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Emily und der Playboy-Prinz

India Grey

Emily und der Playboy-Prinz

Oscar Balfours Brief an seine Töchter

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Stammbaum der Familie Balfours

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PROLOG

„Ruf mich an, wenn du erwachsen bist.“

Emily duckte sich unter den geisterhaft wirkenden Büschen hindurch und floh über den im Halbdunkel liegenden Rasen. Seine tiefe Stimme klang ihr immer noch in den Ohren: zynisch amüsiert, mit einem leicht exotischen Akzent und unfassbar sexy.

Um so schnell wie möglich seiner verstörenden Nähe zu entkommen, beschleunigte sie ihre Schritte. Mit gesenktem Kopf und blind für die neugierigen Blicke der Gäste, die im Garten von Balfour Manor die frische Luft genossen, hastete sie in Richtung des majestätischen Hauses. Alle Fenster waren hell erleuchtet, und im Widerschein der Lichter aus dem riesigen Festzelt, das Emily gerade passierte, schimmerte die honigfarbene Fassade wie flüssiges Gold.

Aus dem Gartenpavillon schallten ihr Tanzmusik, Lachen und Gläserklingen entgegen. Der 99. Balfour Charity Ball war in vollem Gang. Doch Emily hatte nur einen Gedanken … sich irgendwo zu verkriechen und ihre Wunden zu lecken.

Dabei hatte sie sich so auf ihre erste große Party gefreut. Bisher war sie auf die heimlich aufgeschnappten Klatschgeschichten ihrer älteren Schwestern angewiesen gewesen, die diese sich flüsternd erzählten. Dieses Mal, kurz vor dem Abschluss ihrer Ballettausbildung, hatte sie alles aus erster Hand erleben wollen, und nun ruinierte er ihr den Abend!

Instinktiv berührte sie mit den Fingerspitzen ihre geschwollenen Lippen, auf denen sie seine Küsse immer noch zu spüren glaubte. Emilys Herz klopfte fast bis zum Zerspringen, während sie die ausgetretenen Steinstufen hinaufeilte.

Das helle Licht in der Eingangshalle ließ sie blinzeln. Hastig raffte sie den langen Rock ihrer Abendrobe zusammen und lief die breite Treppe hinauf. Sie wollte nicht daran denken, wie aufgeregt und glücklich sie sich noch vor wenigen Stunden gefühlt hatte. Und wie erwachsen und weltgewandt …

Bis zu dem Moment, als sie den taxierenden Blick dieser faszinierenden goldbraunen Augen spürte. Ab da war alles anders gewesen.

In ihrem Zimmer angekommen, warf Emily die Tür hinter sich zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Im Halbschatten wirkten die sonst so vertrauten Möbel und Gegenstände fremd und bedrohlich. Trotzdem machte sie kein Licht. Stattdessen trat sie ans Fenster.

Der weitläufige Garten unter ihr mit dem beleuchteten Pavillon und den unzähligen Lichtern in den umliegenden Bäumen wirkte wie die Illustration aus einem Märchenbuch – ein verwunschenes Königreich für Aschenbrödels ersten Ball.

Emily seufzte. Genau davon hatte sie geträumt – sich wie in einem Märchen zu fühlen und auf den jungen, hübschen Prinz zu warten, der sich auf den ersten Blick in sie verlieben würde. Mit einem noch viel tieferen Seufzer presste sie ihre brennende Stirn gegen das kühle Fensterglas.

Dann ließ sie ihren Blick tiefer in den Garten wandern, zwischen die dunklen hohen Bäume und Büsche jenseits des Partytrubels.

Dort hatte sie ihn getroffen.

Hilflos ballte sie die Hände zu Fäusten, als eine Welle des Verlangens ihr die Luft zum Atmen raubte. Sein maskuliner, herber Geschmack lag immer noch auf ihren Lippen. Voller Sehnsucht fuhr sie mit der Zungenspitze darüber und dachte an den magischen Moment, als er lautlos aus dem Schatten der Bäume getreten war und sie ohne Hast an sich gezogen hatte … so, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Und dann hatte er sie geküsst!

Sie war viel zu schockiert gewesen, um an Gegenwehr zu denken. Eine Welle nie verspürter Emotionen brandete in ihr auf und machte sie völlig hilflos, während er voller Hingabe ihren weichen Mund erforschte. Doch dann sah sie ein sonderbares Licht in den goldenen Raubtieraugen aufblitzen, und der Bann war gebrochen.

Empört über seine Dreistigkeit und entsetzt über ihr eigenes haltloses Benehmen, begann Emily, mit beiden Fäusten auf seine breite Brust zu trommeln, bis er sie leise lachend aus seinen Armen entließ. Der Gedanke, wie leicht es ihm gefallen war, sie alle Benimmregeln und jeden Anstand vergessen zu lassen, verstörte sie zutiefst.

Sie mochte ja unerfahren und naiv sein, aber doch nicht so weltfremd, dass sie sich einbildete, ihm könne es ebenso ergehen.

Prinz Luis Cordoba von Santosa war unbestritten der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte, aber er war nicht ernsthaft an ihr interessiert … und er war schon gar nicht Prince Charming aus einem Märchen!

Oh, nein! Er war verführerisch, gefährlich und unwiderstehlich.

Er war der Wolf!

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Balfour Manor – majestätisch in seinem goldenen Glanz, eingebettet in smaragdgrünen Samt. Jedes Detail war Emily vertraut. Trotzdem, oder gerade deshalb, war es das Letzte, was sie in dieser schmuddeligen, nach Benzindämpfen stinkenden U-Bahn-Station zu sehen erwartet hatte.

Es war mitten in der Rush-Hour, und Emily fühlte sich von den anderen Fahrgästen, die aus dem Dunkel ans Licht strebten, unwiderstehlich mitgezogen und vorangeschoben. Mit einer gemurmelten Entschuldigung bahnte sie sich einen Weg aus dem Menschenstrom und lief die paar Meter zurück zu dem Zeitungskiosk, wo sie das Bild gesehen hatte. Wahrscheinlich war es eine Abbildung vom Buckingham Palace gewesen, und sie… Nein, da hing die Zeitung, das Foto zeigte tatsächlich Balfour Manor, und die Schlagzeile darunter lautete:

Skandal über illegitimen „Sprössling“ erschüttert Balfour-Dynastie und stellt Erbfolge infrage!

Wie in Trance nahm Emily ein Exemplar vom Stapel und musste ein paar Mal blinzeln, weil die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Als erstes sprangen ihr die vertrauten Namen entgegen: Olivia Balfour, Bella, Alexandra, Zoe …

Zoe?

„Wollen Sie die Zeitung kaufen oder nicht?“, fragte der Kioskbesitzer knurrig. „Ich betreibe nämlich keine Leihbücherei.“

Es dauerte eine Sekunde, bis Emily überhaupt begriff, was der Mann von ihr wollte. „Oh! Ja … bitte verzeihen Sie.“ Hastig fingerte sie die Fünf-Pfund-Note aus ihrer Jackentasche, die ihr ein betrunkener Geschäftsmann als Trinkgeld zugesteckt hatte, nachdem er ihr vorher alles über seine Frau und Kinder erzählt und ihr dann unter den Rock gegriffen hatte.

Besänftigt nahm der Kioskbesitzer den Schein entgegen und zwinkerte seiner hübschen jungen Kundin vertraulich zu. „Ganz schön fasziniert von der anderen Seite der Straße, was? Teure Villen überall in der Welt, dicke Konten, heiße Schlitten! Aber glauben Sie wirklich, Miss, auch nur einer von diesen Balfours ist glücklich?“ Kopfschüttelnd und mit heiserem Lachen gab der Mann ihr das Wechselgeld raus.

Nein, dachte Emily, das sind wir wirklich nicht. Nicht mehr

Sie versuchte ein zustimmendes Lächeln, aber es gefror auf ihren Lippen. Also nickte sie nur, klemmte sich die Zeitung unter den Arm und ging weiter, während ihr die Schlagworte aus dem verstörenden Artikel durch den Kopf schwirrten.

Schockierende Entdeckung … Affäre … illegitim … Schande … Skandal …

Vor einem Jahr war das alles noch ganz anders gewesen.

Am Abend des Balfour Charity Balls, als sie vor dem Eintreffen der Gäste der versammelten Presse entgegentrat, in ihrem neuen Ballkleid aus schimmernder blauer Seide, in dem sie sich so erwachsen fühlte.

Doch das war sie damals noch nicht gewesen, sondern ein naives, dummes Ding!

Energisch reihte Emily sich wieder in die vorandrängende Menschenmenge ein und ließ sich durch einen unbelüfteten Tunnel mitziehen, der zur nächsten U-Bahn-Linie führte, die in Richtung ihrer schäbigen Bleibe fuhr.

Ein gedämpftes Rumpeln kündete die einlaufende U-Bahn an, und entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit drängte Emily sich rücksichtslos vor und ergatterte einen freien Sitzplatz. Sie ließ sich erleichtert auf ihm nieder, ohne sich umzuschauen, ob irgendjemand ihn vielleicht dringender benötigte.

Sobald der Zug ins Dunkel des Tunnels eintauchte, öffnete sie die Zeitung.

EXKLUSIV! WENN BLAUES BLUT BÖSE WIRD …

Gestern Abend zählte nur ein Platz, an dem es sich lohnte, zu sehen und gesehen zu werden – der Balfour Charity Ball! Doch aller Glanz und Glamour hielt nicht, was er versprach.

Hinter den Kulissen lieferten sich die Balfour-Zwillinge Bella und Olivia eine hässliche Schlacht, in der es um eine brisante Entdeckung ging. Ihre verstorbene Mutter, die ehrenwerte Alexandra Balfour, soll ihre jüngste Tochter Zoe nicht im ehelichen Bett empfangen haben!

Emily biss sich heftig auf die Unterlippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken, während sie Zoes lebhafte Züge vor ihrem inneren Auge sah. Die wunderschöne wilde Zoe mit ihren grünen Katzenaugen, durch die sie sich stets von ihren blauäugigen Schwestern unterschieden hatte.

Wieder senkte Emily den Kopf über die Zeitung, überflog den restlichen Artikel und spürte plötzlich, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Hinter ihren Schläfen klopfte es, und sie zitterte heftig. Sie musste das Blatt mit beiden Händen festhalten, um weiterlesen zu können.

Der Name Balfour mag ja bislang als Synonym für Glanz und Glamour gegolten haben, doch dies ist bereits die zweite Enthüllung eines illegitimen Familienmitglieds innerhalb nur weniger Monate. Es sieht langsam so aus, als sei die einst so angesehene Dynastie bis in die Grundfesten verdorben …

Das entsprach fast wortwörtlich der Anschuldigung, die sie selbst am Abend von Mias unpassender Ankunft auf Balfour Manor ihrem Vater an den Kopf geschleudert hatte. Emily versteifte sich bei der Erinnerung an den schrecklichen Tag und spürte einen eisigen Schauer über ihren Rücken rinnen.

Arme Mia … Sie war auf der Suche nach einer glücklichen Familie zu ihnen gekommen und stattdessen mitten auf dem Schauplatz einer Tragödie gelandet.

Der Zug hielt, die Türen gingen auf, und nur zögernd kehrte Emily in die Realität zurück. Sie zwinkerte nervös, als sich weitere Menschen in die volle Bahn drängten … lauter Fremde, die vor ihren Augen zu einer formlosen Masse verschmolzen. Unversehens tat sich die Einsamkeit wie ein riesiges schwarzes Loch vor ihr auf.

Emily schloss die Augen, holte tief Luft und versuchte, den Schwindel zu bekämpfen, der sie zu überwältigen drohte. Ähnliche Momente durchlebte sie häufiger in letzter Zeit, aber wahrscheinlich lag es nur am Heimweh, das sie sich nicht eingestehen wollte.

Bis vor Kurzem waren die Familie und das Ballett ja auch ihr ganzer Lebensinhalt gewesen. Und beides hatte sie verloren.

Mit brennenden Augen schaute sie auf die Zeitung in ihren Händen, begierig darauf, jeden Brotkrumen an Information über die Menschen zu erhaschen, die sie liebte und denen sie trotzdem den Rücken gekehrt hatte. Rasch überflog sie, was am Ende des reißerischen Kurzartikels auf der Titelseite stand.

Die komplette Reportage über den Balfour Charity Ball, inklusive Fotos, finden Sie auf den Seiten zwölf bis dreizehn.

Mit zitternden Fingern blätterte Emily weiter, bis sie endlich zu den Fotos im Gesellschaftsteil kam. Über ihre blassen Wangen liefen Tränen, die sie unwirsch mit dem Handrücken wegwischte.

Lieber Himmel! Das war doch Kat, die einfach umwerfend in ihrer scharlachroten Satinrobe aussah! Und dann Bella und Olivia, die nebeneinander standen und deren eingeübtes, strahlendes Lächeln die Anspannung in den blauen Augen nicht verbergen konnte.

Die Ruhe vor dem Sturm“, lautete die Bildunterschrift.

Während Emily die vertrauten Gesichter betrachtete, weiteten sich ihre Lippen zu einem Lächeln, das verschwand, als sie ein Foto ihres Vaters sah. Oscar Balfour stand viel zu dicht neben einer bekannten englischen Schauspielerin, einen Arm um ihre gertenschlanke Taille gelegt. Fast sah es so aus, als …

Schnell wandte sie sich dem nächsten Bild zu und gefror zu Eis.

Sie versuchte den Blick abzuwenden, brachte es aber nicht fertig. Mit klopfendem Herzen dachte sie daran, wie er sie gemustert hatte – voller Amüsement und eindeutig verlangend.

„Prinz Luis Cordoba von Santosa beehrt die Party mit seiner Anwesenheit“, stand neben dem Foto, „aber hat der angeblich geläuterte Prinz überhaupt eine Chance, den ebenso betörenden wie unberechenbaren Balfour-Töchtern zu widerstehen?“

Erst als die U-Bahn mit einem Ruck zum Halten kam, fiel Emily auf, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Erschrocken sprang sie auf die Füße und war den Bruchteil einer Sekunde versucht, die Zeitung einfach auf der Sitzbank liegen zu lassen. Doch dann klemmte sie sie sich hastig unter den Arm und beeilte sich auszusteigen.

Um sich zu beweisen, dass sie die Zeitung nicht mitgenommen hatte, um mehr über Luis Cordoba zu erfahren, warf Emily sie beim Verlassen des U-Bahnhofs in einen Mülleimer, lächelte zufrieden und setzte ihren Weg fort.

„Wo, zur Hölle, sind wir denn hier gelandet?“

Luis äugte misstrauisch durch die getönte Seitenscheibe, während sich die schwere Limousine ihren Weg durch die verstopften Straßen eines Londoner Randbezirks bahnte. Zumindest nahm er an, dass diese heruntergekommene Gegend noch zu London gehörte, obwohl die düsteren Fassaden der schmuddeligen Häuserreihen wenig mit der eleganten City gemein hatten, die er kannte.

Sein Privatsekretär konsultierte sein Blackberry. „Die Gegend hier nennt sich Larchfield Park, Sir“, erläuterte er ernst. „Ein Gebiet mit hoher Arbeitslosigkeit, signifikanten Drogenproblemen, Straßengangs und einer extrem hohen Kriminalitätsrate.“

„Hört sich charmant an“, knurrte Luis, lehnte sich in den weichen Ledersitz zurück und betrachtete das konzentrierte Profil seines persönlichen Assistenten mit sardonischem Lächeln. „Tomás, sollten Sie je Ihren Job bei mir verlieren, kommen Sie bloß nicht auf die Idee, eine Stelle als Reiseführer anzunehmen. Wenn ich mich umbringen wollte, hätte ich mit meinem Helikopter die nächstbeste Klippe von Santosa ansteuern können.“

Tomás blieb unbeeindruckt. „Sir, lassen Sie mich Ihnen versichern, die Limousine ist gepanzert, und Sie befinden sich absolut nicht in Gefahr. Seit dem Tod des Kronprinzen sind die Sicherheitsvorkehrungen …“

„Ich weiß“, unterbrach Luis ihn hastig und schloss die Augen. „Es war nur ein Scherz. Vergessen Sie es einfach.“

Sein Kater und die damit verbundenen hämmernden Kopfschmerzen, die er seit heute Morgen nur dank schwerer Medikamente im Zaum hielt, drohten ihn zu überwältigen. Dafür konnte er sich nur selbst die Schuld geben.

Doch gemessen daran, dass sein Benehmen in den letzten zehn Monaten mehr als vorbildlich gewesen war, durfte er den einen kleinen Ausrutscher auf dem Balfour Charity Ball wohl getrost vernachlässigen. Besonders, weil es weder um ein Topmodel gegangen war noch um eine verheiratete Frau … um gar keine Frau, um genau zu sein. Seinen Schwur Rico gegenüber hatte er also gehalten.

Es lag nur an ihm selbst und an Oscar Balfours exzellentem Champagner, von dem er viel zu viel genossen hatte. Alles war so anders gewesen als im letzten Jahr.

Luis starrte aus dem Fenster, ohne die von Graffiti verunzierten Fassaden wirklich zu sehen, die in der späten Nachmittagssonne wie schmuddelige, längst vergessene Kinoplakate wirkten. Immer wieder schob sich ein kornblumenblaues Augenpaar dazwischen – Balfour-Blau nannte die Presse es. Er dachte daran, wie sich Emilys wundervolle Augen vor Schock und vielleicht auch vor Verlangen verdunkelt hatten, als er sie geküsst hatte.

Deus!

In einem Anflug von Selbstekel verbannte Luis die verführerischen Erinnerungen entschlossen in seinen Hinterkopf. Vielleicht war es ganz gut, dass Oscars jüngste Tochter den Ball in diesem Jahr ausgelassen hatte.

Emily Balfour war ebenso atemberaubend attraktiv wie ihre älteren Schwestern. Genau dieser Umstand hatte ihn ihre jugendliche Naivität und mangelnde Erfahrung vorübergehend vergessen lassen. Hätte er gewusst, wie grün sie noch hinter den Ohren war, wäre er ganz sicher langsamer und subtiler vorgegangen, um ihre zitternde Leidenschaft zu wecken, die sich, wie er genau wusste, unter der höflichen, fast abweisenden Maske verbarg.

Späte Einsicht ist eine wundervolle Sache, bringt dich aber keinen Schritt weiter, wenn das Objekt der Begierde nicht zur Verfügung steht! verspottete Luis sich selbst.

„Wir sind da, Sir.“ Tomás’ gleichmütige Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Luis stellte fest, dass die Limousine in einer Art Hinterhof angehalten hatte, den ein hoher Maschendrahtzaun umgab. Der befriedete Parkplatz gehörte zu einem hässlichen einstöckigen Gebäude, das auch schon bessere Tage gesehen hatte.

Sein Sicherheitsteam war bereits vor Ort und hatte diskret an allen strategischen Punkten des Geländes Stellung bezogen. Koordiniert wurde das Ganze via Headset von einem Wachmann, der sich im Eingang postiert hatte. Auf der anderen Seite des Zauns lungerte eine Gruppe Jugendlicher herum, die sich mit Kapuzensweatshirts und Baumwollschals vermummt hatten.

„Klären Sie mich auf, Tomás … ich habe schon wieder vergessen, warum wir hier sind“, seufzte Luis.

„Nun, Sir, es geht um eine Tanztruppe, die …“

Jetzt stöhnte Luis laut auf. „Okay, schon gut, alles Weitere können Sie sich schenken! Es sei denn, der Rest des Satzes hatte etwas mit achtzehnjährigen, exotischen Bauchtänzerinnen zu tun.“

„Es ist eher ein gemischtes Programm, Sir“, kam es trocken zurück. „Das hier ist ein regionales Jugendzentrum, das verschiedene Sportarten und Tanzgruppen für Kinder zwischen vier und sechzehn Jahren anbietet. Und wir sind hier, um uns eine Vorführung anzusehen, die sich aus Stepptanz, Street-Dance und Ballett zusammensetzt.“

„Ballett?“, echote Luis entsetzt. „Meu Deus! Ich nehme an, das gehört alles zu dem Masterplan, mich als aufrichtigen Liebhaber und Förderer der schönen Künste zu etablieren?“

„Das Pressebüro ist der Auffassung, dass diese Art von Kontakt zu benachteiligten Kindern, denen es ermöglicht wird, sich kreativ und künstlerisch zu betätigen, dazu beiträgt, der Öffentlichkeit eine … sensiblere Seite Ihres Charakters näherzubringen, Sir“, entgegnete Tomás sachlich.

„Geht’s noch etwas pathetischer?“ Luis maß ihn mit einem ebenso anerkennenden wie zynischen Blick. „Also gut …“, ergab er sich dann seufzend in sein Schicksal, da Tomás nicht antwortete. „Dann müssen Sie mich aber auch anstoßen, wenn es Zeit ist zu applaudieren, und mich wecken, falls ich einschlafen sollte.“

„Selbstverständlich, Sir.“

Emily bog um die Ecke der U-Bahn-Station und lief zügig in Richtung des Jugendzentrums. Ein kümmerlicher Kirschbaum am Straßenrand erinnerte sie plötzlich an die japanischen Kirschen, die neben dem Rosengarten in Balfour Manor wuchsen.

Exakt an der Stelle, wo Luis Cordoba sie geküsst hatte …

Plötzlich kam ein Wind auf, der weiße Blütenblätter auf sie herabrieseln ließ. Ihr betörender Duft überlagerte für einen Moment den würzigen Geruch afrikanischen und asiatischen Essens, der aus den Imbissrestaurants am Ende der Straße drang.

Instinktiv zog Emily ihre Second-Hand-Strickjacke enger um sich, als wolle sie sich selbst umarmen, und beschleunigte ihre Schritte. Dabei tastete sie nach ihren Lippen, als könne sie die verstörenden, intensiven Gefühle wegwischen, die sie immer wieder einholten, wenn sie an jenen Abend zurückdachte.

Doch als sie die herumlungernden Teenager am Zaun vor dem Jugendzentrum sah, vergaß sie alles andere. Sobald sie auf gleicher Höhe mit ihnen war, erkannte Emily auch, was sie so fesselte: zwei schwarze, sehr offiziell aussehende Limousinen mit getönten Scheiben, die direkt vor dem Gebäude parkten.

Grundgütiger! Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie um die Ecke hetzte und dabei das Gebäude, das ihr in den einsamen Monaten so unerwartet ans Herz gewachsen war, nicht aus den Augen ließ. Was war es diesmal? Wieder eine Messerstecherei? Oder ging es womöglich sogar um Schusswaffen?

Das Larchfield Youth Center bot sozial benachteiligten, vernachlässigten und desillusionierten Kindern und Jugendlichen einen Ort der Sicherheit.

Und genau das war es, was sich auch eine überprivilegierte, vernachlässigte, desillusionierte Erbin von dem Zentrum versprach …

Direkt im Eingang stand ein wahrer Hüne mit einem Headset. Emily warf ihm einen unsicheren Seitenblick zu und erwartete halb, dass er ihr den Zutritt verwehren würde. Doch er starrte sie nur ausdruckslos an, was sie nicht weniger entnervte.

Während sie die düsteren langen Gänge entlangrannte und den inzwischen längst vertrauten Teenagergeruch – zu viel Hormone und Haargel, gewürzt mit einer Prise verbotener Zigaretten – einatmete, klopfte ihr Herz vor Aufregung bis zum Hals. Ihr Ziel war der Mädchenumkleideraum an Ende des Korridors.

Sobald sie die Tür öffnete, brach das laute Geschnatter von mindestens fünfzig hellen Stimmen über sie herein. Inmitten der bunten Balletttruppe entdeckte sie Kiki Odiah, eine von Larchfields Jugendleiterinnen, die Glitzerhaarspray auf die wilde Frisur einer kleinen Tänzerin sprühte. Während sich Emily einen Weg durch die aufgeregten Grazien bahnte, befreite sie sich ungeduldig von ihrer Strickjacke.

„Tut mir leid, dass ich so spät dran bin, aber ich hatte nicht einmal Zeit, mich zu Hause umzuziehen.“

„Du bist hier, Honey“, entgegnete Kiki gelassen, „das ist alles, was zählt.“

„Was ist eigentlich los?“, wollte Emily wissen. „Ich habe draußen zwei schrecklich furchteinflößende Limousinen gesehen. Ist es die Ausländerbehörde?“

Kiki schüttelte so heftig den Kopf, dass die eingeflochtenen Glasperlen in ihrem dicken schwarzen Haar wie Glöckchen klingelten. Die dunklen Augen funkelten vor Erregung, während sie die Frisur des nächsten Mädchens mit Haarspray fixierte. „Das rätst du nie!“

„Na los, sag schon.“

„Wir haben zur heutigen Aufführung königlichen Besuch bekommen!“

„Was?“, stieß Emily ungläubig hervor und spürte, wie sich ihre Nackenhärchen sträubten. Oscar hatte einige Freunde, die dem Königshaus angehörten und die ihn regelmäßig in Balfour Manor besuchten. „Wer ist es?“

Darauf wusste Kiki keine Antwort und erwiderte nur: „Keiner vom englischen Hof, soweit ich weiß.“

Zum Glück war sie viel zu beschäftigt, um den Ausdruck grenzenloser Erleichterung auf Emilys angespannten Zügen wahrzunehmen.

„Aber ich bin ja auch nur eine einfache Sozialarbeiterin. Ich war einfach neugierig, was all diese finster aussehenden Männer in dunklen Anzügen hier wollten, die bereits am frühen Nachmittag das Gelände sondiert und abgeriegelt haben. Und dann tauchten auch noch sämtliche Vertreter der Jugendbehörde und Kommunalverwaltung auf!“ Sie schnalzte abfällig mit der Zunge. „Was für eine Ironie, in dem Moment Interesse anzumelden, wo wir nur noch für zwei Monate Geld ...

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