Logo weiterlesen.de
Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken

Über das Buch

Wie überlebt man in einer Welt, in der Männer mit silbernen Masken jeden Tag den Tod bringen können? Wie kann man sich selbst treu bleiben, wenn die Herrschenden des Imperiums alles dafür tun, voller Grausamkeit ein ganzes Volk zu unterjochen? Elias und Laia stehen auf ganz unterschiedlichen Seiten. Und doch sind ihre Wege schicksalhaft miteinander verknüpft.

Während Elias dazu ausgebildet wird, die silberne Maske der Macht voller Stolz und ohne Erbarmen zu tragen, muss Laia täglich die Willkür der Herrschenden fürchten. Als ihre Familie ermordet wird und ihrem Bruder die Hinrichtung droht, schließt sie sich dem Widerstand an. Als Sklavin getarnt, dringt sie in das Innerste der Militärakademie vor und trifft auf Elias, den jungen Krieger, der eigentlich ihr Feind sein müsste …

Über die Autorin

SABAA TAHIR arbeitete nach dem Studium bei der Washington Post. Ein Bericht über Frauen im Kaschmir, deren Männer von lokalen Militärs entführt worden waren, inspirierte sie dazu, ihren ersten Roman zu schreiben. Ihr Buch handelt davon, was wir für Menschen tun, die wir lieben; vom Wesen des Muts und dem Preis für unser Handeln. Vor allem aber wollte die Autorin von der Hoffnung erzählen. Sie wollte Figuren erschaffen, die auch in einer gewalttätigen Welt Hoffnung finden, nach Freiheit suchen und sich für die Liebe entscheiden. Egal gegen welche Widerstände.

SABAA TAHIR

ELIAS

&

LAIA

DIE HERRSCHAFT DER MASKEN

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Barbara Imgrund

Liebe Leserin,

lieber Leser,

ich bin in der Mojave-Wüste aufgewachsen, 240 Kilometer nördlich von Los Angeles, in einem heruntergekommenen 18-Zimmer-Motel, das meine Eltern gekauft hatten, als sie nach Amerika kamen. Ich bin das jüngste von drei Kindern – meine zwei älteren Brüder sind bis heute meine besten Freunde.

Wie viele Kleinstädte nahm meine Heimatstadt Außenseiter nicht immer mit offenen Armen auf. Als Einwandererkind habe ich große Teile meiner Jugend in dem Gefühl verbracht, ausgestoßen zu sein, und fand Trost in Büchern, vor allem in Fantasyromanen.

Nachdem ich das College absolviert hatte, bekam ich einen Job in der Auslandsredaktion der Washington Post. Hier ereilte mich spätnachts im Sommer 2007 die Inspiration zu ELIAS & LAIA.

Ich las gerade eine Story über Frauen im Kaschmir, deren Brüder, Ehemänner und Söhne von lokalen Militärs entführt und nie wieder gesehen wurden. Dabei ging mir durch den Kopf: Was würde ich tun, wenn mir einer meiner Brüder genommen würde? Würde ich versuchen, ihn zurückzuholen? Könnte ich ihn zurückholen?

Aus diesen Fragen entstand ELIAS & LAIA, die Geschichte von Laia, einem Mädchen, das darum kämpft, ihren Bruder zu retten, nachdem er von einem Schreckensregime gefangen genommen wurde, und Elias, einem Soldaten dieses Regimes, der sich nichts sehnlicher wünscht als Freiheit von der Tyrannei.

Dieses Buch handelt von vielen Dingen: von dem, was wir für die Menschen tun, die wir lieben; vom Wesen des Muts und dem Preis für unser Handeln. Es ist nicht nur von den Nachrichten inspiriert, sondern auch von meiner eigenen Kindheit und meinem Ringen um Tapferkeit, dem Kampf gegen Feigheit und meinem Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören …

Doch das Herz meines Buchs, seine wahrhaftigste Inspiration, ist die Idee der Hoffnung. Hoffnung ist ein kostbares und nur dem Menschen eigenes Gut, das selbst unter schwierigsten Bedingungen gedeiht. Für mich ist es ein Phänomen, das es wert ist, erforscht und gefeiert zu werden – und das habe ich mit ELIAS & LAIA versucht.

Mit den besten Wünschen

Sabaa Tahir

WEIHE
LEIB und SEELE
dem
IMPERIUM.

BEHALTE DEIN
HERZ
für DICH.

TEIL I

DER ÜBERFALL

I: LAIA

Mein großer Bruder kehrt heim in den dunklen Stunden vor der Morgendämmerung, in denen sogar die Geister ruhen. Er riecht nach Stahl und Kohle und Schmiede. Er riecht nach dem Feind.

Als er seinen vogelscheuchendünnen Körper durch die Fensteröffnung schiebt, verursachen seine bloßen Füße keinerlei Geräusch auf den Schilfmatten. Ein heißer Wüstenwind fährt mit ihm herein, und die schlaffen Vorhänge rascheln. Sein Zeichenheft fällt zu Boden, rasch schiebt er es mit dem Fuß unter sein Schlaflager, als wäre es eine Schlange.

Wo warst du, Darin? In meinem Kopf habe ich den Mut zu fragen, und Darin vertraut mir genug, um zu antworten. Warum verschwindest du immer wieder? Warum, wenn doch Großvater und Nana dich brauchen? Wenn doch ich dich brauche?

Seit fast zwei Jahren will ich ihm jede Nacht diese Fragen stellen. Und jede Nacht wieder fehlt mir der Mut dazu. Ich habe nur noch diesen Bruder. Ich will nicht, dass er mich ausschließt wie alle anderen.

Aber heute Nacht ist es anders. Ich weiß, was in seinem Zeichenheft steht. Ich weiß, was es bedeutet.

»Du solltest nicht mehr auf sein.« Darins Flüstern reißt mich aus meinen Gedanken. Er besitzt so etwas wie einen siebten Sinn, den man normalerweise Katzen nachsagt – das hat er von unserer Mutter. Ich setze mich auf meinem Lager auf, als er die Lampe entzündet. Es hat ja doch keinen Sinn mehr, so zu tun, als würde ich schlafen.

»Es ist Ausgangssperre, und es sind schon drei Streifen vorbeigekommen. Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Ich weiß, wie ich den Soldaten aus dem Weg gehen muss, Laia. Ich habe viel Übung.« Er stützt das Kinn auf mein Lager und lächelt Mutters liebes, schiefes Lächeln. Dieser vertraute Blick – den er immer für mich hat, wenn ich aus einem Albtraum erwache oder wenn uns das Korn ausgeht. Alles wird gut, sagt dieser Blick.

Er nimmt das Buch hoch, das auf meinem Bett liegt. »Nächtliche Versammlung«, liest er. »Gruselig. Wovon handelt es?«

»Ich habe gerade erst angefangen. Es geht um einen Dschinn …« Ich unterbreche mich. Schlau. Sehr schlau. Er hört genauso gern Geschichten, wie ich sie erzähle. »Vergiss es. Wo warst du? Großvater hatte heute Morgen ein Dutzend Patienten.«

Und ich bin für dich eingesprungen, weil er so viele allein nicht schafft. Weshalb Nana die Marmelade für den Kaufmann selbst einkochen musste. Nur, dass sie nicht fertig geworden ist. Jetzt wird der Händler uns nichts zahlen, und wir werden im Winter hungers sterben, und gütiger Himmel, warum kümmert dich das eigentlich nicht?

All das sage ich nur im Geiste. Das Lächeln ist Darin schon aus dem Gesicht gefallen.

»Ich bin nicht zum Heilen geschaffen«, sagt er. »Großvater weiß das.«

Ich will schon einlenken, doch da fallen mir Großvaters hängende Schultern von heute Morgen ein. Ich denke an das Zeichenheft.

»Großvater und Nana verlassen sich auf dich. Rede wenigstens mit ihnen. Das geht doch schon Monate so.«

Ich warte darauf, dass er sagt, ich würde das nicht verstehen. Ich solle ihn in Ruhe lassen. Aber er schüttelt nur den Kopf, lässt sich auf sein Lager fallen und schließt die Augen, als hätte er keine Lust zu antworten.

»Ich habe deine Zeichnungen gesehen.« Die Worte sprudeln einfach so aus meinem Mund, und Darin fährt sofort hoch. Sein Gesicht ist wie versteinert. »Ich habe dir nicht nachspioniert«, sage ich. »Eines der Blätter ist herausgefallen. Ich habe es gefunden, als ich heute Morgen die Schilfmatten gewechselt habe.«

»Hast du Nana und Großvater davon erzählt? Haben sie es gesehen?«

»Nein, aber –«

»Laia, hör zu.« Zur Hölle, ich will das nicht hören. Ich will nicht hören, welche Ausflüchte er gleich vorbringt. »Was du gesehen hast, ist gefährlich«, sagt er. »Du darfst niemandem davon erzählen. Niemals. Nicht nur mein Leben steht auf dem Spiel. Auch andere –«

»Arbeitest du für das Imperium, Darin? Arbeitest du für die Martialen?«

Er schweigt. Ich glaube, die Antwort in seinen Augen zu sehen, und mir wird schlecht. Kann es sein, dass mein Bruder ein Verräter am eigenen Volk ist? Dass er auf der Seite des Imperiums steht?

Wenn er Korn beiseitegeschafft oder Bücher verkauft oder Kindern das Lesen beigebracht hätte, würde ich es verstehen. Ich wäre stolz auf ihn, dass er all das tut, wozu ich nicht mutig genug bin. Wegen solcher »Verbrechen« überfallen die Schergen des Imperiums Menschen, werfen sie ins Gefängnis und töten sie. Dabei ist es nicht böse, einer Sechsjährigen das Lesen beizubringen – nicht für meine Leute, die Kundigen. Doch was Darin getan hat, ist krank. Es ist Verrat.

»Das Imperium hat unsere Eltern umgebracht«, flüstere ich. »Und unsere Schwester.«

Ich möchte ihn anschreien, aber ich verkneife es mir. Die Martialen haben das Land der Kundigen vor fünfhundert Jahren erobert und seither nichts anderes getan, als uns zu unterdrücken und zu versklaven. Einst war unser Land Heimstatt der besten Universitäten und Bibliotheken der Welt. Heute können die meisten von uns eine Schule nicht von einer Waffenkammer unterscheiden.

»Wie konntest du dich nur auf die Seite der Martialen schlagen? Wie, Darin?«

»Es ist nicht so, wie du denkst, Laia. Ich werde dir alles erklären, aber –«

Plötzlich bricht er ab; er reißt die Hand hoch, um mir zu bedeuten, still zu sein, als ich nach der versprochenen Erklärung fragen will. Den Kopf hat er in Richtung Fenster gedreht.

Durch die dünnen Wände höre ich, wie Großvater schnarcht, Nana sich herumwälzt und eine Trillertaube gurrt. Es klingt vertraut. Es klingt nach zu Hause.

Darin hört etwas anderes. Alles Blut weicht aus seinem Gesicht, und Angst flackert in seinen Augen auf.

»Laia«, sagt er. »Ein Überfall.«

»Aber wenn du für das Imperium arbeitest …« Warum durchsuchen die Soldaten dann unser Haus?

»Ich arbeite nicht für sie.« Er klingt ruhig. Ruhiger, als ich mich fühle. »Versteck das Zeichenheft. Das ist es, was sie suchen. Deshalb sind sie hier.«

Dann ist er zur Tür hinaus, und ich bin allein. Meine nackten Beine fühlen sich wachsweich an, meine Hände wie Holzklötze. Beeil dich, Laia!

Normalerweise führt das Imperium seine Überfälle bei helllichtem Tage durch. Die Soldaten wollen, dass die Mütter und Kinder der Kundigen, die Väter und Brüder zusehen, wie die Familie eines anderen Mannes in die Sklaverei getrieben wird. So schlimm diese Überfälle sind, die nächtlichen sind noch schlimmer. Sie finden statt, wenn das Imperium keine Zeugen gebrauchen kann.

Ich überlege, ob das hier wirklich ist. Oder ein Albtraum. Es ist wirklich, Laia. Mach schon.

Ich werfe das Zeichenheft aus dem Fenster in eine Hecke. Es ist ein armseliges Versteck, aber ich habe nicht mehr Zeit. Nana humpelt in mein Zimmer. Ihre Hände, die so ruhig sind, wenn sie die Marmelade in den Fässern umrührt oder mir die Haare flicht, flattern wie verzweifelte Vögel, als sie mich antreibt, mich zu beeilen.

Sie zerrt mich auf den Gang. Mein Bruder steht mit Großvater an der Hintertür. Die weißen Haare meines Großvaters sind zerrupft wie ein Heuhaufen, seine Kleidung ist zerknautscht, aber in den tiefen Furchen seines Gesichts ist keine Spur von Schläfrigkeit zu erkennen. Er raunt meinem Bruder etwas zu und gibt ihm dann Nanas größtes Küchenmesser. Ich weiß nicht, warum er sich überhaupt die Mühe macht. Am Serrastahl einer Martialenklinge wird das Messer einfach zerbrechen.

»Du und Darin geht durch den Hinterhof«, sagt Nana, während ihr Blick von Fenster zu Fenster huscht. »Sie haben das Haus noch nicht umstellt.«

Nein. Nein. Nein. »Nana.« Ich hauche ihren Namen und stolpere, als sie mich zu Großvater schubst.

»Versteckt euch am Ostende des Quartiers …« Sie verschluckt das Ende des Satzes, den Blick auf die Fenster geheftet. Durch die zerlumpten Vorhänge hindurch erhasche ich das Aufblitzen eines flüssigen Silbergesichts. Mein Magen krampft sich zusammen.

»Eine Maske«, sagt Nana. »Es ist eine Maske dabei. Geh, Laia. Bevor er hier ist.«

»Was ist mit dir? Und Großvater?«

»Wir halten sie auf.« Großvater schiebt mich sanft zur Tür hinaus. »Hüte deine Geheimnisse, meine Kleine. Hör auf Darin. Er wird sich um dich kümmern. Geh jetzt.«

Darins hagerer Schatten fällt auf mich; er packt meine Hand, als sich die Tür hinter uns schließt. Er bückt sich, um in die warme Nacht abzutauchen, und bewegt sich mit einer Zuversicht, die ich auch gern hätte, geräuschlos über den losen Sand des Hinterhofs. Obwohl ich siebzehn und damit alt genug bin, meine Angst im Zaum zu halten, umklammere ich seine Hand, als wäre sie das einzig Verlässliche auf dieser Welt.

Ich arbeite nicht für sie, hat Darin gesagt. Aber für wen arbeitet er dann? Irgendwie muss er den Schmieden von Serra nahe genug gekommen sein, um in allen Einzelheiten den Herstellungsprozess der kostbarsten Waffe zeichnen zu können, die das Imperium besitzt: des unzerbrechlichen Schimitars, eines Säbels, der mit einem Hieb drei Männer durchhauen kann.

Vor einem halben Jahrtausend mussten sich die Kundigen der Invasion der Martialen geschlagen geben, denn unsere Schwerter zerbrachen an ihrem überlegenen Stahl. Die Martialen hüten ihre Geheimnisse wie Geizkrägen Gold. Jeder, der ohne triftigen Grund in unserer Stadt in der Nähe der Schmieden geschnappt wird – sei es ein Kundiger oder ein Martialer –, riskiert die Hinrichtung.

Wenn Darin nicht auf der Seite des Imperiums steht, wie konnte er dann den Schmieden von Serra so nahe kommen? Und wie haben die Martialen von seinem Zeichenheft erfahren?

An der Vorderseite unseres Hauses hämmert jetzt eine Faust gegen die Eingangstür. Stiefel schleifen über den Boden, Stahl klirrt. Ich sehe mich hastig um, in der Erwartung, die silbernen Rüstungen und roten Umhänge der imperialen Legionäre zu erblicken, aber der Hinterhof liegt ruhig da. Die frische Nachtluft kann nichts gegen den Schweiß ausrichten, der meinen Hals hinabrinnt. Von fern höre ich das Dröhnen der Trommeln von Schwarzkliff, der Schule, in der die Masken ausgebildet werden. Meine Angst wird zu einer harten Klinge, die sich in meine Mitte bohrt. Das Imperium entsendet diese silbergesichtigen Monster nicht zu jedem beliebigen Überfall.

Das Hämmern an der Tür beginnt von Neuem.

»Im Namen des Imperiums«, sagt eine gereizte Stimme. »Ich befehle euch: Öffnet die Tür!«

Darin und ich erstarren.

»Hört sich nicht nach einer Maske an«, flüstert Darin. Masken sprechen leise, in Worten, die sich einem wie ein Schwert durch Mark und Bein bohren. In derselben Zeit, die ein Legionär brauchen würde, um anzuklopfen und einen Befehl zu erteilen, wäre eine Maske schon im Haus und würde jeden aufspießen, der sich ihr in den Weg stellt.

Darin begegnet meinem Blick, und ich weiß, dass wir beide das Gleiche denken. Wenn die Maske nicht bei den Legionären an der Haustür ist – wo ist sie dann?

»Hab keine Angst, Laia«, sagt Darin. »Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.«

Ich möchte ihm glauben, aber meine Angst ist wie eine Strömung, die an meinen Knöcheln zerrt, um mich unter Wasser zu ziehen. Ich denke an das Ehepaar, das nebenan gewohnt hat: Sie wurden vor drei Wochen überfallen, ins Gefängnis geworfen und in die Sklaverei verkauft. Buchschmuggler, das war das Urteil der Martialen. Fünf Tage später wurde einer von Großvaters ältesten Patienten – ein dreiundneunzigjähriger Mann, der kaum allein gehen konnte – in seinem eigenen Haus hingerichtet, indem man ihm den Hals von Ohr zu Ohr aufschlitzte. Sympathisant des Widerstands.

Was werden die Soldaten Nana und Großvater antun? Sie einkerkern? Versklaven? Umbringen?

Wir erreichen das hintere Tor. Mein Bruder stellt sich auf die Zehenspitzen, um das Schloss zu öffnen, als ein Scharren in der Gasse dahinter ihn innehalten lässt. Eine Brise weht vorüber und wirbelt eine Staubwolke auf.

Darin schiebt mich hinter sich. Seine Knöchel um den Griff des Messers sind weiß, während das Tor mit einem Ächzen aufschwingt. Wie ein Finger tastet sich das Gefühl des Entsetzens an meiner Wirbelsäule hinauf. Ich spähe über die Schulter meines Bruders in die Gasse hinaus.

Da draußen ist nichts weiter als das ruhige Geräusch des Sandes. Nichts als ein gelegentlicher Windstoß und die verriegelten Fenster unserer schlafenden Nachbarn.

Ich seufze erleichtert und mache einen Schritt um Darin herum.

Das ist der Moment, da sich die Maske aus der Dunkelheit schält und durch das Tor tritt.

II: ELIAS

Der Fahnenflüchtige wird vor Einbruch der Dämmerung tot sein.

Seine Spur verläuft im Staub der Katakomben von Serra im Zickzack wie die eines getroffenen Hirsches. Die Tunnel werden ihn zur Strecke bringen. Die heiße Luft hier unten ist zu schwer, der Gestank von Tod und Verwesung zu nah.

Als ich sie entdecke, ist die Spur über eine Stunde alt. Nun haben die Wachen seine Witterung aufgenommen. Armer Teufel. Wenn er Glück hat, stirbt er bei der Verfolgungsjagd. Wenn nicht …

Denk nicht daran. Versteck den Rucksack. Und dann nichts wie weg hier.

Schädel knirschen, während ich einen Beutel voller Essen und Wasser in eine Gruft schiebe. Helena würde mir die Hölle heißmachen, wenn sie sehen könnte, wie ich die Toten behandle. Aber wenn Helena erst herausfindet, warum ich tatsächlich hier unten bin, wird die Störung der Totenruhe noch der geringste ihrer Vorwürfe sein.

Sie wird es nicht herausfinden. Nicht, bevor es zu spät ist. Das schlechte Gewissen nagt an mir, aber ich verdränge es. Helena ist der stärkste Mensch, den ich kenne. Sie wird ohne mich zurechtkommen.

Zum wohl hundertsten Mal sehe ich über die Schulter zurück. Der Tunnel liegt still da. Der Fahnenflüchtige hat die Soldaten in die entgegengesetzte Richtung gelockt. Aber Sicherheit ist eine Illusion, von der ich weiß, dass man ihr nie trauen darf. Rasch schichte ich wieder Gebeine vor der Gruft auf, um meine Spur zu verwischen; ich lauere mit geschärften Sinnen auf alles, was aus dem Rahmen des Üblichen fällt.

Noch ein Tag. Ein Tag Paranoia und Verstecken und Lügen. Ein Tag bis zur Abschlussfeier. Dann bin ich frei.

Während ich die Schädel in der Gruft wieder so anordne wie vorher, wälzt sich die heiße Luft um wie ein Bär, der aus dem Winterschlaf erwacht. Der Geruch von Gras und Schnee mischt sich in den stinkenden Atem des Tunnels. Ich habe nur zwei Sekunden, um von der Gruft wegzutreten, niederzuknien und den Boden zu untersuchen, als gäbe es hier Spuren. Dann steht sie hinter mir.

»Elias? Was machst du hier?«

»Hast du es nicht gehört? Ein Abtrünniger ist auf der Flucht«, sage ich, während ich weiter aufmerksam den staubigen Boden studiere. Unter der silbernen Maske, die mein Gesicht von der Stirn bis zum Kinn bedeckt, sollte meine Miene nicht zu erkennen sein. Aber Helena Aquilla und ich waren in den vierzehn Jahren, die wir nun schon an der Militärakademie von Schwarzkliff sind, fast jeden Tag zusammen; wahrscheinlich kann sie sogar meine Gedanken lesen.

Sie tritt schweigend vor mich, und ich hebe den Kopf, um in ihre Augen zu sehen, deren blasses Blau an die warmen Gewässer der südlichen Inseln erinnert. Die Maske sitzt auf meinem Gesicht wie ein Fremdkörper, der nichts mit mir zu tun hat und meine Züge ebenso verbirgt wie meine Gefühle. Hels Maske hingegen haftet an ihr wie eine zweite, silberne Haut, und ich kann ein leichtes Stirnrunzeln sehen, als sie auf mich herabschaut. Entspann dich, Elias, sage ich mir. Du suchst doch nur nach einem Fahnenflüchtigen.

»Er ist nicht hier entlanggekommen«, sagt Hel. Sie streicht mit der Hand über ihre Haare, die wie immer zu einer straffen, silberblonden Krone geflochten sind. »Dex hat eine Aux-Kompanie zum Nordturm und in den Tunnel der Östlichen Abteilung geführt. Meinst du, sie werden ihn schnappen?«

Aux-Soldaten sind – wiewohl nicht so gut ausgebildet wie Legionäre und mit Masken nicht zu vergleichen – immer noch gnadenlose Jäger. »Natürlich werden sie ihn schnappen.« Ich versäume es, die Bitterkeit in meiner Stimme zu unterdrücken, und Helena funkelt mich an. »Diesen feigen Dreckskerl«, füge ich hinzu. »Aber warum bist du überhaupt auf? Du hast heute Morgen doch gar keine Wache.« Dafür habe ich schon gesorgt.

»Diese verfluchten Trommeln.« Helena sieht sich im Tunnel um. »Haben uns alle aufgeweckt.«

Die Trommeln. Natürlich. Fahnenflüchtiger, dröhnten sie mitten in der Hundswache. Alle wachhabenden Einheiten zu den Mauern. Helena muss beschlossen haben, sich an der Hetzjagd zu beteiligen. Dex, mein Hauptmann, wird ihr gesagt haben, in welcher Richtung ich unterwegs bin. Er wird sich nichts dabei gedacht haben.

»Ich dachte, dass der Abtrünnige vielleicht diesen Weg eingeschlagen hat.« Ich entferne mich von meinem versteckten Rucksack, um in den zweiten Tunnel zu spähen. »Schätze, dass ich falschlag. Ich sollte wieder zu Dex aufschließen.«

»Leider muss ich zugeben, dass du normalerweise nie falschliegst.« Helena streckt den Kopf vor und lächelt mich an. Ich spüre wieder das schlechte Gewissen, das sich wie eine Faust in meine Magengrube bohrt. Sie wird außer sich sein, wenn sie erfährt, was ich getan habe. Sie wird mir nie verzeihen. Es spielt keine Rolle. Du hast dich entschieden. Du kannst jetzt nicht mehr zurück.

Hel fährt mit leichter, geübter Hand über den Staub auf dem Boden. »Ich war noch nie in diesem Tunnel.«

Ein Schweißtropfen läuft meinen Hals hinunter. Ich ignoriere ihn.

»Er ist heiß und mieft«, sage ich. »Wie alles hier unten.« Komm jetzt, will ich hinzufügen. Aber wenn ich das täte, könnte ich mir gleich »Ich führe etwas im Schilde« auf die Stirn tätowieren. Ich halte also den Mund und lehne mich mit verschränkten Armen an die Mauer der Katakomben.

Das Schlachtfeld ist mein Tempel. Ich skandiere im Stillen einen Spruch, den mir mein Großvater an dem Tag beigebracht hat, an dem wir uns kennengelernt haben; ich war sechs Jahre alt, und er pochte darauf, dass dieser Spruch die Sinne ebenso schärft wie ein Wetzstein eine Klinge. Die Klinge ist mein Priester. Der Todestanz ist mein Gebet. Der Todesstoß ist meine Erlösung.

Helena schaut auf meine verwischten Spuren; irgendwie schafft sie es, sie bis zu der Gruft zurückzuverfolgen, in der ich meinen Rucksack verstaut habe; zu den Schädeln, die dort aufgestapelt sind. Sie wird misstrauisch, und plötzlich ist die Luft zwischen uns zum Schneiden.

Verdammt.

Ich muss sie ablenken. Während sie zwischen mir und der Gruft hin- und hersieht, lasse ich den Blick gemächlich ihren Körper hinabwandern. Sie ist fünfzehn Zentimeter kleiner als ich – fünf Zentimeter fehlen ihr zu einem Meter achtzig. Sie ist der einzige weibliche Schüler in Schwarzkliff; in dem schwarzen, eng geschnittenen Kampfanzug, den alle Schüler tragen, hat ihre starke, schlanke Gestalt schon immer bewundernde Blicke auf sich gezogen. Nur nicht meine. Dafür sind wir schon zu lange befreundet.

Komm schon, nun merk es doch. Bemerke mein anzügliches Grinsen und werde wütend.

Als sie meinem Blick begegnet, der so schamlos ist wie der eines Seemanns im Hafen, verzieht sie den Mund, als wollte sie mich in Stücke reißen. Dann schaut sie zurück zur Gruft.

Wenn sie den Rucksack entdeckt und errät, was ich vorhabe, bin ich erledigt. Vielleicht würde es ihr schwerfallen, aber das imperiale Gesetz verlangt, dass sie mich meldet, und Helena hat noch nie in ihrem Leben das Gesetz gebrochen.

»Elias …«

Fieberhaft überlege ich mir eine Lüge. Ich will nur ein paar Tage weg, Hel. Ich brauche ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Ich wollte dich nicht damit belasten.

BUMM-BUMM-bumm-BUMM.

Die Trommeln.

Ohne mir dessen bewusst zu sein, übersetze ich die einzelnen Trommelschläge in die Botschaft, die sie übermitteln sollen. Fahnenflüchtiger gefasst. Alle Schüler unverzüglich auf dem Haupthof antreten zum Appell.

Es dreht mir den Magen um. Ein einfältiger Teil von mir hatte gehofft, der Abtrünnige würde es wenigstens aus der Stadt hinaus schaffen. »Das hat ja nicht lange gedauert«, sage ich. »Wir sollten gehen.«

Ich halte auf den Haupttunnel zu. Helena folgt mir, wie ich es vorausgesehen habe. Lieber würde Helena sich selbst ein Auge ausstechen, bevor sie sich einem direkten Befehl widersetzt. Sie ist eine echte Martiale und dem Imperium treuer ergeben als ihrer eigenen Mutter. Wie jede gute Maske in der Ausbildung hat sie das Motto von Schwarzkliff verinnerlicht: Die Pflicht geht vor bis in den Tod.

Ich frage mich, was sie sagen würde, wenn sie wüsste, was ich wirklich im Tunnel getrieben habe.

Ich frage mich, wie sie meinen Hass auf das Imperium aufnehmen würde.

Ich frage mich, was sie tun würde, wenn sie herausfände, dass ihr bester Freund die Fahnenflucht plant.

III: LAIA

Der Maskenmann schlendert durch das Tor; die großen Hände schwingen locker neben seinem Körper. Das fremdartige Metall der Maske haftet an seinem Gesicht wie silberne Farbe von der Stirn bis zum Kinn und legt doch jeden seiner Gesichtszüge frei – von den dünnen Augenbrauen bis hin zu den harten Kanten der Wangenknochen. Die kupferne Rüstung scheint mit seinen Muskeln verschmolzen zu sein und unterstreicht die Kraft dieses Körpers.

Eine Windbö bauscht den schwarzen Umhang auf. Der Maskenmann sieht sich im Hinterhof um, als wäre er auf einem Gartenfest. Seine blassen Augen finden mich, gleiten an meiner Gestalt empor und heften sich auf mein Gesicht wie der geistlose Blick eines Reptils.

»Du bist aber eine Hübsche«, sagt er.

Ich zerre an dem zerlumpten Saum meines Nachthemds und wünsche mir verzweifelt den unförmigen, knöchellangen Rock herbei, den ich tagsüber trage. Der Maskenmann zuckt nicht einmal mit der Wimper. Nichts in seinem Gesicht verrät, was er denkt. Aber ich kann es mir vorstellen.

Mein Bruder tritt vor mich und blickt zum Zaun, als würde er die Zeit abschätzen, die man braucht, um ihn zu erreichen.

»Ich bin allein, Junge.« Der Maskenmann spricht zu Darin mit der Gefühlsregung einer Leiche. »Die anderen Männer sind im Haus. Du kannst weglaufen, wenn du willst.« Er macht einen Schritt vom Tor weg. »Aber ich verlange, dass du das Mädchen hierlässt.«

Darin hebt das Messer.

»Wie ritterlich von dir«, sagt der Maskenmann.

Dann stößt er zu, aus heiterem Himmel. Wie ein Blitz aus Kupfer und Silber. Innerhalb der Zeitspanne, die ich zum Luftschnappen brauche, hat er das Gesicht meines Bruders in den Staub gedrückt und seinen sich windenden Körper mit einem Knie fixiert. Nanas Messer fällt in den Sand.

Ein Schrei entringt sich mir; er hängt einsam in der stillen Sommernacht. Sekunden später spüre ich die Spitze eines Säbels an meiner Kehle. Ich habe nicht einmal gesehen, wie der Maskenmann die Waffe gezogen hat.

»Ruhig«, sagt er. »Hände hoch. Und jetzt hinein mit euch.«

Der Maskenmann zerrt Darin mit einer Hand am Kragen hoch und treibt mich mit der Spitze seiner Waffe vorwärts. Mein Bruder humpelt; sein Gesicht ist blutig, sein Blick wie benommen. Als er sich wie ein Fisch am Haken wehrt, verstärkt die Maske ihren eisernen Griff.

Die Hintertür des Hauses geht auf, und ein Legionär im roten Umhang tritt heraus.

»Das Haus ist gesichert, mein Feldherr.«

Der Maskenmann schubst Darin zu dem Soldaten. »Fessle ihn. Er ist stark.«

Dann packt er mich an den Haaren und reißt daran, bis ich schreie. »Mmm.« Er neigt den Kopf zu meinem Ohr und ich zucke zusammen; das Entsetzen bleibt mir im Hals stecken. »Ich hatte immer schon eine Schwäche für dunkelhaarige Mädchen.«

Ich frage mich, ob er eine Schwester, eine Frau, eine Geliebte hat. Aber es würde keinen Unterschied machen. Für ihn bin ich niemand aus seiner Familie. Ich bin nur etwas, das man unterdrücken, benutzen und wegwerfen kann. Der Maskenmann zerrt mich den Gang entlang zum Wohnraum, so gleichgültig wie ein Jäger seine Beute. Kämpfe, sage ich zu mir. Kämpfe. Aber als würde er meinen jämmerlichen Tapferkeitsversuch spüren, drückt seine Hand fester zu, und Schmerz sägt sich in meinen Schädel. Ich ergebe mich, und er zieht mich weiter.

Legionäre stehen Schulter an Schulter im Wohnraum, mitten zwischen umgeworfenen Möbeln und zerbrochenen Marmeladengläsern. Nun bekommt der Händler gar nichts mehr. So viele Tage, zugebracht an dampfenden Kesseln, bis meine Haare den Duft von Aprikosen und Zimt annahmen. So viele Gläser mit Früchten, gedämpften und getrockneten, befüllt und versiegelt. Umsonst. Alles umsonst.

Die Lampen brennen, und Nana und Großvater knien auf dem Boden in der Mitte, die Hände auf den Rücken gefesselt. Der Soldat, der Darin festhält, stößt ihn neben ihnen zu Boden.

»Soll ich das Mädchen auch fesseln, Herr?« Ein weiterer Soldat greift nach dem Seil an seinem Gürtel, aber der Maskenmann lässt mich einfach zwischen zwei stämmigen Legionären stehen.

»Sie wird keine Probleme machen.« Ein Blick aus seinen Augen durchbohrt mich. »Oder?« Ich schüttle den Kopf, weiche zurück und hasse mich dafür, so ein Feigling zu sein. Ich greife nach dem angelaufenen Armreif meiner Mutter an meinem Oberarm und berühre das vertraute Muster, um Kraft daraus zu schöpfen. Ich finde keine. Mutter hätte gekämpft. Sie wäre lieber gestorben, als diese Demütigung zu ertragen. Aber ich kann mich nicht rühren. Meine Angst hält mich gefangen.

Ein Legionär betritt den Raum; sein Gesichtsausdruck wirkt mehr als nervös. »Es ist nicht hier, mein Feldherr.«

Die Maske sieht auf meinen Bruder herab. »Wo ist das Zeichenheft?«

Darin starrt vor sich hin und schweigt. Sein Atem geht leise und regelmäßig, er scheint nicht mehr benommen zu sein. Tatsächlich wirkt er beinahe gefasst.

Die Maske macht eine Geste, nur eine kleine Bewegung. Einer der Legionäre packt Nana am Kragen und stößt ihren gebrechlichen Körper gegen die Wand. Nana beißt sich auf die Lippen; ihre Augen sprühen blaue Funken. Darin versucht aufzufahren, aber ein anderer Soldat drückt ihn nach unten.

Der Maskenmann hebt eine Scherbe von einem der zerbrochenen Marmeladengläser auf. Seine Zunge zuckt wie die einer Schlange, als er von der Marmelade kostet.

»Schade, alles verdorben.« Er streichelt Nanas Gesicht mit der Bruchkante der Scherbe. »Du musst früher schön gewesen sein. Diese Augen.« Er wendet sich Darin zu. »Soll ich sie ihr herausschneiden?«

»Es liegt vor dem Fenster des kleinen Schlafzimmers. In der Hecke.« Ich bringe nicht mehr als ein Flüstern zustande, aber die Soldaten verstehen es. Der Maskenmann nickt, und einer der Legionäre verschwindet im Korridor. Darin sieht mich nicht an, doch ich spüre sein Entsetzen. Warum hast du es mir zum Verstecken gegeben?!, will ich ihn anschreien. Warum hast du das verfluchte Ding mit nach Hause gebracht?

Der Legionär kehrt mit dem Heft zurück. Einige endlose Sekunden lang ist im Raum nur das Rascheln der Seiten zu hören, während die Maske die Zeichnungen durchblättert. Wenn der Rest des Heftes so ist wie das Blatt, das ich gefunden habe, dann weiß ich, was sich der Maskenmann gerade ansieht: Messer, Schwerter, Scheiden, Schmieden, Formeln, Anweisungen der Martialen – alles Dinge, über die kein Kundiger Bescheid weiß, geschweige denn, dass er sie zu Papier bringen könnte.

»Wie bist du in den Waffenbezirk gekommen, Junge?« Der Maskenmann schaut von dem Heft auf. »Hat der Widerstand irgendeinen plebejischen Arbeitsesel bestochen, um dich hinzuschmuggeln?«

Ich unterdrücke ein Schluchzen. Einerseits bin ich erleichtert, dass Darin kein Verräter ist. Andererseits würde ich ihm am liebsten an die Kehle springen, weil er solch ein Dummkopf war. Gemeinsame Sache mit dem Kundigenwiderstand zu machen, zieht die Todesstrafe nach sich.

»Ich habe es allein geschafft«, sagt mein Bruder. »Der Widerstand hatte damit nichts zu tun.«

»Du wurdest gestern Abend nach der Sperrstunde beim Betreten der Katakomben gesehen« – die Maske klingt fast gelangweilt – »und zwar in Begleitung bekannter Kundigenrebellen.«

»Gestern Abend ist er schon eine ganze Weile vor der Ausgangssperre nach Hause gekommen«, lässt sich Großvater hören, und es ist seltsam, ihn lügen zu hören. Doch es nützt nichts. Der Blick der Maske gilt meinem Bruder allein. Der Mann blinzelt nicht einmal, während er in Darins Gesicht liest, wie ich in einem Buch lesen würde.

»Diese Rebellen wurden heute festgenommen«, sagt der Maskenmann. »Einer von ihnen hat uns deinen Namen verraten, bevor er gestorben ist. Was hattet ihr vor?«

»Sie sind mir gefolgt.« Darin klingt so ruhig. Als hätte er das hier schon mal gemacht. Als hätte er überhaupt keine Angst. »Ich habe sie vorher noch nie gesehen.«

»Und trotzdem wussten sie von deinem Heft. Haben mir alles darüber erzählt. Wie haben sie davon erfahren? Was haben sie von dir gewollt?«

»Ich weiß es nicht.«

Der Maskenmann drückt die Glasscherbe tiefer in die zarte Haut unter Nanas Auge, und ihre Nasenflügel blähen sich. Ein Tropfen Blut zieht seine Spur ihr Gesicht hinab.

Darin holt tief Luft; es ist das einzige Anzeichen dafür, dass er unter Druck steht. »Sie haben um mein Zeichenheft gebeten«, meint er. »Ich habe Nein gesagt. Ich schwöre es.«

»Und ihr Versteck?«

»Ich konnte es nicht sehen. Sie haben mir die Augen verbunden. Wir waren in den Katakomben.«

»Wo in den Katakomben?«

»Ich konnte es nicht sehen. Meine Augen waren verbunden.«

Die Maske betrachtet meinen Bruder einen langen Augenblick. Ich habe keine Ahnung, wie Darin unter diesem Blick so gelassen bleiben kann.

»Du bist gut vorbereitet.« Ein winziges bisschen Überraschung stiehlt sich in die Stimme des Maskenmanns. »Aufrechte Haltung. Tiefe Atmung. Die immer gleichen Antworten auf unterschiedliche Fragen. Wer hat dir das beigebracht, Junge?«

Als Darin nicht antwortet, zuckt die Maske die Achseln. »Ein paar Wochen Gefängnis werden deine Zunge schon lösen.« Nana und ich tauschen einen erschrockenen Blick. Wenn Darin in einem Martialengefängnis landet, werden wir ihn nie wiedersehen. Er wird wochenlange Verhöre über sich ergehen lassen müssen, und danach werden sie ihn entweder als Sklaven verkaufen oder umbringen.

»Er ist doch noch ein Junge«, sagt Großvater langsam, wie zu einem wütenden Patienten. »Bitte –« Da blitzt Stahl auf, und Großvater fällt um wie ein Stein. Der Maskenmann bewegt sich so flink, dass ich nicht begreife, was er gerade getan hat. So lange, bis Nana herbeistürzt. Bis sie eine schrille Wehklage ausstößt, einen Schrei aus purem Schmerz, der mich auf die Knie zwingt.

Großvater. Himmel, nicht Großvater. Ein Dutzend Gelöbnisse brennt sich in mein Gehirn. Ich werde nie wieder ungehorsam sein. Ich werde nie wieder etwas verkehrt machen. Ich werde mich nie wieder über meine Arbeit beklagen, wenn Großvater nur weiterleben darf.

Aber Nana rauft sich die Haare und wehklagt schreiend; wenn Großvater noch am Leben wäre, würde er sie niemals gewähren lassen. Er wäre nicht in der Lage, das zu ertragen. Darins Ruhe ist wie mit der Sense gekappt; sein Gesicht wird weiß, von einem Grauen gefärbt, das ich bis ins Mark spüre.

Nana kommt taumelnd auf die Füße und macht einen unsicheren Schritt auf den Maskenmann zu. Er streckt die Hand nach ihr aus, als ob er sie ihr auf die Schulter legen wollte. Das Letzte, was ich in den Augen meiner Großmutter sehe, ist blanker Schrecken. Dann fährt das behandschuhte Handgelenk der Maske noch einmal blitzartig durch die Luft und hinterlässt eine dünne rote Linie quer auf Nanas Hals – eine Linie, die breiter und röter wird, während Nana fällt.

Ihr Körper trifft mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden auf, die Augen noch geöffnet und glänzend von Tränen, während Blut aus ihrem Hals auf den Teppich strömt, den wir letzten Winter zusammen geknüpft haben.

»Herr«, sagt einer der Legionäre. »Noch eine Stunde bis Tagesanbruch.«

»Schafft den Jungen weg.« Die Maske schenkt Nana keinen zweiten Blick. »Und brennt alles nieder.«

Dann wendet er sich mir zu, und ich wünschte, ich könnte wie ein Schatten mit der Wand hinter mir verschmelzen. Ich wünsche es mir sehnlicher, als ich mir jemals etwas gewünscht habe, und weiß doch die ganze Zeit, wie töricht es ist. Die Soldaten, die mich flankieren, grinsen sich an, während der Maskenmann langsam einen Schritt auf mich zumacht. Er hält meinen Blick fest, als könnte er meine Angst riechen, wie eine Kobra, die ihre Beute taxiert.

Nein, bitte nicht. Verschwinden. Ich will verschwinden.

Der Maskenmann blinzelt, während irgendeine fremdartige Emotion in seinen Augen aufflackert – ob es Überraschung ist oder Betroffenheit, ich weiß es nicht. Es spielt keine Rolle. Denn in diesem Moment springt Darin vom Boden auf.

Während ich ängstlich zurückgewichen bin, hat er seine Fesseln gelöst. Seine Hände fahren wie Klauen aus, als er der Maske an die Kehle geht. Seine Wut verleiht ihm die Kraft eines Löwen, und eine Sekunde lang ist er das Ebenbild unserer Mutter mit seinen glänzenden honigfarbenen Haaren, den flackernden Augen und dem Mund, der zu einem wilden Fletschen verzerrt ist.

Der Maskenmann weicht zurück, mitten in die Pfütze aus Blut, die sich um Nanas Kopf ausgebreitet hat, und schon ist Darin bei ihm, schlägt ihn zu Boden, lässt Hiebe auf ihn niederprasseln. Die Legionäre stehen erst ungläubig erstarrt da und kommen dann wieder zu Sinnen; sie stürzen brüllend und fluchend nach vorn. Mein Bruder zerrt einen Dolch aus dem Gürtel des Maskenmanns, bevor ihn die Legionäre zu Boden werfen.

»Laia!«, ruft mein Bruder. »Lauf!«

Lauf nicht weg, Laia. Hilf ihm. Kämpfe.

Aber ich denke an den kalten Blick der Maske, an die Gewalt in seinen Augen. Ich hatte immer schon eine Schwäche für dunkelhaarige Mädchen. Er wird mich vergewaltigen. Und dann wird er mich umbringen.

Ich erschauere und mache einen Schritt zurück in den Gang. Niemand hält mich auf. Niemand bemerkt es.

»Laia!« Darin klingt, wie ich ihn noch nie gehört habe. Verzweifelt. In die Enge getrieben. Er hat gesagt, ich soll weglaufen, aber wenn ich so schreien würde wie er, würde er bleiben. Er würde mich nie zurücklassen. Ich bleibe stehen.

Hilf ihm, Laia, befiehlt eine Stimme in meinem Kopf. Mach schon.

Aber da ist auch eine zweite Stimme, und sie ist eindringlicher, lauter.

Du kannst ihn nicht retten. Tu, was er sagt. Lauf.

Aus meinen Augenwinkeln sehe ich Flammen flackern, und ich rieche Rauch. Einer der Legionäre steckt das Haus mit einer Fackel in Brand. Innerhalb von Minuten wird das Feuer es verzehren.

»Fesselt ihn diesmal richtig, und schafft ihn in eine Verhörzelle.« Der Maskenmann löst sich aus dem Getümmel und reibt sich das Kinn. Als er sieht, dass ich mich auf den Gang zurückgezogen habe, wird er seltsam still. Widerwillig begegne ich seinem Blick, und er neigt den Kopf.

»Lauf, kleines Mädchen«, sagt er.

Mein Bruder wehrt sich noch immer; seine Schreie fahren mir durch Mark und Bein. Da weiß ich, dass ich sie immer und immer wieder hören werde, ihr Echo wird Stunde um Stunde und Tag um Tag bei mir sein, bis ich tot bin oder es wiedergutmache. Ich weiß es.

Und dennoch fliehe ich.

Die engen Gassen und staubigen Märkte des Kundigenquartiers ziehen verschwommen an mir vorüber wie Landschaften in einem Albtraum. Mit jedem Schritt brüllt mir ein Teil meines Verstandes zu, umzukehren, zurückzulaufen, um Darin zu helfen. Mit jedem Schritt wird das jedoch weniger wahrscheinlich, bis es nicht einmal mehr eine Möglichkeit ist, bis ich nur noch denken kann: Lauf!

Die Soldaten verfolgen mich, aber ich bin zwischen den gedrungenen Lehmziegelhäusern des Quartiers aufgewachsen und hänge meine Verfolger rasch ab.

Es beginnt zu dämmern, und aus meinem panischen Hetzen wird ein Stolpern, während ich von Gasse zu Gasse streife. Wohin soll ich mich wenden? Was soll ich tun? Ich brauche einen Plan, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Wer könnte mir Hilfe oder Trost bieten? Meine Nachbarn werden mir die kalte Schulter zeigen, weil sie um ihr eigenes Leben fürchten. Meine Familie ist tot oder im Gefängnis. Meine beste Freundin Zara ist letztes Jahr bei einem Überfall verschwunden, und meine übrigen Freunde haben ihre eigenen Probleme.

Ich bin allein.

Als der Tag anbricht, finde ich mich in einem leeren Gebäude im ältesten Teil des Viertels wieder. Das geplünderte Haus duckt sich wie ein verwundetes Tier in ein Gewirr aus zerfallenden Behausungen. Der Gestank von Unrat verpestet die Luft.

Ich kauere mich in eine Ecke des Raums. Meine Haare haben sich aus dem Zopf gelöst und sind heillos zerzaust. Die roten Stiche am Saum meines Nachthemds sind zerrissen, das helle Garn hängt schlaff herunter. Nana hat diese Stoßkanten zu meinem siebzehnten Jahrestag gefertigt, um etwas Farbe in meine trostlose Kleidung zu bringen. Es war eines der wenigen Geschenke, die sie sich leisten konnte.

Und jetzt ist sie tot. Wie Großvater. Wie meine Eltern und meine Schwester, schon seit Langem.

Und Darin: fort. In eine Verhörzelle verschleppt, in der die Martialen ihm wer weiß was antun werden.

Das Leben besteht aus einer Million Augenblicken, die nichts bedeuten. Aber der Augenblick, als Darin geschrien hat – dieser Augenblick bedeutete alles. Er war eine Mutprobe. Und ich bin durchgefallen.

Laia! Lauf!

Warum habe ich ihm nur gehorcht? Ich hätte bleiben sollen. Ich hätte etwas tun sollen. Ich stöhne und halte mir den Kopf. Ich höre ihn noch immer. Wo ist er jetzt? Haben sie schon mit dem Verhör begonnen? Er wird sich fragen, was aus mir geworden ist. Er wird sich fragen, wie seine Schwester ihn verlassen konnte.

Das Zucken einer flüchtigen Bewegung in den Schatten weckt meine Aufmerksamkeit, und die Härchen in meinem Nacken sträuben sich. Eine Ratte? Eine Krähe? Die Schatten bewegen sich, darin blitzen zwei böse Augen auf. Weitere Augenpaare gesellen sich hinzu, unheilvoll und geschlitzt. Halluzinationen, höre ich Großvater seine Diagnose in meinem Kopf verkünden. Ein Symptom des Schocks.

Halluzination oder nicht, die Schatten wirken real. Ihre Augen glühen wie Miniatursonnen, sie umkreisen mich wie Hyänen und werden mit jedem Vorübergehen dreister.

»Wir haben es gesehen«, zischen sie. »Wir wissen von deiner Schwäche. Deinetwegen wird er sterben.«

»Nein«, flüstere ich. Aber sie haben recht, diese Schatten. Ich habe Darin verlassen. Ich habe ihn aufgegeben. Es spielt keine Rolle, dass er gesagt hat, ich solle gehen. Wie konnte ich nur so feige sein?

Ich berühre Mutters Armreif, aber ich fühle mich nur noch schlechter dabei. Mutter hätte den Maskenmann irgendwie überlistet. Irgendwie hätte sie Darin und Nana und Großvater gerettet.

Selbst Nana war tapferer als ich. Nana mit ihrem gebrechlichen Körper und den brennenden Augen. Ihrem Rückgrat aus Stahl. Mutter hat Nanas Feuer geerbt und nach ihr Darin.

Aber nicht ich.

Lauf, kleines Mädchen.

Die Schatten rücken vor, und ich schließe die Augen vor ihnen, in der Hoffnung, dass sie dann verschwinden. Ich greife nach den Gedanken, die durch mein Gehirn gewittern, und versuche sie einzufangen.

Aus der Ferne höre ich Rufe und das Poltern von Stiefeln. Wenn die Soldaten noch immer nach mir suchen, bin ich hier nicht sicher. Vielleicht sollte ich zulassen, dass sie mich finden und mit mir tun, was sie wollen. Ich habe mein eigenes Fleisch und Blut aufgegeben. Ich habe Strafe verdient.

Aber derselbe Instinkt, der mich dazu drängte, vor der Maske wegzulaufen, treibt mich auf die Füße. Ich stürze zurück auf die Straße, um im dichter werdenden Morgengewimmel unterzutauchen. Einige meiner Landsleute sehen mich zwei Mal an, einige mit Argwohn, andere mit Anteilnahme. Aber die meisten beachten mich gar nicht. Und ich frage mich, wie oft ich auf diesen Straßen schon an jemandem vorübergegangen bin, der auf der Flucht war, dem gerade alles, was er auf der Welt hatte, entrissen worden war.

Ich bleibe in einer Gasse stehen, die glitschig von Abwasser ist. Dichter schwarzer Rauch steigt in Schwaden auf der anderen Seite des Quartiers empor und wird lichter, je höher er in den heißen Himmel gelangt. Mein Zuhause brennt. Nanas Marmeladen, Großvaters Arzneimittel, Darins Zeichnungen – alles dahin. Alles, was ich bin. Dahin.

Nicht alles, Laia. Nicht dein Bruder. Darin.

Ein Abflussgitter befindet sich in der Mitte der Gasse, nur ein paar Schritte von mir entfernt. Wie alle Gitter im Quartier führt es hinab in die Katakomben von Serra: die Heimstatt der Skelette, Geister, Ratten, Diebe … und möglicherweise auch des Kundigenwiderstands.

Hat Darin für sie spioniert? Hat der Widerstand ihn ins Waffenquartier eingeschleust? Ungeachtet dessen, was mein Bruder der Maske gesagt hat, ist es die einzige Antwort, die einen Sinn ergibt. Man munkelt, dass die Widerstandskämpfer wagemutiger geworden sind und nicht nur Kundige rekrutieren, sondern auch Marine aus dem freien Land Marinn im Norden sowie Stammesleute, deren Wüstenterritorium imperiales Schutzgebiet ist.

Großvater und Nana haben nie in meinem Beisein über den Widerstand gesprochen. Aber spätnachts habe ich sie oft darüber flüstern hören, dass die Rebellen Kundigengefangene befreit haben, während sie zum Schlag gegen die Martialen ausholten. Darüber, dass Kämpfer die Karawanen der Martialenhändler, der Mercatoren, überfielen und Angehörige von deren Oberschicht, den Illustriern, ermordeten. Nur die Rebellen erheben sich gegen die Martialen. So schwer es ist, sie aufzuspüren, sind sie doch die einzige Waffe, die die Kundigen haben. Wenn überhaupt jemand in die Nähe der Schmieden gelangen kann, dann sind sie es.

Mir geht auf, dass der Widerstand mir vielleicht helfen wird. Man hat mein Zuhause überfallen und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Und man hat meine Familie umgebracht, weil zwei Rebellen dem Imperium Darins Name verraten haben. Wenn ich den Widerstand finden und ihnen erklären kann, was passiert ist, können sie mir vielleicht helfen, Darin aus dem Gefängnis zu befreien – nicht nur, weil sie mir das schuldig sind, sondern auch, weil sie nach dem Izzat leben, einem Ehrenkodex, der so alt ist wie das Volk der Kundigen. Die Rebellenführer sind die Besten der Kundigen, die Tapfersten. Meine Eltern haben mich das gelehrt, bevor das Imperium sie umgebracht hat. Wenn ich um Hilfe bitte, wird der Widerstand mich nicht abweisen. Ich mache einen Schritt auf das Gitter zu.

Ich war noch nie in den Katakomben von Serra. Sie ziehen sich unter der ganzen Stadt dahin, Hunderte von Kilometern aus Tunneln und Höhlen, einige davon randvoll mit jahrhundertealten Knochen. Niemand nutzt die Krypten mehr als Begräbnisstätten, und selbst das Imperium hat die Katakomben nicht vollständig erforscht. Wenn das Imperium trotz seiner Macht die Rebellen nicht aufstöbern kann, wie soll ich sie dann finden?

Du wirst nicht eher ruhen, bis du es geschafft hast. Ich hebe das Gitter hoch und starre in das schwarze Loch darunter. Ich muss dort hinab. Ich muss den Widerstand finden. Denn wenn ich es nicht tue, hat mein Bruder nicht die geringste Chance. Wenn ich die Kämpfer nicht finden und dazu bewegen kann, mir zu helfen, werde ich Darin nie wiedersehen.

IV: ELIAS

Als Helena und ich den Glockenturm von Schwarzkliff erreichen, stehen schon fast alle dreitausend Schüler in Reih und Glied da. Bis Tagesanbruch ist es noch eine Stunde, aber ich sehe keinen einzigen verschlafenen Blick. Stattdessen durchläuft ein angespanntes Summen die Menge. Das letzte Mal, als jemand desertierte, war der Hof mit Frost bedeckt.

Jeder Schüler weiß, was jetzt kommt. Ich öffne und schließe die Fäuste. Ich will das nicht sehen. Wie alle Schüler von Schwarzkliff kam ich mit sechs Jahren an diese Schule, und in den vierzehn Jahren seither war ich Zeuge Tausender Strafaktionen. Mein eigener Rücken bildet die Brutalität dieser Schule wie eine Landkarte ab. Aber Fahnenflüchtige erwischt es immer am schlimmsten.

Mein Körper ist gespannt wie eine Sprungfeder, aber ich senke den Blick und mache ein gleichgültiges Gesicht. Die Lehrer von Schwarzkliff, die Zenturionen, werden zusehen. Ihren Zorn auf mich zu ziehen, wenn ich kurz vor der Flucht stehe, wäre unverzeihlich dumm.

Helena und ich gehen an den jüngsten Schülern vorüber, vier Klassen von maskenlosen Jährlingen, die den besten Blick auf das Gemetzel haben werden. Die kleinsten von ihnen sind kaum sieben Jahre alt. Die ältesten fast elf.

Die Jährlinge blicken zu Boden, während wir vorbeigehen – wir gehören zu den Ranghöchsten, es ist ihnen verboten, uns auch nur anzusprechen. Sie stehen kerzengerade, die Schims im Fünfundvierzig-Grad-Winkel auf ihrem Rücken hängend, die Stiefel mit Spucke poliert und die Gesichter ausdruckslos wie Stein. Selbst die jüngsten Jährlinge haben inzwischen die wichtigsten Lektionen von Schwarzkliff gelernt: Gehorche, pass dich an und halte den Mund.

Hinter den Jährlingen ist ein Streifen frei geblieben, zu Ehren des zweiten Schülergrads von Schwarzkliff, den Fünfern, die so genannt werden, weil viele von ihnen in ihrem fünften Jahr hier sterben. Wenn die Schüler elf Jahre alt sind, schicken die Zenturionen sie aus Schwarzkliff fort, in die unzivilisierten Gebiete des Imperiums. Sie gehen ohne Kleidung, Nahrung oder Waffen und müssen sich vier Jahre so gut wie möglich auf eigene Faust durchschlagen. Die Fünfer, die übriggeblieben sind, kehren nach Schwarzkliff zurück, nehmen ihre Masken in Empfang, bringen weitere vier Jahre als Kadetten zu und anschließend noch einmal zwei Jahre als Totenköpfe. Hel und ich sind Senior-Totenköpfe und schließen gerade unser letztes Ausbildungsjahr ab.

Die Zenturionen überwachen uns von den Arkaden her, die den Hof säumen, die Hände an ihren Peitschen, während sie auf das Eintreffen der Kommandantin von Schwarzkliff warten. Sie stehen so unbeweglich wie Statuen unter den Masken, die sich vor Langem schon ihren Gesichtszügen angepasst haben, sodass jeder Anflug einer Gefühlsregung nur noch eine ferne Erinnerung ist.

Ich befühle meine Maske; ich wünschte, ich könnte sie abreißen, und sei es auch nur eine Minute lang. Wie meine Jahrgangskameraden habe ich sie an meinem ersten Tag als Kadett erhalten, als ich vierzehn war. Anders als bei den anderen Schülern – und zu Helenas großer Sorge – ist das weiche, flüssige Silber nicht mit meiner Haut verwachsen, wie es eigentlich hätte geschehen sollen. Wahrscheinlich, weil ich das verdammte Ding abnehme, wann immer ich allein bin.

Ich hasse die Maske seit dem Tag, an dem ein Augur – ein heiliger Mann des Imperiums – sie mir in einem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen überreichte. Ich hasse es, wie sie sich an mir festsaugt, so als wäre sie eine Art Parasit. Ich hasse es, wie sie sich an mein Gesicht presst, um mit meiner Haut zu verschmelzen.

Ich bin der einzige Schüler, dessen Maske noch nicht eingewachsen ist. Aber kürzlich hat sie angefangen zurückzuschlagen und den Verwachsungsprozess zu erzwingen, indem sie winzige Fasern in meinen Nacken gräbt. Ich bekomme Gänsehaut davon und fühle mich, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Als könnte ich nie wieder ich selbst werden.

»Veturius.« Demetrius mit den sandfarbenen Haaren, der hoch aufgeschossene Hauptmann von Hels Zug, ruft zu mir herüber, als wir unsere Plätze zwischen den anderen Senior-Totenköpfen einnehmen. »Wer ist es? Wer ist der Abtrünnige?«

»Ich weiß es nicht. Dex und die Auxes haben ihn hergebracht.« Ich sehe mich nach meinem eigenen Hauptmann um, aber er ist noch nicht da.

»Ich habe gehört, dass es ein Jährling ist.« Demetrius starrt auf einen Holzpfosten, der aus dem Kopfsteinpflaster am Fuß des Glockenturms ragt, das von Blut gebräunt ist. Der Peitschenpfahl. »Einer von den älteren. Aus dem vierten Jahr.«

Helena und ich wechseln einen Blick. Demetrius’ kleiner Bruder hat in seinem vierten Jahr in Schwarzkliff ebenfalls versucht zu desertieren, mit erst zehn Jahren. Er hielt drei Stunden jenseits der Mauern durch, bevor die Legionäre ihn vor die Kommandantin schleppten – länger als die meisten.

»Vielleicht war es ein Totenkopf.« Helena überfliegt die Reihen der älteren Schüler und versucht auszumachen, ob jemand fehlt.

»Vielleicht war es Marcus«, grinst Faris, ein Mitglied meines Kampfzugs, der uns alle überragt; sein blondes Haar steht ihm in einer widerspenstigen Schmachtlocke zu Berge. »Oder Zak.«

Von wegen. Marcus mit der dunklen Haut und den gelben Augen steht vor unseren Rängen, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Zak, dem Zweitgeborenen, der kleiner und leichter, aber genauso übel ist. Schlange und Kröte nennt Hel sie.

Zaks Maske muss um die Augen noch vollständig einwachsen, aber die von Marcus haftet fest an und hat sich so rückstandslos mit ihm verbunden, dass all seine Gesichtszüge deutlich darunter zu erkennen sind. Wenn Marcus jetzt versuchen würde, die Maske zu entfernen, würde er auch die Hälfte seines Gesichts abnehmen. Was eine Verbesserung wäre.

Als könnte er ihre Blicke spüren, dreht sich Marcus um und mustert Helena mit einem lüstern besitzergreifenden Blick, bei dem es mich in den Fingern juckt, ihn zu erwürgen.

Nichts Außergewöhnliches, rufe ich mir in Erinnerung. Nichts, was dich auffallen lässt.

Ich zwinge mich, wegzusehen. Marcus vor der versammelten Schule anzugreifen wäre definitiv »außergewöhnlich«.

Helena bemerkt Marcus’ anzügliches Starren. Ihre Hände ballen sich zu Fäusten, aber bevor sie der Schlange eine Lektion erteilen kann, marschiert der diensthabende Fähnrich auf den Hof.

»Achtung!«

Dreitausend Leiber drehen sich nach vorn, dreitausend Paar Stiefelhacken schlagen zusammen, dreitausend Wirbelsäulen strecken sich, wie von der Hand eines Marionettenspielers nach oben gezogen. In der darauffolgenden Stille könnte man eine Träne fallen hören.

Aber das Nahen der Kommandantin der Militärakademie von Schwarzkliff hören wir nicht; wir fühlen es, wie man einen Sturm nahen fühlt. Sie bewegt sich geräuschlos und tritt unter den Arkaden hervor wie eine Rohrkatze aus dem Unterholz. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, von der eng anliegenden Uniformjacke bis hin zu den Stahlkappenstiefeln. Ihre blonden Haare sind wie immer zu einem straffen Knoten im Nacken geschlungen.

Sie ist die einzige lebende weibliche Maske – zumindest, bis Helena morgen ihren Abschluss macht. Aber anders als Helena verbreitet die Kommandantin eine tödliche Kälte, als ob ihre grauen Augen und ihre glasharten Züge aus einem Gletscher geschnitten wären.

»Bringt den Angeklagten her«, sagt sie.

Zwei Legionäre kommen hinter dem Glockenturm zum Vorschein. Sie zerren eine kleine, schlaffe Gestalt mit sich. Neben mir spannt Demetrius alle Muskeln an. Das Gerücht stimmt – der Fahnenflüchtige ist ein Jährling, nicht älter als zehn. Blut rinnt sein Gesicht herab und tropft auf den Kragen seines schwarzen Kampfanzugs. Als die Soldaten ihn vor der Kommandantin zu Boden werfen, bewegt er sich nicht. Ihr silbernes Gesicht offenbart keine Regung, während sie auf den Jährling hinabschaut. Aber ihre Hand greift nach der stachelbewehrten Reitpeitsche aus tiefschwarzem Eisenholz an ihrem Gürtel. Sie zieht sie nicht. Noch nicht.

»Falconius Barrius, Jährling aus dem vierten Jahr.« Ihre Stimme trägt weit, obwohl sie leise, fast sanft ist. »Du hast deinen Posten in Schwarzkliff verlassen in der Absicht, nicht zurückzukehren. Erkläre dich.«

»Keine Erklärung, Kommandantin, Herrin.« Er spricht die Worte, die wir alle hundert Mal zur Kommandantin gesagt haben, die einzigen Worte, die man in Schwarzkliff sagen darf, wenn man kläglich versagt hat.

Ich versuche, mein Gesicht ausdruckslos wirken zu lassen, die Gefühle aus meinem Blick zu löschen. Barrius wird gleich für das Verbrechen bestraft werden, das auch ich in weniger als sechsunddreißig Stunden begehen werde. Das da könnte ich in zwei Tagen sein. Blutverschmiert. Gebrochen.

»Fragen wir deine Kameraden nach ihrer Meinung.« Die Kommandantin heftet den Blick auf uns; es ist, als würde man von einem eisigen Bergwind umgeweht. »Ist Jährling Barrius des Verrats schuldig?«

»Jawohl, Herrin!« Der einstimmige Ruf ist so voller fanatischer Heftigkeit, dass das Pflaster unter unseren Füßen erbebt.

»Legionäre«, sagt die Kommandantin. »An den Pfahl mit ihm.«

Das Gebrüll, das sich daraufhin aus der Schülerschar erhebt, reißt Barrius aus seiner Benommenheit, und während ihn die Legionäre an den Peitschenpfahl fesseln, krümmt und windet er sich.

Seine Mitjährlinge – dieselben Jungen, mit denen er jahrelang gekämpft und geschwitzt und gelitten hat – trampeln nun mit ihren Stiefeln auf das Pflaster und recken rhythmisch die Fäuste in die Luft. In der Reihe der Senior-Totenköpfe vor mir brüllt Marcus seinen Beifall heraus; die Augen leuchtend vor ruchloser Freude. Er starrt die Kommandantin mit einem Ausdruck der Verehrung an, die Göttern vorbehalten ist.

Ich spüre einen Blick auf mir ruhen. Ein Zenturio links von mir beobachtet mich. Nichts Außergewöhnliches. Ich hebe meine Faust, juble mit den anderen und hasse mich dafür.

Die Kommandatin zieht ihre Peitsche und streichelt sie wie einen Geliebten. Dann lässt sie sie pfeifend auf Barrius’ Rücken niedersausen. Sein Keuchen hallt über den Hof, und alle Schüler verstummen, geeint in einem gemeinsamen, wenn auch kurzen Moment des Mitleids. Die Regeln von Schwarzkliff sind so zahlreich, dass es unmöglich ist, sie nicht wenigstens ein paarmal zu brechen. Wir alle wurden schon einmal an diesen Pfahl gebunden. Wir alle haben den Biss dieser Peitsche zu spüren bekommen.

Die Stille ist nicht von Dauer. Barrius schreit, und die Schüler johlen zur Antwort und schleudern ihm ihren Hohn entgegen. Marcus ist der lauteste von allen; er beugt sich vor und spuckt fast vor Begeisterung. Faris grölt seine Zustimmung heraus. Selbst Demetrius bringt einen Schrei oder zwei zustande; der Blick aus seinen grünen Augen ist leer und abwesend, als wäre er ganz woanders. Neben mir jauchzt Helena, aber es ist keine Freude darin, nur ernste Trauer. Die Regeln von Schwarzkliff verlangen, dass sie ihre Wut über den Verrat des Fahnenflüchtigen zum Ausdruck bringt. Und so tut sie es.

Der Kommandantin scheint der Lärm gleichgültig zu sein, so konzentriert geht sie zu Werke. Ihr Arm hebt und senkt sich mit der Anmut einer Tänzerin. Sie umkreist Barrius, während seine mageren Glieder zu krampfen beginnen; nach jedem Hieb legt sie eine Pause ein, so kann sie besser abwägen, wie sie den nächsten noch schmerzhafter setzen kann als den letzten.

Nach fünfundzwanzig Hieben packt sie Barrius am Schlafittchen und dreht ihn um. »Schau ihnen ins Gesicht«, sagt sie. »Schau den Männern ins Gesicht, die du verraten hast.«

Barrius’ Augen suchen den Hof flehentlich nach irgendjemandem ab, der willens ist, auch nur eine Spur von Mitleid zu zeigen. Er hätte es besser wissen müssen. Verzweifelt senkt er seinen Blick wieder auf das Pflaster.

Der Jubel hält an, und die Peitsche saust erneut nieder. Und noch einmal. Barrius fällt auf die weißen Steine, während sich die Blutlache um ihn her rasch ausbreitet. Seine Lider zucken. Ich hoffe, dass er nicht mehr bei Bewusstsein ist. Ich hoffe, dass er es nicht mehr spürt.

Ich zwinge mich hinzusehen.

Deshalb willst du weg, Elias. Damit du nie wieder ein Teil von dem hier bist.

Ein gurgelndes Stöhnen entringt sich Barrius’ Mund. Die Kommandantin lässt den Arm sinken, und der Hof verstummt. Ich sehe den Fahnenflüchtigen atmen. Ein. Aus. Und dann nichts mehr. Doch niemand jubelt. Der Tag bricht an, die Sonnenstrahlen tasten sich wie blutige Finger den Himmel über dem ebenholzschwarzen Glockenturm von Schwarzkliff entlang und hüllen jeden auf dem Hof in ein entsetzliches Rot.

Die Kommandantin wischt ihre Peitsche an Barrius’ Kampfanzug ab, bevor sie sie in ihren Gürtel zurückschiebt. »Bringt ihn in die Dünen«, befiehlt sie den Legionären. »Für die Aasfresser.« Dann richtet sie den Blick auf uns.

»Die Pflicht geht vor bis in den Tod. Wenn ihr das Imperium verratet, werdet ihr geschnappt und bezahlt dafür. Ihr seid entlassen.«

Die Reihen der Schüler lösen sich auf. Dex, der den Abtrünnigen hergebracht hat, macht sich still davon; sein düster-hübsches Gesicht wirkt ein wenig krank. Faris poltert ihm nach – zweifellos wird er Dex auf den Rücken dreschen und ihm vorschlagen, in einem Hurenhaus Vergessen zu suchen. Demetrius schleicht allein davon, und ich weiß, dass er jetzt an den Tag vor zwei Jahren denkt, als man ihn dazu zwang, seinem kleinen Bruder beim Sterben zuzusehen wie eben Barrius. Er wird für Stunden nicht ansprechbar sein. Der Rest der Schüler ist noch dabei, die Strafaktion zu besprechen, und verzieht sich rasch vom Hof.

»… nur dreißig Hiebe, was für ein Schwächling …«

»… hast du das Keuchen gehört, wie ein ängstliches Mädchen …«

»Elias.« Helenas Stimme ist weich, genau wie ihre Hand auf meinem Arm. »Komm. Die Kommandantin sieht dich sonst.«

Sie hat recht. Alle anderen gehen weg. Ich sollte das auch tun.

Ich kann es nicht.

Niemand beachtet Barrius’ blutige Überreste. Er ist ein Verräter. Er ist ein Nichts. Aber jemand sollte bleiben. Jemand sollte ihn betrauern, und sei es auch nur einen Moment lang.

»Elias«, sagt Helena, nun drängender. »Mach schon. Sie sieht dich.«

»Ich brauche noch eine Minute«, erwidere ich. »Geh du nur.«

Sie will mit mir streiten, aber ihre Anwesenheit macht sie verdächtig, und ich lasse mich nicht umstimmen. Mit einem letzten Blick zurück geht sie. Als sie fort ist, sehe ich auf und entdecke, dass mich die Kommandantin beobachtet.

Unsere Blicke bohren sich quer über den Hof ineinander, und zum hundertsten Mal trifft es mich, wie verschieden wir sind. Meine Haare sind schwarz, ihre blond. Meine Haut glänzt goldbraun, ihre ist kreideweiß. Ihr Mund ist immer missbilligend verzogen, während ich vergnügt aussehe, auch wenn ich es nicht bin. Ich bin breitschultrig und groß; sie ist noch kleiner als eine Kundige und von gertenschlanker Gestalt.

Aber jeder, der uns nebeneinander sieht, kann sagen, wie ich zu ihr stehe. Ich habe die hohen Wangenknochen und die grauen Augen von meiner Mutter, wenn meine auch mit Grün vermischt sind. Und den gnadenlosen Instinkt und die Schnelligkeit, die mich zum besten Schüler in Schwarzkliff seit zwei Jahrzehnten machen, habe ich ebenfalls von ihr.

Mutter. Das ist nicht das richtige Wort. Bei »Mutter« denkt man an Wärme und Liebe und Zärtlichkeit. Nicht an Ausgesetztwerden in der Stammeswüste wenige Stunden nach der Geburt. Nicht an Jahre des Schweigens und des unversöhnlichen Hasses.

Sie hat mir viele Dinge beigebracht, diese Frau, die mich geboren hat. Selbstkontrolle gehört dazu. Ich ringe meine Wut und meinen Abscheu nieder und lasse alle Gefühle fahren. Sie runzelt die Stirn, verzieht leicht den Mund, dann legt sie die Hand an den Hals und fährt mit den Fingern die Windungen einer sonderbaren blauen Tätowierung nach, die aus ihrem Kragen lugt.

Ich erwarte, dass sie zu mir kommt und wissen will, warum ich noch da bin, warum ich sie mit meinem Starren herausfordere. Nichts von alldem passiert. Stattdessen blickt sie mich noch einen Moment lang an, bevor sie sich umdreht und unter den Arkaden verschwindet.

Die Glocke im Turm schlägt sechs Mal, und die Trommeln erdröhnen. Alle Schüler in der Messe melden. Am Fuß des Turms heben die Legionäre Barrius’ Überreste hoch und tragen sie weg.

Der Hof liegt schweigend da, menschenleer bis auf mich, der ich auf eine Blutlache starre, wo vorher ein Junge stand. Ich fröstle bei dem Gedanken, dass ich genauso enden werde wie er, wenn ich nicht vorsichtig bin.

V: LAIA

Die Stille in den Katakomben ist so unermesslich wie eine mondlose Nacht und ebenso gespenstisch. Was nicht heißen soll, dass die Tunnel leer sind; sobald ich durch das Gitter geschlüpft bin, jagt eine Ratte über meinen nackten Fuß, und eine helle, faustgroße Spinne lässt sich an ihrem Faden nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt herab. Ich beiße mir in die Hand, um nicht zu schreien.

Rette Darin. Such die Widerstandskämpfer. Rette Darin. Such die Widerstandskämpfer.

Manchmal flüstere ich die Worte. Meistens bete ich sie im Geiste her. Sie halten mich am Laufen, sie sind mein Amulett, mein Bann gegen die Angst, die sich immer wieder anschleicht.

Ich bin mir eigentlich gar nicht sicher, wonach ich Ausschau halten soll. Nach einem Lager? Einem Versteck? Einem Lebenszeichen, das nicht von einem Nagetier stammt?

Da der Großteil der imperialen Garnisionen östlich des Kundigenquartiers liegt, halte ich mich westlich. Selbst an diesem Ort ohne Himmel kann ich zuverlässig sagen, wo die Sonne auf- und untergeht, wo Antium, die imperiale Hauptstadt des Nordens, liegt und wo, genau im Süden, der Haupthafen Navium. Es ist ein Gespür, das ich habe, solange ich denken kann. Noch als ich ein Kind war und Serra mir gewaltig erscheinen musste, war ich immer in der Lage, mich zu orientieren. Das macht mir Mut – wenigstens werde ich nicht im Kreis umherirren.

Eine Zeitlang dringt noch spärlicher Sonnenschein in die Tunnel unter den Katakombengittern und erhellt schwach den Boden. Ich breite die Arme aus, drücke mich an die von zahlreichen Grüften unterbrochenen Tunnelwände und schlucke meinen Ekel beim Gestank verrottender Gebeine hinunter. Eine Gruft ist ein gutes Versteck, wenn mir ein martialer Spähtrupp zu nahe kommen sollte. Knochen sind nur Knochen, sage ich mir. Ein Spähtrupp wird dich töten.

Bei Tageslicht ist es leichter, die Zweifel wegzuschieben und mich selbst glauben zu machen, dass ich die Widerstandskämpfer finden werde. Aber ich streife stundenlang umher, und schließlich schwindet das Licht. Die Nacht kommt und legt sich wie ein Vorhang vor meine Augen. Mit ihr schlägt auch die Angst über mir zusammen wie ein Fluss, dessen Dämme gebrochen sind. Jedes dumpfe Geräusch ist ein mordlustiger Aux-Soldat, jedes Kratzen eine Horde Ratten. Die Katakomben haben mich verschlungen, wie ein Python eine Maus verschlingt. Mich fröstelt, denn ich weiß, dass ich die Chancen einer Maus habe, hier unten zu überleben.

Rette Darin. Such die Widerstandskämpfer.

Der Hunger bildet einen Kloß in meinem Magen, und Durst brennt in meiner Kehle. Ich sehe eine Fackel in der Ferne flackern und verspüre den mottengleichen Drang, darauf zuzulaufen. Aber die Fackeln markieren imperiales Terrain, und die Aux-Soldaten, die Tunneldienst schieben, sind vermutlich Plebejer, die unterste Unterschicht der Martialen. Wenn eine Plebsgruppe mich hier unten schnappt, will ich gar nicht darüber nachdenken, was sie mit mir tun werden.

Ich fühle mich wie ein gejagtes Tier, und genauso sieht mich das Imperium – sieht es alle Kundigen. Der Imperator sagt, wir seien ein freies Volk, das in seiner Gunst stehe. Aber das ist ein Witz. Wir dürfen kein Eigentum besitzen oder zur Schule gehen oder lesen lernen, und schon das geringste Verbrechen zieht Versklavung nach sich.

Niemand sonst muss solche Härte dulden. Stammesleute stehen unter dem Schutz eines Abkommens. Nach der Invasion beugten sie sich der Martialenherrschaft; im Gegenzug wurde ihnen Bewegungsfreiheit zugestanden. Die Marinen wiederum sind geschützt durch die geografische Lage ihres Territoriums und durch die Mengen an Gewürzen, Fleisch und Eisen, mit denen sie handeln.

Dann biete dem Imperium die Stirn, Laia, höre ich Darins Stimme. Rette mich. Such die Widerstandskämpfer.

Die Dunkelheit verlangsamt meine Schritte, bis ich praktisch nur noch schleiche. Der Tunnel, in dem ich mich befinde, verengt sich, die Wände drängen heran. Schweiß rinnt meinen Rücken hinunter, und mein gesamter Körper zittert – ich hasse enge Räume. Mein Atem geht stoßweise. Irgendwo über mir tropft Wasser einsam herab. Wie viele Gespenster gehen hier um? Wie viele rachsüchtige Geister streifen durch diese Tunnel?

Hör auf, Laia. Es gibt keine Gespenster. Als Kind lauschte ich stundenlang, wie die Geschichtenerzähler der Stammesleute ihre Legenden von den Fabelwesen spannen: vom Nachtbringer und seinen Gefährten, den Dschinn, Geistern, Ifrit, Gespenstern und Kobolden.

Manchmal setzten sich die Geschichten in meinen Albträumen fort; dann war es Darin, der mich beruhigte. Anders als Stammesleute sind Kundige nicht abergläubisch, und Darin besaß schon immer die gesunde Skepsis eines Kundigen. Hier sind keine Geister, Laia. Ich höre seine Stimme in meinem Kopf und schließe die Augen. Auf diese Weise kann ich so tun, als wäre er bei mir, und mich von seiner ruhigen Gegenwart beschwichtigen lassen. Auch keine Gespenster. Nichts dergleichen.

Meine Hand tastet nach dem Armreif, wie sie es immer tut, wenn ich Kraft brauche. Er ist fast vollständig schwarz angelaufen, aber das ist mir lieber; so erregt er weniger Aufmerksamkeit. Ich fahre das Muster im Silber nach, eine Reihe von verbundenen Linien, die ich so gut kenne, dass ich sie auch in meinen Träumen sehe.

Mutter gab mir den Armreif, als ich sie zum letzten Mal sah, damals war ich fünf Jahre alt. Es ist eine der wenigen deutlichen Erinnerungen, die ich an sie habe – an den Zimtduft ihrer Haare und das Funkeln in ihren Augen, die die Farbe der sturmgepeitschten See hatten.

»Pass gut darauf auf, kleine Grille. Nur eine Woche. Nur so lange, bis ich zurück bin.«

Was würde sie jetzt sagen, wenn sie wüsste, dass ich auf den Armreif aufgepasst, aber ihren einzigen Sohn im Stich gelassen habe? Dass ich meinen eigenen Hals gerettet und den meines Bruders geopfert habe?

Mach es wieder gut. Rette Darin. Such die Widerstandskämpfer. Ich lasse den Armreif los und stolpere weiter.

Nicht lange und ich höre die ersten Geräusche hinter mir.

Ein Flüstern. Das Schrammen eines Stiefels über einen Stein. Wäre es hier unten nicht so still, ich bezweifle, dass ich überhaupt etwas gehört hätte – die Geräusche sind ganz leise. Zu leise für Soldaten. Zu verstohlen für Widerstandskämpfer. Eine Maske?

Mein Herz dröhnt; ich wirble herum und versuche, die Pechschwärze mit den Augen zu durchdringen. Masken können so mühelos durch die Dunkelheit schleichen, als wären sie halbe Gespenster. Ich warte, erstarrt, aber die Katakomben versinken wieder in Schweigen. Ich bewege mich nicht. Ich atme nicht. Ich höre nichts.

Ratte. Es ist nur eine Ratte. Vielleicht eine richtig große …

Als ich es wage, wieder einen Schritt zu machen, steigt mir der Geruch von Leder und Holzrauch in die Nase – menschliche Gerüche. Ich lasse mich fallen und taste den Boden nach einer Waffe ab: einem Stein, einem Stock, einem Knochen – irgendetwas, um gegen denjenigen zu kämpfen, der mir nachstellt. Dann trifft Feuerstein auf Zunder, ein Zischen zerreißt die Luft, und eine Fackel lodert auf.

Ich stehe auf, schirme mein Gesicht mit den Händen ab, während das Abbild der Flamme noch hinter meinen Lidern pulst. Als ich mich zwinge, die Augen zu öffnen, erkenne ich ein halbes Dutzend Kapuzengestalten in einem Kreis um mich; und alle zielen mit Pfeil und Bogen auf mein Herz.

»Wer bist du?«, fragt eine der Gestalten und tritt vor. Obwohl seine Stimme kühl und emotionslos ist wie die eines Legionärs, hat der Mann nicht die Breite und Größe eines Martialen. Seine nackten Arme sind voller harter Muskeln, er bewegt sich geschmeidig. Ein Messer liegt in seiner Hand, als wäre es ein Teil seines Körpers; die Fackel hält er in der anderen Hand. Ich suche seinen Blick, aber seine Augen sind unter der Kapuze verborgen. »Rede schon.«

»Ich …« Nach dem stundenlangen Schweigen bekomme ich kaum mehr als ein Krächzen heraus. »Ich suche nach …«

Warum habe ich das nicht im Voraus bedacht? Ich kann ihnen nicht sagen, dass ich nach den Widerstandskämpfern suche. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, würde zugeben, dass er die Rebellen aufspüren will.

»Durchsucht sie«, sagt der Mann, als ich nicht weiterspreche.

Eine zierliche, frauliche Gestalt hängt sich den Bogen über die Schulter. Die Fackel flackert und taucht ihr Gesicht in tiefen Schatten. Sie ist zu klein für eine Martiale, und der Haut ihrer Hände fehlt das dunkle Glänzen der Haut einer Marinen. Sie ist entweder eine Kundige oder eine Stammesfrau. Vielleicht kann ich vernünftig mit ihr reden.

»Bitte«, sage ich. »Lasst mich –«

»Klappe«, sagt der Mann, der als Erster gesprochen hat. »Sana, findest du was?«

Sana. Ein Kundigenname, kurz und einfach. Wenn sie eine Martiale wäre, würde ihr Name Agrippina Cassius oder Chrysilla Aroman lauten oder ähnlich lang und hochtrabend sein.

Aber nur, weil sie eine Kundige ist, bedeutet das nicht, dass ich in Sicherheit bin. Ich habe Gerüchte von Kundigendieben gehört, die in den Katakomben lauern und durch die Gitter kurze Überfälle nach draußen machen, um all jene zu bestehlen, zu überfallen – und für gewöhnlich auch zu töten –, die gerade in der Nähe sind, bevor sie sich wieder in ihre Schlupfwinkel zurückziehen.

Sana tastet meine Beine und Arme ab. »Ein Armreif«, sagt sie. »Vielleicht Silber. Ich kann’s nicht sagen.«

»Den bekommst du nicht!« Ich weiche vor ihr zurück, vor ihr und den Dieben mit ihren Bögen, die sie ein Stück haben sinken lassen, nun aber wieder hochreißen. »Bitte lasst mich gehen. Ich bin eine Kundige, ich bin eine von euch.«

»Nun mach schon«, sagt der Mann. Dann gibt er seiner Bande ein Zeichen, und sie stehlen sich in den Tunnel davon.

»Tut mir leid.« Sana seufzt, aber jetzt hat sie einen Dolch in der Hand. Ich mache einen Schritt nach hinten.

»Nicht. Bitte.« Ich lege die Hände zusammen, um ihr Zittern zu verbergen. »Er hat meiner Mutter gehört. Er ist das Einzige, das mir von meiner Familie geblieben ist.« Sana lässt das Messer sinken, aber dann ruft sie der Anführer der Diebe; als er ihr Zögern bemerkt, kehrt er zu uns zurück. Unterdessen ruft einer seiner Männer: »Kinan, Achtung! Aux-Spähtrupp!«

»Geht zu zweit zusammen und verteilt euch!« Kinan lässt die Fackel sinken. »Wenn sie euch folgen, führt sie vom Lager weg, oder ihr werdet mir dafür geradestehen. Sana, schnapp dir das Silber von diesem Mädchen, und lass uns gehen.«

»Wir können sie doch nicht alleinlassen«, sagt Sana. »Sie werden sie finden. Du weißt, was sie dann machen.«

»Nicht unser Problem.« Sana rührt sich nicht, und Kinan drückt ihr die Fackel in die Hand. Als er mich am Arm packt, tritt Sana zwischen uns.

»Wir brauchen Silber, ja«, sagt sie. »Aber nicht von unseren Leuten. Lass sie los.«

Der unverkennbare, abgehackte Tonfall von Martialenstimmen dringt durch den Tunnel. Sie haben das Licht der Fackel noch nicht entdeckt, aber in ein paar Sekunden werden sie es sehen.

»Verdammt, Sana.« Kinan versucht, um die Frau herumzugehen, aber sie schubst ihn mit überraschender Kraft weg, und ihre Kapuze rutscht herunter. Als der Fackelschein ihr Gesicht erhellt, ringe ich um Luft. Nicht, weil sie älter ist, als ich dachte, oder wegen ihrer wilden Grimmigkeit, sondern weil ich auf ihrem Hals die Tätowierung einer erhobenen geballten Faust mit einer Flamme dahinter entdecke. Und darunter das Wort Izzat.

»Du – du bist …« Die Worte wollen mir nicht über die Lippen. Kinans Blick fällt auf die Tätowierung, und er flucht.

»Jetzt hast du’s geschafft«, sagt er zu Sana. »Wir können sie nicht mehr gehen lassen. Wenn sie ihnen sagt, dass sie uns gesehen hat, überschwemmen sie diese Tunnel mit Soldaten, bis sie uns finden.«

Er löscht die Fackel mit schroffer Hast, packt meinen Arm und zerrt mich hinter sich her. Als ich gegen seinen Rücken rumple, reißt er den Kopf herum, und eine Sekunde lang sehe ich den zornigen Glanz in seinen Augen. Sein Geruch, stark und rauchig, umfängt mich.

»Tut mir l–«

»Sei still und pass auf, wo du hintrittst.« Er ist mir ganz nah, und sein Atem dringt warm an mein Ohr. »Oder ich schlage dich bewusstlos und lasse dich in einer Gruft liegen. Und jetzt vorwärts.« Ich beiße mir auf die Lippen und folge ihm, während ich seine Drohung zu ignorieren versuche und mich stattdessen auf Sanas Tätowierung konzentriere.

Izzat. Das ist altes Rei, die Sprache der Kundigen aus der Zeit, bevor die Martialen einmarschierten und jeden zwangen, Serra zu sprechen. Izzat bedeutet vielerlei. Stärke, Ehre, Stolz. Aber im letzten Jahrhundert hat es eine neue Bedeutung bekommen: Freiheit.

Das ist keine Diebesbande. Das ist der Widerstand.

VI: ELIAS

Barrius’ Schreie geißeln mein Hirn noch über Stunden. Ich sehe ihn fallen, höre das Rasseln seines letzten Atemzugs, rieche den scharfen Geruch seines Blutes auf den Pflastersteinen.

Der Tod von Schülern trifft mich normalerweise nicht so hart. Das sollte er auch nicht – der Sensenmann ist ein alter Freund. Er hat jeden von uns in Schwarzkliff schon einmal besucht. Aber Barrius sterben zu sehen war etwas anderes. Den Rest des Tages über bin ich gereizt und fahrig.

Meine sonderbare Gemütslage bleibt nicht unbemerkt. Als ich mich mit einigen anderen der Totenköpfe zum Kampftraining quäle, fällt mir auf, dass Faris mir eben eine Frage schon zum dritten Mal gestellt hat.

»Du siehst aus, als hätte deine Lieblingshure Syphilis«, sagt er, nachdem ich eine Entschuldigung gemurmelt habe. »Was zur Hölle ist bloß los mit dir?«

»Nichts.« Ich bemerke zu spät, wie wütend ich klinge; das passt nicht zu einem Totenkopf, der kurz vor der Einkleidung zur Maske steht. Ich sollte aufgeregt sein – platzen vor Vorfreude.

Faris und Dex wechseln einen misstrauischen Blick, und ich unterdrücke einen Fluch.

»Sicher?«, fragt Dex. Er ist einer, der sich an die Regeln hält. Das war immer schon so. Jedes Mal, wenn er mich ansieht, weiß ich, dass er sich fragt, warum meine Maske noch nicht eingewachsen ist. Hau ab, würde ich gern zu ihm sagen. Dann erinnere ich mich selbst daran, dass er kein Spitzel ist. Er ist mein Freund und von Natur aus einfach besorgt. »Heute früh«, sagt er, »warst du bei der Auspeitschung –«

»Hey, lasst den armen Kerl in Ruhe.« Helena taucht hinter uns auf; sie wirft Dex und Faris ein Lächeln zu und legt mir wie von ungefähr den Arm um die Schultern, während wir in die Waffenkammer eintreten. Sie nickt zu einem Regal voller Schims hinüber. »Komm, Elias, such dir deine Waffe aus. Ich fordere dich zum Kampf – du bist der Beste von euch dreien.«

Sie dreht sich zu den anderen um und murmelt etwas, während ich hinübergehe. Ich nehme mir ein stumpfes Übungsschwert und prüfe, ob es gut in der Hand liegt. Einen Augenblick später spüre ich ihre kühle Anwesenheit neben mir.

»Was hast du zu ihnen gesagt?«, frage ich.

»Dass dein Großvater dich immer schikaniert hat.«

Ich nicke. Die besten Lügen entspringen der Wahrheit. Großvater ist eine Maske, und wie die meisten von ihnen ist er mit nichts weniger als Perfektion zufrieden. »Danke, Hel.«

»Gern geschehen. Du kannst es mir vergelten, indem du dich zusammenreißt.« Sie verschränkt die Arme angesichts meines Stirnrunzelns. »Dex ist der Hauptmann deines Zugs, und du hast ihn nicht beglückwünscht, als er den Fahnenflüchtigen geschnappt hat. Es ist ihm aufgefallen. Es ist deinem ganzen Zug aufgefallen. Und bei der Auspeitschung warst du … gar nicht richtig da.«

»Wenn du damit sagen willst, dass ich nicht nach dem Blut eines Zehnjährigen gelechzt habe, dann hast du recht.«

Ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen – genug für mich, um zu erkennen, dass ein Teil von ihr Verständnis hat, selbst wenn sie es niemals zugeben würde.

»Marcus hat gesehen, dass du nach der Auspeitschung geblieben bist. Er und Zak erzählen überall herum, dass du die Strafe zu hart fandest.«

Ich zucke die Achseln. Als würde es mich interessieren, was die Schlange und die Kröte über mich sagen.

»Sei kein Idiot. Marcus würde den Erben der Gens Veturia liebend gern am Tag vor der Abschlussfeier in Verruf bringen.« Sie nennt mein Familiengeschlecht, eines der ältesten und angesehensten im ganzen Imperium, beim offiziellen Namen. »Er würde dich sofort des Verrats beschuldigen.«

»Er beschuldigt mich jede zweite Woche des Verrats.«

»Aber diesmal hast du es dir selbst eingebrockt.«

Mein Blick huscht zu ihr, und einen nervösen Moment lang glaube ich, dass sie alles weiß. Doch ihr Gesichtsausdruck ist weder wütend noch vorwurfsvoll. Nur besorgt.

Sie zählt meine Verfehlungen an den Fingern ab. »Du bist Truppführer des wachhabenden Zugs, aber du bringst Barrius nicht selbst zurück. Dein Hauptmann tut es für dich, aber du beglückwünschst ihn nicht dazu. Du kannst dein Missfallen kaum verbergen, als der Fahnenflüchtige bestraft wird. Ganz zu schweigen davon, dass es der Tag vor deiner Abschlussfeier ist und die Maske eben erst anfängt, in dein Gesicht einzuwachsen.«

Sie wartet auf eine Antwort, und als ich keine gebe, seufzt sie.

»Wenn du nicht dümmer bist, als du aussiehst, merkst selbst du, wie das wirken muss, Elias. Wenn Marcus dich der Schwarzen Garde meldet, reicht ihnen das vielleicht schon als Grund, dir einen Besuch abzustatten.«

Unbehagen läuft mir prickelnd den Nacken hinunter. Die Schwarze Garde hat den Auftrag, dafür zu sorgen, dass das Militär fahnentreu bleibt. Sie trägt das Emblem eines Vogels; ihr Anführer legt nach der Ernennung seinen Namen ab und wird nur noch »Blutgreif« genannt. Er ist die rechte Hand des Imperators und der zweitmächtigste Mann im Imperium. Der derzeitige Blutgreif hat die Angewohnheit, erst zu foltern und dann zu fragen. Ein mitternächtlicher Besuch von diesen Schweinehunden in schwarzen Rüstungen wird mich für Wochen auf die Krankenstation bringen. Mein ganzer Plan wäre dahin.

Ich versuche, Helena nicht finster anzuschauen. Es muss schön sein, so inbrünstig an das zu glauben, was uns das Imperium vorkaut. Warum kann ich nicht einfach wie sie sein? Weil meine Mutter mich ausgesetzt hat? Weil ich die ersten sechs Jahre meines Lebens bei Stammesleuten verbracht habe, die mir Barmherzigkeit und Mitgefühl anstelle von Brutalität und Hass beibrachten? Weil meine Spielkameraden Stammeskinder waren, Marine und Kundige und nicht andere Illustrier?

Hel gibt mir einen Säbel. »Reiß dich zusammen«, sagt sie. »Bitte, Elias. Nur noch einen Tag. Dann sind wir frei.«

Richtig. Frei, uns zum Dienst zu melden als ausgebildete Knechte des Imperiums; danach werden wir unsere Männer in die endlosen Grenzkriege mit Wilden und Barbaren und in den Tod führen. Diejenigen von uns, die nicht an die Grenze beordert werden, erhalten ein Stadtkommando, um Widerstandskämpfer oder Marinenspitzel zu jagen. Ja, wir werden frei sein. Frei, zu vergewaltigen und zu töten und dem Imperator zu huldigen.

Seltsam, dass das so gar nicht nach Freiheit schmeckt.

Ich sage nichts. Helena hat recht. Ich ziehe zu viel Aufmerksamkeit auf mich, und Schwarzkliff ist der denkbar ungeeignetste Ort dafür. Die Schüler hier sind wie ausgehungerte Haie, sobald es um Fahnenflucht geht. Schon beim Hauch eines Verdachts schwärmen sie aus.

Den Rest des Tages über gebe ich mir alle erdenkliche Mühe, mich wie eine Maske kurz vor der Abschlussfeier zu verhalten – selbstgefällig, gefühllos, gewalttätig. Es ist, als würde ich mich selbst mit Dreck bewerfen.

Als ich abends in meine bescheidene Unterkunft zurückkehre, um ein paar kostbare Augenblicke Freizeit zu genießen, reiße ich mir die Maske herunter und werfe sie auf meine Pritsche. Ich seufze auf, als das flüssige Metall seinen Klammergriff löst.

Beim Anblick meines Spiegelbilds in der polierten Oberfläche der Maske ziehe ich eine Grimasse. Trotz der dichten schwarzen Wimpern, über die Faris und Dex so gern spötteln, gleichen meine Augen so sehr denen meiner Mutter, dass ich es hasse, sie anzusehen. Ich weiß nicht, wer mein Vater ist, und es ist mir auch schon lange nicht mehr wichtig, aber zum hundertsten Mal wünsche ich mir, dass er mir wenigstens seine Augen vererbt hätte.

Sobald ich dem Imperium entkommen bin, wird es keine Rolle mehr spielen. Die Leute werden meine Augen sehen und Martialer denken und nicht Kommandant. Jede Menge Martiale durchstreifen den Süden als Händler, Söldner und Handwerker. Ich werde einer von Hunderten sein.

Draußen schlägt es vom Glockenturm acht. Noch zwölf Stunden bis zur Abschlussfeier. Dreizehn, bis die Zeremonie vorbei ist. Dann eine Stunde für höfliches Geplänkel.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen