdem überflüssig, da Owen bereits drinnen war, seine schlammverkrusteten Stiefel auszog und sie an der Tür stehen ließ. Riesige Querfeldeintreter.

Als Erstes hatte sie heute Morgen Joanna zum Bahnhof Axminster gefahren.

»Du bist doch gerade erst angekommen«, hatte Mutter gejammert.

Joanna wirkte nervös - dabei hatte sie nicht einmal den Herumtreiber gesehen, oder? »Ich treffe mich mit meinem Redakteur«, erklärte sie. »Danach komme ich sofort zurück.« Als versuche sie, sich selbst davon zu überzeugen.

Harriet hatte die Achseln gezuckt. Joanna konnte tun, was sie wollte, und hatte es auch immer getan. Sie konnte auftauchen und wieder verschwinden, wie sie Lust hatte. Joanna hatte Glück.

»Tag, Harriet.« Owen war mit seinen ungefähr fünfundvierzig immer noch ein großer starker Mann, doch seine Schultern waren gebeugt, als habe das Leben ihm mehr als einen heftigen Schlag versetzt. Und so war es auch. Er hatte mit seiner Farm, die ein Stück weiter an der Straße lag, immer gut verdient. Doch vor Jahren hatte seine Frau ihn verlassen, und wie Mutter orakelte, hatte sich Owen nie davon erholt.

»Owen, was kann ich für dich tun?« Harriet rührte ein wenig kräftiger durch die Pflaumen. Sie musste zugeben, dass sie nur schwer ohne Owen zurechtkommen würde. Als Harriet nach einer Möglichkeit gesucht hatte, mehr Geld zu verdienen, hatte er ihr geholfen, den Schweinestall einzurichten. Jetzt lieferte er ihnen die drei oder vier Wochen alten entwöhnten Ferkel und half ihr später, die gemästeten Schweine auf den Markt zu bringen. Und er war immer da, wenn eine Sicherung repariert oder ein Regal aufgehängt werden musste und Harriet nicht damit fertig wurde. Als sie dringende Reparaturen am Haus durchführen mussten, hatte er ihnen Land abgekauft - eigentlich den Großteil davon. Die entlegenen zwei Felder, damit sie den Holzbock bekämpfen und einen Teil der großen Scheune neu decken konnten, und das nähere, kleine Feld, damit sie den neuen Holzofen kaufen konnten. Vielleicht grollte sie ihm deswegen. Sie konnte nichts dagegen tun.

»Mach einfach weiter mit dem, was du gerade tust«, sagte Owen. Als ob ihr etwas anderes übrig bliebe. »Tu, als wäre ich gar nicht da.«

Hmm. Sie beschloss, ihn beim Wort zu nehmen, und wandte sich erneut den Pflaumen zu. Als sie heute Morgen vom Bahnhof zurück war, hatte sie sich die Bügelwäsche vorgenommen. Ein Stapel mit dunklen T-Shirts, Jeans und Pullovern - ihre eigenen Sachen - und ein hellerer, rutschigerer mit Seidenblusen, Chiffonkleidern und Röcken, einschließlich gestärkter Petticoats, und Angorajacken - die von Mutter. Joanna war glücklicherweise nicht lange genug geblieben, um Bügelwäsche zu erzeugen. Mutter, überlegte Harriet, war noch nie jemand gewesen, der in Jeans und Gummistiefeln lebte; aber in den lange zurückliegenden Tagen, als Vater noch lebte, hatte sie sich wenigstens praktisch gekleidet. Harriet erinnerte sich an dicke Winterstrümpfe und eine Kittelschürze und an Sommerkleider aus Baumwolle, die in der Taille eng saßen und glockig bis unters Knie fielen.

Wann hat Mutter sich verändert?, grübelte Harriet, während sie in den Pflaumen rührte. Aber sie hätte keinen einzelnen Moment nennen können. Nach Vaters Tod hatte sie einen kleinen Zusammenbruch erlitten, eine lange Trauerzeit durchgemacht und sich nach und nach von allen Hausarbeiten zurückgezogen. Im Alter war Mutter kindlicher geworden, bedürftiger und noch verzweifelter auf Bewunderung aus als früher. Harriet hatte dieses Verhalten eigentlich nie hinterfragt. Aber dieses Jahr war es noch schlimmer geworden.

Die Pflaumen hatten lange genug geköchelt. Sie brachte sie zum Kochen und rührte immer noch, damit sie nicht ansetzten. Pflaumenmus bedurfte hundertprozentiger Aufmerksamkeit. Über die Schulter warf sie Owen einen Blick zu. Sie wusste, dass er gern nach ihnen sah - zwei Frauen, die allein lebten. Aber jetzt war kein guter Zeitpunkt dazu.

»Ich komme wahrscheinlich unpassend?« Er ging weiter gleichmäßigen Schrittes in der Küche umher. Owen schien zu groß für jeden Raum zu sein, in dem er sich aufhielt. Sie schätzte, dass er ins Freie gehörte.

»Nein, nein.« Harriet wischte sich die Hände an der Schürze ab. Es war ein alter Kittel von ihrer Mutter, fleckig und an der Schulter zerrissen, aber vor Owen kam es wohl kaum darauf an. »Aber Eier habe ich erst morgen wieder.« Mit dem Handrücken ihrer freien Hand schob sie sich das Haar aus den Augen. Sie musste es heute Abend waschen. Durfte sich nicht gehen lassen. Obwohl sie sich manchmal nichts lieber wünschte.

Bei einem früheren Besuch hatte Joanna vorgeschlagen, sie solle sich ein paar Strähnchen färben lassen. Harriet hatte gespürt, wie die Finger ihrer Schwester leicht durch ihr Haar fuhren.

»Vielleicht kastanienbraun«, hatte Joanna gemeint.

Harriet war zusammengezuckt. Niemand berührte ihr Haar. Nicht mehr seit Vater, der ihr immer über den Kopf gestrichen und ihr dann einen sanften Gutenachtkuss auf die Schläfe gegeben hatte.

Nacht, Schatz.

Nacht, Dad.

Schlaf schön, träum süß!

Du auch.

Harriet schniefte. Sie hatte den Traum nicht jede Nacht, aber doch so oft, dass er sie sogar in ihren wachen Stunden verfolgte.

»Und wovon soll ich das bezahlen?«, hatte sie von Joanna wissen wollen. Ihre Schwester hatte ja keine Ahnung. Strähnchen, ausgefallene Haarschnitte. Joanna lebte in einer anderen Welt.

Trotzdem hatte Harriet bei ihrem nächsten Besuch in Pridehaven vor dem Salon Hair Magic gestanden. Hatte das Geld vom Verkauf der Schweine in ihrer Tasche berührt und über Joannas Vorschlag nachgedacht.

Nach dem Bügeln hatte sie Mutter nach Abbotsbury gefahren - und das war wieder so eine Geschichte …

»Ich bin nicht wegen Eiern gekommen.«

»Ach?« Sie spürte, dass er hinter ihr stand und über ihre Schulter in den Marmeladentopf sah. »Und warum dann …?« Noch halb auf die Pflaumen konzentriert, drehte sie sich zu ihm um. Vielleicht hatte er ja den Eindringling gestern Nacht gesehen, wusste möglicherweise vielleicht sogar, wer er war. Vielleicht …

Nachdem sie gestern Nacht den Schock darüber überwunden hatte, dass jemand vor dem Haus stand und zu ihr hinaufstarrte, war sie mit sich zu Rate gegangen. Sollte sie sich etwas anziehen, nach unten schleichen, ein Messer aus der Küchenschublade schnappen, die Hintertür aufreißen und den Fremden stellen? Sie zitterte. Oder lieber nicht? Der Plan hatte seine Schwachpunkte. Wenn sie die Hintertür aufschloss, würde sie dem Verrückten - denn das war er offensichtlich - Zugang zum Haus und zu Mutter gewähren, gar nicht zu reden von Joanna. Außerdem hätte sie wahrscheinlich viel zu viel Angst, um das Messer festzuhalten, und erst recht, damit auf jemanden einzustechen. Sie hatte überlegt, ob sie ihre Schwester wecken sollte - die vielleicht glauben würde, sie sei verrückt geworden, würde Dinge sehen und ihre Fantasie durchgehen lassen - oder sogar Mutter. Letzteres bedeutete wahrscheinlich eine Regression in ihre Kindheit, als Mutter eine ganz andere, verantwortungsvollere Person gewesen war. Dann hatte sie erwogen, die Polizei zu rufen. Aber als sie im Wohnzimmer noch einmal verstohlen hinausgesehen hatte, war da nichts Ungewöhnliches mehr gewesen. Sie konnte sich nicht dazu aufraffen, bei irgendeinem offiziellen Idioten, der Neongelb trug, eine Aussage zu machen und frühestens in zwei Stunden ins Bett zu kommen. Und sie musste an Mutter denken.

»Du kommst mir ein wenig angespannt vor, Harriet«, bemerkte Owen. »Ich wollte nur hallo sagen.«

Harriet behielt zugleich das Mus und Owen im Auge. Wusste er etwas? War sein ruhiges Äußeres vielleicht nur ein Bluff? Sofort verwarf sie den Gedanken. Er war kein Mann, der andere täuschte. Gestern Nacht war sie auch versucht gewesen, ihn anzurufen - sehr sogar. Die Vorstellung, wie er mit seiner Flinte auftauchte, war ihr beinahe verlockend erschienen - was sogar noch besorgniserregender war als ein Verrückter auf dem Hof, weil es zeigte, welchen Grad an Verzweiflung sie erreicht hatte. Dann hätte sie Owen eine Tasse Tee kochen und sich seine eindringlichen Warnungen vor Fremden anhören müssen und den Rat, sich einen Hund anzuschaffen. Er war schon immer der Meinung gewesen, dass sie sich einen Hund zulegen sollten, aber er hatte ja keine Ahnung, wie Mutter reagiert hatte, als vor zwei Jahren Flossie, ihr alter Border Collie, gestorben war. Aber der Gedanke, einfach ins Bett zu gehen, war Harriet … nun ja, noch verlockender erschienen.

Der Dampf aus dem Marmeladentopf stieg ihr heiß ins Gesicht. Harriet blinzelte. Joanna konnte es nicht abwarten, nach London zurückzufahren, Mutter würde sich nur übermäßig aufregen, und Owen würde darauf bestehen, zweimal pro Nacht auf dem Hof zu patrouillieren. Als Nächstes würde er womöglich, ohne anzuklopfen, in ihr Schlafzimmer platzen.

Heute Morgen, bevor sie Joanna zum Bahnhof gefahren hatte, war sie, ziemlich beklommen und mit der Axt vom Holzhacken bewaffnet, überall umhergegangen und hatte keine Spur von dem Eindringling entdeckt. Niemand hatte sein Nachtlager in einer der Scheunen aufgeschlagen - und wenn, dann hatte er sämtliche Spuren verwischt. Also würde sie niemandem davon erzählen; zumindest nicht, ehe es noch einmal passierte.

Owen schnüffelte beifällig. »Das riecht gut, Harriet«, meinte er. »Sehr gut.«

»Danke. Ich stelle dir ein Glas zurück.« Sorgfältig schöpfte Harriet den Schaum ab, der an die Oberfläche stieg. Der Laden im Dorf würde ihr den Großteil des Muses abnehmen, aber einen Teil würde sie für das Café und den nächsten Sommer aufbewahren. Die Flüssigkeit kochte jetzt stark, und sie musste weiterrühren, damit sie am Boden des Topfes nicht anbrannte. Das Zeug war heiß. Sie dachte an Hector und die E-Mail, die sie später schreiben würde, und unterdrückte ein Kichern. Was Mutter wohl dazu sagen würde? Und Owen oder Joanna?

»Kann ich etwas für dich tun, wenn ich schon einmal hier bin? Mir ist aufgefallen, dass einer eurer Zäune umgekippt ist.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte Harriet, dass Owens dicker marineblauer Pullover an den Ellbogen gestopft werden musste. Außerdem hatte er einen Mistgeruch mit in die Küche gebracht, der so gar nicht zu dem angenehm säuerlichen Duft ihres Pflaumenmuses passen wollte. »Danke, wir kommen schon zurecht«, versetzte sie, ehe sie sich Einhalt gebieten ...

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