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Elizabeth wird vermisst

Über die Autorin

Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Schreiben an der University of East Anglia ab. ELIZABETH WIRD VERMISST ist ihr erster Roman, den sie mit gerade mal 28 Jahren vorgelegt hat.

Emma Healey

Elizabeth wird vermisst

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Rainer Schumacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Großmütter,
Vera Healey und Nancy Rowand,
die mich zu diesem Buch inspiriert haben.

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Prolog

»Maud? Habe ich dich so gelangweilt, dass du lieber draußen im Dunkeln stehst?«

Eine Frau ruft nach mir, sie steht im Esszimmer. Es ist in ein warmes Licht getaucht. Mein Atem schlängelt sich ihr entgegen, feucht und geisterhaft, doch ihm folgen keine Worte. Der wenige Schnee, der hell auf der Erde liegt, reflektiert das Licht und wirft es auf ihr Gesicht. Sie kneift die Augen zusammen, damit sie besser sehen kann. Dabei kann sie auch am Tag nicht sonderlich gut sehen. Das weiß ich.

»Komm rein«, sagt sie. »Es ist eiskalt. Ich verspreche dir auch, nicht mehr über Frösche, Schnecken und Majolika zu sprechen.«

»Du langweilst mich nicht«, sage ich und erkenne zu spät, dass sie nur einen Scherz gemacht hat. »Ich komme gleich wieder rein. Ich suche nur etwas.« In meiner Hand liegt das Ding, das ich schon gefunden habe. Es klebt noch Dreck daran. Es ist ein kleines Ding, das man leicht übersieht: der gebrochene Deckel einer alten Puderdose, das Silber ist angelaufen, die dunkelblaue Emaille ist nicht mehr glatt und glänzend, sondern zerkratzt und stumpf. Der mit Mehltau überzogene Spiegel ist wie ein Fenster zu einer verschwommenen Welt, wie ein Bullauge, durch das man ins Meer schauen kann. Die Erinnerung lässt mich schaudern.

»Was hast du denn verloren?« Zitternd und vorsichtig tritt die Frau auf die Veranda heraus. »Kann ich dir helfen? Ich kann zwar nichts sehen, aber vielleicht stolpere ich ja darüber, wenn es nicht allzu gut versteckt ist.«

Ich lächele, bleibe aber auf dem Gras stehen. Am Rand eines Schuhabdrucks hat sich Schnee gesammelt. Er sieht aus wie die versteinerte Fußspur eines Dinosauriers. Ich halte den Deckel der Puderdose fest in der Hand, und als der Dreck trocknet, spannt sich meine Haut. Ich habe dieses winzige Ding fast siebzig Jahre lang vermisst. Und jetzt hat der schmelzende Schnee die Erde nass und weich gemacht, und sie hat ein Relikt ausgespien. Direkt in meine Hand. Aber wo kommt es her? Ich weiß es nicht. Wo hat es gelegen, bevor es zum Knorpel im Brei der Erde geworden ist?

Ein altbekanntes Geräusch, wie das Bellen eines Fuchses, versucht sich einen Weg in meinen Kopf zu bahnen.

»Elizabeth?«, frage ich. »Hast du je Kürbisse gezüchtet?«

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1

»Haben Sie schon gehört, dass hier in der Nähe eine alte Frau überfallen und ausgeraubt wurde?«, fragt Carla, und ihr langer schwarzer Pferdeschwanz schlängelt sich über ihre Schulter. »Na ja, eigentlich war das in Weymouth, aber es hätte genauso gut hier sein können. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Als man sie gefunden hat, war ihr halbes Gesicht eingeschlagen.«

Letzteres sagt sie mit gedämpfter Stimme, aber mit dem Hören hatte ich noch nie Probleme. Ich wünschte, Carla würde mir diese Dinge nicht erzählen. Sie hinterlassen immer ein ungutes Gefühl, und das auch noch lange, nachdem ich die Geschichten selbst längst vergessen habe. Ich schaudere und schaue zum Fenster hinaus. Mir will einfach nicht einfallen, in welcher Richtung Weymouth liegt. Ein Vogel fliegt vorbei.

»Habe ich eigentlich genügend Eier?«

»Jede Menge. Sie müssen heute also nicht mehr raus.«

Carla greift nach der Patientenakte, nickt mir zu und schaut mir in die Augen, bis ich das Nicken erwidere. Ich komme mir vor wie in der Schule. Gerade war da noch was in meinem Kopf, eine Geschichte, aber jetzt habe ich den Faden verloren. Es war einmal … Hat sie so begonnen? Es war einmal in einem tiefen dunklen Wald. Dort lebte eine alte, alte Frau mit Namen Maud. Keine Ahnung, wie es weitergehen könnte. Vielleicht irgendetwas mit ihrer Tochter, die sie besuchen kommt … vielleicht. Schade, dass ich nicht in einem netten kleinen Häuschen im tiefen dunklen Wald lebe. Das könnte ich mir gut vorstellen. Und meine Enkelin könnte mir das Essen in einem Korb bringen.

Irgendwo im Haus knallt etwas, und mein Blick springt unruhig durchs Wohnzimmer. Da ist ein Tier, ein Tier, das man draußen trägt, und es liegt auf der Sofalehne. Es ist Carlas. Sie hängt es nie auf. Vermutlich hat sie Angst, es zu vergessen. Ich kann einfach nicht anders. Ich muss es anstarren. Gleich wird es sich bewegen. Das weiß ich. Es wird in eine Ecke huschen oder mich auffressen und meinen Platz einnehmen. Und Katy wird eine Bemerkung über seine großen Augen und seine großen Zähne machen müssen.

»All diese Dosen mit Pfirsichen!«, ruft Carla aus der Küche. Carla, die Pflegekraft, denn »Pflegekraft« nennt man sie heute. »Sie dürfen nicht mehr so viel zu essen kaufen!«, ruft sie. Ich höre das Schaben von Dosen auf meiner Resopal-Arbeitsplatte. »Das reicht ja für eine ganze Armee!«

Genug Essen. Man kann nie genug im Haus haben. Das meiste davon verschwindet sowieso, nachdem ich es gekauft habe, und taucht nie wieder auf. Ich weiß nicht, wer das alles isst. Meine Tochter redet genauso. »Keine Dosen mehr, Mum«, sagt sie und kontrolliert bei jeder Gelegenheit meine Schränke. Offenbar muss sie jemanden durchfüttern. Die Hälfte des Zeugs verschwindet mit ihr nach Hause, und dann wundert sie sich, wenn ich wieder einkaufen gehen muss. Aber was soll’s? Es ist ja nicht so, als hätte ich sonst noch viel Freude in meinem Leben.

»Es ist ja nicht so, als hätte ich sonst noch viel Freude«, sage ich und richte mich im Sessel auf, damit meine Stimme bis in die Küche trägt. Glänzendes Schokoladenpapier klemmt in den Ritzen des Sessels. Es windet sich an den Kissen, und ich schnippe es weg. Patrick, mein Mann, hat immer mit mir geschimpft, wenn ich Süßigkeiten gegessen habe. Und daheim habe ich viel davon gegessen. Es war einfach nett, mir eine Zitronen-Brause und ein Karamelltoffee zu gönnen, wenn ich Lust darauf hatte, denn in der Vermittlung durften wir das nicht. Niemand will schließlich mit einer Telefonistin sprechen, die den Mund voll hat. Aber Patrick hat immer gesagt, ich würde mir damit die Zähne ruinieren. Pfefferminzbonbons waren unser Kompromiss, und ich mag sie immer noch, auch wenn mich heute niemand mehr davon abhält, eine ganze Schachtel Pralinen zu verschlingen, wenn mir danach ist. Wenn ich will, kann ich schon morgens damit anfangen. Es ist Morgen. Ich weiß das, weil die Sonne auf das Vogelhäuschen scheint. Morgens scheint sie auf das Vogelhäuschen und abends auf die Kiefer. Ich muss noch einen ganzen Tag überstehen, bis die Sonnenstrahlen den Baum erreichen.

Carla kommt halb geduckt ins Wohnzimmer und sammelt das Schokoladenpapier vom Boden auf.

»Ich wusste ja gar nicht, dass du hier bist, meine Liebe«, sage ich.

»Ich habe Ihr Mittagessen vorbereitet.« Sie zieht ihre Latexhandschuhe aus. »Es steht im Kühlschrank, und ich habe einen Zettel darangeklebt. Jetzt haben wir zwanzig vor neun. Bitte, versuchen Sie, es nicht vor zwölf zu essen, okay?«

Sie redet, als würde ich jedes Mal alles sofort verschlingen, kaum dass sie das Haus verlassen hat.

»Ich gehe jetzt«, sagt sie. »Später kommt dann Helen, okay? Bye.«

Die Haustür fällt ins Schloss, und ich höre, wie Carla hinter sich abschließt. Sie sperrt mich ein. Ich schaue ihr durchs Fenster hinterher. Sie trägt einen mit Fell abgesetzten Mantel über ihrer Dienstkleidung. Eine Pflegekraft im Wolfspelz.

Als ich noch ein junges Mädchen war, wäre ich froh gewesen, das Haus für mich allein zu haben. Dann hätte ich die Speisekammer geplündert, meine besten Kleider angezogen, das Grammophon eingeschaltet und mich auf den Boden gelegt. Doch jetzt wäre mir Gesellschaft lieber. Das Licht brennt noch, und als ich zum Kühlschrank gehe und nachsehe, was Carla mir zum Mittagessen dagelassen hat, sieht die Küche wie ein verlassenes Bühnenbild aus. Fast rechne ich damit, dass jemand hereinkommt, meine Mutter mit ihren Einkäufen oder mein Dad mit massenweise Fish & Chips, und irgendetwas Dramatisches sagt, wie in einem Theaterstück. Dad würde sagen: »Deine Schwester ist fort«, gefolgt von einem Trommelwirbel, einem Tusch oder so etwas, und Ma würde sagen: »Für immer«, und dann würden wir einander um der dramatischen Wirkung willen anstarren. Ich hole einen Teller aus dem Kühlschrank und frage mich, was wohl mein Text sein würde. An dem Teller klebt ein Zettel: »Mittagessen für Maud. Erst nach 12.00 Uhr essen.« Ich reiße den Zettel ab. Es ist ein Käse-Tomaten-Sandwich.

Als ich mit dem Essen fertig bin, wandere ich ins Wohnzimmer zurück. Es ist so still hier. Noch nicht einmal meine Uhr tickt sonderlich laut. Aber sie zeigt die Zeit an, und ich schaue zu, wie die Zeiger sich langsam drehen. Der Tag hat noch viele Stunden, die ich irgendwie füllen muss, und irgendwann muss ich auch den Fernseher einschalten. Gerade läuft eines dieser Sofa-Programme. Zwei Leute auf einem Sofa beugen sich zu einer Person auf dem gegenüberliegenden Sofa hinüber. Sie lächeln und schütteln die Köpfe, und schließlich bricht die Person, die alleine auf dem Sofa sitzt, in Tränen aus. Ich bekomme einfach nicht heraus, worum es geht. Anschließend läuft eine Sendung, in der Leute von einem Haus zum anderen rennen und nach Dingen suchen, die sie verkaufen können. Nach diesen hässlichen Dingen, die überraschend wertvoll sind.

Vor ein paar Jahren hätte ich mich noch für mich selbst geschämt. Fernsehen am helllichten Tag! Aber was soll ich sonst tun? Manchmal lese ich, doch die Geschichten ergeben keinen Sinn mehr, und ich kann mich nie daran erinnern, wo ich aufgehört habe. Und ich kann ein Ei kochen. Ich kann ein Ei essen. Und ich kann fernsehen. Ansonsten warte ich nur noch: auf Carla, auf Helen, auf Elizabeth.

Elizabeth ist die einzige Freundin, die mir noch geblieben ist. Alle anderen sind entweder im Heim oder unter der Erde. Sie ist ein großer Fan dieser Rumlaufen-und-Sachen-verkaufen-Shows, und sie hofft, eines Tages selbst einen unentdeckten Schatz zu finden. Sie kauft immer alle möglichen furchtbaren Teller und Vasen in den Secondhandläden der Wohlfahrt und spekuliert darauf, mit einem davon ein Vermögen zu verdienen. Manchmal kaufe ich auch etwas für sie, grellbuntes Porzellan zumeist. Das ist eine Art Spiel zwischen uns: Wer findet bei Oxfam die hässlichste Töpferware? Das ist zwar kindisch, doch nur wenn ich mit Elizabeth zusammen bin und mit ihr lache, bin ich ich selbst.

Ich glaube, da gibt es etwas in Bezug auf Elizabeth, an das ich mich erinnern müsste. Vielleicht wollte sie, dass ich ihr etwas besorge. Ein gekochtes Ei oder Schokolade. Dieser Kerl, der sich ihr Sohn schimpft, gönnt ihr nur Notrationen. Er gibt noch nicht einmal Geld für neue Rasierklingen aus. Elizabeth erzählt immer, wie rau seine Haut vom Rasieren ist, und sie hat Angst, dass er sich eines Tages die Kehle durchschneidet. Manchmal wünschte ich, das würde er. Dieser Geizkragen. Würde ich ihr nicht dann und wann etwas zustecken, sie wäre schon längst verhungert.

Ich habe da einen Zettel, auf dem steht, dass ich nicht rausgehen soll, aber ich weiß nicht, warum. Ein kleiner Spaziergang zum Laden kann ja wohl kaum schaden.

Ich schreibe eine Einkaufsliste, bevor ich mir Mantel und Hut anziehe und die Schlüssel in die Tasche stecke. Ich stecke sie immer in die rechte Tasche, und an der Tür überprüfe ich das noch mal.

Überall auf dem Bürgersteig sind weiße Flecken, dort, wo in der Nacht die Schnecken plattgetreten wurden. Nach einem verregneten Abend gibt es in dieser Straße immer Hunderte von Opfern. Wie entstehen diese Flecken eigentlich?, überlege ich. Welcher Teil der Schnecke macht sie weiß?

»›Erbleiche nicht, geliebte Schnecke‹«, sage ich und beuge mich so weit vor, wie ich es wage, um mir das genauer anzusehen. Mir will einfach nicht einfallen, woher dieses Zitat stammt, aber es geht vermutlich um genau dieses Phänomen. Ich darf nicht vergessen, das nachzuschlagen, wenn ich wieder zu Hause bin.

Der Laden ist nicht weit entfernt, aber ich bin erschöpft, als ich dort ankomme. Aus irgendeinem Grund biege ich immer falsch ab und muss dann wieder um den ganzen Block. Ich fühle mich wie bei Kriegsende. Damals habe ich mich auch oft in der Stadt mit all den zerbombten Häusern verirrt, mit den plötzlich auftauchenden freien Flächen und den von Trümmerhaufen blockierten Straßen.

Carrow’s ist ein kleiner Laden voller Dinge, die ich nicht brauche. Ich wünschte, sie würden die ganzen Bierdosen aus den Regalen räumen und Platz für etwas Nützliches schaffen. Aber so war es hier schon immer, seit meiner Kindheit. Nur das Ladenschild haben sie vor ein paar Jahren geändert. Jetzt steht groß »Coca-Cola« drauf und »Carrow’s« darunter, ganz klein – wie ein nachträglicher Einfall. Ich lese es laut, als ich hineingehe. Und dann lese ich die Einkaufsliste laut vor, als ich neben einem Regal mit Pappkartons stehe, in denen sich Ricicles und Shreddies befinden, was auch immer das sein mag.

»Eier. Milch – Fragezeichen – Schokolade.« Ich halte meine Einkaufsliste ins Licht. Der Laden riecht angenehm nach Karton, wie die Speisekammer daheim. »Eier, Milch, Schokolade. Eier, Milch, Schokolade.« Ich sage die Worte, weiß aber nicht mehr so recht, wie die Dinge aussehen. Sind sie vielleicht in den Kartons da vor mir? Ich murmele die Liste weiter vor mich hin, während ich durch den Laden schlurfe, doch die Worte verlieren mehr und mehr an Bedeutung und werden zu einem monotonen Singsang. Ich habe auch Kürbisse auf der Liste, Eierkürbisse, doch ich glaube, die führen sie hier nicht.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Mrs. Horsham?«

Reg beugt sich über den Tresen, und seine Weste wölbt sich über seiner Brust, als er über die Plastikbehälter mit den Süßigkeiten wischt und dort kleine Staubflocken zurücklässt. Er beobachtet mich. Der neugierige Kerl. Keine Ahnung, was er bewacht. Okay, einmal habe ich was mitgenommen. Ja und? Das war doch nur ein Kopf Salat. Oder war es ein Glas Erdbeermarmelade? Ich hab’s vergessen. Egal, er hat es zurückbekommen. Helen hat es zurückgebracht, und damit war die Sache erledigt. Als ob er nie Fehler machen würde. Im Laufe der Jahre habe ich oft zu wenig Wechselgeld bekommen. Er führt diesen Laden jetzt schon seit Jahrzehnten, und allmählich wird es Zeit, dass er in Rente geht. Aber seine Mutter hat auch erst aufgehört, als sie über neunzig war, also wird er vermutlich noch eine Weile bleiben. Ich war froh, als die alte Frau endlich einen Schlussstrich gezogen hatte. Sie hat mich immer aufgezogen, wenn ich gekommen bin, und das nur, weil ich sie als junges Mädchen mal gebeten habe, einen Brief für mich anzunehmen. Ich hatte einem Mörder geschrieben und wollte nicht, dass die Antwort zu mir nach Hause kommt, und anstelle meines eigenen Namens hatte ich den eines Filmstars als Absender angegeben. Ich habe zwar nie eine Antwort bekommen, aber Regs Mutter glaubte ihr Leben lang, ich hätte auf einen Liebesbrief gewartet. Noch ewig nach meiner Hochzeit hat sie darüber gelacht.

Was wollte ich noch mal kaufen? Die vollgepackten Regale schauen mich finster an, als ich sie umkreise, und auch das blau-weiße Linoleum starrt zu mir herauf, rissig und verschmutzt. Mein Einkaufskorb ist leer, aber ich glaube, ich bin schon eine Weile hier, denn Reg beobachtet mich. Ich greife nach etwas. Es ist schwerer, als ich erwartet hatte, mein Arm wird von dem plötzlichen Gewicht nach unten gezogen. Es ist eine Dose Pfirsichscheiben. Das muss reichen. Ich lege noch einige weitere Dosen in meinen Korb und hänge mir die Tragegriffe in die Armbeuge. Das dünne Metall des Korbs drückt gegen meine Hüfte, als ich zum Tresen gehe.

»Sind Sie sicher, dass Sie das kaufen wollen?«, fragt Reg. »Sie haben doch gestern schon jede Menge Pfirsiche gekauft.«

Ich schaue in den Korb. Stimmt das? Habe ich gestern wirklich das Gleiche gekauft? Reg hustet, und ich sehe einen Anflug von Belustigung in seinen Augen.

»Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher. Vielen Dank«, erkläre ich mit fester Stimme. »Wenn ich Dosenpfirsiche kaufen will, dann kaufe ich sie auch.«

Reg hebt die Augenbrauen und tippt die Preise in die Kasse. Mit hoch erhobenem Kopf schaue ich zu, wie die Dosen in das Plastiktrageding gestopft werden, doch meine Wangen sind heiß. Was wollte ich eigentlich hier? Ich krame in meiner Tasche herum und finde ein blaues Blatt Papier, auf dem in meiner Handschrift steht: »Eier. Milch? Schokolade.« Ich nehme mir eine Tafel Vollmilchschokolade und lege sie in den Korb. Dann habe ich wenigstens etwas von meiner Liste. Aber die Pfirsiche kann ich jetzt nicht mehr zurückbringen, Reg würde mich auslachen. Ich bezahle meine Tüte Dosenpfirsiche und klappere mit ihnen die Straße hinunter. Ich komme nur langsam voran, denn die Tüte ist schwer, und ich habe Schmerzen in Schultern und Knien. Ich erinnere mich noch daran, wie die Häuser an mir vorbeiflogen, wenn ich früher nach Hause ging. Ja, gerannt bin ich. Ma fragte mich hinterher immer, was ich unterwegs alles gesehen hatte, ob irgendwelche Nachbarn nicht zu Hause waren und was ich von dem neuen Gartenzaun ein Stück den Block hinunter hielt. Doch all das hatte ich gar nicht bemerkt, denn ich schoss wie der Blitz daran vorbei. Jetzt hingegen habe ich Zeit genug, mir alles genau anzusehen, nur gibt es inzwischen niemanden mehr, dem ich davon erzählen könnte.

Manchmal, wenn ich mal wieder aufräume und Dinge aussortiere, finde ich Fotos aus meiner Jugend, und es ist jedes Mal ein Schock, alles in Schwarz-Weiß zu sehen. Ich glaube, meine Enkelin denkt, dass wir früher alle graue Haut und mattes Haar hatten und vor düsteren Landschaften posierten. Dabei erinnere ich mich, dass die Farben der Stadt einen fast blendeten, so grell und bunt war sie in meiner Kindheit. Ich erinnere mich an das tiefe Blau des Himmels und an das dunkle Grün der Kiefern, die in ihn aufragten. Ich erinnere mich an das leuchtende Rot der Backsteinhäuser und an den orangefarbenen Teppich aus Kiefernnadeln unter unseren Füßen. Ich bin mir zwar sicher, dass der Himmel heutzutage auch gelegentlich blau ist, dass die meisten Häuser noch stehen und die Bäume nach wie vor ihre Nadeln verlieren, dennoch wirken die Farben irgendwie verblasst, ganz so, als würde ich in einer alten Fotografie leben.

Als ich wieder zu Hause bin, klingelt ein Wecker. Ich stelle ihn manchmal, um mich an Termine zu erinnern. Ich setze meine Tüte im Flur ab und schalte den Wecker aus. Mir will einfach nicht einfallen, weshalb er diesmal geklingelt hat, und ich sehe auch nichts, das es mir verraten würde. Vielleicht wollte ja jemand vorbeikommen.

*

»War der Immobilienmakler da?«, ruft Helen über das Klappern ihres Schlüssels hinweg, als sie die Haustür öffnet.

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Wie spät ist es denn?«

Sie antwortet nicht. Ich höre sie durch den Flur stapfen.

»Mum!«, sagt sie. »Was sind denn das schon wieder für Dosen hier? Wie viele von diesen verdammten Pfirsichen brauchst du eigentlich?«

Ich sage ihr, dass ich nicht weiß, wie viele. Ich sage ihr, Carla müsse sie gekauft haben. Ich sage, ich sei den ganzen Tag daheim gewesen, und dann schaue ich auf die Uhr und frage mich, wie ich das durchgehalten habe.

Helen kommt ins Wohnzimmer. Ihr Atem ist süß und kalt, und ich bin wieder Kind, liege in meinem warmen Bett, wo sich das Gesicht meiner Schwester kurz an meine Wange schmiegt und ihr kühler Atem über mich hinwegstreicht, während sie mir vom Ballsaal und den Soldaten erzählt. Sukey war immer kalt, wenn sie vom Tanzen kam, selbst im Sommer. Und Helen ist auch oft kalt. Sie verbringt viel zu viel Zeit damit, in den Gärten anderer Leute herumzubuddeln.

Sie hält eine Plastiktüte in die Höhe. »Warum sollte Carla eine Tüte mit Dosenpfirsichen im Flur stehen lassen?« Sie senkt die Stimme nicht, obwohl wir uns im selben Raum befinden, und die Tüte nimmt sie auch nicht herunter. »Du sollst nicht mehr einkaufen. Ich kann dir alles besorgen, was du brauchst. Das habe ich dir doch gesagt. Schließlich komme ich jeden Tag vorbei.«

Ich bin mir sicher, dass ich Helen nicht so oft sehe, aber ich werde mich jetzt nicht mit ihr darüber streiten. Sie nimmt den Arm wieder herunter, und die Tüte hängt neben ihrem Bein.

»Und? Versprichst du mir, dass du nicht wieder einkaufen gehst?«

»Warum sollte ich? Ich habe dir doch gesagt, dass Carla die Dosen gekauft haben muss. Außerdem, wenn ich Dosenpfirsiche kaufen will, dann kaufe ich sie auch.« Der Satz klingt irgendwie vertraut, ich weiß nur nicht, warum. »Wenn ich Kürbisse anpflanzen wollte«, sage ich und halte eine Einkaufsliste ins Licht, »wo sollte ich sie dann am besten setzen?«

Helen seufzt auf dem Weg hinaus, und ich finde, dass ich ihr folgen sollte. Im Flur bleibe ich stehen, von irgendwoher kommt ein dröhnendes Geräusch. Mir will einfach nicht einfallen, was das ist, und ich kann auch nicht ausmachen, von wo es kommt. Als ich die Küche betrete, höre ich es kaum noch. Hier drin ist alles sehr sauber. Mein Geschirr steht im Schrank, obwohl ich sicher bin, dass ich es nicht eingeräumt habe. Mein Lieblingsmesser und meine Lieblingsgabel sind gespült. Als ich die Schranktür öffne, flattern zwei Zettel zu Boden. Auf dem einen steht das Rezept für Béchamelsoße, auf dem anderen Helens Name und darunter eine Zahl. Ich hole eine Rolle Klebeband aus der Schublade und befestige die Zettel wieder an der Schranktür. Vielleicht koche ich heute ja Béchamelsoße. Aber erst mache ich mir eine Tasse Tee.

Ich schalte den Wasserkocher ein. Ich weiß, welcher Stecker es ist, denn irgendjemand hat ein Kreppband daraufgeklebt und es mit »Wasserkocher« beschriftet. Dann hole ich Tassen und Milch und einen Teebeutel aus einer Dose, auf der »Tee« steht. Neben der Spüle liegt ein Zettel: »Kaffee ist gut fürs Gedächtnis.« Es ist meine Schrift.

Ich gehe mit meiner Tasse zum Wohnzimmer und bleibe in der Tür stehen. Da ist dieses Dröhnen in meinem Kopf. Oder vielleicht kommt es von oben. Ich steige die ersten Stufen hinauf, aber ich muss mich dabei an beiden Geländern festhalten. Also gehe ich wieder eine Stufe hinunter und stelle meine Tasse auf das Regal im Flur. Ich bin ja gleich wieder da.

Mein Zimmer ist recht sonnig und normalerweise auch sehr ruhig, wenn da nicht dieses Dröhnen irgendwo im Haus wäre. Ich schließe die Tür und setze mich an meinen Schminktisch neben dem Fenster. Auf den Spitzendeckchen und in den Porzellanschälchen liegt Modeschmuck. Echten Schmuck trage ich nicht mehr – abgesehen von meinem Ehering natürlich. Ich musste ihn nie ändern lassen, in den ganzen fünfzig Jahren nicht. Patricks Ring hingegen hatte sich irgendwann richtig ins Fleisch gegraben, doch er wollte ihn nie aufschneiden lassen, obwohl er sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ, egal, mit wie viel Butter ich ihn einrieb. Patrick hat immer gesagt, der Ring sei mit ihm verschmolzen, zum Beweis dafür, wie gut unsere Ehe sei. Darauf erwiderte ich jedes Mal, es sei eher ein Beweis dafür, dass er nicht auf sich achte. Patrick hat dann geknurrt, ich solle mich lieber um meinen eigenen Ring kümmern, der säße auf meinem schlanken Finger viel zu locker. Aber in Wirklichkeit hat er mir immer perfekt gepasst, und ich habe ihn nie verloren.

Doch inzwischen verliere ich meinen Schmuck, sagt Helen, und sie und Katy haben sich die besten Stücke geholt, »damit sie nicht wegkommen«. Aber das ist mir egal. So bleiben sie wenigstens in der Familie, und wirklich wertvolle Sachen habe ich ohnehin nie besessen. Das Teuerste war ein seltsamer Goldanhänger in Form des Kopfes von Königin Nofretete, den Patrick mir aus Ägypten mitgebracht hatte.

Ich stecke meine Hand durch einen schäbigen Plastikreif und schaue in den Spiegel. Das schockiert mich jedes Mal aufs Neue. Ich habe nie wirklich geglaubt, dass ich mal alt werden würde, jedenfalls nicht so. Die Haut um meine Augen und über der Nase hat eine Art von Falten bekommen, mit der ich nie gerechnet hätte. Ich sehe aus wie eine Echse. Ich weiß kaum noch, wie ich früher ausgesehen habe. Nur dann und wann blitzt eine Erinnerung auf. Dann sehe ich ein pausbackiges Mädchen, das zum ersten Mal seine Locken vor dem Spiegel zurechtzupft, eine blasse, junge Frau in den Pleasure Gardens, die in den grünen Fluss hinunterschaut, und eine müde Mutter mit unordentlichem Haar, mit dem Rücken zum dunklen Fenster eines Zuges, die versucht, ihre raufenden Kinder auseinanderzubringen. Und in meiner Erinnerung lege ich ständig die Stirn in Falten. Also ist es vermutlich kein Wunder, dass ich jetzt so aussehe. Meine Mutter hatte bis zu ihrem Tod eine glatte, weiche Haut, und das, obwohl sie allen Grund gehabt hätte, Falten zu bekommen. Vielleicht hat das ja etwas damit zu tun, dass sie nie geschminkt war. Das sagt man ja auch über Nonnen. Inzwischen trage ich auch kein Make-up mehr, und Lippenstift habe ich ohnehin nie benutzt, den habe ich nie gemocht. Die anderen Mädchen in der Telefonvermittlung haben mich deshalb immer aufgezogen. Dann und wann habe ich allerdings doch einen ausprobiert, als ich jung war. Ich habe ihn mir manchmal von einer Freundin geliehen und einmal einen zu Weihnachten bekommen. Aber ich konnte es einfach nie ertragen, ihn länger als ein paar Minuten auf den Lippen zu haben. Helen und Katy haben mir mal einen geschenkt, und der liegt jetzt in der Schublade. Ich hole ihn heraus und trage ihn vorsichtig auf. Dabei beuge ich mich dicht an den Spiegel heran und achte sorgfältig darauf, dass nichts davon auf meine Zähne kommt. Manchmal sieht man diese alten Frauen mit fleckigen Zahnprothesen, rußigen Augenlidern und Unmengen von Rouge im Gesicht. Ich würde lieber sterben, als so auszusehen. Ich presse meine Lippen zusammen. Ja, jetzt sehen sie hübsch aus, ein wenig rissig vielleicht. Ich habe Durst. Zeit, mir eine Tasse Tee zu kochen.

Ich lege den Lippenstift wieder in die Schublade und ziehe mir eine lange Perlenkette an, bevor ich aufstehe. Natürlich keine echten Perlen. Als ich die Zimmertür öffne, höre ich ein Dröhnen. Mir will einfach nicht einfallen, was das ist. Je weiter ich die Treppe runtergehe, desto lauter wird es. Auf der untersten Stufe bleibe ich stehen, sehe aber nichts. Ich schaue ins Wohnzimmer. Hier ist das Dröhnen sogar noch lauter. Ich frage mich, ob das Geräusch in meinem Kopf ist, ob sich da was lockert. Das Dröhnen schwillt an, schwingt kurz nach. Dann hört es auf.

»So. Gestaubsaugt hätte ich.« Helen steht neben der Esszimmertür und wickelt das Staubsaugerkabel auf. Sie lächelt. »Willst du ausgehen?«, fragt sie.

»Nein«, antworte ich. »Ich glaube nicht.«

»Wozu dann die Perlen? Du hast dich ja richtig fein gemacht.«

»Habe ich das?« Ich lege die Hand auf mein Schlüsselbein. Ich trage eine Perlenkette und so ein Ding an meinem Handgelenk, und ich schmecke Lippenstift. Ekligen Wachsgeschmack, und wie widerlich er klebt … Ich wische mir mit dem Handrücken über den Mund, doch so verschmiere ich ihn nur und mache alles noch viel schlimmer. Also ziehe ich mir den Ärmel meiner Strickjacke hinunter, spucke darauf und schrubbe, als wäre ich Mutter und schmutziges Kind zugleich. Es dauert einige Minuten, bis ich mich wieder sauber fühle. Helen hat mich die ganze Zeit über beobachtet.

»Gib mir deine Jacke«, sagt sie. »Ich stecke sie in die Waschmaschine.« Sie fragt, ob ich etwas zu trinken haben möchte.

»Oh ja«, sage ich, ziehe die Jacke aus und werfe sie auf meinen Sessel. »Ich bin furchtbar durstig.«

»Kein Wunder«, sagt Helen und dreht sich zur Tür um. »Im Flur steht eine ganze Armada Tassen mit kaltem Tee.«

Ich sage, ich hätte keine Ahnung, wie die dorthin gekommen sind, aber ich glaube, Helen hört mich schon nicht mehr. Sie ist in der Küche verschwunden, und ich senke den Kopf, um in meiner Handtasche zu kramen. Ich hatte hier doch noch ein paar Kekse. Oder war das gestern? Habe ich sie gegessen? Ich hole einen Kamm, mein Portemonnaie und ein paar zerknüllte Papiertaschentücher heraus. Kekse finde ich zwar nicht, aber in einer der Innentaschen steckt ein Zettel: »Keine Pfirsiche mehr kaufen«. Ich sage Helen nichts davon. Stattdessen stecke ich den Zettel unter den von heute. Meine Pflegekraft schreibt jeden Tag solche Zettel. So weiß ich auch, dass wir heute Donnerstag haben. Normalerweise besuche ich donnerstags meine Freundin Elizabeth, doch diese Woche sind wir offenbar nicht verabredet. Sie hat nicht angerufen. Ich hätte es aufgeschrieben. Ich hätte mir notiert, was sie gesagt hat, zumindest einen Teil davon. Ich hätte festgehalten, wann ich mich mit ihr treffen will und wo. Ich schreibe alles auf.

Überall im Haus sind Zettel, auf kleinen Haufen oder irgendwo draufgeklebt. Rasch niedergekritzelte Einkaufslisten und Rezepte, Telefonnummern und Termine und Notizen zu Dingen, die schon längst vorbei sind. Das ist mein papiernes Gedächtnis. Es soll verhindern, dass ich etwas vergesse, aber meine Tochter sagt immer, dass ich diese Notizen ständig verliere. Das habe ich mir auch aufgeschrieben. Trotzdem, hätte Elizabeth angerufen, dann würde das irgendwo stehen. Ich kann doch nicht alle Zettel verlieren. Ich schreibe ein und dieselben Dinge immer und immer wieder auf. Es können doch nicht alle Zettel vom Tisch gefallen sein, von der Arbeitsplatte oder von der Kommode. Und dann ist da noch diese Notiz, die in meinem Ärmel steckt: »Kein Wort von Elizabeth.«

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Das Datum darauf ist alt, und so beschleicht mich das schreckliche Gefühl, dass ihr etwas zugestoßen ist. Gestern haben sie was in den Nachrichten gebracht, glaube ich. Irgendwas über eine alte Frau. Irgendetwas Unangenehmes. Und jetzt ist Elizabeth verschwunden. Was, wenn sie überfallen worden ist und irgendwo schwer verletzt liegt? Oder wenn sie gestürzt ist und das Telefon nicht erreichen kann? Ich stelle mir vor, wie sie in ihrem Wohnzimmer auf dem Boden liegt, nicht mehr aufstehen kann und immer noch hofft, einen Schatz zu finden.

»Vielleicht hast du ja doch mit ihr gesprochen, erinnerst dich aber nicht daran. Könnte das sein?«, fragt Helen und gibt mir eine Tasse Tee.

Ich hatte ganz vergessen, dass sie da ist. Helen beugt sich vor und küsst mich auf den Kopf. Ich spüre ihre Lippen durch das dünne Haar, das meine Kopfhaut bedeckt. Sie riecht nach einem Gewürz. Rosmarin? Vermutlich hat sie das gerade gepflanzt. Zur Erinnerung.

»Ich meine nur, weil …«, sagt Helen. »Na ja, du hast doch auch vergessen, dass wir Samstag ausgegangen sind, nicht wahr?«

Ich balanciere die Tasse auf der Sessellehne und halte die Hand darüber. Ich schaue nicht auf, als meine Tochter wieder weggeht. Ich nehme an, sie hat recht. Ich habe keinerlei Erinnerung an Samstag, aber ich erinnere mich auch nicht daran, dass ich mich nicht erinnert habe. Bei dem Gedanken muss ich scharf die Luft einziehen. Diese Aussetzer sind besorgniserregend. Mehr als besorgniserregend. Wie ist es möglich, dass ich mich nicht an den letzten Samstag erinnere? Ich fühle das vertraute, kurze Aussetzen meines Herzens, die Scham, die Angst. Letzten Samstag. Weiß ich eigentlich noch, was gestern war?

»Also hast du ja vielleicht doch mit Elizabeth gesprochen.«

Ich nicke und nippe an meinem Tee. Ich habe bereits den Faden verloren. »Du hast vermutlich recht.« Ich weiß zwar nicht, womit Helen vermutlich recht hat, aber ich mag das Gefühl, mich der Leere hinzugeben und mich nicht länger zwanghaft erinnern zu müssen. Helen lächelt. Sehe ich da etwas wie Triumph in ihren Augen aufblitzen?

»Nun denn«, sagt sie. »Ich sollte jetzt besser gehen.«

Helen muss immer gehen. Ich beobachte durchs Fenster, wie sie in ihren Wagen steigt und wegfährt. An ihre Ankunft kann ich mich nie erinnern. Vielleicht sollte ich es aufschreiben. Aber diese Papierschnipsel auf dem Tisch neben meinem Sessel, dieses Erinnerungssystem, es ist nicht perfekt. So viele dieser Notizen sind alt. Sie sind nicht länger von Bedeutung, und ich bringe sie immer durcheinander. Und selbst die neueren scheinen nicht die richtigen Informationen zu enthalten. Da ist eine, bei der die Tinte noch nass ist: »Ich habe nichts mehr von Elizabeth gehört.« Ich streiche mit den Fingern über die Worte und verschmiere sie ein wenig. Stimmt das? Ich muss es gerade erst geschrieben haben, und tatsächlich kann ich mich nicht daran erinnern, in letzter Zeit etwas von ihr gehört zu haben. Ich greife nach dem Telefon. Taste Nummer vier ist Elizabeth. Es klingelt und klingelt. Ich notiere mir etwas.

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2

»Elizabeth wird vermisst«, sage ich. »Habe ich dir das schon erzählt?« Ich schaue Helen an, sie mich aber nicht.

»Ja, hast du. Was willst du essen?«

Ich starre sie über den Rand meiner Speisekarte hinweg an. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Natürlich sehe ich, dass das ein Restaurant ist – schwarz-weiße Kellner, Tischplatten aus Marmor –, aber welches? Ich habe das unangenehme Gefühl, ich sollte das wissen, und wahrscheinlich will Helen mir mit dem Besuch eine Freude machen. Habe ich Geburtstag? Ich glaube nicht. Oder feiern wir einen anderen Jahrestag? Patricks Tod womöglich? »Zur Feier des Tages« etwas zu unternehmen, wäre typisch für Helen. Aber die kahlen Bäume draußen verraten mir, dass es die falsche Jahreszeit ist. Patrick ist im Frühling gestorben.

Auf der Speisekarte steht »The Olive Grill«. Die Karte ist schwer und fühlt sich wie Leder an. Ich fahre die geprägten Buchstaben mit dem Finger nach, obwohl mir der Name nichts sagt. Dann lege ich die Speisekarte auf meinen Schoß und lese laut vor: »Butternuss-Kürbiscremesuppe. Tomaten-Mozzarella-Salat. Pilze in Knoblauch. Parmaschinken und Melonen …«

»Jaja, Mum«, sagt Helen. »Ich kann selber lesen.«

Sie mag es nicht, wenn ich laut vorlese. Sie seufzt dann immer und rollt mit den Augen. Manchmal gestikuliert sie hinter meinem Rücken. Ich habe im Spiegel gesehen, wie sie so getan hat, als wolle sie mich erwürgen.

»Und, was nimmst du?«, fragt sie, wobei sie ihre Speisekarte herunternimmt, sie aber nicht aus den Augen lässt.

»Mit Chorizos gefüllter Gemüsekürbis«, lese ich weiter. Ich kann einfach nicht damit aufhören. »Ist dieser Kürbis denn wieder in Mode? Ich habe schon seit Jahren keinen mehr auf einer Speisekarte gesehen.«

In meiner Jugend haben viele Leute Gemüsekürbisse angepflanzt. Es gab sogar Wettbewerbe, doch anscheinend finden die heute nur noch selten statt. Über diese Kürbisse habe ich auch Elizabeth kennengelernt. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, hat sie mir erzählt, oben in ihrer Gartenmauer seien Kiesel einzementiert, und sofort wusste ich, wo sie wohnt. Es war das Haus, in dessen Garten vor über sechzig Jahren jemand eines Nachts solche Kürbisse ausgegraben und geklaut hatte. Und ich weiß nicht, warum, aber ich wollte einen Blick in diesen Garten werfen. Also habe ich mich selbst auf eine Tasse Tee eingeladen.

»Chorizos werden dir nicht schmecken«, sagt Helen. »Was ist mit der Suppe?«

»Ich habe immer Suppe mit Elizabeth gegessen«, sage ich, und irgendetwas regt sich bei dem Gedanken. »Wenn wir bei Oxfam Feierabend hatten. Suppe und Sandwiches. Und das Kreuzworträtsel im Echo. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.« Und ich habe noch immer nichts von ihr gehört. Nicht ein Wort. Das verstehe ich einfach nicht. Elizabeth geht nie weg. Ihr muss etwas zugestoßen sein.

»Mum? Du musst etwas bestellen.«

Ein Kellner steht an unserem Tisch, den Notizblock in der Hand. Ich frage mich, wie lange er da wohl schon steht. Er beugt sich vor, um uns zu fragen, was wir wollen, und sein Gesicht kommt unnötig nah an meines heran. Ich lehne mich zurück. »Helen, du hast nicht zufällig etwas von Elizabeth gehört?«, frage ich. »Falls ja, dann würdest du es mir doch sicher sagen, oder?«

»Ja, Mum. Was willst du essen?«

»Ich meine, schließlich kann sie in Urlaub fahren.« Ich klappe die Speisekarte zu und suche nach einer freien Stelle, wo ich sie hinlegen kann, finde jedoch keine. Da sind jede Menge Sachen im Weg. Funkelnde Sachen, wie Elizabeth sie hat. Aber mir will einfach nicht einfallen, was das für Sachen sind. Sie stehen auf ihrem Tisch neben den Brinston Pickles, der Salatsoße und Beuteln voller Malteser-Schokokugeln. Die Beutel sind immer offen, und die Kugeln rollen über den Boden wie in einem Zeichentrickfilm. Ich habe Angst, dass Elizabeth irgendwann mal darauf ausrutschen wird. »Wenn ihr was passiert wäre, wüsste ich das vermutlich nicht«, sage ich. »Ich bezweifle, dass ihr Sohn sich die Mühe machen würde, mir Bescheid zu sagen.«

Der Kellner richtet sich wieder auf und nimmt mir die Speisekarte aus der Hand. Helen lächelt ihn an und bestellt für uns beide – keine Ahnung, was. Der Kellner nickt und entfernt sich, vorbei an den Wänden, die mit schwarzen Streifen bemalt sind. Dabei schreibt er weiter auf seinem Block. Auch die Beilagenteller sind schwarz. Ich nehme an, das ist zurzeit in Mode. Das Restaurant sieht aus wie eine alte Zeitung, als hätte die Druckerschwärze die Wände schwarz gefärbt.

»Es gibt keinen Weg, das herauszufinden. Das ist das Problem«, sage ich und freue mich, dass ich das Thema der Unterhaltung nicht sofort wieder vergessen habe. »Die Familie wird automatisch informiert, Freunde aber nicht. Jedenfalls nicht in unserem Alter.«

»Das hier war mal das Chophouse. Daran erinnerst du dich doch noch, oder, Mum?«, wirft Helen ein.

Was habe ich gerade gesagt? Ich erinnere mich nicht mehr. Irgendetwas. Irgendetwas, irgendetwas, irgendetwas …

»Erinnerst du dich?«

In meinem Kopf herrscht Leere.

»Hier hast du dich doch immer mit Dad getroffen, nicht wahr?«

Ich schaue mich um. Da sitzen zwei alte Frauen an einem Tisch neben einer schwarz gestreiften Wand und starren auf etwas, das flach zwischen ihnen liegt. »Elizabeth wird vermisst«, sage ich.

»Als das hier noch das Chophouse war. Zum Mittagessen.«

»Ihr Telefon klingelt und klingelt …«

»Das Chophouse. Erinnerst du dich? Ach, vergiss es.«

Helen seufzt wieder. Das macht sie oft in letzter Zeit. Sie hört mir nicht zu, nimmt mich nicht ernst, glaubt, dass ich nur in der Vergangenheit leben will. Ich weiß, was sie denkt. Sie denkt, dass ich den Verstand verloren habe, dass Elizabeth gesund und munter zu Hause sitzt und dass ich mich nur nicht daran erinnere. Aber das stimmt nicht. Ich vergesse Dinge – das weiß ich –, aber ich bin nicht verrückt. Und ich bin es leid, so behandelt zu werden. Ich bin all das mitleidige Lächeln leid und das mitfühlende Schulterklopfen, wenn man die Sachen durcheinanderbringt. Und ich habe verdammt noch mal die Nase voll davon, dass die Leute sich immer nur an Helen wenden, anstatt sich anzuhören, was ich zu sagen habe. Mein Puls beschleunigt sich, und ich beiße die Zähne zusammen. Am liebsten würde ich Helen einen Tritt verpassen. Doch ich treffe das Tischbein. Die glänzenden Salz- und Pfefferstreuer klirren, als sie aneinanderstoßen, und ein Weinglas kippt beinahe um. Helen fängt es im letzten Moment auf.

»Mum«, sagt sie. »Pass doch auf. Du machst noch was kaputt.«

Ich erwidere nichts darauf. Meine Zähne sind noch immer fest aufeinandergepresst. Ich habe das Gefühl, als müsste ich gleich schreien, aber etwas kaputtzumachen ist auch keine schlechte Idee. Genau das will ich. Ich schnappe mir mein Buttermesser und steche damit auf den Beilagenteller ein. Das Porzellan zerbricht. Helen sagt etwas – ich glaube, sie flucht –, und irgendjemand stürzt auf mich zu. Ich starre auf den Teller. Das Porzellan ist in der Mitte gesprungen, eine kaputte Schallplatte, eine Grammophonplatte.

*

Ich habe mal welche in unserem Garten gefunden. Sie lagen im Gemüsebeet, zerbrochen und auf einem Haufen. Ma hatte mich hinausgeschickt, als ich aus der Schule kam, um Dad zu helfen. Der hatte mir eine Schaufel gegeben, ich sollte eine Furche für die Stangenbohnen ziehen. Dann verschwand er im Schuppen. Die Schallplatten hatten fast die gleiche Farbe wie die Erde, und ich hätte sie nie gefunden, wenn nicht plötzlich irgendetwas unter der Schaufel geknackt hätte. Kurz darauf kamen die Bruchstücke zum Vorschein.

Als ich erkannte, was es war, kratzte ich sie aus der Erde und warf sie zum Trocknen ins Gras. Ich hatte keine Ahnung, wo sie hergekommen waren. Nur Douglas, unser Untermieter, besaß ein Grammophon, und ich nahm an, dass er es uns gesagt hätte, wenn eine seiner Schallplatten zerbrochen wäre. Außerdem war er ein netter Junge, und es war nicht seine Art, Müll im Garten zu vergraben.

»Was zum Teufel ist das?«, wollte Ma wissen, als sie rauskam, um die Wäsche abzunehmen, und mich über den Bruchstücken kauern sah.

Ich hatte den Dreck von den Stücken gewischt und begonnen, sie wieder zusammenzusetzen. Nicht, weil ich glaubte, sie wieder abspielen zu können. Ich wollte einfach wissen, was für Platten es waren. Ma rieb mir die Schmutzflecken vom Gesicht, wo ich mit dreckigen Fingern versucht hatte, mir das Haar aus dem Gesicht zu streichen, und sagte, sie glaube, die Nachbarn hätten die Platten über den Zaun geworfen.

»Nebenan zieht jede Woche ein neuer Mieter ein. Gott allein weiß, wer da im Augenblick wohnt«, sagte sie. »Und das ist nicht das erste Mal, dass wir hier Müll gefunden haben.« Sie schaute auf die armseligen Überreste der Schallplatten. »Verrückt, die Dinger zu zerbrechen. Jetzt sind sie zu nichts mehr zu gebrauchen. Hey, Maud, wirf sie unten in die Furche. Dann läuft das Wasser besser ab.«

»Okay«, sagte ich. »Ich will sie nur erst zusammensetzen.«

»Warum? Sollen das Trittsteine für den Garten werden?«

»Darf ich?«

»Sei nicht albern.«

Ma lachte und sprang mit dem Wäschekorb an der Hüfte leichtfüßig von einem zerbrochenen Stück zum nächsten, bis sie die Küchentür erreichte. Ich schaute zu, wie sie im Haus verschwand, ihr rotes Haar wirkte stumpf vor den leuchtend roten Ziegelsteinen unseres Hauses.

Es dauerte nicht lange, die Schallplatten wieder zusammenzusetzen, eine angenehme Beschäftigung im Licht der Wintersonne, in dem die Tauben auf den Dächern gurrten. Wie ein Puzzle, nur dass bei den Platten am Ende noch Teile fehlten. Aber die Label konnte ich zumindest lesen: Virginia, We Three und I’m Nobody’s Baby.

Ich setzte mich auf meine Fersen. Die Lieblingstitel meiner Schwester. Sie bat Douglas immer, sie für sie zu spielen. Und jetzt lagen sie hier, zerbrochen und begraben in den Überresten von Rhabarber und Zwiebeln. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer so was tun könnte und warum. Ich verteilte die Splitter in der Furche, wie meine Mum es mir gesagt hatte, und als ich wieder zum Haus zurückkehrte, sah ich Douglas am Fenster stehen. Kurz glaubte ich, er würde zu mir herunterschauen, doch dann stieg ein Vogelschwarm flatternd aus der Hecke auf, und ich blickte gerade noch rechtzeitig hinüber, um eine Frau davonlaufen zu sehen.

*

»Ich habe noch eine knappe halbe Stunde, um Katy abzuholen«, sagt Helen und zieht sich den Mantel an, obwohl ich mein Eis noch nicht aufgegessen habe.

Es schmeckt lecker und kühl, aber mir will einfach nicht einfallen, was für ein Geschmack es ist. Außerdem muss ich noch aufs Klo. Wo wohl die Damentoilette ist? War ich vielleicht schon mal hier? Das Restaurant erinnert mich an das nette, alte Chophouse, in dem Patrick und ich uns immer verabredet haben, als wir frisch verliebt waren. Es war nicht sehr teuer, es gab keine exotischen Gerichte und keine weißen Tischtücher, aber das Essen war gut und nett angerichtet. In der Mittagspause ging ich immer von der Telefonvermittlung hierher und wartete an einem Fensterplatz. Patrick kam mit der Straßenbahn vom Pier, wo seine Firma einen Bauauftrag hatte. Er kam angerannt, seine Wangen waren rot, und er grinste, sobald er mich sah. Heutzutage grinst mich niemand mehr so an.

»Musst du noch aufs Klo, Mum?« Helen hält mir den Mantel hin.

»Nein, nein. Ich glaube nicht.«

»Okay. Gehen wir.«

Helen scheint sich zu ärgern. Offenbar habe ich etwas falsch gemacht. War es peinlich? Habe ich etwas Falsches zum Kellner gesagt? Ich frage lieber nicht. Ich habe einmal zu einer Frau gesagt, sie hätte ein Pferdegebiss. Ich erinnere mich daran, wie Helen mir das erzählt hat, aber ich weiß nicht mehr, dass ich es gesagt habe.

»Gehen wir jetzt nach Hause?«, frage ich.

»Ja, Mum.«

Während wir gegessen haben, ist die Sonne untergegangen. Der Himmel ist schwarz wie Tinte, aber ich kann die Verkehrsschilder durch die Windschutzscheibe hindurch erkennen, und bevor ich michs versehe, lese ich sie laut vor: »Vorfahrt gewähren. Vorsicht Kreuzung. Geschwindigkeitsbeschränkung.« Helens Knöchel treten weiß hervor. Sie spricht nicht mit mir. Ich rutsche auf dem Sitz hin und her. Meine Blase ist voll.

»Fahren wir nach Hause?«

Helen seufzt. Das heißt, dass ich sie das schon einmal gefragt habe.

Als wir in meine Straße einbiegen, muss ich ganz dringend aufs Klo. Ich kann nicht länger warten. »Lass mich hier raus«, sage ich zu Helen und greife nach dem Türgriff.

»Sei nicht dumm. Wir sind fast da.«

Ich öffne die Tür trotzdem, und Helen macht eine Vollbremsung.

»Was zum Teufel machst du da?«, will sie wissen.

Ich steige aus und marschiere die Straße hinunter.

»Mum?«, ruft Helen, aber ich drehe mich nicht um.

Vornübergebeugt laufe ich zu meiner Tür. Alle paar Sekunden muss ich meine Muskeln anspannen. Der Druck in meiner Blase wird immer größer, je näher ich dem Haus komme. Ich öffne den Mantel im Gehen und krame verzweifelt nach meinem Schlüssel. An der Tür trete ich von einem Fuß auf den anderen und versuche aufzuschließen, doch aus irgendeinem Grund lässt der Schlüssel sich nicht richtig drehen.

»Oh nein, oh nein, oh nein …«, stöhne ich laut.

Schließlich dreht sich der Schlüssel. Ich falle durch die Tür, werfe sie hinter mir zu, und meine Handtasche fällt zu Boden. Auf dem Weg nach oben kralle ich mich an das Treppengeländer, und mein Mantel fliegt weg, als ich ihn von den Armen schüttele. Trotzdem erreiche ich das Badezimmer nicht mehr rechtzeitig. Mit der Hand auf dem Hosenbund beginne ich zu pinkeln. Ich reiße mir die Hose herunter, für den Rest habe ich keine Zeit mehr. Ich lasse mich einfach aufs Klo fallen und pinkele durch meine Baumwollunterhose. Kurz lasse ich mich nach vorne sinken und lege den Kopf in die Hände, die durchnässte Hose klebt an meinen Knöcheln. Dann trete ich mir langsam und unbeholfen die Schuhe von den Füßen, ziehe den dicken, nassen Stoff aus und werfe ihn in die Badewanne.

Im Haus brennt kein Licht. Ich hatte keine Zeit, es einzuschalten. Und so sitze ich im Dunkeln und weine.

*

Man muss systematisch vorgehen, muss alles aufschreiben. Elizabeth wird vermisst, und ich muss etwas tun und herausfinden, was passiert ist, aber ich bin so durcheinander. Ich weiß nicht mehr mit Sicherheit, wann ich sie zum letzten Mal gesehen und was ich bis jetzt herausgefunden habe. Ich habe sie angerufen, und sie geht nicht ans Telefon. Und ich habe sie nicht gesehen. Glaube ich. Sie war nicht hier, und ich war nicht bei ihr. Was jetzt? Ich könnte zu ihr gehen und nach Spuren suchen. Und was auch immer ich dort finde, ich werde es aufschreiben. Ich muss mir ein paar Stifte in die Handtasche stecken. Man muss systematisch vorgehen. Das habe ich mir auch aufgeschrieben.

Bevor ich zur Tür gehe, vergewissere ich mich dreimal, dass ich den Schlüssel eingesteckt habe. Das bleiche Sonnenlicht fällt auf den Rasen neben mir, als ich über den Weg schlurfe. Der Kiefernduft stimmt mich optimistisch. Ich glaube, ich bin schon seit ein paar Tagen nicht mehr draußen gewesen. Irgendetwas ist passiert, und Helen hat einen großen Wirbel gemacht. Aber in meinem Kopf herrscht Leere, und das macht mich schwindelig.

Ich habe mir einen warmen Dufflecoat angezogen, darunter trage ich einen Strickpullover über einem Wollkleid. Trotzdem ist mir kalt. Ich gehe an Carrow’s vorbei und sehe mein Spiegelbild im Fenster. Mit meinem krummen Rücken sehe ich aus wie Mrs. Tiggy-Winkle, nur ohne Stacheln. Ich schaue nach, ob ich Stift und Papier dabei habe. Das mache ich alle paar Meter. Das Wichtigste ist, alles aufzuschreiben. Kurz weiß ich nicht mehr so recht, was ich eigentlich aufschreiben will, doch der Weg, den ich gehe, hilft mir dabei, mich zu erinnern. Da ist das Fertighaus, das sein Eigentümer in kränklichem Grün und Gelb gestrichen hat. (Elizabeth amüsiert sich über seine Hässlichkeit und sagt, wenn sie eine getöpferte Nachbildung des Hauses finden könnte, wäre die mit Sicherheit ein Vermögen wert.) Anschließend geht es an der Rückseite eines Hotels vorbei, wo irgendeine Flüssigkeit die Straße rutschig macht. (Elizabeth sagt, das komme von den Teebeuteln, die sie nach dem Frühstück einfach rauswerfen.) Und dann streckt eine wunderschöne Akazie ihre Äste aus einem Vorgarten, in dem es von Schnecken nur so wimmelt. (Elizabeth versucht immer wieder, Ableger von dem Baum zu ziehen, aber sie schafft es nie.)

Elizabeth’ Haus ist weiß gestrichen und hat doppelt verglaste Fenster. Die Gardinen verraten, dass es sich um das Haus einer Rentnerin handelt, aber das kann ich ihr wohl kaum zum Vorwurf machen, ich habe die gleichen. Das Haus ist kurz nach dem Krieg gebaut worden. Es war Teil einer Neubausiedlung, und die Gartenmauer ist nie verändert worden. Der erste Eigentümer hat bunt eingefärbte Kiesel in die Mauerkrone einzementiert, und niemand hat sie je entfernt. Auch Elizabeth würde nicht im Traum daran denken. Als Kind haben mich diese neuen Häuser neugierig gemacht, und dieses hier hat mich wegen der bunten Kiesel immer besonders fasziniert.

Ich klingele. »Es schallte durch das leere Haus.« Der Satz kommt mir in den Sinn, doch der Laut von Türklingeln schallt doch immer durch Häuser, oder? Egal, ob leer oder nicht. Ich warte und stecke die Hand tief in einen der mit Erde gefüllten Kübel neben dem Eingang. Für gewöhnlich bersten sie vor Blumen, doch es ist noch nicht ein einziger Spross zu sehen. Elizabeth muss dieses Jahr vergessen haben, Blumen zu pflanzen. Rasch ziehe ich die Hand wieder heraus. Mir will einfach nicht einfallen, warum sie in der Erde steckte. Habe ich nach Blumenzwiebeln gegraben, oder sollte ich nach etwas anderem suchen?

Ich stehe vor der Tür und frage mich, wie lange ich hier wohl schon warte. Fünf Minuten? Zehn? Ich schaue auf meine Uhr, doch das hilft mir auch nicht weiter. Zeit ist für mich inzwischen so schwer greifbar geworden. Ich klingele noch einmal, und diesmal beobachte ich die Uhr ganz genau und schaue zu, wie der große Zeiger sich bewegt. Nach fünf Minuten notiere ich: »Keine Spur von Elizabeth«, und dann gehe ich. Vielleicht ist sie ja wirklich in Urlaub gefahren, wie irgendjemand angemerkt hat. Oder ist sie bei ihrem Sohn? Aber das hätte ich mir aufgeschrieben, da bin ich mir sicher. Ich habe alte Notizen in der Art. Diese kleinen Informationsfetzen geben Anlass zu Gesprächen und sind gleichzeitig Informationen für mich. »Hast du schon gehört, dass Elizabeth nach Südfrankreich gereist ist?«, könnte ich zum Beispiel zu Helen sagen, oder: »Elizabeth ist zu ihrem Sohn gezogen.« Solche Informationen sind wertvoll. Helen ist deswegen früher schon mal dreißig Sekunden länger geblieben als sonst.

Ich weiß, dass ich diesmal den Besuch nicht vergessen werde. Elizabeth wird wirklich vermisst. Aber alles, was ich bisher herausgefunden habe, alles, was ich beweisen kann, ist, dass Elizabeth in eben diesem Augenblick nicht zu Hause ist.

Am Gartentor kommt mir ein Gedanke, und ich mache noch einmal kehrt und schaue durchs Fenster. Ich drücke meine Nase an das kalte Glas und lege die Hände an den Kopf, damit ich durch die Gardinen hindurch etwas sehen kann. Durch den Stoff sieht es so aus, als liege der Raum im Nebel, doch ich kann deutlich leere Sessel und heruntergefallene Kissen sehen. Elizabeth’ Bücher stehen ordentlich aufgereiht in den Regalen, und ihre Sammlung von Majolika-Vasen, Töpfen und Terrinen steht in Reih und Glied auf dem Kamin. »Man weiß ja nie«, hat Elizabeth immer gesagt, wenn sie über meine Reaktion beim Betrachten eines unsäglich hässlichen getöpferten Blatts oder der krank machend fummelig gearbeiteten Schuppen eines Fisches gelacht hat. »Eines Tages könnte eines davon ein Vermögen wert sein.« Sie kann all die Sachen natürlich nicht wirklich sehen. Sie nimmt nur einen vagen Abglanz der bunten Farben wahr. Aber sie mag das Gefühl, wenn sie die Konturen der aus Porzellan geformten Tiere und Insekten mit den Fingern ertastet. Die Glasur fast so glatt wie die Haut eines Frosches oder so schlüpfrig wie die eines Aals. Elizabeth lebt in der Hoffnung, irgendwann das eine, wirklich seltene Stück zu entdecken. Und die Aussicht auf Geld ist der einzige Grund, warum ihr Sohn ihr erlaubt, sie zu behalten. Sonst hätte er das Porzellan längst wortlos in den Müll geworfen.

Ich hole einen dicken Stift aus der Tasche und ein hellgelbes, quadratisches Blatt Papier, um meine mageren Erkenntnisse festzuhalten: »Alles sehr ordentlich. Keine Elizabeth, kein Licht.« Als ich einen Schritt zurückweiche, stolpere ich in ein Blumenbeet, mein Fuß versinkt in der Erde und hinterlässt einen perfekten Abdruck meines Schuhs. Zum Glück führe ich nichts Böses im Schilde. Vorsichtig gehe ich um das Beet herum und an der Seite des Hauses entlang, damit ich durchs Küchenfenster schauen kann. Hier hängen keine Gardinen, und so kann ich klar und deutlich die leere, saubere Arbeitsplatte und die funkelnde Spüle sehen. »Kein Essen in der Küche«, schreibe ich. »Kein Brot, keine Äpfel. Kein Abwasch.« Das ist zwar nicht viel, aber wenigstens etwas.

Ich gehe durch den Park nach Hause. Es regnet nicht, also kann ich mir auch ein wenig frische Luft gönnen. Das Gras ist leicht gefroren, und ich genieße es, es unter meinen Füßen knirschen zu hören. Irgendwo auf der anderen Seite des Orchesterpavillons befindet sich eine Senke – wie ein Krater nach einem Meteoriteneinschlag – voller Blumen und Bänke. Das hat Helen gemacht. Es war ihr erster großer Auftrag. Ich kann mich zwar nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber ich weiß, dass sie dafür Tonnen Erde bewegen musste. Und die Senke ist bewusst so angelegt, dass sich dort die Wärme sammelt und sogar tropische Blumen gedeihen. Helen hatte schon immer einen grünen Daumen. Sie weiß mit Sicherheit auch, wo man am besten Kürbisse anpflanzt. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, darf ich nicht vergessen, sie danach zu fragen.

Seit über siebzig Jahren gehe ich an diesem Orchesterpavillon entlang. Meine Schwester und ich kamen immer hier vorbei, wenn wir ins Kino gingen. Im Krieg wurde hier oft Musik gespielt, um die Menschen aufzuheitern. Dann wurden die Liegestühle rausgestellt und füllten sich mit Männern in kakifarbenen Uniformen, die auf dem leuchtend grünen Gras jedoch kaum getarnt waren. Sukey ist dann jedes Mal langsamer gegangen, um sich die Band anzuhören und den Soldaten zuzulächeln. Sie kannte immer den ein oder anderen von ihnen vom Tanzen. Und ich bin dann zwischen ihr und dem Tor zum Park hin und her gerannt, denn ich wollte endlich in die Stadt, um zu sehen, was für ein Film gerade lief. Ich wünschte, ich könnte auch jetzt so rennen, doch mir geht zu schnell die Puste aus.

An den Stufen, die aus dem Park herausführen, bleibe ich kurz stehen und schaue zurück. Der Himmel hat sich verdunkelt, und eine Gestalt kniet im Gras. Irgendwo am Orchesterpavillon ruft ein Junge nach jemandem, und ich laufe los, zitternd, Richtung Straße. Auf der dritten Stufe von oben sehe ich einen glitzernden Stein, und ich rutsche aus. Ich versuche noch, mich am Geländer festzuhalten, schaffe es aber nicht. Meine Fingernägel kratzen über die Ziegelmauer, meine Handtasche fliegt durch die Luft und zieht mich mit. Ich schlage hart auf der Seite auf, und vor Schmerz in meinem Arm beiße ich die Zähne aufeinander. Blut strömt durch meinen Körper, als wisse es nicht mehr, wo es hingehört, und ich starre und starre, mit weit geöffneten Lidern und austrocknenden Augen.

Langsam lässt der Schock nach, und ich blinzele wieder. Aber ich bin viel zu erschöpft, um sofort wieder aufzustehen. Also bleibe ich erst einmal liegen, wo ich bin. Ich sehe die verrostete Unterseite des Treppengeländers und darunter ein Herstellersiegel in Form eines Fuchses. Da ist Dreck in den Falten meiner Handflächen, doch mir will einfach nicht einfallen, woher der kommt. Die scharfen Kanten der Stufen graben sich in meinen Rücken. Jetzt bin ich also gestürzt. Ich hatte schon immer Angst vor diesen Stufen. Ich habe mir zwar nicht den Kopf angeschlagen, aber meine Seite und meinen Ellbogen, und morgen werde ich bestimmt blaue Flecken haben. Ich spüre schon, wie sich das Blut unter meiner Haut sammelt, dunkel wie Brombeersaft. Ich erinnere mich daran, dass es mir früher, als Kind, Spaß machte, meine blauen Flecken zu betrachten, dieses dunkle, fast schwarze Blau und ihre Form, wie Wolken. Ich hatte ständig dunkle Flecken an der Hüfte, weil ich gegen irgendwelche Möbel gerannt bin, oder unter den Fingernägeln, wenn sie in die Wäschemangel geraten waren. Einmal rutschte meine Freundin Audrey weg, als sie am Rand des East Cliffs herumalberte, ich erwischte sie im letzten Moment. Das brachte mir einen blauen Streifen quer über der Brust ein. Und dann waren da noch die Flecken, die ich mir einhandelte, als die verrückte Frau mich nach Hause jagte.

*

Ich war zum Einkaufen geschickt worden, und sie stand am Tresen. Sie murmelte gerade irgendetwas vor sich hin, und ich fragte den Verkäufer nach einer Dose Pfirsiche und der Ration Backfett für meine Mutter. Während die Sachen abgewogen und verpackt wurden, stand ich ein Stück von der Frau entfernt und schaute in eine Ecke. Irgendetwas roch stark nach Anis, und ich hatte das Gefühl, dass es von der Verrückten kam, obwohl es natürlich auch von den Schnapsflaschen hätte stammen können, die am Fenster aufgereiht standen. Schließlich zahlte ich und ging. Ich drückte die Einkäufe an die Brust, während ich wartete, dass die Straßenbahn vorbeifuhr, als plötzlich irgendetwas gegen meine Schulter knallte. Mein Herz setzte einen Schlag lang aus, und ich stieß einen keuchenden Laut aus.

Es war die Frau. Sie war mir gefolgt und hatte mich mit dem Schirm geschlagen. Sie hatte ständig einen Schirm dabei, ein schäbiges dunkelblaues Ding, das immer halb geöffnet war und herumflatterte wie ein verletzter Vogel. Die Frau hielt damit die Busse an, stellte sich einfach auf die Straße und wedelte wie wild mit ihrem Schirm herum. Und dann riss sie jedes Mal den Rock hoch, sodass man ihre Unterwäsche sehen konnte. Angeblich tat sie das, weil ihre Tochter vor dem Krieg von einem Bus überfahren worden war. Die Leute flüsterten hinter ihrem Rücken oder machten sich lustig über sie, doch wenn wir Kinder etwas über sie wissen wollten, hieß es, wir sollten nicht so vorwitzig sein und uns von der Frau fernhalten. Als hätte sie eine ansteckende Krankheit.

Endlich rollte die Straßenbahn vorbei, als die Frau mich – »Peng!« – noch einmal schlug. Ich sprang über die Straße. Sie folgte mir. Ich rannte meine Straße hinauf und ließ vor lauter Panik die Dose mit den Pfirsichen fallen.

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