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Emba | Bittersüße Lüge

Über die Autorin

Carina Zacharias wurde 1993 in Aachen geboren. Sie erzählt und schreibt Geschichten seit ihrer frühesten Kindheit, und Autorin zu werden war schon immer ihr größter Traum. Mit einem Studium der Landschaftsökologie orientierte sie sich allerdings in Richtung ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Umweltschutz. Emba – Bittersüße Lüge ist ihr vierter veröffentlichter Roman.

Carina Zacharias

Bewertung

BITTERSÜSSE LÜGE

Teil Eins

beBEYOND

Gefährliche Spritztour

Abertausend Lichter der Großstadt leuchteten unter und über ihr wie ein falscher Sternenhimmel, während Emba auf ihrem Aeroboard lautlos durch die Nacht glitt. Riesige Reklametafeln, die in schillernd bunten, ständig wechselnden Bildern Fast Food und die neueste Mode anpriesen, Scheinwerfer von Diskotheken, die scheinbar suchend durch die Dunkelheit schnitten, golden erhellte Fenster, hinter denen fremde Menschen ein ihr unbekanntes Leben lebten, sie alle machten die Nacht zum Tag und das wahre Sternenlicht unsichtbar.

Die Energiestraße unter Emba führte mitten durch die Hochhausschluchten von Pantreàs. Sie war nur eines von unzähligen bunten Lichtbändern, in die Luft gewoben, miteinander verflochten und von zahllosen großen und kleinen Aerogleitern befahren. Riesenhafte Lastwagen, kleine Einfamilienfahrzeuge, schnieke Limousinen oder heruntergekommene Schrottkarren, sie alle suchten sich einen Weg durch den Verkehr, steuerten einem Ziel entgegen.

Man sah nicht viele Aeroboardfahrer. Das lag nicht nur an der späten Stunde, sondern vor allem auch daran, dass es nicht gerade ungefährlich war, sie zu fahren. Die bequemeren und sichereren Aerogleiter mussten bloß mit der Energiestraße synchronisiert werden und fuhren dann automatisch. Die Fahrer hatten nur noch ein paar Knöpfe zu drücken, um Ausfahrten zu nehmen oder die Geschwindigkeit zu steigern, wenn sie ein anderes Fahrzeug überholen wollten. Im Gegensatz dazu mussten Aeroboards manuell gesteuert werden, allein durch Verlagerung des Gewichts. Immer wieder kam es vor, dass ein Fahrer das Gleichgewicht verlor, sich in der Geschwindigkeit verschätzte oder eine Kurve zu eng schnitt – und kilometertief in den Tod stürzte. Diese Vorfälle hielten viele Bürger von Pantreàs vom Fahren eines Aeroboards ab. Viele. Nicht alle.

Emba ging leicht in die Knie, um die Geschwindigkeit zu erhöhen, und kippte ihr Board gefühlvoll nach rechts, um eine Abzweigung zu nehmen. Die neue Energiestraße leuchtete in einem dunklen Blau, der Farbe der wenig befahrenen Nebenstraßen. Sie führte Emba in eines der ärmeren Viertel von Pantreàs, wo die Wolkenkratzer zwar nicht weniger hoch, dafür aber älter waren, die Straßen dreckiger und die Gassen verlassener.

Suchend sah sich Emba um. Es war niemand zu sehen. Der Augenblick schien günstig.

Ohne länger zu zögern, zog Emba das Board herum und lehnte sich nach rechts, um ungebremst von der Energiestraße herunterzuschießen.

Wie immer konnte Emba der Versuchung nicht widerstehen, das einzigartige Gefühl des freien Falls ein paar unendliche Herzschläge lang zu genießen. Wie immer konnte sie einen gellenden Freudenschrei einfach nicht unterdrücken. Sollte sie doch jemand hören! Erst dann tippte sie auf ihr PME am Handgelenk. Das portable multifunktionale Energiemedium – oder kurz PME – löste augenblicklich den Energieantrieb ihres Boards aus.

Der Schub kam so plötzlich, dass es sie kurz aus der Bahn warf und herumriss. Asphalt, Hauswände und Himmel drehten sich schwindelerregend schnell um sie, bis sie die Kontrolle über das Board zurückgewann und haarscharf an einer Gebäudekante vorbeiflog.

»Whoo!« Grinsend drehte Emba sich zu dem Hochhaus um, mit dem sie beinahe zusammengestoßen wäre. »Das war knapp.« Ihr Herz schlug noch immer rasend schnell und pumpte das Adrenalin durch ihre Adern. Emba breitete die Arme aus und sog tief die kühle Nachtluft ein. Zu gerne hätte sie den Wind in den Haaren gespürt, doch die schwarze Mütze auf ihrem Kopf abzunehmen wäre zu unvorsichtig, verbarg sie doch ihr auffälliges pinkfarbenes Haar.

Aeroboards oder auch Aerogleiter mit eigenem Energieantrieb auszustatten war strengstens verboten. Allein der Wache, Notärzten und der Feuerwehr war es erlaubt, in Notfällen mit separatem Antrieb die vorgegebenen Energiestraßen zu verlassen. Eigentlich war dies auch so gut wie unmöglich, denn Aerogleiter bezogen ihre Energie normalerweise direkt von den Energiestraßen und waren ohne sie nicht zu bewegen. Nur wenige Menschen besaßen überhaupt die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten, um ihr Fahrzeug illegal mit einem zusätzlichen Energieantrieb zu versorgen. Was das anging, war es praktisch, gute Kontakte zu haben. Embas Grinsen vertiefte sich bei diesem Gedanken. An guten Kontakten mangelte es ihr keineswegs. Doch die technischen Herausforderungen waren das eine, die jahrzehntelangen Gefängnisstrafen etwas ganz anderes. Die Wache war rund um die Uhr auf der Suche nach Gesetzesübertretern jeglicher Art, und wer abseits der Straßen durch die Luft segelte, sollte stets auf der Hut sein.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, da hörte Emba hinter sich ein wohlbekanntes Geräusch. Die schrille Sirene eines Aerogleiters der Wache durchschnitt die Nacht, noch bevor sie das Fahrzeug im typischen Gelbton ein paar Blocks weiter hinter sich entdeckte.

Emba seufzte. »Na toll! Nicht schon wieder.« Routiniert beschleunigte sie ihr Board und lehnte sich weit zur Seite, um in einer scharfen Kurve um die nächste Ecke zu gleiten. Aus dem Augenwinkel nahm sie noch wahr, wie der Aerogleiter der Wache die grüne Energiestraße verließ, auf der er sich befunden hatte, und mit eigenem Energieantrieb und manueller Steuerung die Verfolgung aufnahm.

Emba kniff die Augen gegen den Fahrtwind zusammen und schmunzelte. »Na dann zeigt mal, was ihr draufhabt.«

Sie hatte bereits aufgehört zu zählen, wie oft sie schon bei ihren nächtlichen Ausflügen von Wächtern verfolgt worden war – und wie oft es ihr gelungen war, sie abzuhängen. Die mangelnde Erfolgsquote ihrer Verfolger hatte nicht gerade dazu beigetragen, ihr Vertrauen in die Gesetzeshüter zu fördern. Andererseits war sie natürlich auch kein Maßstab. Sie wusste, dass kaum jemand sein Aeroboard so gut beherrschte wie sie selbst.

Erneut spürte sie, wie ihr Adrenalinspiegel stieg, während sie schneller und schneller um riesige Glasfassaden schoss, Ecke um Ecke umflog, unter Energiestraßen wegtauchte und Haken schlug, mit einem Ohr immer nach der in der Entfernung leiser werdenden Sirene lauschend. Schließlich drosselte sie ihren Flug und blieb schwebend hoch oben über den Dächern stehen, während sie sich umsah. Unter ihr fuhren lautlos und geschäftig wie Ameisen die Aerogleiter auf einem Kreuz von bunten Energiestraßen. Die Sirene war nicht mehr zu hören, der gelbe Aerogleiter nirgendwo zu sehen. »Ach, kommt schon«, murmelte sie. »Das war jetzt aber zu einfach.«

Wie aus dem Nichts tauchte von oben ein gelber Wächter-Aerogleiter herab und hielt nur wenige Meter vor ihr, die Scheinwerfer blendend hell auf sie gerichtet, während von unten ihr alter Bekannter von vorhin heraufschoss und sich hinter sie stellte. Rechts und links glitten zwei weitere Fahrzeuge heran und keilten sie so komplett ein.

Emba blinzelte. »Ups!« Eine Sekunde später stülpte die Wucht des freien Falls ihren Magen um.

Das Ausschalten des Energieantriebs war die einzige Rettung, der Griff an ihr linkes Handgelenk intuitiv. Dunkelheit und Licht verschwammen vor ihren Augen, während sie schneller und schneller in die Tiefe schoss, die Geschwindigkeit ließ kaum einen klaren Gedanken zu. Der Energieantrieb … sie musste ihn … wie lange fiel sie schon? … das PME …

Emba stöhnte vor Anstrengung, als sie endlich nach einer gefühlten Ewigkeit den Antrieb wieder aktivierte und den Schwung ihres Falls direkt in Beschleunigung nach vorne umsetzte. Am Rande nahm sie wahr, dass sie nur noch wenige Zentimeter von einem Zusammenstoß mit dem Beton des Gehwegs getrennt hatten, während sie zwei übervollen Mülltonnen auswich, eine fauchende Katze aufscheuchte – und direkt auf eine Backsteinmauer zusteuerte.

»Mist!« Erst im letzten Moment entdeckte sie den schmalen Spalt zwischen den zwei Hauswänden, doch zum Bremsen war es längst zu spät, zum Ausweichen mittlerweile auch. Ehe sie sichs versah, hatte sie sich aufgerichtet, die Arme an den Körper gepresst, schoss durch den gerade schulterbreiten Raum hindurch und wieder ins Freie.

Hier zog sie ihr Board steil nach oben, schwer atmend, als hätte ihr nicht ein Aufprall, sondern der Ertrinkungstod gedroht, und verscheuchte mit Mühe das Panikgefühl, das ihr die Brust zuschnürte. »Wow! Meine Fresse!« Irgendetwas fühlte sich allerdings ungewohnt an. Ihr Kopf schien auf einmal seltsam frei und ungeschützt. Ein Griff in ihr Haar bestätigte ihr, dass sie ihre Mütze bei dem freien Fall verloren hatte. Egal, das konnte sie jetzt nicht mehr ändern.

Ohne ihre Fahrt zu bremsen, schoss sie abermals davon. Erst nach zwei Minuten gönnte sie sich eine Verschnaufpause und lauschte in einer verlassenen Gegend hinter einer leuchtenden Litfaßsäule in die Nacht. Keine Sirene, kein gelb lackierter Aerogleiter. Immerhin hatte sie sie mit ihrem waghalsigen Manöver endgültig abgeschüttelt.

Erleichtert lächelte sie und konnte ein kleines befreites Lachen nicht unterdrücken. »Na, wenn das kein Spaß … Was zum?!« Erschrocken verlor sie das Gleichgewicht und schlingerte gefährlich, ehe sie wieder Stabilität fand. Das PME an ihrem Handgelenk hatte plötzlich angefangen zu vibrieren und sie in ihrem kleinen Moment der Entspannung damit beinahe zu Tode erschreckt. Noch immer mit klopfendem Herzen sah sie auf die leuchtende Schaltfläche des Armbands, welches ein Foto ihres Vaters anzeigte, um den Anrufer zu identifizieren.

»Paps«, seufzte Emba. Sie drückte den Anruf weg, ohne ihn entgegenzunehmen. Er würde wissen, dass sie den Hinweis bekommen und verstanden hatte: Es war Zeit, nach Hause zu kommen. Immerhin war morgen ein großer Tag.

In gesittetem Tempo flog Emba auf die nächste blaue Energiestraße zu und bog von dort auf eine der gelb leuchtenden Schnellstraßen ab, um auf direktem Weg nach Hause zu fliegen.

Während sie ihr Board mit den vertrauten Bewegungen auf altbekannten Wegen nach Hause steuerte, überkam sie ein Anflug von Wehmut. Wenn morgen alles glattlief, würde sie auf ihr Aeroboard und diese nächtlichen Ausflüge für lange Zeit verzichten müssen.

Die Jägerschule von Pantreàs

Die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass sie die Wände ihres Gefängnisses nicht erkennen konnte. Doch sie wusste, dass sie da waren, höchstens zwei Schritte von ihr entfernt. Sie war sie schon oft genug abgelaufen, unablässig, endlos. Ohne Sinn und Verstand einen Fuß vor den anderen setzend, vergebens nach einem Schlupfwinkel, einem Ausweg suchend.

Immer und immer wieder.

Die Grenzen ihres Verlieses nicht erkennen zu können half nicht gegen das Gefühl der Enge. Gegen die Panik. Gegen die Vorstellung, die Wände würden lautlos und hinterlistig immer weiter auf sie zurücken. Würden mit jedem Mal, das sie an ihnen entlanglief, den Raum noch ein kleines bisschen enger machen. Und noch ein bisschen enger. Bis sie sich nicht mehr würde bewegen können, bis sie erdrückt werden würde, zu Tode gequetscht. Bloß dass sie nicht sterben würde. Der Tod würde sie nicht von ihren Qualen erlösen können.

Atmen. Weiteratmen. Gegen die Panik kämpfen. Ganz ruhig.

Sie hatte längst vergessen, wie es sich anfühlte, frei zu sein. Wie es war, von den Sonnenstrahlen gewärmt zu werden, vom Regen durchnässt, vom Wind umweht. Zu laufen, einfach zu laufen, immer weiter. Auf keinen Fall durfte sie daran denken, dass sie nie wieder etwas anderes sehen würde als diese Schwärze, dass sie nie wieder etwas anderes spüren würde als diese kalten, harten Wände. Denn dann erfüllte die Sinnlosigkeit, die schiere Endlosigkeit ihres Daseins sie mit bodenlosem Grauen.

Ruhig! Atmen. Ein und aus. Doch sie atmete keine Luft, sie atmete nur tiefe, nachtschwarze Dunkelheit. Wie sollte sie noch Platz haben hier drin, wo doch alles voller Dunkelheit war? Mit jedem Atemzug füllte sie ihre Lungen, drang in ihr Blut, flutete sie von innen, zerfaserte ihren Körper, bis sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und wo die Dunkelheit begann …

»Emba! Emba, Prinzessin! Wach auf!«

Erschrocken nach Luft schnappend fuhr Emba aus dem Schlaf. Wie eine Ertrinkende griff sie um sich und rang nach Atem, völlig panisch und orientierungslos. Wo war sie? Was war passiert? Erst als sich eine vertraute, warme Hand um die ihre schloss, entspannte sie sich.

»Es war nur ein Traum. Alles nur ein Traum.«

Wieder etwas ruhiger atmend sah Emba zu ihrem Vater, der neben ihrem Bett kniete und sie mit besorgter Miene musterte.

»Wieder dieser Albtraum?«

Emba nickte. »Immer der gleiche.«

Elias seufzte und strich ihr liebevoll über das Haar. »Ich wünschte, das würde endlich aufhören.« In solchen Momenten, mit gerunzelter Stirn und tiefen Augenringen vom nächtlichen Arbeiten am Schreibtisch, sah Embas Vater erschreckend alt aus. Vor allem, da sein jugendlicher Enthusiasmus, sein sportlicher Körper und sein noch immer dichtes schwarzes Haar ihn für gewöhnlich um Jahre jünger wirken ließen, als er tatsächlich war.

»Wem sagst du das!« Stöhnend setzte Emba sich auf, schlug die Bettdecke beiseite und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht in dem Versuch, den letzten Nachhall der Traumbilder und des Schreckens zu verscheuchen. Seitdem sie denken konnte, verfolgte sie in unregelmäßigen Abständen der gleiche Albtraum. Jedes Mal war sie in einem dunklen, engen Raum gefangen, litt Todesqualen, als würden die Wände ihres Gefängnisses ihr körperliche Schmerzen zufügen, und wurde schier wahnsinnig vor Verzweiflung und hilfloser Wut. Unzählige Psychologen und Ärzte hatte ihr Vater schon bemüht, um sie von den Träumen zu heilen. Doch keiner hatte ihr helfen können. Mit zwölf Jahren waren ihr schließlich die ständigen Sitzungen bei irgendwelchen Seelenklempnern und deren bunte Pillen zu viel geworden, und sie hatte sich schlichtweg geweigert, den Zirkus weiter mitzumachen. Seitdem hofften sie darauf, die Träume würden einfach von selbst aufhören. Bisher vergeblich.

Elias fuhr ihr noch einmal über das Haar, stand dann auf und ging zu dem großen Fenster an der Ostseite ihres Zimmers, wo er die Vorhänge weit aufriss und die Morgensonne einließ. Erbarmungslos fluteten ihre Strahlen den Raum, erhellten Schränke, Schreibtisch, Boxsack und die allgemeine Unordnung aus Zeitschriften und Anziehsachen.

Emba kniff die Augen zusammen und hätte sich am liebsten wieder unter der Bettdecke verkrochen. Sie hatte in der letzten Nacht eindeutig zu wenig Stunden Schlaf bekommen. Doch ein Blick auf das Uhrenziffernblatt auf der Schaltfläche ihres PMEs ließ sie dann doch die Beine aus dem Bett schwingen und aufstehen. Wie jeden Morgen hielt sie es kurz vor die quadratische Ladefläche an der Wand neben der Kopfseite ihres Bettes, um den Energiespeicher aufzufüllen. Sowohl die Ladefläche als auch die Schaltfläche ihres PMEs leuchteten erst rot und kurz darauf grün auf, und Emba legte das PME um ihr Handgelenk.

»Emba!« Elias fasste sie sanft an der Schulter, ehe sie das Zimmer verlassen konnte, und drehte sie zu sich herum. »Geht es dir wirklich gut? Du weißt, dass du hierbleiben und dich ausruhen kannst, wenn du möchtest. Keiner zwingt dich …«

Emba grinste und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Netter Versuch, Paps«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Badezimmer.

Elias und Emba bewohnten eines der größeren Hochhäuser von Pantreàs. Der Architekt behauptete, bei dem Entwurf von Wolken inspiriert worden zu sein. Und tatsächlich waren die Räume so weit und hell, der Ausblick hinter den großen Fensterfronten so atemberaubend, dass man meinen könnte, über der Stadt zu schweben. Sie würde diesen Ausblick vermissen, schoss es Emba durch den Kopf, als sie frisch geduscht und gekämmt aus dem Bad trat. Schnell verscheuchte sie den Gedanken. Sie wollte heute Morgen nicht unglücklich sein.

Auf der Treppe kam ihr ein Dienstmädchen entgegen, dessen Namen zu merken Emba sich noch nie die Mühe gemacht hatte. »Guten Morgen, Fräulein Emba!«, sagte die Angestellte höflich und machte einen kleinen Knicks. Emba sah gedankenverloren von ihrem PME auf und nickte ihr abwesend zu. »’n Morgen!«

Der lange gläserne Tisch in dem sparsam möblierten Speisezimmer war wie gewohnt bereits gedeckt und zum Bersten gefüllt mit frischen Brötchen, Aufschnitt, Obst, Joghurt, Ei und Müsli. Elias saß am Kopfende, trank schwarzen Kaffee und las auf dem von seinem PME auf Augenhöhe projizierten Energiefenster die Tageszeitung, wie Emba spiegelverkehrt von hinten sehen konnte. Etwas abseits, unauffällig und diskret wie immer, stand der Butler Helas, die leicht ergrauten Haare ordentlich gescheitelt, die schwarze Uniform tadellos, und schaute mit ernstem Blick über seine Hakennase ins Leere. Als Emba an den Tisch trat, nickte er ihr höflich zu. »Guten Morgen! Was wünschen Sie zu trinken?«

»Grapefruitsaft, bitte.« Emba seufzte und ließ sich schwer auf einen Stuhl zur Linken ihres Vaters fallen, während Helas in der Küche verschwand.

Elias ließ mit einer Berührung der Schaltfläche seines PMEs an seinem linken Handgelenk das Energiefenster verschwinden. Sein vieldeutiger Blick auf Embas enge schwarze Hose, die schwarzen Stiefel und das modisch zerrissene grüne Oberteil entging Emba nicht.

»Nein, ich werde nicht irgendetwas Schickes anziehen, Paps. Das sind die Sachen, in denen ich mich wohlfühle und in denen ich bin, wer ich bin. Außerdem beginne ich eine Ausbildung zur Jägerin und nicht zur Bankangestellten. Keinen Menschen wird kümmern, wie ich aussehe. Davon abgesehen«, sie klimperte gespielt kokett mit den Wimpern, »unterstreicht die Farbe meines Oberteils perfekt meine grünen Augen.«

Elias verkniff sich ein Lachen. Spätestens seit Emba sich die Haare zu einer praktischen Kurzhaarfrisur geschnitten, sie in einem grellen Pink gefärbt und sich für ein weiß glitzerndes kleines Nasenpiercing entschieden hatte, hatte er sich endgültig damit abgefunden, dass er das Styling seiner Tochter nicht beeinflussen konnte.

»Viel schlimmer als die Klamotten sind die Ringe unter deinen Augen. Was hast du denn nur gestern Nacht wieder getrieben? Ich hoffe doch nicht, du bist mal wieder mit dem Aeroboard … nun ja, auf Abwege geraten?«

Emba schmunzelte nur und füllte sich ein Müslischälchen mit Mandeln, Haferflocken und gewürfeltem Apfel.

Elias seufzte. »Eines schönen Tages wirst du dir noch mal den Hals brechen. Ich sollte es dir wirklich verbieten. Und wenn die Wache dich noch einmal erwischt, weiß ich nicht, ob ich dich wieder mit ein paar guten Worten da herausreden kann …«

»Paps, bitte! Das war ein einziges Mal, und es ist ewig her. Diese lahmen Sonntagsfahrer kriegen mich im Leben nicht noch mal. Und selbst wenn«, sie warf ihrem Vater einen Seitenblick zu und lachte, »du kriegst alles, was du willst, mit ein paar guten Worten.«

Elias schnaubte. »Ja, bei jedermann und überall auf der Welt. Nur meine eigene Tochter führt mich an der Nase herum, wie es ihr passt.«

Emba grinste und nahm von Helas ein großes Glas mit frisch gepresstem Saft entgegen. »Tja, weil du mir nun mal nichts abschlagen kannst.«

Ihr Vater verzog das Gesicht in einer Mischung aus Belustigung und gespieltem Ärger und brachte Emba damit zum Lachen. »Leider hast du wie immer recht, Prinzessin.«

»Und komm mir bloß nicht wieder mit dieser Leibwächter-Geschichte. Die hänge ich sowieso wieder ab, das weißt du.« Genießerisch nahm sie einen Schluck Saft und aß dann mit Heißhunger ihr Müsli. »Warum hat eigentlich mein PME nicht geklingelt?«, fragte sie dabei mit vollem Mund.

»Weil du allem Anschein nach mal wieder eine inakzeptabel späte Weckzeit eingestellt hast und ich beschlossen habe, dich eher zu wecken.« Elias nahm sich noch etwas Rührei und bedachte Emba mit einem tadelnden Blick, der jedoch wie immer durch ein nachsichtiges Lächeln entschärft wurde.

Emba schluckte und streckte ihm die Zunge raus. Sie wusste, dass sie ihm eigentlich dankbar sein sollte für so viel Sorge um ihr Aussehen und ihre Pünktlichkeit, war er doch von Anfang an so vehement dagegen gewesen, dass sie nach ihrem Schulabschluss die Jägerschule von Pantreàs besuchte. Noch nie hatte sie ihn so lange bearbeiten müssen, um ihren Willen zu bekommen, was daran lag, dass er gänzlich andere Pläne für ihren Lebensweg hatte. Doch Emba war stur. Niemand vermochte ihr etwas auszureden, wenn sie es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, selbst Elias nicht. Schon seit ihrer frühesten Kindheit wünschte sie sich, Jägerin zu werden. Dass es jetzt tatsächlich so weit war, dass ihre Bewerbung akzeptiert worden war und sie zur Eignungsprüfung an der besten Jägerschule der Welt würde antreten dürfen, fühlte sich noch immer wie ein Traum an. Elias hatte schließlich nachgegeben, ja. Doch er hatte seine Bedingungen gestellt …

Die Gedanken ihres Vaters schienen in ähnlichen Bahnen verlaufen zu sein wie Embas, denn in diesem Moment legte er Messer und Gabel beiseite und sagte mit ernster Stimme: »Emba, ich weiß, du bist wild entschlossen …«

»Ja, Paps, das bin ich«, unterbrach sie ihn unwirsch. »Und das wird auch eine erneute Diskussion nicht mehr ändern. Wirklich, haben wir das Thema nicht oft genug durchgekaut?«

Elias verzog das Gesicht, und es tat Emba in der Seele weh, darin nun echte Trauer, sogar so etwas wie Enttäuschung lesen zu können. Sie liebte ihren Vater über alles, doch sie konnte in diesem Punkt nicht nachgeben. »Ja, du hast recht«, sagte Elias nun. »Es fällt mir einfach so schwer zu verstehen, Prinzessin. Es fällt mir so schwer zu verstehen, wie du das wegwerfen kannst. In der Firma hättest du einen sicheren Job, keine lebensgefährlichen Hetzjagden, du hättest Einfluss und würdest mehr verdienen, als du ausgeben könntest. Ich würde dir alles beibringen, was ich kann und weiß, und irgendwann einmal könntest du den Laden übernehmen.«

»Ach, Paps.« Emba hatte ebenfalls den Löffel beiseitegelegt und griff nach der Hand ihres Vaters. »Ich weiß, dass du dir wünschst, die Leitung der Firma würde in der Familie bleiben. Aber willst du nicht genauso sehr, dass ich glücklich werde mit dem, was ich später einmal tue? Ein Job am Schreibtisch könnte mir nie das bieten, was das Jagen von Runaren alles beinhaltet: den Nervenkitzel; die Gefahr; die Wildnis; die Freiheit …«

»Freiheit!«, stieß Elias aus. »Du wirst herbeizitiert und herumgeschickt werden, wie du gerade gebraucht wirst, wo und wann immer Runare gesichtet werden. Bei Industria hingegen wärst du dein eigener Chef.«

Emba seufzte. »Paps, müssen wir das wirklich schon wieder diskutieren?«

Elias schüttelte den Kopf. »Nein. Tut mir leid. Doch unsere Abmachung steht nach wie vor, nicht wahr?«

Emba nickte ernst. Elias hatte ihr nur unter einer Bedingung seinen Segen für ihren Antritt zur Eignungsprüfung gegeben. Sollte sie es nicht schaffen, würde sie den Lebensweg einschlagen, den Elias sich für sie wünschte. In die Firma kommen. Sein Handwerkszeug lernen, wie er es nannte. Und irgendwann einmal seine Position übernehmen. Industria übernehmen.

Bei diesem Gedanken verging Emba auf einmal der Appetit, und stattdessen machte sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen breit. Ein Gefühl, das ihr in den letzten Wochen nur allzu vertraut geworden war: Nervosität. Kein freier Fall auf ihrem Aeroboard konnte Emba solche Angst einjagen wie die Vorstellung, diese Prüfung zu vermasseln. Und die Chancen standen eindeutig gegen sie. Die Jägerschule von Pantreàs war die renommierteste der Welt. Aus allen Himmelsrichtungen kamen junge Menschen angereist, um hier ihre Ausbildung zu beginnen. Nur die Besten der Besten bestanden die Prüfung. Und selbst dann wurde noch mal ordentlich aussortiert: Die Anforderungen und der Leistungsdruck waren bekanntermaßen so groß, dass nur etwa die Hälfte derjenigen, die die Prüfung bestanden hatten, die fünfjährige Ausbildung bis zum Ende durchzog, ohne vorher entweder freiwillig aufgehört zu haben oder suspendiert zu werden.

»Ich habe übrigens Fara bereits gebeten, dein Zimmer aufzuräumen und deine Taschen zu packen.«

Fara? Ach ja: das Dienstmädchen.

Elias aß den letzten Bissen Rührei und legte dann Messer und Gabel ordentlich auf dem leeren Teller zusammen. »Sobald du fertig bist, kann es losgehen. Bakari wartet bereits im Aerogleiter.«

Bei den Worten ihres Vaters wurde Emba abwechselnd heiß und kalt. Dann war es also jetzt so weit. Sie würde von zu Hause fortgehen. Und eine Jägerin werden.

Oder auch nicht.

Doch wenn ja … Wenn sie wirklich bestehen würde …

Nur mit Mühe hielt Emba sich davon ab, vor Freude um den Tisch zu tanzen. Ob sie wohl Helas zu der ein oder anderen Pirouette überreden könnte? Ein Blick auf das reservierte, teilnahmslose Gesicht des Butlers wies ihre Fantasie jedoch in ihre Schranken. Vielleicht eher nicht.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, mit Elias zusammen in den Aufzug zu steigen und einen letzten Blick in die Empfangshalle zu werfen. Dabei, berichtigte Emba ihre eigenen Gedanken, war es ja nicht das letzte Mal. Nicht einmal dann, wenn sie die Prüfung bestand. Die Jägerschule erlaubte ihren Schülern, in den Ferien das Schulgelände zu verlassen, um nach Hause zurückzukehren, und die erste Woche Ferien stand bereits in anderthalb Monaten an. Doch Emba war mit ihren 18 Jahren noch nie so lange von zu Hause fort gewesen, schon gar nicht alleine, und so verspürte sie ein verstörendes Gemisch aus Aufregung, Vorfreude und mulmiger Ungewissheit, als Elias mit einer Berührung der in die Wand eingelassenen Energieschaltfläche die Aufzugtüren lautlos zugleiten ließ und der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte.

Elias griff in der Stille der Aufzugkabine nach ihrer Hand. »Alles in Ordnung, Prinzessin?«

Emba lächelte. Ihr Vater und sie kannten sich gut genug, um die Gefühle und die Gedanken des anderen mühelos erspüren zu können. Natürlich war ihm ihre innere Aufgewühltheit nicht entgangen. »Klar, Paps. Alles in Ordnung.«

Kurz darauf hielt der Aufzug im 184. Stockwerk, nachdem sie die Etagen mit Fitnessräumen, Swimmingpool, Elias’ Meditations-Lounge, Embas Aeroboard-Übungsparcours, dem Heimkino, Elias’ Arbeitsräumlichkeiten und der Sauna hinter sich gelassen hatten. Das 15. Stockwerk, welches genauso wie das 14. als private Garage für Elias’ zahlreiche Aerogleiter diente, hatte keine Zwischenwände und keine Fenster, wurde jedoch von dem Fußboden in schwaches Licht getaucht. Dieser leuchtete in einem bläulichen Schein, als Zeichen dafür, dass er mit Energie geladen war und die Aerogleiter über ihn bis nach draußen gelangen konnten, wo direkt hinter einer großen Toröffnung die Auffahrt zur nächsten Energiestraße lag.

»Guten Morgen, Herr Elias! Guten Morgen, Fräulein Emba!« Bakari, der junge, hochgewachsene Chauffeur, hatte eine der Aerogleiterlimousinen direkt vor den Fahrstuhltüren geparkt und stand bereits parat. Wie immer entblößte sein gut gelauntes breites Grinsen eine Reihe weißer Zähne, die vielleicht vor allem deshalb so zu strahlen schienen, weil sie im krassen Gegensatz zu seiner dunklen Haut standen. Sobald Emba auf das Fahrzeug zuging, machte er einen Satz nach vorne, um die Tür für sie zu öffnen. Dabei fiel er vor Übermut beinahe vornüber, was er jedoch gekonnt überspielte, indem er sich an der Türklinke festhielt. Emba unterdrückte ein Grinsen.

»Ihr Gepäck ist bereits eingeladen worden, Fräulein Emba.« Bakari schloss die Tür hinter Emba und ging daraufhin mit etwas mehr Würde um das Fahrzeug herum, um auch Elias die Tür aufzuhalten. Sobald sie beide auf der Rückbank Platz genommen hatten, setzte er sich hinter das Steuer, wo er durch eine schalldichte Glaswand von den komfortablen hinteren Sitzplätzen der Limousine getrennt war, um den Fahrgästen etwas Privatsphäre zu verschaffen. Die Berührung einer seitlich angebrachten Energieschaltfläche erlaubte Elias und Emba jedoch, mit Bakari zu reden.

Bakari ließ die Limousine langsam auf das Garagentor zugleiten, welches sich automatisch öffnete und den Blick freigab auf blauen Himmel, spiegelnde Hochhausfassaden und das übliche Gewimmel von Aerogleitern auf einem Netz von Energiestraßen. Mit seinen typischen ruhigen, geübten Bewegungen steuerte Bakari den Aerogleiter aus der Toreinfahrt hinaus und reihte sich in den Verkehr ein.

Emba wusste, dass ihr Vater sein Personal mit größter Sorgfalt auswählte, und was Bakari anging, behauptete er gerne, er wäre der beste Aerogleiterfahrer, den die Welt je gesehen hatte. Er würde ihm sein Leben anvertrauen, hatte er einmal gesagt. Emba wusste nur, dass Bakari schon seit Jahren für sie arbeitete, obwohl er nicht viel älter war als Emba. Und dass sein Dauergrinsen ihr manchmal gehörig auf die Nerven ging. Wie konnte man bloß immer so verdammt gute Laune haben? Denn ein so authentisches Lachen könnte nicht einmal der beste Schauspieler vortäuschen.

Die Fahrt führte sie aus dem geschäftigen und lebhaften Pantreàs hinaus und über eine in dem dunklen Blaugrün der Landstraßen leuchtende Energiestraße entlang an Vororten, Äckern und Weiden immer weiter nach Norden. Emba, ein wahres Großstadtkind, fühlte sich beinahe unwohl bei dem weiten Blick über das Land bis zum Horizont, ohne Einschränkungen der Sicht durch Häuser und Gebäude. Doch daran würde sie sich gewöhnen müssen. Es hatte gute Gründe, dass die Jägerschule weitab von Pantreàs an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis lag. Zum einen sollten die Jägerschüler sich voll und ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren und von nichts und niemandem abgelenkt werden. Zum anderen waren sie genau dort, wo das Jagdgebiet der Jäger begann. Die dichten Laubwälder des Nordens, einer der wenigen verbliebenen einsamen und unerschlossenen Flecken auf der Landkarte, wo noch immer, wenn auch selten, Runare gesichtet werden konnten, grenzten direkt an das Schulgelände.

»Wusstest du, dass man munkelt, in den Wäldern bei der Jägerschule treibe in klaren Neumondnächten eine Gespenstersippe ihr Unwesen?«, brach Elias auf einmal das Schweigen.

Emba wandte sich vom Fenster ab, um in das verschmitzt lächelnde Gesicht ihres Vaters zu blicken. Manchmal hatte sie das Gefühl, Elias sei seit seinem zwölften Lebensjahr kein bisschen älter oder erwachsener geworden. Tatsächlich sah er die meiste Zeit haargenau wie ein Schuljunge aus, der sich seinen nächsten Streich überlegte. Kaum zu glauben, dass derselbe Mann ein wahres Imperium leitete, Tausende von Angestellten hatte, rund um die Uhr arbeitete und als knallharter Geschäftsmann jeden Tag wichtige Entscheidungen traf. »Ach komm schon, Paps!« Emba verdrehte die Augen. »Das denkst du dir doch aus.«

»Gut.« Mit übertriebenem Gleichmut zuckte Elias die Schultern und wandte sich wieder seinem eigenen Fenster zu. »Dann erzähle ich die Geschichte eben nicht.«

Die Stille im Innenraum des Aerogleiters dehnte die nächsten Sekunden zu Minuten. »Ach, verdammt!« Emba konnte nicht umhin, über sich selbst und ihren albernen Vater zu lachen. »Jetzt erzähl schon!«

Der Rest der zweistündigen Fahrt verflog wie im Nu. Elias und Emba alberten herum, lachten und quatschten wie immer, genossen zwischendurch einen Snack, den die Köchin ihnen eingepackt hatte, und ehe Emba sichs versah, tauchte vor ihnen ein hoch aufragender, mit leuchtend blauer Energie geladener Zaun auf. Das Gelände der Jägerschule.

Mit gedrosselter Fahrt ließ Bakari die Limousine auf die Auffahrt gleiten und hielt an. Augenblicklich erschien ein Energiefenster neben dem Fahrerraum, und die darauf zu sehende Frau wechselte ein paar Worte mit Bakari. Das Fenster verschwand, und im gleichen Moment erlosch die blaue Energiebarriere zwischen den in den Zaun eingelassenen Torsäulen. Bakari fuhr wieder an.

Emba sah begierig aus dem Fenster, damit ihr auch ja nichts entging. Zwischen hohen Gebäudekomplexen, auf Gehwegen und Rasenflächen wimmelte das gesamte Gelände von Schülern und Eltern, die Taschen trugen, Koffer zogen, sich begrüßten und verabschiedeten. Ein großer Aerogleiterbus spuckte eine ganze Schar von jungen Menschen aus. Allesamt schlank, sportlich und mit der selbstbewussten Ausstrahlung von Menschen, die meinen, ihnen läge die Welt zu Füßen. Die Neulinge jedoch waren ebenfalls einfach zu erkennen: keine Freunde, die sie mit einem lässigen Handschlag begrüßten, suchende Blicke, verlorenes Rumstehen alleine oder mit ebenso verloren aussehenden Eltern.

Die lange Limousine blieb nicht unbemerkt. Emba registrierte, wie neugierige Blicke vergebens versuchten, durch die abgedunkelten Fenster zu dringen.

Bakari fuhr auf einen asphaltierten Hof und parkte neben einer ganzen Reihe von anderen Aerogleitern vor einem futuristischen Gebäude, dessen Hauptteil aus einem zylinderförmigen gläsernen Turm bestand, von dem strahlenförmig andere Gebäudeteile abzweigten. Ob darin die Prüfung stattfinden würde? Nervosität stieg in Emba hoch wie heißer Wasserdampf und kondensierte kalt und klamm in ihrem Inneren. Erst als Bakari ihre Tür von außen öffnete, bemerkte sie, dass er und ihr Vater bereits ausgestiegen waren.

»Bitte auszusteigen, Fräulein Emba. Wir sind angekommen.«

Wie in Trance löste Emba den Sicherheitsgurt und stand auf. Bakari schloss die Tür hinter ihr und entfernte sich dann respektvoll. Nur am Rande nahm Emba wahr, wie sich die Menschen nach ihr und ihrem Vater umdrehten. Gesprächsfetzen wehten herüber.

»Ist das nicht …?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Meinst du wirklich?«

»Prinzessin.« Elias war neben Emba getreten und legte eine Hand an ihr Kinn, um ihren Kopf sanft anzuheben und ihren Blick auf sich zu lenken. Emba lächelte über diesen Kosenamen aus Kindertagen, den Elias sich einfach nicht abgewöhnen wollte. Liebevoll strich ihr Vater mit seinem Daumen über ihren Wangenknochen. »Deine Mutter wäre so stolz auf dich.«

Emba schluckte. Es kam nicht oft vor, dass er ihre Mutter oder ihren Bruder erwähnte. Doch immer wenn er es tat, war seine Stimme leise und heiser vor Schmerz, und in Embas Hals wuchs ein riesengroßer Kloß. Bevor sie etwas erwidern konnte, sprach Elias bereits weiter.

»Es stimmt, ich war mit dieser Sache hier nicht immer ganz einverstanden, aber du weißt, dass du immer auf meine Unterstützung zählen kannst. Bei allem, was du tust.«

Emba nickte nur, der Kloß in ihrem Hals war einen Moment lang zu groß zum Sprechen. Wortlos fiel sie ihrem Vater um den Hals, und Elias schlang seine Arme um sie und drückte sie fest an sich.

In diesem Moment erfüllte eine strenge weibliche Stimme die Luft und erstickte alle anderen Geräusche im Keim: »Die Prüflinge mögen sich in fünf Minuten in der Eingangshalle einfinden.«

Widerstrebend löste Emba sich aus der Umarmung und sah sich suchend um, konnte die Sprecherin jedoch nicht entdecken. Die Menschen um sie herum nahmen ihre Gespräche wieder auf, lachend und schwatzend. Nicht wenige jedoch begaben sich eilig in Richtung der Eingangstüre des großen Gebäudes.

»Damit bist wohl du gemeint«, sagte Elias. »Ich … huch!« Das PME an seinem Handgelenk schien vibriert zu haben. Die Energieschaltfläche leuchtete, als Elias seinen Ärmel hochschob und stirnrunzelnd darauf sah. »Ich hatte ausdrücklich darum gebeten, nicht gestört zu werden«, sagte er ärgerlich. »Ich kann noch nicht einmal den Anrufer erkennen. Einen Moment …« Er berührte die Energieschaltfläche, doch kein Fenster öffnete sich. Stattdessen leuchtete die Schaltfläche nun nacheinander in allen Regenbogenfarben auf. »Das gibt es doch nicht.« Jetzt klang Elias wirklich gereizt.

»Paps.« Emba sah in Richtung der Eingangstür in der konvexen Wand des gläsernen Turms. Aufgrund der Spiegelung konnte sie den Innenraum nicht erkennen. »Ich glaube, ich sollte langsam …«

»Ja, sofort, Prinzessin.« Elias stöhnte genervt und tippte weiter auf seinem PME herum. »Tut mir wirklich leid, aber du weißt, wie wichtig es ist, dass ich erreichbar bin. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, wenn schon wieder so ein paar verdammte Idioten …!«

Er führte den Satz nicht zu Ende, doch Emba wusste auch so, wovon er sprach. Vor ein paar Jahren hatten Hacker versucht, an vertrauliche Firmendaten auf dem PME ihres Vaters zu gelangen. Das Sicherheitssystem hatte ihren Anschlag zwar abgeblockt und zusätzlich den Aufenthaltsort der dreiköpfigen Bande ausfindig gemacht, sodass sie noch heute hinter Gittern saßen. Doch der Vorfall hatte Elias einen gehörigen Schrecken eingejagt, der ihm noch immer in den Knochen steckte. Trotzdem, konnte Elias nicht ein Mal abschalten und nur für sie da sein? Wenigstens an einem Tag wie diesem?

»Herr Elias.« Emba schrak zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Bakari wieder zu ihnen getreten war. »Wenn Sie und Fräulein Emba erlauben, könnte ich Fräulein Emba zur Prüfung begleiten.«

»Ach, schon gut, Bakari.« Emba winkte ab. »Ich brauch doch keinen Babysitter. Dann also bis später!« Sie wandte sich zum Gehen.

Elias riss sich endlich von seinem PME los. »Warte, Emba!« Er hielt sie an der Schulter fest. »Viel Glück! Du packst das. Und entschuldige. Du verstehst, dass ich mich kurz darum kümmern muss, nicht wahr?«

»Klar, Paps.« Das tat sie wirklich. Doch es half nicht gegen den bitteren Geschmack der Enttäuschung.

»Lass dich von Bakari begleiten. Mir zuliebe. Ich komme sofort nach.«

Der Blick in den Augen ihres Vaters war so flehentlich, dass Emba nicht weiter widersprach. Wahrscheinlich linderte es sein schlechtes Gewissen, wenn er seine Tochter wenigstens von dem Chauffeur begleitet wusste. Sie zuckte mit den Achseln. »Meinetwegen.«

Mit federnden Schritten und einem fröhlichen Pfeifen auf den Lippen geleitete Bakari sie über den Hof. Emba kam sich neben ihm wie ein Zwerg vor.

»Sag mal, Bakari, wie groß bist du eigentlich?«

»Ein Meter neunzig, Fräulein Emba.«

»Pff, eindeutig zu groß.«

Bakari lachte nur.

Die Eingangstür glitt lautlos beiseite, als sie darauf zutraten. Sie gab den Weg frei in eine runde, hohe, lichtdurchflutete Halle. Weiter oben umsäumten Galerien die konkaven Glaswände, und Emba konnte ein paar in der Luft schwebende Aufzugplattformen ausmachen, mit deren Hilfe man von einer Etage in die andere gelangte. Hier unten im Erdgeschoss wimmelte es bereits von Prüflingen und Eltern, die sich leise unterhielten. Emba ließ den Blick über die Menge schweifen und war unschlüssig, was sie als Nächstes tun sollte. In diesem Moment erschien über ihren Köpfen ein großes Energiefenster. Die Gespräche verstummten, eine leise Melodie setzte ein, und ein Bild erschien auf der Fläche: Pantreàs bei Nacht, von oben aus einem fahrenden Aerogleiter gefilmt.

Emba konnte ein ungläubiges Schnauben nicht unterdrücken und ignorierte die fragenden Blicke der anderen Schüler, die sich nach ihr umsahen. Sie kannte dieses Video, und sie bezweifelte stark, dass irgendwer auf diesem Planeten es nicht kannte. Das war also der Empfang der neuen Jägerschüler von Pantreàs? Ein Werbefilm von Industria?

»Energie.« Eine weiche Frauenstimme begleitete nun die Videoaufnahmen, welche wechselnde Szenen zeigten: den Verkehr in Pantreàs; Schulkinder, die ihre ersten Worte auf der Tastatur von auf ihren Pulten angebrachten Energiefenstern schrieben; einen Vater, der abends im Bett seinem Sohn Gutenachtgeschichten von einem Energiefenster vorlas; eine alte Frau, die mit glücklichem Lächeln ihre Geschirrspülmaschine einschaltete und sich dann entspannt ein Unterhaltungsprogramm auf einem großen Energiefenster in ihrem Wohnzimmer ansah. »Sie begleitet uns tagaus, tagein, von unserer Geburt bis zu unserem Lebensende. Doch was ist Energie? Und woher kommt sie überhaupt, bevor sie die Schaltflächen unserer Wohnung, die Straßen unserer Städte erreicht? Für die Beantwortung dieser Fragen müssen wir in der Zeit weit zurückreisen.«

Die Szene wechselte. Emba unterdrückte ein Gähnen und betrachtete ihre Fingernägel, während der Film auf dem großen Energiefenster in Tierfelle gekleidete Schauspieler mit zerzausten Haaren und dreckigen Gesichtern vor einem Höhleneingang zeigte, wo sie Feuersteine aneinanderschlugen, an Knochen nagten und sich mit dümmlichen Mienen gegenseitig nach Läusen absuchten.

»Wir reisen in eine Zeit, in der wir Menschen noch um das tägliche Überleben kämpften; eine Zeit, in der Nahrung, Wärme und Licht nicht jederzeit zur Verfügung standen, sondern hart erarbeitet werden mussten; eine Zeit, in der tödliche Gefahren lauerten, vor denen niemand sicher war – das Zeitalter der Runare!«

Die Musik wechselte, wurde dröhnend, unheilschwanger und bedrohlich. Die Höhlenmenschen sahen mit furchtsamen Gesichtern auf, sprangen auf die Beine und griffen nach ihren primitiven Waffen. Ein Schwenk der Kamera gab den Blick frei auf täuschend echt animierte Ungeheuer, die ihnen gegenüberstanden, eines gruseliger und angsteinflößender als das andere: lange Klauen, mehrere Reihen messerscharfer Zähne in abgrundtiefen Schlünden, sich windende Tentakel, lange, zuckende Beine, riesenhafte Facettenaugen – die Werbeabteilung von Industria hatte nicht an Einfallsreichtum gespart.

»Runare – ihr Grauen sucht ihresgleichen, ihre Grausamkeit kennt keine Grenzen. Mysteriös und unbezähmbar, geben sie uns bis heute Rätsel auf. Anders als Menschen, Pflanzen und Tiere scheinen sie nicht aus den Elementen dieser Welt gemacht. Lange galten sie als unsterblich, unverwundbar, dämonenhaft. Kurzum: ein unbezwingbarer Gegner.«

Auf dem Energiefenster setzten die Runare zum Sprung an, und obwohl die Szene damit endete, um die Kinderfreundlichkeit des Videos zu wahren, war doch klar, dass dort ein erbarmungsloses Gemetzel stattfinden würde.

»Runare werden nicht geboren, sie entstehen scheinbar aus dem Nichts. Sie fressen nicht, sie schlafen nicht, und sie pflanzen sich nicht fort. Es dauerte lange, bis man ihre wahre Natur erkannte. Bis man die flüchtige Substanz, aus der ihre Körper bestehen, zu nutzen verstand und ihr einen Namen gab: Energie.«

Wieder wechselten die Szenen schneller, zeigten im Schnelldurchlauf die Entwicklung der letzten Jahrhunderte: das Errichten von Häusern und Städten; Energie, die zu Straßen, zu Licht wurde, Maschinen antrieb und die moderne Landwirtschaft ermöglichte.

»Mit der richtigen Technik kann die Energie der Runare gespeichert, umgewandelt und weitergeleitet werden. Dazu müssen die Runare damals wie heute von mutigen Menschen unter Einsatz ihres Lebens gefangen werden. Wir kennen diese Menschen als Jäger.«

Emba sah wieder mit mehr Aufmerksamkeit zu. Dies war ihr liebster Teil des Videos. Alte Filmaufnahmen zeigten die ersten, klobigen Jägerfahrzeuge, lächelnde und winkende Jäger in altmodischen Uniformen, dann spätere Modelle bis hin zu den heutigen Sturmtauchern und schnittigen Anzügen. Kurze Szenen aus Jagden über Eiswüsten und durch Felsenschluchten. Entschlossene, furchtlose Gesichter.

»Energie. Unsichtbar und lautlos, ist sie unser täglicher Begleiter. Sie erleichtert uns das Leben, ermöglicht uns so vieles, was andere Generationen wenige Jahrzehnte zuvor noch als Zauberei bezeichnet hätten. Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird. Sicher ist jedoch, dass die Energie Ihnen nie ausgehen wird.«

Die letzten Bilder hatten wieder Aufnahmen von Pantreàs gezeigt, die schließlich bei dem berühmten Anblick des Hauptgebäudes von Industria im Herzen der Hauptstadt endeten: ein Wolkenkratzer, höher noch als alle um ihn herum, von einer gewaltigen Kugel gekrönt, welche das größte Energiereservoir der Welt beherbergte. Die Kamera zoomte zurück, erst langsam, dann schneller, der Turm wurde schließlich in der Totale zu dem »I« in dem omnipräsenten Schriftzug »Industria«, und die Frauenstimme säuselte zum Abschluss den wohlbekannten Firmenslogan: »Industria – Wir sorgen für Sie.«

Das Energiefenster verschwand und ließ das Publikum in der Eingangshalle schweigend zurück. Emba hob fragend eine Augenbraue. Und jetzt?

Ein einsames Klatschen durchbrach die Stille. Hinter dem Geländer der Galerie in der ersten Etage erschien eine mittelschlanke Frau in einem himmelblauen Kostüm mit kinnlangem, ergrautem Haar und strengen Gesichtszügen. Emba erkannte sie auf den ersten Blick, obwohl sie ihr noch nie persönlich begegnet war: Lisantra, die Leiterin der Jägerschule von Pantreàs. Sie klatschte noch einmal und legte dann beide Hände auf das Geländer, während sie mit einem schmallippigen Lächeln auf die Ankömmlinge hinabsah. Als sie zu sprechen anfing, war ihre Stimme auch ohne künstliche Verstärkung laut und klar:

»Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich finde dieses nette kleine Video immer wieder äußerst unterhaltend und erhellend.« Emba verzog unwillig das Gesicht. Sie würde sich erst noch daran gewöhnen müssen, dass man als Schüler von den Lehrmeistern geduzt wurde. »Viel zu oft wird bei dem Thema Energie deren Quelle vergessen: der Kampf, den ihre Beschaffung noch immer darstellt; ein Kampf, ohne den die Zivilisation, die Welt, wie wir sie kennen, nicht möglich wäre; ein Kampf, der in Zukunft – möglicherweise – von euch ausgefochten wird.« Sie breitete in einer einladenden Geste die Arme aus. »Willkommen!Willkommen an der Jägerschule von Pantreàs! Ihr seid die glücklichen – oder sollte ich sagen: die erfolgreichen? – Auserwählten, die zu der Eignungsprüfung antreten dürfen. Solltet ihr die Prüfung bestehen, werdet ihr eine Ausbildung erhalten, die – so möchte ich behaupten – euch in dieser Qualität nirgendwo sonst auf der Welt geboten wird.« Lisantra hielt inne, und ihr Lächeln, das von Anfang an eher arrogant als freundlich gewirkt hatte, wich einem ernsten Gesichtsausdruck. »Diese Ausbildung jedoch wird nur denen zuteil, die ihrer würdig sind. Seit jeher bedienen wir uns eines bewährten Prüfverfahrens, um die Besten für diese Ausbildung auszuwählen. Wir testen euer logisches Denken, eure körperliche Fitness, euer Verhalten in Situationen psychischen und physischen Stresses. Ihr werdet an einen Simulator angeschlossen werden, der zum Teil voreingestellte Programme abspielt, zum Teil jedoch auch auf Erinnerungen und Ängste aus eurem Unterbewusstsein zugreift und daraus individuelle Aufgaben für euch zusammenstellt. Diejenigen von euch, die den Test bestehen, werde ich anschließend in der Aula wiedertreffen.« Sie machte eine kurze Pause. »Es werden nur die wenigsten sein.«

Ein knappes Nicken, ein weiteres gekünsteltes Lächeln. Lisantra trat von dem Geländer zurück und verschwand so aus ihrem Blickfeld. Einzelner, verhaltener Applaus folgte ihrem Abgang.

»Tolle Ansprache«, murmelte Emba leise. Bakari neben ihr grinste verhalten.

»Hier entlang bitte!«

Drei Türen entlang der Wand hatten sich geöffnet. Augenblicklich kam Bewegung in die Menge, und es formten sich drei lange Schlangen. Ein paar ältere Schüler in verschiedenfarbigen Schuluniformen waren aus den Türen getreten und sorgten mehr schlecht als recht für Ordnung.

»Die ersten zwanzig Personen bitte! Danach nur einzeln nach Aufruf eintreten. Nicht drängeln!«

»Na, das kann ja dauern«, murmelte Emba, während sie und Bakari sich an das Ende einer der Schlangen stellten. Ihre Gelassenheit jedoch war pure Schauspielerei. Sie spürte bereits, wie ihre Nervosität abermals stieg. Suchend sah sie sich nach ihrem Vater um, konnte ihn jedoch nicht entdecken.

»Wissen Sie, was Sie jetzt brauchen, Fräulein Emba?« Bakari griff in seine Jackentasche und förderte ein flaches, in buntes Papier eingeschlagenes Päckchen zutage. »Nervennahrung!«

Ungläubig beobachtete Emba, wie Bakari das Papier abstreifte. »Schokolade?«, fragte sie. Essen war nun wirklich das Letzte, woran sie gedacht hatte. »Nein, danke!«

»Wie Sie meinen.« Bakari zuckte mit den Schultern, brach sich eine Ecke ab und steckte sie sich genießerisch in den Mund.

Emba war einen kurzen Moment lang sprachlos. Was erlaubte er sich? Wie konnte er einfach schamlos Schokolade futtern, während sie vor Anspannung verging? Ohne ihre Empörung zu bemerken, gönnte der Chauffeur sich ein zweites Stück. Schloss genüsslich die Augen.

»Na gut!«

Bakari sah auf.

»Jetzt gib schon her. Ich nehme doch was. Ein kleines Stück.«

Bakari schluckte und lächelte. »Eine gute Entscheidung, Fräulein Emba.« Er brach ihr ebenfalls ein Stück von der Tafel ab, welches Emba entgegennahm und argwöhnisch betrachtete.

»Die ist ja komplett schwarz.«

»Genau wie ich.« Bakari lachte, laut und ansteckend. »Feinste Bitterschokolade! Da ist wenigstens noch ordentlich Kakao drin. Probieren Sie, Fräulein Emba! Sie werden es lieben.«

Emba steckte sich das Stück in den Mund und ließ es auf der Zunge zergehen.

»Nicht schlecht, was?« Bakari grinste, als hätte er die Schokolade höchstpersönlich erfunden. »Und dazu auch noch gesund, wirklich! Außerdem macht sie glücklich und hilft beim Denken. Also genau das, was sie gerade brauchen. Wenn Sie mich fragen, Fräulein Emba«, er senkte verschwörerisch die Stimme, »Bitterschokolade hilft in jeder Situation. Bitterschokolade ist sozusagen – die Lösung für alles!«

»Die Lösung für alles, ja?«, fragte Emba amüsiert. Das war mit Abstand die längste Unterhaltung, die sie je mit ihrem Chauffeur geführt hatte. Ein komischer Vogel. »Kriege ich noch ein Stück?«

Die Schlange schlich quälend langsam voran. Als Emba endlich ganz vorne in der Reihe stand, war die Tafel Schokolade schon lange restlos von ihr und Bakari verputzt worden.

»Die Nächste bitte.« Der Jägerschüler neben der Tür sah sie direkt an.

Embas Magen drehte sich um.

»Viel Erfolg wünsche ich, Fräulein Emba«, hörte sie Bakari hinter sich sagen, während sie sich mit steifen Schritten in Bewegung setzte.

»Das wird schon.«

Überrascht sah Emba auf. Der Jägerschüler an der Tür hatte gesprochen. Er zwinkerte ihr mit freundlichen blauen Augen zu. Emba brachte nur ein stummes Nicken zustande.

Dann war sie auch schon durch die Tür und fand sich in einem langen, in dämmriges Dunkel getauchten Flur wieder. Links und rechts zweigten jeweils zehn Türen ab, die normalerweise vermutlich zu Unterrichtsräumen führten. Hinten links stand eine offen, und daneben winkte sie eine weitere Jägerschülerin ungeduldig heran. Emba ging auf sie zu.

»Setz dich bitte«, sagte sie mit gelangweiltem Gesichtsausdruck und schloss die Tür hinter Emba.

Tische und Stühle stapelten sich im hinteren Teil des Raums. Inmitten der freien Fläche stand ein einsamer Stuhl, direkt daneben ein kleines Schränkchen. In der Luft darüber hing ein Energiefenster mit bunten, unübersichtlichen Schaltflächen.

Emba ließ sich mit pochendem Herzen auf dem Stuhl nieder.

Das Mädchen, das nur wenige Jahre älter sein konnte als Emba, holte mehrere flache, runde Aufkleber aus dem Tischchen und befestigte sie routiniert an Embas Schläfen, Handgelenken und Schlüsselbeinen.

»Energiepflaster«, erklärte sie dabei. »Sie sind mit dem Prüfungssystem verbunden. Bitte einmal die Hosenbeine hochkrempeln … Danke.« Auch Embas Schienbeine wurden mit jeweils einem Pflaster versehen. Sie lagen kühl auf ihrer Haut.

»Also«, das Mädchen stellte sich vor Emba, »folge einfach dem weißen Pfad und arbeite dich so durch die verschiedenen Teilaufgaben. Ganz am Ende wirst du eine Waffe benötigen. Dir stehen folgende zur Auswahl: Speer, Säbel, Messer, Energiepistole oder Pfeil und Bogen. Du musst sie nur laut und deutlich anfordern, und die Waffe deiner Wahl wird dir zur Verfügung stehen. Du hast insgesamt dreizehn Minuten. Wenn du in der Simulation stirbst oder die Zeit abläuft, bevor du die finale Aufgabe gelöst hast, bist du durchgefallen. Die Prüfung gilt als bestanden, wenn du mir am Ende mitteilen kannst, was sich in der schwarzen Schachtel befindet.«

Das Mädchen ging zu dem Energiefenster hinüber und tippte ohne viel Begeisterung darauf herum. »Bereit?«

Emba schluckte. »Äh …«

»Dann geht es jetzt los.«

Die Eignungsprüfung

Das Treppenhaus war dunkel und kahl, nicht viel mehr als ein Schacht aus Betonwänden mit einer endlosen Wendeltreppe darin. Da es keinen anderen Weg gab, stieg Emba im Laufschritt die Treppenstufen hoch.

Sie war noch nicht weit gekommen, da drang von oben eine menschliche Stimme an ihr Ohr. Keine Worte. Lang gezogene Klagelaute voller Kummer und Verzweiflung, die Emba kalte Schauer über den Rücken jagten. Je höher sie stieg, desto lauter wurde das Klagen, bis die Treppe schließlich vor einer massiven Holztür endete und die Geräusche urplötzlich verstummten.

Emba konnte ihr eigenes Herz in der Stille pochen hören.

Sie drückte die Klinke und öffnete die Tür.

Ein kahler Raum, von kaltem Licht erhellt. In der Mitte ein Sessel, der ihr nur allzu vertraut war. Und darauf …

»Paps!«

Emba stürzte auf Elias zu. Ihr Vater saß vornübergebeugt, das Gesicht in den Händen vergraben. Seine ganze Gestalt wurde von leisen Schluchzern geschüttelt, Tränen tropften auf seinen Schoß. Es gab keinen Zweifel, dass die Stimme, die Emba im Treppenschacht gehört hatte, seine gewesen war.

»Paps!«, rief Emba panisch und ging neben ihm in die Knie, rüttelte an seiner Schulter. Warum reagierte er nicht? War er verletzt? »Paps, was ist mit dir?«

Endlich sah Elias auf. Langsam hob er den Kopf, begegnete ihrem Blick. Emba zuckte zurück, erkannte ihren Vater kaum wieder. Tiefe Falten durchzogen sein von Kummer gezeichnetes Gesicht. Er schien um Jahre gealtert. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem traurigen Lächeln. »Meine Prinzessin«, sagte er leise. »Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Aber, Paps«, Emba griff nach seiner Hand, »was hast du denn?«

Elias wich ihrem Blick aus. »Meine Tochter. Du bist mein Ein und Alles. Ich habe doch nichts außer dir.

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