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Elben und Zwerge: Sammelband

Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker

Elben und Zwerge: Sammelband

Cassiopeiapress Fantasy





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Elben und Zwerge Sammelband

Fantasy-Erzählungen

von Hendrik M. Bekker und Alfred Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende Erzählungen:

Hendrik M. Bekker: Mjöllnirs Diebstahl

Hendrik M. Bekker: Mein Freund, der Zwerg

Alfred Bekker: Die Seelen zweier Könige

Alfred Bekker: Dway'lion der Magier

Alfred Bekker: Gefährten der Magie

Hendrik M. Bekker: Abstieg in die Tiefe Teil 1 und 2

Der Umfang dieses Ebook entspricht 180 Taschenbuchseiten.

Mjölnirs Diebstahl

von Hendrik M. Bekker

Grollend war Donner zu hören, er eilte ihm voran.

Thor, Sohn des Odin, stand auf seinem einachsigen Wagen und hielt in beiden Händen die Zügel seiner monströsen Ziegenböcke, denen Schaum vor den Mäulern stand. Sie zogen ihn und seinen Wagen über die Wolken wie über eine feste Straße.

Langsam lichtete sich vor ihm der dichte Wolkenteppich und gab den Blick frei auf schroffe steile Klippen und eine wogende See. Der Streitwagen sank niedriger und kam am Rand der Felsklippen auf festen Untergrund auf, wobei Thor noch eine Weile den Rand der Klippen entlangfuhr, bevor er die Zügel zog und den Wagen zum Stehen brachte.

„Du wolltest mich sprechen, Njörd?“, rief Thor in Richtung der brausenden Klippen gewandt. Einen Moment antwortete ihm nur das Brausen der Wellen.

Kapitel 1: Diebstahl

Grollend war Donner zu hören, er eilte ihm voran.

Thor, Sohn des Odin, stand auf seinem einachsigen Wagen und hielt in beiden Händen die Zügel seiner monströsen Ziegenböcke, denen Schaum vor den Mäulern stand. Sie zogen ihn und seinen Wagen über die Wolken wie über eine feste Straße.

Langsam lichtete sich vor ihm der dichte Wolkenteppich und gab den Blick frei auf schroffe steile Klippen und eine wogende See. Der Streitwagen sank niedriger und kam am Rand der Felsklippen auf festen Untergrund auf, wobei Thor noch eine Weile den Rand der Klippen entlangfuhr, bevor er die Zügel zog und den Wagen zum Stehen brachte.

„Du wolltest mich sprechen, Njörd?“, rief Thor in Richtung der brausenden Klippen gewandt. Einen Moment antwortete ihm nur das Brausen der Wellen.

Er klemmte seine Daumen hinter Megingjarder, seinen breiten mit Metallplättchen besetzten Gürtel, den er stets bei sich trug. Er verlieh ihm Kraft und Stärke, mehr als er als Gott allein schon besaß. Das Wasser wurde noch unruhiger und Gischt spritzte Thor ins Gesicht. Eine große Welle baute sich auf und schwappte über die Klippen hinweg, doch bevor sie Thor berühren konnte, ballte sich das Wasser in Form eines Menschen und Njörd stand vor ihm, ein Mann, über drei Schritte groß, so dass er eine Handbreit größer war als Thor. Doch anders als Thor, der mit einer warmen Hose und einem geschnürten Hemd bekleidet war, über dem er seinen schweren warmen Mantel trug, war Njörd nackt. Nicht völlig, denn er war gar nicht ein rechter Mensch. Er sah aus wie ein Mensch, der nur aus Wasser besteht. Seine Haut war ständig in Bewegung und die Oberfläche zitterte immer leicht wegen des beständigen starken Nordwindes.

„Thor“, begrüßte Njörd den Gott des Gewitters und reichte ihm die Hand. Thor ergriff sie, sie fühlte sich seltsam an. Fest und nass, wie Steine auf dem Grund eines Sees. Sie erinnerten ihn an diese schlicküberzogenen Steine. „Ich muss dich warnen, die Joten wissen von deinem Plan“, erklärte Njörd. Sein Gesicht, erst noch unscharf, begann, umso länger er vom Meer getrennt war, langsam immer stärker menschliche Züge anzunehmen.

„Meinem Plan?“, erwiderte Thor ausweichend. Njörd konnte nichts davon wissen, dass Thor mit einigen anderen Göttern vorhatte gegen eine große Gruppe der Bergriesen in die Schlacht zu ziehen. Noch war es zu kalt, doch bald würde es wärmer werden und der geeignete Zeitpunkt wäre da, die Frostriesen zu dezimieren. Sie waren seine Erzfeinde, seit jeher.

„Thor, Thor?“, fragte eine Stimme. Thor öffnete müde die Augen und blickte sich um. Er saß auf einem bequemen Holzstuhl vor der Feuerstelle eines kleinen Festsaales. Um ihn herum lagen einige andere Männer des Menschengeschlechts auf Stühlen oder Bänken und schliefen ihren Rausch aus.

Loki, ein Gott wie Thor, stand vor ihm und es war seine Stimme, die ihn geweckt hatte. „Es ist Zeit, du solltest das Heer der Menschen zusammenrufen, damit wir in einer Woche gegen die Riesen ziehen können“, erinnerte ihn Loki, warum er hier war.

„Du hast recht“, stimmte ihm Thor zu und hielt sich seinen brummenden Schädel. Es mochte viel geredet werden über die Fähigkeiten der Götter und vieles war wahr. Doch irgendwann war es selbst einem Gott zu viel des Mets.

„Nimm deinen Hammer in die Hand, sie werden von seinem Leuchten beeindruckt sein und nicht Merken, dass ein verkaterter Gott zu ihnen spricht“, bemerkte Loki spitz.

Thor griff an seinen Gürtel und wollte Mjölnir nehmen, doch er griff ins Leere. Er war nicht wie sonst an seinem Gürtel befestigt. Er blickte sich auf dem Boden der Halle um. Er war nirgendwo zu sehen.

„Wo ist er?“, fragte er an Loki gewandt. Loki war schon immer dafür bekannt gewesen Streiche zu spielen.

„Ich hab ihn nicht, ruf ihn doch“, erwiderte Loki. Thor konzentrierte sich auf die Worte, die seinen Hammer mit Hilfe von Magie zu ihm bringen würden. Doch nichts geschah. Er konnte ihn nirgendwo in seiner Nähe spüren. „Er ist weg, jemand verbirgt ihn vor mir“, stellte er fest. Er fixierte Loki mit den Augen.

„Sieh mich nicht so an, ich war es nicht, was hätte ich für einen Nutzen von dem Ding?“, sagte Loki. Thor musterte ihn. Der Hammer verlieh große magische Fähigkeiten, allein schon wenn man ihn in den Händen hielt. Dazu kamen die Runen, die man in ihn eingeritzt hatte, so dass er die meisten Rüstungen mühelos zerschlagen konnte. Sicherlich hätte Loki sich dann aber nicht hierhingestellt und den Unschuldigen gespielt. Er hätte ihn benutzt. Es sei denn, ging es Thor durch den Kopf, er hatte eines seiner Spielchen vor.

„Finde heraus, wer ihn hat“, blaffte Thor ihn an. Er hatte stechende Kopfschmerzen.

„Wieso ich? Du hast dein Spielzeug verloren“, erwiderte Loki. Thor, der gefolgt von Loki langsam zum breiten Tor der Halle gegangen war, drehte sich um. „Weil du, und ich habe das noch keinem gesagt, aber ich habe dich dabei gesehen, Freya ihren Mantel geklaut hast. Du weißt, dass sie dich an einen großen Stein binden und im Meer versenken würde, wenn sie das erfährt? Du hast den Mantel, damit bist du schneller in Asgard und kannst dich umhören“, erklärte Thor und stieß das Tor auf. Vor ihm lag eine kleine Siedlung, die sich an die Seite eines Berges klammerte. Es waren Häuser aus groben großen Steinen, aus den Kaminen quoll dicker dunkler Rauch. Erhellt wurde das Ganze von der langsam aufgehenden Sonne.

Loki sah Thor einen Moment von der Seite an und Thor überlegte, ob er sich der Anweisung fügen würde. Dann zuckten seine Mundwinkel und er zog aus seinem ledernen Rucksack, den er trug, einen langen Mantel, der aus Federn zu bestehen schien. Es waren dunkle große Federn. Er warf sich den Mantel um und bevor er sich schloss, begann er sich schon zusammenzuziehen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelte sich Loki nun in einen mächtigen Adler, der sich in die Luft erhob und mit beeindruckender Geschwindigkeit zum Horizont flog.

Thor sah ihm eine Weile nach und fragte sich, ob es das gewesen war, was Njörd ihm hatte sagen wollen. Das Treffen mit dem Meeresgott war nicht nur ein Traum gewesen, es war vor einiger Zeit passiert. Damals hatte er hohnvoll zu Njörd gesagt, dass er selbst ganz gut zurechtkäme und die Riesen niemals intelligent genug sein würden ihm etwas anzuhaben. Waren sie es? Oder war es Loki, der ein Spiel spielen wollte?

„Herr?“, fragte eine Stimme vorsichtig neben ihm. Es war Drötgr, ein bärtiger Mann mit den ersten grauen Strähnen in seinem buschigen schwarzen Bart. Sein Haupthaar trug er stets kahlgeschoren, weswegen er im Angesicht des Kampfes stets vor Schweiß glänzte. „Ist etwas nicht zu Eurer Zufriedenheit?“

Er war ein Anhänger Thors, Thor hatte den Ort schon öfter besucht und Drötgr hatte ihn einst als kleiner Junge zum ersten Mal gesehen. Seitdem war er mit einem kleinen hammerförmigen Amulett herumgelaufen, das er aus einem Stück Holz geschnitzt hatte.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Aber wir werden unseren Feldzug gegen die Joten ein wenig verzögern müssen. Es gibt Dinge, die ich in Asgard zu erledigen habe“, erklärte Thor. Drötgr nickte langsam. „Wie Ihr befehlt, Herr.“

Thor wandte sich von ihm ab und rief laut nach Tanngnjostr und Tanngrisnir, den beiden Ziegenböcken, die seinen Wagen zogen. Donner war am Horizont zu hören. In einiger Entfernung konnte Thor rasch näher kommende dunkle Wolken sehen, ihnen voran eilten die beiden Ziegenböcke, die größer als normale waren und sogar auf die Entfernung bedrohlich wirkten.

Thor wanderte hinaus, weg von den Behausungen der Menschen auf eine steile Wiese, die kaum bewachsen zu sein schien. Langsam war es dunkler geworden, dichte schwarze Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, sie folgten Thors Wagen, wohin dieser auch fuhr. Der Wagen sank niedriger und setzte ein ganzes Stück von Thor entfernt auf dem Boden auf. Dabei flogen Erdbrocken hoch, denn er war viel zu schnell. Seine Ziegenböcke meckerten, doch es klang nicht wie bei normalen Ziegen. Es klang eher so wie wenn Eisen auf Eisen schlug. Hart, leicht knirschend.

Sie wurden langsamer, während sie sich ihm näherten und anfingen einen leuchtenden Bogen zu laufen. Einige Meter vor ihm kam der Wagen schließlich zum Stehen.

Ohne ein weiteres Wort trat Thor auf den Wagen und ergriff die Zügel. Während der Wagen an Fahrt gewann, rief er gegen den Fahrtwind an: „Nach Asgard“, und die Ziegen antworteten mit ihrem seltsamen Ruf. Schnell wurde die Welt unter ihm kleiner, als er an Höhe gewann und sich aufmachte in das Reich seines Geschlechts, der Asen.

Thors Wagen hatte gerade erst die Regenbogenbrücke überquert, die die Welten Asgard und Midgard miteinander verband, da spürte er, wie der Ring, den er an der linken Hand trug, warm wurde. Odin, sein Vater, verlangte mit diesem Signal sein Erscheinen. Ohne Umschweife hatte er sich in der Versammlungshalle der Asen einzufinden. Sie trafen sich in Gladsheim. Von außen wirkte der gigantische Bau bereits beeindruckend, auch wenn Thor ihn schon unzählige Male gesehen hatte. Doch im Inneren überragte die kuppelförmige Halle alles, was er je in der Welt der Menschen zu Gesicht bekommen hatte. Die Decke bestand aus vielen hunderten Segmenten, die Schilden ähnelten. Aber sie waren nicht aus Eisen oder Holz, wie die meisten Schilde, sondern alle aus golden schimmernden Materialien und verziert mit Mustern aus kleinen Edelsteinen. Mehrere hundert Rubine bildeten Runen, die jede Form von Magie unterdrückten, außer die Odins. Es war seit jeher Brauch, dass sich die Asen, wenn es etwas von großer Wichtigkeit gab, hier versammelten. Es war neutraler Boden, dens Odin war der einzige hier mit Macht und niemand zweifelte seine Vormachtstellung an.

Als Thor die Halle betrat, waren bereits einige andere anwesend, doch er achtete nicht sonderlich auf sie. Sie saßen an einem langen Tisch, an dessen Kopfende ein schwerer großer steinerner grantitfarbener Thron stand, auf dem seltsame Muster und Verzierungen zu sehen waren. Thor wusste, das sie eine Bedeutung hatten, doch hatte Odin ihm nie verraten, was sie bezwecken sollten. Sie schimmerten silbern, aber auf eine Weise, die wirkte wie flüssig.

Thor stellte sich neben Odin und ging auf ein Knie herunter.

„Vater“, begrüßte er ihn und blickte vor Odin auf den Boden. Er wusste, dass Odin vom Verschwinden des Hammers wissen musste. Odin hatte einst ein Auge geopfert, um von einer Quelle trinken zu können, die ihm die Fähigkeit der Weissagung verlieh. Manche munkelten, dass er tatsächlich alles sah, was geschehen sollte, selbst wie das Ende der Welt aussehen würde. Aber Thor hielt das für Übertreibungen. Odin hatte ein stoppeliges Kinn und dichte dunkle Augenbrauen. Seine schulterlangen Haare waren dünn und mehr grau als schwarz. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht, Sorgenfalten, die sich über die Jahre tief eingebrannt hatten.

„Mein Sohn, ich sehe, dass du Mjölnir nicht bei dir trägst“, sagte er. Thor erhob sich vom Boden und nickte. Er setzte sich zu Odin und den anderen an den Tisch.

„Ja, Vater, er wurde mir gestohlen. Ich habe versucht ihn mit Magie zu rufen, doch es funktioniert nicht. Jemand verhindert es. Der Dieb muss mächtig sein, einer der Asen vielleicht“, erklärte er. Es war ihm unangenehm. Ein Gott, der seine heilige Waffe verlor, eine Waffe, die in den falschen Händen sogar einen Gott töten konnte.

„Ich weiß“, stellte Odin fest. Er wirkte nicht sonderlich besorgt. Eher erschöpft und unzufrieden, wie oft in letzter Zeit. „Loki kam her. Er war sehr aufgeregt.“

Thor blickte am Tisch entlang und dort saß er, im Gespräch mit einem bärtigen gutmütig dreinblickenden Mann, Balder. Er trank lachend aus einem Horn.

„Er sitzt hier und amüsiert sich? Er“, setzte Thor an, doch Odin unterbrach ihn. Er sprach kaum lauter als Thor und doch schwieg dieser sofort beim Klang der Stimme seines Vaters.

„Er kann nichts für dich tun“, erklärte Odin. Auf den fragenden Blick Thors hin huschte ein Lächeln über das bärtige Gesicht des Einäugigen. Über seinem geopferten Auge trug er eine schmale goldene Platte, in die ein Bernstein eingelassen war, der fast aussah wie ein mystisches neues Auge. Thor wusste, dass es keinen direkten Effekt hatte auf die seherischen Fähigkeiten seines Vaters. Er vermutete, dass es reine Angeberei war.

„Was soll ich jetzt tun?“, platzte es aus Thor heraus. Odin lächelte wieder verstohlen. „Setz dich“, sagte er. „Hab etwas Geduld.“

Thor setzte sich widerwillig hin und griff nach einem Hähnchenschenkel, auf dem er herumkaute, der ihm aber nicht wirklich schmeckte. Was wollte sein Vater? Hatte er einen Blick auf seine Zukunft erhaschen können?

Währende Thor so dasaß, wurde das Treiben am Tisch bunter. Die Gespräche wurden lauter und man prostete sich fröhlich zu. Niemand achtete sonderlich darauf, als die Tür zur Halle geöffnete wurde und mit schweren Schritten jemand zum Tisch eilte. Erst als Loki zufällig in die Richtung sah und aufschrie, wandte sich die Aufmerksamkeit dem Eindringling zu.

Es war ein Jote, ein etwas mehr als vier Schritt großer Riese in einer schwarzen Rüstung. Ein breites Schwert, das runenüberzogen war, hing an seiner Seite und er hatte einen Helm auf, der eine dämonische Fratze darstellte. Er stellte sich zu Odins Thron und nahm den Helm ab. Dann nickte er dem Göttervater zu.

„Odin, Herr von Asgard“, begrüßte er ihn. Odin nickte zurück. Er wusste, dass der Riese sich nicht verneigen würde. Die Götter und Riesen waren seit ewigen Zeiten im Krieg und ein Nicken war alles an Ehrerbietung, das man sich gegenseitig zugestand.

„Ich bringe Euch Nachricht“, erklärte der Riese. „Mein Meister, Thrym der Eisriese, Herr der Jötuun-Feste, erbietet Euch und Eurem Sohn seine Grüße. Er hat gehört, dass Eurem Sohn ein Spielzeug abhandengekommen ist. Er wäre bereit mit Information über den Ort, an dem Euer Sohn es verlor, zu Diensten zu sein.“

„Für welchen Preis?“, fragte Thor zerknirscht. Er wusste nicht, wie Thrym den Hammer bekommen hatte, aber er würde ihn dafür zahlen lassen. Doch ohne den Hammer war er dem Riesen nicht gewachsen.

„Für Freyas Hand“, stellte der Bote klar. Er blickte dabei zu Freya hin, die weiter von Thor weg am Tisch saß und entgeistert zu einer Antwort ansetzte. Odin unterbrach sie aber sofort: „Wir werden das Angebot überdenken und Thrym unsere Entscheidung mitteilen“, stellte er klar. Der Riese nickte und setzte seinen Helm auf. Währenddessen wandte er sich ab und verließ mit schnellen Schritten die Halle.

„Wie ist er überhaupt nach Asgard hineingekommen?“, bemerkte Loki, der sich zu Thor gesetzt hatte. „Eigentlich müsste er, wenn er zu Fuß ist, an Heimdall vorbei, er bewacht die einzige Brücke nach Mitgard.“

„Es gibt magische Mittel und Wege“, erklärte Odin. „Doch das geht dich nichts an, Loki.“

Er traute Loki nicht sonderlich, denn so oft er den Göttern schon gute Dienste geleistet hatte, so oft hatte er auch schon Schabernack mit ihnen getrieben.

„Ich werde keinesfalls einen Riesen heiraten“, stellte nun Freya fest. „Dazu könnt ihr mich nicht zwingen“. Sie strich sich dabei eine Strähne ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht. Sie trug ein fließendes weißes Gewand, das zwar immer über den Boden glitt, doch nie dreckig wurde.

Sie diskutierten eine Weile darüber, was zu tun sei. Thor war dafür, mit einigen anderen Göttern zusammen die Festung Thryms zu stürmen und ihn zu töten für den Frevel. Odin hielt dagegen, dass dabei einige Götter ihr Leben lassen würden, da der Hammer Thrym kaum zu bändigende Kräfte verleihen würde. So wurde die Idee bald verworfen, denn Odin war überzeugt davon und man nahm an, dass er in die Zukunft gesehen hatte.

Nach dem ein oder anderen Trinkhorn voll Met stand Loki plötzlich auf und begann zu lachen. Schallend lachte er, so dass ihm schon einzelne Tränen aus den Augenwinkeln liefen, und fragte Freya nach einem ihrer Kleider.

„Ich beglückwünsche dich zum Finden deiner weiblichen Seite“, erwiderte sie schnippisch, „doch denke ich, dass dir die Rundungen dazu fehlen für eines meiner Kleider.“

„Durchaus, holdes Weib, doch ist es nicht für mich“, erwiderte Loki und setzte sich wieder. „Ich habe eine Idee...“

Kapitel 2: Lokis Plan

„Das ist eine schlechte Idee, immer noch“, stellte Thor fest. Er stand in einem von Freyas Kleidern vor einem großen in Holz gefassten Spiegel und sah sich an. Er sah aus wie Freya, was er einem Zauber Lokis verdankte. Er wusste nicht, wo Loki ihn gelernt hatte, doch dieser hatte ihm nach längerem Suchen ein Armband mit einem roten Stein gegeben. Nachdem Freya es getragen hatte und Thor es nun anlegte, begann er für alle Umstehenden wie selbige auszusehen. Loki erklärte, dass diese Wirkung nicht allzu lange anhalten würde und sie sich beeilen mussten, weswegen Thor es wieder abnahm. Nun stand wieder er, der Gott des Donners, vorm Spiegel, in einem Frauenkleid.

Er schüttelte den Kopf.

„Es wird funktionieren“, stellte Loki fest, der neben ihm stand.

Sie bestiegen Thors Wagen und begleitet von Donner fuhren sie Richtung Utgard, wo die Festung Thryms lag. Weite schroffe Berge erhoben sich unter ihnen und bildeten seltsame Formationen. Die Erde wirkte wie mehrmals aufgerissen und wieder zugeschüttet, wobei ungewöhnliche Formationen aus ihr herausragten. Immer wieder glaubte Thor etwas zu sehen, das einer Festung in seinen Umrissen ähnlich sah, doch er wusste, dass es nur Einbildung war. Viele Festungen der Riesen sahen von Weitem aus wie Teil der Landschaft und vieles, was aussah wie eine Festung, war Landschaft. Krieg auf ihrem Gebiet gegen sie zu führen, war schon immer kompliziert gewesen.

Ihr Wagen wurde begleitet von dunklen donnernden Wolken.

„Glaubst du wirklich, dass es eine gute Idee war deinen Wagen zu nehmen, Thor?“, fragte Loki. Er blickte nervös auf die schwarzen Wolken hinter ihnen.

„Wie sollten wir beide sonst so schnell herkommen?“, erwiderte Thor schlicht und wusste, dass Loki nichts erwidern würde. Natürlich war sein Streitwagen keinesfalls das, was man als unauffällig bezeichnet hätte, doch war kaum ein Reittier oder eine Magie schneller als dieser Wagen.

Sie steuerten auf eine große Gebirgsformation zu, die aussah als wäre mit einem gewaltigen Hammer ein Loch in den Gipfel des Berges geschlagen worden, so dass seine Spitze hohl war. Als sie näher kamen, wurden deutlich, dass das der Hof einer gigantischen, aus der Kuppe des Berges geschlagenen Festung war. Überall entlang der vermeintlichen Bergkuppe waren Vertiefungen und Höhleneingänge zu sehen, Wehrgänge und Luken. Einige Riesen waren zu sehen, die Katapulte montierten oder reparierten. An anderer Stelle waren feingliedrigere Wesen zu sehen, Elfen, wie Thor vermutete. Sie waren eigentlich Verbündete von ihm und seinem Vater, doch einzelne verdienten sich trotzdem immer wieder bei den Riesen.

Er gab Loki die Zügel, denn es würde sich nicht für Freya geziemen den Wagen selbst zu lenken. Dieser flog in einem Bogen immer tiefer und hinein in den großen Burghof, auf dem man eine Armee hätte versammeln können.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, fragte Loki. Er hatte den Weg gekannt, da er schon einmal in dieser Feste gewesen war. Nicht als sie Thrym gehörte, sondern noch seinem Vater. Loki hatte damals, nach eigener Aussage, einige kleinere Geschäfte mit ihm erledigt. Was das konkret hieß, wusste keiner und Loki weigerte sich Auskunft zu geben. Er war immer schon derjenige der Götter gewesen, auf den am wenigsten Verlass war. Er war vorrangig aus Eigennutz an den meisten Aktionen beteiligt. Auch dieses Mal fragte sich Thor, wieso er ihnen half. War es, weil er, Thor, dann in Lokis Schuld stand? Oder hatte er einen anderen Grund ihn in diese Festung der Riesen zu begleiten. Thor war noch nicht hier gewesen, diese Festung lag so weit im Gebiet der Riesen, dass er es bei seinen Angriffen nie bis hierher geschafft hatte. Er wäre ohne Loki verloren. Er legte das Armband an, so dass er das Aussehen Freyas annahm.

Sie landeten auf dem Burghof, wo bereits eine Truppe von zwanzig Riesen in schweren eisernen Rüstungen auf sie wartete. Ihre Gesichter waren verbogen hinter Helmen mit dämonischen Fratzen, ähnlich der des Boten. Sie trugen Schwerter umgegürtet, die mit Runen reich verziert waren, und einige hatten auch magische Symbole auf ihren Rüstungen, die sie widerstandsfähiger machen sollten. Thor fragte sich, ob Loki deswegen einst hier gewesen war. Loki war der Runen mächtig, was man nicht von vielen behaupten konnte. Eine Rune aufzumalen und wirklich zu wissen, was welche Runen bewirkte, waren verschiedene Dinge. Wer hier die Rüstungen verbessert hatte, war kein Anfänger, wurde Thor klar.

„Freya, Tochter des Njörd, und Loki“, stellte Loki Thor und sich selbt vor. Einer der Riesen, der den anderen vorzustehen schien, blickte sie eine Weile an. Keiner seiner Soldaten bewegte sich währenddessen, dann nickte er abrupt mit seiner Dämonenfratze und es bildete sich eine Gasse für sie.

Loki führte Thor durch diese Gasse, wobei er lächelte und Thor den Arm darbot. „Hak ein, Holde“, sagte er grinsend. Thor verkniff sich eine Erwiderung und sezte ein Lächeln auf, während er, geführt von Loki, die Gasse zwischen den Soldaten entlangschritt. Sie wurden in eine große Festhalle geführt, die gigantisch war doch winzig wirkte im Vergleich zum Hof draußen. Alles war geschmückt mit Gold und Edelsteinen, kunstvolle Skulpturen aus ewigem, nie schmelzendem Eis standen in der Halle und stellten Schlachten dar, in denen die Riesen die Asen und andere Feinde geschlagen hatten. An einer langen Tafel saßen viele Riesen in prächtigen Rüstungen in bronzenen und goldenen Farben. Aber auch solche mit grauen eisernen Rüstungen saßen an der Tafel. Sie trugen ihre Helme nicht und Thor sah, dass viele Narben und Schrammen hatten, es schien entweder eine kampferfahrene Truppe zu sein oder Narben waren vielleicht auch eine Art Statussymbol.

„Ah, Freya“, dröhnte die Stimme Thryms, der sie gesehen hatte und von der Festtafel aufstand, um zu ihnen zu kommen. Er lächelte breit und ein zufriedenes Grinsen zeichnete sich ab. Er hatte kurzes, schwarzes Haar und eine Narbe quer über das Gesicht, die aber schon seit Langem verheilt sein musste. Er trug eine mattschwarze Rüstung, die übersät war mit silbernen Runen. Dazu bildeten mehrere fingernagelgroße bernsteinfarbene Edelsteine, die in die Rüstung eingelassen waren, ein Muster auf seinem Oberkörper, das vielleicht auch ein magisches Zeichen darstellte.

„Habt ihr euch also entschieden euch meinem Willen zu beugen?“, fragte Thrym großspurig. Verhaltenes Lachen von der Festtafel, deren volle Aufmerksamkeit die Neuankömmlinge nun hatten, war zu hören.

„Ich konnte die mächtigen Asen davon überzeugen sich Eurem Willen zu beugen, Eure Hoheit. Wie ich sehe, benutzt Ihr immer noch die Rüstung, die ich Eurem Vater fertigte. Wo ist er, wenn ich fragen dürfte?“, antwortete Loki. Auf Thryms Gesicht erschien ein breites Grinsen.

„Tot, erschlagen von mir. Er war schwach, ich kann die Riesen besser führen“, erklärte er. „Dann lasst uns Hochzeit feiern.“

Er sah Thor auf eine seltsame, gierige Weise an. Thor versuchte keine Miene zu verziehen und sich daran zu erinnern, dass er für den Joten aussehen musste wie Freya.

„Erst einmal wollen wir den Hammer sehen“, unterbrach Loki Thrym. Einige Riesen am Tisch hatten sich erhoben und waren losgeeilt, alles vorzubereiten.

„Ich habe ihn, Ihr bekommt ihn nach der Heirat“, erklärte Thrym.

„Nein, zeigt ihn“, sagte Thor. Er sah Thrym direkt in die Augen. Sein Blick ließ keinen Kompromiss zu.

„Wenn Ihr wollt, Ihr seht ihn bereits“, erklärte er und deutete grinsend auf eine große Eisskulptur, die weiter hinten in der Halle stand. Dort in dem ewigen Eis war der Hammer eingeschlossen in einer Figur, die Thor kniend vor Thrym zeigte. Der Hammer war in Thryms Brust eingelassen und schimmerte matt. Thor wollte ihn zu sich rufen, besann sich aber darauf, dass es bereits vorher nicht geklappt hatte, Thrym musste das Eis mit einem Zauber belegt haben.

„Nun denn, schreiten wir zur Tat“, erklärte Loki. Er setzte sich neben den Platz, an dem Thrym bis vor Kurzem an der Tafel gesessen hatte und Freya/Thor setze sich zu ihm. Nach alter Sitte wurde nun den zukünftigen Ehepartnern das Essen gereicht, das sie traditionell einnehmen sollten.

Thor begann sich reichlich aufzufüllen und schlang herunter, wie es seine Art war, bevor Loki dazwischengehen konnte.

Thrym legte die Stirn in Falten, überrascht vom plötzlichen Appetit, den seine doch so schlanke Zukünftige an den Tag legte.

„Sie hat gefastet die letzten Wochen“, erklärte Loki. Thor blickte auf und erinnerte sich der Maskerade, so dass er begann weniger und langsamer zu essen.

Während sie aßen, warf Thrym immer wieder Blicke auf seine zukünftige Braut, gebannt von der Schönheit, die der Zauber erzeugte.

„Nun“, erhob Loki nach einer Weile die Stimme. „Wollt Ihr nicht Eurer Gattin ein Brautgeschenk machen? Es ist durchaus alte Sitte bei den Asen, der Frau symbolisch den größten wertvollsten Besitz zu überreichen, wie Ihr sicher wisst“, erklärte Loki. Thor wusste, dass das frei erfunden war und keineswegs Sitte war, bei allen. Doch Thrym war so gefangen von der Schönheit Freyas, dass er nur abwesend nickte und zur Eisskulptur schritt. Einer seiner Getreuen wandte sich leise an ihn. Er schien es nicht gutzuheißen, den Hammer einer Göttin in die Hände zu geben, die ja eigentlich mit den Riesen verfeindet war. Doch Thrym war geblendet von ihrer Schönheit und ignorierte sein eindringliches Reden.

Er schritt zur Eisskulptur und strich mit der Hand darüber. Währenddessen murmelte er ein Wort, das Thor leider nicht verstand. Die Skulptur dampfte und der Hammer schmolz heraus, so dass sein Griff herausragte und Thrym ihn ungeduldig herausziehen konnte. Danach dampfte die Skulptur weiterhin, bis sie wieder ihre alte Form angenommen hatte und erneut erstarrte.

Thrym ging mit dem Hammer zu Freya, die ihm einige Meter entgegengekommen war.

„Willst du, Freya, meine Frau sein, mich lieben und ehren, wie auch unseren Bund? Willst du alles mit mir teilen, was dein ist, wie ich mit dir teile, was mein ist?“, sprach Thrym. Thor nickte und ergriff den Hammer.

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