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Elfling - Der Erbe der Krone

Über die Autorin

Susan Price hat in England mehr als fünfzig Bücher, meist für jüngere Leser, veröffentlicht. Sie wurde vor allem bekannt durch ihren Roman Die Starckarm-Saga, der den renommierten Guardian Children's Fiction Award gewann und für die Carnegie Medal nominiert wurde.

INHALT

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1 Tod eines Königs

2 Der Elfengeborene

3 Die Walküre

4 Thane Alnoth

5 Athelingsgold

6 Ebbas Prophezeiung

7 Ein Geist steht wieder auf

8 Jarnseaxas Lehren

9 Reise in die Anderswelt

10 Wodens Versprechen

11 Das Weben

12 Der auserkorene König

13 Am Schreienden Stein

14 Das Weben geht weiter

ERSTES KAPITEL

TOD EINES KÖNIGS

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In der Mitte des Raums, wo das Licht der Kerzen und Lampen am hellsten erstrahlte, stand ein breites Bett, dessen Pfosten mit geschnitzten Drachen und verschlungenen Greiftieren verziert waren. Im Bett, von Kissen gestützt und unter einer mit glitzernden Goldfäden bestickten Decke, lag der sterbende König. Sein Atem ging schwer und langsam, als laste ein schweres Gewicht auf seiner Brust, welches die Rippen bei jedem Atemzug stemmen mussten.

Um das Bett herum war die Königssippe versammelt, die führenden Mitglieder der Zwölfhundert. Ihre Schatten zeichneten sich lang und verzerrt auf Wänden und Decke ab.

An der einen Seite des Betts stand Athelric, allein, der einzige überlebende Bruder des Königs. Die starken Schatten ließen das kantige Kinn und die Falten in seinem Gesicht noch schärfer erscheinen, als sie waren. Obgleich schon in die Jahre gekommen, war er bei Tageslicht immer noch ein gut aussehender Mann; sein helles Haar und der helle Bart waren eher verblasst als ergraut. Wie der Dichter sagt: Erreicht ein Mann die vierzig, verändert der Klang jedes eingeschlagenen Sargnagels sein Gesicht. Athelric war über vierzig, doch wenn sich die Ältesten des Rates versammelten, um den nächsten König aus der Königssippe zu wählen, würde die Wahl auf ihn fallen. Das war so gut wie sicher. Immer noch war er ein starker, kraftvoller Mann, der sich im Kampf und im Rat bewährt hatte. Auch die Tatsache, dass er als Bruder des gegenwärtigen Königs bis zum heutigen Tag überlebt hatte, sprach für sein politisches Geschick. Könige wurden leicht nervös und eifersüchtig, und weniger talentierte Brüder als Athelric starben häufig jung. Seine starke Ähnlichkeit mit dem sterbenden König würde bei den sentimentaleren Mitgliedern des Rates gleichfalls zu seinen Gunsten sprechen - ebenso wie die Tatsache, dass er nach dem Tode seines Bruders der einzige Heide in der Königssippe sein würde. Unter den Ratsältesten gab es nicht viele, die dem neuen Christus-Glauben folgten.

Auf der anderen Bettseite hatten sich die Christus-Anhänger versammelt - die Athelinge, ihre Mutter, die Königin, und der Christus-Priester aus fernen Landen, Vater Fillan.

Königin Ealdfrith saß auf ihrem vergoldeten Sessel mit so viel Würde, wie man von einer edlen Frau, die schon so lang tot war, erwarten konnte. Im Kerzenschein schimmerten ihre Gewänder aus golddurchwirktem Stoff, und auf den schwarz gewordenen knochigen Fingern glänzten Juwelen. Ihr immer noch volles Haar war unter einem leinenen Kopfputz zusammengebunden, der durch einen juwelenbesetzten Stirnreif gehalten wurde. Unter dem weißen Linnen war ihr Gesicht schwarz und runzlig geworden, und sie bleckte gegen ihren Gemahl und die Söhne die Zähne. Von ihr ging ein starker Geruch aus, welchen Vater Fillan den Duft der Heiligkeit nannte, doch für nicht so Gläubige oder gar Heiden stank es wie Verwesung.

Zu Lebzeiten war Königin Ealdfrith für ihre Güte und Gelehrsamkeit berühmt gewesen. Als sie von dem Christus-Glauben gehört hatte, sandte sie Boten in die fremden Königreiche im Norden und bat, man möge einen Priester schicken, der sie mehr darüber lehre. Vater Fillan war zu ihr gekommen, und seine Lehre hatte sie mit Eifer für Christus erfüllt. Etliche - darunter auch Athelric - hegten allerdings den Verdacht, dass ihre Begeisterung mehr mit Vater Fillans glatt rasiertem Gesicht und seinen dunklen Augen als mit seinen Predigten zu tun hatte. Doch musste man mit derartigen Bemerkungen von Heiden - und Männern - rechnen. Aber wie dem auch sei, es hatte schließlich dazu geführt, dass Ealdfrith den alten Göttern abgeschworen und ihr Leben der Buße dafür gewidmet hatte, dass sie ihnen je Opfer dargebracht hatte, und noch weitere Buße für die Sünden ihrer unbekehrten Landsleute. Von dem Tag an, als Fillan sie taufte, nahm sie nie mehr als eine Mahlzeit am Tag zu sich, und diese bestand aus Brot und Wasser. Sommers wie winters trug sie nur ein Gewand aus rauer Wolle, und ihre Gemächer wurden nie von einem Feuer erwärmt oder nach Einbruch der Dunkelheit von Kerzen erhellt. Vater Fillan zufolge war sie eine Heilige. Nur eine Heilige konnte die Kraft haben, so fromm, so gläubig zu leben. Doch vielleicht machte gerade das Übermaß ihrer Frömmigkeit es anderen so schwer, ihrem Beispiel zu folgen. Kälte, Hunger und Dunkelheit mochten für die Königssippe ganz neue Erfahrungen sein, doch für die meisten Untertanen der Königin waren sie zu alltäglich, um eine besondere Anziehung auszuüben, und so blieb die Zahl der Christus-Anhänger im Lande klein. Der Königin war es nicht einmal gelungen, den eigenen Gemahl zu bekehren. König Eadmund hatte ihr die Erlaubnis gegeben, eine kleine Kapelle zu errichten und dort zu beten, wann immer sie wollte, doch er blieb seinem Ahnherrn, Woden, und auch dem Glauben an Thunor, Ing und Freyja treu. Als Königin Ealdfrith starb, verlor Vater Fillan mehr als nur eine Freundin. Er verlor seine größte Fürsprecherin und das bedeutendste Mitglied seiner Gemeinde und - falls gewisse Gerüchte der Wahrheit entsprachen - auch eine Geliebte.

Daher hatte er sie bei sich behalten. Er behauptete, es sei der Wunsch der sterbenden Königin gewesen. König Eadmund, der mit seiner Gemahlin seit Jahren kaum ein Wort gewechselt hatte, war verblüfft über Vater Fillans Ansuchen gewesen, aber Vater Fillan hatte ihn in vielerlei Hinsicht verblüfft - das bartlose Gesicht, der kahl geschorene Schädel, das Gekrieche und Geflehe vor seinem einzigen Gott. Aber schließlich kam Fillan aus der Fremde und hatte fremdartige Sitten. Und so war es gekommen, dass Königin Ealdfrith, als halb mumifizierter Leichnam, in Prachtgewänder gekleidet, die erste und einzige christliche Heilige des Königreichs geworden war - und was für eine Heilige! Sehr viel eindrucksvoller, als man sie in Fillans christlichem Land im Norden fand. Sogar beeindruckender als viele Reliquien in den großen Kathedralen auf dem Festland. Fillan war stolz auf seine königliche Heilige und stellte sie bei jeder Gelegenheit zur Schau.

Ealdfriths jüngster Sohn, der Atheling Wulfweard, konnte nicht umhin, immer wieder einen Blick auf sie zu werfen. Er gab sich zwar Mühe, seinem sterbenden Vater die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, sah aber immer wieder unvermittelt zu der Heiligen hin, als erwarte er bang, sie könne sich plötzlich vom Sessel erheben und ihn in die Arme schließen. Er hatte sich in Gegenwart seiner Mutter nie recht wohl gefühlt. Unwin, der Älteste der Athelinge, legte den Arm um die Schultern des Jungen und drückte ihn mit seiner großen schwieligen Waffenhand beruhigend an sich. Alle Athelinge besaßen das gute Aussehen ihres Vaters und Vatersbruders, doch Unwin, ein Mann von achtundzwanzig, wenngleich groß und stark an Gestalt, hatte das Familiengesicht in der schroffsten Form geerbt. Das Kerzenlicht betonte die vorspringenden Wangenknochen und die vollen Lippen, die sich wie schmollend über den Pferdezähnen schlossen. Die buschigen Brauen hüllten die Augen in tiefe Schatten. Wo sein Haar das Licht auffing, glänzte es in einem dunklen Kupferrot. Er trug es aus dem Gesicht gekämmt und zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihm über den Rücken fiel. Auf diese Weise war es ihm nicht im Weg, was seiner Natur entsprach, doch diese strenge Haartracht machte seine harten Gesichtszüge nicht weicher.

Obgleich Wulfweard so groß war wie sein Bruder, war er erst sechzehn und wirkte neben dem massigen Unwin schlank und biegsam wie eine Gerte. Er trug das Haar modisch offen, und es reichte ihm fast bis zum Gürtel. Offenbar war ihm unbehaglich, denn er konnte nicht still stehen, wodurch sein Haar im Licht bei jeder Bewegung wie Rotgold schimmerte. Die Brosche an der Schulter, der Reif um seinen Hals und die Schnalle am Gürtel glänzten hell.

Hunting, der dritte Atheling, stand hinter seinen Brüdern, halb im Schatten. Er stand ruhig mit verschränkten Armen da, den Blick ständig auf das Bett geheftet.

Als der König wieder einen rasselnden Atemzug tat, blickte Unwin zu Vater Fillan am Fuß des Betts. Er machte eine auffordernde Kopfbewegung. Der Priester nahm die Hände aus den Ärmeln und trat näher. Er hielt eine kleine Flasche.

Athelric sah sie und fragte: »Was ist das?«

Niemand antwortete ihm. Der Priester trat ans Kopfende des Bettes und beugte sich über den König. Er murmelte etwas und zog den Stöpsel aus dem Fläschchen.

Athelric packte den Priester am Handgelenk. »Was tust du?«

»Nichts, Vatersbruder«, erklärte Unwin, aber Athelric runzelte die Stirn und zog den Priester vom Lager des Königs weg.

Vater Fillan, der viel kleiner und schmächtiger war als Athelric, erklärte: »Ich werde den König jetzt taufen.«

»Das wirst du nicht!«, sagte Athelric.

»Damit er gerettet wird und in das himmlische Königreich eingeht«, fuhr Fillan fort. Er blickte in Athelrics zorniges Gesicht und versuchte, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen, welche der Hüne ihm zufügte, indem er ihm den Arm verbog.

Unwin nahm den Arm von Wulfweards Schulter, trat vor und beugte sich über das Bett, um die Hand seines Vatersbruders vom Handgelenk des Priesters zu lösen.

»Es ist unser Wunsch«, erklärte er und schloss mit einer Kopfbewegung seine Brüder ein, »dass unser Vater durch die Taufe in unseren Glauben aufgenommen wird.«

»Ich spucke auf eure Wünsche«, sagte Athelric. »Sein Wunsch war das nicht!«

Unwin blickte von seinem Vatersbruder zum Priester und sagte: »Mach weiter mit der Taufe.«

Vater Fillan, sorgsam darauf bedacht, sich außerhalb von Athelrics Reichweite zu halten, trat mit seinem Fläschchen erneut ans Bett heran.

»Das ist nicht recht!«, erklärte Athelric. Unwin sagte nichts, nickte nur dem Priester zu. Wieder trat Wulfweard zu seinem ältesten Bruder, wobei er aus dem Augenwinkel den stocksteifen Leichnam seiner Mutter im Sessel beobachtete.

Der Priester beugte sich über das Bett, murmelte fremdartige Worte und hielt das Fläschchen hoch, um das heilige Wasser auszugießen.

Athelric streckte die geballte Faust über das Bett. Der Schein einer Lampe warf den Schatten der Faust, das Zeichen von Thunors Hammer, riesengroß über die Decke und den ganzen Raum.

Das Wasser rann über die Stirn des Sterbenden.

Einen Augenblick lang stockte der Atem des Königs. Dann öffnete er die Augen, die im schwachen Licht durchdringend blau leuchteten, und starrte blind ins Leere. Wieder holte er tief und rasselnd Luft und gab einen Laut von sich.

Vater Fillan richtete sich auf und wich erstaunt zurück. Hatte das geweihte Wasser dem König Heilung gebracht? Schnell umringten die anderen im Raum das Bett und beugten sich darüber.

Athelric fragte: »Eadmund?«

Der starrende Blick des Königs richtete sich auf ihn. Vielleicht sah er ihn. Womöglich erkannte er auch nur die Stimme. Jedenfalls sagte er: »Athelric-«

Unwin beugte sich von der anderen Seite vor und versuchte, seinen Vatersbruder beiseitezudrängen. »Vater!«, sagte er.

Athelric stieß ihn weg und sagte: »Still!« Der König wollte etwas sagen.

Alle schwiegen und verhielten sich so still, dass nicht einmal die Gewänder raschelten. Sie hielten den Atem an, damit die halb erstickte, schwache Stimme sich Gehör verschaffen konnte.

»König … nach mir«, brachte Athelric mühsam hervor. »Elfling. Nach mir. König. Elfling.« Seine Hand suchte unter der Bettdecke, fand Athelrics Hand und umschloss sie schwach. Er starrte in das vom Kerzenrauch erfüllte Dunkel über ihm. Vielleicht sah er das Gesicht des Bruders, vielleicht aber auch nicht, aber er wiederholte noch einmal: »Elfling!« Dann senkten sich die Lider, und die Kraft wich aus der Hand, die Athelrics hielt. Nur das qualvolle rasselnde Atmen zeigte an, dass noch ein wenig Leben in ihm verblieben war.

Unwin richtete sich auf und starrte über das Bett hinweg seinen Vatersbruder an, der ebenso entgeistert dastand. Dann lachte Unwin und sagte: »Elfling, Vatersbruder! Er hat den Bastard zu seinem Nachfolger erkoren.«

»Darüber muss der Rat entscheiden«, erklärte Athelric.

»Aber das Wort des Königs hat Gewicht. Vielleicht wirst du doch nicht unser nächster König.«

»Ein Gutes hätte es«, meinte Athelric. »Der König wäre wenigstens kein Christus-Anhänger!«

»Das wäre grauenvoll«, warf Vater Fillan ein. »Was für eine große Sünde, sollte dieses - Geschöpf - König werden.«

Athelric fuhr ihn aufgebracht an. »Was weißt du schon! Der erste König unseres Geschlechts war ein Sohn der Anderswelt - der Sohn Wodens!«

»Aber es geht hier um den nächsten König«, meinte Unwin und lachte, als Athelric ihn verblüfft anschaute.

König Eadmund hatte viele Beischläferinnen gehabt und viele Bastarde gezeugt - die genaue Zahl war nicht bekannt. Waren die Mütter verheiratet oder unter den Zwölfhundert, den Adligen, gewesen, hatten die Kinder den Namen des Gatten ihrer Mutter getragen, selbst wenn wohl bekannt war, wer ihr wahrer Vater war. War die Mutter von hoher Geburt, aber unverheiratet, war es nie schwierig gewesen, einen Ehemann für sie zu finden, bevor das Kind geboren wurde. Bauersfrauen und Bauernbastarde konnte man vergessen oder allenfalls mit einem kleinen Stück Land bedenken oder sogar mit der Freilassung aus der Leibeigenschaft. Unter dem Landvolk waren viele uneheliche Kinder, und niemand hatte etwas gegen ein weiteres Balg einzuwenden, das man zur Arbeit schicken konnte.

Königin Ealdfrith hatte nie an den Geliebten ihres Gemahls Anstoß genommen. Die beiden hatten eine politische Ehe geführt, und sie hatte weder Liebe noch Treue von ihrem Gatten erwartet. Und nachdem Vater Fillan Christus an ihren Hof gebracht hatte, war sie ihren eigenen Interessen gefolgt: Beten und Fasten. Aber dieses Ding. Das Ding war nicht einmal eine Frau gewesen.

Es war eines der Geschöpfe gewesen, welche der Teufel in die Welt schickte, ein Dämon, dessen ganzes Streben darauf ausgerichtet war, Menschen zum Lügen und Stehlen, zu Mord und Gier, zu Lust und Neid und zu allen anderen Sünden zu verleiten, welche das Leben auf Erden so elendig machten. Der Dämon war in Gestalt einer Frau aus dem Wald gekommen, diesem wilden, unheiligen Ort - doch nur in der äußeren Gestalt -, und weil das nicht seine wahre Gestalt gewesen war, war er imstande gewesen, eine Erscheinung von unirdischer Schönheit vorzugaukeln. Er hatte den König in Bann geschlagen. Als die Geschichten an den Hof der Königin gelangten - von den Erzählern romantisch ausgeschmückt, versteht sich -, wie der König die Schöne auf einer Jagd im Wald gefunden und sie vor sich hoch zu Ross heimgeführt hatte, hatte die Königin vor Empörung laut aufgeschrien. Das war eine Beleidigung nicht nur für sie, sondern auch für ihren neuen Glauben. Der Teufel, der sich durch die Wiederkunft Christi bedroht fühlte, versuchte den neuen Glauben zu vernichten, solange dieser noch schwach war.

»Die Elfenfrau war wunderschön«, sagte Athelric und blickte auf das Gesicht seines sterbenden Bruders hinab. »So schön - geradezu unheimlich schön. Wenn man sie anblickte, lief es einem kalt über den Rücken.«

»Hast du je ihren Rücken gesehen?«, fragte Unwin und Hunting lachte. Die Waldgeister - man behauptete das jedenfalls, ganz gleich, ob man sie Elfen oder Teufel nannte - vermochten sich nie ganz als Menschen zu verkleiden. Deshalb wandten sie einem nie den Rücken zu, denn, wie schön sie auch zu sein schienen, von hinten sahen sie wie gespaltene, verfaulte, ausgehöhlte Bäume aus.

»Was weißt du schon!«, sagte Athelric. »Du hast sie nie gesehen. Du hast ja ständig mit deiner Mutter auf den Knien gelegen.« Höhnisch lächelnd winkte er ab und deutete auf Vater Fillan und den mit Juwelen geschmückten Leichnam.

Unwins großer Mund schmollte noch mehr, als er die vollen Lippen fest zusammenpresste und sich eine Antwort verbiss. Er verstand die Schmähung. Laut Athelrics Meinung war jeder Mann, der zu einem Friedensfürsten betete, welcher seine Anhänger aufforderte, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn jemand sie schlug, ein Feigling und ein Schwächling.

»Das Geschöpf war eine Teufelin«, erklärte Vater Fillan mit fester Stimme. »Beweis ist, dass sie bei der Geburt des Sohns des Königs starb. Sie vermochte nicht den Funken von Gottes Schöpfung zu ertragen, nicht einmal in einem halbsterblichen Kind.«

Athelric wollte gerade fragen, ob jede Frau, die im Kindbett starb, demnach eine Teufelin sei, als der König hustete und erneut die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. »Ich muss ihm die Letzte Ölung verabreichen«, sagte Vater Fillan.

Athelric hielt mit ausgestrecktem Arm den Priester zurück. »Du bleibst fern von ihm! Solltest du dich nähern und auch nur ein einziges Wort deiner üblen Zaubersprüche von dir geben, schlag ich dich nieder!« Dann beugte Athelric sich über den König und küsste ihn auf die Stirn. »Geh, mein Bruder! Geh deinen Weg sicher zu Wodens Halle.«

Leise begann Vater Fillan ein Totengebet zu sprechen. Der rasselnde Atem des Königs verstummte. Man hörte nur das geflüsterte Gebet. Wulfweard rang hörbar nach Luft, ansonsten herrschte Schweigen. Unwin drückte den Jungen an die Brust. Das Kerzenlicht waberte über dem Leichnam, der so zerbrechlich war, dass er sich kaum unter der Bettdecke über der Matratze abzeichnete.

Das Gebet war zu Ende. Tiefe Stille herrschte im Gemach. Unwin räusperte sich, ehe er sprach. »Der Rat darf nie und nimmer den Bastard wählen.« Er hustete abermals. »Es gibt keinen Grund zu erwähnen, dass unser Vater je -«

»Ich werde den Ältesten seine letzten Worte vortragen«, unterbrach ihn Athelric. Er und Unwin wechselten Blicke über das Bett. Als Antwort auf Unwins unausgesprochene Frage fuhr Athelric fort: »Mein Bruder, der König, hat Elfling zum Nachfolger benannt. Es ist meine Pflicht, seinen Namen vor dem Rat bekannt zu geben, und das werde ich tun.« Er trat ans Fußende des Betts, machte eine Pause und blickte den Priester an. »Mein Bruder wird geziemend bestattet. In einem Schiff, mit den kostbaren Beigaben für einen König.« Mit diesen Worten verließ Athelric den Raum.

Wieder breitete sich Schweigen aus. Wulfweard lehnte den Kopf an Unwins Schulter, welcher die Arme um den Bruder geschlungen hatte. Hunting, der geringfügig größer war als Unwin, stellte sich Schulter an Schulter mit ihm. »Das Halb-Ding ist womöglich gar nicht mehr am Leben«, sagte Hunting.

»Ich fürchte doch, edle Herren«, erklärte Vater Fillan. Hunting und Unwin blickten ihn an. Wie viele Christus-Priester konnte auch Vater Fillan lesen und schreiben und wusste oft verblüffende Dinge. »Als es geboren wurde und die Teufelin starb, übergab euer Vater das Ding einer Amme - einer Frau von niederer Geburt. Aber er übereignete ihr ein Stück Land, um dem Ding den Lebensunterhalt zu sichern. Ich habe die Urkunde gesehen. Das Land war in Hornsdale.«

»Das bedeutet aber nicht, dass es noch lebt«, meinte Hunting.

»Nein, Herr, aber vor einiger Zeit - vielleicht vor einem Jahr oder länger - hörte ich Gerüchte über einen Heiler in Hornsdale. Und dieser Heiler sei angeblich - nun ja - unheimlich. Nicht ganz menschlich. Das hat mir zu denken gegeben.«

»Der Teufel ist Heiler geworden?«, fragte Unwin.

»Der Teufel scheint oft Gutes zu tun, um uns hinters Licht zu führen und zur Sünde zu verleiten. Seine Berührung vermag vielleicht die Schmerzen des Körpers zu lindern, doch verdammt und vernichtet sie die Seele.«

»Hornsdale«, wiederholte Unwin, und der Priester nickte.

Die Tür öffnete sich. Dienerinnen kamen herein. Die Frauen brachten Leintücher und Schüsseln mit Wasser, um den Leichnam des Königs zu waschen und ihn für die Aufbahrung vorzubereiten. Vater Fillan sah, wie Unwin Hunting anblickte und ihm mit den Augen das Zeichen gab, ihm zu folgen. Unwin führte Wulfweard mit sich und verließ das Gemach. Hunting folgte ihnen.

Fillan nahm seinen Platz hinter dem Sessel seiner toten heiligen Königin ein und stimmte Gebete für den toten König an. Er hatte den Mann getauft und fühlte sich daher für seine Seele verantwortlich. Und falls es ihm gelänge, würde der König auch ein christliches Begräbnis bekommen.

Unwin hatte seine eigenen Gemächer innerhalb der Gebäude, aus denen die Königsburg bestand. Doch führte er die Brüder nicht dorthin, auch nicht zu deren Gemächern. Er führte sie in den Teil der Burg, wo die königlichen Schweinekoben, Hühnerställe und Schafpferche waren. Selbst hier hielt er großen Abstand zu den Stallungen, wo Schweinehirten oder Hühnerfrauen wach sein konnten. Einen ungestörten Ort zu finden, wo man nicht belauscht wurde, war in einer Königsburg sehr schwierig. Selbst in den Privatgemächern, wo man sich allein wähnte, war man nie sicher, wer draußen unter dem niedrigen Ried der Dachvorsprünge stand und lauschte.

Unwin legte die Arme um seine Brüder und zog sie an sich, sodass er sich flüsternd mit ihnen verständigen konnte. »Hunting, ich will, dass du eine Schar Männer zusammenstellst. Zehn dürften mehr als genug sein. Bei Tagesanbruch macht ihr euch auf nach -«

»Hornsdale«, unterbrach ihn Hunting.

In der Dunkelheit konnte man Unwins Gesicht kaum sehen, als er nickte.

Wulfweard fragte: »Warum?« Da die Bestattung ihres Vaters so kurz bevorstand, hielt er es nicht für richtig, dass Hunting mit einem Auftrag davonritt.

Beide Brüder lachten. Hunting beugte sich hinüber und küsste ihm die Wange. »Deshalb hat er nicht dich gebeten loszureiten, sondern mich.«

Unwin schüttelte den Umhang aus und warf ihn halb um Wulfweard. Eng beisammen standen sie in der Wärme, unter einem Umhang als Schutz gegen die feuchte Kühle der Nacht.

»Denk mal nach!«, befahl Unwin.

»Dieser Elfling ist für euch keine Gefahr«, sagte Wulfweard. »Er ist doch nur ein Bastard - er zählt nicht einmal zu den Zwölfhundert. Er kann nicht zum König gewählt werden.«

»Aber unser Vater hat ihn als Nachfolger benannt«, erklärte Unwin. »Und Athelric wird für ihn vor dem Rat sprechen.«

»Aber das spielt doch keine Rolle. Der Rat entscheidet, und der Rat -« Wulfweard brach ab, als er spürte, wie Unwins Arm ihn enger umschloss.

»Warum?«, fragte Unwin. »Warum spricht Athelric für diesen Bastard, diesen hergelaufenen Elfenbalg? Athelric will König werden. Warum bringt er den Namen dieses Bastards vor den Rat?«

Unwin neigte den Kopf und schaute Wulfweard an, als erwarte er eine Antwort. Hunting stand mit verschränkten Armen daneben.

»Ich weiß es nicht«, sagte der Junge.

Unwin schüttelte ihn sanft. »Denk mal genau nach. Athelrics Sohn ist tot. Er hat nur Töchter. Er ist ein alter Mann. Er kann nicht hoffen, lang zu herrschen. Wen wird der Rat nach ihm erwählen?«

»Dich«, flüsterte Wulfweard.

»Und ich bin für Christus. Ich erkläre dir, was Athelric plant. Er will dem Rat sagen, dass unser Vater Elfling als Nachfolger benannt hat, und er wird das Ding vor die Zwölfhundert bringen. Sie werden ihn trotzdem zum König machen. Da ist er sicher. Er wird eine seiner Töchter mit dem Ding verheiraten. Und dann, wenn die Zeit gekommen ist, dass er stirbt, wird er alle so bearbeitet haben, dass sie nach ihm den Bastard zum König wählen - einen heidnischen König. Aus einem heidnischen Geschlecht.« Aus der Ferne hörte man plötzlich von den Mauern des Königssitzes wie eine Wache laut in der Dunkelheit hustete.

»Und lange vor Athelrics Tod liegen wir alle in unseren Gräbern«, fügte Hunting hinzu.

»Du brichst dir auf einer Jagd den Hals, Hunting«, sagte Unwin.

»Du wirst etwas Verdorbenes essen und dich zu Tode kotzen.«

»Und unser kleiner Wolf«, sagte Unwin und drückte den jüngeren Bruder, »wird vielleicht von einem tollwütigen Hund gebissen.«

»Was für eine Schande - nicht ein christlicher Atheling bleibt übrig«, sagte Hunting.

»Niemand, den man wählen kann - außer Elfling.«

Verstört sagte Wulfweard: »Das würde Vatersbruder Athelric niemals tun!«

Hunting stieß ein kurzes Lachen aus. »Dummkopf!«

»Nein«, widersprach Unwin, der den Unterschied zwischen Dummheit und Unschuld kannte. Er drückte Wulfweard noch fester an sich und blickte Hunting über den Kopf des Knaben an. »Viel Glück bei deiner Jagd in Hornsdale - dann währen unsere Leben noch ein Weilchen länger.«

Er sah trotz der Dunkelheit, wie Hunting nickte. Dann verschwand die Gestalt des Bruders schnell in der Nacht. Er küsste Wulfweard auf den Kopf und ging mit ihm zurück zu ihren Gemächern. Er ging davon aus, dass er seinen Brüdern noch trauen konnte, solange es unwahrscheinlich war, dass der Rat einen von ihnen zum König wählte. Es würde ihm ja furchtbar, ja, ganz furchtbar leidtun, falls Wulfweard für ihn je zu einer Bedrohung werden sollte … Aber er wäre ein Schwachkopf, diese Möglichkeit auf Dauer auszuschließen.

ZWEITES KAPITEL

DER ELFENGEBORENE

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Jeden Tag gab es Brot zu backen. Getreide wurde zu grobem Mehl zermahlen, mit Wasser und einer Prise Salz gemischt und zu ungesäuertem Brotteig geknetet. Der Teig wurde zu flachen, dünnen Fladen geformt, damit er die Hitze schneller aufnahm, und auf einem heißen Stein am Feuer gebacken. Man brauchte viel davon, um den Hunger von allen zu stillen, und es war eine zeitraubende, langweilige Arbeit. Man musste das Getreide aus dem Vorratsspeicher auf der anderen Seite des Hofes holen und die schwere Last zum Haus schleppen. Die Steinmühle war im Haupthaus hinter der Tür. Hild sagte stets, sie hätten Glück, eine solche Drehmühle zu haben: Zwei große Mahlsteine, einer auf dem anderen, mit einem starken Holzgriff, um den oberen zu drehen. Aber Hild musste die Mühle auch nie bedienen.

Mit der hohlen Hand wurde das Getreide aus dem Korb in das Loch in der Mitte des oberen Steins geschüttet. Danach packte man den hölzernen, senkrechten Griff mit beiden Händen und drehte - mit viel Kraftaufwand - den Stein, was ein schabendes Geräusch verursachte. Stein- und Mehlstaub stiegen auf. Das zermalmte und zu Pulver gemahlene Getreide, das zwischen den Steinen als Mehl herausdrang, fiel auf eine glatte Lederplane unter der Mühle. Das Knien und die Anstrengung, den schweren Stein zu bewegen, verursachte Krämpfe in den Beinen und Schmerzen in Schultern, Armen und im Rücken. Hin und wieder gab es eine Pause, ein kurzes Ausruhen, wenn das Mehl von der Plane in eine Schüssel geschaufelt wurde.

Die Arbeit hatte kein Ende. Mehl hielt sich nicht so gut wie Getreide, daher musste man jeden Tag mühsam aufs Neue mahlen. Tag für Tag der gleiche langweilige Gang zum Vorratsspeicher, denselben schweren Korb über den Hof schleppen, die gleiche eintönige Schufterei an der Mühle, bei der die Beine verkrampften und der Rücken schmerzte. Und da es so eine ermüdende und langweilige Arbeit war, oblag sie dem Mitglied des Haushalts, das auf der untersten Stufe der Rangleiter stand, der blonden Leibeigenen Ebba. Tagtäglich die Mühle zu drehen war ihr gesamter Lebenszweck.

Ebba war nicht so verwegen zu glauben, sie könne je dieser Arbeit entrinnen. Hätte sie sich geweigert, eine ihrer täglichen Arbeiten zu verrichten, wäre ihre Herrin Hild so verblüfft gewesen, als hätte der Türpfosten gesprochen - und danach wäre sie furchtbar zornig geworden. Ebba hatte Angst vor Hilds Wutausbrüchen. Daher erduldete sie die tägliche Schinderei und bemühte sich, während der Arbeit an andere Dinge zu denken. Sie konzentrierte sich auf die Bilder in ihrem Kopf und bemühte sich, nicht darauf zu achten, was sie gerade tat, nicht das monotone Geräusch der Mahlsteine zu hören und die Schmerzen im Rücken nicht zu fühlen. Zuweilen erzählte sie sich Geschichten oder sang leise Lieder, doch meistens dachte sie an Elfling, da sie ohnehin eigentlich immer an ihn dachte. Gedanken an ihn tauchten in ihrem Kopf auch dann auf, wenn sie gerade beschlossen hatte, dass er ihr nichts mehr bedeutete. Sie liebte ihn. Beim Mahlen hatte sie ihn so oft angeschaut, dass sie seine Gestalt mit offenen Augen deutlich vor sich sehen konnte. Wenn der Schein des Feuers und die Schatten seine schönen Gesichtszüge betonten. Sie sah sein dichtes Haar, braun im Schatten, aber wie goldene Bronze leuchtend, wenn er vom Haus in den hellen Hof trat. Runde um Runde drehte sich der schwere Mühlstein, während Elfling vor ihrem inneren Auge dahinschritt und lächelte. Er war größer als alle anderen und breitschultrig, doch wenn er sich zur Seite drehte, glich er einem schlanken Jagdhund. Und sein Lächeln!

»Schwachsinnige Träumerin!« würde Hild sagen, die wusste, woran Ebba dachte. »Vergeudest deine Zeit mit sinnlosen Gedanken an ihn. Warum sollte er dich dürres, komisch aussehendes Ding mögen? Warum sollte überhaupt ein Mann dich begehren, wenn ich mir's recht überlege. Kein Fleisch an dir, keine Rundung. Er würdigt dich nicht mal eines Blickes.«

Aber da irrst du dich gewaltig, dachte Ebba und drehte mit aller Kraft am Mahlstein. Elfling hatte mehr getan, als sie nur anzuschauen - und das drei Mal! Einmal hatte er einfach ihre Hand ergriffen, als sie alle ums Feuer saßen, sie auf die Beine gezogen und auf den Hof geführt. Von dort aus waren sie in das kleine Haus gegangen, das er allein für sich gebaut hatte und wo er zuweilen allein aß und schlief. Aber nicht in jener Nacht! Beim zweiten Mal hatte er sie zu sich gerufen und ihr gewunken, als sie über den Hof ging, und sie war zu ihm gegangen. Beim dritten Mal hatte er einen der Knechte geschickt, um ihr auszurichten, sie solle in sein kleines Haus kommen. Sie war gerannt! Jedes Mal hatte sie gedacht: Jetzt wird er sagen, dass er mich liebt. Jetzt wird mein Glück beginnen. Er wird mich heiraten und ich werde seine Frau sein und keine Leibeigene mehr. Dann müssten alle mich ganz anders behandeln als jetzt.

Doch nichts von alledem war geschehen. Er hatte nicht gesagt, dass er sie liebte - er hatte überhaupt nicht viel mit ihr gesprochen. Er hatte ihr nicht wehgetan und war auch nicht unfreundlich zu ihr gewesen - aber freundlich auch nicht. Sie hatte ihn so sehr geliebt, war so begierig gewesen, ihm zu gefallen, dass es schmerzte - aber er hatte ihr nicht mehr und nicht weniger Beachtung geschenkt als zuvor. Sie war und blieb Ebba, die Magd, die das Mehl mahlte und all die schmutzigen und schweren Arbeiten verrichtete, zu der Hild keine Lust hatte. Gelegentlich lächelte er sie an, aber für gewöhnlich schritt er an ihr vorbei, als sähe er sie überhaupt nicht. Wochen und Monate waren vergangen, ehe er sich zum zweiten und zum dritten Mal an sie erinnerte. Es war besonders hart zu ertragen gewesen, weil sie genau wusste, wie tief sich ihre Hand in sein Haar vergraben konnte und wie dicht und weich es war. Sie wusste, wie samten die Haut auf seinem Rücken und seiner Brust war - doch nie konnte sie die Hand ausstrecken und sein Haar oder seine Haut berühren. Sie konnte sich nur danach verzehren, ihn zu berühren. Wenn sie die Tränen zurückhielt, schwoll ihr Hals an und schmerzte, doch sie konnte nicht weinen, sonst hätte Hild das bemerkt. Außerdem musste sich der Mahlstein ständig drehen.

In Augenblicken klarer Einsicht war sie sich bewusst, dass sie unmöglich für Elfling irgendeine Bedeutung haben konnte. Er war frei geboren, und der Hof und alles, was dazugehörte, war sein. Owen, der Großknecht, und alle Männer, die auf den Feldern arbeiteten und das Vieh versorgten, auch die beiden anderen Frauen auf dem Hof - alle waren sie seine Leibeigenen. Sogar Hild, die ihn von Kindesbeinen an aufgezogen hatte und sich seine Mutter nannte, war in Wirklichkeit nur eine seiner Leibeigenen, und wenn sie ihn verärgerte, konnte er sie das spüren lassen. Ebba erinnerte sich an etliche Gelegenheiten, wenn Hilds Gesicht hochrot angelaufen war, weil Elfling ihre Nörgelei nicht mehr ertragen konnte und sie vor allen anderen scharf zurechtgewiesen hatte. Einmal hatte er sogar gefragt, ob sie Prügel wolle, wozu er als ihr Besitzer das Recht hatte. Es war eine furchtbare Erniedrigung für Hild gewesen, die gern wie eine Königin über den Haushalt herrschte. Insgeheim war Ebba entzückt gewesen, obgleich ihr unwillkürlich die arme Hild auch ein wenig leidgetan hatte. Zudem hatte es ihr Angst eingeflößt. Wenn Elfling Hild so übel behandeln konnte, was hatte sie dann zu erwarten, als das wertloseste und unwichtigste seiner Besitztümer?

Aber sie würde ihn zwingen, sie zu lieben. Das musste sie; denn wenn sie das nicht tat, gab es keinen Grund zu leben. Dann wäre ihr Leben ebenso eintönig wie das tägliche Mahlen des Getreides. Sie hielt das Schluchzen zurück, doch Tränen fielen auf den Mahlstein, und ihr Hals schmerzte noch mehr. Drei Mal hatte er mit ihr das Lager geteilt, also musste er sie doch ein klein bisschen mögen. Das war ein Anfang. Sie würde ihm zeigen, wie sehr sie ihn liebte. Bei den Mahlzeiten würde sie ihm alles reichen, was er begehrte, noch ehe er danach fragte. Sollte das Mahl kärglich sein, würde sie ihm ihren Anteil geben. Sie würde - sie würde - alles für ihn tun. Irgendwann würde er sehen, dass sie ihn wahrhaftig liebte, und dann würde er sie lieben, und es würde ihm gleichgültig sein, dass sie dürr war und komisch aussah. Er würde sie lieben. Wenn er sah, wie sehr sie ihn liebte, dann musste er sie lieben.

»Liebe!«, sagte Hild. »Du denkst zu viel an die Liebe - und er weiß nicht, was Liebe ist! Er liebt nicht einmal mich, und sieh, was ich für ihn getan habe, seit der Zeit, als er noch ein Säugling war. Das Volk seiner Mutter kennt keine …«

Das war es: Elflings Mutter war eine Elfenfrau aus dem Wald gewesen. Von ihr hatte er seine große Schönheit und seine Gabe zu heilen, außerdem das Talent, etwas zu wissen, was geschehen würde, noch ehe dies Ereignis geschah. Aber von ihr kam auch seine besondere Art. An einem Tag pflegte er das kranke Kind einer Bettlerin hingebungsvoll, welche ihn weder mit Gütern noch Gunst bezahlen konnte, und dann wies er einen reichen Landbesitzer schroff ab, der nur eine Warze entfernt haben wollte - was er locker hätte tun können. Zuweilen sagte er armen Leuten, die ihn um Hilfe baten, weil sie gehört hatten, dass er anderen geholfen hatte, sie sollten sich fortscheren, ehe er seine Männer auf sie hetze. Ihn schien weder Mitleid noch Besitzstreben oder Angst vor Missbilligung zu leiten.

Manchmal fütterte er eine der Hofkatzen mit Leckerbissen, streichelte ihren Kopf und kraulte sie hinter den Ohren und auf dem Rücken, bis das Tier den Kopf an ihn lehnte und so laut schnurrte, dass man es im ganzen Haus hören konnte. Es kam aber auch vor, dass er das Tier, wenn es beim nächsten Mal in seine Nähe kam, verärgert beiseitestieß oder schlichtweg übersah. Ebenso behandelte er Ebba. Wenn er zärtlich war, war er sehr zärtlich, und sie reagierte ebenso prompt wie die gestreichelte Katze.

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