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El Niño

Der Autor

Tomás Mona Hültner wurde in Surabaya aus Eltern eurasischer und afro- und ind(i) okaribischer Herkunft geboren. Er studierte Germanistik, Indologie, Karibistik sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Utrecht, Leiden und Bayreuth. Er veröffentlichte u.a. (in Englisch unter dem eigentlichen Namen Tom R. Rellum) Arbeiten über karibische Literatur und den karibischen Diskurs.

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

– Friedrich Nietzsche, Also Sprach Zarathustra

I

»Stell dir vor. Was mir jetzt passiert ist! Mit meinem Projekt bin ich schon so lange beschäftigt. Und auf einmal ist mir das hier nur so in den Schoβ gefallen.« Er zeigt ihr ein dickes Bündel Papier, leuchtende Blätter in seiner Hand, aber vergilbt und gerade noch zusammengehalten durch zwei zerschlissene Baumwollschleifen.

Sie lacht: »Das ist dir in den Schoβ gefallen? Was hast du denn da überhaupt?«

So als wäre das eine überflüssige Frage, legt er ihr das Bündel auf den Tisch: »Das hier!« sagt er.

Fragend schaut sie ihn an. Er scheint seine Gedanken nach einer Antwort abzusuchen, nach etwas, das er ihrem Blick entgegen bringen könnte.

Er erwidert: »Na ja, du weiβt doch von dem Tagebuch? Darin erwähnte Toriman immer wieder, dass er dabei war, etwas zu schreiben. Nicht das Tagebuch an sich, natürlich. Er verstand sich als Schreiber. Das war es, was ihn antrieb im Leben. Das …«

»Schreiben!?« staunt sie. »Und das ganze Paket vergilbter Blätter hat also er geschrieben?« Mit einem flüchtigen Lächeln, so als wollte sie sich dafür entschuldigen, ihm ins Wort gefallen zu sein, redet sie schnell weiter: »Aber wie …, ich meine, woher hast du denn das überhaupt bekommen?« Leicht berührt sie das Bündel auf dem Tisch, zieht ihre Hand dann gleich wieder zurück. »Weiβt du, eigentlich möchte ich das alles nicht hören, nicht jetzt, Waldo.«

Unruhige Augenbrauen zeichnen eine Spur der Verärgerung auf ihre Stirn, die aber schon bald wieder verschwindet und einem nahezu flehenden Ausdruck Platz macht.

»Entschuldigung, so meinte ich das nicht«, sagt sie. »Aber ich hab dich jetzt schon so lange nicht mehr gesehen. Es war einfach schrecklich, wie wir uns vor deiner Abreise verabschiedet haben! Und das erste, worüber du anfängst, jetzt wo du gerade zurück bist, das ist wieder dieses ewige Projekt von dir. Können wir es nicht einmal ruhen lassen und uns einfach freuen, dass wir uns wieder sehen? Oder freust du dich überhaupt nicht …? Du warst verdammt nochmal zwei Monate weg, Waldo! Du hast mir gefehlt.«

Ein Seufzer der Gereiztheit. Er habe keine Lust immer wieder zu bestätigen, dass er gern mit ihr zusammen sei, meint Waldo. Und das beweisen zu müssen …, na ja, das sei doch Unsinn. »Verstehst du, Miralde?!« fügt er hinzu, »so geht das nicht!«

Seine Worte scheinen noch nachzuhallen in der Stille, die das Zimmer erfüllt, mit so einer unerwarteten Wucht hat er sie ausgesprochen.

Ihre Blicke halten sich kurz fest, einen flüchtigen Moment, und schweifen dann fast gleichzeitig ab, zum Fenster hin. Blasse Sonnenstrahlen fallen ins Zimmer.

Die Morgensonne hängt noch niedrig über den Dächern des östlichen Neubauviertels. Wenn man direkt in ihre Glut hineinschauen würde, schmerzte es in den Augen. Aber sie strahlt kein Licht aus, das blendet, eher einen rötlichen Schimmer, der wie ein sanfter Dunstschleier über dem Viertel liegt. Ihr Lichtschein schimmert in dem kleinen Vorgarten und flieβt matt ins Fenster hinein, hinter dem Waldo und Miralde jetzt stehen.

Der morgendliche Berufsverkehr hat sich gerade ausgetobt. Ein verspäteter Radfahrer eilt zu seiner Arbeit, oder zu einem Termin. In der Ferne ist gelegentlich das dumpfe Dröhnen eines Autos zu hören.

Waldo dreht sich um und geht zum Tisch zurück, wo er das verheißungsvolle Papierbündel hingelegt hat. Miraldes blondes Haar fällt ihr seitwärts über die Schulter, als sie den Kopf in seine Richtung wendet, so als wollte sie ihm folgen. Dann geht sie hinter ihm vorbei, auf die Tür zu.

»Doch«, sagt er, »ich freu mich schon, dass du da bist. Du hast mir auch gefehlt.«

II

Dienstag den 25. März, Khabarowsk.

Leben aus diesem Gefühl heraus, auf der Reise zu sein und stets zugegen. Mit einer Feder zum Schreiben.

Schreiben, weil draußen graue Maschinen, brummend, hoch durch blassblaue Lüfte gleiten.

Schreiben, weil die zarten, nackten Zweige der Bäume sich wollig webend abheben vom letzten weißen Schnee auf der gelbbraunen Erde der Hügel im Hintergrund.

Schreiben, weil sich eine dicke Rauchfahne dahinzieht, rollend über die Flachdächer von klotzigen Gebäuden aus Stein und Beton.

Schreiben, weil das Tropfen des Spülkastens plötzlich aufgehört hat, und es still ist jetzt.

Einst wollte ich schreiben als Rechtfertigung für mittlerweile schon vierundzwanzig in dieser Welt verbrachte Lebensjahre …

Auf dem Bett liegend, streckt Waldo sich aus und legt das Tagebuch des Toriman kurz ab. Es hat ihn aus dem Schlaf gerissen. Oder eigentlich konnte er überhaupt keinen Schlaf finden in dieser zweiten Nacht nach seiner Rückkehr aus der Karibik. Obwohl …, da war ja der Traum unmittelbar vor dem Aufwachen. Der Traum hat ihn aus dem Kurzschlaf gerissen. So war das. Er dreht sich um, lockert die steife Schulter und greift dann hinter seinen Rücken, um das Tagebuch wieder aufzunehmen und weiter zu lesen.

Als er die richtige Seite gefunden hat, heftet sich sein Blick nur kurz darauf. Er betrachtet den Spiegel, der an der Wand gegenüber des Bettes hängt, richtet sich dann auf. Das Spiegelbild zeigt seinen Kopf bis zum Kinn: das Gesicht eines jungen Mannes in seinen späten Zwanzigern, frühen Dreißigern. Straffe Linien in einer flachen, gebräunten Haut. Die weichen Mundwinkel scheinen dazu nicht so ganz zu passen. Auch der leuchtende Schimmer im Haar und in den Augen hebt sich markant von dem dunklen Gesichtsausdruck ab.

Im Traum war Waldo sichtlich überrascht, als er ein verblasstes Lichtbild in den Händen hielt. Mit zögernder Geste zeigte er Miralde gerstern das Bild seines Vaters. Er habe es bekommen, so erzählte er ihr, zusammen mit dem umfangreichen, schlecht und recht verschnürten Bündel, das als Manuskript Torimans bezeichnet wurde. Beinahe feierlich habe Waldo das Bündel entgegengenommen. Aber innerlich brannte er vor Verlangen, es bei der Rückkehr in sein Hotelzimmer sofort aufzumachen. Es in einem Zug zu Ende zu lesen, als das Spannendste überhaupt, das ihm je in die Hände gefallen sei.

Seine Augen gleiten jetzt im Tagebuch über die Zeilen, die er zuletzt gelesen hat. Er liest weiter:

… Und nun – immer wieder jetzt – zu schreiben, weil eben dieses Bewusstsein da ist:

lauschend auf das Brummen grauer Maschinen, lauschend auf die Frühlingsbrise in den noch nackten Zweigen,

oder auf das Rieseln eines tropfenden Spülkastens in der Toilette,

lauschend auf ein holperndes Eintreten der Stille …

Mitten auf der Seite scheint hier die Aufzeichnung für Dienstag den 25. März zu enden. Beim Durchblättern bemerkt Waldo, dass erst auf dem nächsten Blatt weiter geschrieben wurde. Dann aber, direkt auf der Rückseite der gerade gelesenen Aufzeichnung, entdeckt er doch noch etwas. Flüchtig hingekritzelt, so scheint es:

Es steht eine kleine grüne Bank im Garten meiner Kindheit, ein Garten duftender Blumen in Weiß und Rosa. Und der feuchte Wind, der sanft mit den breiten, zierlich wogenden Blättern von Bananenstauden spielt.

Ein warmer und geschmeidiger Katzenleib auf der Türschwelle. Das ruhig rauschende Atmen des Tieres bringt die Sonnenstrahlen regelrecht zum Schnurren, wenn sie zwischen den Blättern hindurch ihren stillen Rhythmus von Licht und Schatten tanzen.

Es steht eine kleine grüne Geschichtenbank im Garten meiner Kindheit.

Waldo wendet das Blatt wieder um, blickt dann ein paar Seiten weiter, so als suchte er eine andere Stelle, einen anderen Abschnitt. Etwas womit sich diese Eintragung einordnen ließe. Als er dann auf das Lesezeichen stößt, das er offenbar willkürlich zwischen die Tagebuchseiten geschoben hat, nimmt er es vorsichtig heraus. Waldo wedelt kurz mit dem Papierstreifen, zaudernd. Legt ihn dann entschlossen zwischen die Seiten, wo er mit dem Lesen stehen geblieben ist. Er schließt das Tagebuch, macht das Licht aus und sucht dann die wohl beste Lage, um jetzt endlich schnell einschlafen zu können.

Morgen müsse er zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder zur Arbeit. Mit einem kläglichen Lächeln hatte er das, heute Nachmittag beim Einkaufen, dem chinesich anmutenden Mädchen an der Kasse gesagt. Ihr war seine lange Abwesenheit aufgefallen …

Es klingelt an der Tür und Waldo wird aus dem Halbschlaf aufgeschreckt. Er richtet sich auf, als versuchte er sich zu vergegenwärtigen, was ihn aufgeweckt hat. Im Flur quietscht kurz die Haustür, die geöffnet wird und dann wieder vorsichtig ins Schloss fällt. Gleich darauf behutsame Schritte. Der Fußboden knarrt leicht.

»Miralde?« ruft Waldo durch die offen stehende Schlafzimmertür.

»Hast du dich schon schlafen gelegt, Waldo? Ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt. Hast du schon geschlafen?«

»Na ja, irgendwie schon. Eingeschlummert, glaub ich.« Waldo ist aus dem Bett gestiegen und schlurft Miralde entgegen, während er sich das Gesicht reibt. »Ich muss Morgen wieder früh auf. Ich bin das nicht mehr gewohnt.«

In der Tür legt Miralde ihre Arme mit einer schützenden Geste um Waldos Schultern. »Ich weck dich morgen früh, okay? Ich werde mich schon drum kümmern, dass wir beide nicht verschlafen«, sagt sie.

Waldo antwortet ihr stumm, mit Mundwinkeln, die sich zu einem Lächeln kräuseln.

Miralde fährt mit gespreizten Fingern verspielt durch sein Haar.

»Weißt du, …«, fragt Miralde, als sie dann später im Bett liegen, »weißt du, dass es fast so ist, als wärst du überhaupt nicht weggewesen? Andererseits hast du mir in den letzten Wochen zunehmend gefehlt. Zur gleichen Zeit verblasste die Erinnerung an dich fast jeden Tag etwas mehr. Ich konnte es nicht verstehen. Du warst weg und ich sehnte mich nach dir, weil ich wusste, dass ich immer ganz fest mit dir verbunden war. Und dennoch spürte ich dich nicht mehr wirklich. So kam es mir vor. Meine Gedanken an dich waren wie leer. Beinahe inhaltslos, leblos geworden, meine ich. Als wenn du tatsächlich verblichen und verschollen gewesen wärst. Aufgelöst in nichts, irgendwie.«

Sie dreht sich auf die Seite und sieht Waldo an. »Weg aus dem Leben«, sagt sie. »Aus der Welt. Meiner Welt jedenfalls. Es ist so komisch, wenn du Erinnerungen hast, die nur noch aus dem bestehen, was du weißt …, oder eigentlich bloß zu wissen meinst …« Sie lächelt dünn und scheint, versinkend in flüchtig abschweifende Gedanken, nach einem Wort zu suchen. »Schattenhaft, vielleicht«, murmelt sie dann verschwommen.

»Ich war wie ein Schatten für dich?« fragt Waldo, während er unter dem Federbett einen Arm um Miralde schlingt, »ein Schatten aus ferner Vergangenheit …« Er lacht, als sie sich aufrichtet und ihn schweigend anschaut, als wollte sie ergründen, ob er sie ernst nimmt. »Nein. Ich denke schon, dass ich verstehe, was du meinst«, sagt er.

»Wieso? Ich versteh es selbst kaum!« erwidert sie sofort.

»Na ja«, meint er jetzt, »ich kann mir an sich schon vorstellen, dass sich alles in deinen Erinnerungen allmählich verwischt hat …« Eben scheint es, als erwartete er eigentlich einen Einwand, bis er dann schnell hinzufügt: »Wie es auch wieder war und sich alles zwischen uns angefühlt hat, meine ich. Das kann ich schon verstehen.«

Miralde findet mit einer trägen Gebärde ihren Platz auf dem Kopfkissen wieder und schmiegt sich an Waldo, dessen Arm noch locker halb um ihre Taille liegt.

In der Stille, die das Zimmer erfüllt, nachdem Waldo etwas mühselig mit seiner freien Hand das Licht ausgemacht hat, ist es, als klänge seine Stimme noch tiefer und bedächtiger: »Vielleicht war ich die letzten Tage dort in Cartagena wirklich so etwas wie ein Schatten. Mir schien es oft, als würde ich einen Schatten jagen, … und dabei allmählich selber zu einem werden.«

»Du, aber ich hatte dich nicht vergessen, Waldo. Im Gegenteil, ich hab dich sehr vermisst. Das tat manchmal richtig weh. Immer mehr eigentlich … Und dennoch schien es mir, als ob du nach und nach verschwinden würdest, aus dem Gefühl meiner Erinnerungen, irgendwie so. Verstehst du, was ich meine? Das ist es gerade, was ich so seltsam fand. Und noch immer. Ich find es immer noch ganz seltsam. Unbegreiflich!«

Die Unruhe in Miraldes Stimme findet keinen Widerhall in der dunklen Geborgenheit des Zimmers. Es herrscht die geruhsame Stille der Nacht, die nur kurz unterbrochen wird durch ein leises Knarren des Bettes und ein säuselndes Rascheln von leichtem Stoff. Indem sie sich wohl auf die andere Seite dreht für eine etwas bequemere Lage, sagt Miralde langsam, mit halb angehaltenem Atem: »Ich bin müde, lass uns schlafen, morgen müssen wir wieder früh auf die Beine.«

»Ich denke schon, dass ich dich verstehe, Miral.« Waldos Worte rauschen sanft durch die Dunkelheit, in der sonst nur ihr ruhiges Atmen zu hören war. »Und schließlich fühlte ich mich dort selber auch fast wie irgendein Schatten. Ja, sonderbar …«

III

Der morgendliche Berufsverkehr jagt durch die Straßen der Stadt. Auf den Hauptstraßen, nah am Zentrum, droht der Betrieb hin und wieder ins Stocken zu geraten. Um ein Haar hätte es sogar einen Zusammenbruch gegeben, so scheint es, dann fließt der Strom jedoch unaufhaltsam weiter.

» Hey, Waldo! «

»Bin in Eile!« ruft Waldo in Richtung der tiefen, warmen Stimme zurück – er hat sich dabei auf dem Fahrrad halb nach links gedreht und seine Geschwindigkeit automatisch etwas zurückgenommen. Dort drüben steht ein Mann, der winkt. Unter den anderen Arm hat er Pausenbrot und Zeitung geklemmt. Es ist eine Erscheinung, die nicht Teil der Umgebung zu sein scheint. Eine kräftige, etwas gedrungene Gestalt, wie aus einem Stück, scheinbar unberührt von der ganzen Hektik um ihn herum. Sein gelassenes, dunkles Gesicht entblößt Zähne, die sogar in einer Entfernung von mehreren Metern ein entspanntes Lächeln verraten. »O hey, Wolf!« Eben schwankt Waldo leicht mit dem Fahrrad, aber er findet schnell sein Gleichgewicht wieder. Und während er rasch weiterfährt, ruft er über die Schulter: »Zur Mittagspause in der Kantine?«

»Ja gut. Wir sehen uns dann«, klingt die sonore Stimme aus der Ferne.

*

Durch die weit offen stehenden Türen drangen die hektischen Geräusche von vorbeirasenden Autos in die Cantina ein. Ihr grelles Hupen schien von den barocken Fassaden der verwitterten Gebäude widerzuhallen.

Waldo hatte eine heiße Schokolade mit Kaffee bestellt und gleich bezahlt. Danach suchte er sich einen Platz an einem der Tische, die allesamt noch frei waren. Von hier aus konnte er den Eingang ziemlich gut im Auge behalten.

Er nahm vorsichtig einen Schluck aus der dampfenden Tasse, die er leicht mit beiden Händen umschloss. Während er sie eine Weile so festhielt, ohne wieder davon zu nippen, fing Waldo an, seinen rechten Fuss unter dem Tisch allmählich im Takt zu schwingen. Draußen hatte sich der leicht ironische, getragene Gesang eines Calypso unter die städtische Geräuschkulisse gemischt.

Träge schien er durch die Straßen zu wogen und manchmal den Ton anzugeben, bevor er wieder fast völlig vom Verkehrslärm übertönt wurde.

Jetzt summte Waldo leise mit:

Cuando el niño estará estragado

Las boleadoraspolvorearán

»Hey, Niño!«

Die klare, etwas schrille Stimme drang offenbar mit so viel Kraft in Waldos Bewusstsein, dass er mit einem Ruck aufblickte, als ob jemand förmlich neben ihm gestanden wäre und ihm auf einmal etwas laut ins Ohr gerufen hätte. Fast in der gleichen durchgehenden Bewegung seines Kopfes richtete er den Blick jetzt direkt auf die offen stehenden Türen.

Eine stämmige Frauengestalt stand da plötzlich mitten auf der Schwelle und lächelte ihm herzlich zu: »Waldo, verdad? Ja, du bist doch Waldo, oder?« Einen kurzen Moment musterte sie ihn abschätzend, so als finge sie eben an zu zweifeln, ob sie sich vielleicht doch geirrt haben könnte. Aber dann schritt sie entschlossen, mit weit geöffneten Armen auf ihn zu.

Waldo stand mit einer noch etwas unsicheren Bewegung auf. Unwillkürlich kräuselten sich seine Mundwinkel. »Ja, Waldo«, sagte er und streckte die Hand aus.

Im nächsten Augenblick schlossen sich zwei dunkle, rundliche Frauenarme um seinen fast noch jünglinghaften Oberkörper und drückten ihn fest. Er erwiderte ihre Umarmung, nach wie vor lächelnd, und fing einen Satz an mit »Wie …?«

»Für mich warst du immer der Kleine von Roberto, weißt du? Sein Sohn aus den alten Geschichten. Aber jetzt sehe ich dich. Richtig groß bist du.« Während sie ihm ins Wort fiel, richtete sie ihren Blick etwas höher, als versuchte sie seine Körpergröße gut einzuschätzen.

»Aber, woher wusstest du gleich, dass ich es bin?« fragte er.

»Als ob es jetzt hier noch mehr Leute geben würde!« entgegnete sie fröhlich spottend. »Wir hatten doch hier, in ebendieser Cantina, abgemacht. Oder? Und außerdem bist du ganz der Vater. Der Sohn von Robert ganz und gar!« Sie lachte ausgelassen. Ein spontanes, hemmungsloses Lachen.

Robert, dachte Waldo, mein Vater Robert. Er wollte sich wieder hinsetzen.

»Komm, trink aus! Ich möchte dir etwas zeigen.« Sie fasste seine Hand. Mit der anderen riss Waldo die Tasse vom Tisch und leerte sie auf einen Zug.

Im nächsten Moment standen sie draußen und badeten im vollen Licht, das ihnen schon durch die offenen Türen, zusammen mit einem Schwall von Verkehrslärm entgegengeschlagen war. Ein grelles Hupen hallte durch die Weite der belebten Straße. Ganz kurz nur. Gleich darauf ertrank es in einem Durcheinander von Geräuschen – ein andauerndes Dröhnen, das von ganz weit her zu kommen schien, einen hier dennoch schier einhüllte.

*

Über Waldos Bürotisch hängt in einem, verhältnismäßig feinen, grauweißen Rahmen, ein großformatiges Bild einer nebligen Landschaft. Verhaltene, pastellfarbige Erdtöne, hier und da durchdrungen von schalgrünen Streifen. Weiterhin vage Konturen eines schäbigen Häuschens, das sich, in unbestimmter Ferne, aus einem Schleier von Nebelschwaden zu befreien scheint.

Von außen dringt auf einmal der Hall eines heftig hupenden Autos ins Büro. Waldo wendet die Augen mit einer unwilligen Bewegung von dem Bild ab und schaut etwas irritiert aus dem Fenster, direkt links von seinem Bürotisch.

Als er sich leicht auf das Fensterbrett lehnt, wohl um besser sehen zu können, was sich unten abspielt, wird hinter dem Tisch nebenan halblaut gefeixt: »Es klappt noch nicht richtig mit der Konzentration, oder? Warum bist du nicht noch eine Woche länger zu Hause geblieben, um dich erst mal ein bisschen zu akklimatisieren? Die weiten Reisen, die wir heutzutage machen! Und immer mit dem Flugzeug. Der Geist braucht dann wohl noch eine Weile, um nachzukommen. Denkst du nicht auch? Der Geist ist in solchen Sachen gar nicht so schnell, … oder würdest du eher sagen ›die Seele‹?«

Jetzt fängt Waldo an zu feixen: »Was weiß ich? Wo ist denn da der Unterschied, René? Meinst du im Ernst, dass man mit dem Körper hier sein kann, während der Geist – oder meinetwegen die Seele – sozusagen noch in Südamerika weilt, vielleicht auch irgendwo zwischen den beiden Welten?«

»Na ja, das sagt man doch. Dann bist du wohl mit deinen Gedanken, in deinem inneren Befinden eben, noch sonst wo.« Eine Weile scheint er auf Waldos Reaktion zu warten, oder auf eine eigene Eingebung. »Aber ich meine schon, dass die Gedanken eigentlich was anderes sind«, bemerkt er dann plötzlich. »Nicht das Gleiche wie der Geist oder die Seele, etwa. Vielleicht eher so etwas wie …« Auf einmal unterbricht er sich selbst, während er aufsteht und mit der Hand suchend über die Tischplatte fährt: »Hey, lass uns jetzt in die Kantine gehen, Waldo! Ich sehe, dass es schon fast viertel vor eins ist!«

Waldo blickt ebenfalls auf die Uhr. »Ja, tatsächlich«, sagt er. »Ich hab übrigens mit Wolfgang abgemacht, dass wir uns dort treffen.«

»Mit Wolfgang? Dem Mann der Technik? Ich wusste nicht, dass auch du dich schon mit ihm angefreundet hast.« René ordnet einige Papiere und legt sie dann sorgfältig auf der Tischecke ab. »Oder, na ja«, fährt er dabei fort, »Wolfgang kennen hier wahrscheinlich alle … und jeder scheint ihn zu mögen. Aber, ob er unter den Kollegen wirklich Freunde hat, das weiß ich eigentlich nicht.«

»Ihn kennt sogar jeder im Zug«, scherzt Waldo. »Wir sind mal zusammen gereist, als ich ein Wochenende bei Freunden auf ’m Land verbracht hatte und am Montagmorgen zwischen den ganzen Pendlern zur Arbeit fahren musste. Ich erkannte ihn sofort, als ich in den Zug stieg …«

»Wegen seiner Zeitung …«, grinst René vergnügt.

»Ja.« Waldo fängt wieder an zu lachen. »Und der Sitz ihm gegenüber war noch frei. Ich sagte also: ›Grüß dich Wolfgang! ‹Und er erwiderte den Gruß unbesehen mit einem breiten Lächeln und mit dem tiefen: ›Hey, alles gut?‹«

»Hey, alles gut?« René versucht es gleich mit einer noch tieferen Stimme, wobei er einen betont sonnigen Akzent imitiert.

»Ich mag den Kerl«, sagt Waldo auf einmal ernst. »Vielleicht wirklich so wie alle Kollegen hier, wie du meinst. Ich weiß auch nicht, ob ich unsere Beziehung als Freundschaft bezeichnen würde. Dafür kenne ich ihn eigentlich nicht gut genug. Aber, wenn ich mit ihm rede, empfinde ich das schon so.

Ich kann gut mit ihm. Ohne Anlauf von Blabla und solchem Gelaber, kommen wir immer sofort richtig ins Gespräch. So als würden wir uns täglich sehen und wüssten immer genau, was uns in dem Moment beschäftigt.«

»Wolfgang ist kein Mann für Smalltalk …, oder eben doch, denn er sagt nie viel, braucht nur wenig Worte.« René strahlt vor Vergnügen, mustert Waldo dabei kurz, der Reaktion seines Kollegen auf den albernen Wortwitz vorgreifend.

Waldo ist mit einer halben Drehung seines Sessels aufgestanden, kramt in der obersten Schreibtischschublade nach seiner Brotbüchse und schlüpft mit Schwung hinter seinem Bürogenossen entlang. »Los, René, wir gehen. Essenspause!«

Kurz bevor er sich hinsetzt, schaut Waldo unwillkürlich auf die Eingangstür der Kantine. René und er sind beide mit einem Glas Buttermilch in der Hand zu dem kleinen runden Tisch zurückgelaufen, wo sie ihre Brotbüchsen schon abgelegt hatten. Als Waldo seinen Stuhl etwas näher an den Tisch rückt und noch einmal aufblickt, sieht er sofort die kräftige, etwas gedrungene Figur von Wolfgang in der Tür stehen, seine Zeitung und Brotzeit unter den Arm geklemmt. Entspannt lächelnd wechselt er ein paar Worte mit zwei Kollegen, die ihm beim Verlassen der Kantine entgegen kommen, läuft dann in aller Ruhe, mit leicht federndem Gangzur Theke, wo er eine Tasse Kaffee bestellt.

»Hey, alles gut?«

Waldo hat gerade einen Schluck Buttermilch getrunken und hält das Glas noch kurz in beiden Händen, während sich sein Blick auf die Brotbüchse vor ihm zu heften scheint. Plötzlich sieht er auf, schaut dahin, wo die Stimme herkam. Dann wendet er das Gesicht zu René und fängt an zu lächeln. Wolfgang ist bei einem Tisch, ein paar Meter weiter, kurz stehengeblieben und lacht jetzt noch breit zu jemandem, der mit vollem Mund so etwas murmelt wie: »Ja, ja, gut. Dir auch?«

»Okay«, antwortet Wolfgang. »Wir sehen uns.« Und er geht weiter. Mit einer begrüßenden Miene nimmt er Kurs auf den Tisch von Waldo und René, so als hätte er sie jetzt auf einmal ins Visier bekommen.

»Dein Platz ist noch frei, Wolf.« Einladend schiebt Waldo mit dem Fuß den Stuhl zwischen seinem und dem von René ein Stück nach hinten.

Wolfgang stellt seine Kaffeetasse ab, legt das Pausenbrot und die Zeitung dazu und drückt Waldo herzlich die Hand, mit der Linken dessen Schulter fest umschließend: »Ich hab dich vermisst, Mann. Du warst also die ganze Zeit in Westindien?«

»Westindien? Wer sagt denn das heutzutage noch?« Mit einem lässigen Lachen mischt René sich ein.

»Ich, zum Beispiel! Oder ich sage the West Indies. Bei dir auch alles gut, René?« Wolfgang erwidert das Lachen eher flüchtig, während er sich setzt. Mit erwartungsvollem Blick wendet er sich dann Waldo zu.

»Nun ja, ich bin schon seit einigen Tagen wieder zurück«, erklärt dieser. »Aber ich war am Ende vor allem in Kolumbien, Cartagena. Yaya, die Schwester meines Vaters …«

»Eine surinamische Frau?« unterbricht Wolfgang verblüfft. »›Yaya‹ kenne ich als einen surinamischen Namen … Ich kenne Geschichten von alten Tanten, die Yaya hießen, oder nur so genannt wurden, das weiß ich nicht so genau.«

»Zu mir sagte sie, ich solle sie einfach Tía nennen. Du weißt schon: ›Tante‹ auf Spanisch. Aber ja, ihr Vater war tatsächlich ein Surinamer. Ihre Mutter hatte sie wohl früh verloren. Der Vater war mittlerweile ans andere Ende der Welt gezogen und hatte später auch ein Kind mit einer anderen Frau. Das Kind, Yayas Halbbruder also, das war eben mein Vater. Und bei seiner Mutter ist Yaya während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Nachkriegsjahren, aufgewachsen. In Indonesien war das, um genau zu sein – oder noch genauer: ›Niederländisch-Indien‹, wie das Land damals vor der Unabhängigkeit 1949 ja noch hieß.«

»Okay, und wie ist sie dann schließlich so aus Ostindien in Westindien gelandet?«

»Ein paar Jahre nach der Unabhängigkeit Indonesiens, glaube ich, ist Yaya mit ihrem Vater nach Surinam gefahren. Eigentlich zu einem Familienbesuch. Aber sie ist dann dort bei ihrer Großmutter geblieben, als der Vater wegen seiner Arbeit vorläufig wieder nach Indonesien zurückging. Wie Yaya dann irgendwann auf der Karibik-Insel Bonaire und später in Kolumbien Fuß gefasst hat, ist eine längere und vielleicht typisch karibische Geschichte. Es hat mit dem venezolanischen Erdöl zu tun. Bonaire gehörte ja bis vor einiger Zeit noch mit Aruba und vor allem der Ölraffinerie-Insel Curaçao zu den niederländischen Antillen. In Papiamento, der Kreolsprache, die man dort spricht, sagt man übrigens ziemlich allgemein ›Yaya‹, wenn man so etwas wie Mütterchen oder eher noch Großmütterchen meint.«

»Hey, aber aus dem, was du mir mal erzählt hast, hab ich entnommen, dass deine Tante noch überhaupt nicht so alt ist. Stimmts?« merkt René zwischen zwei Happen Brot an.

Waldo nimmt einen Schluck Buttermilch und leckt sich dann die Lippen. »Nein. Nein, so alt ist sie auch nicht. Schon älter als mein Vater …, nun ja, jetzt gewesen wäre. Er würde jetzt so Ende fünfzig sein. Tía wirkte eigentlich sehr vital, als ich sie in Cartagena sah.« Er schaut Wolfgang an. »Dorthin hat meine Reise mich am Ende also geführt, wo ich mich dann mit meiner Tía, Yaya, treffen konnte – in Cartagena an der karibischen Küste Kolumbiens.«

»Cartagena de Indias«, nickt Wolfgang.

»Das ist für dich wohl auch noch Westindien. Oder, Wolf? Obwohl, … Kolumbien ist vieleicht eher ein lateinamerikanisches Land, wenn es auch mit seiner Küste im Norden an die Karibik grenzt« , überlegt Waldo.

»›Westindien‹, ja, das sind einfach alle karibischen Inseln und auch Küsten. In Englisch nennt man ja die ganze Region dort the West Indies. Die Holländer sagten sogar de West – ›der Westen‹ also – wenn sie ihre Kolonien in der Karibik meinten. Das heißt also auch Surinam auf dem südamerikanischen Festland, aber mit einer karibischen Küste. Und the East Indies, für die Holländer de Oost, das waren dann Indien und die ganzen andern süd- und südostasiatischen Kolonien – Indonesiën zum Beispiel.«

»Ja, Niederländisch-Indien, damals noch – genau«, ergänzt Waldo.

René blickt auf, nachdem er den letzten Happen seines Butterbrots hinunter geschluckt hat. »Aber Kolumbien war doch nie englisch, geschweige denn eine niederländische Kolonie.«

»Nein, natürlich nicht. Und das habe ich Wolfgang auch nicht sagen hören«, führt Waldo dagegen an. »Andererseits hat ja die karibische Küste Kolumbiens, namentlich Cartagena, den anderen Kolonialmächten als die spanischen Herren und auch den vielen Piraten seit dem späten 16. Jahrhundert immer wieder Begehrlichkeiten geweckt – wegen seines zu der Zeit wirklich legendaren Reichtums. Immerhin war Cartagena zweifellos jahrzehntelang Hauptumschlagplatz für den transatlantischen Sklavenhandel.«

»Na klar«, sagt René.

»Der ganze Raum des Karibischen Meeres bildet nicht nur historisch in vieler Hinsicht eine Einheit!« Waldo bleibt beharrlich bei seiner Darlegung. »Auch heute bewegen sich dort die Leute durch die ganze Region quasi wie durch die eigene Heimat. Auf der Suche nach Arbeit nicht an letzter Stelle. Der Einfluss der multinationalen Konzerne hat diesen Prozess sogar weiter angetrieben. Die Bedeutung der alten Kolonialgrenzen sollte man hier wirklich nicht überbewerten – zu keiner Zeit.«

»Du redest jetzt über dein Projekt, oder?« Wolfgang blickt verbindlich. »Das sind doch genau die Themen, worüber C.L.R. James geschrieben hat und mit denen dein Versuchsheld Toriman sich dann ein Leben lang beschäftigte. Ja, die ganze Region ist doch früher von den europäischen Herren kolonisiert worden. In Europa dachte man zuerst, Kolumbus voran, dass Indien jetzt über den westlichen Seeweg erreicht wurde – bis ihnen klar war, dass es sich um eine neue Welt handelte; eine regelrechte Entdeckung. Deshalb hat man dann angefangen, das alte Indien auf einmal ›Ostindien‹ zu nennen, weil die neue Welt ja nach wie vor auch Indien, also Westindien, sein sollte. Und das ist seitdem so geblieben. Ich meine, so wars doch.«

»Klar, Europa verstand sich mit einem Mal als Mitte der Welt«, ergänzt Waldo eifrig, als ob ihm erst jetzt etwas völlig klar geworden wäre. »Die Begegnung mit der Karibik, den ersten amerikanischen Inselküsten, wo sie an Land gingen, weckte in den Europäern irgendwann das Gefühl, dass sie nun Mittelpunkt der Welt waren. Man schaue sich nur die Weltkarten an, Europa wird immer in der Mitte abgebildet.«

»Moment«, bremst René ab, »das war ja wegen Jerusalem. Diese Stadt, die ›Heilige Stadt‹, musste ja in jeder Hinsicht und deshalb auch auf jeder Weltkarte im Mittelpunkt stehen, damals vielleicht noch mehr als je.« René öffnet seine beiden Hände. »Ich meine, vor allem als Journalist sollte man sich hüten, aus historischen Hintergründen ein zu fein gesponnenes und ganz schön gefärbtes Netz zu knüpfen, besonders wenn man seine Roots in genau den geopolitischen Gefilden hat, wie in euerem Fall offensichtlich in der Karibik«, sagt er.

»Pass auf«, Waldo blickt René mit höhnischer Miene an. »Erstens habe ich auch noch Roots in Ostindien.«

»Eben«, meint René.

»Außerdem bin ich ein Europäer, mit einer europäischen Sicht der Dinge, einfach weil ich hier geboren und aufgewachsen bin – dazu noch von einer Europäischen Mutter geboren. Und wie du vielleicht weißt, war sogar ein Teil der Ahnenreihe meines Vaters auch europäisch. Genau so wie es bei Wolfgang der Fall sein dürfte, nehm ich mal an …«

»Wolfgang grinst bestätigend: »Ja, ganz viele Afroamerikaner in der Karibik haben Ahnen auf beiden Seiten der Sklaverei. Aber es mag vielleicht weniger peinlich sein, sich nur mit seinem schwarzen Äußeren gleichzusetzen, oder eher noch: gleichsetzen zu lassen, weil die meisten Leute ja sowieso bloß das an dir erkennen wollen.«

»Wenn du es dann unbedingt genealogisch sehen willst, können wir mit unserem multigenetischen, multiethnischen Hintergrund diese Sachen sogar aus einer weitaus breiteren Perspektive betrachten«, fährt Waldo mit einem ironischen Lächeln fort. »Also komm, René, auch du als Journalist würdest dich ja nicht ausschließlich mit Europa identifizieren können. Oder?!«

»Es geht nicht darum, dass ich mich von dir als Europäer angesprochen fühlte, Waldo!« reagiert René sofort. Daraufhin aber macht er eine eher beschwichtigende und etwas unbeholfene Geste. »Ich meine nur, man sollte dem allegorisch Bildhaften mit allen denkbaren Stereotypen immer möglichst weit aus dem Weg gehen, egal ob irgendwie ethnisch gefärbt oder nicht.«

»René hat übrigens auch Wurzeln in Lateinamerika, Waldo. Das wusstest du wahrscheinlich nicht.« Wolfgangs tiefe Stimme sinkt eine Tonlage niedriger. »Aber ich denke, dass du schon recht hast. Dass Europa, wegen der sogenannten Entdeckung der neuen Welt auf einmal nicht mehr selbst größtenteils im Westen lag, sondern sozusagen einen neuen Westen dazu bekam.«

»Und dadurch also, für die Wahrnehmung der Europäer, ins Zentrum der Welt rückte«, fügt Waldo hinzu, in einem Versuch etwa, den Punkt noch einmal klarzustellen und das Gesprächsthema damit abzuschließen. »Aber, gut René. Das Bildhafte, mit Klischees behaftete etwa, ist sicher auch eine reelle Gefahr, die überall lauern kann. Denkbilder aber lassen sich wohl kaum von Bildern überhaupt lösen. Ich wusste im Übrigen wirklich nichts von deiner blutsmäßigen Verbundenheit mit Lateinamerika – nebenbei gesagt.«

»Ist schon okay, Waldo. Das ist kein Thema. Ich hätte nicht anfangen sollen, über Roots und so weiter zu reden. Deine Argumentation, die Art der Darlegung hat mich irgendwann einfach irritiert. Ich reagiere wohl ziemlich allergisch auf das Betonen und Überbewerten der ganzen ethnischen oder geografischen Gegensätze und Verbindungen, Sjablonen vor allem auch, die es an sich natürlich schon gibt.«

»Worum es mir hier aber in der Sache nicht geht, René. Okay?«

»Na gut.«

Wolfgang hat sich etwas zurückgelehnt, bedächtig auf einem tüchtigen Happen seines Butterbrots kauend, den er dann mit einem Schluck Kaffee runterspült.

Indem René und Waldo sich fast gleichzeitig leicht vornüberbeugen, nahezu synchron nach ihren Gläsern Buttermilch greifend, setzt Wolfgang sich jetzt ein wenig aufrechter hin. Er mustert Waldo aufmerksam. »Du warst doch für dein Projekt unterwegs. Warst du deshalb in Cartagena, oder eben weil deine Yaya …«

»Genau, meine Tía«, antwortet Waldo, ohne Wolfgang ausreden zu lassen, »die war ja dort. Und es schien, als hätte sie da schon immer gewohnt. Weißt du? Wie wenn jemand irgendwo, und genau dort, ganz und gar zu Hause ist. Das spürt man sofort. Es ist so etwas wie eine tiefe Verbundenheit. Oder eher eine ganz natürliche. Immer wenn ich jetzt an Tía Yaya denke, sehe ich gleich auch Cartagena vor mir …« Während Waldo noch ein wenig nachdenklich seine offenen Hände betrachtet, nachdem er gerade sein leeres Glas vor sich auf dem Tisch abgestellt hat, scheinen Wolfgang und René ihm die Gedankenspuren vom Gesicht ablesen zu wollen. »Mir wird jetzt klar, dass sie den gleichen Geruch haben, Cartagena und Tía Yaya«, sagt er endlich.

René nickt. »Seltsam, nicht wahr, wenn du auf einmal etwas erkennst, das eigentlich schon immer da gewesen zu sein scheint«, bemerkt er.

»Ja, Orte haben ihren eigenen Geruch, das stellt man oft erst fest, wenn man an sie zurückdenkt.« Wolfgangs Stimme klingt warm, als er es erfasst. »Wenn du da bist, nimmst du einfach den Geruch in dich auf, meistens ohne dass du dir dessen bewusst bist. Du hast dann häufig anderes um die Ohren, weißt du. Du reagierst praktisch auf das, was im Moment passiert. Einfach so. Vieles nimmst du überhaupt nicht bewusst wahr.«

»Ja, und dann erkenne ich auf einmal, dass Tía den selben Geruch hat«, wiederholt Waldo seine Feststellung eher für sich selbst, als würde ihm die ganze Tragweite davon nur langsam klar. »Wie kann ein Mensch nur den gleichen Geruch wie eine Stadt haben? Dann muss es doch irgendeine Verbindung geben wie, na ja, wie von …« Sie scheinen ihm einfach zu entgleiten, die Worte die er sucht.

»Oder eine Schicksalsverbindung, vielleicht?« fragt René.

»Bitte? Wie meinst du denn das!?« Waldo schüttelt den Kopf und wirft sich in seinen Stuhl zurück.

»Nun ja«, fährt René, jetzt selber auch leicht aus der Fassung geraten, fort, »ich dachte auf einmal an etwas, aber das hat wohl hiermit nichts zu tun. Das Schicksal, oder so. Das soll man ja manchmal auch irgendwie riechen können. Wie man, zum Beispiel, in Geschichten über Tiere erzählt. Dass sie die Gefahr oder etwas Unabwendbares riechen können. Aber sorry, das hier ist deine Geschichte, erzähl du bitte weiter. Also, Entschuldigung, Waldo.«

»So schlimm war das jetzt auch wieder nicht, René. Ich dachte nur ›Wie, Schicksalsverbindung?‹ Aber das war also deine Assoziation. Okay. Mir kam eher das Bild von Nestgeruch, versteht ihr? Na ja, insofern man ein Bild von einem Duft haben kann natürlich …« Waldo hat sich wieder gerade aufgesetzt und spielt mit seinem leeren Glas. Er blickt plötzlich zu einer Frau in hellblauer Schürze auf, die sich jetzt mit Tablett und Wischlappen neben ihn gestellt hat. Sie legt beides auf dem Tisch ab und streckt ihre Hand stumm nach dem Glas aus. Waldo gibt es ihr mit einem Lächeln: »Wenn das jetzt kein Zeichen ist, dass wir uns wieder an die Arbeit machen sollen! Wir verplaudern hier Dienstzeit.«

»Ja, die Pause ist vorbei«, stellt Wolfgang fest.

Als sie sich vor der Kantinentür trennen, mustert Wolfgang Waldo noch einmal kurz: »Deine Yaya, hat früher wohl Kontakt zu Toriman gehabt, oder? Hat sie dir noch irgendwas davon mitgeben können, dort in Cartagena? Etwas Wertvolles für dein Projekt vielleicht ?«

»Ja, in der Tat, mein Projekt. Das wäre eigentlich die Geschichte, um die es sich dreht, Wolf«, antwortet Waldo. »Ich erzähl sie dir später noch, okay?«

»Natürlich. Das ist in Ordnung. Aber das Wichtigste hab ich eigentlich schon gehört: dass du etwas bekommen hast, wonach du auf der Suche warst. Wofür sich deine Reise auch wirklich gelohnt hat. Mission accomplished also.« Wolfgang verabschiedet sich mit einem befreienden Lachen.

»Wir sehen uns«, grüßt Waldo zurück, »aber ich weiß noch nicht genau, ob meine Mission jetzt wirklich erfüllt ist.«

Noch immer lachend winkt Wolfgang auch René zum Abschied nach, während dieser mit seinem Kollegen zu ihrem gemeinsamen Büro zurückläuft. Er schmunzelt: »Na siehst du, Waldo, ich glaube, du bist noch nicht ganz angekommen. Noch nicht wirklich wieder da.«

IV

»Hey, Miralde!« Der Kopf einer jungen Frau erscheint hinter der Küchentüröffnung und schaut in den Flur. »Waldo hat gerade angerufen. Er kommt etwas später.«

Mit Ellbogen und Absatz drückt Miralde die Haustür hinter sich zu. Sie geht durch den Flur, trägt eine Kiste voller Einkäufe in den Händen.

Die junge Frau in der Küche geht einen Schritt zur Seite, damit Miralde die Kiste problemlos auf die breite Anrichte schieben kann.

»Hat er mal wieder hier angerufen?« fragt Miralde. »Er hat natürlich, wie immer, meine Handynummer nicht dabei gehabt. Manchmal denk ich, er kann Handys einfach nicht leiden. Jedenfalls nutzt er seins angeblich nur berufsmäßig, sonst nie. Nicht einmal, als er letztens durch seine Welten bummelte. Denn sonst hätte ich ihn ja vielleicht erreichen können, wo immer er auch gewesen wäre, in the middle of nowhere etwa. Stell dir mal vor, der Korrespondent.« Miralde lacht hellauf, ein nahezu befreites Lachen. »Das ist doch ein Kreuz mit uns beiden, oder? Aber gut, er kommt also etwas später. Na ja, ich denke, wir sind auch erst etwas später fertig mit dem Kochen, was meinst du? Ich werde allen einfach mal eine Nachricht schicken, damit bloß niemand hier vor halb acht auftaucht.« Wieder bricht Miralde in Lachen aus.

»Was ist los mit dir?« fragt Trisha mit gespielt ernster Miene.

»Ach«, erwidert Miralde, »es war eben der Tag, weißt du. Lauter Frustration. Am Ende haben wir auf der Arbeit alle nur noch rumgealbert. Völlig zermürbt. Das Projekt will einfach nicht in Gang kommen, und wir haben wieder ewig mit allen Parteien beraten müssen. Uns bleibt bis zum Anfang der G7-Konferenz wirklich nicht mehr viel Zeit. Ich stecke ja voller Energie, wenn eine Sache erst einmal läuft. Dann haut mich so schnell nichts mehr um. Wirklich nichts. Stress? Ach, woher denn? Aber immer diese furchtbar zähen Besprechungen, bevor ein neues Projekt endlich vorankommt … Schrecklich!

Wir haben bestimmt schon zigmal zusammengearbeitet. Und trotzdem ist da dauernd dieser Hang zur Selbstdarstellung und Betonung der eigenen Grundsätzen. Bla, bla. Pfui! Parolen-Ideologie! Das Gehabe in der Nationalpolitik ist manchmal noch harmlos im Vergleich dazu.

Sicherlich gehören wir zu unterschiedlichen Gruppen und Organisationen. Aber man sollte glatt meinen, dass wir in gemeinsamer Beratung nicht das gleiche Ziel verfolgen … Na also, dann bitte ganz konkret: Wie packen wir es nun gemeinsam an?!«

Trisha lächelt Miralde kopfschüttelnd an. »Was erzählst du denn da schon wieder? Redest du jetzt wirklich von deiner Arbeit?« Sie gibt der Freundin ein Radieschen, das sie gerade geputzt hat, und steckt sich verschmitzt selbst auch eins in den Mund.

»Hast du vielleicht noch ein Paar Radieschen für mich?« fragt Miralde neckisch. »Ein lauschiges Paradieschen, wär jetzt genau das Richtige.« Ein Gelächter anstimmend fallen beide sich in die Arme.

Das Telefon läutet. Miralde ist gerade auf dem Weg zur Haustür, um die leere Einkaufskiste wieder ins Auto zu bringen. Sie ruft: »Ich geh schon!«

» Okay «, erwidert Trisha.

Miralde stellt die Kiste im Flur ab und eilt ins Wohnzimmer.

»Ja, hallo … Hey, du bist es nochmal. Und du rufst wieder hier an. Ich hab auch ’n Handy, weißt du noch?« Miraldes Gesicht wird ernster. »Du, was ich dich noch fragen wollte, Waldo: kommt René eigentlich heute Abend?« Während sich ihr Blick auf das Bein des kleinen indischen Beistelltisches neben ihr heftet, berührt sie es ein paar Mal leicht mit der Fußspitze. »Ja«, sagt sie, und dann wieder mit längeren Pausen: »Ja … Ja … Ja.« Bis sie auf einmal erschreckt ausruft: »Was …?!« Sie scheint im Begriff, etwas hinzuzufügen, entschließt sich dann aber, zuerst noch etwas länger zuzuhören. »Das versteh ich nicht. Wie denn das?« gibt sie daraufhin von sich, eher als Bemerkung denn als Frage und erklärt nach einer Weile : »Okay, du kannst zwar nichts dafür, was passiert ist, Waldo. Aber wohl für die Entscheidung, die du jetzt getroffen hast. Und natürlich wieder ganz alleine … Gut. Dann bis später. Ciao!«

Im Flur tritt Miralde gegen die leere Kiste. Die Wucht des Trittes lässt sie mindestens einen Meter weiter rutschen. »Verdammt noch mal!« schimpft sie. »Mist!«

Trishas Kopf erscheint wieder in der Küchentür. » Hey, was ist mit dir, Miral?«

»Waldo geht wieder weg«, antwortet Miralde kurz. Energisch durch den Flur schreitend, läuft sie, ohne einen Blick auf Trisha, in die Küche.

»Wieso weg, Miralde? Was meinst du?« fragt Trisha.

Indem sie sich nach ihr umdreht, wendet sie sich Miralde gänzlich zu.

»Es ist irgendwas mit Waldos Tante in der Karibik, oder in Kolumbien, was weiß ich?! Und jetzt meint Waldo, er müsse wieder hingehen. Ja, …« Miralde blickt aus dem Küchenfenster. »Na ja, es klingt alles schon beunruhigend. Sie wird vermisst, und in ihr Haus ist wahrscheinlich eingebrochen worden. Waldo meint …« Miralde spricht ihren Satz nicht zu Ende, schüttelt ihren Kopf und sagt dann: »Sie haben in ihrem Haus das Nachbarmädchen gefunden, das da wahrscheinlich vorübergehend gewohnt hat. Sie war völlig verstört, komplett unter Shock. Und da war wohl Blut …«

»Blut? Was denn für Blut? Ich meine …« Trisha sieht Miralde verdutzt an.

»Na ja, … frag das lieber Waldo selbst. Ich hab es auch gerade erst von ihm gehört.« Miralde tritt einen Schritt nach vorne, schlingt die Arme um Trisha und lehnt den Kopf an die ihr gebotene Schulter. »Pfffh«, seufzt sie. »Scheiße!«

Einen Moment bleiben beide so stehen, ohne irgendwas zu sagen oder sich zu rühren. Dann tut Miralde wieder einen Schritt zurück und blickt Trisha an. Schweigend lässt sie beide Hände an Trishas Schultern heruntergleiten, die hängenden Arme entlang, bis sie halbgeöffnete Hände spürt, die sie mit ihrem Griff leicht umschließt. Ihre Stimme klingt fast lässig, als sie sagt: »Er kommt heute, wie abgemacht. Zusammen mit René. Sie sind irgendwie für die Arbeit unterwegs und müssen noch einiges regeln im Verlag für Waldos Abreise.«

Trisha befreit eine Hand aus Miraldes zärtlichem Griff und streichelt ihr sanft über die Wange.

»Es ist schon okay«, sagt Miralde, sich nach der Anrichte umdrehend, so als hätte sie sich mit der Lage abgefunden. »Lass uns weiter kochen. Mir ist leicht übel. Hunger wahrscheinlich. Und wir haben ja Tischgäste heute.« Sie stellt sich hin wie eine Ansagerin mit einer wichtigen Mitteilung: »Trisha und Miralde laden wieder zu einer ihrer berühmten Essen ein. Alles versammeln, bitte!«

V

»Wir waren alle beisammen. Wirklich alle! Die Atmosphäre war wie bei einer dieser legendären Feten von Trisha und Miralde. Nur spielte sich alles draußen ab. In einem riesigen Garten, einem Park würde man fast sagen. In der Mitte war ein gigantisches, überdachtes Büfett. Es fühlte sich so an, als ob dort das Zentrum des Geschehens war, das Herz des Gartenfestes. Viele Gäste streunten in Gruppen oder zu zweit durch den Park, manche hielten ein Glas in der Hand. Aber das große Essen und Trinken stieg dort beim Büfett, unter der strahlend weißen Zeltplane, wo es heiter zuging. So ein typisch sommerlicher Festtrubel, mit einem Gewirr von vergnügt schallenden Stimmen, ausgelassenem Lachen, fröhlicher Musik und so …«

Waldo fängt zu lachen an: »Ich werde dich während dieser Essen bei Trisha und Miralde besser im Auge behalten müssen. Sie sind schon ein Phänomen an sich, da gibts nichts! Aber, sie so wie du jetzt erzählst zu erleben, René. Dann musst du schon irgendwie …«

»Du, es war natürlich alles ziemlich überzogen in meiner Fantasie. Klar. Aber ich brachte diese Ausstrahlung wirklich sofort in Verbindung mit der bei Trisha und Miralde. Vielleicht, weil ihre letzte Fete auch draußen im Garten stieg. Wir waren etwa zwanzig Leute, oder? Und für jeden schien da genügend Platz zu sein.«

»Ja, das liegt an Trisha und Miralde. Jeder hat bei denen immer genug Platz, genügend Raum in mancher Hinsicht. Auf irgendeine Weise verstehen die zwei es einfach Raum zu schaffen. Das ist es! Und alle, die dorthin kommen, spüren es sofort. Das ist ganz die Atmosphäre und die Ausstrahlung von den Essen bei Tris und Miral, von der jeder spricht.«

»Sicher. Aber ich möchte dir erzählen, wie es weiterging. Hier waren wir also wirklich alle beisammen. Der ganze Freundeskreis von Trisha und Miralde natürlich, aber auch fast buchstäblich jeder, den ich kenne oder jemals in meinem Leben traf. Während ich da herumschlenderte, sah ich ständig bekannte Gesichter. Manchmal waren die mir nur vage bekannt. Ich wusste dann zwar, dass ich denen irgendwann begegnet war, und versuchte mich zu erinnern wo … Aber da sah ich dann schon wieder andere Personen, die mir auch mehr oder weniger bekannt vorkamen. Eine ziemlich merkwürdige Erfahrung, und eigentlich doch sehr vertraut. Nach einer Weile viel mir jemand auf, ein Mann, der sich einsam an einen Baum gelehnt hatte und ein Glas festhielt, das leer zu sein schien. Er drehte es nur so in seinen Händen herum, ohne dem Glas wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Kleidung war irgendwie ungewöhnlich, aberich konnte anfangs nicht sagen warum. Es war vielleicht auch gerade wegen dieser Kleidung, dass ich ihn bemerkt hatte und mein Blick nicht von ihm abwenden konnte. Sie war nicht von hier, diese Kleidung. Nicht aus dieser Zeit und nicht von hier. Erst als mir das klar wurde, erwachte auch mein Interesse an dem Mann, der sie trug. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, also etwa auf mein Alter. Aber wegen der Kleidung brachte ich ihn auf Anhieb in einer anderen Zeit unter, und in einer anderen Gegend als hier, wo sich doch jeder mehr oder weniger dem heutigen und hiesigen Look entsprechend kleidet. Sich in die modisch aktuelle Zeiterscheinung einfügt, sozusagen. Und dann auf einmal spürte ich, warum seine Aufmerksamkeit nicht dem Glas in seinen Händen galt. Sein Blick war auf mich gerichtet! Und zwar so eindringlich, dass ich eigentlich nicht erklären kann, wieso mir das nicht eher aufgefallen war.

Unwillkürlich muss ich auf ihn zugegangen sein, denn als ich ihm plötzlich ins Gesicht schaute und diesen Blick sah, war es, als ob ich direkt vor einem Spiegel stehen würde …!«

»Hast du deinen Vater in Wirklichkeit schon mal gesehen? Sah er dir ähnlich?« Waldo hat sich René zugewendet, der im sonst leeren Zugabteil neben ihm sitzt. Er blickt ihn, da die Antwort nicht sofort kommt, noch eine Weile fragend an. »Ich meine, du hast mir früher nie von ihm erzählt. Eigentlich erst heute, in Zusammenhang mit Menschen, die einfach so verschwunden sind, wie Tía jetzt …«

»Nein, ich habe ihn nie gesehen. Er war wahrscheinlich schon gestorben, als ich geboren wurde, hat meine Mutter mir gesagt. Daher auch mein Name. Meine Mutter hat bestimmt gehofft, dass etwas von ihm in mir wieder aufleben würde …«

»Ach so, René, ›wiedergeboren‹ auf französich. Klar! Daran habe ich nie gedacht. Merkwürdig. Aber den Namen hört man doch auch hier öfter.«

»Ja, ich dachte früher, dass es einfach so ein Name war wie Pascal, Dominik oder Rémi – solche Namen, die wohl französischen Ursprungs sind, meine ich. Erst als ich etwa vierzehn war, hat meine Mutter mir erklärt, warum ich so heiße. Dann hat sie mir auch zum ersten Mal wirklich über meinen Vater erzählt. Ich dachte als Kind, dass er irgendwo ganz weit weg, in irgendeinem Krieg oder vielleicht Bürgerkrieg umgekommen war, gefallen wie ein Soldat. In Wirklichkeit war auch er aber Journalist … Und zwar ein venezolanischer Lateinamerika-Korrespondent für eine französiche Zeitung.«

»Das war doch wohl nicht in Kolumbien?! Oder war es etwa in Chile, oder in Argentinien während der Videla-Diktatur?« Waldo klingt verdutzt, als hätte er zuerst etwas völlig anderes ertwartet und müsste jetzt versuchen, einen neuen Faden in der Geschichte von Renés verschwundenem Vater zu entdecken.

René schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er. »Mein Vater ist in El Salvador verschwunden. Manchmal kommt mir das Verschwinden vor wie eine Konstante, der man wohl in ganz Lateinamerika begegnet. Verschwinden mit politischem oder kriminellem Hintergrund, Entführungen, bei denen Lösegeld gefordert wird und so weiter. Oder es steckt eine Kombination aus politischen und kriminellen Motiven dahinter. Manchmal ist es vielleicht auch einfach ein Mittel, um mit Gegnern abzurechnen, … Gegnern, vor denen man sich fürchten müsste, weil sie einem irgendwie zu mächtig erscheinen, oder die sich künftig als eine Gefahr für Ambitionen, die man selbst hegt, darstellen könnten. Gegner also, die man dann aber doch hart treffen kann, indem man deren Lieben aus der Gemeinschaft wegreißt. Als Mittel in einem Machtkampf ist das eine verdammt effektive Art des Terrors!« Renés Stimme bleibt, trotz der Vehemenz der Aussage, eher flach. »Ziemlich radikal«, fügt er dann noch hinzu.

»Ja der Effekt auf Menschen, deren Lieben so verschwinden, muss drastisch sein; die komplette Unsicherheit.

Es kommt dann vielleicht nicht einmal darauf an, ob es sich um Entführte oder um Vermisste zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe handelt«, meint Waldo, dessen Ton daraufhin eindringlicher wird. »Dein Vater wurde also wohl entführt und ermordert, weil er sich als Journalist während der linken Guerilla in El Salvador, so um 1980, zu kritisch über die regierende Junta geäußert hat, wenn ich es recht verstanden habe. Um etwas Ähnliches kann es sich doch beim Verschwinden meiner Tía Yaya kaum handeln. Ich meine, welche Partei könnte es da geben, die ein Interesse daran hätte, sie aus dem Weg zu räumen. Ich erkenne in der Situation, in der sie lebt …, oder lebte, eigenlich überhaupt keine Parteien. Weiterhin hatte sie nicht viel Geld und weiß ich auch sonst nichts von irgendwelchen reichen Verwandten. Eine kriminell motivierte Entführung liegt von daher ebenfalls nicht auf der Hand. Zwar verstehe ich also deine Geschichte, René, aber ich sehe hier eigentlich keinen Zusammenhang.«

René nickt und wendet den Kopf von Waldo ab. Während er nun aus dem Fenster blickt, und das Licht am Horizont der vorübergleitenden Landschaft allmählich der Dämmerung weicht, sagt er: »Nein, vielleicht gibt es da wirklich auch keinen Zusammenhang. Aber solche Sachen sind manchmal ganz verzwickt. Genauso gut könnte es zum Beispiel so gewesen sein, dass mein Vater nicht von den rechten Machthabern entführt wurde, sondern durch einen unglücklichen Zufall den Guerilleros ins Netz gegangen ist. Und dann wäre er einfach zwischen zwei Parteien in Bedrängnis geraten und dem Schicksal zum Opfer gefallen. Niemand weiß das wirklich. Das eigentliche Rätsel um sein Verschwinden wurde nie aufgelöst, … nur seine Existenz.«

René hat sich zurückgelehnt und die hochgezogenen Knie in die Rückenlehne des Vordersitzes gedrückt. Schweigend blickt er wieder aus dem Fenster. Das Bild der leicht welligen Weiden und Äcker, die da draußen nahezu tänzerisch im Rhythmus der beständig fortdonnernden Zugräder mitschwingten, wird jetzt stiller und verfärbt sich allmählich. Eben nur scheint es, als wäre in dem Anblick jeder Farbton, jede Regung erloschen. Aber in der Weite glimmend geht die Sonne unter. Langsam taucht sie in einem tief roten Hauch ein, immer tiefer in die zerrinende Röte hinein, die aus dem zitternden Himmelskörper selbst hinauszutreten scheint …

Den Blick in diesen Augen erkenne ich. Dieses Gefühl durchdrang mich. Aber mir fehlte die Vertrautheit, die ich eben noch überall um mich herum gespürt hatte. Ich hielt inne und ohne dass Worte in mir aufkamen, hefteten sich meine Augen auf das Gesicht des Mannes.

Der Klang der Stimme, die ich dann auf einmal hörte, ein Wort, das zu mir gesprochen wurde, brachte das verloren geglaubte Gefühl der Vertrautheit fast völlig zurück: »René.«

Ich vergaß, mich darüber zu wundern, dass dieser Mann meinen Namen kannte, nickte dagegen nur. Meine Augen schweiften zu dem Glas, das er locker in seinen Händen hielt. Und jetzt sah ich, dass es tatsächlich leer war. Aber bei der geringsten Bewegung schimmerte es wie die zitternden Strahlen der untergehenden Sonne in Tausenden von feinen Tropfen auf dem Gras und auf den Blättern der Bäume nach einem unerwarteten Sommerregen. Es war, als ob etwas in mir in Gesang ausbrach … und zur gleichen Zeit spürte ich eine tiefe Trauer, die von irgendwoher aus der Tiefe plötzlich aufkam und die ganze Welt um mich herum zu erfüllen schien.

Mein Blick wanderte zu den Menschen, die noch immer in Grüppchen durch den unermesslich weiten Garten streiften, und ich sah weit entfernt im Zentrum des Geschehens wieder das festlich überdachte Büfett, diesen strahlend weißen Baldachin auf hohen Beinen, umschwärmt von einer Schar heiterer Festteilnehmer. Aber die Szenerie erschien mir jetzt wie in Zeitlupe, unendlich verzögert, so als wäre jedes Zeitgefühl aus ihr entwichen. Stumm und entrückt nahm ich alles wahr, wie durch einen Hauch von Tränen in verheulten Kinderaugen.

Neben mir hörte ich wieder die Stimme des Mannes. »Komm«, sagte er, stellte sein Glas auf dem Boden neben einer bloßliegenden Wurzel ab und streckte mir seine offene Hand entgegen. Wie von selbst legte ich meine hinein. Anfangs noch etwas betreten, fühlte ich jetzt, wie eine sanfte Wärme mich durchströmte. Seine große Hand hatte sich schützend um meine geschlossen.

»Du verstehst ja, was ich meine!?« Waldo erhebt seine Stimme leicht, ohne dabei eine gewisse Zögerlichkeit wirklich vertuschen zu können. »Ich meine, Risiken eingehen ist nicht gerade ungewöhnlich in unserer Zunft, heutzutage nicht einmal mehr, wenn es auch um die Sorge für den Lebensunterhalt oder das berufliche Überleben geht. Aber zumindest einigermaßen gesichert waren wir schon, dort in unserem Büro, quasi als feste Lateinamerika-Redaktion. Und das geben wir jetzt im Prinzip alles auf. Ist doch so, oder?«

»Qué … äh …!? Entschuldigung, wie meinst du denn das?« Mit einer ruckartigen Bewegung dreht René sein Gesicht weg vom Zugfenster und von der in tiefer Dämmerung liegenden Landschaft, in die er starrte. Er sieht seinen Arbeitskameraden mit leicht irritiertem Blick an.

Ein kurzes Lachen überkommt Waldo. »Wieso willst du denn hier auf einmal Spanisch mit mir reden, René«, flachst er. »Hey, wo warst du mit deinen Gedanken?«

»Na ja, ich dachte eigentlich auch son bisschen über die Zukunft nach – genau. Über das, was uns tatsächlich bevorsteht nach dieser Entscheidung, die wir ziemlich spontan getroffen haben, … wenn auch nicht unüberlegt oder gar leichtfertig, wenn du mich fragst. Es ist schon das Richtige. Und alles aufgeben tun wir dabei ja keineswegs – zuerst einmal.«

»Zuerst einmal, ja. Ich weiß nicht«, meint Waldo. »Ein Betriebsausflug ist zwar schön und gut, obwohl ich mich machmal frage, was eigentlich der Zweck sein soll, wenn ohnehin immer nur ein Teil der Kollegen dabei sein kann, heute hat die Chefetage aber Tacheles geredet. Aber hallo! Ein stinknormaler Ausflug in die Belanglosigkeit war das nicht, viel eher eine allgemeine Aussprache, wie in einer Sitzung oder gar beim Coaching! Andererseits …, wenn der Verlag wirklich keine andere Möglichkeit mehr sieht und zu der Überzeugung gekommen ist, dass das ganze Unternehmen unbedingt reorganisiert werden muss, dann war es wohl an der Zeit für eine Aussprache – zumindest für einen Anlauf dazu.«

»Ja, und wir haben einfach eine Chance erkannt, und uns dementsprechend eingebracht, darum geht es doch.« René scheint sich seiner Sache sicher. »Schau«, sagt er: »Wenn alles beim Alten bleiben würde, könnten wir glatt noch … was weiß ich wie viele Jahre als fleißige Redakteure im Büro sitzen, ohne begründete Aussicht auf den Einsatz als Auslandskorrespondenten in Südamerika, was wir beide in diesem Beruf schließlich anstreben. So siehts doch aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde genau so unsere Zukunft zunächst einmal aussehen.«

»Nun gut«, räumt Waldo ein, »ein Ziel, das wir uns zweifellos gesetzt haben, war jetzt auf einmal in greifbare Nähe gerückt und haben wir dann quasi aus dem Nichts der leisen Hoffnung im Nu herbeigezaubert. Aber im Klartext heißt das doch, dass wir dabei sind, alle Brücken hinter uns abzubrechen.«

»Im Klartext bedeutet das finanziell für uns, dass die Lebensgrundlage vorerst einfach gesichert bleibt.« sagt René und zeigt sich unbeirrbar in der Behauptung. »Bis sich dann erst im Lauf der Zeit vielleicht mal herausstellen könnte, dass …«

»dass wir als ständige Mitarbeiter für den Verlag gar nicht länger infrage kommen«, fällt Waldo ihm schmälernd ins Wort. »In absehbarer Zeit wird man uns nur noch als freie Journalisten engagieren können, wann dem Verlag schon bald an allen Ecken und Enden die Mittel fehlen dürften, wie uns heute ja sehr überzeugend geschildert wurde. Beschlossene Sache ist immerhin schon, dass unsere Lateinamerika-Redaktion sich auflösen muss und zusammen mit dem Büro für Nord- und Mittelamerika in einen allgemeinen Bereich Transatlantische Beziehungen aufgehen wird. Stell dir mal vor.« Waldo breitet die Arme aus als wären sie Flügel. »Das ist offensichtlich ein so dehnbares Konzept, dass es nur dazu dienen kann, Kosten – Personalkosten – zu drosseln, was natürlich nicht gelingen wird, wenn der Verlag überflüssige Mitarbeiter dauerhaft im Außendienst beschäftigen und entlohnen muss.«

»Klar, natürlich kannst du das so sehen. Arg zynisch aber«, hält René dagegen. »Mit einem neuen Konzept – im Rahmen eines erneuerten Profils vor allem auch – wird sicherlich das Überleben des Verlags bezweckt, keine Frage. Das eine wie das andere beinhaltet aber nicht zuletzt den Fokus auf einen konstruktiven Journalismus, wie es uns heute ja auch ausgebreitet wurde. Grundsätzlich mehr lösungsorientierte Ansätze anstatt von, oder eher noch als Ergänzung zu der dominant kritischen Berichterstattung der unabhängingen Medien, das könnte sich tatsächlich als einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise herausstellen. Ich halte das nicht für abwegig und bin davon überzeugt, dass man hierfür eben auch fähige Korrespondenten vor Ort braucht, nicht an erster Stelle bloß beflissene und übereifrige Redakteure. Ich meine, wie konstruktiv wollen sie es denn beim Verlag mit der Erneuerung haben?! Guter und auch investigativer Journalismus, egal mit welchem Ansatz, fliegt keinem, nur hockend in irgendeinem von diesen modernen Redaktionsbüros, einfach so zu, oder? – gar wenn es um weltumfassende Berichterstattung geht. Ist doch klar.«

Waldo lehnt sich im weichen Abteilsitz zurück. »Du hast vielleicht gut reden, René«, sagt er. »Dich wird jeder Verlag schon eine ganze Ecke leichter einsetzen und wenn es hart auf hart kommt auch eher beibehalten können – sei es in dem Fall dann doch vielmehr als freien Journalisten. Und es gibt ja mehrere Medienkonzerne, die auf fähige im Ausland tätige Korrespondenten zurückgreifen müssen. Dass man dich braucht, hat sich schon bald gezeigt, als wir beide vorgeschlagen haben, uns aus der Redaktion in den Außendienst, vor Ort in Lateinamerika, verabschieden zu lassen. Immerhin bist du dort sprachlich gut bewandert, quasi von Mexico, über Brasilien bis in die südlichsten Anden. Und ich? In Brasilien zum Beispiel – als Schwellenland nicht gerade unbedeutend im gegenwärtigen Weltgeschehen – kenne ich mich so gut wie überhaupt nicht aus und spreche dazu kaum ein vernünftiges Wort Portugiesich.

W

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