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Elendsende

PROLOG –

28. Juli 1928, ca. 20:45 Uhr, Polizeiwache Hoheluft

Teil I

06:15 Frühes Aufstehen

07:30 Morgenstund‘ hat Gold im Mund

07:15 Arbeit, nichts als Arbeit

09:30 Frühstückspause in der Cigarettenfabrik

10:00 Eine hochherrschaftliche Villa

10:15 Grünhöker Plenzke

10:55 Villa Aurora, Grömitz/Ostsee

10:30 „Salon für die Dame“

10:55 Villa Luna, Sommerresidenz der Familie de Breuyn

11:45: Freudige Erwartung

13:15 Hof Butenschön

13:25 Feierabend!

13:30 Sowas gehört fortgesperrt!

13:35 Aus Kindern werden Engel

13:40 Jungenspiele

14:15 Familie Sienknecht sammelt sich

15:15 Minderwertiges Pack

15:30 Sommernachmittag im Stadtpark

15:45 Ein dunkelhaariger Junge

16:15 Gestohlene Zeit

16:30 Nicht für Mädchenohren

16:45 An Kindes Statt

17:45 Niemals könnte ich ihr etwas antun!

18:50 Und alle haben etwas geahnt

19:00 Festvorbereitungen

19:55 Schlechte Stimmung

20:05: Ein großzügiges Angebot

20:20 Heimkehr auf den Hof

Teil II –

10. Oktober 1928 Das perfekte Mädchen

11. Oktober 1928 Die Witwe in der Neustadt

11. Oktober 1928 Ein englischer Gentleman

11. Oktober 1928 Großzügigkeit und Panik

11. Oktober 1928 Neue Papiere sind notwendig

12 Oktober 1928 Veränderungen müssen sein

12 Oktober 1928 Feines Tuch

12 Oktober 1928 Verblichene und Verblasstes

12 Oktober 1928 Ein vielbeschäftigter Mann

12 Oktober 1928 Ein Schreck und eine Beichte

12 Oktober 1928 Gartenwege und Lauben

6. Oktober 1928 Ein guter Freund

7. Oktober 1928 Dreck am Stecken

7. Oktober 1928 Das erste Mal

8. - 10. Oktober 1928 Kreuz und quer durch die Stadt

26. Oktober 1928 SS „Lady Adele“

30. Oktober 1928 Ankunft

23. Dezember 1928 Vorweihnachtszeit

Teil III

13. August 1934 Lang ersehnte Rückkehr

1930 bis Mitte 1934 Kennedys Pub

13. August 1934 Missbrauch

15. August 1934 Tiefste Verzweiflung

15. August 1934 Ausgesiebt

Teil IV

28. Mai 1955 Besuch in der alten Welt

29. Mai 1955 15:30 Wohlhabende Verwandte

20. Oktober 1954 Die Vergangenheit holt ihn ein

28. Mai 1955 – Vorsichtige Annäherung

31. Mai 1955 Die Laube mit der grünen Tür

31. Mai 1955 Der werfe den ersten Stein

4. Juni 1955 Unbehagliches Schweigen

5. Juni 1955 Fahrt aufs Land

5. Juni 1955 Wiedersehen

Nachwort

PROLOG–

28. Juli 1928, ca. 20:45 Uhr, Polizeiwache Hoheluft

Trotz der Hitze, die, auch jetzt am Abend noch, stickig in der mit Aktenschränken vollgestopften holzgetäfelten Wachstube stand, zitterte Henriette am ganzen Körper. Ihre Haare klebten schweißfeucht an den Schläfen, hinter ihren Augen verspürte sie einen bohrenden Schmerz. Ihr Hals war ausgedörrt, krampfhaft versuchte sie, ein wenig Speichel zu sammeln, doch auch ihr Mund war völlig trocken.

Ob sie Walter um ein Glas Wasser bitten konnte?

Scheu musterte sie den jungen Mann, der in seiner strengen Uniform fremd und erwachsen aussah, steif an der Tür lehnte und es geflissentlich vermied, auch nur in ihre Richtung zu schauen. Walter war nur wenige Jahre älter als sie selbst, zwei seiner jüngeren Geschwister waren mit ihr in die Schule gegangen. Und von seinem Bruder, dem neunzehnjährigen Ulrich, hatte Henriette im letzten Sommer ihren ersten Kuss bekommen.

Ulrich.

Dieser schöne Sommertag mit ihm schien so unendlich weit entfernt zu sein.

Er hatte sie auf seinem Fahrrad mitgenommen, um ihr endlich einmal zu zeigen, wo er den ganzen Tag arbeitete. Der warme Wind hatte ihre Haare zerzaust, während sie in Richtung Hafen und Landungsbrücken gerollt waren.

„Hier muss ich jeden Morgen längs“ mit einer weiten Geste hatte Ulrich die Straßen umfasst, bevor er rasch wieder an den Lenker gegriffen hatte, weil der Weg von St. Pauli herunter an die Hafenkante steil abfiel und das Fahrrad gefährlich schaukelte. Als die glänzende Kuppel des Elbtunnels in Sicht gekommen war, hatte Henriettes Herz wild zu klopfen begonnen. Ulrich wollte mit ihr doch nicht etwa durch den Tunnel fahren?

Natürlich wusste Henriette, dass der Tunnel seit vielen Jahren die beiden Elbufer miteinander verband, aber bisher war sie nur mit einer Barkasse von einer Flussseite zur anderen gefahren. Niemals zuvor war sie unter dem Wasser hindurchgefahren.

Über ihren Köpfen würde das dunkle Elbwasser strömen, von ihnen nur getrennt durch Mauerwerk! Und wenn der Fluss nun zu stark für die Wände wurde? Ihr Herz hatte gewummert, Ulrich hätte es doch hören müssen! Doch der junge Mann hatte sich auf die vielen Fußgänger, Radfahrer und Fuhrwerke konzentriert, die bereits vor dem Tunnel warteten, dann das Fahrrad vorsichtig abgebremst und war langsam in die Aufzugskabine gerollt, die sich schnell mit Menschen und Fahrzeugen gefüllt hatte. In der Mitte hatte das Fuhrwerk einer Brauerei gestanden, die beiden gedrungenen Pferde hatten mit ihren stampfenden Hufen den Boden des Fahrkorbes erzittern lassen. Henriette war bebend vom Rad abgestiegen.

„Was ist?“ Ulrich hatte ihr fragend unter das Kinn gefasst. „Angst? Musst nich hebben, ich bün ja ok noch dor…1

Die Umstehenden hatten amüsiert gelächelt und Henriette war das Blut heiß in die Wangen gestiegen. Nachdem der erste Schrecken überwunden war, hatte es ihr dann aber sogar gefallen, in der hölzernen Kabine langsam abwärts zu ruckeln. Im Tunnel war es ziemlich kühl gewesen und Ulrich hatte sein Rad langsam neben ihr hergeschoben, damit Henriette jeden Meter der gefliesten Tunnelwände bewundern konnte.

„Mien Vadder seggt, dat isn grootes Glück, datt wi nu den Tunnel hebt, makt den Weg bannig körter“.2

Henriette hatte genickt, sie hatte Herrn Böttcher einmal davon erzählen hören, wie voll die Barkassen früher gewesen waren, die die Werftarbeiter zur Arbeit auf der anderen Uferseite und zurück transportierten. Trotzdem war ihr immer noch etwas unbehaglich gewesen, wenn sie an all das Wasser über ihnen dachte.

Am Tunnelende hatte eine Kabine gewartet, die sie wieder nach oben ans Tageslicht befördert hatte. Die Sonne war nach dem kühlen Dämmer im Tunnel so hell gewesen, dass Henriette blinzeln musste. Stolz hatte Ulrich auf die großen eisernen Buchstaben am Werkstor gezeigt.

BLOHM & VOSS

Dann hatte er auf eine Halle gedeutet, die seitlich neben dem Eingangsgebäude aufragte und stolz gesagt: „Dor achtern, dor kloppt wi den leeven langen Dag…“3

Auf dem Rückweg hatten sie am Tunneleingang warten müssen, bis eine freie Kabine kam. Im Schatten des Eingangs hatte es Henriette plötzlich gefröstelt und Ulrich hatte ihr fürsorglich seine Jacke um die Schultern gelegt, ihr Kinn sanft angehoben und sie ganz zart auf die Lippen geküsst. Henriette war ganz komisch geworden, doch danach waren sie schweigsam und verschämt den Weg zurück zur Hoheluft gefahren.

Verlegen hatte Ulrich sie vor der Haustür gefragt, ob sie noch mit ihm in Knopf’s Speise- und Schankwirtschaft gehen würde. Zögernd hatte Henriette gesagt, dass es eigentlich schon zu spät sei und Mutti bestimmt schon ungeduldig auf ihre Rückkehr warten würde. Doch dann hatte er so bittend ihre Hand ergriffen, dass sie rasch genickt hatte. Im Wirtshaus hatten sie sich einen freien Platz gesucht und Ulrich hatte ihr einen Kirschsaft spendiert und selbst ein kleines Bier getrunken. Später, vor der Haustür hatte er ihr noch einen Kuss gegeben und einen kurzen Moment hatte sie sich an ihn geschmiegt, bevor sie in den kühlen Hausflur geschlüpft war.

Es war einer der schönsten Tage ihres Lebens gewesen.

Mit einem lauten Knall schlug die Tür hinter Wachtmeister Soennichsen zu; Henriette schrak zusammen und war augenblicklich zurück in der heißen und beängstigenden Gegenwart. Polizeianwärter Walter Böttcher stand sofort stramm und Henny schluckte trocken. Der verächtliche Blick, der sie aus den blassblauen Augen des dicken Wachtmeisters traf, ließ sie noch ängstlicher in sich zusammenkriechen.

Der bullige Wilhelm Soennichsen setzte sich hinter den großen Schreibtisch, musterte sie ausgiebig und schien sich an ihrem Unglück zu weiden, bevor er endlich polterte: „Nun, Frolleinchen? Ist dir inzwischen mehr eingefallen, außer ‚das war ich nicht‘ und ‚ich weiß nicht, was passiert ist‘? Hab ich doch gewusst, dass ich dich mal hier sitzen haben werde. Dich oder einen anderen von euch Sienknechts!“

Er wandte sich halb zu Walter und fragte barsch: „Oder hat sie in der Zwischenzeit doch was gesagt?“

Walter schien noch weiter zu schrumpfen, bevor er endlich stotterte: „Nee se…. Se hett gunnix seggen deit.“ Und dann gleich nochmal mit hochrotem Kopf auf hochdeutsch: „Nein, Herr Wachtmeister. Sie hat nichts gesagt.“

Aufatmend trat Walter an das kleine Tischchen in der Ecke. Die Erleichterung, dass jemand anderes sich nun um Henriette kümmerte, war ihm deutlich anzusehen. Walter Böttcher setzte sich an die Schreibmaschine, legte die Hände über die Tasten und wartete darauf, dass Soennichsen mit dem Verhör beginne.

Doch der räusperte sich erst einmal ausgiebig, rutschte auf dem knarrenden Stuhl hin und her, häufte Papiere zu kleinen Stapeln und zog an seinen Ärmeln. Genau wie Henriette schrak auch Walter zusammen, als sein Vorgesetzter auf einmal losblaffte: „So, du willst also nicht antworten? Nein? Macht nichts, ich weiß auch so, was du getan hast!“

Henriette schüttelte verzweifelt den Kopf, versuchte etwas zu sagen, aber außer einem heiseren geflüsterten „Nein, ich hab ihr nichts getan“, das sogar für ihre Ohren fast unverständlich war, kam nichts heraus.

Mit einem höhnischen Lächeln stemmte Soennichsen seine kräftigen Arme auf die Schreibtischplatte und beugte sich weiter vor, sie dabei mit zusammengekniffenen Augen musternd, bevor er verächtlich hervorstieß: „Sprich gefälligst laut und deutlich, du kleine…!“

Heiß traten Henriette Tränen in die Augen, der Kloß im Hals tat jetzt richtig weh. Sie richtete sich auf, schluckte mühsam und presste mit leiser Stimme hervor: „Ich habe Margarete nichts getan. Bitte. Sie müssen mir glauben.“

Und brach endgültig in Tränen aus, schniefte und heulte.

Soennichsen hieb mit der Hand auf den Tisch, der Knall ließ Henriette zusammenzucken. „Heulen nützt dir jetzt auch nichts mehr! Du hörst mir jetzt mal genau zu, Frolleinchen. Es gibt jede Menge Zeugen, die dich heute mit deiner Schwester gesehen haben. Geschüttelt hast du sie. Nun ist sie tot. Wer soll es sonst wohl gewesen sein? Du bist doch froh, dass du den oll…“ er unterbrach sich unbehaglich und zögerte, bevor er fortfuhr: „das Kind los bist. Gib‘s einfach zu, das macht es für uns alle leichter!“

Er hatte sich in Rage geredet, war bei seinen letzten Worten sogar aufgesprungen. Henriette schaute verängstigt zu ihm auf, mechanisch schüttelte sie immer schneller den Kopf. Sie musste etwas sagen, aber ihr ganzer Kopf war leer, nur die Worte „ich war es nicht, ich habe Grete nichts getan“ schwappten darin dröhnend von einer Seite zur anderen.

Plötzlich wurde laut und kräftig an die Tür geklopft. Alle drei zuckten zusammen. Wachtmeister Soennichsen fuhr sich nervös durch die verschwitzen Haare, zog hastig seine Uniform glatt und ließ ein donnerndes „HEREIN!“ ertönen.

Polizeianwärter Walter Böttcher sprang verlegen auf: „Herr Wachtmeister, die Kollegen von der Kriminalpolizei…“ Soennichsen schien vor Wut mit den Zähnen zu knirschen, besann sich dann aber und sagte leiser, um einen jovialen Tonfall bemüht: „Es ist gut, Böttcher. Das kann ich ja auch selber sehen.“

Bevor Walter ordentlich Meldung machen konnte, hatte der erste Besucher, ein hochgewachsener blonder Mann, ihn auch schon freundlich, aber bestimmt zur Seite geschoben: „Vielen Dank, Böttcher, wir machen uns selbst bekannt mit Herrn Wachtmeister Soennichsen. Schmahl mein Name.“

Mit diesen Worten stand der Mann auch schon mitten in der Wachstube, direkt vor Soennichsens Schreibtisch, der sich hastig bemühte hochzukommen und ordentlich dazustehen. Ein langer schwarzer Rock raschelte an Böttcher vorbei, verdutzt entdeckte der, dass der zweite Besucher eine weibliche Person war, die hochaufgerichtet hinter ihrem Vorgesetzten Detlef Schmahl her schritt, ohne Walter jedoch zu beachten.

Kriminalkommissar Schmahl deutete knapp auf seine Begleiterin, stellte sie mit einem flüchtigen „Ingeborg Grünlich, eine…“ Er stockte und suchte nach dem richtigen Begriff, Kollegin wollte ihm anscheinend nicht über die Zunge schlüpfen, also sagte er nur lahm: „Auch bei der Polizei.“

Barsch sagte Soennichsen, ohne Walter in die Augen zu schauen: „Wir brauchen Sie im Moment nicht, Böttcher. Fräulein Grünlich kann das Protokoll schreiben. Sie kann auch stenographieren.“ Die Polizistin würdigte auch er keines Blickes.

Die Tür schlug zu, das Letzte, was Walter Böttcher sehen konnte, war die zitternde Henriette Sienknecht, die wie ein Häuflein Elend auf der vordersten Kante des hölzernen Stuhls hockte. War sie nicht im letzten Sommer sogar mal kurz die Freundin seines Bruders Ulrich gewesen?

Henriette stammte, ebenso wie Walter Böttchers Familie, aus dem kleinen Arbeiterquartier, das im Zuständigkeitsbereich der Polizeiwache Hoheluftchaussee in Hamburg lag. Wohl auch deswegen verspürte Walter ein unangemessenes Mitleid mit dem Mädchen und schalt sich dafür. Sie wurde schließlich verdächtigt, ihre kleine Schwester getötet zu haben. Vorstellen konnte er sich das allerdings nicht. Doch nicht Henriette. Im Leben nicht! Im Gegenteil, Henny – wie sie meistens genannt wurde – sorgte doch mit unendlicher Geduld und Fürsorge für die Kleine.

Was kaum einer der Nachbarn verstand. Auch Walter nicht. Schließlich war Margarete ein hässliches, sabberndes Idiotenkind. Deshalb begriff Walter auch nicht, warum sein Vorgesetzter sich jetzt auf einmal so aufregte. Hatte er ihn doch zu anderen Gelegenheiten sagen hören, dass sowas am besten ertränkt würde. Und wenn nicht ertränkt, dann wenigstens gut weggesperrt, hinter den hohen Mauern der Irrenanstalten Friedrichsberg oder Langenhorn.

Andererseits konnte Walter sich sehr gut vorstellen, wie Soennichsen sich freute, jemandem von diesem „Lumpenpack“ endlich einmal zeigen zu können, wie die Obrigkeit mit seinesgleichen verfuhr. Henriettes Familie war seinem Vorgesetzten schon lange ein gewaltiger Dorn im Auge.

Die Tür zur Wachstube öffnete sich erneut, die Polizistin trat heraus und bat Walter höflich, aber knapp, einen weiteren Stuhl zu holen. Obwohl er diensteifrig nickte, fühlte er sich in seiner männlichen Ehre gekränkt: Sich von einer Frau durch die Gegend scheuchen lassen! Auch wenn sie zehnmal Polizistin wie er und obendrein bei der Kriminalpolizei war, das ging dann irgendwie zu weit. Weibsleute bei der Polizei – da musste er seinem Vorgesetzten recht geben. Die hatten hier nichts zu suchen.

Trotzdem blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als den verflixten Stuhl aus dem zweiten, kleineren Büro zu holen. Als er damit in das Büro kam, hörte er Henriette Sienknecht mit stockender Stimme ihre Personalien angeben:

„Name?“

Kriminalinspektor Schmahl hatte wie selbstverständlich Soennichsens Platz eingenommen. Dieser stand mit hochrotem Kopf und verdrießlicher Miene seitlich neben seinem eigenen Schreibtisch und winkte Walter unwirsch mit dem Stuhl heran.

Als Henriette nicht sofort antwortete, fuhr Soennichsen sie gereizt an: „Antworte gefälligst. Deinen Nachnamen wirst du ja wohl wissen…du…du!“

Schmahl sah kurz hoch, sagte leise: „Es ist gut, Soennichsen“ und wandte sich wieder seinem kläglichen Gegenüber zu. Er wartete noch einen Moment geduldig ab und wiederholte seine Bitte noch einmal, diesmal jedoch in sanfterem Tonfall: „Bitte, sprich laut und deutlich.“

„Ich heiße Henriette Sienknecht.“

„Geboren?“

Henriette räusperte sich, bevor sie leise antwortete: „Am siebzehnten April neunzehnhundertzwölf. In…in Hamburg.“

„Wohnhaft?“

Ingeborg Grünlich machte sich in rasender Geschwindigkeit Notizen auf einem Block, der Bleistift kratzte hörbar über das Papier.

„Löwenstrasse. Nummero acht.“

Walter sah Soennichsen mit zusammengezogenen Augenbrauen grimmig nicken. Löwenstraße. Falkenriedterrassen. Von da konnte ja auch nichts Gutes kommen.

Walter seufzte unhörbar.

Für Wilhelm Soennichsen war jeder Bewohner der kleinen Arbeiterwohnungen von vornherein suspekt und verdächtig. Gesindel, das am besten mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollte.

Sozis.

Rotes Pack.

Proleten.

Verbrecher.

Diese von Soennichsen mit schnarrender Stimme ständig wiederholten Vorurteile kannte Walter inzwischen in- und auswendig. Seine davon abweichende Meinung behielt er jedoch schön für sich. Anwärter Walter Böttcher wollte irgendwann schließlich auch einmal Wachtmeister werden.

1Angst? Muss du nicht haben, ich bin ja auch noch da…

2 Mein Vater sagt, das ist ein großes Glück, das wir nun den Tunnel haben, das macht den Weg viel kürzer

3 Dort hinten, dort klopfen wir den lieben langen Tag

Teil I

06:15 Frühes Aufstehen

Obwohl Gerda Sienknecht in der vergangenen Nacht in dem heißen stickigen Zimmer kaum hatte schlafen können, hätte sie jetzt am frühen Morgen viel darum gegeben, einfach liegenbleiben zu dürfen. Sich im Bett herumdrehen und erst dann aufzustehen, wenn einem wirklich danach zumute war und nicht, weil die verdammte Pflicht einen wieder unerbittlich rief. Und nach dem Aufstehen in ein blitzblankes Badezimmer gehen und dort so lange unter einer kühlen Brause stehen können, wie man Lust und Laune hatte. Sich vom Personal saubere, frischgewaschene Handtücher bereitlegen lassen und in wohlriechende, blitzsaubere Kleidung schlüpfen. Im Esszimmer ein ordentlich gedeckter Tisch mit gekochten Eiern, Brötchen und frisch gebrühtem Bohnenkaffee. War man gesättigt, könnte man sich eine Droschke bestellen, zum Bahnhof bringen lassen und einfach in die Sommerfrische an die Ostsee fahren.

Gerda seufzte. So gut hatten es Familien wie Habermanns. Geld wie Heu und Dienstboten für alles und jedes. Ihre jüngere Schwester konnte davon ein Lied singen, arbeitete Agnes doch seit vielen Jahren dort als Dienstmädchen bei Bankier Habermann in dessen hochherrschaftlicher Villa!

Unerbittlich schlug die Kirchturmuhr sechs und zeigte an, dass es jetzt wirklich höchste Zeit zum Aufstehen war. Ade, schöne Träume von fließendem Wasser, Sauberkeit und Wohlleben. Missmutig setzte Gerda sich auf und strich ihre nassgeschwitzten Haare aus dem Gesicht. Angewidert lauschte sie den Würgegeräuschen, die aus der im vorderen Teil der Wohnung gelegenen Küche kamen und verzog angeekelt ihren Mund. Das konnte nur bedeuten, dass es ihrem jüngsten Kind auch jetzt nicht besser ging als vor einer Stunde, als Gerda zum letzten Mal aufgestanden und in die Küche gegangen war, wo ihre Älteste das Kind aber bereits hochgenommen und von Erbrochenem gesäubert hatte. Gerda seufzte noch einmal, tiefer diesmal. Wie satt sie das alles hatte! Wie leid sie es war, tagein, tagaus eine ganze Familie mit ihrem kargen Lohn ernähren zu müssen. Wie es ihr zum Hals heraushing, dass jeder Tag wie der vorige war, eine einzige Schinderei und Mühsal.

Kräftig gähnend streckte sie sich, erhob sich vom Bett und schalt sich leise. Heute lag doch nur noch ein halber Tag Arbeit vor ihr. Danach gehörte das Wochenende Gustav und ihr! Vielleicht würde er tatsächlich einmal über Nacht bleiben? Und wenn nicht die ganze Nacht, dann wenigstens ein paar Stunden. Stunden, in denen sie in seinen Armen liegen und einmal nur an sich denken durfte.

Ihre Wirbelsäule knackte, als sie mit einer ungeduldigen Bewegung den Kopf nach vorne beugte, um ihre dunklen Haare, die trotz ihrer knapp vierzig Jahre bereits von breiten grauen und weißen Strähnen durchzogen waren, hoch oben auf dem Kopf zu einem unordentlichen Knoten zusammenzudrehen.

Hauptsache, Gustav fing nicht wieder von dem leidigen Thema an!

Sie erhob sich und stieß die kleinen Fensterflügel weit auf, trotzdem kam keinerlei Abkühlung von draußen, nicht der leiseste Luftzug wehte durch den tristen Hinterhof. Aus der Küche war jetzt leises Gemurmel zu hören, wahrscheinlich tröstete Henriette die kranke Schwester. Gerda verzog ihren Mund. Jede Menge Schmutzwäsche war durch den verdorbenen Magen ihrer jüngsten Tochter angefallen, da hatte Henriette später reichlich zu waschen.

Auch in dem schmalen langen Flur stand die Wärme. Aus dem zweiten Zimmer waren jetzt trippelnde Schritte und danach ächzendes Stöhnen zu hören.

Ärgerlich kniff Gerda ihre Lippen zusammen, sie wusste genau, warum ihr ältester Sohn Otto dort drinnen so stöhnte. Geschah ihm ganz recht, wenn ihm der Kopf heute Morgen dröhnte! Es wurde Zeit, dass sie mit dem Bengel ein ordentliches Machtwort sprach. Otto kam und ging, wie es ihm passte – gestern war er wieder einmal mitten in der Nacht betrunken nach Hause gekommen und hatte so herumgelärmt, dass die ganze Nachbarschaft es gehört haben musste! Was für einen Eindruck machte das denn? Als ob Gerda Sienknecht in ihrer Familie nichts zu sagen hatte! Spätestens Morgen beim Sonntagsessen würde sie ihm den Marsch blasen. Leider würde es nicht viel nützen, das wusste Gerda nur zu gut. Mit seinen achtzehn Jahren ließ Otto sich von ihr nichts mehr sagen. In solchen Momenten wünschte Gerda sich sehnlichst einen Vater für ihre Kinder, der mal mit eiserner Faust aufräumte.

Außerdem war es gut möglich, dass Otto sich überhaupt nicht zum Essen hier blicken ließ. Seitdem er diese … diese… Frau kannte, kam er noch unregelmäßiger nach Hause. Die setzte dem Bengel wahrscheinlich auch solche Flausen in den Kopf wie auswandern und abhauen. Zwar dachte Gerda wirklich oft, dass er doch machen solle, was er wollte. Andererseits konnte sie ihn nicht einfach gehen lassen. Wie satt sie das alles hatte!

Durstig ging Gerda in die Küche.

Dort stand Henriette am Herd, Margarete auf der Hüfte und streichelte dem Kind beruhigend den Rücken, während sie auf das Mädchen einsprach. Im Zinkeimer in der Ecke schwammen Wäschestücke, die in der ganzen Küche einen ekelhaft säuerlichen Geruch verströmten.

Als Henriette ihre Mutter erblickte, nickte sie knapp, murmelte leise „Morgen, Mutti“ und drehte ihr den Rücken zu. Gerda ärgerte sich schon wieder. Warum war das Mädchen in letzter Zeit immer so schnippisch? Schließlich tat sie doch wohl alles, damit es der Familie einigermaßen gut ging. Konnte sie irgendwas dafür, dass die kleine Schwester krank war? Aber im Gegensatz zu Otto wurde sie mit ihrer Tochter immer noch fertig, da war Gerda sich sicher. Ein paar harsche Worte genügten und Henny spurte.

„Es geht ihr immer noch nicht besser“, vorwurfsvoll hielt Henriette ihrer Mutter die kleine Schwester hin, bevor sie mit der anderen Hand einen Teller mit einer Scheibe Brot auf den Tisch knallte. Gerda zuckte mit den Schultern und griff nach dem Brot, bevor sie antwortete: „Jo, und? Wat schall ich dorbi moken? Mutt glieks los!4 Weißt doch genau, dass sie mir ne Viertelstunde abziehen, wenn ich zu spät komme.“

Sie biss von ihrem Brot ab und hoffte, dass das Thema nun beendet sei, aber Henriette legte Margarete auf das durchgesessene Sofa, das in der Ecke stand, strich der Kleinen die verschwitzten dünnen Locken aus dem blassen Gesicht und sagte lauernd: „ICH gehe heute Nachmittag aber trotzdem zu Gisela und abends aufs Sommerfest…“

Gerda unterbrach ihre Tochter schroff: „Wie war das eben? Was glaubst du eigentlich…? Wenn es Grete heute Mittag nicht besser geht, wirst du gefälligst zu Hause bleiben und auf sie aufpassen. Und keine Widerrede, mein Frollein!“

Mit einem unterdrückten Schrei sprang Henriette zurück und stieß dabei einen Stuhl polternd gegen den Herd: „Nein! Du hast mir versprochen, dass ich gehen darf. Ich soll auch noch Giselas Kleid nähen und … und … und außerdem ist Grete DEINE Tochter!“

Gerda hob ihre Hand einen Moment zu spät. Bevor sie zuschlagen konnte, war Henriette schon aus der Tür, die mit einem lauten Knall hinter ihr zufiel.

Mit Tränen in den Augen stand Henriette im Flur, als ein gebräuntes rundes Jungengesicht durch den Türspalt des zweiten Zimmers lugte: „Henny, was ist denn los? Gibt es Krach? Ich muss ganz dringend pinkeln.“ Johann, ihr jüngerer Bruder, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, aus dem Zimmer drang der unangenehme Geruch nach abgestandenem Alkohol und männlichem Schweiß. Henriette seufzte: „Halt ja an, Kleiner – ich hol dir den Pott.“

Sie eilte in das Schlafzimmer der Mutter und angelte den halbvollen Nachttopf unter dem Bett hervor.

Durch die dünnen Vorhänge schimmerte ein weiterer sonniger Tag. Bei diesem anhaltenden Schönwetter musste Mutti sich jedenfalls keine Sorgen machen, dass der für heute Nachmittag geplante Ausflug mit ihrem Liebhaber ins Wasser fallen könnte. Und die Laubenpieper auch nicht, dachte Henny und merkte, wie ihre Lippen zu zittern begannen. Seit Wochen hatte sie sich auf das Sommerfest im Schrebergarten gefreut! Ihre Freundin Gisela, die Lehrmädchen im Friseursalon „Für die Dame“ am Eppendorfer Weg war, hatte versprochen, Henriettes lange wellige Haare wenigstens ein bisschen zu glätten. Als Gegenleistung sollte Henny Gisela das von der älteren Schwester abgelegte Kleid ändern. Es musste Grete nachher einfach besser gehen!

Sie reichte ihrem Bruder den Nachttopf hinein und hörte gleich darauf erleichtertes Plätschern.

Heftig klopfte sie von außen an die Zimmertür und mahnte ihren ältesten Bruder: „Otto, steh auf, du kommst sonst noch zu spät“. Das gebrummte „ich komm ja schon“ wartete sie schon gar nicht mehr ab und nahm der Mutter in der Küche die Kleine wieder ab. Gerda fühlte Margarete die Stirn, murmelte „Fieber hat sie nicht, wird ihr nachher wohl besser gehen“ und strich dem Mädchen die verschwitzen Haare aus dem Gesicht. Mit einem flüchtigen Kuss legte Henny die Kleine wieder zurück auf das Sofa, auf dem sie nachts schlief. Die Wohnung bestand nur aus Küche und zwei Zimmern, nachdem Vati gestorben war, hatte Henriette hinten bei Mutti geschlafen. Nach Margaretes Geburt war zuerst Henriette in die Küche gezogen und eines Tages hatte Gerda auch den Korb, in dem Margarete schlief, einfach in die Küche gestellt. Und dabei war es dann geblieben.

Ihre Mutter schöpfte sich eine Handvoll Wasser aus der Schüssel, die auf dem Tisch stand, in den Mund und spuckte ins Spülbecken. „Schmeckt auch nicht, ganz abgestanden und piewarm…“ murmelte sie dabei ärgerlich. Sie goss trotzdem erneut Wasser in ihre Hand und rieb sich flüchtig Gesicht und Achselhöhlen, bevor sie zurück in das Schlafzimmer ging. Henny ärgerte sich schon wieder, sie hatte den unausgesprochenen Vorwurf sehr genau verstanden. Verflixt nochmal! Wann hätte sie denn auch noch frisches Wasser an der Pumpe holen sollen?

Im hinteren Zimmer hingen Rock und Bluse bestimmt schon griffbereit über dem Stuhl, Henny wusste, dass ihre Mutter morgens keine Zeit verlor. Gleich danach kam Gerda auch schon wieder fertig angezogen zurück und band den unordentlichen Haarknoten mit einem Stoffstreifen hoch. Henriette wusste auch, dass der Mann, der bei Mutti in der Küche das Sagen hatte, immer ganz genau darauf achtete, dass kein Härchen unter der Haube hervor sah. „Erbsenzähler“ nannte Mutti ihn immer verächtlich, gab aber andererseits auch zu, dass es schlimmere Chefs als Herrn Mahler geben würde.

Schon im Weggehen verteilte Mutti wieder Aufgaben: „Wir brauchen Brot und Milch. Außerdem musst du dich dringend um die Bügelwäsche kümmern, Blumes warten schon drauf. Ich hab ihnen die Tischwäsche für heute versprochen. Und denk dran, Tante Agnes hat heute ihren freien Nachmittag, du musst vor drei Uhr bei ihr sein, um Kissen und Servietten hinzubringen. Und bring den Rest von der Miete zu Feddersen.“ Das Letzte sagte Gerda mit abgewandtem Gesicht. Henny biss sich auf die Lippen und nickte wortlos, während sie weitere Brotscheiben abschnitt, um Otto die Brote für seine Frühstückspause zu streichen.

Aus dem Zimmer nebenan war erneutes Gerumpel und Gestöhne zu hören. Henriette verzog säuerlich den Mund: „Otto war ja ganz schön spät zu Hause – un weer bannig duhn…“5

Gerda zuckte zusammen und fauchte: „Der Junge arbeitet ja wohl hart, da darf er freitags auch mal was trinken gehen…“

Henriette kniff wütend die Lippen zusammen. Egal, was Johann oder Otto auch anstellten, bei Jungs war alles immer „halb so schlimm“. Deshalb antwortete sie bockig nicht, als ihre Mutter sagte: „Ich geh‘ dann mal.“

Einen Daumen im Mund, lag Margarete teilnahmslos auf dem Sofa, den Blick an die Decke gerichtet. Gerda zuckte achtlos mit den Schultern und Henriette wusste, dass ihre Mutter sich darauf verließ, dass sie schon wissen würde, was das Richtige für die Lütte6 war. Wenn man ehrlich war, hatte Mutti auch nicht allzu viel Geschick mit Kranken und verstand sich nicht auf deren Pflege. Margarete war sowieso ein besonderer Fall, schwächlich und verkrüppelt wie sie war, brauchte sie weitaus mehr Fürsorge als andere Dreijährige.

Mit einem widerwilligen Blick auf ihr jüngstes Kind, dessen vorstehende blassblaue Augen teilnahmslos durch seine Mutter hindurchsahen, ging Gerda Sienknecht zur Tür hinaus.

Otto stolperte leicht schwankend in die Küche, knirschte mit zusammengebissenen Zähnen einen Gruß und nahm seiner Schwester den hingehaltenen Becher Wasser aus der Hand. Mit wenigen Zügen leerte er ihn, raschelte mit dem kleingeschnittenen Zeitungspapier, das als Klopapier diente, und lief rasch in den Hof hinunter zu den Aborten.

Als er sah, dass seine Mutter ihr Fahrrad mühsam aus dem Keller hinaufschleppte, brummte er: „Hättst wat seggt, ich hev di hulfen7“. Doch Gerda schnappte gereizt zurück, dass es schon spät sei und dass sie dringend los müsse und er sich auch beeilen solle. „Un i mütt mi jo omtrecken!8“ Punkt sieben war Arbeitsbeginn in der Küche und vorher musste sie Rock und Bluse in den Spind hängen, in den Kittel schlüpfen und sämtliche Haare fest unter das Häubchen stecken.

Achselzuckend verschwand Otto in einem der Aborte auf dem Hof, den sich die Mieter der Häuser sechs bis zehn teilten.

Gerda stieg schwungvoll auf ihr Rad und radelte durch die Toreinfahrt hinaus auf die Löwenstraße. Dieses Fahrrad war wirklich das beste Geschenk, das Gustav ihr jemals machen konnte! Sie war viel schneller auf der Arbeit, konnte rasch nach Feierabend ihre Schwester Meta in Barmbeck besuchen oder abends mal zu Agnes zu Bankier Habermann am Innocentiapark radeln.

Natürlich waren alle Geschenke von Gustav schön gewesen: das rote Hütchen mit dem schwarzen Samtband, das er ihr zum letzten Geburtstag im April geschenkt hatte. Die Armbanduhr zum Weihnachtsfest, die sie nur sonntags anlegte oder an den Tagen, an denen Gustav zu Besuch kam. An allen anderen Tagen ruhte die zierliche Uhr mit dem feinen Gliederarmband in dem mit rotem Samt ausgeschlagenen Kästchen. Juwelier Brandes, Mönckebergstrasse 3, Hamburg stand in goldenen Buchstaben im Deckel. Ihre Tochter war damals vor Stolz fast geplatzt, als Gustav Henriette vor Weihnachten in die Stadt mitgenommen hatte, damit sie das Geschenk mit ihm zusammen aussuchte. Aber das rote Damenfahrrad mit dem Korb am Lenker war wirklich das Allerbeste!

Sonnabends hatte Gerda schon um halb zwei Feierabend. Gustav hatte versprochen, sie mit den beiden jüngeren Kindern spätestens um drei abzuholen, um einen Ausflug in den Hamburger Stadtpark zu unternehmen. Gerda lächelte. Ein ganzer Nachmittag mit Gustav. Als ihr einfiel, dass er wieder die leidigen Fragen nach Fortgehen und Unterbringung von Grete anschneiden würde, verzog sie böse das Gesicht. Ach was, sagte sie sich. Er wird uns diesen Tag doch auch nicht verderben wollen. Sie würde ihn stattdessen überreden, am Stadtparksee ein Boot zu mieten und in einem Restaurant einzukehren.

Obwohl ihr eigentlich egal war, was sie aß, liebte sie es, unter verschiedenen Sorten Kuchen und Torten auswählen zu können, und später jovial vom Kellner gefragt zu werden, ob es den Herrschaften geschmeckt habe? In solchen Momenten fühlte sie sich endlich mal wie Jemand. Sie konnte nur hoffen, dass Grete sich bis heute Nachmittag erholt hatte. Doch wenn nicht, musste Henriette eben mit der Kleinen zu Hause bleiben. Gerda konnte sich deren Enttäuschung zwar ausmalen, aber das wäre dann eben nicht zu ändern. Auf keinen Fall würde sie auf ihren Ausflug mit Gustav verzichten!

Seit Wochen war das Sommerfest in der Schrebergartenkolonie Henriettes Lieblingsgesprächsthema. Gisela wollte Henriette die „Haare machen“ und Henny sollte irgendwas an Giselas Kleid ändern. Enger oder weiter machen, Gerda hatte nicht hingehört, wenn die beiden kichernd und tuschelnd in der Ecke saßen. Du liebe Güte, die beiden Mädchen waren noch so jung! Gerda erinnerte sich, wie albern sie und ihre Schwestern Meta und Agnes in dem Alter gewesen waren. Allerdings währten diese unbeschwerten Momente nie lang, dafür waren Mutter und Vater zu streng, der elterliche Hof zu arm und die Arbeit dort zu hart gewesen.

Wie glücklich und stolz war die kleine Gerda Meier gewesen, als der „schöne“ Hans Sienknecht, der Sohn des Schmieds aus dem Nachbardorf, endlich um ihre Hand angehalten hatte. SIE hatte ihn bekommen – groß und stattlich hatte ihr Verlobter neben ihr gestanden und jeden aus der kleinwüchsigen Meier-Sippe auf ihrem kärglichen Hof um mehr als zwei Köpfe überragt. Für Gerda war die Heirat damals die einzige Möglichkeit gewesen, dem elterlichen Hof zu entkommen, den der älteste Bruder übernommen hatte und der gerade nur genug abwarf, um dessen Familie und den Altbauern mehr schlecht als recht zu ernähren. Jeder weitere Fresser war lästig. Gerdas Arbeitskraft zur Erntezeit und in den Ställen war natürlich jederzeit hochwillkommen gewesen, aber sowohl Schwägerin als auch Bruder und Eltern zeigten Gerda und deren jüngerer Schwester Agnes, wer auf diesem Hof jetzt das Sagen hatte. Mit Argusaugen wurde jeder Bissen beobachtet, den man sich bei Tisch nahm.

Und dann hatte Hans endlich beim Vater um ihre Hand angehalten. Im September 1909 hatte die einundzwanzigjährige Gerda Meier überglücklich in ihrem besten Kleid neben Hans Sienknecht in der kleinen Dorfkirche in Fahrenkroog gestanden und einen kleinen Feldblumenstrauß an ihre magere Brust gepresst. Mit seinen kräftigen Armen versprach ihr Bräutigam Schutz und Sicherheit. Hans‘ blaue Augen blitzten und er hatte fröhlich gelächelt, bevor er dem Pastor laut und deutlich versprochen hatte, ihr treu bis in den Tod zu sein. Danach hatte er ihr einen herzhaften Kuss mitten auf den Mund gegeben und in die Runde gestrahlt. „Mien seute Gerda is de scheunste Deern9.“ Ihr Herz hatte so laut geklopft wie noch niemals zuvor.

Zur Feier des Tages hatte die Altbäuerin eine Suppe aufgetischt, in der ausnahmsweise ein paar Fleischstücke, kleine Mehlklößchen und Karottenscheiben herumschwammen. Der Vater hatte tatsächlich eine Flasche von seinem kostbaren Selbstgebrannten hervorgeholt, auch wenn er sich selbst dann aber am großzügigsten davon bedient hatte. Ängstlich beobachtet von den Frauen des Hofes, wussten sie doch alle, wie bösartig der alte Meier werden konnte, wenn er einen in der Krone hatte. Doch Gerdas Vater hatte nur stumpf brütend in seiner Ecke gesessen, als die Frischvermählten nach dem Hochzeitsessen die hölzerne Truhe mit der Aussteuerwäsche aus dem Mädchenzimmer in die Kammer trugen, die der Neubauer Schwester und Schwager zugewiesen hatte und die in früheren Jahren vom Großknecht bewohnt worden war.

Gerdas Hochzeit war für ihre älteste Schwester Meta der einzige Grund gewesen, dem elterlichen Hof nach mehreren Jahren Abwesenheit wieder einmal einen Besuch abzustatten. Denn die Älteste hatte schon vor einiger Zeit nach Hamburg geheiratet und war nun die Frau von Tischlermeister Papendieck.

Gut hatte Meta damals bei Sienknechts Hochzeit ausgesehen, mit frohem Gesicht und runden Wangen war sie vom Fuhrwerk gestiegen, auf dessen Seiten der Schriftzug prangte: Tischlerei Papendieck, Hamburg-Barmbeck. Später, an der Tafel beim Hochzeitsessen hatte Meta von ihrem Leben in der großen Stadt geschwärmt und Schwestern und neu angeheirateter Schwager hatten an ihren Lippen gehangen. Schüchtern hatte Gerda immer wieder den guten festen Stoff von Metas Kleid mit ihren schwieligen Händen befühlt, während ihre Schwester wortreich das Haus, das neben der Tischlerei lag, beschrieben hatte. Es klang alles fast märchenhaft!

„Überlegt es euch doch“, hatte Meta gesagt, als sie am nächsten Morgen das Pferd anschirrte, um heimzufahren. „Arbeiten muss man in Hamburg auch, geschenkt kriegst nirgends was. Aber es ist besser, als sich von denen da“ abfällig hatte sie mit dem Kopf auf Bruder und Schwägerin gedeutet, die mit finsterem Mienen unter der Haustür standen, „als sich vom eigenen Bruder als Magd herumschubsen zu lassen.“

Dieser Satz war Gerda wochenlang im Kopf herumgegangen. Einen eigenen Hausstand zu haben und keine Mutter, die ständig herumgiftete, weil Hans mal wieder laut pfeifend über den Hof gegangen war. Misstrauisch beäugt von der Sippe - wie konnte man von früh bis spät hart arbeiten und dabei auch noch fröhlich sein? Hamburg hatte immer mehr wie ein Zauberwort in ihren Ohren geklungen. Keine Schwägerin mehr, die bei jeder Scheibe Brot, die man aß, laut seufzte und zögerte, bevor sie den Brotkorb widerwillig weiter reichte. Nicht nur eine ärmliche Kammer haben, sondern in einer richtigen Wohnung mit einer eigenen Küche wohnen!

Spätabends, wenn sie mit Hans im Bett gelegen hatte, wurde über die Möglichkeit beratschlagt und geflüstert, auch in die Stadt zu ziehen. Ob man dort wirklich so leicht Arbeit finden konnte, wie Meta behauptet hatte?

Der Winter auf dem ärmlichen Hof mit seinen unfreundlichen Besitzern war grau und düster gewesen und sogar der stets fröhliche Hans Sienknecht hatte irgendwann seine gute Laune verloren. Also hatte er im Januar neunzehnhundertzehn seine wenigen Habseligkeiten zusammengeschnürt und war nach Hamburg gefahren. Meta hatte in ihrem Brief zu Weihnachten von ihrem Mann ausrichten lassen, dass Schwager und Schwester jederzeit willkommen wären im Hause Papendieck.

An einem bitterkalten Februartag hatte Hans Sienknecht das erste Mal vor dem großen Tor der Straßenbahnwerkstätten am Falkenried gestanden und zögernd die hineinströmenden Arbeiter beobachtet. „Für einen guten Schmied findet sich da immer eine Stelle!“

Eine halbe Stunde zuvor hatte der Schwager Pfeife rauchend mit ihm auf dem Hof der Tischlerei gestanden und ihm Mut gemacht, bevor er ihm noch einmal ganz genau den Weg von Winterhude nach Hoheluft erklärt hatte. Staunend über das geschäftige Treiben und die Menschenmengen war Hans schließlich am Winterhuder Marktplatz in den Pferdeomnibus gestiegen und an der Haltestelle Lehmweg wieder ausgestiegen, um den kurzen Weg zu den Straßenbahnwerkstätten zu Fuß zurückzulegen.

Hier und da fuhren noch Pferdebahnen in Hamburg, aber als aufstrebende Großstadt wollte man gleichziehen mit anderen Metropolen, deshalb wurde die Straßenbahn elektrifiziert. Neue Waggons wurden dafür gebaut und für diese Arbeiten wurden in den Straßenbahnwerkstätten Falkenried kräftige Männer wie der Schmied Hans Sienknecht gebraucht.

Während Hans in Hamburg arbeitete, bei Schwager und Schwägerin wohnte und eisern jeden Pfennig sparte, wurde am vierten Mai neunzehnhundertzehn sein erstes Kind auf dem Hof in Fahrenkroog geboren. Ein kräftiger Junge, der auf den Namen Ottokar getauft und Otto genannt wurde. Verzweifelt hatte Gerda ihr Kind nach der Geburt an sich gedrückt, doch die wenigen Tropfen Milch aus ihren Brüsten waren viel zu wenig für den hungrigen Jungen gewesen. „Dat ward jo jümmers scheuner – nu schall we ook no diene Görn dorch futtern?10“ hatte die Schwägerin geschimpft, als sie ihr die Milchkanne brachte. Weinend hatte Gerda einen Brief an Meta geschrieben, dass sie es hier auf dem Hof nicht mehr aushalten könne. An einem späten Nachmittag im September 1910 war dann endlich das lang ersehnte Hufgetrappel erklungen und Hans mit dem von Papendiecks geliehenen Fuhrwerk auf dem Hof erschienen, um Frau und Sohn abzuholen, den er vorher nur einmal flüchtig gesehen hatte.

Albert Papendieck hatte Hans geholfen, eine der kleinen Wohnungen zu mieten, die für die Arbeiter der Werkstätten errichtet worden waren.

„Un wenn ich opn Kohlnsack schlopen muss – blots wech vun heer11!“ Mit diesen Worten war Gerda auf den Wagen geklettert. Außer der jüngsten Schwester Agnes hatte Sienknechts niemand beim Aufladen der wenigen Habseligkeiten geholfen und Gerda war froh gewesen, als das Fuhrwerk endlich auf die Chaussee in Richtung Hamburg eingebogen war.

Wie sauber und ordentlich war Gerda die kleine Siedlung in der Löwenstraße beim allerersten Anschauen erschienen! Zweistöckige Häuserzeilen mit acht Eingängen für jeweils sechs Wohnungen standen einander gegenüber, dazwischen frisch angepflanzte winzige Bäumchen, die zukünftig für ein bisschen Grün und Schatten im Hof sorgen würden. Dort befanden sich auch die Wasserstelle, die Gemeinschaftsaborte und die Wäschestangen.

Küche und zwei Zimmer - groß und geräumig war Gerda ihr Heim im ersten Obergeschoß beim Einzug vorgekommen. Otto, die zwei Jahre später geborene Henriette und der Jüngste, Karl, schliefen im hinteren Zimmer, Hans und Gerda im Zimmer neben der Küche. Zum Einzug hatten Hans und Albert Papendieck das getischlerte Ehebett in die Wohnung getragen. „Unser nachträgliches Hochzeitsgeschenk.“ Tischlermeister Albert Papendieck rückte das Möbel hin und her, bis er mit dem Platz zufrieden war und klopfte bedächtig seine Pfeife auf der Fensterbank aus. Meta überreichte den beiden ein selbst besticktes Kissen. Gerdas bescheidene Aussteuer, die aus einigen Betttüchern, Handtüchern und Laken bestanden hatte, wurde in der hölzernen Truhe aus Gerdas Mädchenzimmer aufbewahrt und in der nächsten Zeit nach und nach ergänzt.

In der Küchenecke stand ein Kohleherd, Meta zeigte Gerda die Geschäfte, wo sie Kelle, Sieb und andere Küchenutensilien kaufen konnte. Hans brachte Nägel an und Gerda hängte ihre neuen Küchengeräte über den Spülstein.

In der Speisekammer lagerten Kartoffeln, Zwiebeln und Äpfel aus Papendieck‘ Garten, außerdem die Flasche Birnenschnaps, die der Vater zum Abschied seiner zweitältesten Tochter dann doch noch wortlos auf den Wagen gereicht hatte. Im hinteren Zimmer stand in einer Ecke ein kleiner Ofen, dessen Abwärme die Wand des dazwischenliegenden Zimmers wärmte. In frostigen Winternächten wuchsen im Kinderschlafzimmer trotzdem von innen Eisblumen an den Fenstern.

Vom ersten Moment hatte Gerda sich wohl in der neuen Wohnung gefühlt. Es war so schön gewesen, mit ein paar Gardinen und Kissen ein Heim zu schaffen und sich beim Wäscheaufhängen unten im Hof mit anderen Frauen zu unterhalten, die auch kleine Kinder am Rockzipfel hängen hatten. Familie Sienknecht war schnell beliebt gewesen, Hans hatte hilfsbereit zugepackt, wenn es irgendwo in der Nachbarschaft nottat. Gerda war darauf bedacht gewesen, dass ihre Kinder sauber und ordentlich gekleidet und höflich zu Erwachsenen waren. Stolz hatte sie oft mit Otto, Henriette und Karl am Tor gewartet, um Hans von der Arbeit abzuholen.

In diesen Jahren vor dem Krieg war Gerda mit ihrem Leben rundum zufrieden gewesen. Hans hatte gutes Geld verdient, sehr selten nur war er mit seinen Kollegen auf ein Bier in Knopf’s Wirtschaft in der Löwenstraße gegangen. Den größten Teil seines Lohnes hatte er jede Woche pünktlich nach Hause gebracht. Gerda hatte sich ein Bügeleisen gekauft und Bügelarbeiten für feine Leute angenommen. An den Wochenenden hatten sie Papendiecks besucht, die zu ihrer großen Trauer keine eigenen Kinder bekamen, und dort um den großen runden Tisch gesessen. Liebevoll hatten Onkel Albert und Tante Meta sich um Otto, Henriette und Karl gekümmert. Meta verwöhnte Neffen und Nichte mit Selbstgebackenem, während der Onkel ihnen hölzernes Spielzeug schenkte.

Auch Agnes, die jüngste Meier-Tochter, hatte den elterlichen Hof inzwischen verlassen. Bei ihrem allerersten Besuch in Hamburg hatte es zwischen ihr und einem Schaffner der Pferdebahn gefunkt. Willi Herder trug seine Uniform mit großem Stolz und Agnes fuhr nur noch einmal auf den elterlichen Hof, um ihre dürftigen Habseligkeiten und die kleine Aussteuer zusammenzupacken.

„Wat ihr alle midde S-tadt hebbt. Als ob de Peng dor op de Stroot leegen deiht…“12 Weder Vater noch Mutter hatten der jüngsten Tochter zum Abschied gewinkt und Agnes hatte Meta gebeten, das Pferd anzutreiben und schnell loszufahren. „Hier kumm ich nech wedder heer!13

Albert Papendieck war auch seiner Schwägerin Agnes behilflich gewesen, eine Stellung als Dienstmädchen bei Bankier Habermann zu finden, der ein guter und regelmäßiger Kunde der Tischlerei war.

Viertel vor sieben – Gerda rollte an der Polizeiwache Hoheluft vorbei, jetzt war es nicht mehr weit zur Arbeit. An der nächsten Ecke ragte schon das große Gebäude der Zigarettenfabrik mit seinen großen Maschinensälen auf. Hunderte von Menschen, die hier ihren Arbeitsplatz hatten und mittags von der Werksküche versorgt wurden. Da heute Bratkartoffeln mit Rührei auf dem Speiseplan standen, würde Gerda bestimmt den ganzen Vormittag mit dem Schälen von Kartoffeln und Zwiebeln verbringen. Um halb zwölf kamen die Arbeiter in die Kantine, die bis um zwölf aßen. Danach hatten die Angestellten die Kantine bis viertel vor eins für sich.

Wenn alle ordentlich mit anpackten, konnte das Küchenpersonal am Sonnabend um halb zwei auch endlich Feierabend machen.

Erst drei Jahre zuvor, nämlich im Jahr 1925, hatten die ägyptischen Brüder Kyriazi eine moderne Zigarettenfabrik im Hamburger Stadtteil Hoheluft erbaut. Dort wurden Orientzigaretten aus ägyptischen Tabaksorten hergestellt, die in kleinen Blechschachteln verkauft wurden, in denen jeweils sechs Zigaretten lagen. Außerdem enthielten diese Schachteln kleine bunte Bildchen, die bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebte Sammelobjekte waren. Auch der sechsjährige Johann, Gerdas jüngster Sohn, bettelte immer um neue Bildchen, die er dann mit seinen Freunden tauschte.

Gerda kniff ihre Lippen zusammen, als sie an Johann dachte. Wäre er doch nie geboren worden!

Sie schluckte – hatte sie eine Wahl gehabt?

Nein, ganz bestimmt nicht. Energisch trat sie in die Pedalen.

Bei Kriegsausbruch hatten Gerda und Agnes Mann und Verlobten zum Bahnhof begleitet. Stolz war Gerda neben ihrem Hans hergelaufen, der auszog, für sein Vaterland zu kämpfen. Der vierjährige Otto hatte über die vielen Soldaten auf dem Bahnhof gestaunt, Henriette hatte ein Blumensträußchen in der Hand gehalten. Der einjährige Karl war auf Vatis Schultern geritten – „hüa, Per, hüa“ und hatte den Überblick von dort oben genossen.

Hans hatte Gerda zum Abschied ganz fest im Arm gehalten und sie lachend getröstet: „Wirst sehen, mien Seuten, dat duuert nich lang. Wiehnachten bin ük wedder to hus.14

Agnes hatte sich bei ihrem Verlobten Willi eingehakt und ihm mit tränenfeuchten Augen nachgeblickt, als er mit Hans in den Zug stieg. Gerda hatte fröhlich ein Papierfähnchen geschwenkt und war neben dem Zug hergelaufen, bis er zu schnell geworden war. Auch mit gutem Zureden hatte Henriette ihr kleines Sträußchen dem Vati nicht mitgeben wollen und die welken Blütenköpfe abends ganz vorsichtig auf ihr Kopfkissen gelegt.

Je mehr Männer in den Krieg zogen, verwundet wurden oder überhaupt nicht mehr wiederkamen, umso mehr Arbeitsplätze in Werkhallen und an Maschinen mussten mit Frauen besetzt werden. Auch die Straßenbahnwaggons wurden schließlich gebraucht und jede Hand hatte geholfen. Für richtig schwere körperliche Arbeit war Gerda Sienknecht nicht geeignet, denn sie war nicht größer als ein zwölfjähriges Kind und hatte nur knapp an die Werkbänke herangereicht. Aber sie hatte gute Augen und geschickte Finger, außerdem war sie immer fleißig und ordentlich und wurde deshalb zu feinmechanischen Arbeiten herangezogen.

Wie ihre Nachbarinnen, deren Männer auch im Krieg waren und die ebenfalls kleine Kinder zu versorgen hatten, brachte Gerda nun Otto, Henriette und den kleinen Karl während der langen Arbeitsstunden zu „Mudder15 Böhm“, die ein paar Häuser weiter in einer größeren Wohnung lebte und sich für ein paar Pfennige um die Nachbarskinder kümmerte.

Gerda radelte weiter. Merkwürdig, ausgerechnet an einem so heißen Tag an die kalten Kriegswinter zu denken. Wie hungrig und abgemagert waren sie damals alle gewesen! Wie kalt war es in der Wohnung! Wie einsam hatte Gerda sich oft gefühlt. Wieviel Angst hatte sich von Kriegsjahr zu Kriegsjahr in ihr Herz geschlichen, sah man doch überall, mit welchen schweren Verwundungen die Männer heimkamen. Oder man traf schwarzgekleidete Nachbarinnen, die mit verweinten Augen und abgewendeten Gesichtern nur noch stumm nickten. Fragen mochte man damals gar nicht mehr.

Und dann diese schrecklichen Hamsterfahrten über Land, um überhaupt etwas Essbares aufzutreiben! Oft hatte Gerda Angst gehabt, am Bahnhof in diesem Gewühle und Gedrängel zerquetscht zu werden und drei kleine Kinder mutterseelenallein zurückzulassen. Und das Ganze für ein paar welke Kohlköpfe, ein Bund verschrumpelter Möhren oder ein paar Steckrüben. Kartoffeln, Eier und Milch waren meistens überhaupt nicht zu bekommen gewesen.

Am schlimmsten war Gerda ein Nachmittag im Winter 1917 in Erinnerung. Die Rationen, die es auf Marken zu kaufen gab, waren stetig kleiner geworden. So hatten Meta und sie schweren Herzens beschlossen, dem elterlichen Hof in Fahrenkroog doch noch einmal einen Besuch abzustatten. Den kleinen Karl hatten sie auf dem Wagen mitgenommen, während Schwager Albert auf Otto und Henriette aufgepasst hatte. Albert war als nicht kriegstauglich eingestuft worden, und sein Betrieb hatte weitergehen müssen. Das Heer hatte Munitionskisten gebraucht, außerdem war der Bedarf an Särgen stetig angewachsen. Neue Möbel hatte in diesen Kriegsjahren natürlich kaum noch jemand bestellt.

Meta hatte das Fuhrwerk vorsichtig über die teilweise vereiste Chaussee gelenkt und erzählt, dass einige Nächte zuvor Einbrecher das Pferd aus dem Stall zu stehlen versucht hatten.

„Bestimmt wollten sie den Gaul zu Wurst verarbeiten“. Ungläubig hatte Gerda ihren Kopf geschüttelt, während Meta das Tier angetrieben hatte. Was der Hunger aus den Menschen machte! „Diebe und Mörder.“

Gut dreißig Kilometer auf der windigen Chaussee hatten vor ihnen gelegen, immer wieder war Meta abgestiegen und hatte das Pferd im Schritttempo über eisige Stellen führen müssen.

Der Empfang durch Eltern, Bruder und Schwägerin war noch kälter als befürchtet ausgefallen. Mürrisch und unfreundlich wurde behauptet, dass man selbst nicht mehr genug zu essen hätte. Sogar als Gerda der Großmutter den kläglich weinenden Karl entgegengestreckt hatte und wenigstens um etwas Milch für den kleinen Jungen bat, hatte es nur die kurze Antwort gegeben, dass die Städter sich doch sonst auch immer für was Besseres hielten.

Wütend hatte die Schwägerin hervorgestoßen: „Un nu kümmst an un wullst Milch för dien Kinners hebben. Wi hebbt jo sölber nix. Pack dien Gör inn un aff vunn mien Hoff. Bi uns brukst nech wedder betteln kümm!“16.

Wohlgenährt waren Gerda und Meta die Gesichter vorgekommen, die ihnen finster durchs Fenster nachgesehen hatten. Auf jeden Fall wohlgenährter als Sienknechts und Papendiecks. Beide Schwestern hatten sich endgültig geschworen, nie wieder einen Fuß auf den elterlichen Hof zu setzen.

„Mien Hoff deit de Olsch seggen. Dat is ja woll de Hoff von unsern Bruder, nicht ehr Egendom, “17 hatte Gerda fassungslos hervorgestoßen.

„Nicht mal zum Begräbnis von Vater oder Mutter fahr ich da noch mal hin“, hatte Meta bekräftigt und ihrer Schwester aufmunternd in die Seite geknufft. „Wir treiben noch was Essbares auf, lot mi man moken.18

Sie waren von der Chaussee abgebogen und auf einem ziemlich abseits gelegenen Gehöft hatte eine mitleidigere Bauersfrau als die garstige Schwägerin es war, das Sagen gehabt. Natürlich hatten auch deren Augen gierig geglitzert, als sie die feinen Tischdecken aus Gerdas Aussteuer und Metas silbernes Besteck gesehen hatte, aber immerhin konnten sie dafür einen viertel Liter Milch, einige Eier und zwei kleine Kohlköpfe eintauschen. Das Beste war aber ein kleines Stück Speck gewesen, das Meta und Gerda sich geteilt hatten. So war der lange Tag auf dem offenen Wagen bei eisigen Temperaturen und Schneegriesel wenigstens nicht ganz umsonst gewesen.

Im Frühling 1918 war Hans Sienknecht schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen. Granatsplitter hatten sein Bein so zerfetzt, dass es unterhalb des rechten Knies amputiert werden musste. Körperlich hatte Hans sich trotz der schweren Verletzungen erstaunlich schnell erholt und lernte bald, geschickt mit seinen Krücken zu gehen.

Seinen plötzlich erwachten Jähzorn und die wachsende Ungeduld hatte Gerda zunächst auf die Schmerzen in dem Beinstumpf geschoben. Doch bald hatte sie einsehen müssen, dass es nicht die Schmerzen waren, die ihren Mann zur Verzweiflung brachten. Es waren die Schreie seiner sterbenden Kameraden, denen er nicht helfen konnte, die ihn jede Nacht bis in seine Träume verfolgten. Der Geruch nach Tod und Gas, den er ständig zu riechen meinte. Die Angst zu ersticken – all das sollte ihn den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen.

Ihr ehemals hünenhafter Mann magerte ab, wurde unberechenbar und bösartig. Unkontrolliert zitterten seine Hände, stundenlang saß er dumpf brütend am Küchentisch. Wurde er angesprochen, schrak er auf und fing entweder an zu schreien oder begann wie ein kleines Kind zu weinen. Nachts wurde er von Weinkrämpfen geschüttelt, nässte ein wie ein Säugling. Otto, Henriette und Karl starrten den fremden Mann entsetzt an und liefen lieber nach draußen zum Spielen als sich lange mit ihm in einem Zimmer aufzuhalten.

Gerda konnte ihre Kinder tagsüber nicht mehr bei Mudder Böhm abgegeben, denn deren eigener Sohn war auch schwer krank aus dem Krieg heimgekommen. Fremde Kinder duldete er nicht mehr in der Wohnung. Ängstlich war Gerda Morgen für Morgen zur Arbeit gegangen und hatte ihre drei Kleinen in der Obhut des Vaters zurücklassen müssen. Es hatte Tage gegeben, da hatte er ganz friedlich mit den Kindern zusammen am Küchentisch gesessen und ihnen erklärt, welche Vögel draußen sangen oder dass die rotbraunen flinken Tierchen mit den buschigen Schwänzen Eichhörnchen hießen. An anderen Tagen jedoch hatte er sich mit starrem Blick stundenlang an den Kindern festgekrallt. Otto mühte sich verzweifelt, dem eisernen Griff zu entkommen, Henriette machte sich stocksteif und der kleine Karl brüllte aus Leibeskräften, bis die Nachbarn angelaufen kamen. Hans Sienknecht konnte oft nicht verstehen, was die Fremden in seiner Küche wollten und wer die drei Kinder waren, die mit verweinten Augen ängstlich hinter dem Küchensofa kauerten.

Verzweifelt hatte Gerda bald begreifen müssen, dass Hans nie mehr der Mann sein würde, den sie einmal geheiratet hatte und der voller Stolz auf sein Vaterland in den Krieg gezogen war.

Sicher würde es ihm helfen, tagsüber irgendeine Aufgabe zu haben. Doch wer sollte einem wie ihm Arbeit geben, auch wenn er seine Zornesausbrüche nie in Gegenwart von Fremden hatte? Würde sich das ändern, wenn er wieder regelmäßig unter Leute kam oder würde er auch dort über kurz oder lang zu streiten beginnen? Die Straßen waren doch voller Erwerbsloser und Kriegsversehrter, die alle um Arbeit bettelten. Welche Arbeit war ihm überhaupt noch zuzumuten?

Der Meister, mit dem er vor dem Krieg in den Straßenbahnwerkstätten zusammengearbeitet hatte, kannte Hans Sienknecht als tüchtigen Arbeiter. Erwin Hildebrandt hatte großes Mitleid mit der kleinen Gerda, auf deren schmalen Schultern nun die Verantwortung für eine fünfköpfige Familie lag. Deshalb half er Hans bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und dank seiner Fürsprache konnte Gerdas Mann im Januar 1919 als Straßenbahnschaffner anfangen. Er fuhr auf der Linie zwei, die von der östlich gelegenen Stadt Wandsbeck durch die gesamte Hamburger Innenstadt bis hinaus nach Niendorf und Schnelsen fuhr. In friedlichen Momenten scherzte Hans manchmal, dass er „nun endlich wieder eine Uniform tragen dürfe“ und mit der großen Umhängetasche für das Wechselgeld „doch wenigstens ein paar Stunden lang ein reicher Mann“ sei. Gerda hatte gelächelt und gehofft, dass die Zeit die Wunden heilen würde.

Auch wenn die Kinder nun tagsüber sich selbst überlassen waren, war es die beste Lösung für die ganze Familie gewesen. Otto und Henriette gingen in die Schule und der dreijährige Karl musste dann eben bis mittags allein in der Wohnung bleiben, während Vater und Mutter arbeiteten.

In den ersten Monaten ging Hans voller Stolz, gestützt auf seine Krücken, jeden Morgen pünktlich zur Arbeit. Je mehr er sich jedoch wieder an Arbeit und Kollegen gewöhnte, umso stärker waren Unmut und Wut wieder gewachsen. Völlig ohne Grund begann er Kollegen und später auch Fahrgäste anzupöbeln. War ein Mann jung und gesund, wurde er von Hans Sienknecht als Drückeberger und Vaterlandsverräter beschimpft. Anfänglich versuchten seine älteren Kollegen, ihn abzulenken und beruhigend auf ihn einzureden, doch schnell wurde Hans zum unbeliebten Sonderling, der abseits stand und dessen gehässige Bemerkungen niemand mehr hören wollte.

Im November 1919 war es nach einer Pause an der Endhaltestelle Wandsbecker Marktplatz zu einer Rangelei mit einem Fahrgast gekommen. Völlig außer sich hatte Hans Sienknecht den angetrunkenen Mann am Einsteigen hindern wollen. Der Betrunkene wehrte Hans ab, beruhigend sprach ein Kollege auf Hans ein und wollte ihn fortziehen. Der feste Griff musste Hans so erschreckt haben, dass er sich mit einer heftigen Bewegung von ihm losreißen wollte. Dabei hatte er die Krücke verloren, war gestrauchelt und auf die Fahrbahn gestürzt. Vor den Augen seiner entsetzten Kollegen wurde er von einem vorbeifahrenden Pferdefuhrwerk überrollt.

Schwerverletzt war Hans Sienknecht ins Marienkrankenhaus nach Hamburg-Hohenfelde gebracht worden. Seine verzweifelte Frau hatte während der kurzen nachmittäglichen Besuchszeiten regungslos an seinem Bett gesessen, seinen bandagierten Kopf betrachtet und stumm gebetet, dass ihr Mann wieder aufwachen möge. Ohne jedoch noch einmal das Bewusstsein wieder zu erlangen, war Hans Sienknecht eine Woche später gestorben. Als er seine Augen für immer schloss, hatte Gerda auf einer Kiste an der Werkbank in der Fabrikhalle gestanden und Drahtrollen gelötet. Meister Hildebrandt hatte sie gerade noch auffangen können, als er ihr die Nachricht überbrachte.

Ohnmächtig war sie in seine Arme gesunken.

Gerda konnte sich später nicht mehr daran erinnern, wie sie die nächsten Wochen überstanden hatte. Meta hatte sich der Kinder angenommen und mit dem Meister gesprochen, damit sie bei der Arbeit frei bekam. Schwager Albert hatte einen Sarg getischlert und sich um die Beerdigung gekümmert. Irgendwann war er mit seinem Fuhrwerk gekommen, hatte den Sarg aufgeladen und war mit Gerda, Meta und Agnes zum Friedhof gefahren. Kollegen von der Straßenbahn hatten dort im Novembernebel gestanden, verlegen ihre Mützen in den Händen gedreht und ihr versichert, dass sie ihren Mann nie vergessen würden: „Warrn fien Kerl, dien Hans.19

Wie vorher auch, war Gerda morgens aufgestanden, hatte die Kinder geweckt und versorgt und war danach zur Arbeit gegangen. Doch richtige Erinnerungen an diese Zeit hatte sie nicht.

So angenehm es gewesen war, nur über die Straße gehen zu müssen, um am Arbeitsplatz zu sein, so froh war Gerda heute, dass Gustav ihr die Arbeit als Küchenhilfe bei Kyriazi besorgt hatte. Die Arbeit war körperlich zwar nicht leichter, aber hier verdiente sie drei Pfennige mehr in der Stunde und durfte dann und wann übriggebliebene Lebensmittel für ihre Familie mit nach Hause nehmen. Es war wunderbar, einen Freund wie Gustav zu haben. Auch wenn er mit einer anderen Frau verheiratet war, hätte sie oft nicht gewusst, wie sie ohne ihn über die Runden gekommen wäre.

Gerda bog in den großen Fabrikhof ein, winkte ihrer Kollegin Ruth zu und stellte ihr Rad ab.

„Moin“, Ruth nickte ihr zu: „Is dat nich ne Affenhitze? Scheun, dat hüt Samstach is, nur n halben Dag arbeiten20.“

Gerda nickte – trotz der frühen Morgenstunde war es wirklich schon wieder sehr warm.

Die beiden Frauen beeilten sich mit dem Umziehen, in fünf Minuten war Arbeitsbeginn. Wer dann nicht an seinem Platz stand, bekam vom Lohn abgezogen – das konnte sich keine von ihnen leisten.

Ruth und Gerda waren noch nicht durch die schwere Küchentür getreten, da umfingen sie schon die wabernden warmen Essensdünste und ein scharfer Anpfiff von Mahler, dem Küchenchef:

„Kinners, mok de Dör dicht, dat treckt wie Hechtsubbe.21“ Gerda konnte ein durchweichtes Stück Zeitungspapier, in dem offensichtlich Fisch eingewickelt gewesen war und das auf den Boden wehen wollte, gerade noch auffangen, bevor es Mahler ins Gesicht flog.

Seufzend eilte Ruth an den großen Herd und Gerda nahm ihren Platz an den emaillierten Spülbecken ein. Eigentlich war Mahler sogar ganz nett, er brüllte nur gern herum und spielte den großen Mann. „Wenn du fertig mit Abwaschen bist,“ Mahler trat hinter Gerda, „dann schälst du Kartoffeln. Und beeile dich.“ Mit dem Kopf deutete er auf den großen Bottich und Gerda nickte, bevor sie den Wasserhahn aufdrehte und das Wasser in das Abwaschbecken plätschern ließ. Lächelnd prüfte sie die Temperatur und weichte die Tassen ein. Nur noch ein paar Stunden und sie und Gustav würden im Stadtpark mit seinen schattigen Bäumen und dem kühlen Wasser sitzen. Während sie zum Lappen griff, sah sie Gustav mit seinem schiefen Lächeln vor sich.

4 Ja und? Was soll ich dabei machen? Ich muss gleich los!

5 und war ganz schön betrunken

6 Kleine

7 Hättest du doch was gesagt, ich hätte dir geholfen

8 Und ich muss mich ja umziehen

9 Meine süße Gerda ist das schönste Mädchen

10 Das wird ja immer schöner! Jetzt sollen wir auch noch deine Kinder mit durchfüttern?

11 Und wenn ich auf Kohlensäcken schlafen muss – nichts wie weg von hier

12 Was ihr nur alle mit der Stadt habt. Als ob dort das Geld auf der Straße liegen würde!

13 Hier komme ich nicht wieder her!

14 Wirst du sehen, meine Süße, das dauert nicht lange. Weihnachten bin ich wieder zu Hause

15 Mutter

16 Und jetzt kommst du an und willst Milch für deine Kinder haben. Wir haben doch selber nichts! Pack deine Kinder ein und verschwinde von meinem Hof. Bei uns brauchst du nicht wieder betteln kommen.

17 Mein Hof, sagt die Alte. Dabei ist das wohl der Hof unseres Bruders, nicht ihr Eigentum.

18 Lass mich mal machen

19 Dein Hans war ein feiner Kerl

20 Schön, dass heute Samstag ist, nur einen halben Tag arbeiten

21 Kinder, macht die Tür zu, es zieht wie Hechtsuppe

07:30 Morgenstund‘ hat Gold im Mund

Nicht weit von Zigarettenfabrik und Falkenriedterrassen entfernt, im Hamburger Stadtteil Winterhude, öffnete Gerda Sienknechts ältere Schwester Meta Papendieck weit die Fenster ihres Schlafzimmers, das Gottlob nach Norden zeigte und dank der dahinterliegenden Gebäude der Großwäscherei im Schatten lag. Im Winter war das oft ein Nachteil, weil es dann lausig kalt darinnen wurde, jetzt, in diesem brütend heißen Sommer, empfand Meta es als Wohltat.

Abgesehen davon, dass der Nachtschlaf in den letzten Wochen durch die Hitze nicht ganz ungestört verlief, liebte Meta Papendieck jedoch Sommer und Wärme. Allerdings bedeutete das auch, dass sie nachher viele Eimer Wasser in den Garten schleppen musste, der hinter der Tischlerei lag. Sonst würde das mit der Gemüse- und Obsternte in diesem Jahr nichts Rechtes mehr werden.

So froh Meta damals auch gewesen war, dem elterlichen Hof den Rücken kehren zu können und ihrem Mann in die Stadt zu folgen, so sehr hatte sie anfangs die Garten- und Erntearbeit vermisst. Dieses Wühlen in der Erde, die Freude, wenn im Frühjahr die ersten zarten Triebe hervorkamen und Blüten und Knospen sich allmählich in Früchte verwandelten.

Albert war zuerst ziemlich skeptisch gewesen, ob es seiner Frau tatsächlich gelingen würde, das brachliegende Grundstück hinter dem Haus wirklich in einen Garten zu verwandeln. Doch mit unerschütterlicher Geduld und großem Geschick hatte Meta gegraben, geharkt, gesetzt und gesät, gejätet und dem Boden am Ende tatsächlich Früchte und Gemüse abgetrotzt.

Im Krieg war dann auch Albert dankbar gewesen, Selbstgezogenes und Selbstgeerntetes essen zu können. In diesem Jahr nun gab es eine regelrechte „Gurkenschwemme“, bevor sie bei den herrschenden Temperaturen verdarben, wollte Meta heute Schmorgurken zum Mittagessen vorbereiten und den Rest einkochen. Wahrlich kein Vergnügen in der heißen Küche im warmen Essigdunst stehen zu müssen, aber die Gurken waren überreif und mussten schnellstens verarbeitet werden.

Karl rumorte in seinem Zimmer – Meta lächelte liebevoll. Sie liebte Karlchen wie ihren eigenen Sohn. Jahrelang hatten sie und Albert auf ein eigenes Kind gehofft und waren Monat um Monat immer wieder enttäuscht worden. Als ihre Schwester in große Geldnöte geriet und kaum noch wusste, wie sie ihre Kinder sattkriegen sollte, war in Meta der Plan gereift, den Neffen an Kindes statt anzunehmen. Zunächst hatte sie befürchtet, dass Gerda den Vorschlag ablehnen würde, musste sich aber schnell eines Besseren belehren lassen. Manchmal schien es Meta, als wäre Gerda nur zu froh gewesen, einen Esser weniger versorgen zu müssen. Lieber wäre es Gerda natürlich gewesen, wenn Papendiecks ihren Ältesten in Pflege genommen hätten, der sowohl der Hungrigste als auch der Schwierigste war. Doch Albert hatte auf Karl bestanden. Mit einem Mädchen wie Henriette konnte er nichts anfangen, so lieb er seine kleine Nichte auch hatte. Albert Papendieck brauchte einen Nachfolger für seinen Betrieb, keine Tochter. Die Hausarbeit erledigte schließlich Meta. So war also der sanftmütige Karl vor sechs Jahren bei Papendiecks eingezogen.

Weder Meta noch Albert hatten ihren Entschluss jemals bereut. Im Gegenteil, gleich nach der Schule hatte Karl die Lehrzeit bei seinem Onkel begonnen und war jetzt, mit seinen fünfzehn Jahren, schon im zweiten Lehrjahr. Er war handwerklich geschickt, die Gesellenprüfung, die im übernächsten Jahr anstand, würde er ohne Schwierigkeiten bestehen, daran zweifelten weder Albert noch Meta. Sie hoffte, Karl würde danach nicht auf die Walz gehen, sondern auch noch seine Meisterprüfung ablegen und später wirklich wie geplant den Betrieb ihres Mannes übernehmen.

Es wurde Zeit, dass Albert sich ausruhte, sie sah oft mit großer Sorge, wie schmerzvoll er sein Gesicht verzog, wenn er sich bewegte und sich unbeobachtet glaubte. Hatte er die Tischlerei erst einmal an Karl übergeben, würde sie ihn schon überreden können, kürzer zu treten.

Meta ging in die Küche, wo ihr Mann bereits schwer atmend am Tisch saß und sich mit einem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht wischte. Sie begann, das Brot in kräftige Scheiben zu schneiden, Albert schenkte aus der bereitstehenden Kanne für sich und seine Frau den Tee ein und stöhnte dabei: „Wieder so ein heißer Tag! Einen richtigen Guss könnten wir alle mal vertragen, aber besonders dein Garten, nicht wahr?“

Sie nickte mitleidig, sie wusste, wie sehr Albert unter der Hitze litt. Dann sagte sie beschwichtigend mit ihrer weichen Stimme: „Wenns zu dolle regnet, wärs auch schlecht, die Erde ist so trocken. Da sickert nichts rein, dann schwemmt alles weg.“

Dann setzte sie sich ebenfalls aufatmend an den Tisch und rief nach Karl, der aber in derselben Sekunde schon die Küchentür öffnete.

Er begrüßte seine Tante mit einer flüchtigen Umarmung und nickte dem Onkel zu, bevor er sich setzte. Er war morgens immer so hungrig! Seine blonden Haare standen strubbelig in die Höhe, in solchen Momenten sah er genau aus wie der junge Hans Sienknecht. Meta betrachtete ihn stolz. Gestern Abend, als sie zusammengesessen hatten, hatte der Junge sie wieder einmal mit seinen Rechenkünsten beeindruckt. Albert wollte unbedingt ein Automobil kaufen und hatte Karl wie einen Erwachsenen zum Beratschlagen dazu gerufen.

Meta schnitt geräucherten Speck ab und legte beiden Männern eine ordentliche Scheibe auf die Teller. „Lasst es euch schmecken, ihr müsst nachher noch kräftig ran“. Dann bestrich sie ihre Scheibe mit Marmelade, sie mochte morgens nichts Herzhaftes. Dank des Gartens gab es genug Erdbeeren und mittlerweile sogar einen gut tragenden Kirschbaum, so dass immer genügend Gläser mit eingekochtem Obst im Keller auf dem Bord standen.

Albert aß schnell, leerte dann rasch seine Tasse und sagte beim Aufstehen: „Ich hole jetzt schon mal das Holz bei Berg ab, dafür nehme ich das Motorrad und den Anhänger.“ Er wandte sich direkt an Karl, der mit großen Bissen kaute: „Wenn du aufgegessen hast, mach das Fuhrwerk fertig. Wenn ich zurück bin, bringen wir nachher noch die Stühle zu Lohmeyers. Meta, schreibst du schon mal den Lieferschein? Und bringst Du meine Schuhe nachher zum Besohlen? Ich habs selber schon versucht …“

Verlegen lächelnd deutete er auf die schweren Halbschuhe, die in der Ecke standen. Die Sohle hatte sich gelöst und bildete einen großen Spalt zum Oberschuh. Gut, dass er noch ein zweites Paar ordentlicher Schuhe besaß.

Meta nickte. „Mache ich. Dann nimm erstmal das andere Paar.“ Schnell stand Karl auf und holte seinem Onkel die Schuhe aus der Diele. Mit schadhaften Schuhen konnte Tischlermeister Papendieck sich bei seiner Kundschaft natürlich nicht sehen lassen. Und besonders nicht bei Frau Lohmeyer. Albert hatte erst neulich wieder gestöhnt, wie etepetete die Dame war. Aber Lohmeyers hatten Geld und gerade acht neue Stühle für ihr Esszimmer bestellt. Mit solchen Aufträgen ließ sich endlich wieder gutes Geld verdienen.

„Wahrscheinlich wollen sie demnächst noch eine neue Vitrine und ein Büfett für das Esszimmer haben.“

Alberts Motorrad machte einen ziemlichen Lärm, als er aus dem Hof knatterte. Der leere Anhänger hüpfte über das Kopfsteinpflaster.

Meta räumte den Tisch ab und fing an zu spülen. Ihr Blick fiel auf den Baum vor dem Küchenfenster, den sie gestern abgeerntet hatte. Die Kirschen mussten auch dringend verarbeitet werden. Am besten, sie buk auch noch ein Blech Kirschkuchen. Ihre beiden Männer würden dazu nicht nein sagen, außerdem könnte Karl nachher vielleicht ein paar Stückchen zu Gerda bringen.

Ihre Schwester konnte weder backen noch kochen und Henny war immer zu beschäftigt damit, den Haushalt einigermaßen in Ordnung zu halten als dass Zeit zum Kuchenbacken gewesen wäre. Und zu Besuchen bei Onkel und Tante kam ihre Nichte auch kaum noch. Die dumme Grete war dabei natürlich mehr als hinderlich.

Meta wischte eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. Hätte Gerda dieses Kind doch nur nie bekommen! Natürlich waren sie und Gustav verliebt ineinander, doch ein gemeinsames Kind war ihrer Meinung nach völlig überflüssig gewesen, zumal Gerdas Liebhaber mit einer anderen Frau verheiratet war. Ihre jüngere Schwester hatte wirklich die Gabe, sich das Leben unnötig schwer zu machen!

Meta sah, wie Karl in der Werkstatt verschwand und wieder einmal fiel ihr auf, wie ähnlich sich die drei ältesten Kinder ihrer Schwester untereinander sahen: alle kräftig und hochgewachsen, blond und blauäugig. Dem verstorbenen Vater wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.

Nicht zum ersten Mal dankte Meta dem Schicksal, dass es so viel besser mit ihr als mit Gerda gemeint hatte. Auch wenn sie keine eigenen Kinder hatte, machte ihr Pflegesohn ihnen nur Freude. Ihr Mann war fleißig und als erstklassiger Tischler bekannt. Sie wohnten in einem eigenen Haus, hatten Fuhrwerk und Motorroller und demnächst auch noch ein Automobil! Wenn Albert sich erst einmal zu einem Entschluss durchgerungen hatte, wurde der hinterher auch rasch in die Tat umgesetzt. Ihre Gedanken schweiften zu ihrer jüngsten Schwester Agnes, die nach dem Tod des Verlobten nun endlich auch wieder ein wenig Glück hatte.

Als Dienstmädchen in Stellung zu sein, war sicherlich kein Zuckerschlecken, doch Agnes hatte sich noch niemals beschwert. Im Gegenteil, ihre jüngere Schwester ließ auf ihren Dienstherrn nichts kommen. Auch Albert sprach immer nur Gutes über den reichen Bankier, der eine große Villa in Harvestehude am Innocentiapark bewohnte. Albert hatte schon oft Möbel für Habermanns gefertigt und damals sofort an seine jüngste Schwägerin gedacht, als er gehört hatte, dass dort ein zuverlässiges Mädchen gesucht wurde. Anpacken und fleißig arbeiten hatten alle drei Meier-Schwestern auf dem elterlichen Hof ja gelernt!

Seit über zwölf Jahren war Agnes nun also schon als Dienstmädchen in Stellung bei Habermanns, mitten im Krieg war auch sie damals nach Hamburg gezogen. Ihr Verlobter Willi Herder war nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt. Verschollen, wie man so sagte. In einigen Wochen würde Agnes nun aber doch heiraten und danach nur noch stundenweise bei Habermanns arbeiten. Meta gönnte ihrer jüngsten Schwester das Glück mit dem verwitweten Hermann Schneidereit, der zwei kleine Söhne hatte, von Herzen. Und Agnes würde sicherlich eine gute Stiefmutter abgeben.

Unwillkürlich kicherte Meta – vielleicht bekamen Agnes und Hermann ja auch noch eigene Kinder? Zu alt war ihre Schwester mit ihren einunddreißig Jahren ja noch nicht.

Das schwerste Schicksal hatte zweifellos Gerda zu ertragen, obwohl es zuerst so ausgesehen hatte, als hätte sie von allen drei Meier-Mädchen das große Los gezogen.

Meta hatte gut verstanden, dass Gerda sich in den schönen Hans verliebt hatte, der immer so fröhlich war und gern lachte. Genau wie Albert war auch ihr Schwager fleißig und sparsam und konnte seine Familie ernähren.

Dieser schreckliche Krieg!

Was hatte er aus dem Schwager gemacht!

Ein elendes Nervenbündel, vor dem am Ende die ganze Familie Angst hatte. War sein Tod einerseits für alle eine Gnade gewesen, so hatte er ihre Schwester damals in schrecklichste Geldsorgen gestürzt. Immer wieder hatten sie mit dem Nötigsten aushelfen müssen. Doch die Mietschulden, die sich nach Hans‘ Tod im Winter 1920/21 angehäuft hatten, konnten auch Papendiecks nicht mehr ausgleichen. Lief doch die Tischlerei so bald nach dem Krieg mehr schlecht als recht. Särge waren natürlich nach wie vor gefragt gewesen, brachten aber längst nicht so viel ein wie maßgefertigte Möbelstücke.

Meta schüttelte sich bei dem Gedanken, dass Gerda irgendwann nichts anderes mehr übriggeblieben war, als sich dem versoffenen Hauswart Feddersen zum Tilgen der Mietschulden anzubieten! Gerda hatte niemals darüber gesprochen und es wahrscheinlich einfach über sich ergehen lassen. Vermutlich hatte sie an ihre Kinder und das Dach über dem Kopf gedacht.

Waren Meta und Albert ungewollt kinderlos geblieben, wurde Gerda umgehend von Hauswart Feddersen schwanger. Mit Schaudern erinnerte Meta sich an den Abend, als sie auf Otto, Henriette und Karl aufpassen musste, während Agnes die Schwester zu Mudder Böhm begleitete, die nicht nur Kinder gehütet hatte, sondern auch in solchen Fällen helfen konnte. Wie schlecht war es Gerda jedoch nach der verbotenen Abtreibung wochenlang gegangen! Ein paar Tage hatten Agnes und Meta wirklich Angst gehabt, dass ihre Schwester sterben und drei Waisen zurücklassen würde.

Auch wenn Alberts körperliche Kräfte mit seinen fast fünfzig Jahren langsam nachließen, stand die Tischlerei besser da als jemals zuvor. Und mit Karl und dem Gesellen war die Arbeit gut zu schaffen, sie konnten mehr Aufträge annehmen als früher. Seit einiger Zeit gab es wieder zunehmend gutbetuchte Leute in Hamburg, die sich hochwertige Möbel leisten konnten.

Das Wiehern des Pferdes, das Karl am Zügel hinter sich in den Hof führte, um es vor den Wagen zu spannen, brachte Meta zurück in die Wirklichkeit. Für ihren Karl würde hier auf jeden Fall immer gesorgt sein. Und wer weiß, vielleicht würde auch sein jüngerer Bruder Johann später Tischler werden und bei Onkel und Bruder in die Lehre gehen?

Otto, ihr ältester Neffe war Meta inzwischen fremd geworden. Ein fast erwachsener Mann, der sein eigenes Geld verdiente und seinen eigenen Kopf hatte. Wäre Grete nicht, wäre bei Gerda auch endlich mal ein Ende der Schwierigkeiten abzusehen. Wenn ihre Schwester nur nicht so dickköpfig wäre!

Meta räumte das saubere Geschirr zurück in den Schrank und stellte Mehl, Milch und Hefe für den Kuchenteig bereit, als sie an ihre ältere Nichte denken musste.

Henny war immer so wissbegierig, wenn es um das Kochen oder Backen ging und hatte sich vieles von ihrer Tante abgeschaut. Tatsächlich war es so, dass Familie Sienknecht von trockenem Brot und Tee leben müsste, wenn Henriette nichts Warmes auf den Tisch bringen würde. Noch talentierter als in der Küche war Henriette allerdings beim Schneidern und Nähen.

Meta seufzte tief – das wäre genau das Richtige für ihre Nichte. Eine Lehre bei einer Schneiderin, um das Handwerk von der Pike auf zu lernen! Stattdessen brachte sie nun schon fast drei Jahre ihres Lebens damit zu, auf ihre blöde Schwester achtzugeben. Meta wusste, dass auch Gustav dieses leidige Thema immer wieder ansprach und dass nur Gerda davon einfach nichts hören wollte. Es war wirklich eine Schande.

Entschlossen griff Meta Papendieck nach den beiden blechernen Eimern, um ihre Gurkenernte unterzubringen.

07:15 Arbeit, nichts als Arbeit

Henriette half Johann, die Knöpfe an seiner kurzen Hose zu schließen, dann drückte sie ihm die Schüssel mit den gesammelten Gemüseresten für seine Kaninchen in die Hand. Vergnügt strahlte er seine große Schwester an und streichelte Margarete im Vorbeigehen über das verschwitzte Köpfchen. Außer Henriette war er einer der Wenigen, der ohne Scheu mit seiner jüngsten Schwester umging. Manchmal allerdings wurde auch ihm das Weinen und Greinen zu viel und er begann, die Kleine zu ärgern, indem er sie nachäffte oder sie in unbeobachteten Momenten kniff oder an den Haaren zog. Trotzdem lächelte Grete ihn oft an, wobei niemand sicher war, ob sie tatsächlich Johann meinte oder das Lächeln nur purer Zufall war.

Margarete wimmerte leise und Johann legte ihr seine Hand an die Wange. „Was ist denn, Mäuschen?“ Mäuschen nannte Gustav seine Tochter, wenn er gute Laune und Grete einen guten Tag hatte. Johann hockte sich vor dem Sofa hin und steckte ihr den schmutzigen Stoffzipfel in den Mund, an dem sie sonst stundenlang nuckelte. Doch sie drehte den Kopf weg und weinte lauter. Grob sagte Henny: „Was weiß ich, was mit dem verdammten Balg los ist…“

Erstaunt drehte Johann sich zu seiner großen Schwester um, seine dunkelbraunen Augen verwundert aufgerissen. Sie war doch sonst nicht so böse, wenn es um Grete ging! Als Johann jedoch sah, mit welch verbissener Miene Henriette in ihrem Wäschetopf rührte, hielt er lieber den Mund und fuhr Grete noch einmal tröstend übers Haar. Als die Kleine wieder anfing zu würgen, stieß Henny ihn grob zur Seite und presste dem Kind einen Lappen vor den Mund. „Hört das denn nie auf“, stöhnte sie und Johann schnappte sich schnellstens die Schüssel mit den Gemüseabfällen und polterte geräuschvoll die hölzernen Stiegen hinunter.

Ja, haut man alle ab und lasst mich hier allein! dachte Henny ärgerlich und spülte mit angeekeltem Gesicht den vollgespuckten Lappen aus.

Auf den letzten Stufen vor der Parterrewohnung ging Johann leiser, denn dort unten wohnte Familie Müller. Zwar war Gerhard Müller sein bester Freund, doch der alte Müller war mit Vorsicht zu genießen. „Ach, wen haben wir denn da? Den kleinen Feddersen.“ So nannte er Johann immer und dabei lachte er jedes Mal ganz dreckig. Johann war es eigentlich egal, ob sein Vater Feddersen oder unbekannt hieß, kümmern tat Feddersen sich um ihn jedenfalls nicht. Und Otto und Henny hatten schließlich auch keinen Vater, jedenfalls keinen lebenden. Das schien aber etwas anderes als bei ihm zu sein, jedenfalls wurde über Hans Sienknecht zwar nur noch selten, aber dann doch in freundlicheren Worten und mit gedämpfter Stimme gesprochen.

Die drei älteren Sienknechts waren alle sehr groß und von kräftiger Statur, blondhaarig und hellhäutig, Johann dagegen war dunkelhäutig, gedrungen und stämmig. Er war Hauswart Feddersen wie aus dem Gesicht geschnitten.

Jeden Monatsanfang, spätestens bis zum Vierten, musste die Miete bei Feddersen in bar abgeliefert werden – und die Familien, die nicht zahlen konnten, konnten froh sein, wenn es ein weibliches Familienmitglied gab, dass einigermaßen ansehnlich war, um wenigstens einen Teil der Mietschulden auf anderem Weg abzuarbeiten. In der ganzen Siedlung gab es mindestens drei weitere Halbgeschwister von Johann. Den hasserfüllten Blick, den seine Mutter ihm oft zuwarf, verstand Johann allerdings nicht. Konnte er was dafür, dass das Geld oft knapp war?

„Weiß gar nicht, worauf die olle Sienknecht sich immer was einbildet, zwei uneheliche Gören von zwei Männern!“ hatte auch Frau Müller neulich erst wieder hämisch ausgerufen. Allerdings sagte Gerhards Mutter solche Dinge nur, wenn seine Mutter nicht in der Nähe war.

Johann seufzte und verdrängte die Gedanken an Frau Müller und seinen angeblich unbekannten Vater. So stand es wohl jedenfalls in seiner Geburtsurkunde. Vater unbekannt. Was das anging, hatte Johann sich schon lange abgewöhnt, irgendwelche Fragen zu stellen. Dann gab’s Maulschellen und Backpfeifen, aber keine Antworten. Erwachsene waren manchmal wirklich zu blöd.

Was sollte er sich auch mit solchen unnützen Fragen quälen, lag doch ein neuer Ferientag ohne Schule vor ihm! Wenn er die Kaninchen versorgt hatte, würde er am Kanal herumstreifen. Seine Schwester würde behaupten, er würde Unsinn anstellen, doch das fand Johann ungerecht.

Wozu waren die Ferien denn da, als dass man den ganzen Tag mit den Freunden draußen sein konnte? Seitdem der Wasserstand am Isebekkanal so weit gesunken war, dass nur noch kleine schlammige Rinnsale übrig waren, war der Kanal ein noch beliebteres Revier für Johann und die anderen Kinder aus der Siedlung geworden. Es traten jede Menge Dinge zutage, mit denen man sich prima die Zeit vertreiben konnten: tote Ratten, die genauestens untersucht werden konnten, Gerümpel oder sogar Bleche und Altmetalle, die man dem Händler gegen Bares verkaufen konnte. Neulich hatte einer der größeren Jungen doch tatsächich eine Münze gefunden, einen Fünfer! Neidisch war er umringt worden und die anderen hatten erst Ruhe gegeben, als er bei Krämer Schwarz eine Tüte Bontsche für alle gekauft hatte! Johann und Gerhard Müller waren zuckerverklebt nach Hause gekommen,

Man musste nur aufpassen, dass der Unsinn nicht so grob war, dass es Ärger mit Hauswart Feddersen, oder - noch schlimmer - mit der Polizei gab! Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Wachtmeister Soennichsen mal wieder vor der Tür stünde und nur Henriette antreffen würde. Am Ende machte er seine Drohung wirklich noch wahr!

Als Henriette Mutti den Besuch des Wachtmeisters gebeichtet hatte, war Gerda Sienknecht ganz blass geworden. ‚Das würde noch fehlen, dass die Fürsorge auf sie aufmerksam wurde!‘ hatte Mutti aufgebracht ausgerufen und Henriette hatte richtig Ärger bekommen und Mutti versprechen müssen, dass sie in Zukunft besser auf den kleinen Bruder aufpassen würde. Hinterher hatte Henriette ihm eine ordentliche Tracht Prügel angedroht, wenn er sich nicht endlich zusammenreißen würde. „Du kommst sonst ins Heim, wann begreifst du das endlich?“ hatte sie zornig geschimpft und ihn wütend geschüttelt. „Kinder, bei denen der Vater unbekannt ist, kommen ganz leicht ins Heim, verdammt noch mal!“

Was konnte er denn dafür, dass er keinen Vater hatte?

Johann schlüpfte leise in den sonnenwarmen Hof zu seinen Kaninchen.

Oben in der Küche hängte Henny den ausgespülten Lappen zum Trocknen und betrachtete Grete, die blass und unglücklich in ihrer Ecke lehnte. Wie sehr sehnte sie das Ende der Ferien herbei! Dann würde sie wenigstens vormittags wieder genau wissen, wo Johann steckte.

Johanns strenge Lehrerin an der Volksschule Lehmweg, das zackige Fräulein Reiter, konnte die Bande eigentlich ganz gut im Zaum halten. Trotzdem war sie auch schon einige Male persönlich bei ihnen zu Hause aufgetaucht und Mutti hatte sich hinterher beschwert, dass Henny ihren Bruder nicht im Griff hätte. „Willst du vielleicht, dass diese dumme Ziege uns am Ende die Fürsorge auf den Hals hetzt?“ Türenknallend war Mutti aus der Küche gelaufen, ohne eine Antwort abzuwarten und Henny hatte sich die Wange gerieben, auf der Muttis Hand einen roten Abdruck hinterlassen hatte.

Henny seufzte – bis zum Ende der Ferien war es leider noch eine Weile hin und solange trug sie die Verantwortung für Johann den lieben langen Tag. Und für die verflixte Grete später auch! Dass die irgendwann mal in die Schule gehen würde, war allerdings wohl mehr als unwahrscheinlich.

Sie knallte den Lappen auf den Tisch und begann dann endlich, das Frühstücksgeschirr zu spülen. Was wusste Mutti denn schon von Johann oder Grete! War sie mal zu Hause, kümmerte sich sie weder um den Sohn oder die Tochter. Johann war aber nun einmal kaum zu bändigen! Trotzdem konnte ihm – außer seiner eigenen Mutter – niemand lange böse sein. Mit seinem Lächeln von Ohr zu Ohr und den großen schwarzen Augen wickelte er beinahe alle um den Finger. Setzte es doch einmal Backpfeifen von Henny oder sogar mal eine richtige Tracht Prügel von Otto, dann nutzte auch das leider nicht viel. Kaum war sein Geheule verstummt und die Tränen getrocknet, war er wie der Blitz aus der Tür und machte genau den gleichen Blödsinn weiter. Da war es früher mit Karlchen einfacher gewesen, der hatte gespurt, sobald Otto oder Henny auch nur die Hand gehoben hatten.

Henny stellte das Geschirr zum Abtropfen auf ein altes Geschirrtuch. Karlchen! Sie selber könnte sich überhaupt nicht vorstellen, nicht mehr mit Mutti und Geschwistern unter einem Dach zu leben. Trotzdem war Henriette manchmal schon ein bisschen neidisch auf ihren jüngeren Bruder, denn er hatte es richtig gut bei Tante Meta und Onkel Albert.

Bei Papendiecks gab es immer ausreichend zu essen, Karl hatte heile Kleidung im Schrank, ein Zimmer ganz für sich allein und außerdem durfte er einen Beruf lernen. Irgendwann würde ihm wahrscheinlich die Tischlerei gehören! Onkel und Tante waren wirklich die allerbesten Menschen, die Henny kannte. Sie behandelten Karl tatsächlich wie ihren eigenen Sohn.

Grete war anscheinend eingeschlafen, leise ging Henny in Muttis Zimmer, um das Bett aufzuschütteln und dort ein bisschen aufzuräumen.

Bevor Gustav vor vier Jahren in Muttis Leben getreten war, waren viele Lebensmittel, die bei Familie Sienknecht auf den Tisch kamen, von Onkel und Tante Papendieck gekommen. Als Johann vor sieben Jahren geboren wurde und das Geld immer knapper geworden war, hatte Mutti Karl ganz zu Onkel und Tante in Pflege geben müssen.

Henny betrachtete den von Karl getischlerten Bilderrahmen, den er Mutti zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte und der auf der kleinen Kommode neben Muttis Bett stand. Die Kommode hatte Gustav bei Onkel Papendieck in Auftrag gegeben und Mutti hatte sich sehr darüber gefreut. „Dann kann die alte Truhe endlich fortgeräumt werden.“ Henny wusste, dass in dieser Truhe Muttis Aussteuer gewesen war, mit der sie damals nach Hamburg gekommen war. Gemeinsam hatten Otto und Gustave die alte Aussteuertruhe in den Keller getragen und Mutti hatte geseufzt, dass sie froh wäre, das klobige Ding los zu sein.

Henny faltete das Staubtuch auseinander und hob den Bilderrahmen an, um auch darunter zu wischen. Es gab außer einem verblassten Hochzeitsfoto keine weiteren Fotografien von Familie Sienknecht, denn Brot, Milch und Kartoffeln waren stets wichtiger als der Besuch bei einem Fotografen gewesen. Ihr Hochzeitsfoto hatte Mutti aber auch schon vor langer Zeit herausgenommen und in die Schublade unter ihre Hemdchen gelegt. Stattdessen wurde hinter der Glasscheibe nun der Brief aufbewahrt, den Hans Sienknecht Mutti im Juli 1917 von der Front geschrieben hatte. Henriette strich über das glänzende Holz und blies ein bisschen Staub von ihren Fingern. Elf Jahre war dieser Brief alt, das Papier schon lange brüchig und die Handschrift mit den großen Buchstaben nur noch schwer zu entziffern. „Umarme ich Dich und die Kinder, Dein Hans“, diesen letzten Satz kannte Henriette inzwischen trotzdem auswendig.

Warum Mutti diesen Brief wohl immer noch aufhob? Henny hatte irgendwann einmal gehört, wie Mutti zu Tante Agnes gesagt hatte, dass sie „erleichtert war, als es mit Hans damals zu Ende ging…“ Erschrocken hatte Agnes auf Henriette gedeutet, die erst durch diese Geste auf das Gesagte aufmerksam geworden war. Henny konnte sich an ihren Vater überhaupt nicht mehr richtig erinnern, nur an große Hände, die sie unangenehm festhielten. Mit dem Wort Vater verband sie immer ein Gefühl von ängstlichem Unwohlsein.

Sie nahm das kleine Kästchen hoch, in dem Muttis Weihnachtsgeschenk von Gustav lag. Nur wenn ihr Liebhaber zu Besuch kam, trug Mutti die kleine Uhr. Gustav war wirklich nett - meistens hatte er für jeden eine Kleinigkeit in seinen Taschen, wenn er Mutti und Margarete besuchen kam. Am liebsten hätte Mutti Gustavs Tochter einen modernen Namen wie Helga oder Ilse gegeben, aber Gustav war damals eisern geblieben. Seine Tochter sollte nach seiner Mutter genannt werden, also stand in der Urkunde in dem Feld Name: Margarete Sienknecht, unter dem Geburtsdatum zwanzigster April neunzehnhundertfünfundzwanzig – also nur drei Tage nach Henriettes Geburtstag.

„Der April ist der Geburtstagsmonat für deine Töchter, Gerda“, hatte Gustav gescherzt. Genau wie bei Johann stand natürlich auch bei Margarete im entsprechenden Feld in der Geburtsurkunde – Vater: „unbekannt“. Obwohl der Vater ja eigentlich nicht unbekannt war. Aber da Gustav mit einer anderen Frau verheiratet war, hatte Mutti das so angegeben. Es war schlimm, wenn sowas in der Urkunde stand, das wusste Henny. Die blöde Schmiedlein aus dem Milchladen zum Beispiel nutzte jede Gelegenheit, um sich darüber auszulassen, was für eine Schande es wäre, ein uneheliches Gör zu haben. Andererseits war Familie Sieknecht beileibe nicht die einzige Familie in der Siedlung, in der es Kinder mit unbekannten Vätern gab.

Und Mutti war meistens fröhlicher und netter, wenn Gustav zu Besuch gewesen war! Heiraten konnten die beiden natürlich nicht, denn Gustav hatte ja schon eine Frau. Eines Abends hatte Henny zufällig ein Gespräch zwischen Mutti und Tante Agnes belauscht. Danach hatte Henny sich zusammengereimt, dass der Bauernhof, auf dem er lebte, wohl Gustavs Frau gehören musste. „Er hat dort ja nur eingeheiratet. Wenn er sich scheiden ließe, hätte er nichts mehr.“ Mutti hatte mit ihren langen Locken gespielt und Tante Agnes hatte sie getröstet, dass Gustavs Frau wenigstens über die Liebschafts ihres Mannes Bescheid wusste.

„Musst dir keine Sorgen machen, dass sie dahinterkommt und Theater macht. Sie weiß es doch.“

„Ja, nicht auszudenken, wenn es anders wäre! Am Ende würde sie hier noch vor der Tür stehen und wollte ihren Gustav wiederhaben!“

Mutti hatte so lange gelacht, bis ihr die Tränen über das Gesicht gelaufen waren und Tante Agnes hatte geraunt, sie solle nun aber vorsichtig sein, damit nicht wieder was passierte. Henny hatte nicht alles verstehen können, aber es hatte sicherlich etwas mit Kinderkriegen zu tun gehabt. Wenn Mutti bloß nicht noch ein Kind bekam! Henriette war zwar gar nicht sicher, ob das tatsächlich noch möglich war, immerhin war ihre Mutter inzwischen schon vierzig Jahre alt. Auf jeden Fall wollte sie nicht noch auf ein weiteres Geschwisterchen aufpassen müssen.

Seit einiger Zeit haderte Henny immer öfter mit ihrem Schicksal. Stundenlang musste sie durchs ganze Viertel laufen und Johann suchen. Immer hing ihr dabei Grete wie ein Mühlstein am Rockzipfel. Dieser Unglückswurm, der auch mit seinen drei Jahren weder laufen, sitzen noch verständlich sprechen konnte.

Ganz andächtig hatte Henriette vor drei Jahren an dem Körbchen gestanden, in dem die neugeborene Schwester gelegen hatte. Es war tatsächlich ein kleines Mädchen geworden! Damit waren Henriettes Gebete erhört worden, denn sie hatte sich doch so sehr ein Schwesterchen gewünscht. Liebevoll hatte sie der Kleinen die roten Löckchen aus der Stirn gestrichen und ihr löffelweise Milch eingeflößt, weil Mutti keine Milch hatte und arbeiten musste. Hatte den viel zu großen Kopf gestützt und die Kleine überall hin getragen.

Doch trotz all ihrer Fürsorge war Grete nicht richtig gediehen, hatte unkontrolliert mit ihren dünnen Ärmchen und Beinchen gerudert und alle mit ihrem anhaltenden nächtlichen Greinen gestört. Als Grete auch mit eineinhalb Jahren nicht laufen, sitzen oder sprechen konnte, reichten die Bemerkungen der Nachbarn von ‚dat löppt sich allens t’recht22‘ über ‚dat Gör brukt mol was anne Riestüten23‘ bis ‚dat isn faules Aas, Henny, hör op, sie jümmers rumtoschleppen.‘24

Seitdem lag Margarete auf ihrem Kissen in irgendeiner Ecke und starrte teilnahmslos vor sich hin, während ihr der Speichel aus dem Mund tropfte.

Johann war als Kleinkind einfach im Bett angebunden worden, während Mutti arbeiten ging und Henny und Otto in der Schule waren. Sein wütendes Gebrüll hatte meist schon nach wenigen Minuten aufgehört und mittags war sein Kummer längst vergessen gewesen. Freudestrahlend hatte er der großen Schwester seine dicken Ärmchen entgegengestreckt und sich von Henriette aus dem Bett heben lassen. Nachdem sie ihn gewindelt und gefüttert hatte, war er schmusend auf ihren Schoß geklettert. Sobald er anfing zu laufen und Zähne im Mund hatte, wuchs er draußen zwischen den anderen Kindern in der Siedlung auf.

So war es auch damals, als Karl noch klein war, gewesen. Aber diese verdammte Grete! Hatte inzwischen alle ihre Zähne, vergaß aber beim Füttern ständig, zu kauen oder herunterzuschlucken. Henny hatte es irgendwann aufgegeben, sie mit Brot zu füttern. Wie ein Säugling bekam sie auch heute noch Haferschleim aus der Flasche. Das ging schneller und Grete schien es sowieso egal zu sein.

Die ganze Wäsche, die Grete heute Nacht schmutzig gemacht hatte, musste nun auch noch zusätzlich zu der Wäsche für die fremden Leute, die dafür immerhin bezahlten, gewaschen werden. Als ob sie nicht schon genug zu tun gehabt hätte!

„Ich hole Wasser“, brummelte sie mürrisch in Gretes Richtung, die leider wieder aufgewacht war und blöde in ihre Richtung blinzelte. So dumm die Kleine auch war, jammerte sie meistens doch weniger, wenn Henny ihr vorher sagte, wohin sie ging. „Nicht heulen, ich bin gleich zurück.“

Henny war aus der Tür, bevor Grete reagieren konnte und ging im Hof an die Pumpe, um den Topf für die große Wäsche zu füllen.

Nicht nur, dass sie sich um den Haushalt zu kümmern hatte, Mutti nahm auch noch jede Menge Wasch- und Bügelarbeiten an, die von Henriette erledigt werden mussten, um die Haushaltskasse aufzubessern. Längst konnte sie geschickter und ordentlicher als Mutti bügeln und nähen, und trotzdem würde es wohl ein unerfüllbarer Traum bleiben, wie ihre beste Freundin Gisela eine Lehre machen zu dürfen. Gisela hatte es gut, sie lernte seit zwei Jahren den Beruf der Friseuse. Seit kurzem durfte sie sogar schon Haare eindrehen und nicht nur waschen oder den Salonboden fegen. Zusätzlich zu ihrem Lohn erhielt sie in letzter Zeit immer öfter ein kleines Trinkgeld von zufriedenen Kundinnen. Ja, Gisela hatte es wirklich gut!

Die beiden Mädchen hatten bereits in der Volksschule am Lehmweg nebeneinander gesessen, schon damals hatte Henny die Freundin oft beneidet. Kam Gisela von der Schule nach Hause, gab es ein Glas Milch und eine Scheibe Brot zum Mittag. Abends, wenn Vater und ältere Geschwister von der Arbeit zu Hause waren, wurde bei Familie Gerber gemeinsam zu Abend gegessen. Natürlich musste Gisela danach beim Abwaschen helfen oder auch mal für die Familie einkaufen gehen, aber die richtige Hausarbeit erledigte ihre Mutter. Wenn Henny sich ei Mutti beklagte, bekam sie barsch zur Antwort, dass ‚Frau Gerber ja auch einen Mann hat, der Geld nach Hause bringt‘. Als ob sie was dafür konnte, dass ihr Vater damals im Krieg schwer verletzt worden und so früh gestorben war!

Natürlich konnte man Margarete nicht allein lassen und Mutti musste arbeiten, das alles konnte Henny ja noch einsehen. Trotzdem war sie es leid, immer allein auf die kleine Idiotin aufpassen zu müssen – so sagte jedenfalls Gisela immer.

„Na, allwedder keen Tied forn scheun Film, musst wedder op dien blöde Söster oppassn? Dat ulle I-di-o-ten-gör!“25

Immer öfter fragte Henriette sich in letzter Zeit, was aus ihr einmal werden sollte. Margarete würde wohl immer wie ein Kleinkind bleiben. Das durfte doch aber nicht bedeuten, dass sie sich den Rest ihres Lebens um die Schwester kümmern musste! Der Gedanke, den andere Leute in der Siedlung schon oft laut ausgesprochen hatten, schlich sich auch jetzt wieder einmal in ihren Kopf: Sowas wie Grete Sienknecht gehört in eine Anstalt!

Erst letztens hatte Frau Schmiedlein wieder mit ihrem dicken weißen Finger auf Grete gezeigt und Henny angefaucht, ‚mit dem ollen Krüppel vor ihrem Laden zu verschwinden! Oder wollt ihr mir mit sowas meine ganze Kundschaft vergraulen?!?‘

Henriette stellte den Topf mit einem Knall auf den Herd und schüttete Seifenflocken dazu. Diese blöde Schmiedlein! Der ihr Sohn war auch keine Leuchte! Sie steckte vorsichtig einen Finger ins Wasser, um die Temperatur zu prüfen. War sie froh, wenn sie endlich fertig mit der Wäsche wäre!

Ihr Blick fiel in den Hof.

Johann kauerte vor dem Kaninchenstall und sprach leise mit den Tieren. Henny lächelte. Seine Kaninchen waren sein ein und alles und wenn Otto eines zum Schlachten ausgesucht hatte, gab es jedes Mal Tränen. Gegen das Fleisch am Sonntag hatte Johann dann aber trotzdem bisher nie etwas einzuwenden gehabt und immer gern und mit großem Appetit zugelangt.

Mit energischen Handbewegungen rieb Henny die verschmutzte Wäsche, um die vielen Flecken herauszuwaschen. Eine lange gelockte Haarsträhne fiel ihr dabei ins Gesicht und wurde von ihr energisch zurückgepustet. Heute Nachmittag wollte Gisela das neue Haarwaschmittel aus dem Salon mitbringen, von dem sie ihr neulich vorgeschwärmt hatte: „Es ist flüssig und duftet ganz herrlich!“ hatte Gisela eifrig mit ganz roten Wangen gerufen. „Unsere Kundinnen sind alle ganz begeistert.“

Henriette kannte bisher nur die kleinen Portionspäckchen mit Pulver, die Schaumpon hießen und in Wasser aufgelöst werden mussten. Gisela hatte solch ein Päckchen einmal mitgebracht, normalerweise wusch Henny ihre Haare nämlich mit Kernseife.

Solange Gisela später beim Haare machen auf die Brennschere verzichtete, sollte ihr alles recht sein! Den ersten Versuch mit einem solchen Gerät hatte Henriette nämlich noch in ziemlich schmerzhafter Erinnerung. Eine große Brandblase auf ihrem Kopf hatte noch eine ganze Weile bei jedem Bürstenstrich wehgetan, weil Gisela nicht schnell genug gearbeitet hatte. Sich von Gisela die Kopfhaut mit einer gut riechenden Essenz waschen und massieren zu lassen, stellte Henny sich dagegen sehr angenehm vor. Zumal es bei Gerbers im Badezimmer schon fließendes Wasser gab, was für Henny der Inbegriff von Luxus war.

Sie wollte später auch eine Wohnung mit fließendem Wasser haben! Nicht mehr jeden Tropfen mühsam die Treppen hinaufschleppen müssen! „Ich habe später nicht nur eine Wohnung mit Bad und fließend Wasser“, hatte Gisela neulich aufgetrumpft. „Ich habe später auch meinen eigenen Friseursalon!“

Und das konnte Henny sich sogar sehr gut vorstellen.

Beim Laubenfest heute Abend würde Gisela bestimmt wieder viele lustige Dinge aus dem Salon erzählen. Von Damen, die sich Frisuren wünschten, für die die eigene Haarpracht sich einfach nicht eignete. ‚Wie se rutging, sah se ut wie‘n Mopp.‘26

Gisela nahm kein Blatt vor den Mund und Henny konnte sich totlachen über diese Geschichten. Neulich hatte Gisela sogar von einem geheimnisvollen Apparat erzählt, den jemand erfunden hatte, um aus glatten Haaren dauerhafte Wellen zu formen. Wenn Henriette es richtig verstanden hatte, war das allerdings nicht ganz ungefährlich, denn dieser Apparat wurde an den elektrischen Strom angeschlossen. „Nein danke, das wäre mir viel zu gefährlich“, ungläubig hatte sie den Kopf geschüttelt. Sich in Lebensgefahr begeben für ein paar dumme Wellen im Haar? „Du hast ja auch gut reden, wer solche Haare hat wie du…“ neidisch hatte Gisela Hennys dicke Wellen in die Hand genommen und innerlich hatte Henny sich diebisch gefreut. Endlich mal etwas, was bei ihr besser als bei Gisela war!

Genau wie ihre Mutter hatte Henriette sehr dichte und kräftige Haare. Muttis Haare waren früher mal beinahe schwarz gewesen, Hennys Mähne dagegen war dunkelblond. Mutti hatte ganz wilde Locken, während Henriettes Haare gewellt waren. Waren ihre Haare nicht in stramme Zöpfe geflochten, reichten sie ihr mittlerweile bis zur Taille. Giselas Haare dagegen waren mausbraun und so dünn, dass am Hinterkopf immer ganz rosa die Kopfhaut durchschimmerte. Trotzdem beneidete Henny ihre Freundin, die den ganzen Tag mit feinen Damen zu tun hatte und sich Mode und Frisuren aus den Zeitschriften im Salon als Vorbild nehmen konnte. Wovon sollte Henriette erzählen? Dass sie Schulden beim Bäcker machen musste? Dass Grete nur zweimal in die Hose geschissen hatte? Oder dass der olle Feddersen sie im Treppenhaus an die Wand gedrückt und zum Glück nur ihren Busen befummelt hatte, weil sie ihm gerade noch entwischen konnte?

Besonders über das Letztere schwieg man am besten, dann hielt man es noch am ehesten aus.

Vor einigen Wochen hatte Gisela ihre Haare abschneiden lassen, mit ihrem kurzen Bubikopf sah sie auf einmal ganz erwachsen aus. Was natürlich auch an ihrer neuen Kleidung lag, denn Gisela durfte einen Teil ihres Lehrgeldes behalten und kaufte sich gern etwas Neues.

‚Ich war in der S-tadt‘ sagte sie dann später, wenn sie ihre Errungenschaften vorführte.

Henny dagegen musste die Kleidung tragen, die Tante Meta aussortierte oder das, was die Töchter von Bankier Habermann Tante Agnes mitgaben. Auch wenn Henriette geschickt im Nähen war und versuchte, durch Auftrennen, Ändern und neu Nähen etwas für sich daraus zu schneidern, war es hinterher selten richtig zufriedenstellend. Die Habermann-Töchter waren ausgesprochen knabenhaft und mindestens zwei Köpfe kleiner als die große kräftige Henriette.

Für das Sommerfest heute Abend hatte Gisela ein Kleid von ihrer älteren Schwester geerbt, das ihr noch zu weit war. Während Henriettes Haare trockneten, sollte sie es enger nähen und ein Stück kürzen. Bestimmt würde Gisela darin wieder sehr schick aussehen.

Nachdem Gisela ihr vom Sommerfest in der Schrebergartenkolonie erzählt hatte, hatte Henriette auf eine günstige Gelegenheit warten müssen, um Mutti um Erlaubnis zu bitten, mitgehen zu dürfen. Als Gustav bei seinem letzten Besuch versprochen hatte, dass sie heute alle gemeinsam einen Ausflug machen würden, weil es etwas zu feiern gab, hatte sie die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, doch Johann hatte lautstark dazwischen gekräht, was gefeiert würde. In der engen Küche war das eigene Wort nicht mehr zu verstehen gewesen und Gustav hatte den wild herumspringenden Jungen auf seine Knie gezogen und ihn ermahnt, stillzusitzen und abzuwarten: „Deine Mutter und ich wollen unseren Jahrestag feiern. Wir sind jetzt vier Jahre befreundet.“

Vor dem letzten Wort hatte Gustav kurz gezögert. Doch dann hatte er Johann schnell die Haare gezaust und gesagt, dass sie vielleicht im Stadtpark wieder einmal ein Boot mieten würden. Johann war mit lautem Hurrageschrei durch die Küche getobt und hatte sich erst nach einem Klaps von Henriette wieder beruhigt. Grete hatte unbeteiligt in der Ecke gelegen und ihren Finger angestarrt. Gustav hatte sich neben Mutti auf das Sofa gesetzt, ihr einen Arm um die Schultern gelegt und Margarete zugelächelt. Glücklich und gut gelaunt hatte Mutti sich an Gustav gekuschelt und Henriette schnell all ihren Mut zusammengenommen und gefragt, ob sie statt mit in den Stadtpark vielleicht mit ihrer besten Freundin zum Sommerfest gehen durfte.

„Erst will Gisela mir die Haare waschen und ich soll ihr ein Kleid ändern“ hatte sie hastig hervorgestoßen. „Wir dürfen nach dem Fest in Oma Gerbers Laube schlafen. Dann müssen wir spätabends nicht mehr nach Hause laufen. Darf ich, Mutti? Gustav? Bitte, bitte!“ Trotz Muttis guter Laune hatte es noch Gustavs Überredungskunst bedurft, bevor Gerda Sienknecht endlich gnädig eingewilligt hatte.

Tante Agnes hatte Henny für diese Gelegenheit einen Rock geschenkt. Bei der zierlichen Agnes reichte er bis zum Knöchel, Henriette ging der weiche Blumenstoff ganz modisch nur bis zum Knie. Da sie jedoch so kräftig war, hatte sie die Nähte auslassen und einen kleinen Keil einnähen müssen. Außerdem hatte Frau Habermann einen Stoff aussortiert, aus dem Henny sich eine ärmellose Bluse genäht hatte. Sie würde auch schick aussehen, wenn auch nicht so schick wie Gisela.

Und ausgerechnet heute wurde nun Margarete krank! Es war doch zum Verrücktwerden. Niemals würde Mutti auf den Ausflug verzichten. Sie und Gustav sahen sich selten genug, bis auf zwei Sonnabendnachmittage im Monat besuchte er sie höchstens mal ein Stündchen in der Woche, wenn er mit seiner Liefertour an gut betuchte Hamburger Familien oder Großküchen fertig war. Manchmal brachte er dann auch übriggebliebenes Obst oder Gemüse mit, wofür Henny immer sehr dankbar war, weil es den Speiseplan aufbesserte. Auch wenn es ihnen gar nicht mehr so schlecht ging wie früher, hatte sie oft Mühe, die ganze Familie mit dem wenigen Kostgeld satt zu bekommen, das von Muttis Lohn übrigblieb. Gustavs Früchte waren zwar meistens schon etwas angestoßen und das Gemüse etwas welk, trotzdem brachte es Abwechslung in den Speisezettel.

Wenn Gustav tatsächlich mal ein bisschen mehr Zeit hatte, gingen er und Mutti gern noch auf ein Gläschen in „Knopf’s Gastwirtschaft“ in der Löwenstraße, obwohl die Nachbarn dann hinterher immer viel zu tuscheln hatten. Meistens aber musste Henny Grete und Johann nehmen und aus der Wohnung verschwinden, damit Mutti und Gustav wenigstens mal ein paar Minuten ungestört waren.

Henriette fischte die Wäschestücke aus dem Bottich und spülte und wrang alles ordentlich aus. Sie rückte sich den Weidenkorb zurecht und stapelte die Wäschestücke hinein. „Ich muss auf den Dachboden“ murmelte sie in Gretes Richtung, die einen ganz roten Kopf hatte und schwitzte. Hoffentlich schlief das Gör noch mal wieder ein!

Im Hausflur begegnete ihr Frau Hildebrand, die anerkennend sagte: „Guten Morgen, liebe Henny! Hilfst Du Deiner Mutter wieder mit der Wäsche? Du bist ein tüchtiges Mädchen.“

Pah – tüchtiges Mädchen.

Der Mutter helfen?

Eigentlich war es wohl eher so, dass sie die ganze Hausarbeit allein machte. Jeden verdammten Tag kümmerte sie sich um den Haushalt. Natürlich sagte Henny nichts, lächelte die Nachbarsfrau stattdessen höflich an und schleppte den schweren Korb nach oben.

Aus der Parterrewohnung drang wütendes Gebrüll. Henny seufzte. Die Eltern von Gerhard Müller gingen mal wieder aufeinander los – da klappte auch schon die Tür und Gerhard rannte, so schnell er konnte ins Treppenhaus und spähte nur kurz nach oben, wo er Henny gehört hatte. Solch eine Familie war noch schlimmer als ihre eigene, dann lieber eine Mutter, die sich zu wenig um alles kümmerte als eine Säuferin wie Frau Müller.

Wenn seine Eltern besoffen waren, bekam Gerhard bei der geringsten Kleinigkeit Schläge oder Gegenstände an den Kopf! Müllers waren unangenehme Zeitgenossen – böse Zungen behaupteten, Frau Müller wäre ein leichtes Mädchen gewesen, bevor sie Frau Müller wurde. Seinen Vater kannte Gerhard nicht, der Mann, mit dem Frau Müller zusammenlebte, war es jedenfalls nicht.

„Henny, wo ist Johann?“ wisperte Gerhard und Henny stellte den Korb ab und spähte über das Treppengeländer.

„Der füttert die Karnickel. Und dann muss er für mich noch was einkaufen…“

Gerhard hörte aber schon nicht mehr hin und wich geschickt dem Pantoffel aus, der hinter ihm im Treppenhaus landete, von wütendem Keifen begleitet: „Kumm trüch! Ick hebb seggt, du schallst heerblieven! Wullt du woll don watt dien Modder di seggen deiht!“27 Frau Müller erschien auf der Suche nach ihrem zweiten Schuh im Türrahmen, die Haare zerzaust und das Gesicht verquollen. Mit einem bösen Blick musterte sie Henny, zischte „was kuckstn so blöd?“ und knallte die Tür zu.

Henny stieg bis ganz nach oben und stellte den Korb mit der Wäsche auf einem Knie ab, während sie den Knauf der Dachbodentür drehte. Zum Glück waren alle Nachbarn einverstanden gewesen, dass Sienknechts die ganzen Wäscheleinen auf dem Trockenboden belegten, die anderen Familien hingen ihre Wäsche im Hof auf. Nur wenn es regnete, gab es manchmal Beschwerden, dass Henny alle Leinen mit ihrer Wäsche besetzte.

Sie stellte den schweren Korb auf den Boden und nahm zunächst die bereits getrocknete Wäsche ab. Die frischgewaschenen Tischtücher von Familie Blume legte sie sorgfältig über die Leine. Der schwere Stoff war bestimmt schwierig zu bügeln, nur keine unnötigen Falten jetzt! Unwillig wischte Henriette einen kleinen Schweißtropfen fort, der an ihrer Nase herabrann. Und ja keine Flecken auf Blumes saubere Wäsche! Dann müsste sie noch einmal von vorn beginnen.

Als sie nach unten kam, war Grete wieder eingenickt. Mit festen Griffen zog Henny die Tischdecken glatt und betrachtete die Schlafende. Mit geschlossenen Augen sah sie beinahe normal aus, es war ihr leerer Blick, der jedem sofort sagte, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte.

Seufzend zog Henny den Topf mit der eingeweichten Wäsche vom Herd, der Dampf füllte schwer die ganze Küche. Sie sollte jetzt schnellstens mit dem Bügeln beginnen, bevor es noch heißer wurde. Gründlich wischte sie den Küchentisch ab, nicht dass sie versehentlich Fettflecke in eine der frischgewaschenen Tischdecken hineinbügelte! Vom Bord über dem Spülstein nahm sie das schwere gusseiserne Eisen und zog den Stöpsel aus der Spiritusflasche. Ganz vorsichtig füllte sie den Tank des Bügeleisens und zündete die Flamme an. Nach einigen Minuten spuckte Henny auf die gusseiserne Sohle, um die Temperatur zu prüfen. Es zischte, nun konnte es losgehen! Sorgfältig breitete sie eine dünne Wolldecke auf dem Tisch aus und legte das Tischtuch darüber. Dann glättete sie das Tuch mit den Händen und nahm das schwere Eisen zur Hand.

Als die Kirchturmuhr halb zehn schlug, legte Henriette die letzte glattgebügelte Serviette in Familie Blumes Korb. Sie streckte sich. Auf dem Dachboden war es vorhin schon so heiß gewesen, dass sie Gretes gespülte Sachen wahrscheinlich noch vor dem Mittag wieder abnehmen konnte. Ein Glück, dass danach nur noch ein bisschen Näharbeit auf sie wartete!

Grete war wieder aufgewacht und griente sie vom Sofa dümmlich an. Henriette überlegte, ob sie ihr etwas zu essen oder trinken geben sollte, ließ es dann aber lieber. Bisher war doch sowieso alles nur wieder herausgekommen. Noch mal wollte sie heute keine Wäsche mehr waschen! Und solange die Kleine nicht jammerte, wollte sie wohl sowieso nichts haben.

Am besten nutzte sie die Restwärme des Bügeleisens, um Habermanns neu genähte Kissenbezüge zu glätten. Danach mussten die gebügelten Tischdecken zu Blumes gebracht werden und auf dem Rückweg musste sie doch noch einmal selbst zum Bäcker. Johann hatte vorhin zwar Eier und Milch gekauft, aber das Brot hatte der kleine Schussel natürlich vergessen. Außerdem hatte er nicht genug Geld mitgenommen, um die Schulden beim Bäcker zu begleichen. Henny schaute zum Einmachglas auf dem Fensterbrett. Obwohl fast Monatsende war, lag noch genug Geld für die Miete drin.

Henny lächelte. Es war wirklich gut, dass Mutti Gustav kennengelernt hatte.

Das Bezahlen der ausstehenden Miete musste jedoch noch warten. Hauswart Feddersen war stets unangenehm und widerlich, doch war er verkatert und wurde zu früh geweckt, konnte er obendrein auch noch brutal werden. Am liebsten hätte Henny Johann zu ihm geschickt, aber sie konnte sich schon vorstellen, wie das ausginge. Entweder würde ihr Bruder sich rundheraus weigern oder ihr frech ins Gesicht lügen und behaupten, dass auf sein Klingeln und Klopfen keiner geantwortet hätte. Auch dieser Gang würde also an ihr hängen bleiben.

22 Das läuft sich alles zurecht

23 Das Kind braucht mal was hinter die Ohren

24 Das ist ein faules Aas, höre auf, Henny, sie immer herumzuschleppen

25 Na, wieder keine Zeit für einen schönen Film? Musst du wieder auf deine blöde Schwester aufpassen. Das alte Idiotenkind.

26 Als sie hinausging, sah sie aus wie ein Mopp

27 Komm zurück. Ich habe gesagt, du sollst hierbleiben! Willst du wohl machen, was deine Mutter sagt!

09:30 Frühstückspause in der Cigarettenfabrik

Sobald die Sirene heulend die Frühstückspause ankündigte, strömten Gerda und ihre Kolleginnen hinaus aus der stickigen Küche in den Hof, der schon jetzt um halb zehn morgens im gleißenden Sonnenlicht lag. Alles drängte sich an der einzigen schattigen Stelle dicht an der Hausmauer zusammen. Zehn Minuten Pause – eine willkommene Abwechslung und Zeit, um vom mitgebrachten Brot abzubeißen, etwas zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen. Wie alle Arbeiter der Fabrik erhielt auch das Küchenpersonal zusätzlich zum Lohn eine Zuteilung von sechs Zigaretten pro Woche.

Gerda, die nicht rauchte, gab stets Otto ihre Ration, obwohl er mittlerweile weitaus mehr als seine Mutter verdiente und sich seine Zigaretten längst selbst kaufen konnte. Doch war es einfach eine Gewohnheit geworden, dem Ältesten am Freitag die Ration aus sechs Zigaretten hinzulegen. Richtig bedankt hatte er sich dafür seit langem nicht, ging es Gerda durch den Kopf, während sie ihre Kollegin Ruth beobachtete, die genüsslich ihre ARIS paffte und einen Rauchring in die warme Luft blies. Ein Frühstücksbrot hatte Gerda nicht dabei, bei dieser Wärme hatte sie noch weniger Appetit als sonst. Stattdessen hatte sie sich nur einen blechernen Becher mit heißem Tee vollgeschenkt. Küchenchef Mahler behauptete ja immer, dass heiße Getränke bei Hitze den Durst besser löschen würden, aber Gerda war sich im Moment nicht sicher, ob das stimmen konnte. Ein eiskalter Saft wäre ihr jetzt jedenfalls lieber gewesen.

Ruth nahm gerade durstig einen großen Schluck aus ihrem Kaffeebecher, als sich auch schon ihre geschwätzige und neugierige Kollegin Traudel mit ihrem Stullenpaket in der Hand zu ihnen gesellte. Traudel wohnte noch zu Hause und bekam von ihrer Mutter immer üppig belegte Brote mit, was dem beleibten Mädchen auch deutlich anzusehen war. Dralle Arme wuchsen aus dem zu engen Kleid, der vorgeschriebene Küchenkittel sperrte über ihren mächtigen Brüsten.

Ohne sich darum zu kümmern, dass Ruth gerade zu sprechen anhob, krähte Traudel mit ihrer durchdringenden Stimme dazwischen: „Das Büro hat angerufen. Wir sollen nach der Pause zwei Kannen Kaffee hochbringen.“ Dabei schaute sie sich mit triumphierender Miene um und genoss den Moment, weil sie mal wieder etwas wusste, was die alltägliche Küchenroutine unterbrach.

Doch der gewünschte Erfolg blieb aus, denn Gerda zuckte gelangweilt die Achseln und Ruth murmelte mürrisch, dass Traudel gern allein nach oben gehen könne. „Ich habe jedenfalls keine Lust, mich bei dieser Affenhitze mit schweren Kannen abzuschleppen, kannst dich da oben allein wichtig tun.“

Dem konnte Gerda nur zustimmen. Erst rannte man mit den großen Kannen durch das halbe Gebäude, dann wurde man vor dem Bürotrakt von einer der Stenotypistinnen abgefangen und von diesen eingebildeten Dingern wie die letzte Dienstmagd behandelt und geduzt: „Stell das mal da hin. Nein, lieber doch dort drüben. Aber vorsichtig, nicht kleckern.“

Als ob man ein Kleinkind wäre!

Nein danke, dass hatte Gerda nun wirklich nicht nötig. Die Büromädchen könnten ja ihre Töchter sein! Von ihr aus sollte Traudel das übernehmen – etwas Bewegung würde dem kleinen Fettwanst mal ganz guttun. In der Küche stand sie meistens solange im Weg herum, bis Mahler sie anpfiff und mit irgendetwas beschäftigte. Alle ärgerten sich ständig über die Faulheit und Bequemlichkeit der jungen Kollegin.

Trotzdem hielt Ruth der gefräßigen Traudel großzügig die Tüte mit Kuchenbruch vor die Nase. Ruths Eltern gehörte die Bäckerei in der Wrangelstrasse und meistens hatte sie etwas Leckeres für die Pause dabei. Auch wenn Gerda immer noch keinen Hunger verspürte, nahm sie doch ein Stückchen vom etwas zu dunkel geratenen Butterkuchen und stippte ihn in ihren Tee. Sie war so in Gedanken, dass sie zusammenschrak, als Traudel sie ungeduldig mit dem Arm anstieß: „Heute ist doch euer großer Tach, oder? Geht ihr denn nachher irgendwo ordentlich feiern?“

Offensichtlich hatte sie schon mehrfach gefragt und Gerda nickte widerwillig. Sie konnte es nicht leiden, sich von Traudel ständig ausfragen zu lassen. Barsch unterbrach Ruth deshalb Traudel, dass sie doch genau wisse, dass heute der vierte Jahrestag von Gustav und Gerdas Kennenlernen sei und dass sie Gerda jetzt einfach mal in Ruhe lassen solle. „Du solltest dir vor allem deine Pfoten waschen, bevor du ins Büro hoch gehst!“ schloss Ruth höhnisch und Gerda grinste. „Brauchst gar nicht so ein Getue um deinen Freund machen“, grummelte Traudel in Gerdas Richtung. „Du und dein blöder Grünhöker!“28 Doch Gerda wendete sich einfach achselzuckend ab.

War ihr doch egal, was die blöde Traudel über Gustav sagte, die dumme Nuss kannte ihn ja gar nicht! Und Ruth hatte natürlich Recht. Sie und Gustav heute Nachmittag den vierten Tag ihres Kennenlernens feiern.

Wenn man es ganz genau nahm, hatten sie und Gustav sich zwar schon Anfang Juli 1924 kennengelernt, aber sie hatten sich darauf geeinigt, immer den letzten Sonnabend im Juli als „ihren“ Jahrestag zu feiern. Ruth war die einzige, der sie im Vertrauen erzählt hatte, dass Gustav mit einer anderen Frau verheiratet war, das hätte Gerda sonst keiner der Arbeitskolleginnen auf die Nase binden mögen. Am allerwenigsten der neugierigen Traudel, die auch jetzt natürlich nicht lockerließ und hartnäckig weiterbohrte: „Vielleicht verlobt er sich ja heute mit dir! Wohin fahrt ihr denn? Ich war neulich mit meinem Freund bei Hagenbecks Tierschau in Stellingen, das war vielleicht was…“

Gerda hörte dem Geplapper nur noch mit einem halben Ohr zu, weil sie an ihre erste Begegnung mit Gustav dachte.

So viele Männer waren damals im Krieg gefallen, so viele Soldaten später noch an den Folgen ihrer Verwundungen gestorben. So viele Frauen waren genau wie Gerda Witwen geworden und mussten nun allein sehen, wie sie ihre Kinder großbekamen und irgendwie überlebten.

Eines Nachmittags, sechs Jahre nach Kriegsende, kurz vor einer großen Abendgesellschaft bei Bankier Habermann, hatte Gerda sich schweren Herzens zu ihrer jüngeren Schwester Agnes auf den Weg gemacht, um sich von ihr Geld zu leihen. Agnes bekam zwar nur einen unregelmäßigen kargen Lohn, schließlich hatte sie freie Kost und Logis bei Habermanns, aber sie gab so gut wie nie etwas aus, sondern sparte jeden Pfennig. Manchmal lud sie dann Henny zu einem kleinen Ausflug ein oder gönnte sich mal ein Stückchen Kuchen beim Konditor.

Besuche während der Arbeitszeit eines Dienstmädchens waren natürlich verboten, aber Gerda hatte sich durch die offene Tür vorsichtig in Habermanns große Küche geschlichen, die im Untergeschoss der Riesenvilla lag. Die gutmütige Köchin hatte ihr angeboten, ihre Schwester im Haus suchen zu lassen und Gerda in den Garten neben den Kücheneingang geschickt, wo sie auf Agnes warten sollte.

Morgens hatte der Bäcker ihr barsch und endgültig erklärt, dass er nicht mehr anschreiben würde. „Nee, Fru Sienknecht, betoln un freten oder nüch betoln un keen Brod kreegen. Ik dei ok nix schenken kregen.“29

Also war Gerda nichts anderes übrig geblieben, als kleinlaut nach Feierabend loszugehen, um Agnes um ein paar Mark vom ihrem Ersparten anzubetteln, damit sie wenigstens die Schulden beim Bäcker bezahlen konnte.

Gerda hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig gegessen, sondern alles für ihre Kinder aufgespart. Als sie sich rasch umgedreht hatte, weil sie Schritte gehört hatte und Agnes begrüßen wollte, hatte sich auf einmal der ganze Garten um sie herum gedreht und sie war ihrer jüngeren Schwester ohnmächtig in die Arme gefallen.

Gustav Plenzke belieferte mehrmals in der Woche Werkskantinen und die Großküche des Klinikums in Hamburg Eppendorf. Außerdem lieferte er wohlhabenden Hamburger Familien Eier, Obst und Gemüse von seinem Bauernhof nach Hause. Für die Abendgesellschaft bei Habermanns hatte die Köchin bei ihm Enten bestellt, die nun frischgeschlachtet und ausgenommen neben ihm auf dem Fuhrwerk gelegen hatten. Vor dem Haus am Innocentiapark hatte er die Zügel angezogen und war vom Kutschbock gestiegen. Pfeifend war er den kleinen Weg, der seitlich neben dem Anwesen verlief und zur Küche führte, entlanggegangen, die beiden Enten in der einen, die erste Fuhre Gemüse in einem Korb in der anderen Hand.

„Oh, was ist denn mit dem Fräulein los“, schnell hatte er Korb und Geflügel auf dem Mäuerchen, das den Treppenabgang zur Küchentür begrenzte, abgestellt und Agnes geholfen, Gerdas schlaffe Gestalt zu stützen. “Ist was Kleines unterwegs?“

Er hatte Agnes zugezwinkert, genau in diesem Augenblick hatte Gerda ihre Augen geöffnet und seine letzten Worte gehört. ‚Blöder Kerl!‘ Als ob man als Frau nur umfallen würde, wenn man in anderen Umständen war. Hunger und schwere körperliche Arbeiten konnten einen doch genauso schwindelig machen!

Gustav hatte Gerda seine stinkende Pfeife unter die Nase gehalten, ihr die Wangen geklopft und sie leicht geschüttelt. Langsam war ein bisschen Farbe in ihr Gesicht zurückgekehrt. Der Tabakrauch hatte sie zum Husten gereizt und sie hatte nichts antworten können, weil sie nach Luft ringend dagehockt hatte.

„Geht’s wieder? Nicht wieder umkippen, Frolleinchen!“

Mit einem frechen Grinsen hatte Gustav Plenzke Gemüsekorb und Enten geschultert und war fröhlich pfeifend die Küchentreppe hinabgestiegen.

„Bleev sitten, ich hol dir wat to‘n eeten“30, Agnes war hinter Gustav die Treppe hinuntergelaufen und Gerda hatte sich auf das Mäuerchen gehockt und mit dem Blusenzipfel die vom Husten immer noch tränenden Augen getrocknet.

„Na, Fräulein, langsam haben Sie ja wieder ein bisschen Farbe im Gesicht!“ Gustav hatte sie aufmerksam gemustert, als er die Treppe wieder heraufkam. Dann hatte er den Korb neben sich gestellt, seine Mütze nach hinten ins Genick geschoben und die Pfeife auf dem kleinen Mäuerchen ausgeklopft. Wortlos hatte Gerda genickt und sich herzklopfend gewundert, wie anziehend sie diesen Mann mit dem schütteren braunen Haar und dem frechen Grinsen fand.

Fräulein hatte er zu ihr gesagt.

Wenn der wüsste!

Witwe mit vier hungrigen Mäulern, die gestopft werden wollten, das war sie.

Mit der Pfeife im Mundwinkel hatte er in seinem Korb gewühlt und schließlich eine braune Flasche hervorgezogen. Mit einem ‚Plopp‘ hatte er das Malzbier geöffnet und ihr vor die Nase gehalten: „Nehmen Sie einen Schluck, Fräulein, das hilft Ihnen wieder auf die Beine!“ Nach einem langen Schluck aus der Flasche, der sie tatsächlich etwas belebt hatte, war Gerda endlich in der Lage gewesen, ihm zu antworten. „Frau Sienknecht, ich bin Frau Sienknecht“, Gerda hatte das ‚Frau‘ betont, damit er gleich wusste, woran er war. „Aber vielen Dank für das Bier, es hilft tatsächlich.“

„Sag ich doch, Frau Sienknecht“, er hatte ihr unverschämt zugezwinkert und war pfeifend zu seinem Wagen gegangen, um die nächsten Waren zu holen.

Bevor er dann wieder auf seinen Kutschbock gestiegen war, hatte er ihr zugerufen, dass sie das Bier gern ganz austrinken könne. „Gibt Kraft, Frau Sienknecht!“ hatte er lachend gerufen und Abschied nehmend seine Mütze geschwenkt. Gerda hatte noch einen großen Schluck von dem süßen Bier getrunken und sich an die warme Mauer gelehnt. Agnes hatte ihr ein kleines Stück trockenes Brot hingehalten und sie ermahnt langsam zu essen. „Gut kauen, sonst kommt gleich alles wieder hoch“. Gerda hatte vorsichtig winzige Stückchen abgebissen und mit dem restlichen Malzbier nachgespült.

Danach hatte Gerda bei jeder Gelegenheit versucht, ihre Schwester über den Mann mit der Pfeife auszufragen und Agnes hatte erzählt, was sie von der Köchin unauffällig erfahren konnte. „Nicht, dass sie noch denkt, ich will was von ihm“, hatte Agnes lachend abgewehrt, wenn Gerda ihr wieder Löcher in den Bauch gefragt hatte. Schließlich erfuhr Gerda, dass der Gemüsehändler Gustav Plenzke hieß und einen Bauernhof irgendwo hinter Schnelsen hatte.

Sie hatte sich so gewünscht, ihn irgendwann einmal wieder zu sehen. Er war so freundlich zu ihr gewesen! Und dieses freche Grinsen hatte ihre Knie richtig weich werden lassen. Was war Gustav Plenzke für ein gutaussehender Mann!

Und wie ein Bauer sah er eigentlich gar nicht aus.

Mit Hilfe ihrer Schwester und der Köchin, die noch länger als Agnes bei Habermanns in Stellung war, hatte Gerda nach und nach mehr über den Gemüsehändler herausgefunden: Er hatte in den Hof der Familie Butenschön eingeheiratet, seine Frau war die einzige Erbin und sollte ein paar Jahre älter sein als er. Kinder sollte das Paar keine haben. Und ein Bauer war er tatsächlich nicht, denn er war vor wenigen Jahren erst aus Lübeck gekommen, wo er auf einer Werft gearbeitet haben sollte.

Vor allem war Gustav Plenzke jedoch ein tüchtiger Verkäufer. „Bei vielen Familien in unserer Nachbarschaft kommt seit einiger Zeit grundsätzlich nur noch Obst und Gemüse vom Hof Butenschön auf den Tisch“ hatte die Köchin gesagt. „Genau wie bei uns.“

Wenn er nicht mit Pferd und Wagen unterwegs war, fuhr Gustav Plenzke neuerdings auch öfter auf einem knatternden Motorrad mit Anhänger herum.

Damit kam er seit einiger Zeit manchmal auch zu seinen Wochenendbesuchen zu Gerda und stellte es dann direkt neben der Polizeiwache ab. „Sicher ist sicher“, pflegte er zu sagen und Wachtmeister Soennichsen von Mann zu Mann zuzuzwinkern. „Direkt unter den Augen der Obrigkeit wird sich wohl so leicht keiner an der Maschine vergreifen.“

Gerda hatte ihn ungläubig angeschaut, als er das so leichthin erzählte. Sie hatte Angst vor dem Polizisten und wäre niemals freiwillig in die Nähe des dicken Soennichsen gekommen.

Die Sirene verkündete das Pausenende und unterbrach Traudels weitschweifige Erzählung vom Ausflug nach Hagenbecks Tierpark mit ihrem Verehrer. Ruth trat ihre halbgerauchte Zigarette mit dem Absatz aus, bevor sie sie sorgsam zurück in die Schachtel legte.

„Vorsicht“, warnte Gerda und nickte zu Mahler hin.

Ruth verrieb die Asche mit dem Schuh und ließ die Schachtel rasch in der Kitteltasche verschwinden.

Das war etwas, was Mahler auf den Tod nicht leiden konnte, wenn er einen dabei erwischte. Frauen, die in der Öffentlichkeit rauchten und dann noch auf den Boden aschten! Doch Mahler hatte die Augen gegen die grelle Sonne zusammengekniffen und deshalb wohl nichts bemerkt.

„Noch dreieinhalb Stunden bis Feierabend! Mann, bin ich froh, wenn ich hier raus komm!“ Ruth hakte Gerda unter und rückte ihr die Haube wieder zurecht, denn auch auf herauslugende Haare reagierte Mahler immer mit Gebrüll.

„Auf geht’s“, sagte Ruth jetzt katzenfreundlich zu Traudel, „ich koche den Kaffee, damit die Herrschaften nur ja nicht warten müssen auf unsere liebe Traudel. Bist ja immer gern im Büro…“

Die Häme war jedoch verschwendet, denn Traudel nickte mit einem seligen Lächeln auf dem feisten Gesicht. Wahrscheinlich hoffte die dumme Pute, dass sie einen von den Büroheinis näher kennen lernen und bald verheiratet sein würde.

‚Ich will ja nicht den Rest meines Lebens in dieser dummen Küche schuften“, war ihr Lieblingsspruch.

Sollte die blöde Gans doch weiterträumen!

Gerda widmete sich dem Schälen der Kartoffelberge und dachte dabei weiter sehnsüchtig an Gustav.

28 Gemüsehändler

29 Bezahlen und (fr)essen oder nicht bezahlen und kein Brot kriegen.

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