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Emba | Magische Wahrheit

Inhalt

Über die Autorin

Carina Zacharias wurde 1993 in Aachen geboren. Sie erzählt und schreibt Geschichten seit ihrer frühesten Kindheit, und Autorin zu werden war schon immer ihr größter Traum. Mit einem Studium der Landschaftsökologie orientierte sie sich allerdings in Richtung ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Umweltschutz. Emba – Magische Wahrheit ist ihr fünfter veröffentlichter Roman.

Carina Zacharias

Bewertung

MAGISCHE WAHRHEIT

Teil Zwei

Familie

Emba blickte in Gedanken versunken aus dem Fenster des Aerogleiters, als sie plötzlich an Höhe verloren. Erschrocken drehte sie sich zu Bakari um.

»Was ist los? Ist der Energietank leer?«

Doch Bakari wirkte unbekümmert und schüttelte lachend den Kopf. »Dieser Aerogleiter besitzt den bestentwickelten Energiespeicher der Welt. Voll aufgeladen bringt er uns bis zu den Abtrünnigen in den nördlichen Wäldern. Und dafür, dass er voll aufgeladen ist, habe ich gesorgt.« Er grinste verschmitzt. »Nein, hier treffen wir auf Poppy.«

Bakari landete inmitten eines hochgewachsenen Kornfeldes und stieg aus. Emba tat es ihm nach, und Baldur sprang ebenfalls hinter ihr ins Freie.

»Da bist du ja!«

Bakaris plötzlicher Ausruf ließ Emba zusammenzucken. Er warf die Arme in die Luft, und im nächsten Moment sah auch Emba ein formloses pink-violettes Etwas, das zwischen den Ähren auftauchte und auf Bakari zugeschossen kam. Die beiden vollführten einen komischen kleinen Tanz, indem Bakari sich um sich selbst drehte und der Runar ihn aufgeregt quietschend umflog. Schließlich drückte Bakari ihn in einer festen Umarmung an sich. Erst als er ihn wieder losließ, konnte Emba den Runar genauer betrachten.

»Poppy, darf ich dir Emba und Baldur vorstellen?«, sagte Bakari. »Emba, Baldur, das ist Poppy.«

Ich freue mich so sehr, euch kennenzulernen!

Emba erschrak erneut, als sie auf einmal eine fremde Stimme in ihrem Kopf hörte. Erst mit Verspätung wurde ihr bewusst, dass es Poppy gewesen sein musste, die da gesprochen hatte. Ihre Stimme klang freundlich, aber auch ein wenig quietschend. Sie ließ Emba an Synchronstimmen von Kinder-Cartoonserien denken. Poppys Aussehen wiederum weckte in Emba Erinnerungen an einen Knetflummi, den sie früher einmal besessen hatte. Ihr violetter Körper war etwa so groß wie ein Fußball, doch er war nicht fest und rund, sondern waberte formlos durch die Luft, wie eine dickflüssige Flüssigkeit im luftleeren Raum. Zwei große ovale Augen sahen Emba und Baldur aufmerksam an, untermalt von einem breiten Lächeln. Auf ihrem Kopf wippten zwei antennenähnliche Auswüchse auf und ab.

Ich freue mich auch, erwiderte Baldur höflich.

»Ja, sehr erfreut«, sagte Emba. Ehe sie sichs versah, war Poppy auf sie zugeschossen und hatte ihr einen schmatzenden Kuss auf die Wange gedrückt. Emba hatte kaum verstanden, was gerade passiert war, da war Poppy auch schon zu Baldur weitergeflogen und verpasste ihm ebenfalls einen Schmatzer auf die Schnauze. Danach flog sie zurück zu Bakari und waberte über seiner rechten Schulter in der Luft. Als sie Embas ungläubigem Blick begegnete, wurde ihre violette Färbung um ein paar Nuancen dunkler, als schämte sie sich plötzlich für den spontanen Liebesbeweis.

Bakari lachte. »Na, wir wollen keine Zeit verlieren! Die anderen erwarten uns schon.« Die Freude darüber, mit seinem Runar wieder vereint zu sein, war ihm deutlich anzusehen. Emba hatte Schwierigkeiten, den großen schwarzen Chauffeur mit dem quietschigen pinken Wabbeltierchen in Verbindung zu bringen. Doch scheinbar mussten Mensch und Runar nicht äußerlich zusammenpassen, um miteinander eine Verbindung einzugehen. Sie alle stiegen wieder ein, Poppy und Baldur im Hinterraum, Bakari und Emba auf den beiden Sitzen, und der Chauffeur zog den Gleiter wieder in die Luft.

»Was meintest du damit?«, fragte Emba, nachdem sie wieder auf ihrer ursprünglichen Reisehöhe waren und Richtung Norden flogen. »Wer erwartet uns?«

»Eine ganze Menge Leute!«, sagte Bakari gut gelaunt. »Die Abtrünnigen wissen bereits, dass wir zu ihnen unterwegs sind.«

Emba hatte keine Ahnung, woher sie das wissen sollten– sowohl sie als auch Bakari hatten ihre PMEs gleich kurz nach Beginn der Verfolgungsjagd aus dem Fenster geschmissen, und keiner von ihnen hätte irgendwen kontaktieren können – doch sie hatte nicht vor, dem Chauffeur alles aus der Nase zu ziehen. Sie wandte sich wieder der Aussicht zu.

Irgendwann musste Emba eingeschlafen sein, denn sie wurde wach, als Bakari den Aerogleiter in einen Sinkflug steuerte und auf einer von Nadelbäumen umsäumten Lichtung landete. Verschlafen richtete Emba sich auf. Sie hatte von Fynn geträumt, von dem fragenden, verständnislosen Blick seiner blauen Augen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Wie ging es ihm, und was mochte er jetzt bloß von ihr denken? Emba wünschte sich mehr als alles andere, mit ihm sprechen und ihm alles erklären zu können. Doch ohne ihr PME war das unmöglich. Der Gedanke war schmerzhaft, und sie zwang sich, ihn für den Moment beiseitezuschieben. Sie wandte sich an Bakari.

»Wo sind wir?«

Bakari schaltete den Energieschub ab und löste seinen Sicherheitsgurt. »Wir sind am südlichen Rand der Taiga oder der borealen Zone, wenn du so möchtest.« Er zwinkerte, wohl wissend dass Emba sich nicht wirklich für den Naturraum interessierte, in dem sie sich befanden. »Wir sind direkt innerhalb der Tarnzone des Camps gelandet. Wiglas hat mich hergelotst.«

Emba verstand nicht. Wer war Wiglas, und wie hatte er Bakari hierher geführt? Von welchem Camp sprach er, und was war eine Tarnzone? Doch ehe sie nachfragen konnte, hatte Bakari die Tür des Gleiters geöffnet und war ausgestiegen. Kalte Luft schlug Emba entgegen, und sie fröstelte. Doch auch sie öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Erleichtert streckte sie ihre steifen Glieder, während Baldur hinter ihr aus dem Wagen sprang und Poppy auf Bakaris Seite herausflog. Ihr Atem kondensierte vor ihren Mündern zu weißen Wölkchen.

Emba sah Bakari fragend an, doch sein Gesichtsausdruck ließ sie innehalten. Bakari blickte konzentriert geradeaus ins Nirgendwo, die Stirn angestrengt gerunzelt.

»Bakari?«, fragte Emba. Keine Reaktion. »Bakari!«

Endlich glätteten sich seine Züge wieder, und er sah Emba an. Doch falls er sie gehört hatte, reagierte er noch immer nicht darauf. »Wir gehen hier entlang«, sagte er und deutete zu den Bäumen links von sich. »Rahel und Jasmo wollen dich alleine sehen, bevor der Trubel losgeht.«

Eine Gänsehaut überkam Emba, und das lag nicht an der Kälte oder an dem merkwürdigen Verhalten Bakaris. Rahel und Jasmo waren ihre Mutter und ihr Bruder. Eine Mutter und ein Bruder, die sie ihr ganzes Leben lang für tot gehalten hatte.

»Na los!« Bakari war bereits vorausgegangen und winkte Emba hinter sich her. Poppy flog direkt neben ihm durch die Luft.

Baldur stupste Emba ermutigend mit der Schnauze an, und sie setzte sich in Bewegung.

»Du kannst den Tarnzauber jetzt übrigens fallen lassen«, bemerkte Bakari, als sie zu ihm aufgeschlossen hatte.

Emba war kaum bewusst gewesen, dass sie den Tarnzauber über den Aerogleiter noch immer aufrechterhielt. Nun ließ sie den leichten Strom aus Magie, der beständig von Baldur zu ihr geflossen war, versiegen. Es hatte sie keine Kraft oder Mühe gekostet, den Zauber zu wirken. Doch jetzt, wo sie ihn beendete, bemerkte sie eine gewisse Erleichterung, so als hätte ihr Unterbewusstsein konstant gearbeitet.

Sie waren noch nicht lange durch den Tannenwald gegangen, als vor ihnen unvermittelt ein großes Zelt auftauchte. Die grünen Planen, die zwischen den Ästen der Bäume aufgespannt waren, verschmolzen so gut mit dem Hintergrund, dass Emba es zunächst gar nicht bemerkt hatte. Bakari blieb vor der geschlossenen Öffnung stehen, und Embas Herz schlug ihr auf einmal bis zum Hals. Baldur, der ihre Nervosität bemerkte, stellte sich dicht neben sie und vergrub seine warme Schnauze in ihrer Hand.

Es wird alles gut werden.

Bakari räusperte sich laut, und eine weibliche Stimme antwortete von drinnen: »Ja?« Doch anstatt hineinzugehen, trat Bakari beiseite und machte Emba den Weg frei. Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Du kannst eintreten.«

Emba nickte benommen. Baldur folgte ihr auf dem Fuße, als sie die Zeltplane beiseiteschlug und geduckt eintrat. Emba hatte sich kaum wieder aufgerichtet und an das dämmrige Licht im Inneren des Zeltes gewöhnt, als ihr Blick von zwei Augen gefangen genommen wurde. Augen, die dasselbe helle Grün hatten wie die ihren. Sie erkannte Jasmo, den sie vor kaum vierundzwanzig Stunden vor der Jägerschule von Pantreàs zum ersten Mal getroffen hatte – es schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Die Frau mit den langen dunklen Haaren, dem knielangen Oberteil über schwarzen Jeans und den grünen Gummistiefeln kannte sie jedoch nur von Fotos …

»Mama?«

Embas Knie gaben nach, doch ehe sie zu Boden fallen konnte, war die Frau bereits bei ihr, schloss sie in die Arme und hielt sie fest. »Mama«, schluchzte Emba. Das Wort schmeckte ungewohnt und neu auf der Zunge. Es war ein Geschmack, von dem sie nie geglaubt hatte, ihn einmal kosten zu dürfen. Sie vergrub ihr Gesicht in einer weichen Mähne dunklen Haars, und ihr Schluchzen mischte sich mit dem ihrer Mutter. »Emba, mein Schatz«, hörte sie sie dicht an ihrem Ohr. »Endlich.«

Erst später kam Emba in den Sinn, wie merkwürdig es im Grunde war, dass sie diese fremde Frau sofort mit Herz und Seele als ihre Mutter erkannt hatte. Doch es fühlte sich einfach richtig an, in ihren Armen zu liegen und ihren Duft einzuatmen. Und als sie Emba schließlich auf Armeslänge von sich hielt, mit den Fingern über ihre Wange strich und flüsterte: »Lass dich angucken! Wie wunderschön du bist! Eine richtige junge Frau!«, da erkannte Emba ohne jeden Zweifel das Gesicht wieder, dass sie unzählige Male auf alten Bildern betrachtet hatte. Zwar waren auf den Bildern noch keine kleinen Falten um Mund und Augenwinkel zu sehen gewesen und auch keine grauen Strähnen in ihren Haaren, doch das Lächeln war dasselbe. Die Tränen strömten ihnen beiden noch immer über die Wangen, als Jasmo sich dazwischendrängelte und Emba in eine rippenbrechende Umarmung schloss. »Tut mir leid, dass ich dir so einen Schrecken eingejagt habe, Schwesterchen«, sagte er, bevor sie sich wieder voneinander lösten.

Emba schüttelte nur den Kopf, zu überwältigt von ihren Gefühlen, um antworten zu können.

»Und du musst Baldur sein.« Rahel wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und beugte sich hinab, um Baldur über den Kopf zu streicheln. Der ließ es sich gefallen und wedelte mit dem Schwanz. Besonders enthusiastisch begrüßte er jedoch Jasmo. Verwundert sah Emba zu, wie Baldur an ihm hochsprang und ihm das Gesicht ableckte. Jasmo fiel unter seinem Gewicht beinahe hintenüber und wehrte ihn lachend ab. »Ist ja gut! Ich freue mich ja auch, dich zu sehen, alter Freund!«

In diesem Moment tauchte Beppo auf, setzte sich vor Emba auf den Boden und sah mit heraushängender Zunge zu ihr auf. Emba lächelte und wuschelte ihm durch das dicke Fell auf seinem großen Kopf. »Tut mir leid, dass ich dich gejagt habe, Beppo.«

Schon in Ordnung, antwortete eine Stimme in ihrem Kopf. Das war ja irgendwie auch Sinn der Sache.

Emba schüttelte verwirrt den Kopf. An dieses Auftauchen fremder Stimmen zwischen ihren eigenen Gedanken würde sie sich erst noch gewöhnen müssen.

Erst jetzt nahm Emba den Rest des Raumes wahr. Öffnungen in Decke und Wänden ließen Licht ein, und ihr Blick fiel auf drei Schlafstätten am Boden und einen Campingtisch mit Stühlen. Sogar ein paar richtige Möbelstücke konnte sie entdecken. Ein Schubladenschränkchen, ein Ohrensessel und eine große Holztruhe standen entlang der Zeltwände. Ein Paar Hausschuhe neben dem Sessel und eine ausgebleichte geblümte Tischdecke auf dem Campingtisch gaben der Einrichtung etwas Heimeliges, fast Normales. Embas Verstand nahm all diese Details überdeutlich wahr, als flüchtete er vor seiner eigentlichen, aber weit schwierigeren Aufgabe: zu verarbeiten, dass Emba gerade ihre Mutter und ihren Bruder wiedergefunden hatte.

Jasmo lotste sie schließlich zu einem der Campingstühle, und Rahel zauberte von irgendwo eine Kanne heißen Tees und einen Teller mit Butterbroten hervor. Emba bemerkte erst jetzt, wie hungrig sie war, und langte dankbar zu. Eine Weile saßen sie schweigend beieinander, während Emba kaute und Rahel und Jasmo sich die Hände an den dampfenden Tassen wärmten. Baldur und Beppo saßen am Boden neben ihren Füßen.

»Das alles muss ziemlich unglaublich für dich sein«, sagte Jasmo und grinste schwach.

Emba konnte nicht damit aufhören, von einem zum anderen zu blicken und dabei zu denken: Ich habe eine Mutter. Ich habe einen Bruder. Gedämpft wurde ihre Freude nur durch die Ahnung, dass sie dafür ihren Vater verloren hatte. Doch diesen Gedanken schob sie im Moment, so gut es ging, beiseite. »Ja, für euch etwa nicht?«, entgegnete sie.

Rahel lächelte und legte eine Hand auf Embas Arm. Emba spürte die Berührung durch ihren Jackenärmel – sie trug noch immer die graue Jägerschuluniform – und bekam eine wohlige Gänsehaut. »Wenigstens haben wir immer gewusst, dass du da draußen bist. Seitdem ich von dir getrennt wurde, ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe. An dem ich mir nicht dein Gesicht vorgestellt habe und mich gefragt habe, was du wohl gerade machst. Ob es dir gut geht.« Ihre Stimme erstarb, und Rahel musste sich erst fangen, ehe sie weitersprechen konnte. »Doch immerhin haben wir immer gewusst, dass du eines Tages zu uns zurückkehren würdest.«

»Aber warum erst jetzt?« Emba wollte diesen Moment nicht zerstören, doch sie vermochte den Unmut und den Vorwurf nicht zu unterdrücken, die in ihrer Stimme mitklangen. »Warum habt ihr mich so lange in dem Glauben gelassen, ihr wärt tot? Ein winziges Zeichen hätte doch genügt. Eine Nachricht …« Auch ihre Stimme brach, und sie sah auf die Teetasse in ihren Händen, während sie gegen die Tränen ankämpfte. Betretenes Schweigen breitete sich aus.

»Du durftest es nicht wissen«, sagte Jasmo schließlich leise. »Aus verschiedenen Gründen.«

»Was für Gründe?«

Diesmal war es Rahel, die antwortete. »Es gehörte zu dem Abkommen, das ich damals mit Elias schloss.« Ihre Stimme klang bitter, und sie mied Embas Blick. »Ich konnte nur mit Jasmo und Beppo fliehen, wenn du bei ihm bleiben würdest. Und Elias hätte dich nie in Pantreàs behalten können, wenn du die ganze Wahrheit gewusst hättest.«

»Du meinst, wenn ich gewusst hätte, dass Runare keine menschenfressenden Ungeheuer sind, sondern magische Wesen.« Emba sprach lauter als nötig und mit einem höhnischen Unterton. »Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich vielleicht etwas tun können! Ich hätte etwas gegen das Ausrotten der Runare unternehmen können!«

Rahel schüttelte entschieden den Kopf. Ihre Worte waren hart, doch ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck flehten um Verständnis. »Gar nichts hättest du tun können. Elias hätte dich sofort zu uns gebracht. Er weiß von alldem. Und er wird bis an sein Lebensende dafür kämpfen, dass sonst niemand davon erfährt.«

»Du hast mich also eingetauscht!« Die Worte waren raus ehe Emba sie zurückhalten konnte, und ihr wurde bewusst, dass sie schon eine ganze Weile in ihrem Hinterkopf gehockt und geflüstert hatten. »Du hast mich geopfert, um Jasmo und Beppo retten zu können.«

Rahel sah aus, als litte sie innerlich Höllenqualen. »Bitte sag das nicht«, flüsterte sie. »Ich hatte keine andere Wahl.«

Emba war zu aufgebracht, um beurteilen zu können, ob das die Wahrheit war oder nicht. Doch sie entschied, das Thema fallen zu lassen. »Warum dann also jetzt?«, fragte sie. »Warum erzählt ihr mir jetzt davon, wenn es euch doch so gut in den Kram gepasst hat, mich unwissend zu lassen?«

»Das war so nicht geplant«, antwortete Jasmo. »Eigentlich hätte Bakari einen kleinen Abstecher mit dir machen sollen, als er dich zu Beginn der Ferien bei der Jägerschule abgeholt hat. Doch leider kam etwas dazwischen.«

Emba wurde mit jeder Minute verwirrter. »Was ist überhaupt mit Bakari? Wie kommt es, dass P-« – einen Moment lang hatte sie Paps sagen wollen, doch das Wort blieb ihr im Halse stecken – »… dass Elias einen Abtrünnigen bei sich arbeiten lässt?«

»Er weiß nichts davon.« Jasmos Mundwinkel zuckten. »Bis gestern Nacht hielt er Bakari für einen seiner ergebensten Angestellten. Bakari hat jahrelang darauf hingearbeitet, sein vollstes Vertrauen zu gewinnen. Das alles ist jetzt natürlich hinfällig.«

»Immerhin hat Bakari etwas getan!«, ereiferte sich Emba. »Er hat Baldur gerettet und uns beiden bei der Flucht geholfen, während ihr euch hier im Wald verkriecht!«

Jasmo rief aus: »Wir haben uns nie verkrochen!« Auch er war nun offensichtlich verärgert.

Rahel hob beschwichtigend die Hände. »Bitte«, war alles, was sie sagte. Doch es reichte, um ihre Kinder zur Vernunft zu bringen. Gleichermaßen beschämt sahen sie hinunter auf die ausgebleichten bunten Blümchen des Tischtuchs.

Rahel seufzte. »Ich schätze, wir müssen fast ganz am Anfang beginnen, damit du alles verstehst, Emba.«

Emba nickte wortlos.

»Es mag für dich tatsächlich so aussehen, als hätten wir uns hier verkrochen«, sagte Rahel ruhig. »Doch du musst verstehen, wie schwierig unsere Situation ist. Würde unser Aufenthaltsort entdeckt, müssten wir alle um unser Leben fürchten. Nirgendwo können wir lange bleiben. Wir ziehen rastlos von einem Ort zum anderen, immer unter dem Schutz unserer Tarnzauber. Offiziell gelten wir zwar als nicht existent, und die Menschen halten uns für eine Legende, doch die Führung von Industria weiß, dass wir sehr wohl real sind, und sie wird nicht zögern, uns zu vernichten.«

Die Führung von Industria bedeutete vor allem Elias, dachte Emba bei sich. Ob er wirklich, ohne zu zögern, Menschen töten lassen würde, obwohl er wusste, dass sein Sohn und die Mutter seiner Kinder darunter waren?

Jasmo ergriff das Wort. »Doch wir sitzen keineswegs tatenlos herum.« Es schien ihm wichtig, diesen Punkt zu klären. »Wir haben einen Plan. Wir werden Industria stürzen und die Runare retten.«

Emba horchte auf. »Was für einen Plan?«

Jasmo öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn dann jedoch wieder und druckste herum. »Nun ja, um ehrlich zu sein … hat sich der Plan kurzfristig geändert.«

Emba sah fragend zwischen ihm und Rahel hin und her.

»Es ist so«, übernahm Rahel wieder, »dass ein besonders wichtiges Element des Plans sich letzte Nacht völlig verschoben hat.«

Sowohl sie als auch Jasmo sahen Emba an. Und plötzlich fiel der Groschen. »Der Plan hatte mit mir zu tun?«

Er hat nicht nur mit dir zu tun. Du bist Hauptbestandteil des Plans, merkte Beppo an und bellte zweimal laut, um seine Worte zu unterstreichen.

»Was soll das heißen?«, fragte Emba laut in die Runde.

Rahel sprach vorsichtig, als befürchtete sie, Emba erneut in Rage zu versetzen. »Die Idee entstand schon vor Jahren. Im Grunde bald nachdem ich mit Jasmo in den Armen wieder hier im Camp eintraf. Im Laufe der Zeit entwickelte sie sich zu einem handfesten Plan. Und all unsere Hoffnungen beruhten tatsächlich auf dir.«

»Beruhten«, wiederholte Emba, der die Vergangenheitsform nicht entgangen war.

Rahel nickte ernst. »Wir bauten darauf, dass du bei Elias aufwachsen und eines Tages sein Erbe antreten würdest. Wir schleusten Bakari bei Elias ein, um immer ein Auge auf dich und deine Entwicklung zu haben. Wenn die rechte Zeit gekommen wäre, so unsere Vorstellung, würden wir dir alles erzählen, und du würdest dank deiner Position innerhalb der Firma etwas bewegen können.«

»Doch ich weigerte mich, in der Firma zu arbeiten«, spann Emba den Faden weiter. »Ich ging an die Jägerschule.«

»Das war zunächst eine herbe Enttäuschung, doch es markierte noch nicht das Ende unseres Plans«, entgegnete Rahel. »Wir vertrauten darauf, dass du deinem Vater immer nahestehen und über alles, was in der Firma vor sich ging, Bescheid wissen würdest. Vor allem aber war wichtig, dass du jederzeit in der Firma ein und aus gehen könntest, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Schließlich erkannten wir, dass es sogar erhebliche Vorteile brachte, wenn du auf dem Schulgelände lebtest. Du warst uns näher und nicht mehr im ständigen Einflussbereich von Elias. Es wäre weitaus einfacher für Bakari gewesen, dich hierher zu bekommen. Außerdem warst du in direkter Nähe zu Baldur.«

»Als wir herausfanden, dass Elias deine Aufnahme an der Jägerschule zu verhindern versuchte«, ergänzte Jasmo verschmitzt, »beschlossen wir also einzugreifen.«

Mutter und Sohn sahen Emba an und schienen darauf zu warten, dass der Groschen fiel. Doch das tat er nicht. »Was meinst du damit?«

Jasmo erklärte: »Ich beobachtete ein Gespräch zwischen Elias und der Schulleiterin. Er sagte, du dürftest auf keinen Fall die Eignungsprüfung bestehen, und sie entgegnete etwas wie: Gar kein Problem! Wir manipulieren einfach ihren Test. Nehmen wir den hier mit der Lösung Bitterschokolade

Embas Mund formte sich zu einem stummen O.

Jasmo lachte über ihren Gesichtsausdruck. »Wir kannten also die Lösung deiner unlösbaren Prüfung. Doch wie sollten wir sie dir mitteilen, ohne dass du Verdacht schöpftest? Ich wusste es nicht und überließ Bakari die Aufgabe. Mir blieb nur noch, Elias am Tag der Prüfung abzulenken, indem ich mit ein bisschen Magie sein PME manipulierte. Ich hätte Bakari allerdings ohrfeigen können, als er auf einmal anfing zu behaupten: Meine Mutter sagte immer: Bitterschokolade ist die Lösung für alles!« Jasmo fiel fast vom Stuhl vor Lachen. Er schien sich köstlich zu amüsieren. »Doch wer hätte das gedacht?! Es funktionierte!«

Emba erinnerte sich an den merkwürdig nachdrücklichen Kommentar von Bakari und wie sie das alles für einen sonderbaren Zufall gehalten hatte.

Rahel fuhr fort: »Wie auch immer. In den letzten Jahren wurden unsere Pläne konkreter. Überall auf der Welt bereiten sich Abtrünnige darauf vor, Firmengebäude von Industria anzugreifen …«

Emba schwirrte der Kopf. »Moment! Das geht mir jetzt alles etwas zu schnell. Es gibt mehr von euch? Ihr wollt Industria angreifen?«

Jasmo kam Rahel zuvor. Er schien sich von seinem Lachanfall erholt zu haben. Eifrig erzählte er: »Natürlich gibt es mehr von uns! Du würdest nicht glauben, wie viele Abtrünnigen-Camps über die ganze Welt verteilt sind. Doch erst seit ein paar Jahren haben wir die Möglichkeit, effektiv mit ihnen zu kommunizieren und uns zu organisieren.«

Er schien das genauer ausführen zu wollen, doch Rahel unterbrach ihn: »Es geht dabei nicht darum, Menschen zu verletzen. Unsere Idee ist folgende: Industria hat überall auf der Welt große Energiespeicher, die von den Jägern versorgt werden und die Energie an Städte, Industrie, Straßen und Haushalte weiterleiten. Wenn wir diese Energiespeicher zerstören würden, müsste die Energie entweichen und zurück in die Umwelt gelangen. Doch vor allem würde diese plötzliche Freisetzung von Energie sicher dafür sorgen, dass einigen Menschen in der nächsten Umgebung Runare geboren würden.« Sie lächelte. »Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Menschen von dem wahren Wesen der Runare und der Magie zu überzeugen, als ihnen einen eigenen Runar zu verschaffen.«

Emba war wenig überzeugt. »Wisst ihr das alles sicher? Was passieren wird, wenn man die Energiespeicher zerstört?«

»Es wurde natürlich nie getestet«, entgegnete Rahel ausweichend. »Doch es ist mehr als anzunehmen, dass genau das eintreffen wird.«

Ja, dachte Emba. Oder es kommt zu einer gewaltigen Energie-Explosion, die alles in der Umgebung dem Erdboden gleichmacht. Doch laut sagte sie: »Was hat das alles mit mir zu tun?«

»In Pantreàs haben wir sozusagen eine Sondersituation«, führte Rahel aus. »Der Hauptfirmensitz beherbergt zugleich den Energiespeicher für die umgebende Region.«

Emba dachte an den hohen Wolkenkratzer, der von einer gewaltigen Kugel gekrönt wurde – ein Wahrzeichen sowohl der Skyline von Pantreàs als auch der Firma ihres Vaters.

»Es wäre dir als Tochter von Elias ein Leichtes gewesen, in das Gebäude zu kommen«, fuhr Rahel fort. »Du hättest eine Lösung finden können, die Energie zu entlassen, ohne dass wir das Gebäude mit magischen Angriffen hätten attackieren müssen.«

»Tja, das war vielleicht einmal«, sagte Emba. »Nach letzter Nacht lassen die mich bestimmt nicht mehr da reinspazieren. Vielleicht hättet ihr mir doch von eurem tollen Plan erzählen sollen.«

»Das wollten wir ja …« Rahel hielt inne und sah zu Jasmo.

»Ist ja gut! Ich weiß es ja!«, rief dieser plötzlich wütend aus und hob in gespielter Ergebung die Hände. »Ich hab’s verbockt! Aber verdammt noch mal, wir haben nun mal keine Zeit mehr zu verlieren!«

Rahel seufzte schwer, und Emba vermutete, dass sie hierüber in den letzten paar Stunden schon ausgiebig diskutiert hatten. »Eigentlich solltest du alles erfahren«, erklärte sie an Emba gewandt. »Wir hatten vor, dass Bakari dich für die Ferien abholen und nicht direkt nach Pantreàs, sondern hierher zu uns fliegen würde. Wir hätten dir die Runare zeigen können, du hättest Jasmo und mich getroffen, und wir hätten dir alles erklärt. Danach wärt ihr zu Elias weitergefahren und hättet eine Ausrede benutzt, um die Verspätung zu erklären.«

»Das wäre aber eine gewaltige Verspätung«, bemerkte Emba. Da sie unterwegs eingeschlafen war, hatte sie keine genaue Vorstellung von der Länge ihres Flugs. Doch sie bemerkte, dass es draußen bereits wieder dämmerte. Und solch kalte Nadelwälder gab es nur auf den Bergen – doch hier war man auf keinem – oder in nördlichen Breitengraden. Sie mussten also eine gewaltige Strecke geflogen sein, um hierher zu gelangen.

»Es wäre uns schon etwas eingefallen«, behauptete Rahel. »Wie gesagt, Elias vertraute Bakari vollkommen. Doch wir hatten nicht vorhergesehen, dass du einen Freund mitbringen würdest.«

»Fynn«, sagte Emba überrascht. Auf einmal schien Bakaris schlechte Laune bei seinem Anblick einen Sinn zu machen.

»Ganz genau«, sagte Jasmo grimmig. »Und als dann noch die Rede davon war, dass er die nächsten Ferien wieder dabei sein würde, war klar, dass wir in nächster Zeit keine günstige Gelegenheit mehr kriegen würden, um dich hierher zu holen. Die einzige vernünftige Lösung für das Problem war, zu dir zu kommen!«

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen, pflichtete Beppo neunmalklug bei.

»Wir haben über diese Möglichkeit diskutiert …«, begann Rahel, doch Jasmo schnitt ihr das Wort ab: »Ja, und wenn hier erst einmal etwas diskutiert wird, dann wird nicht mehr so bald damit aufgehört!«

»Jasmo«, erwiderte Rahel scharf. »Ich möchte mit dir nicht mehr darüber streiten. Was geschehen ist, ist geschehen, und wir werden das Beste daraus machen. Aber ich glaube, du besitzt genug Verstand, um einzusehen, dass du einen Fehler begangen hast.«

Jasmo wich ihrem Blick zerknirscht aus. Er klang weitaus weniger überzeugt, als er sich mit den Worten verteidigte: »Ich wollte nicht noch mehr Zeit ins Land ziehen lassen! Überall auf der Welt nehmen die Angriffspläne der Abtrünnigen konkrete Formen an, nur wir tun nichts als warten, warten, warten. Warten auf den richtigen Augenblick, der niemals kommen wird! Emba musste erfahren, was los ist!«

»Ja, das ist richtig«, sagte Rahel, nun versöhnlicher. »Doch das Ganze hätte etwas besser geplant werden müssen.«

»Ich wollte doch, dass sie wieder zu mir zurückkehrt«, sagte Jasmo kleinlaut. »Sie sollte Baldur finden und wiederkommen.« Er sah Emba entschuldigend an. »Hätte ich denn ahnen können, dass du gleich alle Runare freilässt und auf und davon fliegst, nach Pantreàs, um Elias alles brühwarm zu erzählen?«

Emba erwiderte seinen Blick ungläubig und antwortete mit einer Gegenfrage: »Hast du ernsthaft von mir erwartet, dass ich da drinnen meinen Runar eingesperrt vorfinde, einmal Hallo sage und wieder zu dir rausspaziere? Dass ich mir in Ruhe alles anhöre, was du mir erzählst, und dann meine Rolle als brave Jägerschülerin und Tochter weiterspiele, als wüsste ich von nichts?«

Jasmo zuckte mit den Schultern. »Ich schätze schon, ja.«

»Dann kennst du mich aber verdammt schlecht.«

»Das stimmt.« Jasmo sah Emba an. »Ich kenne dich verdammt schlecht.«

Rahel klatschte in die Hände und setzte ein fröhliches Gesicht auf. »Umso mehr sollten wir die kommende Zeit dafür nutzen, einander kennenzulernen.« Sie nickte Jasmo zu – es machte auf Emba den Eindruck, als wäre es ein verabredetes Zeichen. Dann sah sie Emba mit einer Mischung aus Vorfreude und Beklommenheit an. »Es gibt da noch zwei Personen, die ich dir gerne vorstellen würde, ehe wir uns der Masse präsentieren.« Sie lachte, um zu zeigen, dass es sich bei Letzterem um einen Scherz handeln sollte.

Emba hob fragend eine Augenbraue. »Ja? Wen?«

Im nächsten Moment hörte sie Schritte und die helle Stimme eines Kindes draußen vor dem Zelt. Eine dunkle Männerstimme antwortete etwas Unverständliches, und kurz darauf wurde die Zeltplane beiseitegeschlagen. Zwei Gestalten traten herein. Ein kleines Mädchen, das ein rundes, felliges Kuscheltier an die Brust presste, und ein hochgewachsener Mann mit einem langen Pferdeschwanz.

Rahel erhob sich und sagte: »Emba, ich würde dir gerne Wiglas vorstellen, meinen Mann. Und Filippa, deine Halbschwester.«

Emba sah die beiden völlig perplex an. Mann? Halbschwester? Einen irrsinnigen Moment lang protestierte alles in ihr dagegen, dass Rahel Elias hier draußen mit einem anderen Mann betrogen haben und sogar ein Kind mit ihm bekommen haben sollte. Schon im nächsten Moment sagte sie sich, wie unbegründet diese Vorwürfe waren, doch ein leichtes Unbehagen blieb zurück, als sie aufstand und Wiglas die Hand schüttelte. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass Rahel und Jasmo ein ganzes Leben gelebt und aufgebaut hatten, von dem sie nichts wusste. Nicht das Geringste.

»Es ist mir eine Ehre, dich endlich kennenzulernen.« Wiglas’ Händedruck war fest und warm. Seine kantigen Gesichtszüge, die lange Nase und die braunen Augen hatten etwas Indianisches.

»Mama, Filippa nennt mich niiiiiemand!«, protestierte auf einmal eine helle Stimme. Das kleine Mädchen drängelte sich zwischen Wiglas und Emba und löste einen Arm von ihrem Kuscheltier, um Emba ebenfalls die Hand zu schütteln. Sie schien stolz über diese erwachsene Geste. »Du darfst mich Fipsi nennen«, verkündete sie gönnerhaft.

»Ähm, danke«, sagte Emba.

»Mama mag den Spitznamen nicht«, erklärte sie. »Aber niemand nennt mich Filippa außer ihr.«

»Fipsi klingt wie der Name eines Runars oder eines Haustiers«, sagte Rahel. Doch das Lächeln auf ihren Lippen verriet, dass sie diesen Kampf schon lange als verloren aufgegeben hatte.

Emba schätzte Fipsi auf etwa sieben Jahre. Ihr dickes braunes Haar reichte bis knapp unter das Kinn, nur eine einzelne Strähne war lang genug, dass sie sie flechten und einmal um ihren Kopf wickeln konnte. Eine Zahnlücke rechts neben den oberen Schneidezähnen verlieh ihr ein verschmitztes Aussehen, wenn sie lachte oder redete. Ihre Augen waren eine Mischung aus Rahels hellem Grün und Wiglas’ dunklem Braun.

»Und das ist Stoffel!« Stolz hielt sie Emba ihr Kuscheltier entgegen, das weder Arme noch Beine oder einen Kopf zu besitzen schien, sondern einfach nur ein haariger runder Ball war. Das weiche Fell stand in alle Richtungen ab, und Emba streichelte es unsicher. »Hallo, Stoffel …«

Auf einmal bewegte sich der Fellball. Emba schnappte erschrocken nach Luft und riss ihre Hand zurück, als zwei große Kulleraugen zwischen den Haaren auftauchten und sie anblinzelten.

Hallo, Emba!

»Er ist ein Runar!«, rief Emba aus.

»Ja, was hast du denn gedacht?«, fragte Fipsi empört. »Dass er ein Kuscheltier ist?«

»Sei nicht so frech«, ermahnte Rahel, während Stoffel sich aus Fipsis Griff befreite und auf den Boden fiel, von wo er federnd wieder absprang. Wie ein Flummi hüpfte er auf und ab, ehe er vor Baldur haltmachte, der ihn interessiert beschnupperte. »Emba ist noch nicht an Runare gewöhnt.«

Fipsi beäugte Emba von unten herauf. »Stimmt es, dass du eine Jägerin werden wolltest?«

»Ja, das stimmt.« Emba suchte nach den richtigen Worten. Sie war den Umgang mit kleinen Kindern nicht gewohnt. »Aber jetzt will ich das nicht mehr.«

»Das ist gut.« Fipsi nickte und schien ihr vergeben zu haben. »Warum sind deine Haare pink?«

»Na ja … weil ich sie so gefärbt habe.«

»Und warum?«

»Weil es mir so gefällt.«

Fipsi dachte kurz darüber nach. »Cool!«, entschied sie schließlich.

Rahel lachte. Wiglas hatte sich neben sie gestellt und einen Arm um sie gelegt. Emba kämpfte den Unwillen in sich nieder, der bei dem Anblick der beiden zusammen in ihr aufkeimte. Sie konnte sich ihre Gefühle selbst nicht recht erklären. Lag es daran, dass sie ihre Mutter gerade erst wiedergefunden hatte und sie nun doch mit jemand völlig Fremden teilen musste? Erwartete sie ernsthaft von Rahel, dass sie dem Mann treu blieb, der all ihre Ideale bekämpfte? Mittlerweile fragte sie sich, wie Rahel überhaupt jemals mit Elias hatte zusammenleben können. Sie würde sie in einer ruhigen Minute danach fragen müssen, was damals wirklich passiert war, als er sie bei den Abtrünnigen entdeckte und mit sich nach Pantreàs nahm.

»Die Menschen sind bereits versammelt.« Wiglas sprach zu Rahel, doch er war für alle deutlich zu hören. »Sie warten auf uns.«

Rahel nickte, und Sorge verdüsterte ihr Gesicht. An Emba gewandt erklärte sie: »Jasmo ist erst vor wenigen Stunden zurückgekehrt und die anderen Bewohner des Camps wissen noch nichts von … den Vorkommnissen. Aber hier bleibt natürlich nichts verborgen. Gerüchte machen bereits die Runde, dass etwas passiert ist und dass Emba höchstpersönlich eingetroffen ist.« Sie lächelte entschuldigend. »So wie wir für dich warst du für viele von uns immer eine Art Legende. Wir haben für heute Abend eine Versammlung einberufen, um alles Weitere zu besprechen. Aber du kannst gerne hierbleiben, wenn dir das alles zu viel ist.«

Emba schüttelte entschieden den Kopf. »Ich komme mit.«

Man sah Rahel an, dass es ihr lieber gewesen wäre, Emba hätte zugestimmt und so lange im Zelt gewartet. Doch sie akzeptierte ihre Entscheidung. »Also gut. Dann los!«

Die Abtrünnigen

»Ihr selbst nennt euch tatsächlich auch so? Die Abtrünnigen?«, fragte Emba, nachdem sie das Zelt verlassen hatten und durch den Wald gingen. Fipsi und Stoffel hüpften vorne weg, dahinter folgten Rahel und Wiglas, und Emba und Jasmo bildeten das Schlusslicht, begleitet von Baldur und Beppo.

Jasmo grinste. »Wir haben uns den Namen nicht selbst gegeben. Aber irgendwie wurde er wohl mit der Zeit übernommen.« Er zuckte mit den Schultern. »Mir gefällt er. Sein negativer Beiklang hat irgendwie etwas Lächerliches, wenn wir uns selbst so nennen, nicht? Und außerdem schwingt etwas Kämpferisches, Revolutionäres darin mit.«

Auf einmal durchschnitt ein durchdringender Schrei die Luft, und ein bunt schillernder Vogel segelte knapp über ihre Köpfe hinweg. Emba duckte sich erschrocken und sah ihm ungläubig hinterher. Sein Gefieder glänzte und leuchtete in allen Regenbogenfarben, lange Schwanzfedern und eine beachtliche Flügelspannweite gaben ihm ein majestätisches Aussehen. Emba hatte noch nie von einem solchen Vogel gehört. Wenn überhaupt, dann hätte sie ihn für einen Papagei aus den Regenwäldern gehalten. Erst als er gekonnt auf Wiglas’ Schulter landete, erkannte sie, dass es sich um dessen Runar handeln musste. Sie fing einen amüsierten Blick von Jasmo auf und errötete. Rahel hatte recht, sie hatte sich einfach noch nicht an Runare gewöhnt.

Ihr Weg durch den Wald führte an zahlreichen Zelten und einfachen Hütten aus Planen, Brettern und Wellblech vorbei. Kaum eine der Behausungen war jedoch so groß wie das Zelt, in dem sie gerade gesessen hatten und von dem Emba vermutete, dass es Rahel und Wiglas gehörte. Emba sah sogar einen eingezäunten Stall voll gackernder Hühner. Wäsche hing an Leinen zwischen den Baumstämmen, erkaltete oder glühende Kochstellen sprenkelten den Boden, Campinggeschirr und Schuhe zeugten davon, dass eine Menge Leute hier wohnten. Sehen konnte Emba jedoch niemanden.

»Wo sind denn alle?«, fragte sie Jasmo.

»Auf der großen Lichtung.«

Kurz darauf vernahmen sie Stimmengewirr, und in der Ferne tauchten Menschen zwischen den Baumstämmen auf. Sie standen dicht an dicht, doch machten sie respektvoll Platz, als Rahel und Wiglas auf sie zukamen. Die beiden grüßten freundlich, und die Menschen grüßten zurück. Als die Umstehenden jedoch Emba bemerkten, verstummten die Gespräche, und alle Blicke schienen ihr zu folgen.

»Komm schon!« Jasmo zog sie mit sich durch die Reihen der Menschen, bis sie auf eine große gras- und moosbewachsene Lichtung blicken konnten. Deren Mitte war leer, aber der Rand war ringsum von Menschen in allen Altersklassen gesäumt. In den vorderen Reihen saßen sie auf Decken und Jacken am Boden oder auf Kisten und Campingstühlen. Ihre Zahl war schwer einzuschätzen, da die hinteren Reihen im Wald verschwanden und die Letzten kaum zu sehen waren. Es mochten an die dreihundert sein. Doch es waren nicht nur Menschen, die sich hier versammelt hatten. Emba sah stehende, fliegende, schwirrende, krabbelnde und hüpfende Wesen aller Art und Größe. Runare.

Jasmo, Fipsi, Rahel und Emba blieben am Rande der Lichtung stehen, Beppo, Stoffel und Baldur zu ihren Füßen. Wiglas jedoch ging bis zur Mitte. Der große Vogel flog von seiner Schulter auf und landete stattdessen auf dem Ast einer nahe stehenden Lärche.

»Wiglas ist momentan das gewählte Oberhaupt des Dorfes«, wisperte Jasmo Emba zu. »Mal wieder.« Emba konnte nicht sagen, ob er mit den letzten beiden Worten seinem Unmut darüber Ausdruck verleihen oder nur erklären wollte, dass Wiglas schon öfter wiedergewählt worden war.

»Danke, dass ihr alle gekommen seid«, sagte Wiglas laut und drehte sich einmal um die eigene Achse, um alle Versammelten in seine Begrüßung einzuschließen. »Bitte beachtet wie immer, dass ihr nicht als bloße Zuhörer gekommen seid. Jeder hier hat das Recht, sich Gehör zu verschaffen, ob Mensch oder Runar. Und jeder hat das Recht, gehört zu werden.« Er machte eine kleine Pause, als wartete er darauf, dass sich jemand zu Wort meldete. Als alles still blieb, verkündete er: »Leider habe ich schlechte Neuigkeiten für euch.«

Alle Gespräche waren mittlerweile verstummt, und eine geradezu gespenstische Stille hatte sich über die Lichtung gesenkt, nur durchbrochen von dem Schrei eines Babys aus den hinteren Reihen.

Wiglas fuhr fort: »Tatsächlich hat Emba von uns erfahren – auf eine Art und Weise, die so nicht geplant war.« Emba spürte, wie Jasmo sich neben ihr versteifte, und auch Beppo hob wachsam seine großen Schlappohren. Rahel legte ihrem Sohn beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm. »Es führte dazu, dass sie überstürzt handelte und bei ihrem Vater in Ungnade fiel.« Aufgebrachtes Stimmengewirr erhob sich. Emba spürte unzählige Blicke auf sich ruhen.

»Ist sie das?«, hörte sie jemanden hinter sich fragen.

»Das muss sie sein!«

»Seit wann ist sie da?«

Wiglas bat um Ruhe, doch erst als sich eine laute Männerstimme über die anderen hinweghob, verstummten die anderen, als warteten sie gespannt auf eine Antwort: »Was bedeutet das für den Plan?«

»Es bedeutet«, sagte Wiglas düster, »dass der Plan geplatzt ist.«

Erneut brach Unruhe aus, heftiger diesmal. Jasmo schüttelte Rahels Hand unvermittelt ab und stürmte auf die Lichtung.

»Jasmo!«, rief Rahel, doch er tat, als hätte er sie nicht gehört.

»Der Plan ist nicht geplatzt!«, rief Jasmo laut und aufgebracht. »Wir können den Hauptsitz von Industria immer noch genauso angreifen, wie es all unsere Verbündeten überall auf der Welt tun! Offensiv! Ohne List und Tücke, mit der vereinten Kraft unserer magischen Fähigkeiten!«

Er musste laut schreien, um sich über den allgemeinen Tumult hinweg Gehör zu verschaffen. An der gegenüberliegenden Seite der Lichtung kämpfte sich eine Frau nach vorne und trat ebenfalls ein paar Schritte auf die Lichtung: »Du warst es doch sicher! Du hast es versaut!«

Mehrere Stimmen aus der Menge pflichteten ihr bei:

»Jasmo hat sich die gesamten letzten Wochen dafür ausgesprochen, Emba vor der Schule aufzulauern!«

»Dein vorschnelles Handeln hat alles zunichtegemacht!«

»Wir hatten noch keine Entscheidung getroffen!«

Jasmo wurde rot vor Erregung. Beppo, der ihm auf die Lichtung gefolgt war, saß zu seinen Füßen. »Ja, und wen wundert das?«, rief Jasmo laut, die letzte Bemerkung aufgreifend. »Hier wird doch nie etwas beschlossen! Es war klar, dass Bakari in absehbarer Zeit keine Chance mehr haben würde, Emba alleine von der Jägerschule abzuholen oder sie dorthin zu bringen. Sie musste auf anderem Wege von uns erfahren!«

Nun riefen alle durcheinander. Emba fühlte sich zunehmend unwohl, und auch Rahel sah todunglücklich aus. Sie hatte eine ähnliche Szene wohl befürchtet und gehofft, Jasmo zurückhalten zu können, vermutete Emba.

»RUHE BITTE!« Wiglas’ Stimme schallte laut und durchdringend durch die Luft. Ein Zauber?, fragte sich Emba. Immerhin tat es seine Wirkung, und die Menschen verstummten.

»Deine Argumente sind durchaus nachvollziehbar, Jasmo«, sagte Wiglas in normaler Lautstärke. »Doch das heißt noch lange nicht, dass du eigenmächtig handeln darfst. Wir sind eine Gemeinschaft, die nur zusammen existieren kann, wenn wir Rücksicht aufeinander nehmen.«

»Und alles totdiskutieren«, murmelte Jasmo laut genug, um gehört zu werden.

Wiglas ging darauf nicht ein. Sein Gesichtsausdruck blieb neutral, doch Emba hatte erneut den Eindruck, dass dieses Thema zwischen ihnen bereits zu einem Streit geführt hatte. Vermutlich hatten Wiglas und Rahel Jasmo schon eine ordentliche Strafpredigt gehalten, ehe sie das nun mit den versammelten Campbewohnern besprachen. »Du kannst zurücktreten.«

Es war formuliert wie ein höflicher Vorschlag, doch allen war klar, dass es ein Befehl war. Emba begann zu begreifen, warum Wiglas zum Oberhaupt gewählt worden war. Sie hatte selten jemanden mit so wenig Mitteln so viel Autorität ausstrahlen sehen. Jasmo ging gemessenen Schrittes und mit erhobenem Kinn zurück an seinen Platz neben Emba, dicht gefolgt von Beppo. Die Umstehenden verkniffen sich jegliche Kommentare. Auch Rahel schwieg.

Jasmo hat recht. Emba sah erschrocken auf. Mittlerweile wusste sie zwar, dass Runare nicht über Laute, sondern über Gedanken kommunizierten. Trotzdem war es immer noch ungewohnt für sie. Jetzt hielt sie Ausschau nach dem Besitzer des dünnen Stimmchens, das in ihrem Kopf aufgetaucht war, und entdeckte eine Art großen blauen Käfer, der mit summenden Flügeln auf die Lichtung geflogen kam und dort in der Luft über den Köpfen der Menschen auf der Stelle schwirrte. Emba in die Firma einzuschleusen wäre natürlich die elegantere Lösung gewesen. Doch wenn das nicht mehr möglich ist, müssen wir das Firmengebäude von Industria angreifen! Wenn wir alle zusammen den Energiespeicher attackieren, wird er uns nicht standhalten können.

Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Beppo bellte, und Jasmo lächelte zufrieden.

Wiglas schien über diesen Vorschlag nicht besonders begeistert, doch als Wortführer der Versammlung hatte er wahrscheinlich eine gewisse Verpflichtung, neutral zu bleiben. »Das stellt uns vor völlig neue Herausforderungen«, sagte er nun mahnend. »Wir müssen unsere Magier ungesehen nach Pantreàs einschleusen. Und wir werden vom Boden aus auf einen Energiespeicher hoch oben auf dem Dach eines der höchsten Gebäude von Pantreàs feuern müssen.«

Ungesehen nach Pantreàs zu gelangen, sollte kein Problem darstellen. Ein vierbeiniger bepanzerter Runar, der ein wenig Ähnlichkeit mit einer großen Schildkröte hatte, schob sich auf die Lichtung. Wir werden ganz einfach Tarnzauber verwenden.

Eine schlanke Frau in einer altmodischen Regenjacke widersprach: »Wenn die Konzentration der Magier sich auf die Attacke des Energiespeichers fokussiert, werden viele von ihnen Probleme damit haben, die Tarnzauber aufrechtzuerhalten.«

»Was macht es für einen Sinn, sie während der Attacke aufrechtzuerhalten? Wir können sie dann fallen lassen und uns vollkommen auf den Angriff konzentrieren!«, warf ein vollbärtiger Mann ein.

»Was es für einen Sinn macht? Wir werden sichtbar werden und damit angreifbar!«

»Niemand hat behauptet ein Angriff auf das Hauptgebäude von Industria wäre ungefährlich.«

Ein aufgeregter Wortwechsel entfaltete sich, bei dem Wiglas Mühe hatte, für Ruhe zu sorgen und immer nur eine Person oder einen Runar reden zu lassen. Emba hatte das Gefühl, von allem nur die Hälfte zu verstehen. Was ein Tarnzauber war, wusste sie bereits, doch was genau sollte sie sich unter magischen Attacken vorstellen? Es war von Schulungen und Übungen die Rede, von Besprechungen mit anderen Abtrünnigen-Lagern und sogenannten »Pools«, für die Freiwillige gesucht wurden. Fipsi bat schon nach kurzer Zeit bei Rahel um die Erlaubnis, spielen gehen zu dürfen, und sie und Stoffel machten sich aus dem Staub.

Abenddämmerung senkte sich schließlich über die Lichtung, während unermüdlich weiterdiskutiert, abgewogen und ausgemacht wurde. Schließlich war es so dunkel, dass ein paar der Umstehenden leuchtende Lichtbälle in die Luft schweben ließen, um die Lichtung zu erhellen. Die Reihen lichteten sich, als die Ersten sich zurückzogen, doch die meisten blieben, um zuzuhören oder sich an den Gesprächen zu beteiligen.

Emba verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere. Sie hatte das Gefühl, dass Stunden vergangen sein mussten, seitdem sie das Zelt verlassen hatten, und sie war müde vom langen Stehen. Gerade als sie sich fragte, wie lange es wohl noch dauern würde, kam das aktuelle Gespräch zum Erliegen – Emba hatte schon gar nicht mehr auf seinen Inhalt geachtet –, und Wiglas wandte sich unvermittelt ihrer Seite der Lichtung zu.

»Bevor wir uns für die Nacht zurückziehen, möchte ich noch einmal offiziell Emba und Baldur als die neuesten Mitglieder in unseren Reihen begrüßen.« Höflicher Applaus brach aus, und alle Blicke richteten sich auf Emba.

Jasmo gab ihr einen kleinen Stups. »Na los doch! Sie wollen dich einmal richtig sehen.«

Widerwillig setzte Emba sich in Bewegung und ging, gefolgt von Baldur, zu Wiglas in die Mitte der Lichtung. Etwas verlegen drehte sie sich einmal um sich selbst und lächelte den Umstehenden zu.

»Emba hat bis gestern Abend weder von uns noch von ihrer Rolle in unserem Plan gewusst«, erklärte Wiglas, nachdem der Applaus abgeebbt war. »Sie hat genauso wenig Schuld an dem Scheitern des Plans wie irgendjemand sonst. Es handelte sich einfach um eine unglückliche Verkettung von Ereignissen.« Ein ungutes Gefühl beschlich Emba. Bevor Wiglas das erwähnt hatte, wäre es ihr gar nicht in den Sinn gekommen, Schuld an dem Scheitern des Plans zu haben. Jetzt allerdings wurde ihr bewusst, dass viele der Menschen so gedacht haben könnten.

Jemand aus den hinteren Reihen rief auf einmal laut: »Aber vielleicht weiß sie doch etwas? Vielleicht weiß sie, wie man den Energiespeicher auf ungefährliche Weise öffnen kann?«

Emba suchte die Menge überrascht nach dem Fragesteller ab, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Sie rechnete halb damit, dass Wiglas für sie antworten würde, doch als alles still blieb und die erwartungsvollen Blicke der Menschen auf ihr ruhten, wurde ihr zunehmend unbehaglich zumute. »Äh … tut mir leid. Das weiß ich nicht.«

»Aber du bist doch schon einmal da gewesen?« Diesmal hatte ein junger Mann direkt hinter Emba das Wort ergriffen.

Sie wandte sich nach ihm um, sich unangenehm bewusst darüber, dass sie immer einem Teil der Menge den Rücken zukehrte. »Ja, ich war oft mit meinem Vater in dem Firmengebäude«, antwortete sie. »Als Kind habe ich an den Energiefenstern rumgespielt oder bin mit den Aufzügen rauf- und runtergefahren. Später, als mein Vater mich öfter allein lassen konnte, war ich seltener da.« Sie zuckte mit den Schultern. »Mit geheimem Insiderwissen kann ich leider nicht dienen. Es sei denn, ihr wollt wissen, wo die Toiletten sind.« Der schwache Versuch eines Witzes wurde mit enttäuschtem Schweigen quittiert.

»Aber hast du ihn schon einmal aus der Nähe gesehen, den Energiespeicher?«, insistierte jemand anders.

»Ich bin noch nie oben auf dem Dach gewesen. Am nächsten war ich ihm wohl, als mein Vater mich einmal in den Überwachungsraum unter dem Dach mitgenommen hat …« Emba hielt inne. Eine alte Erinnerung trat ans Licht. Ein Tag, an den sie schon seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Baldur spitzte aufmerksam die Ohren.

»Ein Überwachungsraum?«, wiederholte Wiglas.

Emba war immer noch tief in ihre Erinnerung versunken. Bilder tauchten vor ihr auf, vom jahrelangen Vergessen verschwommen und undeutlich. Da war ein kleiner Raum mit einem großen Schaltpult, das zwei Wände einnahm. Große Energiefenster. Elias und sie waren nicht alleine. Da war ein Angestellter in dem Raum, der sich mit der Bedienung der Schaltfläche auskannte. Elias hatte ihr kindgerecht erklärt, dass er dafür sorgte, dass die Energie in der großen Kugel auf dem Dach sicher war und ohne Probleme bis zu ihr nach Hause floss, damit sie ihre Lieblingsfilme gucken konnte. Doch eines vermochte der Mann nicht. Er konnte niemals die Kugel öffnen und die Energie freilassen.

»Das wäre sehr gefährlich«, erklärte Elias der fünfjährigen Emba und nahm sie auf den Arm. »Und dann hätten wir keine Energie mehr für deine Lieblingsfilme.«

Emba machte große Augen.

»Aber keine Angst, Prinzessin. Niemand außer mir kann die Kugel öffnen. Und das ist nur für absolute Notfälle und Ausnahmesituationen gedacht. Zum Beispiel wenn jemand nicht aufpasst und der Energiespeicher überfüllt ist. Dann könnte man ihn erleichtern, indem man ein wenig Energie entlässt. Nur ein kleines bisschen.«

Emba sah ihren Vater beeindruckt an. »Kannst du das, weil du hier der Chef bist, Paps?«

Elias und der Mann lachten gutmütig. »Ja, das stimmt«, antwortete Elias. »Ich bin der Einzige, der das kann, weil ich der Chef bin. Aber ich möchte, dass noch jemand dazu fähig ist.«

Emba sah den Mann an.

»Nein, Emba«, sagte Elias. »Ich meine dich. Du bist meine Tochter. Und eines Tages wirst du Industria übernehmen. Ich möchte, dass du verstehst, wie wichtig das für mich ist. Und deswegen tragen wir dich als die zweite Person ein, die fähig ist, den Energiespeicher zu öffnen.«

Embas Brust schwoll an vor Stolz. Triumphierend sah sie den Mann an, doch der schien mit nichts anderem gerechnet zu haben. Er tippte auf dem Schaltpult herum und hielt Emba ein Energiefenster vor das Gesicht, das zuerst ihre Iris scannte und in das sie dann einen Satz hineinsprechen musste. Schließlich drückte er noch ihren Daumen auf das Fenster.

»Der Schließmechanismus kennt nun deine Stimme, dein Auge und deinen Daumenabdruck«, erklärte Elias. »Damit kannst du den Energiespeicher öffnen. Und zwar nur du.«

»Und du!«, sagte Emba.

Elias lachte. »Stimmt. Nur wir beide, Prinzessin.«

»Emba?« Wiglas’ Stimme holte Emba zurück in die Gegenwart. Verwirrt sah sie um sich, aufgewühlt von den Erinnerungen und Emotionen, die sie so ohne Vorwarnung heimgesucht hatten.

»Ich habe mich gerade erinnert«, erklärte sie stirnrunzelnd. »Es ist ziemlich lange her …«

»Lauter!«, rief jemand.

Emba räusperte sich. »Als kleines Mädchen hat mein Vater mich dazu befähigt, den Energiespeicher zu öffnen. Meine Stimme, mein Auge und mein Daumenabdruck wurden gescannt.« Zischendes Geflüster erfüllte die Luft. »Es war symbolisch gedacht«, erklärte Emba über das aufgeregte Gemurmel der Menschen hinweg. »Er wollte mir schon als Kind klarmachen, wo meine Zukunft liegt. Dass wir beide Industria führen und leiten würden.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte es komplett vergessen.«

»Dann tu es doch!«, schrie jemand. »Öffne den Speicher!«

»Das kann ich nicht von hier aus«, entgegnete Emba überrascht. »Man kann ihn nur von der Steuerzentrale im Firmengebäude aus bedienen. Ich müsste bis in den Raum unter dem Dach gelangen.«

Und das ist völlig utopisch. Emba sah nach oben. Sie bekam ein immer besseres Gespür dafür, von wo die Gedankenströme kamen, die die Runare sandten, um miteinander und mit den Menschen zu kommunizieren. Über ihr am Rande der Lichtung saß nach wie vor der schillernd bunte Vogel, der anscheinend Wiglas’ Runar war. Der Hauptsitz von Industria ist eines der bestbewachten Gebäude der Welt. Niemand geht dort unbeobachtet hinein oder hinaus. Seit gestern Nacht ist Embas unbemerktes Betreten des Firmengebäudes keine Option mehr. Selbst wenn sie noch immer befähigt ist, den Energiespeicher zu öffnen – was ich bezweifle –, sie würde nie bis in die Steuerzentrale im obersten Stockwerk gelangen. Der Vogel schüttelte sein Gefieder und stieß erneut den durchdringenden Schrei aus, der Emba ein wenig an einen Pfau erinnerte.

»Man soll niemals nie sagen!« Das war Jasmo. Sein Gesicht strahlte Zuversicht aus. »Ein Angriff von außen könnte für Ablenkung sorgen, während Emba sich hineinstiehlt und die Energie entlässt.«

»Was hat das für einen Sinn? Dann könnten wir auch gleich den Energiespeicher selbst zerstören«, rief jemand anders.

Emba sah schon wieder eine weitere Stunde aufgeregter Diskussionen auf sich zukommen, als Wiglas beide Hände hob und so die Menschen zum Schweigen brachte. »Es ist spät, und ich glaube, es wäre unfruchtbar und schädlich, jetzt noch weiter darüber debattieren zu wollen. Auf jeden Fall aber eröffnet uns Embas Erklärung völlig neue Möglichkeiten, die gründlich abzuwägen sind. Im Grunde ist es genau das, worauf wir ursprünglich gehofft hatten: eine Möglichkeit, den Energiespeicher von innen zu öffnen, mit dem Wissen und den Fähigkeiten, die Emba aufgrund ihrer Vergangenheit gegeben sind, und ohne Gewaltanwendung.«

Nur dass ich diese Hoffnungen gestern Nacht zunichtegemacht habe, dachte Emba. Nach ihrem schrecklichen Streit mit Elias würde er sie nie mehr auch nur in die Nähe des Energiespeichers lassen. Sie glaubte, ähnliche Gedanken auf den Gesichtern vieler der Umstehenden zu lesen.

»Ich schlage vor, alle weiteren Besprechungen auf die nächste Versammlung zu vertagen, die ich gerne in einer Woche abhalten würde«, fuhr Wiglas vor. »In der Zwischenzeit werden wir Tumbo kontaktieren. Vielleicht kann er mehr darüber in Erfahrung bringen, ob Embas Zugang zum Energiespeicher noch immer gewährleistet ist.«

Niemand widersprach. Die Sache schien damit beschlossen und die Versammlung beendet. Die Menschen standen auf, klappten ihre Campingstühle zusammen und unterhielten sich angeregt, während sie auseinandergingen – vermutlich führten sie die Diskussionspunkte der Versammlung noch einmal privat weiter. Emba sah Baldur fragend an. Wer war Tumbo? Doch der geflügelte Wolf wackelte nur ratlos mit den Ohren.

Die Lichtkugeln erloschen oder folgten ihren Erschaffern in den Wald, sodass die Lichtung schon bald nur noch von weißem Mondlicht erhellt wurde. Wiglas, Baldur und Emba verließen die Lichtung und trafen an ihrem Rand wieder auf Rahel, Jasmo und Beppo. Emba meinte noch immer eine gewisse Anspannung zwischen Wiglas und Jasmo zu spüren. Doch Wiglas lockerte die Situation auf, indem er Jasmo eine Hand auf die Schulter legte und ihm ein Lächeln schenkte. Jasmo lächelte zögernd zurück, und Rahel wirkte erleichtert. Vielleicht hatte Wiglas Jasmo mit dieser einfachen Geste sein eigenmächtiges Handeln vergeben?

»Ich werde etwas Eintopf kochen«, sagte Rahel, während sie zurück durch den Wald gingen. Vor den Zelten und Hütten machten sich die Menschen daran, Feuer zu entzünden, Kartoffeln zu schälen oder Bettwäsche einzuholen, die zum Lüften draußen gehangen hatte. »Ihr könntet mir beim Gemüseschneiden helfen.«

Jasmo verzog das Gesicht, nickte aber ergeben. Emba war etwas überrumpelt, versuchte jedoch, sich das nicht anmerken zu lassen. Ob nun daheim in Pantreàs oder während ihrer Zeit an der Jägerschule – nie hatte sie bei dem Zubereiten ihres Essens tatsächlich mitgeholfen.

Wiglas sagte: »Ich habe gehört, dass die Jäger heute einen stattlichen Hirsch erwischt haben. Ich werde sehen, ob ich uns ein wenig Fleisch besorgen kann.« Er ging davon, und Emba bemerkte, dass der bunte Vogel ihm folgte, hoch über ihren Köpfen geschickt zwischen den Baumstämmen hindurchfliegend.

Bei ihrem Zelt angekommen, drückte Rahel sowohl Jasmo als auch Emba je ein Schneidebrett und ein Messer in die Hand. Dann holte sie einen Korb mit Gemüse hervor und ging mit einem großen Kochtopf davon, um Wasser zu holen.

»Weiter hinten gibt es einen Brunnen«, erklärte Jasmo. Sie setzten sich vor dem Zelt auf den Boden, die Brettchen auf dem Schoß, und Jasmo ließ einen Lichtball in die Luft fliegen, damit sie sahen, was und wo sie schnitten. Baldur und Beppo streunten durch den Wald und jagten ein paar Eichhörnchen hinterher. Jasmo zog eine Grimasse, während er eine lange weiße Rübe aus dem Korb fischte, deren Namen Emba noch nicht einmal kannte. Er begann sie in würfelgroße Stücke zu schneiden. »Wie ich das hasse«, sagte er zu Emba. »Aber Mama sagt, ich darf keine Magie verwenden zum Gemüseschneiden. Das wäre zu gefährlich. Dabei brauche ich nur mehr Übung!«

Emba nahm sich ebenfalls eine Rübe vor und machte sich unbeholfen daran, sie in Scheiben zu schneiden. »Was ist denn das letzte Mal passiert, als du es versucht hast?«, fragte sie.

Jasmo verzog das Gesicht. »Es hat eine Wand des Zelts komplett in Fetzen gerissen. Ein anderes Mal hab ich es draußen gemacht und beinahe zwei Bäume gefällt …« Er bemerkte Embas erschrockenen Gesichtsausdruck und grinste beschämt. »Ich schätze, Mama hat irgendwie recht.«

»Ich habe keine Ahnung, was alles mit dieser Magie möglich ist«, gab Emba zu und kämpfte damit, die Rübenstückchen nicht von ihrem Brettchen auf den Waldboden kullern zu lassen.

»Alles!«, sagte Jasmo, und seine Augen leuchteten. »Na ja, fast alles. Vieles davon ist völlig intuitiv und mühelos, wenn du erst einmal den Dreh raushast. Anderes muss lange geübt oder zumindest erst einmal erklärt werden. Aus diesem Grund haben wir eine Magieschule hier im Camp.«

»Eine Schule?«, fragte Emba überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet.

»Wir nennen es so. Im Grunde ist es einfach ein offener Unterricht, bei dem wir uns gegenseitig den Umgang mit Magie beibringen. Natürlich werden auch andere Dinge gelehrt: Lesen und Schreiben für die Kinder, Mathematik, ab und zu ein wenig Geografie und Geschichte. Jeder steuert das bei, was er weiß und kann. Der Hauptschwerpunkt liegt aber auf Magie. Die Teilnahme am allgemeinen Unterricht ist Pflicht für alle Kinder und offen für jeden, der freiwillig dabei sein möchte. Die Teilnahme am Magieunterricht ist Pflicht für alle Menschen mit einem Runar.«

»Haben denn nicht alle Menschen hier einen Runar?«

»Oh nein, längst nicht! Höchstens die Hälfte hat einen.«

»Warum?«

»Dass du in der Wildnis lebst, wo noch viel mehr Magie in der Umgebung fließt als in den Städten und besiedelten Gebieten, erhöht natürlich die Chance enorm, dass dir ein Runar geboren wird. Aber es ist noch lange nicht selbstverständlich. Viele Menschen hier leben seit Jahren bei den Abtrünnigen, aber ihren Runar haben sie noch nicht gefunden.«

»Besitzt denn theoretisch jeder Mensch einen Runar?«

»Wir reden hierbei nicht gerne von Besitz«, korrigierte Jasmo. »Niemand besitzt hier irgendwen. Ein Mensch und sein Runar gehören einfach zusammen. Sie sind eine untrennbare Einheit. Und ja: Wir sind uns ziemlich sicher, dass jeder Mensch das Potenzial hat, mit einem Runar eine Verbindung einzugehen.«

»Ihr seid euch ziemlich sicher? Aber wissen tut ihr es nicht?«

»Kaum jemand weiß wirklich etwas, wenn es um Magie geht. All unser Wissen beruht auf Experimenten und Erfahrungen. Wir wissen weitaus mehr über Magie und Runare als alle anderen Menschen auf der Welt, doch alles wissen auch wir nicht. Die Magie gibt uns immer wieder Rätsel auf. Die einzige Ausnahme sind vielleicht die Urvölker.«

Emba schälte ungeschickt eine Kartoffel, wobei fast mehr des gelben Innenlebens an der Schale verblieb als auf ihrem Brettchen. »Urvölker?«

»Angeblich gibt es Menschen, die nie zivilisiert wurden. Die immer im Einklang mit der Magie und den Runaren gelebt haben. Und zwar seitdem es Menschen gibt. Sie wissen alles über Magie und sind die besten Magier der Welt. Man erzählt sich, dass der erste Mensch, der beschlossen hat, ›abtrünnig‹ zu werden und abseits der Zivilisation in den borealen Wäldern zu leben, dies nach dem Vorbild der Urvölker tat. Sein Name war Renzo. Das war vor etwa hundert Jahren. Immer mehr Menschen schlossen sich ihm an, und ganze Lager oder Camps formten sich. Heute wissen wir, dass er längst nicht der Einzige und vielleicht auch nicht der Erste war. Überall auf der Welt gibt es solche Abtrünnigen wie uns. Doch Renzo gilt gewissermaßen als der Gründer unserer Camps in den borealen Wäldern.«

»Camps?«, fragte Emba. »Plural?«

»Dieses Lager hier ist nicht das einzige in den kalten nördlichen Nadelwäldern, aber das größte«, erklärte Jasmo. »Wir haben über dreihundert Bewohner. Doch es gibt noch drei weitere Lager, in denen zwischen fünfzig und zweihundert Menschen leben. Auf jeden Fall heißt es, dass Renzo zu einem dieser Urvölker wanderte, um fortan mit ihnen zu leben, als ihm die Abtrünnigenbewegung zu groß und unruhig wurde.«

»Wie kann das denn sein? Sollte er sich nicht darüber freuen, dass sich die Menschen ihm anschlossen?«

»Ich glaube, dieser Renzo war ein ziemlicher Eigenbrötler. Er wollte nach seinen Idealen leben, ja. In Frieden und in Einklang mit der Natur. Mit der Magie und den Runaren und nicht auf ihre Kosten. Doch er hielt nichts von den Weltverbesserungstheorien, die bald darauf aufkamen. Die Abtrünnigen schmiedeten Pläne, wie sie Industria stürzen könnten, wie man den Menschen die Wahrheit über die Magie mitteilen könnte und so weiter. Das war Renzo alles zu viel. Zu viel und vielleicht auch zu gefährlich.«

Rahel kehrte zurück, den Topf gefüllt mit Wasser. Dicht hinter ihr folgte Fipsi, und Stoffel rollte über den Waldboden neben ihr her.

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