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Elfling - Das Heer der Toten

INHALT

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ERSTER TEIL

ERSTES KAPITEL – UNWIN SASSENACH

ZWEITES KAPITEL – DIE ELFENBRUT

DRITTES KAPITEL – WULFWEARDS GRAB

VIERTES KAPITEL – DER HARFNER

FÜNFTES KAPITEL – NEUES VON UNWIN

SECHSTES KAPITEL – DAS WAHNSINNIGE MÄDCHEN

ZWEITER TEIL

SIEBTES KAPITEL – WAFFENSTILLSTAND

ACHTES KAPITEL – DER WELPE

NEUNTES KAPITEL – SCHWERTTANZ

ZEHNTES KAPITEL – WODENS VERSPRECHEN

ELFTES KAPITEL – DAS GING VORÜBER, AUCH DIES GEHT VORBEI

ZWÖLFTES KAPITEL – DAS RUNENLIED

DREIZEHNTES KAPITEL – STECHPALMENFEUER

VIERZEHNTES KAPITEL – DAS TOTENMAHL

FÜNFZEHNTES KAPITEL – EIN NEUES WEBWERK

ANMERKUNGEN

ERSTES KAPITEL
UNWIN SASSENACH

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Es herrschte so dichtes Schneetreiben, dass selbst die Dunkelheit weiß war. Der Reisende, dessen Kleidung der Schnee weiß getüncht hatte, rutschte aus, als er an seinem unglücklichen, erschöpften Esel zerrte. Beide waren völlig durchnässt, hungrig, mitgenommen, und ihnen war so kalt, dass sie sich kaum noch bewegen konnten.

Als sich Mauern und Torhaus der königlichen Festung in den weißen Wirbeln des Schneesturms düster abzeichneten, weinte der Reisende und schickte ein Dankesgebet gen Himmel. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie nah er ihr schon war, aber als er mit seinem Esel das Tor erreichte, fand er es verschlossen vor.

Vor dem Tor hing eine Laterne, deren schwaches Licht im Schneesturm kaum zu erkennen war. Neben ihr hing ein Glockenstrang, und der Priester zog daran, obwohl seine Finger ihn kaum zu greifen vermochten. Der Schnee dämpfte das laute Dröhnen der Glocke zu einem leisen Bimmeln.

Ein kleines Viereck auf Augenhöhe öffnete sich klappernd. Im Lichtschein der Laterne war eine Nase zu erkennen, die neugierig durch die Öffnung gesteckt wurde.

»Wer begehrt Einlass?«

Der Reisende lehnte sich an die Tür. »Ich bin Priester. Mein Name ist-«

»Was wollt ihr, Priester?«

»Lasst mich herein. Ich -«

»Das Tor ist bis zum Morgengrauen verschlossen und verriegelt. Es wird beim ersten Sonnenstrahl wieder geöffnet.«

»Aber ich kann nicht
wartet, wartet!« Die kleine Öffnung begann sich zu schließen. »Es ist kalt, es schneit -«

»Morgen beim ersten Sonnenstrahl«, sagte der Torwächter.

»Nennt Ihr das Gastfreundschaft?«, schrie der Priester.

»Erreicht das Tor vor Sonnenuntergang«, meinte der Torwächter, »und Ihr werdet in allen Würden empfangen. Aber wir sind hier in einer königlichen Festung, nicht einer heruntergekommenen Kaschemme. Bei Sonnenuntergang wird das Tor verschlossen. Beim ersten Sonnenstrahl wird es wieder geöffnet.«

»Ich werde hier draußen erfrieren.«

Ein verärgertes Zischen war durch die kleine Öffnung zu hören. »Geht zur Brücke zurück und überquert sie. Zur rechten Hand werdet Ihr ein Gästehaus finden, in dem Ihr Decken, etwas zu essen und Holz finden werdet, alles, was Ihr braucht. Aber dieses Tor öffnet sich nicht vor Sonnenaufgang.«

Das Türchen begann sich wieder zu schließen. »Ich muss aber hinein«, schrie der Priester. »Ich habe eine Nachricht zu überbringen – ist es denn nicht wahr, sagt es mir, dass Unwin Sassenach sich unter Eurem Dach befindet?« Das Schweigen des Torwächters war ihm Antwort genug. »Ich habe Nachrichten für Unwin. Sagt ihm, dass ich hier bin, dass Vater Fillan hier ist. So wahr Gott Euer Schöpfer ist, bitte ich Euch, tut wenigstens das!«

»Unwin Sassenach ist nicht unser König – er ist niemandes König«, sagte der Torwächter.

»Aber er ist Eures Königs Gast!«

Der Torwächter seufzte schwer. »Begebt Euch zur Hütte, Vater, und wartet dort, während ich für Euch nachfrage. Das kann sehr lange dauern.«

»Ich werde hier warten«, sagte Vater Fillan und zog den Mantel enger um sich. Er war halb erfroren, glaubte aber fest daran, dass Gott und König Lovern ihm seinen Wunsch eher gewähren würden, wenn er litt.

In König Loverns Festsaal saß man gerade beim Abendessen zu Tisch. Bei Feierlichkeiten war er hell erleuchtet, doch heute brannten nur wenige Feuer und Kerzen, die aber zumindest Wärme spendeten. An den Tischen in Eingangsnähe drängelten sich Sklaven und einfache Bürger und machten einen Höllenlärm. Sie redeten und schrien wild durcheinander, ließen die hölzernen Tische und Bänke knarzen, schlugen ihre Becher aneinander und klapperten mit den Messern. An der Tafel des Königs saß fast niemand, denn König Lovern hatte sich dazu entschlossen, heute in seinen Privatgemächern zu speisen. Neben dem leeren Thron saß der riesige Sassenach, Unwin Eadmundssohn, und bei ihm der junge Däne, Ingvi Jarlssen.

An diesem Abend gab es schlichte Kost, doch davon mehr als genug: Brot und Butter, eine ordentliche Gemüsebrühe mit Hammelfleisch, Fisch, Käse und Milch zum Trinken. Obwohl sie ihren Hunger bereits gestillt hatten, lümmelten sie noch an der Ehrentafel herum, denn im Festsaal war es warm. Ingvi vertrieb sich die Zeit, indem er seinen Dolch mit der rechten Hand hochwarf und mit der linken wieder fing, um ihn anschließend mit der Linken zu werfen und rechts aufzufangen. Unwin gefiel dieses Spiel weniger, denn der Dolch lag schwer in der Hand und hatte eine scharfe Klinge. Irgendwann würde Ingvi daneben werfen, und Unwin hielt es für nicht unwahrscheinlich, dass der Dolch dann ihn treffen würde. Trotzdem bewegte er sich nicht, denn damit hätte er Ingvi die Gelegenheit geboten, lauthals behaupten zu können, dass die Dänen offensichtlich mutiger seien als die Sachsen.

»Ich kann das wirklich gut. Ich habe den Dolch noch nie fallen lassen, oder? Und ich habe ihn jetzt schon mindestens fünf Dutzend Mal hochgeworfen«, sagte Ingvi, als er ihn erneut in die Luft warf und wieder auffing.

Bei Ingvi bedeutete ›Dutzend‹ lediglich ›viel‹. Dass er gerade mal bis zwölf zählen konnte, gehörte zu den Dingen, die Unwin an ihm mochte. Als sich der Dolch wieder in der Luft befand, meinte Unwin nur: »Es wird sich im Kampf als nützliche Fähigkeit erweisen.« Sie konnten sich recht gut miteinander verständigen, denn ihre Sprachen waren nah miteinander verwandte Dialekte. Doch bei Sarkasmus stellten sich Ingvis Ohren auf Durchzug.

»Nun, es macht dem Feind Angst«, sagte er, »wenn er sieht, wie leichthändig man mit seinen Waffen umgeht. Ich kann das auch beim Reiten.« Und wieder befand sich der Dolch in der Luft.

»Ich hätte auf jeden Fall Angst«, sagte Unwin.

Ingvi wandte sich an Unwin, anstelle den Dolch noch einmal hochzuwerfen. »Die Leute sagen, ich wäre ein Elfenkind. Das bin ich aber nicht. Nicht so wie dein Elfenkind.«

»Dieses Ding ist nicht mein Elfenkind«, antwortete Unwin.

Ingvi schenkte ihm keine Beachtung. »Das liegt bloß daran, weil ich so dunkelhäutig bin.« Ihn unter seinen Verwandten zu erkennen wäre eine leichte Aufgabe. Die Dänen waren weithin bekannt für helle Haut, helle Augen und blonde Haare, aber auch für ihre Größe und einen massigen Körperbau. Ingvi hingegen war zwar groß, aber schlank, und seine Haut hatte den Braunton einer reifen, polierten Haselnuss. Seine Augen glichen in ihrer Färbung einem dunklen Flusslauf im Moor, wenn auch mit grünen und gelben Einschlägen, und seine Wimpern waren lang und dicht. Unwins Volk hatte sich immer über die Dänen lustig gemacht, die ihre Haare nur deswegen so schnitten, um ›ihren Hals zu entblößen und damit den Feind zu blenden.‹ Ingvis Haare waren tatsächlich so geschnitten und ließen seinen gesamten braunen Nacken frei, während sie vorne unkontrolliert über die Augenbrauen fielen. Sie waren grob wie Hundefell, so dick wie Reet und so schwarz wie Ruß. Unter Loverns Nordwalisern fanden sich viele dunkelhaarige Männer, aber selbst ihre Haut und Augen waren hell, und niemand unter ihnen hatte so tiefschwarze Haare wie Ingvi. Ingvis große, starke Zähne wirkten im Kontrast zu seinen Haaren weiß wie Schnee, und das Weiß in seinen Augen blitzte ständig auf. »Ich bin auf gar keinen Fall ein Elfenkind«, plapperte er weiter. »Meine Mutter kam aus einem anderen Land. Sie-«

Ein schwacher, kühler Lufthauch wehte durch die Hitze im Festsaal und ließ die Flammen von Feuern und Kerzen kurz flackern. Die Tür war geöffnet worden. Hunde bellten, und der Lärm am Saaleingang hatte einen anderen Klang angenommen. Unwin setzte sich in seinem Stuhl auf und schaute zum Eingang. Ingvi hielt mitten im Satz inne.

Der Torwächter durchmaß den Saal mit großen Schritten, um den Gästen des Königs seine Ehrerbietung zu erweisen, wenn auch sein König nicht anwesend war. Vor der Ehrentafel verbeugte er sich tief und sagte etwas in seiner Sprache. Ingvi antwortete ihm, und der Mann wandte sich ab.

»Halt!«, sagte Unwin. »Was ist los?«

»Er hat eine Nachricht für den König«, antwortete Ingvi, als der Torwächter zögerte.

Unwin erhob sich. »Ist jemand am Tor?«

Ingvi übersetzte die Frage und die Antwort des Torwächters. »Ein Mann erbittet den Zugang zur Festung – er muss dies dem König mitteilen.«

»Warum?«, fragte Unwin. »Frag ihn, warum er den Mann nicht zum Gästehaus geschickt hat. Frag ihn, was so wichtig ist, dass er den König selbst darüber in Kenntnis setzen muss«.

Ingvi stellte ihm die Fragen. Der Torwächter drehte sich den beiden Männern wieder zu, und seine Art zu antworten schmeckte Unwin nicht – zu trotzig, zu aufsässig. Ingvi grinste, als er ihm seine Antwort übermittelte. »Er sagt, dass dies König Loverns Burg ist, und dass König Lovern als Erster erfährt, wer an seinem Tor steht.«

Unwin ging an der Königstafel vorbei nach vorn zum Torwächter. Ingvi folgte ihm. »Wer bin ich?«, fragte Unwin den Torwächter.

Nachdem diese Frage übersetzt worden war, schien der Mann einen Augenblick lang verwirrt. »Ihr seid ein Sachse!«, lautete dann seine Antwort, und das verstand Unwin sehr wohl ohne Übersetzung.

»Wer bin ich?«, wiederholte er seine Frage und ging einen Schritt auf den Mann zu.

Der Torwächter antwortete, und Ingvi lachte. »Er sagt, wenn Ihr nicht wisst, wer Ihr seid, dann solltet Ihr einen weiseren Mann, als er es ist, um die Antwort bitten.«

Einen Augenblick lang war Unwin still. Dann lächelte er, legte seine Hand auf die Schulter des Manns und tätschelte sie leicht. »Bin ich der Gast deines Königs?«

Ingvi übersetzte, und es war leicht zu erkennen, wie der Mann mit sich selbst kämpfte, um nicht erneut eine patzige und unwirsche Antwort zu geben. Da Unwin ihn anlächelte und an der Schulter festhielt, gab er widerwillig zu, dass der Sachse des Königs Gast war.

»Bin ich nicht von königlichem Geblüt? Bin ich nicht der Sohn eines Königs? Dann wirst du mir jetzt sagen, wer am Tor steht, und vielleicht können wir es König Lovern ersparen, die Wärme seines Kamins verlassen zu müssen.«

Der Torwächter wich einen Schritt vor Unwin zurück und murmelte etwas.

»Ein Priester steht vor dem Tor«, sagte Ingvi. »Er behauptet, sein Name sei Fillan.«

»Fillan!«, rief Unwin. Der Torwächter ging durch den Festsaal zur Tür.

Einen Atemzug lang blieb Unwin stehen und folgte dann dem Torwächter. Ingvi rannte ihm nach. »Wohin gehst du?«

»Zum Tor.«

»Warum?«

»Um es zu öffnen«, sagte Unwin.

Sie wuchteten die Eingangstür des Festsaals auf und verließen dessen Wärme, als sie in die Nacht hinausgingen. Die Luft war so kalt, dass ihre Haut sich buchstäblich zusammenzog. Schnee knirschte unter ihren Füßen, wirbelte um sie herum und legte sich auf ihre Kleidung.

Ihre Ankunft am Torhaus störte die Wachleute, die aufsprangen und ihr Essen und ihre Getränke zu verstecken und dabei Aufmerksamkeit zu heucheln versuchten. Es war ihnen nicht erlaubt, Unwin aufzuhalten oder ihn am Öffnen des Gucklochs zu hindern, und das gefiel ihnen nicht.

Unwin starrte in den Vorbau des Torhauses. Der Schnee wirbelte umher, nur um kurz im Laternenlicht hell zu schimmern und dann wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. »Fillan?«, rief er in die Finsternis.

Vater Fillan hatte sich in einer Ecke des Vorbaus zusammengekauert, denn Erschöpfung und Unterkühlung hatten ihm schwer zugesetzt, und er hörte zunächst gar nicht, dass jemand nach ihm rief. Als er es begriff, schreckte er auf und fiel fast um, denn er konnte sich kaum noch bewegen. »Hier!«, sagte er und krabbelte zum Guckloch.

Unwin sah, wie er ins Licht trat, und erkannte ihn sofort wieder – Vater Fillan, der Priester seiner Mutter; der Mann, der ihn im christlichen Glauben unterwiesen hatte. Er wich vom Tor zurück und befahl den Wachen: »Öffnet das Tor!«

Selbst nachdem Ingvi das übersetzt hatte, weigerten sich die Männer auch nur einen Finger zu krümmen. Die Tore der königlichen Festung wurden vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang verriegelt. Fremde, sollten sie auch von noch so edlem Geblüt sein, hatten ihnen nichts zu befehlen, schon gar nicht, wenn einer von ihnen ein Flüchtling und der andere eine Geisel war.

»Grundgütiger!«, sagte Unwin und machte sich daran, das Tor selbst zu öffnen. Ingvi half ihm dabei. Sie wuchteten den schweren Riegel hoch und stellten ihn zur Seite, und Unwin nahm sich den Schlüsselring von der Wand.

In diesem Moment wurden Befehle auf walisisch erteilt, und ein Mann rannte zur Festung zurück. »Der ist auf dem Weg, um dem König zu sagen, was wir hier anstellen«, meinte Ingvi.

»Was soll’s«, sagte Unwin, als er die verschiedenen Schlüssel an den Schlössern ausprobierte. »Sassenachs und Dänen, die sind doch sowieso alle verrückt.«

Ingvi lachte laut auf und schätzte es, von Unwin auf seiner Seite eingerechnet zu werden.

Schließlich fanden sie den richtigen Schlüssel, das Schloss öffnete sich, und Ingvi half, das schwere Tor nach innen zu ziehen. Vater Fillan stolperte durch die schmale Öffnung. Als Unwin ihn auffing und ihm half, hineinzukommen, sprang Ingvi in den Schnee hinaus, um auch Fillans Esel hereinzuschaffen. Nicht, dass das kleine Tier Hilfe benötigt hätte. Es stapfte willig durch das Tor, denn es wusste, dass es auf der anderen Seite Futter und Schutz finden würde. Sobald Ingvi wieder drinnen war, sprangen die Wachen vor und verriegelten das Tor wieder.

»Der Esel«, keuchte Vater Fillan. »Das Bündel.« Obwohl er völlig unterkühlt war, taumelte der Mann zum Esel hinüber und versuchte sein Gepäck mit Fingern aufzuschnüren, die vor Kälte steif waren.

»Lass ihn und komm mit uns ans Feuer«, sagte Unwin. »Einer der Wachmänner kann es uns bringen.«

»Niemals, niemals! Es ist zu … zu …«

»Ich werde es mitbringen«, sagte Ingvi und begann das Bündel zu lösen.

»Bringt es in mein Zimmer«, sagte Unwin und geleitete Fillan ins Haus.

Die Wallburg bestand aus mehreren Gebäuden, die von einem tiefen Graben und einem Schutzwall umgeben waren. Neben der königlichen Halle befanden sich dort Ställe und Küchen, Scheunen und Werkstätten und viele kleinere Häuser, in denen die bedeutenderen Mitglieder des königlichen Gefolges und ihre Untergebenen untergebracht wurden. Unwin hatte als Königssohn und königlicher Gast eines dieser kleineren Häuser zugeteilt bekommen, dazu auch einige Bedienstete. Einige von ihnen sprachen sogar ein wenig englisch. Unwin führte Vater Fillan zu diesem Haus und gab ihn in die Pflege seiner Diener. Er befahl ihnen, trockene Kleidung und Essen herbeizuschaffen und warmes Wasser, damit der Ankömmling sich waschen konnte, und dann sollte er sich an das Feuer setzen.

Unwin rief seinen Hausverwalter zu sich und schickte ihn mit einer Nachricht zu den königlichen Gemächern, die seine Willkür beim Öffnen des Tors entschuldigte und eine umfassende Erklärung am nächsten Morgen versprach. »Sag ihm, dass der Mann vor dem Tor mir Nachricht brachte, und dass ich ihn in mein Haus aufgenommen und versorgt habe.« Der Hausverwalter eilte sich dem König zu versichern, dass weder seinem Haus noch seiner Ehre Schaden drohte.

Ingvi kam herein und trug dabei das Bündel vom Rücken des Esels in den Armen. Unwin nahm es ihm ab und führte ihn durch das Haus, wo sich die meisten Bediensteten bereits auf dem Boden zum Schlafen niedergelegt hatten, in sein Zimmer. Dort legte er das Bündel am Rand seiner leicht erhöhten Bettstatt nieder.

Ingvi brachte eine Kerze und gemeinsam untersuchten sie das Bündel, dessen Umhüllung aus gewebtem Stoff bestand. Die Reise hatte dem Stoff nicht gut getan, doch obwohl er abgenutzt und verdreckt war, war er noch weich und fest, und im Kerzenlicht blitzten Goldfäden auf.

»Ein Altartuch«, sagte Unwin. Er wusste plötzlich, was sich in diesem Bündel befand. Er nahm sein Messer heraus und durchtrennte die Schnüre, die es zusammenhielten, und fing an, es auszupacken. Mit jeder Stofffalte, die sich löste, schlug ihnen ein stärker werdender Gestank entgegen.

»Bah!«, sagte Ingvi. »Das stinkt nach Tod.«

Als Unwin das letzte Stoffstück abgenommen hatte, bot sich ihnen der Anblick eines langen, zerbrechlichen Objekts, das in Seide eingehüllt worden war. Ingvi erkannte es nur zögerlich als Seidengewand mit Verzierungen aus Goldfäden und Edelsteinen. Und dann erkannte er, dass der Inhalt dieses Gewands menschlichen Ursprungs war – oder gewesen war. Aus den Ärmeln quollen schwarz angelaufene Hände hervor, und die Seide umflog dünne Stiele, die einst Beine gewesen sein mochten. Das runde Ding am anderen Ende war ein Kopf, der auf die Größe eines Schädels geschrumpft und mit einem Schleier aus Leinen bedeckt war. Die Lippen hatten sich von den Zähnen zurückgezogen.

»Bei Gottes Gebeinen!«, sagte Ingvi. Er hatte während seiner Zeit am Hof König Loverns einige christliche Flüche aufgeschnappt.

Unwin legte Ingvi eine Hand auf die Schulter und deutete mit der anderen auf den Leichnam. »Ingvi – das ist Königin Ealdfrith, meine Mutter.«

»Mutter?«

Unwin ließ sich neben dem Kopf des Leichnams auf den Bettrand nieder. »Deine Mutter war eine Fremde. Meine war eine Heilige des Herrn. Hier liegt sie. Fillan ist ebenso ein Heiliger, denn er hat uns wieder zusammengeführt – oder hat er sie als Geschenk für König Lovern mitgebracht, damit sie seiner Kapelle als wertvolle Reliquie dienen soll?«

Jedes seiner Worte sprach Unwin überdeutlich aus, fast abgehackt, und jedes wurde mit solcher Wut gesprochen, dass Ingvi ihm eine Antwort schuldig blieb.

Unwin erhob sich und sprach in einem ruhigeren Ton weiter. »Ich muss mir Fillans Nachricht anhören.«

Ingvi stellte die Kerze auf einer Truhe ab und folgte ihm. Er schaute kurz zum Bett zurück und fragte: »Willst du nicht-?«

»›Was?«, bellte Unwin, als er sich abrupt umdrehte.

Ingvi blieb stehen. »Aber … wirst du sie einfach so-?« Er nickte in Richtung des Leichnams.

»Was soll ich denn mit ihr machen? Mutter, möchtest du etwas zu essen haben? Möchtest du ein wenig Musik hören? – Siehst du? Sie will nichts. Also lassen wir sie in Ruhe. Andere aber«, fügte er hinzu und öffnete die Tür, »nicht.«

Die meisten Bediensteten im Saal schliefen bereits, denn es widerstrebte ihnen, die wenigen Stunden Schlaf und Wärme aufzugeben. Eins der Feuer aber hatte man geschürt, und dort fanden sie Vater Fillan. Er fror immer noch, obwohl er trockene Kleidung am Leib trug und offensichtlich auch gegessen hatte, denn neben ihm stand eine leere Schale.

Unwin war Ingvi so wütend vorgekommen, dass er von ihm nun gleichfalls zornige Worte erwartete. Aber Unwin setzte sich neben den Priester auf die Bank und sagte leise: »Nun, Vater? Wie lautet deine Nachricht?«

Der Priester ließ den Kopf hängen und seufzte schwer. »Die Nachricht? Ah, die Nachricht«, sagte er auf Englisch. »Es ist nichts Gutes an meiner Nachricht, mein Sohn. Der Teufel treibt in Eurem Land sein Unwesen und sucht nach jenen, die er verschlingen mag. Die kleine Kapelle Eurer Mutter hat man abbrechen lassen, die Erde, auf der sie stand, abgetragen, und eine Eibe an ihrer Stelle gepflanzt. Ich sage Euch, in diesem Land ist kein Licht mehr zu sehen, denn die Dunkelheit ist zurückgekehrt.«

Unwin blinzelte langsam und sagte geduldig: »Und meine Familie?«

»Euer Vatersbruder, Athelric!«, sagte der Priester und wandte sich zu ihm. »Er war immer ein Heide, ohne jede Reue! An der Seite des Teufels findet Ihr ihn! Er folgt diesem Ding wie ein zahmer Hund und gehorcht ihm auf jedes Wort!«

Unwin musste wider Willen lächeln. »Das hört sich nicht nach Athelric an.«

»Ich schwöre es Euch!«, rief der Priester aus. »Sein eigener Wille hat sich in Nichts aufgelöst. Sein Geist ist verhext. So wie er vor dem Ding katzbuckelt, muss man glauben, er wäre darin verliebt!«

Ingvi machte es sich auf dem strohbedeckten Boden bequem, denn die Bänke waren zur Seite geschoben worden, damit die Leute sich schlafen legen konnten. Er hörte den beiden fasziniert zu. König Lovern war ein christlicher König, der zwischen den heidnischen Sachsen im Süden und den heidnischen Dänen im Osten lebte, und er verwendete viel Zeit darauf, sich von den Geschehnissen in beiden Königreichen berichten zu lassen. In den letzten fünf Jahren hatten ihm die Dänen wenig Sorgen bereitet, nachdem er sie geschlagen und Ingvi als Geisel genommen hatte, um den Frieden sicherzustellen. Seine Aufmerksamkeit beiden Völkern gegenüber ließ aber nie nach. Neuigkeiten wurden immer willkommen geheißen.

Vor Jahren hatte Lovern Vater Fillan zu den Mittelsachsen geschickt, zu ihrer Königin Ealdfrith, um sie im christlichen Glauben unterrichten zu lassen. Jetzt saß er neben Unwin auf derselben Bank und faselte von Orten und Namen, die Ingvi nichts sagten. Das Kaminfeuer tauchte den Priester in ein glühendes Rot, und in seinem Schein waren die Falten unter seinen Augen, die ersten grauen Strähnen im schwarzen Haar deutlich zu erkennen. Vater Fillan war kein großer Mann; er wirkte nicht wie ein Held. Er schien nicht die Sorte Mensch zu sein, die den Mut aufbringen könnte, sich unter die heidnischen Sachsen zu wagen – die bei Weitem nicht so freundliche und zivilisierte Heiden waren wie die Dänen-, um ihnen die frohe Botschaft des christlichen Glaubens zu bringen, die keiner von ihnen hören wollte.

»Und meine Söhne, Vater?«, fuhr Unwin fort.

Der Priester wischte sich müde mit der Hand übers Gesicht. »Sie waren bei ihrer Mutter, nicht wahr – in Unwinsburg? Ich habe nichts von ihnen gehört, mein Sohn, aber -« Er schüttelte den Kopf. »Sie sind Christen, nicht wahr, sie und ihre Mutter? Dies ist keine gute Zeit für Christen.«

Unwin richtete sich auf. »Meint Ihr, ich muss um sie fürchten?«

»Der Teufel hasst alles Christliche. Alles Heilige erregt seinen Zorn, und er zerstört es. Es bekümmert mich sehr, mein Sohn«, sagte Vater Fillan und griff nach Unwins Hand, »aber ja, ich fürchte um Eure Frau und Eure Kinder.«

Unwin starrte unentwegt geradeaus, direkt in das knisternde Feuer. Ingvi bewunderte, wie er bei diesen Worten ruhig bleiben konnte. Seine Bewunderung wuchs, als er Unwin in gleichfalls ruhigen Tonfall fragen hörte: »Und wie steht es um meinen Bruder?«

Vater Fillan drückte Unwins Hand. »Es tut mir leid, mein Sohn, aber ich glaube, Wulfweard ist tot.«

Unwin richtete seinen Blick auf den Priester. »Bist du dir dessen sicher?«

»Wer kann sich in solchen Zeiten sicher sein? Ich weiß mit Gewissheit, dass Wulfweard halbtot vom Schlachtfeld getragen wurde. Und vor nicht allzu langer Zeit, als ich mich auf den Weg machte, hörte ich die Leute sagen, der Atheling sei gestorben. Vielleicht meinten sie damit ja Athelric? Aber Athelric war bei bester Gesundheit, als ich ihn das letzte Mal sah. Ich befürchte – und tief in meinem Herzen spürte ich es -, dass der Atheling, der gestorben ist, Wulfweard war. Ich habe für ihn gebetet.«

»Und Ihr werdet weiter für ihn beten«, sagte Unwin. »Das werde ich auch tun. Und Gott habe ich für eines zu danken.« Unwin lächelte. »Ich muss mir nicht länger Gedanken darüber machen, welcher Bruder mir zuerst in den Rücken fallen wird und wann.«

Vater Fillan tätschelte seine Hand. »Ach, ich weiß, Ihr habt Eure Brüder geliebt.«

Unwin entzog dem Priester seine Hand und hielt das granatverzierte goldene Kreuz hoch, das er um seinen Hals trug. »Bei diesem Kreuz schwöre ich«, sagte er, »vor Euch und meinem Gott, dass für das Blut Huntings und das Blut Wulfweards Blut fließen soll. Für ihr Blut werde ich Elfenblut vergießen. Ich werde ihm den Kopf abschlagen.«

»Unwin -«, begann Vater Fillan.

»Und auch Athelric, dem Bruder meines eigenen Vaters. Ich schwöre -« Er überging die Widerworte des Priesters. »Ich schwöre bei diesem Kreuz, vor Gott, dass ich die Hand abschlagen werde, die sich gegen uns erhoben hat, und seinen Kopf ebenso.«

»Unwin! Wenn Euch jemand auf die rechte Wange schlägt, dem bietet auch die andere dar. Vergebet Euren Feinden! Tut Gutes denen, die Euch hassen! So lautet die Botschaft unseres Glaubens!«

Er merkte, wie Unwin und Ingvi ihn ausdruckslos anstarrten. Ingvi hatte diese Botschaft während seiner Zeit am Hofe Loverns hundertmal gehört, doch auf ihn als Heiden hatte sie wenig Eindruck gemacht. Er war dennoch immer wieder überrascht, Christen kennenzulernen, die ernsthaft von einem verlangten, dem eigenen Feind zu vergeben – nicht irgendwelchen, vielleicht möglichen Feinden, sondern den Feinden, die jemandes Sippenbrüder getötet hatten.

»Ich bin weit davon entfernt, vollkommen zu sein, Vater. Ich hatte zwei Brüder. Jetzt bin ich allein. Die Elfenbrut hat sie getötet, und mein Vatersbruder hat sie verraten. Ich werde sie beide töten.«

Ingvi richtete sich auf seinen Knien auf. »Schneide ihnen den Blutadler in den Rücken!«

Das Entsetzen stand Fillan ins Gesicht geschrieben, doch er schwieg.

»Den Blutadler …« Unwin nickte. Wenn er jemals sein Land zurückerobern wollte, so benötigte er die Unterstützung von Ingvis Bruder Ingvald. Der feierliche Schwur, Elfling den Blutadler in den Rücken zu schneiden, würde die Dänen sicherlich beeindrucken. Und es würde sich herumsprechen, wenn er die dänische Armee in sein Land führte. Vor jeder Schlacht würden die Dänen einen Speer über die feindliche Armee werfen – den Speer, der jeden Mann unter ihm Odin weihte. Dieser Speer würde den Sachsen klar machen, dass sie bei einer Niederlage bis auf den letzten Mann für Odin hingerichtet werden würden. Und ihr Anführer, ihr König, Elfling, würde den Blutadler erleiden. Sie würden bald schon merken, wie treu die neuen Untertanen der Elfenbrut wirklich waren, wenn der Schwur erst bekannt wäre. »Ich schwöre -« Er grinste, als er Ingvis begeistertes Gesicht sah. »Ich werde den Blutadler in den Leib der Elfenbrut schneiden.«

»Unwin -«, begann Vater Fillan. »Unwin …« Ihm fielen keine Worte ein, die an der Situation etwas ändern konnten. Wenn die Dänen den Blutadler vollzogen, dann nahmen sie sich einen lebendigen Mann und trennten die Rippen von seinem Rückgrat, bogen sie nach außen und zerrten die Lungen hervor, in der Form der Flügel eines Adlers. »Wie könnt ihr nur so etwas sagen?«

»Wäre es Euch lieber«, fragte Unwin, »wenn ich ihn kreuzigte?«

»Oh, nun lästert Ihr Gott! Ihr habt Jesu Worte gehört – habt Ihr jemals wirklich zugehört? Ein Mensch – Gottes Schöpfung! Wie könnt Ihr davon sprechen, ihn zu verstümmeln, ihn zu töten, und dennoch Gottes Worte in Eurem Herz tragen?«

»Er ist ein Teufel«, sagte Unwin. »Kein Mensch. Ihr selbst habt ihn den Teufel genannt.«

»Dann habe ich gesündigt! Denn er ist zur Hälfte Mensch! Er ist Euer Halbbruder, Unwin! Der noch für die Sache Jesu gewonnen werden kann!«

Unwin drehte sich blitzschnell zu ihm um, beugte sich vor, sodass der Priester zurückwich. »Es hat meine Brüder getötet. Ich trage nichts ›in meinem Herzen‹ außer Rache. Ich habe einen Schwur geleistet, und ich werde vor einem halbwüchsigen Dänen keine Schande über mich bringen, indem ich mein Wort breche. Danach werde ich zu Euch kommen, Vater, und meine Sünden beichten und meine Buße leisten. Aber ich werde meinen Schwur erfüllen. Versucht nicht, mich davon abzubringen.«

Unwin erhob sich und wäre gegangen, hätte Fillan nicht nach seiner Hand gegriffen. »Mein Sohn, wenn Gott solch große Veränderungen in unserem Leben bewirkt, wie er es bei Euch getan hat, dann liegt es an uns zu fragen, was er uns damit sagen will.«

Unwin blickte für einen kurzen Moment schweigend auf ihn herab. Dann sprach er. »Vater, es scheint mir, als Gott mein Königreich in die Höhe warf und es in den Händen der Elfenbrut landete, dass er doch kein guter Jongleur ist. Das Beste für mich wird sein, mich auf des Königs Thron zu setzen, der mir rechtens zustand. Vielleicht wird dann niemandem auffallen, wie ungeschickt Gott sein kann.«

Vater Fillan ließ seine Hände in seine Ärmel gleiten. »Dann werdet Ihr nicht bei mir Eure Beichte ablegen. Ich werde nicht eine Nacht unter diesem Dach verbringen – ich werde im Königssaal nächtigen. Und morgen werde ich den König um Erlaubnis bitten, mich in mein Kloster zurückziehen zu dürfen, das ich, so wahr Gott mir helfe, nie wieder verlassen werde. Ihr mögt Euch einen Christen nennen, Unwin, aber tief in Eurem Herzen seid Ihr ein größerer Heide als dieser Teufel von einem Elfen.«

Unwin, der sich abgewandt hatte, warf einen Blick zurück auf den Priester. »Dann werde ich einen anderen Beichtvater finden. Von euch Pfaffen gibt es mehr als genug.« Unwin ging in sein Zimmer.

Ingvi, der auf dem Boden gekniet hatte, erhob sich. »Eine gute Nacht, Vater«, sagte er und eilte Unwin hinterher. Er wollte ihn fragen, ob er nicht in seinem Haus bleiben könne, anstelle auf der Suche nach einem Schlafplatz die kalten, dunklen Höfe zu durchstöbern.

Unwin, so dachte er bei sich, war ein großer Mann, genau wie sein Bruder, Jarl Ingvald. Er hätte nicht erwartet, dass ein Christ mit so deutlichen Worten die Pflicht der Rache hochhalten würde. Wenn Unwin König Loverns Hof verließ, um sein Land zurückzuerobern, gedachte Ingvi neben ihm zu reiten.

ZWEITES KAPITEL
DIE ELFENBRUT

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Eiskalt blies der Wind über das Tordach. Eine bewaffnete Reiterschar näherte sich ihnen, und es wirkte beruhigend, dass sie offen auf der königlichen Straße heranritten. Wer würde das tun, wenn er einen Angriff plante?

Der Wind zerrte an Kendidras Schleier und an den Nadeln, mit denen sie ihr Haar befestigt hatte. Sie zog den Mantel enger um die Schultern. »Glaubt Ihr …«, es erschien ihr töricht, eine so hoffnungsvolle Frage zu stellen. »Glaubt Ihr, es könnte mein Mann sein?«

Der Hauptmann der Leibgarde neben ihr glaubte offensichtlich nicht daran, dass Unwin Eadmundssohn die Reiter anführte, wollte es aber nicht laut aussprechen. »Uns hat keine Nachricht von ihm erreicht, Herrin. Wäre er so nah, dann hättet Ihr gewiss davon gehört.«

Keine Nachricht? Das hätte sie leichter ertragen können. Unzählige Nachrichten hatten sie erreicht, aber sie widersprachen einander alle. Unwin und sein Bruder Wulfweard lebten und versteckten sich. Beide waren nach Norden geflüchtet und lebten am Hof König Loverns. Wulfweard war getötet worden oder war gestorben – oder beide Brüder waren im Kampf mit der Elfenbrut gefallen …

Wenn Unwin tot war, wie sollte sie dann ihre Söhne beschützen? Niemals zuvor hatte es sie so sehr danach verlangt, ihren Mann zu sehen.

Sie schauten zu, wie die Reiter näherkamen. Bald konnten sie die Hufschläge auf dem harten Boden vernehmen. Die Sonne schien nur schwach, aber dennoch spiegelte sich das Licht auf Helmen und Speerspitzen. Dem Reitertrupp folgten einige Nachzügler, die auf und neben der Straße gingen. Wenn sie Soldaten waren, dann waren sie sehr undiszipliniert.

»Mehr als fünfzig Mann zu Pferde«, sagte der Hauptmann. »Und dann noch die dahinter. Das ist nicht Unwin, Herrin.« In keiner der vielen Abwandlungen der Geschichte war die Rede davon gewesen, dass Unwin die Schlacht am Schreienden Stein gewonnen hätte, und bei diesen Männern handelte es sich nicht um die kläglichen Überreste einer Kriegsschar. Sie ritten wohlgeordnet heran, und sie waren alle gut gerüstet.

»Glaubt Ihr, er ist es?«, fragte sie.

Wieder ließ er sich mit der Antwort Zeit. Er wusste von ihrer Angst um ihre Kinder. Da es seine Pflicht war, sie zu beschützen, teilte er ihre Angst. »Ja, Herrin. Ich glaube, er ist es.«

Sie schaute sich um, blickte auf den tiefen Graben hinab und den aufgeschütteten Deich davor, betrachtete die Holzmauern um sie herum. Genug um entschlossene Angreifer abzuwehren?

Sie wollte sich vor den Leibwachen keine Blöße geben und ermahnte sich, geradezustehen. In ihrem Kopf schrie ihre Stimme: O Gott! O Gott, hilf uns! O Heilige Jungfrau! Und dann: Eostre, Heiligste, hilf mir, wenn der Christengott es nicht will. Ing, wenn du helfen kannst, bitte. Sie zitterte am ganzen Körper, und panische Angst schnürte ihr die Kehle zu. Dies war keine Heldensage. Der König war tot, und solange der Kampf um die Frage, wer der nächste König sein würde, noch nicht endgültig entschieden war, gab es weder Recht noch Gesetz. Bei Sonnenuntergang könnten die Männer in ihrer Nähe schon abgeschlachtet worden sein. Den Raben ein Festmahl, das würde ein Dichter sagen. Als die Krieger dem Wolf opferten. In der Vergangenheit hatte sie solche Gedichte gehört, und ihre Pracht hatte ihr Herz beflügelt. Jetzt war von diesem Gefühl nichts mehr übrig.

Wären die Leibwachen erst tot, dann würde das Blutbad ihre Söhne als nächstes Opfer fordern, ihre kleinen Jungen mit ihrer sanften Haut und ihren zerbrechlichen Knochen. Um ihres Vaters willen würden sie niedergemacht, von Speeren durchbohrt, zerhackt werden. Ihre Gedanken drehten sich nur noch um ihren Tod. Das Zittern, das von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte, entriss ihr fast ein Schluchzen, aber sie schluckte es hinunter.

Die Reiterschar kam näher. Jetzt konnten sie das Knarzen des Zaumzeugs hören, das Scheppern der Schwerter auf Kettenrüstungen, und sie konnten erkennen, dass es sich um einfache Menschen vom Land handelte, Männer und Frauen, selbst Kinder, die ihnen folgten. Kendrida spürte neben ihrer Furcht Wut in sich aufsteigen. Waren diese Menschen hierhergekommen, um ihre Ermordung zu bezeugen?

Zwei Männer führten die Schar an. Es war leicht zu erkennen, dass diese beiden die Anführer waren, aber wer sie waren, ließ sich nicht so leicht sagen. Beide trugen Mäntel über ihren Kettenhemden. Beide trugen Helme, die ihre menschlichen Gesichter hinter Fratzen aus glänzendem Metall versteckten, aus denen durch umschattete Öffnungen ihre Augen starrten. Beide trugen Schwerter. Einer der Schwertgriffe blitzte im Sonnenlicht immer wieder auf: hochglanzpoliertes Gold – das Schwert eines Athelings. Doch obwohl das eine Schwert golden im Licht schimmerte, war es die andere Klinge, von der sie ihren Blick nicht lösen konnte. Deren Schwertgriff wirkte düster und matt.

Ihr ältester Sohn, Godwin, hatte ihr eine Geschichte erzählt, die er über den Elfensohn gehört hatte. Der Teufel hatte von einer Kriegsmaid alles über das Kämpfen gelernt, und sie hatte ihm ein Schwert gegeben, das dunkel und hässlich wirkte, wertlos und ohne Seele, dem schlichten Werkzeug eines Bauern gleich. Doch es war von Woden, dem Teufel, geschmiedet worden. In der Hand seines Trägers wog das Schwert nichts, und seine Klinge war so scharf, dass sie den Wind entzweischneiden konnte. Mit ihr durchtrennte er alles. Und wenn es einmal gezogen war, dann schrie es laut auf und sang den mächtigen Zauberspruch der Todesfesseln, die Magie des Teufels Woden, welche die Feinde des Schwerts vor Todesangst erstarren ließ. Godwins Augen hatten vor Begeisterung gestrahlt, als diese Geschichte aus ihm herausgesprudelt war. Das Schwert, Wodens Versprechen, brachte seinem Träger immer den Sieg, und jedes Mal, wenn es gezogen wurde, musste es mit Blut bezahlt werden – dem Blut eines Menschen. Es gab keine Möglichkeit es zu betrügen. Wenn sein Besitzer es je zog, ohne Blut zu vergießen, dann würde es sich gegen ihn wenden und ihm den Tod bringen.

»Godwin, dein Vater würde es nicht gutheißen, dass du solchen Geschichten zuhörst und sie sogar wiederholst«, hatte sie gesagt. »Du bist ein Christ.«

»Aber jeder erzählt sie!« Godwin wünschte sich nichts sehnlicher, als seinem Vater zu gleichen. Doch die Vorstellung eines solchen Schwerts faszinierte ihn. »Glaubst du, es schreit wirklich, wenn es gezogen wird?«

»Wir sind Christen«, hatte sie geantwortet, aber sie war erst mit ihrer Heirat zum christlichen Glauben übergetreten. Woden hatte sie ihre gesamte Kindheit lang begleitet, eine schattenhafte Gestalt, mit einem blauen Auge und einer leeren, ausgekratzten Augenhöhle: Das Auge richtete seinen Blick auf Leben und Wachstum, die leere Augenhöhle konnte in der Dunkelheit sehen und erkannte die Welt jenseits des Todes. Sie hatte vor jedem Menschen Angst, der von sich behauptete, mit diesem Gott zu tun zu haben. Ein Teil ihrer selbst fürchtete, dass alles, was Godwin ihr über das Schwert berichtet hatte, der Wahrheit entsprach.

Die Reiterschar hielt am Graben vor Unwins Burg an. Einer der Anführer trieb sein Pferd über die Brücke, bis er sich unter dem Torhaus befand. Kendidra beugte sich über die Palisade und blickte auf die metallene Maske hinab. War dies der Elfengeborene?

»Im Namen des Königs, öffnet das Tor!« Der Schrei des Reiters hallte laut aus seinem Helm.

Kendidra, die nicht brüllen konnte, wandte sich an ihren Hauptmann. »Sagt ihm, da König Eadmund tot ist, wissen wir von keinem König.«

Der Hauptmann atmete tief ein und wiederholte ihre Worte in einer Lautstärke, die den Lärm der unruhigen Pferde und klirrenden Zaumzeuge übertönte.

Der Reiter griff mit den Händen an seinen Kopf und riss mit einem Ruck den Helm herab. Dichtes, aber schwindendes blondes Haar kam zum Vorschein. Er richtete seinen Blick nach oben, ein verhärmtes, gealtertes Gesicht, das Kendidra wiedererkannte. Erneut erzitterte ihr Körper, diesmal aus Hoffnung und Erleichterung – Athelric, der Vatersbruder ihres Manns. Ein Mitglied der königlichen Familie und ihren Kindern blutverwandt. Aber als sie noch darauf hoffte, dass er sie beschützen würde, wurde sie wieder von Angst ergriffen. Die Geschichte der königlichen Familie war von vielen Gelegenheiten gekennzeichnet, bei denen sie ihr eigenes Blut vergossen hatte, und Athelric hatte sich auf die Seite der Elfenbrut geschlagen. Als Unwins Halbbruder hatte der Elfensohn genügend Gründe, Unwins Kinder tot sehen zu wollen.

»Treibt kein Spiel mit uns!«, rief Athelric. »Öffnet das Tor! Im Namen des Königs!«

Die Garnison benötigte aber mehr als das, sie brauchte Gewissheit. Der Hauptmann brüllte zurück: »In wessen Königs Namen sprecht Ihr?«

In diesem Augenblick richtete sich der Reiter, der auf der anderen Seite des Grabens zurückgeblieben war, auf und rief: »In meinem Namen!« Die Stimme wurde durch den Helm zugleich gedämpft und lauter. Kendidras Blick heftete sich voller Angst auf ihn. Das war also der Elfengeborene! Und das war das Schwert. Während sie ihn anstarrte, brachen die Landbewohner, die sich um die Reiterschar versammelt hatten, in lauten Jubel aus.

Der Hauptmann sprach leise mit Kendidra. »Herrin, wir können diesen Ort nicht lange halten. Es ist besser, ihren Befehlen Folge zu leisten, als gegen sie zu kämpfen.« Er erhob erneut seine Stimme. »Die Familie des Athelings Unwin befindet sich in meiner Obhut. Wenn ich das Tor öffne, habe ich Euer Wort, dass ihr nichts geschehen wird?«

Athelric wollte gerade sprechen, als ihn die Stimme des Elfensohns zum Schweigen brachte. Er ließ sein Pferd einige Schritte auf die Brücke gehen und richtete sich in seinen Steigbügeln auf. »Wenn ich mir meinen Weg durch dieses Tor erkämpfen muss, dann schwöre ich bei Thunor, dass ich jeden Einzelnen von euch töten werde! Aber wenn mir das Tor geöffnet wird, dann schwöre ich bei Woden, dass keinem ein Haar gekrümmt wird!«, rief der Elfengeborene.

Seine Worte ließen ein Raunen durch die Menschenmenge gehen, auch durch die Truppen – vielleicht war es sogar der Anfang eines Lachens. Doch wenn dem so war, dann wurde das Lachen schnell unterdrückt, und Stille senkte sich wieder auf alle. Niemand drehte mehr seinen Kopf, niemand hob mehr die Hände. Totenstille herrschte nun.

Kendidra, die als Heidin erzogen worden war, verstand den Grund für das Gelächter und die plötzliche Stille. Thunor war der Gott, in dessen Namen verpflichtende Schwüre geleistet wurden; es wurde erwartet, dass einem solchen Schwur Folge geleistet wurde. Doch ein Versprechen im Namen des verräterischen Gottes Woden war ein zweischneidiges Schwert. Woden, der Gott der Schlachten, versprach seinen Anhängern den Sieg im Kampf, und hielt sein Versprechen – bis er es brach. Oder er hielt sein Versprechen und verband es mit Tod oder Verstümmelungen. Als Kendidra die Worte des Elfengeborenen hörte, kam sie nicht umhin zu denken, dass es für ihre Kinder keinen sicheren Platz gab außer in ihrem Grab. Nichts konnte ihnen Schaden zufügen, wenn sie erst dort lagen.

Sie wandte sich ihrem Hauptmann zu, als dieser sich gerade zu ihr umdrehte. »Herrin, wir müssen das Tor öffnen«, sagte er in dem Augenblick, als sie ihm befehlen wollte, niemals dieses Tor öffnen zu lassen. »Herrin -« Er legte ihr seine Hand auf den Arm. »Wir können sie nicht lange aufhalten. Wenn sie im Blutrausch die Burg stürmen …«

Kein Wort kam über ihre Lippen. Sie nickte, und dann lief sie zur Leiter, die vom Tordach nach unten führte.

Als sie den Innenhof erreichte, wurden die schweren Torflügel gerade nach innen gewuchtet. Während die Reiter die Brücke überquerten und mit schwerem Hufschlag durch das Tor kamen, rannte sie mit gerafftem Rock über den Hof zu ihrem Haus, ohne auch nur auf ihren angeheirateten Verwandten Athelric zu warten. Sie wollte ihre Kinder finden. Wenn diese Männer, die gerade zu Pferd in ihr Heim eindrangen, den Befehl hatten, die Kinder des Athelings zu finden und zu töten, dann wollte sie vor ihnen stehen und, solange sie es konnte, für sie kämpfen.

In Friedenszeiten hätte es zu ihren Pflichten gehört, sich um die Unterbringung der Gäste zu kümmern, um deren Verpflegung, die Stätten, wo die verschiedenen Truppen der Leibgarde nächtigen konnten. Aber nun wurde ihre Hilfe nicht benötigt. Die Truppen ritten herein und begannen mit viel Geschreie und Hufgeklapper die Ställe und Gasthäuser selbst in Besitz zu nehmen, unter Anweisung ihrer eigenen Hauptleute. Sie wusste, dass sie die Nahrungsvorräte überprüfen und ihren Hauptmann seines Postens entheben würden. Sie würden seine Männer unterschiedlichen Truppen zuordnen, um ihre Treue zu schwächen. Dann würden sie die Pferde im Stall zählen, die Schweine in ihren Koben, die Hühner in ihren Ställen. Hätte man sie gefragt, dann hätte sie den gesamten Vorgang gründlicher und schneller erledigen können, aber in diesem Augenblick gedachte sie ihren Kindern nicht von der Seite zu weichen. Auch nicht ihren vier Kammerzofen, die sie in ihren Räumen um sich versammelt hatte. Sie waren alle Mädchen aus gutem Hause, die man zu ihr geschickt hatte, um ihnen das Führen eines Haushalts beizubringen. Sie konnte sie kaum draußen in der Residenz umherirren lassen, wenn sich dort fremde Truppen herumtrieben.

Und so sprachen die Frauen, eingesperrt in Kendidras kleinem Zimmer, zum Wohle der Kinder über Belanglosigkeiten. Sie erzählten sich Geschichten und sangen, während sie wie jeden Tag Garn spannen. Als Schreie von draußen die Kinder an die Fenster laufen ließen, holten sie sie wieder zurück und versuchten sie abzulenken, mit Witzen, Spielzeug, Nüssen, allem, was ihnen in den Sinn kam. Der Älteste, Godwin, wusste, warum seine Mutter und ihre Mädchen so nervös waren, warum ihre Stimmen so schrill klangen, während sie Geschichten erzählten, warum sie so häufig lachten, sich aber aus furchtsamen Augen anblickten. Er wusste, dass sie sich alle in Gefahr befanden und dass sein Vater vielleicht schon tot war. Dieses Wissen erfüllte ihn mit einer ungeheuren, von Entsetzen getriebenen Kraft, und er stand an der Seite seiner Mutter, während sie in ihrem Stuhl saß. Er war entschlossen, all das zu sein, was ein ältester Sohn für seine Mutter sein konnte: entschlossen, für sie zu kämpfen, für seinen jüngeren Bruder und seine Schwester, wenn es dazu kam. Er atmete schwer und fingerte am Heft seines kleinen Dolchs herum, während er in Gedanken die Bewegungen durchging, die er zu ihrer Verteidigung durchlaufen musste. Oder er eilte von Wand zu Wand in seinem Zimmer, oder er ging hinunter in den Saal zu den Dienern, um zu hören, was sie erzählten. Er traute sich sogar bis zur Haustür, um in den geschäftigen Innenhof zu blicken, bevor er wieder an die Seite seiner Mutter zurückkehrte, um sicherzustellen, dass sie in Sicherheit war.

Die jüngeren Kinder, Godhelm und das kleine Mädchen Godhilda, waren über die spürbare Anspannung um sie herum einfach nur verwirrt, über den schrillen Klang der Stimmen, die schlechte Laune ihres älteren Bruders, die Langeweile, schon den ganzen Tag eingesperrt zu sein. Godhilda machte dies nervös und weinerlich und Godhelm mürrisch.

Kendidra wollte aufstehen und wie Godwin hin- und hergehen, wollte mit ihrer Faust auf das Holz einschlagen. Aber sie schluckte all ihre Wut und ihre Ängste herunter und zwang sich still sitzen zu bleiben, um Fingerspiele mit Godhilda zu spielen. Insgeheim fragte sie sich, ob sie ihr Kind heute noch lebend zu Bett bringen würde. Doch wenn sie tot ist, dann werde ich auch tot sein, dachte sie, und dann muss ich auch nicht trauern.

Sie versuchte sich einzureden, vor nichts Angst haben zu müssen und dass eine sächsische Frau mutig zu sein hatte. Aber so sehr sie es auch versuchte, so kehrte die Angst doch immer wieder zurück, als beklemmendes Gefühl unter ihrer Haut, eiskalt und quicklebendig. Sie wusste genau, wenn ihr eigener Ehemann, Unwin, in derselben Lage gewesen wäre, dann hätte er die Ermordung der Kinder seines Rivalen mit derselben Leichtigkeit angeordnet, wie sie das Schlachten der Lämmer für ein Festmahl anordnete – als etwas Notwendiges, an das man seine Gedanken nicht zu verschwenden brauchte -, und wirklich, je weniger sie darüber ...

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