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Elche im Apfelbaum

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Drei Jahre später
  7. – 1 –
  8. – 2 –
  9. Roggenmischbrot
  10. – 3 –
  11. – 4 –
  12. – 5 –
  13. – 6 –
  14. Käsekuchen aus Småland
  15. – 7 –
  16. – 8 –
  17. – 9 –
  18. – 10 –
  19. Schwedisches Hefebrot
  20. – 11 –
  21. – 12 –
  22. – 13 –
  23. – 14 –
  24. Knäckebrot
  25. – 15 –
  26. – 16 –
  27. – 17 –
  28. – 18 –
  29. Schwedische Brötchen
  30. – 19 –
  31. – 20 –
  32. – 21 –
  33. – 22 –
  34. Pepparkakor
  35. – 23 –
  36. – 24 –
  37. – 25 –
  38. – 26 –
  39. Mandarinen-Sahne-Torte
  40. – 27 –
  41. – 28 –
  42. – 29 –
  43. – 30 –
  44. Schwedische Zimtschnecken
  45. – 31 –
  46. – 32 –
  47. – 33 –
  48. – 34 –
  49. Sesam-Karotten-Brötchen
  50. – 35 –
  51. – 36 –
  52. – 37 –
  53. – 38 –
  54. Apfelkuchen
  55. – 39 –
  56. – 40 –
  57. Lussekatter

Über die Autorin

Linnea Holmström liebt die Weite und die Vielfalt Schwedens. Wenn sie nicht gerade durchs Land reist oder ihre Erlebnisse in einem Roman verarbeitet, steht sie am liebsten in der Küche und probiert neue Rezepte aus. Sie ist gleichermaßen begeistert von den verschneiten Wäldern im Winter und von den langen Sommerabenden, an denen die Sonne niemals unterzugehen scheint. ELCHE IM APFELBAUM ist nach WEIHNACHTEN AM SILJANSEE und SOMMERGLÜCK AUF REISEN ihr dritter Roman.

Prolog

Vor einer Woche hatte es noch geschneit, aber jetzt waren die Temperaturen gestiegen. Ein heftiges Wintergewitter fegte über das kleine Dorf an der Ostsee hinweg und brachte Unmengen Regen mit sich.

Liv konnte nicht schlafen. Es beunruhigte sie, dass Lennart immer noch nicht zu Hause war. »Spätestens zum Abendessen bin ich da«, hatte er bei seinem letzten Anruf gesagt. Das war bereits mehrere Stunden her, aber er war immer noch irgendwo da draußen mit seinem Wagen unterwegs.

Mehrmals hatte Liv versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, aber es meldete sich immer nur die Mailbox. Sie hatte ihm jedes Mal eine Nachricht hinterlassen, ihm mitgeteilt, dass sie sich Sorgen machte, und um einen Rückruf gebeten.

Lennart meldete sich nicht.

Inzwischen war Liv hellwach. Sie stieg aus dem Bett, ging auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, um die Kinder nicht zu wecken, und betrat die Backstube. Backen war für sie schon immer die beste Methode gewesen, sich abzulenken. Sie schaltete die kleine Lampe über dem Tisch ein, auf dem sie den Teig für ihre Brote und Kuchen knetete. Ein heller Lichtschein zeichnete sich auf der Arbeitsplatte ab, der Rest des Raumes war erfüllt von dunklen Schatten.

In vier Wochen war Weihnachten, und Liv war bisher noch nicht dazu gekommen, die Elche zu backen.

Die fünf Ausstechformen gab es schon seit zwei Generationen in ihrer Familie. Sie zeigten Elche in verschiedenen Positionen: stehend, liegend, in Bewegung, den Kopf nach vorn, den Kopf nach hinten. Zwei große und drei kleine, wobei eine der großen Metallformen bereits an zwei Stellen eingerissen war. Mit ihr ging Liv besonders behutsam um.

»Die Formen passen genau zu unserer Familie«, hatte Lennart erst letzte Woche gescherzt, als Liv die Elche zum Backen bereitlegte. »Mama Elch, Papa Elch, und die drei Elchkinder.«

Zwei ihrer Elchkinder lagen zum Glück im Bett und schliefen trotz des Unwetters tief und fest. Das dritte Kind in ihrem Bauch strampelte heftig. Es schien Livs Unruhe zu spüren.

»Ganz ruhig«, sagte sie leise. Sie streichelte über ihren Bauch und hinterließ Mehlspuren auf der gestreiften Schürze.

Liv hatte die Außenbeleuchtung für Lennart eingeschaltet. Dadurch wurde nicht nur der Parkplatz, sondern auch der Garten neben dem Haus beleuchtet. Durch das Fenster der Backstube konnte Liv den Apfelbaum sehen. Der Sturm rüttelte heftig an seinen Ästen. Blitz und Donner folgten in immer kürzeren Abständen.

Liv knetete den Teig, rollte ihn aus und hielt gerade die große beschädigte Elchform in der Hand, als ein gewaltiges Krachen das ganze Haus erbeben ließ.

Sie schrie erschrocken auf, trat einen Schritt zurück, ließ die Form fallen und bekam kaum mit, dass sie auf dem Steinboden in zwei Teile zerbrach. Wie gebannt starrte sie aus dem Fenster.

Der Blitz hatte den Apfelbaum gespalten. Eine Seite ragte hoch in den Himmel, die andere kippte langsam zur Seite.

Liv presste beide Hände vor den Mund, ihr Herz klopfte wie verrückt. Ihr war kalt, und sie zitterte am ganzen Körper. Hinterher hätte sie nicht sagen können, wie lange sie da gestanden und nach draußen gestarrt hatte.

Und dann klingelte das Telefon.

Drei Jahre später

– 1 –

Das ist nicht dein Ernst!«

Frederika Nyström zog die Augenbrauen hoch. »Das ist mein voller Ernst«, versicherte sie.

Björn starrte seine Agentin fassungslos an und tippte sich gegen die Stirn. »Ich gehe nicht in die Wildnis. Nicht mal für einen Tag, geschweige denn für mehrere Wochen.«

Frederika lächelte. Es war dieses Lächeln, von dem Björn wusste, dass es keine Kompromissbereitschaft signalisierte, sondern feste Entschlossenheit.

Nun gut, er war ebenso fest entschlossen, sich nicht auf diese dämliche Idee einzulassen.

»Denk darüber nach«, schlug Frederika vor. »So wild ist die Wildnis dort auch wieder nicht. Es gibt durchaus so etwas wie Zivilisation.« Sie grinste.

Von mir aus, dachte Björn, ich komme trotzdem nicht mit. Gleichzeitig war er neugierig. »Was ist das für ein Haus?«, fragte er. »Und wo genau ist es überhaupt?«

»Mein Elternhaus«, erwiderte sie knapp. »In Ångermanland. Norrfällsviken, um genau zu sein.«

Irrte er sich, oder schwang da ein ganz besonderer Ton in ihrer Stimme mit? So etwas wie Sehnsucht? Okay, dann sollte sie eben dort hinfahren. Aber ohne ihn.

»Am Arsch der Welt!« Björn nickte grimmig. »Was soll ich da?«

»Die Landschaft ist dramatisch schön«, sagte Frederika. »Das Haus liegt abgelegen, du hast dort alle Ruhe zum Schreiben.«

»Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, dass Ruhe eher kontraproduktiv sein könnte? Ich bin ein Stadtmensch, ich brauche den Trubel, ich brauche Menschen um mich, damit ich arbeiten kann«, behauptete Björn.

»Davon habe ich bisher nichts bemerkt«, konterte Frederika. »Du hast einen Vertrag zu erfüllen, der Abgabetermin ist längst überschritten, und lange gelingt es mir nicht mehr, den Verlag hinzuhalten. Die wollen entweder ein Manuskript oder den Vorschuss zurück.«

»Na und? Dann zahle ich den beschissenen Vorschuss eben zurück«, erwiderte Björn ungerührt, wandte ihr den Rücken zu und trat ans Fenster.

Obwohl Björn in den letzten Jahren nichts mehr geschrieben hatte, verdiente er noch ganz gut an seinen Tantiemen. Er wohnte in einem der Prachtbauten am Strandvägen, der exklusivsten Adresse Stockholms, mit wundervollem Blick aufs Wasser. Durchs Fenster konnte er einen der großen Ausflugsdampfer sehen, der gerade gemächlich vorbeizog. Er wartete darauf, dass Frederika in seinem Rücken etwas sagte oder, besser noch, dass sie sich einfach verabschiedete.

Sein Handy klingelte. Er griff in die Tasche seiner Jeans, zog es hervor und warf einen Blick auf das Display: Mia, seine derzeitige Affäre, die sich allmählich als ziemlich lästig entpuppte.

Als er das Gespräch nicht annahm, schickte sie ihm gleich darauf eine SMS: Muss dich unbedingt sehen!

Er runzelte entnervt die Stirn. Er wollte Mia schon seit Wochen loswerden. Eigentlich sollte ein kurzer Anruf oder besser noch eine SMS genügen, um die Sache zu erledigen. Wenn Mia nur nicht so unberechenbar wäre! Sie glänzte nicht durch besondere Intelligenz, aber sie war eine absolute Dramaqueen, die sich meisterhaft auf tränenreiche Szenen verstand, und er traute ihr durchaus zu, dass sie dafür einen Moment in der Öffentlichkeit wählen würde, wenn sie sicher sein konnte, dass die Presse anwesend war.

Vielleicht war dieses Norrfällsviken doch keine so schlechte Idee. Einfach ein bisschen am Wasser chillen, sich ausruhen und vielleicht, ja vielleicht tatsächlich mal wieder etwas schreiben. Und wenn es nur die SMS an Mia war, in der er mit ihr Schluss machte.

Ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht. Für ihn war Mia nicht mehr als eine Affäre, genau wie die vielen Frauen vor ihr, und daraus machte er auch keinen Hehl. Aber irgendwie schien Mia zu glauben, dass sie ein Paar waren, und das verkündete sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie klammerte, tauchte immer wieder bei ihm auf und brach bei jeder ruppigen Bemerkung in Tränen aus.

»Okay«, sagte Björn spontan und drehte sich zu Frederika um. »Wäre wahrscheinlich ganz gut, mal eine Zeitlang aus Stockholm zu verschwinden.«

Offensichtlich durchschaute ihn Frederika. Die Tatsache, dass er das Gespräch nicht angenommen hatte, und wahrscheinlich auch die düstere Miene, mit der er die SMS gelesen hatte, verrieten ihn.

»Mia?«, fragte sie nur.

Björn zuckte mit den Schultern und nickte dann knapp.

»Wenn sie mir sympathisch wäre, hätte ich sogar Mitleid mit ihr«, sagte Frederika trocken.

»Du solltest vielmehr Mitleid mit mir haben«, stellte er erbost fest. »Ich kann machen, was ich will, ich werde diese Frau einfach nicht los.«

»Wie wäre es mal mit einem klaren, offenen Wort?«, erwiderte Frederika.

Björn betrachtete seine Agentin aufmerksam. Er kannte sie seit vielen Jahren. Sie war die einzige Vertraute in seinem Leben, seit Eivor ihn verlassen hatte.

Frederika war bei ihm gewesen, als er sich nach seinen Alkoholexzessen die Seele aus dem Leib gekotzt hatte. Sie hatte seine Wuttiraden auf Eivor ausgehalten, seine schlechte Laune ertragen und immer wieder mit dem Verlag verhandelt, wenn ein Abgabetermin verstrichen war. Sie versuchte sogar, seinen Ruf in der Öffentlichkeit zu retten, aber das war nach den vielen Eskapaden, die die Presse ausgeschlachtet hatte, ein sinnloses Unterfangen. Alkohol, Frauen, deren Namen er nicht mehr kannte, und Skandale, in die er nicht nur verwickelt war, sondern die er selbst provoziert hatte, hatten aus dem einst gefeierten Schriftsteller Björn Bjerking Schwedens meistgehassten Bad Boy gemacht. Aber Frederika hatte immer zu ihm gehalten.

Bisher hatte er es als selbstverständlich betrachtet, dass sie für ihn da war. Aber was wusste er eigentlich über Frederika, außer dass sie eine sehr erfolgreiche Literaturagentur betrieb?

Er hörte zum ersten Mal, dass sie ein Haus in Ångermanland, einer ländlichen Provinz an der schwedischen Ostküste, besaß. Er wusste, dass sie alleine lebte, und hatte sie auch schon mehrmals in ihrer großen, modernen Wohnung in Vasastan besucht, aber das hatte ihm nichts über ihr Leben verraten.

Hatte es je einen Mann in ihrem Leben gegeben? Oder Kinder? Wieso sprach sie nie über ihre Familie?

Auch wenn Björn selbst sehr sparsam mit Informationen über seine Vergangenheit war, wurde ihm klar, dass Frederika viel mehr über ihn wusste als er über sie. Vielleicht war es sogar ganz spannend, mit ihr gemeinsam auf diese Reise zu gehen. Jedenfalls spannender als die Gesellschaft von Mia, die ihm gerade wieder eine SMS schickte und ihren Besuch ankündigte.

Björn nahm es zur Kenntnis, ohne darauf zu antworten. Er steckte das Handy ein und nickte Frederika zu.

»Versuchen wir es«, sagte er schmunzelnd. »Wenn es mit dem Schreiben nicht klappt, kann ich das Projekt ja sofort wieder abbrechen.«

»Gar nichts wirst du abbrechen. Du wirst dort arbeiten!«, erwiderte Frederika bestimmt. »Ich werde nämlich da sein und auf dich aufpassen.«

»Na toll.« Björn verzog das Gesicht. »Meine Agentin erklärt sich zu meiner Babysitterin.«

»Nur für ein paar Tage«, sagte Frederika beschwichtigend. »Ich will das Haus verkaufen und muss dafür alles in die Wege leiten. Entrümpeln, saubermachen, den Garten in Ordnung bringen und so weiter. Wäre nett, wenn du nach meiner Abreise hin und wieder Kaufinteressenten durchs Haus führen könntest.«

Björn hob beide Hände und ließ sie wieder fallen. »Offensichtlich hast du mich schon fest eingeplant. Wir fahren mit meinem Wagen«, bestimmte er.

»Damit du abhauen kannst, wenn es dir nicht passt?«

Björn bestritt es weder, noch gab er es zu. Er grinste sie nur an.

»Pack deine Sachen«, forderte Frederika ihn auf. »Wir fahren heute Nachmittag los.«

Björn sah sie überrascht an. »Heute schon? Du handelst doch sonst nicht so spontan.«

»Es war keine spontane Entscheidung«, sagte Frederika. »Ich denke schon seit Wochen darüber nach.«

»Wie nett, dass du mich so zeitig informierst!«, erwiderte er sarkastisch.

Frederika klopfte ihm auf die Schulter. »Du hättest es dir bestimmt anders überlegt, wenn ich dir genug Zeit zum Nachdenken gelassen hätte.«

»Wahrscheinlich«, gab Björn zu.

»Du holst mich also in zwei Stunden ab?«, vergewisserte sie sich.

Björn nickte.

»Dann bis gleich«, sagte Frederika und wandte sich ab, aber Björn hielt sie zurück.

»Wieso?«, fragte er. »Du hast nie von diesem Haus in Norrfällsviken gesprochen. Warum willst du da jetzt unbedingt hin?«

Frederika drehte sich langsam wieder zu ihm um, antwortete aber nicht sofort. Ihr Gesicht verriet nicht, was sie dachte oder fühlte, aber das war typisch für Frederika.

»Wie ich eben sagte, denke ich schon eine ganze Weile darüber nach. Ich glaube, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um mit Norrfällsviken für immer abzuschließen«, sagte sie.

»Verstehe.« Björn nickte, obwohl er gar nichts verstand.

»Bis gleich«, verabschiedete sie sich ein weiteres Mal.

»Ich werde da sein«, sagte Björn und schaute ihr nachdenklich hinterher, als sie das Zimmer verließ. Kurz darauf hörte er die Wohnungstür ins Schloss fallen.

Eine Stunde später bereute Björn seine Zusage bereits. Frederika hatte recht: Wenn sie ihn mit ihrem Plan nicht so überrumpelt hätte, wäre er ganz bestimmt nicht mitgefahren.

Norrfällsviken in Ångermanland! Das klang nach tiefster Provinz. Nein, das war nichts für ihn!

Björn hielt das Handy bereits in der Hand, um Frederika anzurufen und ihr wieder abzusagen, als es an der Tür klingelte. Während er nach Frederikas Nummer suchte, öffnete er die Tür.

Mia fegte an ihm vorbei. In der Hand hielt sie mehrere Einkaufstüten, auf denen die Namen angesagter Boutiquen standen.

Björn steckte das Handy zurück in die Tasche. Genervt folgte er Mia ins Wohnzimmer, wo sie gerade die Tüten zu Boden und sich selbst theatralisch in einen Sessel fallen ließ. Die Beine in den engen Designerjeans baumelten über der Armlehne.

Mia verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Mann, war das ein Tag heute!«

»Ja, shoppen kann so anstrengend sein«, erwiderte Björn ironisch.

Mia zog einen Schmollmund. »Du nimmst mich nicht ernst«, beklagte sie sich ganz zu Recht. »Aber was beschwere ich mich? Du bist eben ein Modemuffel.« Ihr Blick glitt abschätzig an ihm hinab, was dazu führte, dass auch Björn an sich hinabschaute.

Er trug Jeans, genau wie sie, aber ihm war egal, ob es sich um ein Markenprodukt oder eine No-Name-Jeans handelte. Hauptsache, sie saß gut und war bequem. Das ehemals schwarze T-Shirt darüber war verwaschen und wirkte inzwischen dunkelgrau.

In seinem Kleiderschrank hingen auch elegante Anzüge, die er für den ein oder anderen öffentlichen Auftritt benötigte. Beim Kauf hatte ihn Frederika beraten. Es war jedes Mal eine ziemlich langweilige Angelegenheit gewesen. Ganz anders als damals mit Eivor.

Björn presste die Lippen fest aufeinander. Wie oft hatte er sich geschworen, nicht mehr an Eivor zu denken. Nie wieder! Und dann passierte es doch wieder, und der Gedanke an sie erfüllte ihn jedes Mal mit dieser grenzenlosen Wut, die er seit der Stunde empfand, in der sie ihn verlassen hatte. Hörte das denn nie auf?

Björn versuchte, sich abzulenken, indem er sich auf Mias Geplapper konzentrierte.

»… neue Kollektion ist traumhaft, und ich konnte das Kleid zum Schnäppchenpreis kaufen. Natürlich kannten die mich in dem Laden von meinen Fotos.« Mia lächelte selbstgefällig. »Manchmal macht es sich eben bezahlt, wenn man berühmt ist.«

Das aber auch nur, weil sie ein paar Mal an seiner Seite fotografiert und in Illustrierten abgebildet worden war. Björn schluckte eine entsprechend gehässige Bemerkung hinunter.

»Du wirst das Kleid ja heute Abend sehen«, sagte sie.

»Heute Abend?« Überrascht schaute er sie an.

Mia machte erneut ihren Schmollmund. »Ich dachte, du führst mich heute schick zum Essen aus«, sagte sie mit bettelnder Kleinmädchenstimme. Sie stand auf, kam auf ihn zu und schmiegte sich an ihn.

Björn schluckte. Ihr Körper war aufsehenerregend – solange sie die Klappe hielt.

»Wir wäre es mit dem Kristinas?«, hauchte sie ihm ins Ohr.

Das Kristinas war ein hervorragendes Restaurant im Rålambshovsparken. Björn aß gerne dort. Alleine, in völliger Ruhe, gerne auch in kultivierter Gesellschaft. Auf einen Abend mit Mia, die sowieso nur darauf hoffte, dass irgendein Journalist sie zusammen sah, verspürte er überhaupt keine Lust. Gut, dass er Frederika nicht abgesagt hatte. Ein paar Wochen in der »dramatisch schönen« Landschaft von Ångermanland, wie sie sich ausgedrückt hatte, würden ihm guttun. Vielleicht konnte er in Norrfällsviken wirklich wieder mit dem Schreiben beginnen, und die Sache mit Mia wollte er von dort aus auf jeden Fall mit einer kurzen SMS beenden. Ohne großes Theater, ohne sich mit ihr persönlich auseinanderzusetzen.

Er wusste, dass er ein Feigling war, und musste über sich selbst grinsen. Er war gerne feige, wenn er sich dadurch eine tränenreiche Szene ersparte. Wenn er in ein paar Wochen aus diesem Kaff in Ångermanland zurückkehrte, wäre er Mia los.

»Ich kann heute Abend nicht«, sagte er. »Ich kann überhaupt nicht in nächster Zeit. Ich verreise heute noch.«

»Davon hast du mir gar nichts gesagt«, beschwerte sie sich.

Björn zog die Stirn in Falten und verkniff sich die Bemerkung, dass er ihr keine Rechenschaft schuldete. »Es hat sich sehr plötzlich ergeben«, sagte er stattdessen.

»Ich hätte Zeit«, sagte sie. »Ich könnte dich begleiten.«

Auch das noch!

»Es wird dir nicht gefallen«, erwiderte er und war sich sicher, dass er damit sogar richtiglag. Die Provinz war schon nichts für ihn, aber Mia konnte er sich dort noch weniger vorstellen. »Ich wüsste jedenfalls nicht, dass du auf Survival Training in der Wildnis stehst.« Björn grinste.

Mia machte sich von ihm los und trat einen Schritt zurück. »Nein«, stimmte sie zu, »aber seit wann stehst du auf so was?«

»Ganz so ist es nicht«, gab er zu. »Ich fahre mit Frederika in ein Kaff in Ångermanland, um da zu schreiben.«

»Okay«, sagte sie gedehnt. »Ich werde dich vermissen.«

Björn schwieg. Was hätte er darauf auch antworten sollen? Er würde sie nicht vermissen, er wollte sie loswerden. Er sah ihr an, dass sie auf eine Antwort wartete.

»Ich muss jetzt packen«, sagte er lahm.

Mia kam wieder auf ihn zu. Sie schlang beide Arme um seinen Hals, küsste ihn und drängte sich an ihn. Vielleicht spürte sie seinen inneren Widerstand, denn sie ließ ihn ziemlich schnell wieder los.

»Na dann, viel Spaß«, sagte sie. Es klang gleichgültig.

»Dir auch«, erwiderte er ebenso emotionslos.

Björn hatte sie bereits vergessen, als er ins Schlafzimmer ging, um seine Reisetasche zu packen. Der Raum war ebenso teuer eingerichtet wie alle anderen Zimmer seiner Wohnung. Weiß, steril, kalt.

Als er seine Reisetasche vom Kleiderschrank zog, flatterte etwas zu Boden. Björn hob es auf und starrte auf das Bild. Eine schöne junge Frau lachte ihn an.

Eivor, ein paar Tage nach ihrer Hochzeit! Damals hatten sie ihre Flitterwochen auf einer einsamen Schäreninsel verbracht. Nur sie beide in einem kleinen Fischerhaus.

So viel Zeit war seitdem vergangen. Es kam ihm vor, als wäre das in einem anderen Leben, als wäre es ein anderer Mann gewesen, der dieses Glück erfahren hatte.

Björn schüttelte entschieden den Kopf. Er wollte sich daran nicht mehr erinnern. Eivor spielte keine Rolle mehr in seinem Leben. Warum nur hatte er das Foto die ganzen Jahre auf seinem Schrank liegen lassen?

Björns Gesicht wurde hart und kantig, als er tat, was längst überfällig war: Er zerriss das Foto in kleine Fetzen, bis nichts mehr zu erkennen war. Die Papierschnipsel brannten in seiner Hand. Er eilte in die Küche und warf sie in den Mülleimer. Besser fühlte er sich danach nicht.

– 2 –

Liv, du hast vergessen, neues Mehl zu bestellen.«

Liv folgte der Stimme ihres Vaters ins Badezimmer und sah, dass er sich suchend umblickte. Sie griff nach seinem Arm. »Nein, Papa, das Mehl ist schon in der Backstube«, sagte sie sanft.

Villiams Miene entspannte sich. Widerspruchslos ließ er sich von seiner Tochter in das kleine Büro neben dem Wohnzimmer führen und setzte sich an den Schreibtisch. Er starrte aus dem Fenster aufs Meer, aber Liv war sich nicht sicher, ob er überhaupt etwas wahrnahm. Seine Fingerspitzen bewegten sich über die Schreibtischplatte, in einem Rhythmus, den er wahrscheinlich selbst nicht mehr steuern konnte.

Liv betrachtete ihren Vater gerührt und strich ihm übers Haar.

Villiam sah zu ihr auf. »Es wird bald Weihnachten, such schon mal die Elche raus.«

Liv biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es wehtat. Aber den Schmerz tief in ihr überdeckte es nicht. Sie musste schlucken, bevor sie in der Lage war, ihrem Vater zu antworten. »Bis Weihnachten dauert es noch, Papa. Es ist doch erst Mai.«

Villiam zog unwillig die buschigen Augenbrauen zusammen. »Widersprich mir nicht«, sagte er streng und wechselte dann unvermittelt das Thema. »Ich muss die Rechnungen kontrollieren«, sagte er.

»Ja.« Liv nickte und griff nach dem Papierstapel auf der Fensterbank. Obendrauf lag ein Taschenrechner.

Villiam strahlte, als Liv den Stapel vor ihm ablegte. Er nahm den Taschenrechner, schaltete ihn ein und begann mit der sogenannten Rechnungsprüfung. Nach einem System, das Liv nicht begriff, aber das spielte auch keine Rolle. Ihr Vater war für die nächsten Stunden beschäftigt, und wenn es ihm das Gefühl gab, dass er sich nützlich machte, war das umso besser. Auch wenn die Rechnungen uralt und längst beglichen waren.

Liv schaute ihrem Vater ein paar Sekunden lang zu, bevor sie aus dem Zimmer ging. Auf dem Flur lehnte sie sich gegen die Wand und schloss die Augen. Es machte sie völlig fertig, ihren Vater in diesem Zustand zu sehen, und das Wissen, dass es niemals besser, sondern immer schlimmer werden würde, trieb ihr die Tränen in die Augen.

»Mama?«

Liv öffnete die Augen. Sie straffte sich und rang sich ein Lächeln ab. Ihre Tochter Jonna stand vor ihr und musterte sie besorgt. Sie musste gerade aus der Schule gekommen sein.

»Alles in Ordnung«, sagte Liv schnell, obwohl ihre Tochter gar nicht gefragt hatte.

»Wirklich?«, vergewisserte sich Jonna. Für eine Fünfzehnjährige war sie erstaunlich einfühlsam. Aber auch viel zu still und nachdenklich, wie Liv fand.

»Wirklich«, versicherte sie. »Es ist nur das Übliche. Opa hat im Bad nach Mehl gesucht, aber jetzt arbeitet er.«

Jonna wusste, was damit gemeint war. »Es wird immer schlimmer mit ihm.« Ihre Stimme klang wehmütig. Im Gegensatz zu den beiden Kleinen konnte sie sich noch an den kraftvollen Mann erinnern, der ihr Großvater früher gewesen war. Ein Mann, den nichts aus der Bahn warf, der gerne mit seiner Enkeltochter spielte und der im Dorf angesehen war, als Nachbar und als Bäcker.

Jonna hatte recht, Villiams Krankheit wurde schlimmer. Anfangs waren es nur Kleinigkeiten gewesen, die niemandem aufgefallen waren. Dinge, die er vergaß, sei es eine Rechnung, die bezahlt werden musste, oder auch nur der Hausschlüssel. Dann vergaß er die Namen von Kunden und die Rezepte der Brote und Kuchen.

Und dann war der Tag gekommen, an dem er das Grab ihrer Mutter besucht und von dort aus nicht mehr heimgefunden hatte. Nachbarn, die ihn verwirrt auf der Straße herumirren sahen, hatten ihn nach Hause gebracht.

Liv hatte darauf bestanden, dass ihr Vater zum Arzt ging. Die Diagnose war niederschmetternd gewesen: Alzheimer!

Liv hatte damals noch nicht viel über diese Krankheit gewusst, außer dass es keine Heilung gab und sich der geistige Zustand ihres Vaters zunehmend verschlechtern würde. Dr. Ivarsson hatte diese Prognose bestätigt.

Anfangs hatte ihr Vater oft klare Momente gehabt, aber sie wurden immer seltener. Dr. Ivarsson hatte ihr geraten, ihn in ein Heim zu geben, aber das wollte Liv auf keinen Fall. Ihr Vater hatte sie nach dem frühen Tod der Mutter alleine großgezogen. Liv verdankte ihm so viel. Allein der Gedanke, ihn abzuschieben – und genau so würde sie es empfinden, wenn sie ihn in ein Heim brächte –, war unvorstellbar für sie.

»Kann ich etwas für dich tun?«, fragte Jonna.

Liv schüttelte den Kopf. »Nein. Denk einfach mal nur an dich, triff dich mit deinen Freunden, und hab ein bisschen Spaß.«

Jonna öffnete den Mund, und Liv erkannte bereits am Gesichtsausdruck ihrer Tochter, dass sie ihr widersprechen wollte. Doch bevor Jonna etwas sagen konnte, klingelte das Telefon.

»Hast du gehört?«, sagte Liv hastig und lief in die Küche, wo das tragbare Telefon lag.

»Ja!«, rief Jonna ihr nach. »Genau das hab ich vor. Ich gehe heute Abend mit den anderen zum Fest auf dem Campingplatz.«

»Schön!«, rief Liv zurück.

»Svea und ich wollen anschließend bei Hanna übernachten«, ergänzte Jonna vom Flur aus.

»Einverstanden«, erwiderte Liv laut genug, um das Klingeln des Telefons zu übertönen. Dann nahm sie endlich das Gespräch an.

»Hier ist Ylva«, hörte Liv am anderen Ende der Leitung die Frau sagen, die sie mehr hasste als irgendwen sonst auf dieser Welt, obwohl sie ihr noch nie persönlich begegnet war.

»Lass mich endlich in Ruhe!«, fuhr Liv sie an und beendete das Gespräch.

Jonna war ihr gefolgt. »War das wieder diese Frau?«

Liv nickte. Jonna hätte nie von Ylva erfahren, wenn sie deren Anrufe nicht selbst schon zweimal angenommen hätte.

»Was will sie von dir?«, stellte Jonna die übliche Frage.

»Jonna!«, sagte Liv gereizt. Sie konnte ihrer Tochter diese Frage nicht beantworten. Niemals! Und sie hatte Jonna oft genug klargemacht, dass sie nicht über Ylva reden wollte, also sollte sie endlich aufhören zu fragen.

Jonna schaute sie verletzt an.

Liv atmete tief durch. Es war nicht richtig, ihren Ärger an Jonna auszulassen, aber wenn sie sich jetzt versöhnlich zeigte, würde Jonna weiterfragen. »Gehst du bitte mit Knut raus? Ich muss in die Backstube«, murmelte sie und ließ ihre Tochter einfach stehen.

Vom Flur ihres Wohnhauses aus führte eine Tür direkt in die Backstube. Die Hitze der Öfen schlug ihr entgegen. Im Winter war es hier angenehm warm, aber im Sommer konnte die Hitze unerträglich werden. Der Duft von frischem Backwerk lag in der Luft.

Mats sah kaum auf, als sie den Raum betrat. »Ich probiere das neue Brotrezept, ein Roggenmischbrot«, sagte er. »Mal sehen, wie es bei den Kunden ankommt.«

Das schwedische Brot hatte sich in den letzten Jahren zu einem eher traurigen Kapitel entwickelt. Inzwischen war das Interesse an gutem Brot aber gewachsen, und viele Bäcker versuchten sich an ausländischen oder traditionellen schwedischen Rezepten, die in Vergessenheit geraten waren. Villiam selbst hatte sich nur zögerlich daran gewagt, als er noch in der Backstube gestanden hatte, aber Mats war sehr experimentierfreudig, und das kam bei den Kunden gut an.

»Okay«, sagte Liv. »Dann beginne ich mit den Torten für den Laden und das Café.« Sie liebte es, sich um die süßen Backwaren zu kümmern, während Mats hauptsächlich für das Brot zuständig war. Heute aber konnte sie keine Begeisterung aufbringen, und Mats schien das zu spüren.

Er sah auf, ein prüfender Blick aus tiefblauen Augen traf sie. »Was ist los?«, fragte er.

»Nichts.« Sie schüttelte den Kopf.

Mats kannte sie inzwischen viel zu gut, um ihr zu glauben. »Dein Vater oder die Kinder?«, hakte er nach.

»Diese Ylva hat schon wieder angerufen«, sagte Liv tonlos. »Warum lässt sie mich nicht einfach in Ruhe?«

»Vielleicht solltest du dir einfach mal anhören, was sie zu sagen hat«, schlug Mats vorsichtig vor.

Liv spürte heftige Wut in sich aufsteigen. Auf Ylva? Oder auf Mats, weil er ihr diesen ungeheuerlichen Vorschlag machte?

Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie mit dieser Frau nicht reden wollte. Sie wollte noch nicht einmal über sie reden.

»Ich muss mich jetzt wirklich um die Torten kümmern«, erwiderte sie barsch.

Mats sagte kein Wort mehr, aber ihre Gedanken ließen sie trotzdem nicht zur Ruhe kommen. Automatisch schüttete sie alle Zutaten in die Rührschüssel und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass sie statt des Zuckers nach dem Salz gegriffen hatte. Auch Mats hatte es bemerkt.

»Sprich mit ihr«, sagte er noch einmal und redete weiter auf sie ein, obwohl Liv ihn finster anstarrte. Sie wollte einfach nichts mehr von dieser Frau hören, und das wusste Mats genau. »Möglicherweise hilft es dir, mit der Vergangenheit abzuschließen, wenn du mit ihr sprichst.«

Liv holte tief Luft. »Ich will nicht mit der Vergangenheit abschließen!«, fuhr sie ihn an. »Ich will und werde nie vergessen, was diese Frau mir angetan hat.«

»Lennart war daran nicht ganz unbeteiligt«, erinnerte Mats sie.

Das wusste Liv nur zu gut. Nicht einmal schöne Erinnerungen waren ihr geblieben, weil sie seit dieser schrecklichen Nacht vor drei Jahren wusste, dass alles, was ihr Glück ausgemacht hatte, nur Lug und Trug gewesen war.

Liv knallte die Butter in die Rührschüssel und schaltete die Maschine ein. Das laute Motorengeräusch erfüllte die Backstube und machte jede weitere Unterhaltung unmöglich.

Liv und Mats mussten sich wie so oft ranhalten, um die ganze Arbeit in der Backstube zu schaffen, und Ulrika, die im Laden und Café bedienen sollte, ließ sich mal wieder nicht blicken. So blieb Liv nichts anderes übrig, als den Service auch noch zu übernehmen. Sie rannte zwischen Backstube, Laden und Café hin und her, um gleichzeitig zu backen und die Kunden zu bedienen.

»Kann ich euch noch etwas bringen?« Obwohl sie sich gestresst fühlte, lächelte Liv die beiden älteren Damen, die auf der Terrasse des Cafés Platz genommen hatten, freundlich an. Das Wetter war traumhaft, und das Wasser glitzerte in der Sonne.

Liv atmete tief durch. Alles war gut. Ihre Kinder waren gesund, ihr Geschäft lief gut, und sie lebte in einem Ort wie aus dem Bilderbuch, wo andere gerne ihren Urlaub verbrachten.

Norrfällsviken lag direkt an der Ostsee. Einige der alten Fischerhäuser mit den roten Holzwänden und den schwarzen Dachschindeln waren auf Stegen über dem Wasser erbaut. So auch das Haus, in dem Liv mit ihrer Familie lebte. Ihr Großvater war noch zur See gefahren, deshalb stand in der Bäckerei ein altes Modellsegelschiff zwischen den Brotkörben hinter der Theke.

In einem gläsernen Anbau vor der Backstube wurden die Backwaren verkauft. Im Winter und bei schlechtem Wetter konnten die Gäste hier auch ihren Kaffee trinken und Kuchen essen. Bei schönem Wetter saßen sie auf der Veranda mit der weißen Reling, die den Eindruck vermittelte, auf einem Schiff zu sitzen. Das Rauschen der Wellen lag über allem, und die Luft schmeckte nach Salz und Tang.

Nicht nur die Einheimischen kehrten hier gerne ein. In der Feriensaison kamen viele Touristen aus den umliegenden Ferienhäusern oder vom Campingplatz, um bei Liv ihr Brot zu kaufen oder auf der Terrasse eine Kaffeepause einzulegen und die köstlichen Torten zu probieren.

Clara Jönsson, eine der beiden Damen, legte ihre Hand auf Livs Arm. »Danke, Liv, die Mandarinen-Sahne war köstlich, aber ich kann nicht mehr.«

Ihre Begleiterin, Marita Hallonkvist, nickte zustimmend. »Du hast dich mit der Torte mal wieder selbst übertroffen. Ich möchte ein Stück für Gustav mitnehmen.«

Liv nickte. »Ich packe es dir ein«, sagte sie.

Die beiden Frauen wollten direkt bezahlen. Liv kassierte und ging zurück in den Laden, wo Mats gerade die Regale mit frischen Broten befüllte, die er eben erst aus dem Backofen geholt hatte.

»Hat sich Ulrika noch nicht gemeldet?«, fragte Liv nervös.

Ihre Servicekraft hätte eigentlich schon seit dem Vormittag da sein müssen. Gleichzeitig Torten zu backen und die Kunden im Laden und im Café zu bedienen, das war einfach zu viel für Liv. Mats konnte ihr auch nicht helfen, da er neben dem normalen Tagesgeschäft einen Großauftrag für das Fest heute Abend auf dem Campingplatz zu erledigen hatte.

»Wir schaffen das schon«, redete Mats ihr gut zu.

»Was bleibt uns auch anderes übrig, wenn sie nicht kommt?«, erwiderte Liv verärgert. Während sie sprach, zog sie ihr Handy aus der Tasche ihrer Jeans und wählte Ulrikas Nummer. Es klingelte nur dreimal, dann war es still in der Leitung.

Liv nahm das Handy vom Ohr, schaute fassungslos darauf und sah anschließend Mats an. »Sie hat mich einfach weggedrückt.«

»Tja«, Mats hob ratlos die Schultern. »Was soll ich dazu sagen?«

Obwohl sie sich über Ulrika ärgerte, musste Liv schmunzeln. Mats war kein Mann großer Worte. Er packte lieber zu, wenn es nötig war. So wie jetzt.

Den Rest des Nachmittags redeten sie kaum miteinander, sondern arbeiteten schweigend Hand in Hand. Zwischendurch musste Liv immer wieder nach ihrem Vater sehen, mit der Angst im Nacken, dass er etwas angestellt hatte oder sogar das Haus verließ und sich in seinem eigenen Heimatort verlief. Solange er in Norrfällsviken blieb, war es nicht weiter schlimm, da kannten ihn alle. Aber wenn er sich draußen in den Wäldern verlief, konnte es gefährlich für ihn werden.

Als Liv an diesem Abend den Laden schloss, waren sie und Mats ziemlich geschafft.

»Bis morgen«, verabschiedete sich Mats. Dabei balancierte er die beiden gefüllten Brotkörbe für den Campingplatz auf seinem Fahrrad.

»Wenn das mal gut geht«, sagte Liv. »Und ich kann dir nicht helfen, ich muss die beiden Kleinen aus dem Kindergarten holen.«

Sie drehte sich um, als sie Stimmen vernahm. Jonna kam mit ihren beiden Freundinnen Hanna und Svea aus dem Haus. Alle drei Mädchen trugen Jeans, deren Beine abgeschnitten waren, und darüber luftige Shirts. Liv hatte ihre Tochter schon lange nicht mehr so ausgelassen gesehen.

Die drei Mädchen hatten sie und Mats noch nicht bemerkt. Sie unterhielten sich über einen Jungen aus ihrer Klasse, der Folke hieß und den sie gleich auf dem Campingplatz treffen wollten. Dabei sollte das Fest erst gegen zwanzig Uhr beginnen.

Als Jonna und ihre Freundinnen Liv und Mats bemerkten, verstummten sie und blieben stehen.

»Wollt ihr jetzt schon zum Campingplatz?«, fragte Liv überflüssigerweise. Sie hatte es ja bereits gehört.

Jonna nickte und schaute sie dabei bittend an. Liv verstand nur zu gut, was dieser Blick zu bedeuten hatte: Bitte, bitte, sag nichts Falsches! Blamier mich nicht vor meinen Freundinnen!

Liv lächelte. »Dann wünsche ich euch viel Spaß!«

Sie registrierte das erleichterte Aufatmen ihrer Tochter und überlegte noch, ob sie die Mädchen um Hilfe bitten konnte, als Jonna sich bereits an Mats wandte. »Sind das die Brote für den Campingplatz?«

Mats nickte.

»Wir helfen dir«, sagte Jonna. Sie und ihre Freundinnen packten sofort zu und hielten die Brotkörbe auf dem Fahrrad fest, während Mats es schob.

Lächelnd sah Liv der Gruppe nach, bevor sie sich umdrehte und in Richtung Kindergarten ging.

Emelie und Nils warteten bereits auf sie. Hand in Hand standen sie vor dem Kindergarten, zusammen mit ihrer Betreuerin Klara. Liv registrierte mit schlechtem Gewissen, dass ihre Kleinen wieder die Letzten waren, die abgeholt wurden.

Sobald sie ihre Mutter sahen, ließen Emelie und Nils sich los, liefen auf sie zu und drückten sich fest an sie.

Liv beugte sich hinunter, umarmte die beiden und küsste sie zur Begrüßung. Klara kam langsam näher und lächelte Liv freundlich an.

»Tut mir leid, dass ich schon wieder zu spät bin«, entschuldigte sich Liv.

»Kein Problem, das habe ich dir schon ein paar Mal gesagt. Es waren doch nur ein paar Minuten.«

Liv bedankte sich und beschloss, Klara am nächsten Tag ein paar Brötchen oder eines von Mats’ Broten mitzubringen. Auch wenn Klara immer wieder beteuerte, dass es ihr nichts ausmache, wenn Liv ein paar Minuten zu spät kam, so freute sie sich doch sehr, wenn Liv ihr dafür hin und wieder ein Brot oder einen Kuchen schenkte.

Auf dem Heimweg plapperten die beiden Kleinen munter drauflos und erzählten von ihrem Tag im Kindergarten. Vor allem Nils hatte seiner Mutter etwas Wichtiges zu berichten. Er und seine Kindergartengruppe hatten heute einen Ausflug in den Wald gemacht.

»Im Wald ist ein Bär gelauft«, berichtete Nils aufgeregt. Er war vor zwei Monaten drei geworden.

»Gelaufen«, berichtigte ihn die fünfjährige Emelie sofort. »Aber das stimmt nicht, da war kein Bär.«

»War doch!«, sagte Nils.

»Nein, da war kein Bär.« Emelie grinste. Es bereitete ihr größtes Vergnügen, ihren kleinen Bruder bis zur Weißglut zu reizen.

Nils zog seine Hand aus Livs und blieb stehen. Wütend stampfte er mit dem rechten Fuß auf, die kleinen Hände zu Fäusten geballt.

»Blöde Kuh!«, schrie er seine Schwester an. »Ich hab den Bär geseht, und der Leif, der hat den auch geseht.«

Mit der Grammatik hatte Nils es noch nicht so, aber das war im Augenblick Livs kleinstes Problem. Sie hasste es, wenn die Geschwister sich stritten.

Meistens waren ihre beiden Jüngsten ein Herz und eine Seele. Sie spielten viel miteinander und verstanden sich gut – bis auf die Momente, in denen Emelie ihre altersmäßige Überlegenheit ausspielte und ihren Bruder ärgerte.

»Das heißt gesehen«, berichtigte Emelie auch prompt und fügte hinzu: »Aber ihr habt keinen Bären gesehen.«

Nils’ Augen wurden dunkel vor Wut. Die blonden Locken standen von seinem Kopf ab, und sein rundes Gesicht leuchtete hochrot. Er wollte sich auf seine Schwester stürzen, aber Liv fing ihn rechtzeitig ab.

»Schluss jetzt!«, sagte sie streng und hielt den zappelnden Jungen fest. »Und du hörst auf, deinen Bruder zu ärgern!«, sagte sie zu Emelie.

»Dann soll er nicht immer von Bären reden, die es nicht gibt«, erwiderte Emelie trotzig.

»Es gibt Bären in Schweden«, erwiderte Liv, verschwieg aber, dass die Tiere den Menschen meistens aus dem Weg gingen, wenn sie sie rechtzeitig bemerkten. Probleme gab es nur bei Begegnungen, die für den Bären und den Menschen gleichermaßen überraschend waren.

Zweifellos würde ein Bär eine laute Kinderschar nicht nur hören, sondern rechtzeitig das Weite suchen. Deshalb war sie nicht besonders beunruhigt und glaubte nicht so recht, dass ihr Sohn wirklich einen Bären gesehen hatte. Vielleicht war es ein Elch gewesen, ein anderer Spaziergänger, möglicherweise auch einfach nur ein Schatten. Doch sie hütete sich davor, das laut zu sagen, weil Emelie dann triumphiert hätte und Nils erst recht wütend geworden wäre.

Dafür triumphierte jetzt Nils, was Liv eigentlich auch nicht beabsichtigt hatte. »Sag ich doch«, kreischte er in Emelies Richtung. »Und wenn der Bär wiederkommt, sag ich dem, dass der dich fresst.«

»Deine Schwester wird nicht gefressen! Und ihr hört jetzt auf, euch zu streiten!« Liv schlug einen Ton an, den beide Kinder verstanden und auf den sie sofort hörten. Jedenfalls für den Augenblick.

Nils hörte auf zu zappeln, und Emelie, die den Mund schon wieder geöffnet hatte, um ihren Bruder weiter zu reizen, schloss ihn schnell. Beide Kinder schwiegen beleidigt und weigerten sich, ihr die Hand zu geben, als sie weitergingen.

Liv ließ sie gewähren. Sie wusste aus Erfahrungen, dass dieser Zustand nicht lange anhielt, und auch diesmal dauerte es nicht einmal fünf Minuten, bis die Kinder wieder munter drauflosplapperten.

Emelie schien heute jedoch ihren streitsüchtigen Tag zu haben. Noch bevor sie zu Hause ankamen, hatte sie Nils zu einem weiteren Wutausbruch gebracht. In seinen blauen Augen, die Liv so sehr an Lennart erinnerten, blitzte es wütend.

»Du blöde Kuh!«, beschimpfte er seine Schwester erneut. »Dafür werd ich mich rechnen.«

»Rächen heißt das«, kam es sofort von Emelie zurück. »Lern erst mal richtig reden, du Trottel.«

So ging es weiter, bis sie endlich zu Hause waren, wo sie von Mischlingshund Knut schwanzwedelnd begrüßt wurden. Allerdings hatte Knut eine Überraschung für Liv, und zwar eine von der unangenehmen Sorte.

Jonna war offensichtlich nicht mit ihm rausgegangen, und sie selbst hatte nicht daran gedacht, ihn mitzunehmen, als sie Emelie und Nils aus dem Kindergarten abholte. Die Bescherung lag jetzt gut sichtbar im Flur, aber ihr Vater hatte sie offenbar nicht gesehen oder einfach nicht darauf geachtet, war hineingetreten und hatte alles noch weiter verteilt, wie sie an den Fußspuren erkennen konnte.

»Immerhin weiß ich jetzt, wo Opa ist«, seufzte Liv.

Sie manövrierte ihre Kinder um die Spuren herum, sah nach ihrem Vater und sorgte dafür, dass er saubere Schuhe anzog, bevor sie Knuts Spuren beseitigte. Dann kochte sie für ihre Familie, und nach dem Abendessen brachte sie die beiden Kleinen ins Bett, las ihnen noch etwas vor und vergewisserte sich, dass auch ihr Vater zur Ruhe gekommen war.

Sie hatte sich gerade müde in einen Sessel fallen lassen, als Knut winselnd vor ihr stand.

»Du schon wieder.« Liv beugte sich vor und kraulte das dunkle Fell des Hundes. Knut stupste sie auffordernd mit der Schnauze an. Ein deutliches Zeichen, dass er wieder rausmusste.

Liv erhob sich stöhnend. Es wäre schön, einfach mal nur ruhig sitzen bleiben zu können und die Stille zu genießen. Solche Momente waren selten genug, aber sie wollte es nicht riskieren, Knuts Hinterlassenschaften noch einmal wegwischen zu müssen. Der arme Kerl konnte ja nichts dafür, wenn niemand mit ihm rausging.

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