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Eiskinder Sammelband

Eiskinder I

Eiskinder I

 

- DIE VERWANDLUNG -

 

 

Mysterythriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

VORWORT

Waldhütte, unsere winzig kleine Ortschaft, die in den Chiemgauer Alpen liegt, befindet sich direkt an der Deutschen Alpenstraße. Sie besteht seit etwa einhundertzwanzig Jahren. Die Ur- und Ururenkel der eigentlichen Gründer, die heute unsere Dorfältesten darstellen, sind sehr stolz auf das gepflegte, schmucke Dörfchen. Ihre Ahnen waren arme Bauern, die sich Ziegen hielten und davon auch hauptsächlich lebten. Man kann die Chronik von Waldhütte in der kleinen Bibliothek, die sich in unserem Gemeindehäuschen befindet, nachlesen.

Und vor genau fünfzig Jahren wurde unser wunderschöner Groschensee, der etwas versteckt zwischen dichten Wäldern in einer Mulde liegt, künstlich angelegt. Er grenzt direkt an einige alte Häuser, die am Rande unserer Ortschaft liegen. Am hinteren, westlichen Ende des Sees ergießt sich ein kleiner Wasserfall in ihn, und am anderen Ende, in östlicher Richtung, liegt der Abfluss des Gewässers, das sich in einem kleinen Bach fortsetzt. Schon damals gab es findige Ingenieure, die sich den Wasserfall zunutze machten. Von den Touristen, die besonders im Hochsommer zu uns kommen, ahnt niemand, dass es sich bei unserem Groschensee um keinen natürlichen See handelt.

Jedenfalls sind wir, meine Frau Brunhilde und ich, der festen Überzeugung, dass nicht nur die Ortschaft Waldhütte, sondern vielmehr der See der eigentliche Anziehungspunkt für die Urlauber ist. Die Dorfältesten wollen davon aber nichts hören. Für sie ist der Ort - ihr Schmuckstück - das Vorrangige. Versteht sich. Aber das würde sich in nächster Zeit...

... ganz gewaltig ändern...

Mittwoch, 15. Dezember

Die Meteorologen haben einen harten, unbarmherzigen Winter prophezeit. Mir persönlich macht diese Eiseskälte nicht viel aus, aber es soll ja Leute geben, die sich vor der klirrenden Kälte fürchten. Das Weihnachtsfest steht vor der Tür, und Sabine, unsere kleine Tochter, die erst kürzlich ihren siebten Geburtstag feierte, hat sich vom Christkind Schlittschuhe gewünscht. All ihre Freundinnen und Freunde besitzen neue Schlittschuhe, wie sie beharrlich behauptet, und so kommt es, dass ihr Wunsch sicherlich in Erfüllung gehen wird.

„Günter, weißt du zufällig, wo meine gefütterten Winterstiefel sind?“

Sie ist unten im Flur, und ich befinde mich gerade an meinem Schreibtisch im Obergeschoss und arbeite an einem neuen Werbeentwurf.

„Woher soll ich das denn wissen?“, schreie ich zurück.

Ich fühle mich in meiner Arbeit gestört und stehe von meinem Stuhl auf. Langsam gehe ich die Treppe hinunter.

„Weißt du, wann Sabine heute von der Schule zurückkommt, Brunhilde?“

„Um dreizehn Uhr dreißig. Vorausgesetzt, der Bus ist pünktlich. Hoffentlich knallt diese alte Karre nicht irgendwann gegen einen Felsen, wenn sie die engen Straßen zwischen Ruhpolding und Waldhütte hinauf- und hinunterfährt.“

Ich versuche, sie zu beruhigen: „Der Wagen ist sicherlich gut gewartet, Brunhilde.“

„Mütter machen sich nun mal mehr Sorgen als die Väter“, antwortet sie.

„Was du dir immer einbildest! Natürlich mache ich mir um Sabine genauso Sorgen wie du! Hast du deine Schuhe gefunden?“

„Ja“, erklärt sie gedämpft.

„Wo waren sie denn?“

„Hier, beim Ofen“, antwortet sie kleinlaut.

Sabine erscheint endlich. Es ist schon kurz vor vierzehn Uhr. Übermütig kommt sie zur Tür herein. Sie ist gut drauf und erzählt sofort die brandaktuellen Neuigkeiten von der Schule:

„Papa, unsere Lehrerin ist krank geworden!“ (Wie sie sich freut!)

„Was fehlt ihr denn, Sabine?“, frage ich neugierig.

„Sie hat eine starke Erkältung, und deswegen fällt der Unterricht morgen und am Freitag aus.“

Leise sage ich zu ihr: „Wie schön für dich! Somit hast du die nächsten zwei Tage schulfrei!“

Brunhilde mischt sich ein: „Was, die Schule fällt aus?“

„Ja, Mama.“ Sabine blinzelt mich verschwörerisch an. Und bevor Brunhilde noch etwas sagen kann, fragt mich unsere Tochter:

Papa, gehen wir heute zum See?“

„Denkst du denn, dass er schon zugefroren ist?“

„Wir können es ja probieren!“

„Ihr wollt zum See hinunter? Da komme ich mit!“, sagt Brunhilde.

„Sollen wir unsere Schlittschuhe mitnehmen, Papa?“

„Ja, sicher. Ohne sie können wir ja auf dem Eis schlecht fahren!“

„Kriege ich die neuen Schlittschuhe schon heute?“, fragt mich unser Goldstück lauernd.

Ich antworte unverfänglich: „Was fragst du mich? Das Christkind ist dafür zuständig!“

Sie schmollt: „Blödsinn. Von wegen Christkind. Du hast sie doch letztens in Bad Reichenhall gekauft, als wir zusammen einkaufen waren.“

Ich stelle mich dumm: „Nicht, dass ich wüsste!“

Wir lachen. Aber Sabine versucht trotzdem, uns weich zu klopfen. Zuerst bittet sie, doch dann fordert sie:

„Ich will sie aber jetzt sofort!“

Brunhilde antwortet: „Hör endlich auf, uns zu nerven! Du kriegst die Schlittschuhe erst am Heiligen Abend!“

Sabine motzt noch ein wenig und resigniert schließlich.

Nachdem wir gegessen und uns warm eingepackt haben, geht es auch schon los. Unseren Jeep brauchen wir für dieses kurze Stück nicht, denn es sind höchstens sechs- bis siebenhundert Meter bis zum See.

Zu unserem Groschensee!

Als wir ins Freie treten, schlägt uns eine eisige Kälte entgegen, allerdings schneit es noch nicht. Durch den starken Wind, der momentan vorherrscht, empfinden wir die Minustemperaturen noch stärker, als sie wirklich sind. Am liebsten würde ich gleich wieder umkehren und mich an meinen Schreibtisch setzen, aber versprochen ist versprochen. Sabine kennt da keine Gnade. Die Schlittschuhe baumeln über unseren Schultern, und wir marschieren sportlich drauf los.

„Ich finde es gar nicht kalt, Papa!“ Sie lächelt mich von unten an.

„Kinder frieren prinzipiell nicht so sehr wie Erwachsene“, antworte ich ihr.

„Und wieso nicht?“, will sie wissen.

„Es hängt mit der Fettschicht zusammen.“

Sie begehrt auf: „Willst du damit sagen, dass ich fett bin?“

„Aber nein.“

„Das hast du aber gesagt.“

Unsere kleine Diskussion verebbt, als wir auf dem Waldweg zwei pubertierende Jungen aus dem Dorf treffen, die auch Richtung Groschensee unterwegs sind. Der Eine sieht aus wie ein Streuselkuchen, mit all seinen Pickeln im Gesicht. Der Andere ist ein großer, schlaksiger Bursche. Auch sie wollen Schlittschuhlaufen, und wir gehen den Rest des Weges zusammen. Die Kinder kennen sich offensichtlich gut. Einer der jungen Burschen erklärt gerade Sabine, die ihm erzählt hat, dass sie in diesem Jahr zum ersten Mal zum Schlittschuhlaufen gehen werde, dass der See bereits vollständig zugefroren sei. Es würde diesbezüglich also keinerlei Probleme geben.

Als wir an unserem herrlichen See ankommen, der eine wunderbare, spiegelglatte Fläche zeigt und etwa siebenhundert Meter lang und dreihundert Meter breit ist, (das Spiegelbild des seitlich daneben liegenden Felsmassivs kann man im See deutlich erkennen), sehen wir, dass etliche kleine Schilder von der Gemeindeverwaltung angebracht wurden. Auf ihnen steht mit dicken Lettern, dass der See ab heute zum Betreten freigegeben ist.

Wir ziehen unsere Schlittschuhe an und Sabine mosert, dass sie immer noch mit diesen alten „Mistdingern“, wie sie sie nennt, herumfahren muss. Unsere Stiefel legen wir am Rande des Sees, direkt unter einem kleinen Gebüsch, ab. Sie zischt mit den beiden Jungen los, als ob sie das gesamte Jahr über gefahren wäre. Sie nehmen sie in die Mitte. Brunhilde und ich stehen mit wackeligen Beinen auf dem fürchterlich glatten Eis und wagen zaghaft die ersten Schritte.

„Es ist doch seltsam, Brunhilde, dass man es nach acht, neun Monaten wieder fast verlernt hat.“

„Da hast du recht.“ Sie dreht die erste, unsichere Runde. Es ist ein Bild für Götter...

Ganz hinten, am westlichen Seeufer, laufen noch etwa zehn, fünfzehn weitere Personen Schlittschuh. Sicherlich sind es Kinder, die so ausgelassen herumtollen, überlege ich. Man kann es von hier aus nicht erkennen. Die Erwachsenen müssen schließlich um diese Uhrzeit arbeiten.

Nach einer halben Stunde habe ich persönlich fürs erste Mal genug. Ich schwitze innerlich und friere zugleich. Ich laufe auf immer noch staksigen Beinen über den gesamten See ostwärts, hin zu unseren Stiefeln. Brunhilde folgt mir. Sabine kann ja noch eine Zeitlang mit den anderen Kindern herumlaufen, sage ich mir. Am Ufer angekommen, holen wir unsere Stiefel aus dem Gebüsch und setzen uns an den Rand des Sees, um die Schuhe zu wechseln. Aber es bleibt bei dem Versuch.

Plötzlich kommen die beiden jungen Burschen, die Sabine in ihre Mitte genommen hatten, auf ihren Schlittschuhen zu Brunhilde und mir. Sie haben es offensichtlich sehr eilig. Der eine Junge - er ist völlig außer Atem - steht irgendwie unschlüssig am Rande des Sees auf dem Eis und sagt schüchtern zu mir:

Herr Münster, Sabine ist verschwunden.“

Ich schaue ihn überrascht von unten an und sage: „Wie, verschwunden?“

„Sie war plötzlich weg.“

Brunhilde, die ungefähr zehn Meter von uns entfernt ist, kommt hinzu und fragt neugierig: „Wo ist denn Sabine, Jungs?“

„Frau Münster, ihre Tochter ist plötzlich verschwunden“, erklärt der Knabe ohne Pickel.

Sie ist sofort in Hektik: „Aber sie kann doch nicht einfach so verschwunden sein!“

Ihr Blick ist entsetzt. Sie hält sich die Hand über die Augen und schaut angestrengt über den See. Der andere Junge, der mit den Pickeln, stottert:

„Sie war auf einmal weg. Einfach so.“

„Musste sie austreten, Junge?“, will Brunhilde von ihm wissen.

„Nein, das hätten wir gemerkt.“

„Ist das Eis gebrochen?“, frage ich ihn.

„Nein, das Eis ist absolut stabil, Herr Münster.“

Brunhilde ist panisch: „Wir müssen sofort nach ihr suchen!“

Ohne auf uns zu warten, läuft sie los. Wir müssen den gesamten Weg zurück über den See, in westliche Richtung. Genau dort befinden sich, wie gesagt, die restlichen Kinder. Brunhilde rudert wild mit den Armen, aber sie verliert trotzdem das Gleichgewicht und knallt auf das harte Eis. Dabei flucht sie laut und ausgiebig. Sie ist aber sofort wieder auf den Beinen und schreit uns zu:

„Kommt!“

Schnell schließe ich wieder die Bänder meiner Schlittschuhe und eile Brunhilde und den beiden Jungen, soweit es mir möglich ist, hinterher. Wir durchqueren die gesamte Fläche, links und rechts, vor und wieder zurück, rufen nach Sabine, und schließlich rennt Brunhilde (mit ihren Schlittschuhen) über die anliegenden, gefrorenen Wiesen. Dabei brüllt sie wie besessen nach Sabine. Sie verschwindet zwischen Tannen und dürrem Gestrüpp und versucht, ihr einziges Kind zu finden.

Jedoch ohne Erfolg.

Sabine bleibt verschwunden.

Ich fahre den gesamten See noch einmal ab. Völlig aufgelöst und körperlich als auch nervlich ziemlich am Ende, kommt Brunhilde schließlich nach einer knappen Viertelstunde zurück zu uns auf die Eisfläche. Sie starrt mich mit roten, verheulten Augen an und sagt:

„Günter, wir müssen sofort die Polizei verständigen!“

Ich nicke und ahne, dass das Verschwinden unseres Kindes sehr beunruhigend ist. Schon seit der üblen Nachricht von den beiden Jungen habe ich mich gefragt, wie es möglich sein kann, dass ein Kind - inmitten von etlichen anderen Kindern - so einfach abhandenkommen kann. Normalerweise kann es ja so etwas überhaupt nicht geben. Außer, sie wäre ins Eis eingebrochen. Aber dem ist ja nicht so.

Wir hatten sie eigentlich immer im Auge.

Aber eben nur eigentlich.

Hin- und her gerissen überlegen wir Beide: Sollen wir zur Polizeistation ins Dorf laufen, oder wollen wir doch weitersuchen? Wir starren uns unschlüssig an. Unsere Handys liegen zu Hause - eben dort, wo sie nicht hingehören. Es ist zum aus der Haut fahren! Wir kommen in der allgemeinen Hektik auch nicht auf die Idee, irgendein Schlittschuh laufendes Kind zu fragen, ob es ein Handy bei sich hat. Die beiden Jungen erklären uns (auch sie sind völlig überfordert), dass sie zusammen mit den anderen Kindern weiter nach Sabine suchen werden. Wir überlegen und überlegen, kommen aber zu keiner Lösung des Falles. Nirgends in der Nähe des Sees befindet sich ein Toilettenhäuschen, eine Grillbude oder sonst etwas, was nach einem Anhaltspunkt aussehen würde.

Rings um den See ist - nichts.

Einfach nichts.

Zu sehen ist nur der düstere, nackte Wald, Unmengen von kahlen Gebüschen und einige kleine, private Zufahrtswege, sowie ein alter Jägersteig. Aber auf diesem wird sie ja wohl nicht sitzen.

„Komm, Brunhilde. Lass uns zur Polizei gehen!“

Sie schaut mich völlig verwirrt an und antwortet: „Ja. Das dürfte wohl das Beste sein.“

„Wir müssen sie noch heute finden!“

Ich hätte es besser nicht gesagt, denn jetzt ist sie natürlich noch mehr in Sorge: „Ja, es stimmt. Sie würde in der kommenden Nacht unweigerlich erfrieren.“

Wir stehen immer noch am Rande des Sees und schlottern entsetzlich. Wahrscheinlich ist es der Schock, der unsere Herzen zusammenkrampfen lässt. Plötzlich höre ich ein leises, sirrendes Geräusch.

„Hörst du das auch, Brunhilde?“

„Was denn?“

„Dieses hohe, pfeifende Geräusch!“

Angestrengt schaut sie sich um: „Ich höre nichts.“

„Da ist es wieder! Hör doch!“

„Ich höre nichts! Verflucht noch mal! Wir müssen zur Polizei!“

Schnell entledigen wir uns der Schlittschuhe und schlüpfen in unsere Stiefel. Sabines Schuhe lassen wir dort liegen. Dann laufen wir los. Die Polizeistation liegt inmitten des Ortes. Wir nehmen eine Abkürzung über einen der Zufahrtswege zum See in nordöstliche Richtung, und laufen gehetzt nebeneinander her. Furchtbare Gedanken durchrasen unsere Gehirne. Natürlich muss man von allem Möglichen ausgehen. Aber es ist uns trotzdem unerklärlich, wie sie plötzlich verschwinden konnte.

Einfach so.

Nach etwa zehn Minuten erreichen wir völlig außer Atem die Station. Unser Dorfpolizist, Anton Hintergruber, sitzt gerade - sichtlich gemütlich - an seinem neuen Computer und versucht verzweifelt, damit zurechtzukommen. Er blickt uns völlig überrascht an, als wir - ohne anzuklopfen, wie das normalerweise so üblich ist - in sein Büro hineinplatzen. Brunhilde überschüttet ihn ohne Vorwarnung mit den wichtigsten Daten:

„Herr Hintergruber! Sabine ist beim Schlittschuhlaufen verschwunden! Sie war inmitten einiger Kinder, und wir waren ja auch dabei! Sie ist von einer Sekunde auf die andere weg gewesen!“ Sie holt tief Luft und redet weiter: „Es ist jetzt genau eine Stunde her!“

Behäbig schaut er auf seine Armbanduhr und sagt: „Es ist also jetzt eine Stunde her. Machen Sie sich mal keine Sorgen, nicht wahr?“

Sie schreit ihn an: „Wenn es Ihr Kind wäre, würden Sie ganz anders reden!“

Er versucht zwar, sie zu beruhigen und faselt etwas, was sich so ähnlich anhört wie: „So kenne ich Sie ja gar nicht!“ Aber es gelingt ihm natürlich nicht, sie zu beruhigen, zu erreichen. Ich versuche, ein wenig zu vermitteln, aber Brunhilde führt sich auf wie eine Furie.

„Sofort unternehmen Sie jetzt etwas!“, keift sie ihn an.

„Frau Münster, wenn ich wegen jedem Kind, das gerade mal eine Stunde verschwunden ist, eine Suchaktion einleiten würde, wäre die Polizei nur noch am Rotieren, nicht wahr? Hatten Sie einen Streit mit ihr, bevor sie verschwand?“

„Nein! Wir hatten keinen Streit! Sie leiten jetzt sofort eine Suchaktion ein, oder ich mache Sie für alle Zeiten fertig!“, kreischt Brunhilde.

Mir ist klar, dass der junge Beamte in gewisser Weise recht hat, aber er muss auch uns verstehen! Wo soll Sabine denn sein? Ich schäme mich aber trotzdem fast für Brunhilde. Der Ton macht die Musik! Sabine ist noch nie von uns weggelaufen, denn es gab überhaupt keinen Grund dafür. Sie hat ein gutes Elternhaus, und es fehlt ihr an nichts. Da sind wir uns sicher.

Absolut sicher!

Der Beamte stellt uns noch einige blödsinnige Fragen (zumindest empfinden wir sie als solche), und am Schluss seiner Vernehmung will er auch noch wissen, wie viel Geld Sabine dabei hatte.

Er sagt: Hatte!

Nicht hat!

Brunhilde starrt ihn mit weit aufgerissenen Augen an: „Denken sie denn, dass unser Kind verreisen wollte? Was seid ihr Beamten doch für ein hirnrissiges Pack!“

„Noch so eine Beleidigung, und Sie bekommen große Schwierigkeiten, nicht wahr?“, knurrt er ungehalten.

Sie verändert ihre Tonlage ein wenig und fängt nun an, zu bitten: „Helfen Sie uns. Bitte, helfen Sie uns. Wenn wir das Kind heute nicht finden...“

„Ja, ich verstehe Sie doch. Ich leite eine Suchaktion ein.“

Er macht sich endlich ans Telefon und schildert einem seiner Vorgesetzten in Bad Reichenhall die etwas brenzlige Lage. Nach einem langen, langen Gespräch strahlt er uns an und sagt:

„Die Aktion wird sofort gestartet.“

„Wie viele Beamte werden suchen?“, frage ich ihn ungeduldig.

„Das kann ich nicht genau sagen. Ich schätze aber schon, dass der Einsatzwagen voll ist. Es werden so ungefähr zehn bis zwölf Leute sein.“

„Zehn bis zwölf Leute“, wiederhole ich. „Auch Hunde?“

„Moment.“

Er ruft seinen Vorgesetzten noch einmal an und lacht uns an: „Zwei Schäferhunde sind auch im Einsatz.“

„Gut. Zwei Hunde. Die bringen bestimmt mehr als zwölf Beamte“, sage ich und schaue ihn zweideutig an.

Brunhilde klagt: „Wie kannst du in dieser Situation Witze machen?“

„Ich mache keine Witze. Das ist mein völliger Ernst!“

Der Beamte ist frustriert. Jedenfalls scheint es so: „Das ist also Ihr Ernst, Herr Münster, nicht wahr?“ Seine Stirn liegt in Falten, während er vor uns in seinem bequemen Stuhl sitzt und raucht.

„Ja. Das ist es.“

Hintergruber geht auf meine Feststellung nicht weiter ein und sagt zu Brunhilde: „Jetzt beruhigen Sie sich mal. Sie werden sehen, dass unsere Leute Sabine finden werden.“

„Ich hoffe, dass Sie uns im Nachhinein keine Rechnung schicken werden!“, frotzele ich ihn noch an, bevor wir die Station verlassen. Im selben Moment überlege ich, ob ich nicht ein bisschen zu weit gegangen bin.

„Sie meinen, wegen der Suchaktion?“

„Ja. Es sollte nur ein Scherz sein.“

Er meint: „Die Hunde brauchen ein Kleidungsstück oder etwas, was Sabine gehörte“ (er spricht schon wieder in der Vergangenheit, dieser Affe!), „damit sie Witterung aufnehmen können, nicht wahr?“

„Ja, Herr Hintergruber. Sabines Stiefel liegen ja noch am See.“

Plötzlich starrt uns Hintergruber an und sagt: „Es könnte sich natürlich auch um eine Entführung handeln, nicht wahr?“

Völlig perplex antworte ich: „Eine Entführung? Aber wir sind doch keine reichen Leute!“

„Wer weiß, wer weiß“, antwortet der kleine, untersetzte Beamte.

Brunhilde flüstert: „Vielleicht denkt irgendein Irrer, dass wir Geld haben.“

„Das ist doch lächerlich“, gebe ich zurück.

Als wir endlich draußen stehen, zünde ich mir eine Zigarette an, und Brunhilde will auch eine haben. Ich sage zu ihr:

„Dieser Typ sitzt das ganze Jahr in diesem Häuschen und tut nichts. Hier passiert ja auch nie etwas. Und wenn man ihn mal braucht, wird er anmaßend.“

„War ich etwa zu anmaßend?“

„Nun ja. Es hat genügt.“

„Ich könnte ihn...“ Und sie fährt fort: „Die Polizei wird also für den Fall, dass Sabine heute Nacht nicht gefunden wird, auch eine Entführung in Betracht ziehen.“ Sie sieht sehr unglücklich aus.

Da wir innerlich mehr als beunruhigt sind, beschließen wir, zum See zurückzulaufen. Es ist inzwischen schon fast sechzehn Uhr. Um siebzehn Uhr wird es dunkel. Auf dem Weg dorthin jammert Brunhilde:

„Es kann ja sein, dass sie mittlerweile schon wieder aufgetaucht ist!“

Entsetzt schaue ich sie an, da ich ganz in Gedanken war, und sage: „Aufgetaucht?“

„Ich meine natürlich: Zum Vorschein gekommen!“

„Ja, ja, natürlich“, antworte ich geistesabwesend. Wie hatte sie das mit dem „auftauchen“ wohl gemeint? Ich frage sie lieber nicht...

Zu viele Dinge gehen durch meinen Kopf. Wo könnte sie wohl sein? Sie muss doch irgendwo sein! Auf dem See ist sie nicht. Das steht schon einmal fest. Es gab aber keinerlei Risse im Eis, oder gar ein Loch! Sie muss also logischerweise irgendwo am See sein.

Oder ist sie im Wald?

Oder am Wasserfall!

Aber was würde sie am Wasserfall wollen? Oder ist sie in den kleinen Bach gefallen? Nein. Unmöglich. Denn der liegt genau auf der anderen, östlichen Seite des Sees. Und als sie verschwand, war sie auf der westlichen Seite!

„Komm, Brunhilde. Wenn sie noch nicht da ist, schauen wir am Wasserfall.“

„Ja, das wäre noch eine Möglichkeit.“

Zuvor jedoch laufen wir zu der Stelle, an der ihre Stiefel liegen. Als ich mich über das Gebüsch beuge, stelle ich erstaunt fest, dass sie verschwunden sind. Sie muss in unserer Abwesenheit hier gewesen sein und die Schlittschuhe gegen die Schuhe getauscht haben! Ist sie etwa...

„Brunhilde, die Schuhe sind weg. Sie muss nach Hause gelaufen sein.“ Ich atme tief durch.

Und ich spüre, wie sehr Brunhilde nach dem Strohhalm greift, den ich ihr zugeworfen habe. Sie antwortet: „Natürlich! Sie ist nach Hause gegangen! So einfach ist das!“

„Du gehst jetzt heim und schaust, ob sie da ist. Wenn du sie dort antriffst, kommst du aber bitte trotzdem wieder zurück, damit wir die Suchaktion abblasen können. Und rufe die Polizei an! Wenn sie nicht zu Hause ist, bringst du bitte eines ihrer Stofftiere mit. Ich gehe alleine zum Wasserfall, und suche sie dort. Einverstanden?“

„Ja. Ich bin mir fast sicher, dass sie zu Hause ist. Dass wir nicht schon früher darauf gekommen sind?“ Ich sehe, wie ihre Augen flackern.

Sie hofft...

Brunhilde macht sich umgehend auf den Rückweg. Ich rufe ihr noch nach, dass sie darauf gefasst sein muss, Sabine daheim nicht anzutreffen. Aber sie hört mich nicht mehr. Sie ist schon zu weit entfernt. Ich überlege: Falls Sabine nicht zu Hause ist, dann spielt sie am Wasserfall. Aber so recht kann ich nicht daran glauben. Schließlich ist unsere Kleine nicht schwachsinnig! Außerdem habe ich ein ganz fürchterliches Gefühl bei dieser Sache. Eine gewisse Vorahnung treibt mir trotz der Eiseskälte dicke Schweißperlen auf die Stirn.

Ich mache mich auf den Weg und betrachte die Szene: Die Kinder laufen völlig normal und ohne Hektik herum. Suchen sie denn nicht nach Sabine? Aber man kann es ihnen nicht verdenken: Wo sollen sie denn suchen?

Ja, wo?

Es sind inzwischen sicherlich zwanzig oder mehr Kinder auf dem Eis. Die beiden Jungen, die uns, zusammen mit Sabine, zum See begleitet hatten, kommen auf ihren Schlittschuhen auf mich zu. Der Schlaksige sagt:

„Wir haben sie nicht gefunden.“

Der Andere steht betreten daneben und schweigt.

Mein Gesichtsausdruck entgleist: „Ihr habt sie also nicht gefunden?“

„Nein, Herr Münster.“

„Wie heißt du eigentlich, Junge?“, frage ich ihn.

„Ich bin der Dieter. Und das ist mein Freund Ludwig.“

„So, so“, antworte ich.

Ich frage: „Kennt ihr Sabine gut?“

„Ja, wir sind zwar einige Klassen über ihr, aber wir treffen uns immer auf dem Schul-hof.“

Mir geht plötzlich folgender Gedanke durch den Kopf: Ist es nicht komisch, dass sich vierzehnjährige Buben für ein siebenjähriges Mädchen interessieren? Ich fahre mir mit der klammen Hand übers Gesicht und sage:

„Habt ihr auch dieses seltsame Geräusch gehört?“

Der Pickelige meint: „Welches Geräusch denn?“

„Es kam vom See her. Vorher, als sich meine Frau und ich auf den Weg zur Polizei machten.“

Ludwig schaut seinen Freund Dieter an (dieser hat furchtbar abstehende Ohren) und fragt ihn: „Hast du ein Geräusch gehört?“

„Nein. Habe ich nicht.“

Ich erkläre: „Es war ein sehr hoher Ton. Irgendwie pfeifend und schrill.“

Sie schütteln die Köpfe.

„Aber ich habe es ganz deutlich vernommen!“, fahre ich beharrlich fort. „Man konnte es sehr gut hören!“

Genau in der Sekunde, als ich versuchen möchte, den beiden klar zu machen, dass ich mir die Sache mit dem Ton nicht eingebildet hatte, hört man plötzlich diesen schrillen, singenden Klang. Überrascht schauen wir uns an. Sie haben es also jetzt doch gehört, fährt es mir durch den Kopf. Ich habe es mir nicht eingebildet. Was ist das für ein ungewöhnliches Geräusch? Ich kann es bei aller Einbildungskraft nirgends zuordnen.

„Hört ihr es?“

Ein einstimmiges „Ja“ ist die Folge. Sie hören es also auch. (Wie gesagt.) Und sie schauen völlig verblüfft.

„Was kann das sein, Jungs?“

„Keine Ahnung.“

Und plötzlich sagt der Pickelmann Ludwig: „Es hört sich an, als ob es aus dem See käme.“

„... aus dem See“, wiederhole ich fast andächtig.

Ja, es stimmt, was er sagt. Es klingt ganz so, als ob es von unten kommen würde.

Von unten!

Ich verabschiede mich von den beiden Jungen, die sofort zu ihren anderen Freunden zurückkehren, und laufe quer über den See Richtung Wasserfall. Dieser liegt sehr versteckt am Felsmassiv. Jedoch, wenn man dem plätschernden Geräusch nachgeht, kann man ihn sehr leicht finden. Ich rufe und brülle nach Sabine, jedoch ohne Erfolg. In dem kleinen Gewässer, das der Wasserfall am Ende seines steilen Weges bildet, liegt sie sicherlich auch nicht. Die Wasserhöhe beträgt dort höchstens fünfzehn Zentimeter. Ertrunken kann sie also nicht sein, außer, sie liegt mit dem Gesicht nach unten. Was für ein furchtbarer Gedanke! Ich durchsuche das klare Gebirgswasser aufs Genaueste und mache mir schließlich die Mühe, an dem eiskalten, zum Teil nassen Gestein etwa fünfzehn Meter hochzuklettern - direkt am Wasserfall entlang. Ich brülle mir die Seele aus dem Leib, aber es kommt keine Antwort. Und ich werde von Minute zu Minute verzweifelter. Von hier oben kann ich den gesamten See überblicken. Wenn ich jetzt nur mein Fernglas bei mir hätte! Aber trotz all meiner Bemühungen gibt es keine Erfolgsmeldung! Sabine ist nicht zu finden.

Ob sie schon...

Ich darf gar nicht daran denken.

Nein.

Sie ist irgendwo in der Nähe.

Da bin ich mir sicher.

Fast sicher.

Und ich ahne gar nicht, wie recht ich behalten soll...

Bevor ich wieder hinabsteigen kann, höre ich den Einsatzwagen schon von weiter Ferne: Sie kommen! Ja, endlich! Sie werden unsere Sabine finden. Am meisten erhoffe ich mir natürlich von den Hunden. Aber werden sie Sabines Witterung aufnehmen können? Wo bleibt denn Brunhilde so lange? Verflucht!

Jede Minute zählt...

Gerade als ich den kurzen, aber äußerst gefährlichen Abstieg wage, sehe ich in weiter Ferne Brunhilde über den See laufen. Ich erkenne sie an ihrem langen, rot-schwarzen Haar, das bei jedem ihrer Schritte wild hin- und her flattert. Sie hält etwas Großes, Unförmiges in ihrer Hand. Ist das etwa Sabines Plüschbär? Sie ist also nicht zu Hause. Und ich spüre einen stechenden Schmerz in der Magengegend. Ich werfe einen Blick nach oben und bin regelrecht entsetzt: Dort zeichnen sich die ersten Schneewolken ab. Außerdem wird es langsam dunkel. Ein Blick auf meine Armbanduhr sagt mir: Es ist siebzehn Uhr fünfzehn.

Sabine ist seit mehr als zwei Stunden verschollen.

Endlich bin ich wieder unten am See. Ich habe es geschafft, auf dem Stein nicht auszurutschen. Und ich winke Brunhilde zu, die gerade näher kommt. Jetzt kann ich bereits erkennen, was sie mit anschleppt: Es ist tatsächlich der braune Teddybär, den wir Sabine zu ihrem dritten Geburtstag geschenkt hatten. Ihn liebte - nein, liebt sie - über alles.

Brunhilde erzählt mir keuchend, dass Sabine nicht zu Hause war, und ich teile ihr mit, dass mein Suchen am Wasserfall ebenfalls ohne Erfolg geblieben ist.

Das Sondereinsatzfahrzeug erscheint mit knirschenden Reifen. Nun steht es am Rande des Sees, und die Beamten springen sportlich aus dem Fahrzeug. Wir melden uns sofort bei dem Einsatzleiter, einem ruhig wirkenden, sympathischen Mann um die Vierzig, der den großen Kastenwagen steuerte, und stellen uns bei ihm vor. Er hört uns schweigend zu, und seine ganze Art drückt absolutes Interesse und Konzentration aus. Dieser Mann ist dem ersten Eindruck nach ein Vollprofi. Es sind zwar insgesamt nur sechs Leute, die nun neben uns stehen und auf den Einsatzbefehl ihres Chefs warten, und es ist auch nur ein Schäferhund vorhanden, aber diese Crew erscheint uns doch als sehr kompetent.

Herr Müller, der Chef des Trupps, nimmt Brunhilde den riesigen Bären aus der Hand (er trägt Handschuhe) und legt ihn vor „Benno“, den Schäferhund, auf den gefrorenen Boden. Dieser bewegt sich nervös hin und her. Ein prächtiges Tier! Ich frage mich, warum es so unruhig ist. Ich betrachte die Männer und denke: Sicherlich sind diese seltsamen Anzüge, die sie tragen, gegen die Kälte. Auch verfügen sie alle über Funksprechgeräte und Einiges andere mehr. Benno schnüffelt sofort höchst interessiert an dem Bären herum. Ich warte regelrecht darauf, dass er in das Vieh hineinbeißt. Aber er tut es natürlich nicht. Sein Herrchen, Herr Müller, lässt seinem treuen Hund alle Zeit der Welt. Ich sehe, wie Brunhilde immer nervöser wird. Mit einem kurzen Blick gebe ich ihr zu verstehen, dass sie sich zurückhalten soll. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Herr Müller erklärt uns mit ruhiger Stimme, dass er bereits alle Einzelheiten von seinem Kollegen Hintergruber wisse, und schließlich beginnt die...

... große Suchaktion.

Wir beobachten, wie die Leute nach allen Richtungen ausschwärmen. Müller hat Benno an der Leine (bzw. umgekehrt), der unschlüssig dasteht und leise knurrt.

„Warum knurrt er denn?“, will Brunhilde von dem Beamten wissen. Sie ist sehr aufgeregt und weicht nicht von seiner Seite.

„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, Frau Münster. Aber bitte lassen Sie uns jetzt alleine. Sie verstehen. Der Hund darf nicht abgelenkt werden.“

Ich antworte ruhig: „Aber natürlich. Selbstverständlich. Wir warten dort hinten am Wagen auf Sie.“

„Ja, tun Sie das“, meint er höflich. Er hat seine Sache voll im Griff, wie es aussieht.

Als sich Müller mit Benno etwas von uns entfernt, möchte Brunhilde hinterherlaufen. Doch ich halte sie zurück:

„Du hast gehört, was er gesagt hat. Wir würden nur seine Arbeit behindern. Und das wollen wir doch nicht, oder? Außerdem hat der Bär nun auch etwas von deinem Geruch an sich.“

Sie blickt mich an und ihr Blick ist voll tiefer Trauer: „Ja, ich verstehe.“

Und plötzlich beginnt es zu schneien. Der Wind hat sich etwas gelegt. Die Männer sind nicht mehr zu sehen. Sie verwenden sicherlich ihre Hochleistungstaschenlam-pen in dem dichten Unterholz, überlege ich.

Durch den plötzlichen Einbruch der Dunkelheit lichtet sich auch der See. Die Kinder müssen nach Hause.

An oder auf dem Gewässer befindet sich ja keinerlei Beleuchtung. Nur Dieter mit den abstehenden Ohren und Ludwig lassen sich nicht davon abhalten, den Werdegang der Suchaktion mit neugierigen Blicken zu verfolgen. Sie tun natürlich so, als ob sie völlig neutral auf dem Eis umherlaufen würden. Die beiden Schlitzohren wollen verständlicherweise auch wissen, wo Sabine ist.

Müller folgt nun seinem Prachtexemplar von Hund. Wir sind aufs Äußerste gespannt, wohin ihn der Hund wohl ziehen wird. Einmal sehen wir ihn in zweihundert Metern Entfernung zwischen Gebüschen und Wald verschwinden, doch dann taucht er wieder ganz woanders auf. Das endgültige Eintreten der Dunkelheit verhindert schließlich das weitere Beobachten unsererseits. Wir bleiben aber am Einsatzwagen stehen und harren der Dinge, die da kommen werden. Und wir frieren entsetzlich.

Nun haben die beiden Jungen aber auch genug. Sie kommen noch kurz zu uns her und wünschen uns viel Glück. Ich sehe ihnen deutlich an, wie traurig und aufgeregt sie über Sabines Abhandenkommen sind. Und Brunhilde weint bitterlich. Sie hat eine panische Angst um unser Kind. Mir fällt es auf einmal schwer, richtig durchzuatmen. Ein Kloß sitzt in meiner Kehle. Eine unsichtbare Pranke greift nach meinem Hals, je mehr ich nachdenke.

Plötzlich sehen wir auf dem See etwas blinken. Es ist sicherlich eine Taschenlampe, überlege ich. Brunhilde ist ganz aufgeregt und will von mir wissen, was das wohl sei. Und dann hören wir Müller von Weitem rufen:

„Benno sucht auf dem Eis! Hören Sie mich?“

„Ja!“, schreie ich zurück.

Und Brunhilde ist total überfordert.

Sie möchte von mir wissen, was das bedeuten soll.

„Ich weiß es auch nicht!“, sage ich zu ihr. Ich versuche, meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Jedoch gelingt es mir nicht.

„Warum sucht der Hund auf dem Eis, Günter?“

„Ich weiß es nicht.“

„Er kann doch nicht auf dem Eis suchen!“, jammert sie.

Und ich schweige.

Auch mir ist das Verhalten des Hundes unerklärlich.

Einige Minuten lang wandert Müller mit Benno über den See, um dann endlich zu uns zurückzukommen. Noch bevor wir uns unterhalten können, erscheinen die anderen Beamten nach und nach auf der Bildfläche. Sie haben sich bestimmt über Funk abgesprochen, überlege ich. Aus ihrer Unterhaltung hören wir sofort heraus, dass ihre Suche erfolglos war.

„Herr Münster, ich kann mir Bennos Verhalten auch nicht so recht erklären. Nachdem er den Rand des Waldes abgesucht hatte, zog er mich vehement aufs Eis hinaus. Aber dort kann Ihre kleine Tochter ja schließlich nicht sein!“

Ich schaue ihn an und sage: „Nein. Das kann sie wohl nicht.“

Mein Hals hat sich nach dieser Erklärung dermaßen zusammengeschnürt, dass ich glaube, keine Luft mehr zu kriegen. Mir wird in diesem Moment klar, dass Sabine etwas Ernsthaftes zugestoßen sein muss. Etwas Furchtbares, das wahrscheinlich unser gesamtes, weiteres Leben total verändern wird. Brunhilde schweigt und starrt mich an. Es ist zwar inzwischen schon dunkel, aber ich kann ihr Gesicht doch so einigermaßen erkennen. Es ist eine einzige Maske. Und ihre Augen sind verschleiert. Aber ich kann ihr nicht helfen.

Ich beobachte den Schäferhund, der trotz bestimmter Anweisungen seines Herrchens, sich ruhig zu verhalten, immer wieder über den See blickt. Er wittert und lechzt, und es kommt mir fast so vor, als ob er noch einmal auf die Eisfläche hinaus möchte. Die Männer stehen geduldig um uns herum und warten auf weitere Anordnungen ihres Vorgesetzten.

Jedoch es folgen keine.

Herr Müller sagt: „Liebe Familie Münster! Wenn Sie jetzt gleich anschließend nach Hause kommen, rufen Sie bitte alle Verwandte, Freunde und Bekannten an, und erkundigen sich ganz unverfänglich nach ihrer Tochter. Aber machen Sie die Leute möglichst nicht kopfscheu. Außerdem bitte ich Sie, Herr Münster, dass Sie so schnell wie möglich, also in der nächsten Stunde, Herrn Hintergruber ein aktuelles Foto Ihrer Tochter vorbeibringen. Er wird es vervielfältigen, und wir werden sowohl in Waldhütte als auch in der weiteren Umgebung dieses Bild der Vermissten aushängen. Dies ist das, was wir vorerst für Sie tun können. Sollte sich Sabine aber wieder bei Ihnen einfinden, so sagen Sie dem Kollegen Hintergruber umgehend Bescheid. Er kann dann die Suchaktion sofort abblasen. Haben Sie alles verstanden?“

Brunhilde schaut ihn von unten an und sagt: „Ja, Herr Müller.“

„Wir bedanken uns im Voraus für Ihre Hilfe!“, vervollständige ich, und meine damit die gesamte Mannschaft.

„Ach, und noch etwas: Ich weiß nicht, ob es Ihnen Hintergruber schon gesagt hat: Es könnte sich auch um eine Entführung handeln!“

Ich antworte: „Aber wir sind doch ganz einfache Leute!“

„Nun, angenommen, irgendwer erzählte im Dorf, dass Sie Geld haben. Und schon haben wir das Motiv.“

Wir beide sind sprachlos.

Er fährt fort: „Wenn sich bei Ihnen diesbezüglich jemand melden sollte, rufen Sie uns sofort an. Hier ist meine Karte. (Er reicht sie mir.) Ich bin für Sie durchgehend erreichbar. Falls ein etwaiger Entführer von Ihnen verlangen sollte, uns nicht zu verständigen, so rufen Sie uns bitte trotzdem an. Wenn Sie das nicht tun, können wir Ihnen leider nicht weiterhelfen.“ Er lächelt verbindlich, dieser große, stattliche Mann. Wir nicken.

Wir nehmen den Bären, und unsere Wege trennen sich. Mein Bild von der Polizei im Allgemeinen hat sich schlagartig verbessert. Man kann sagen, was man will, aber sie helfen doch sehr professionell, wenn Not am Mann - bzw. am Kind - ist.

Zuhause angekommen, rufe ich zuerst unsere Eltern, dann die Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten unserer Familien an. Alle sind sehr besorgt um Sabine. Danach kommen alle Freunde und Bekannte dran, während Brunhilde ein neues Foto von unserer Tochter holt. Sie geht sich duschen, denn sie friert entsetzlich, wie sie sagt.

All meine Anrufe bei der Verwandtschaft und im Freundeskreis verlaufen leider ohne Erfolg, und so kommt es, dass ich mich noch einmal auf den Weg mache, um dem Dienststellenleiter das Bild zu bringen. Er wartet bereits darauf, und ich staune, wie schnell er das Foto in einem seiner Geräte vergrößert und dann vervielfältigt.

„Entschuldigen Sie, dass wir vorhin zu Ihnen so garstig waren.“

„Vergessen Sie es, Herr Münster. Ich kann mich in Ihre momentane Situation sehr gut hineinversetzen.“

„Danke.“

„Ist Ihnen zu der ganzen Sache noch irgendetwas eingefallen?“ Er blickt mich erwartungsvoll an.

Ich stehe unschlüssig da und sage: „Ja, das ist es. Ich hörte ein seltsam pfeifendes, sirrendes Geräusch.“

„Waren das vielleicht die Kufen der Schlittschuhe?“, will er wissen.

„Nein. In dem Moment, als ich diese Geräusche hörte, fuhr von uns gerade keiner, und die Kinder waren von uns sehr weit entfernt, also an der westlichen Seite des Sees.“

„Komisch. Ein sirrendes Geräusch.“

„Ja, ich konnte es nirgends einordnen.“

„Wir hatten doch heute Nachmittag einen starken Wind, nicht wahr? Vielleicht waren es die Leitungen der Telefonmasten!“

„Sind denn da welche?“

„Ja, ganz in der Nähe verlaufen diese Masten, deren Weg sich durch das ganze Land zieht.“

„Nun, vielleicht waren es ja Leitungen, die das Sirren verursachten. Aber dieses Geräusch wäre mir doch schon in den letzten Jahren aufgefallen. Oder gab es damals die Leitungen noch nicht?“

„Aber natürlich gab es sie.“ Er blickt mich verwundert an. So, als ob bei mir eine Schraube locker wäre.

„Dann waren sie es auch nicht.“

„Wir werden der Sache nachgehen. Und machen Sie sich jetzt mal noch nicht verrückt wegen Sabine. Es verschwanden schon viele, kleine Mädchen, weil sie z. B. etwas, was sie unbedingt haben wollten, von ihren Eltern nicht gekriegt hatten, nicht wahr?“

Ich glotze ihn an und sage: „Sie wollte unbedingt schon heute die neuen Schlittschuhe, die sie übernächste Woche zu Weihnachten kriegen sollte.“

Hellhörig geworden, meint er: „Das wäre ein Anhaltspunkt, nicht wahr? Vielleicht will sie Ihnen nur ihre Macht beweisen!“

„Mein Gott, wenn das der Grund wäre...“

„Sie haben sich nichts vorzuwerfen. Gar nichts. Aber kleine Mädchen sind nun mal ab und zu recht bockig.“

„Unseres ist aber nie bockig...“

„Jetzt gehen Sie mal schnell nach Hause zu Ihrer Frau und richten Sie beste Grüße an Sie aus! Trösten sie Brunhilde ein wenig, und warten Sie ab. Ich kümmere mich jetzt sofort um die Foto-Aktion.“

„Danke. Kriegen wir von Ihnen Bescheid, wenn sich etwas tut?“

„Ja. Selbstverständlich. Gute Nacht.“

Als ich kurze Zeit später nach Hause komme, sitzt Brunhilde, zusammengerollt wie eine kleine Katze, auf unserem Sofa im Wohnzimmer und starrt vor sich hin. Ihr nasses Haar hat sie in ein Handtuch eingewickelt. Ich erzähle ihr von dem angenehmen Gespräch mit Hintergruber und versuche, ihr zu erklären, dass die Foto-Aktion gerade jetzt anlaufen würde, aber sie antwortet nicht. Apathisch blickt sie an die Schrankwand.

Ich sage zu ihr: „Wir dürfen jetzt nicht den Kopf hängen lassen.“

„Findest du nicht auch, dass sich der Hund sehr merkwürdig benommen hat?“

„Ehrlich gesagt, ja.“

„Er suchte auf dem See nach ihr, Günter.“

„Vielleicht war es kein richtiger Fährtenhund?“

Sie blickt hoch und meint: „Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder? Dieser Hund war der einzige Profi unter der gesamten Crew!“

„Abgesehen, von Herrn Müller“, ergänze ich.

„Ja, und Herr Müller.“

Und plötzlich - wie aus heiterem Himmel - sagt sie leise:

Mit dem See stimmt etwas nicht.“

„Wie - stimmt nicht?“

„Du hast doch als Erster dieses unerklärliche Geräusch gehört.“

„Ja, ja, das habe ich. Aber Hintergruber meinte, dass dies die Windgeräusche der Telefonleitungen waren, die zwischen den hohen Masten hängen.“

„Masten, Masten. Der spinnt doch.“

„Meinst du?“

„Ja. Meine ich. Dann wäre es uns doch schon letztes oder vorletztes Jahr aufgefallen.“

„Vielleicht waren wir damals beim Schlittschuhlaufen, als kein Wind war?“

„Sag mal, glaubst du denn diesen Unsinn?“

„Nein.“

„Na, siehst du.“

„Und was soll es sonst gewesen sein, Brunhilde?“

Sie blickt mich durchdringend an und zischt:

Dieses Geräusch kam aus dem See.“

Es ist sehr ruhig in unserem Haus. Ja, das kann man wohl behaupten. Der Fernseher läuft, aber keiner von uns Beiden versteht den Inhalt des Filmes, der gerade gezeigt wird. Brunhilde steht auf, blickt auf ihre Uhr und sagt:

„Es ist schon zweiundzwanzig Uhr.“

Ich weiß, was sie damit ausdrücken will: Die Überlebenschancen unseres Kindes schwinden.

Von Minute zu Minute.

Von Stunde zu Stunde.

Sie geht nach oben, wo sowohl Sabines Zimmer, unser Schlafzimmer, als auch mein Arbeitszimmer (wie erwähnt) liegen. Und plötzlich höre ich einen spitzen Schrei. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und rufe:

„Was ist los, Brunhilde?“ Meine Nerven sind aufs Äußerste angespannt.

„Komm schnell!“, höre ich sie rufen.

Ich renne die Treppe hoch und stürme in Sabines Zimmer. Brunhilde steht inmitten des Raumes und deutet mit dem ausgestreckten Arm auf den Fußboden:

„Da!“

Ich blicke an die Stelle, die sie mir zeigt und sehe lange Wasserspuren. Was soll das denn sein?“, überlege ich.

„Brunhilde, was ist das?“

Sie flüstert: „Das sind die Spuren von nassen Schlittschuhen.“

„... Schlittschuhen?“

Günter, sie war hier.“

„Sie war hier?“

„Ja.“

„Aber wir waren doch andauernd im Haus! Zumindest du!“

„Sie war hier. Der Bär ist verschwunden.“

„Der Bär ist...“

„Ich habe ihn, als wir nach Hause kamen, auf ihr Bett gesetzt.“

„Sabine spielt mit uns ein böses Spiel.“

„Das glaube ich nicht.“

Ich verliere die Nerven und schreie sie an: „Aber sie war doch hier! Und sie hat den Bären mitgenommen!“

„Brülle mich nie mehr so an. Hörst du? Nie mehr.“

„Bitte verzeih mir. Meine Nerven rotieren.“

„Meine auch, aber deswegen schreie ich nicht.“

Ich fasse mir an den Kopf und frage sie leise: „Was denkst du denn, was sie mit uns macht?“

„Sie würde so etwas Gemeines niemals tun. Niemals. Außerdem wusste sie doch, dass die neuen Schlittschuhe ihr Weihnachtsgeschenk sein würden. Und außerdem ist sie ein liebes, bescheidenes Mädchen, wie du weißt. Oder ist dir das nicht klar?“

„Aber natürlich ist es mir das, Liebling.“

„Und was tun wir jetzt?“

„Ich würde vorschlagen, dass wir der Polizei noch nichts von den Wasserspuren sagen. Denn dann zählen sie Eins und Eins zusammen und blasen die gesamte Suchaktion ab.“

„Du hast völlig recht. Wir halten uns vorerst zurück. Die Sache mit dem Verschwinden des Bären können wir ja immer noch sagen.“

„Brunhilde, sie muss also definitiv hier gewesen sein, ohne dass wir es gemerkt haben.“

„Sie muss sich durch die Haustür über den Flur, die Treppe nach oben, in ihr Zimmer geschlichen haben.“

Ich schaue sie intensiv an und frage: „Aber, was denkt sie sich denn dabei?“

„Vielleicht braucht sie noch mehr Liebe.“

„Sie kriegt die Zuneigung der gesamten Erde. Was sollen wir denn sonst noch alles tun, um ihr zu zeigen, wie sehr wir sie lieben?“

„Kinder empfinden gewisse Dinge etwas anders, als wir Erwachsenen. Ich sehe das tagtäglich in unserer Kindertagesstätte.“

„Ja, aber das sind doch fast durchwegs Schlüsselkinder! Wenn Sabine von der Schule heimkommt, bin ich doch meistens oben in meinem Büro! Sie muss sich nicht einmal ihr Mittagessen aufkochen, weil ich das für sie tue!“

„Die Seele des Menschen ist unergründlich. Wer weiß, was so alles in ihr vor sich geht.“

„Aber sie würde es uns doch sagen, wenn es ihr an irgendetwas fehlen würde!“

„Das ist ja das Problem: Nicht jedes Kind kann so einfach über alles sprechen, was es bedrückt. Das kann die verschiedensten Gründe haben.“

„Welche Gründe denn?“

„Nerve mich jetzt nicht länger mit deinen ewigen Fragen!“

Ich gehe zu ihr und nehme sie in den Arm. Sie erwidert meine zärtliche Geste, und dann verlassen wir Sabines Zimmer wieder. Als wir unten im Wohnzimmer sind, sage ich:

„Ich schätze, dass sie die nächsten zwei Stunden zu uns zurückkommt.“

Brunhilde schweigt.

„Was meinst du?“, frage ich sie.

„Ich befürchte, dass ihr etwas ganz Schreckliches zugestoßen ist.“

„Aber dann hätte sie doch nicht klammheimlich nach Hause gehen und sich den Bären holen können!“

„Da steckt etwas Anderes dahinter. Etwas ganz Anderes.“

„Ja, was denn?“

„Ich weiß es nicht.“

Nach einer kurzen Pause sage ich zu ihr: „Ich gehe jetzt noch einmal zum See hinunter.“

„Ja?“

„Ja.“

„Und was machst du da?“

„Ich suche.“

„Nimm die große Taschenlampe aus der Garage mit.“

„Ja.“

Genau in diesem Moment klingelt unser Telefon. Ich gehe ran. Es meldet sich ein Reporter, und er will wissen, ob es stimmt, dass unser Mädchen verschwunden ist. Wir bejahen, und er bittet uns um einen persönlichen Termin. Ich werfe einen kurzen Blick zu Brunhilde, und mir ist klar, dass sie es strikt ablehnen würde, jetzt mit irgendeinem Reporter zu reden. Also tue ich das, was ich für richtig halte: Ich mache ihm klar, dass wir nicht in der Lage sind, ein Interview zu geben. Er wirkt verärgert, aber das ist mir völlig egal. Abschließend bitte ich ihn eindringlich, uns in Zukunft nicht mehr zu belästigen.

„Haben Sie etwas zu verbergen?“, fragt er mich abschließend provozierend.

Ich lege auf. Es ist schon seltsam, wie schnell die Medien von manchen Ereignissen Wind bekommen. Normal ist das sicherlich nicht!

„Brunhilde, ich frage mich ernsthaft, wie dieser Reporter an diese Information gelangt ist!“

„Nun, es kann eines der Kinder gewesen sein, das seinen Eltern etwas über das Verschwinden von Sabine erzählt hat.“

„Oder der Polizeiapparat ist undicht.“

Sie legt den Kopf zur Seite und sagt: „Das glaube ich nicht.“

„Aber, es ist doch noch gar kein offizieller Fall! Oder?“

„Für die Presse anscheinend schon!“

„Die sollen uns bloß in Ruhe lassen!“

„Ja, ich befürchte, dass es bei diesem einen Anruf nicht bleiben wird!“

Ich ziehe mich an und verlasse unser Haus. Mit weit ausholenden Schritten marschiere ich Richtung See. In mir brodelt es. Die Lampe mit ihrem starken Lichtschein verhilft mir, nicht über armdicke Baumwurzeln und sonstige Hindernisse zu stürzen, denn der Weg ist unbeleuchtet. Stockfinstere Nacht umgibt mich. Als ich von unserem Groschensee noch ungefähr zwanzig, fünfundzwanzig Meter entfernt bin, höre ich plötzlich wieder diesen schrillen, leicht aufdringlichen Ton. Ich bleibe stehen und lausche, kann aber nicht eruieren, woher der Ton kommt. Vorsichtig betrete ich das Eis und laufe langsam zur Mitte des Sees. Der Ton lässt nach und schwillt dann wieder an.

Auf - ab, auf - ab...

Es hört sich äußerst unheimlich an.

Es ist (wie gesagt) stockdunkel um mich herum, und auf dem See liegen etwa fünf bis zehn Zentimeter hoher Neuschnee. Ich stelle mir vor, dass Sabine dort irgendwo liegt und erfroren ist. Ihr letzter Gedanke war vielleicht der Wunsch, die neuen Schlittschuhe bekommen zu haben. Es schüttelt mich innerlich und ich fange an zu weinen. Diese furchtbare Machtlosigkeit bringt mich fast um. Andererseits tröste ich mich mit dem Gedanken, dass unsere Kleine ja erst vor einer Stunde bei uns im Haus war.

Gewesen sein muss!

Denn der Bär konnte nicht von alleine weglaufen! Und die Wasserspuren sprachen Bände... - Verflucht! Was geht denn in ihrem (netten) Köpfchen vor sich? Wieso hat sie sich den Bären geholt? War es ein Zeichen, uns zu sagen:

„Seht ihr, der Bär ist mir viel lieber als ihr!“

Ja, so könnte es wohl gewesen sein. Könnte - muss es aber nicht...

Ich blicke zögerlich um mich und plötzlich spüre ich, wie überaus bedrohlich der See, ganz unabhängig von diesem schrecklich nervigen Sirren, und dem düster herumliegenden Wald, auf mich wirkt. Ich komme mir dem Gewässer irgendwie ausgeliefert vor. Schwach und zerbrechlich. Gut, ich verfüge über ein großes Maß an Phantasie, die ich in meinem Beruf auch haben muss, um erfolgreich zu sein, aber ich weiß nicht, wie ich es erklären soll:

Der See zeigt mir seine Macht.

Seine unbändige Kraft.

Schwarz und abwartend.

Obwohl es nun wieder mucksmäuschenstill ist und kein Windchen weht, empfinde ich es so. Dieses Ausgeliefertsein ist ein schreckliches Gefühl. Ich fühle mich so hilflos und so unendlich klein. Ich ziehe mein Fahrtenmesser aus der Hosentasche und beginne, hier in der Mitte des Sees, ein kleines Loch zu bohren. Dies war eigentlich der Hauptgrund, noch einmal hierher zu laufen. Ich möchte unbedingt wissen, wie dick das Eis ist. Obwohl mir klar ist, dass die Gemeindeverwaltung den gesamten See überprüft hatte, bevor sie ihn freigab, möchte ich es noch genauer wissen. Und ich beginne, mit dem schweren Messer ins Eis zu schlagen. Ich hatte zwar nachmittags den gesamten See nach einem Loch abgesucht, aber ich möchte nun doch Gewissheit über die Dicke des Eises.

Peng! Peng!

Das Eis ist wahnsinnig hart.

Es ist unnatürlich hart.

Das merke ich schon bei den ersten Schlägen. Wie kann dieses elende Eis in seiner Substanz so fest gefroren sein? Jedenfalls entspricht die Härte des Eises nicht der Norm. Das dürfte wohl klar sein.

Urplötzlich, nach etwa dreißig Sekunden, habe ich das Gefühl, dass der See nicht will, dass ich dies tue. Ich fasse mir an den Kopf. Was habe ich für merkwürdige Anwandlungen? Der See möchte nicht, dass ich ihn... verletze. Jetzt schlägt es aber Dreizehn.

Günter, was ist los mit dir?

Ich bohre trotzdem weiter, obwohl dieses seltsame Gefühl bleibt. Das Loch wird im Durchmesser automatisch immer größer, je tiefer ich in das (wahnsinnig) harte Eis eindringe. Ist es richtig von mir, den See zu verletzen? Nein. Es ist nicht richtig. Aber ich tue es trotzdem. Will ich ihm beweisen, dass ich stärker bin, als er? Ich beginne, laut zu lachen. Ich bin stärker als der See. Ich - Günter Münster, der große Bohrer. Gut, dass mich niemand sehen oder hören kann!

Ich bohre und schlage, schlage und bohre, und ich beginne, zu schwitzen. Was ist denn mit diesem Eis los? So dick kann es doch gar nicht sein! Mein kleines Rollmaß sagt mir: Achtzehn Zentimeter. Achtzehn Zentimeter! Und ich bohre weiter. Das Eis ist knochenhart, ja, es wird, je tiefer ich schlage, immer härter, und ich wechsle das Messer von der Rechten in die Linke. Dann wieder nach rechts. Ich bereue, keine Handschuhe mitgenommen zu haben. Mein Oberkörper ist nun schon recht nahe an der Oberfläche, wenn ich das Eis am tiefsten Punkt des Lochs bearbeite. Und mein Arm wird immer länger. Und länger... Nein. Das kann nicht sein. Ich messe erneut: Siebenundzwanzig Zentimeter Eisstärke. Ja, sind wir denn in Alaska?

Ich stehe auf, weil ich inzwischen jeden Knochen spüre und dehne und strecke mich. Nun höre ich wieder bewusst sehr deutlich dieses unheimliche Geräusch. Und plötzlich wird mir klar, dass es stimmt: Dieses Geräusch kommt aus dem See. Tief unten muss etwas sein, das diese Töne erzeugt.

Es klingt wie ein Singen.

Ein Singen?

Nein.

Kein Singen.

Oder?

Ich zünde mir eine Zigarette an und bete, dass Sabine mittlerweile wieder zu Hause ist. Natürlich. Sie ist wieder daheim. Wenn ich nach Hause komme, wird sie mir um den Hals fallen und mir sagen, wie lieb sie mich hat. Meine Sabine. Mein kleiner Goldschatz.

Was wären wir ohne sie?

Nichts.

Gar nichts.

Meine Neugier hinsichtlich der Eisstärke ist so stark, dass ich meine Aktion nicht abbreche. Ich kann jetzt nicht einfach aufhören und Brunhilde erklären, dass ich meine Aktivität (die eigentlich völlig unsinnig ist!) bei siebenundzwanzig Zentimetern abgebrochen habe. Sie würde es mir ja sowieso nicht glauben. Egal, wie weit ich noch bohren werde. Soll ich es ihr überhaupt sagen, dass ich gebohrt habe? Ich weiß es noch nicht...

Ich packe mein Messer, und die harte Arbeit geht weiter. Etwa zwanzig Minuten später kann ich nicht mehr: Ich bin körperlich völlig am Ende. Ausgepumpt. Und der See triumphiert: Ich habe es nicht geschafft, bis zum Wasser vorzudringen. Ich bin genau fünfundfünfzig Zentimeter (!) tief im Eis, aber es ist kein Ende der Schicht zu sehen. Keines. Jedoch eine Genugtuung habe ich doch: Ich werde es morgen Brunhilde und wenn es sein muss, auch der Polizei zeigen: Dieses hässliche Loch. Und das zerfetzte Eis... - falls ich mich dazu entschließen sollte.

Das singende Geräusch verstummt. Es ist plötzlich so ruhig wie in einem alten, vermoderten Grab. Ja, genau so empfinde ich es. Ich beschließe, diesen kalten, beängstigenden Ort sofort zu verlassen, bevor ich in Panik gerate. Ich springe hoch, und die Taschenlampe rutscht mir aus der Hand. Klirr! Das Glas der Lampe zerbricht. Die beiden großen Batterien rollen über den See. Ich bücke mich, und sehe plötzlich einen schwachen Lichtschein unter dem Eis.

Genau in diesem grässlichen Loch.

Das kann doch nicht sein! Ist dort unten ein Taucher mit einer Lampe? Was für ein Unsinn! Hier unten kann doch kein Taucher sein! Aber was ist es dann?

Verflucht!

Die Angst packt mich von hinten. Ich renne in der völligen Dunkelheit los und stürze prompt auf der glatten Oberfläche. Der Schnee lindert den Sturz zwar etwas, aber ich habe mich anständig geprellt. Jedoch ist nichts gebrochen. Das würde mir ja gerade noch fehlen! Hier alleine auf dem See mit einem gebrochenen Bein! Unausdenkbar!

Ich raffe mich hoch, verlasse den unheimlichen See und laufe vorsichtig nach Hause. Es ist mir nicht möglich, noch einen letzten Blick zurückzuwerfen, weil meine Angst größer ist.

Mein Gott!

Was geschieht hier draußen?

Auf dem völlig finsteren Weg dahin laufend, fast blind, schwitze und friere ich zugleich. Hauptsache, ich stürze nicht mehr!

Brunhilde wartet wahrscheinlich schon sehnlich auf mich. Ich trete in unser Haus und lausche. Keine Kinderstimme. Kein Lachen. Nichts. Ich gehe, nachdem ich die Stiefel und die dicke Jacke abgelegt habe, in unser Wohnzimmer und sehe Brunhilde, wie sie apathisch auf der Couch liegt und mich anstarrt.

Sie krächzt: „Und?“

„Nichts. Sie ist nicht hier?“, frage ich sie. Meine Nerven sind bis aufs Äußerste angespannt.

„Nein.“ - Kurz und schnell wie ein Schuss kommt dieses alles entscheidende Wort aus ihrem verkniffenen Mund.

„Kam irgendein Anruf?“

„Keiner.“ - Der nächste Schuss. Ich glaube es nicht.

„Verfluchte Scheiße.“

Sie stöhnt: „Ich sehe schwarz.“

„Lass uns abwarten.“, versuche ich, sie zu beruhigen.

„Wenn nur ein Entführer anrufen würde! Dann wüssten wir wenigstens, dass sie noch lebt!“, jammert sie.

„Ja, da stimme ich dir zu.“ Ich komme mir wie ein Luftballon vor, aus dem blitzschnell alle Luft entweicht.

Natürlich bin auch ich völlig fertig. Ich erzähle ihr aber trotzdem nichts von meiner Eisbohrung, denn es ist wirklich fraglich, ob sie mir überhaupt glauben würde. Außerdem berichtete ich ihr ja, bevor ich das Haus verließ, dass ich suchen würde.

Suchen, und nicht bohren.

Sie wiederholt sich räuspernd: „Ich sagte dir, dass mit dem See etwas nicht stimmt.“

„Ja, ich weiß.“

Sie will noch wissen, ob dieses seltsame Geräusch wieder zu hören war, und ich bestätige dies.

„Günter, was ist mit unserem See passiert? Denkst du, dass diese merkwürdigen Dinge mit dem Verschwinden von Sabine in Zusammenhang stehen?“

„Es könnte sein.“

„Dann müssen wir der Polizei Bescheid geben.“

„Aber sie würden uns doch nicht glauben, mein Schatz.“

„Wenn auch die Beamten diesen hohen, singenden Ton hören, dann müssen sie doch merken, dass dort draußen irgendetwas nicht stimmt. Außerdem glaube ich, dass die Suchmannschaft auch diesen Ton gehört hat.“

„Ja, und wahrscheinlich Müller ebenfalls.“

„Wir hätten ihn fragen müssen, ob auch er diesen Ton vernommen hat!“

„Er muss es gehört haben.“

„Aber er sagte nichts.“ Sie legt ihre Stirn in Falten.

„Wahrscheinlich wollte er uns nur nicht noch mehr beunruhigen.“

„Ja, bestimmt nicht.“

Es fällt uns schwer, ruhig zu sitzen. Ich hole mir aus dem Kühlschrank ein Bier, trinke einen Schluck und lege mich danach auf die Couch. Meine Gedanken wandern natürlich erneut zu Sabine:

Wo könnte sie nur sein?

Lebt sie noch?

Das sind die Fragen, um die sich alles dreht.

Es gibt in unserem Verwandten- oder Freundeskreis niemanden, den wir nicht angerufen hätten. Und eine Entführung fällt aus. Warum sollte man sie denn entführt haben? Die paar tausend Euro, die wir besitzen, würden ja nicht einmal ausreichen, um die Unkosten der Entführer zu decken! Nein. Ich glaube immer mehr an ein Gewaltverbrechen. An einen Wahnsinnigen oder einen Triebtäter, der unser kleines Mädchen gefangen und... ich darf gar nicht daran denken. Aber eines ist mir klar: Wenn es so sein sollte, wie ich befürchte, und irgendein Saukerl unser Mädchen missbraucht hat, dann werde ich ihn höchstpersönlich... töten. Ja, ich werde ihn umbringen. Ich, Günter Münster. Gut, man wird mich einige Jahre einsperren, aber das wäre ich meinem geliebten Kind schuldig.

Brunhilde sieht mich andauernd an und sagt: „Ich weiß, was in dir vorgeht. Ich werde dir beistehen, den Hurenbock zu töten, falls es einen solchen gibt.“

„Überlege doch mal! Sie kann doch nicht einfach urplötzlich verschwinden! Sie war inmitten einer größeren Kindergruppe!“

„Ich nehme jetzt ein Schlafmittel. Sonst werde ich noch verrückt.“

Sie steht aus ihrem Sessel auf und geht ins Badezimmer. Als sie zurückkommt, rollt sie sich in den Sessel und versucht, zu schlafen. Ich gehe in den dunklen Flur und hole unser Telefon. Ich lege es behutsam neben mich auf den Tisch und harre der Dinge, die da kommen...

Donnerstag, 16. Dezember

Vor Erschöpfung schlafe ich ein. Brunhildes Tabletten wirken nicht. Sie liegt hellwach in ihrem Sessel und wartet auf irgendein Lebenszeichen von Sabine. Jedoch nichts tut sich. Es ist schon nach ein Uhr am Morgen, als das Telefon läutet. Zutiefst erschrocken werde ich wach und greife nach dem Hörer:

„Münster?“ Meine Stimme kratzt wie ein altes Reibeisen.

„Hier Müller. Entschuldigen Sie die späte Störung, aber ich wollte mich nur erkundigen, wie die aktuelle Lage bei Ihnen ist.“

„Trostlos, Herr Kommissar. Trostlos.“

„Es tut mir furchtbar leid für Sie.“

„Was tut Ihnen so leid?“

„Ihre momentane Situation. Auch ich habe Kinder.“

„Es kam leider keine Lösegeldforderung.“

„Verstehe.“ Er spricht sehr ruhig und bedächtig. Fast wie ein Pastor bei der Letzten Ölung eines Sterbenden. Ja, genau so kommt es mir vor.

„Was können wir denn noch tun, Herr Kommissar?“

„Im Augenblick gar nichts. Sie sind dazu verdammt, abzuwarten. Ich denke, dass Sabine entführt wurde. Ich hätte deswegen gerne Ihre Erlaubnis, dass wir Ihr Telefon abhören dürfen.“

„Ja, abwarten ist nicht gerade meine große Stärke. Die Erlaubnis wegen des Telefons haben Sie natürlich!“, entgegne ich.

„Vielleicht ist es zu früh für eine solche Aktion, aber sicher ist sicher.“

„Genau.“

„Wie geht es Ihrer Frau?“

„Fragen Sie lieber nicht...“

„Bleiben Sie ruhig. Wenn sich etwas tut, hören Sie sofort von mir.“

„Sagen Sie mal: Wieso hat Ihr Hund Benno denn so gezielt Richtung See geschnüffelt?“

„Das kann ich leider nicht beurteilen, obwohl ich in- und auswendig kenne. Er verhielt sich wirklich sonderbar.“

Und ich lasse mich hinreißen, zu sagen: „Ich war abends noch einmal am See.“

„Das dachte ich mir schon.“

„Und wieso dachten Sie sich das?“

„Weil ich als Vater genauso gehandelt hätte.“

„Es war kein Misstrauensbeweis gegen Sie oder Ihre Crew!“

„Klar. Sie suchten also weiter?“

„Ja.“

„Und?“

Ich überlege hin und her, ob ich ihm von den fünfundfünfzig Zentimetern Eisstärke erzählen soll, verwerfe diese Idee aber sofort. Er würde sich seine Gedanken machen, wenn ich ihm davon berichten würde, dass ich völlig alleine in der Mitte des Sees mit einem Fahrtenmesser gebohrt hatte! Er würde mich für verrückt halten. Andererseits werden die Polizeibeamten ja den See sicherlich noch einmal gründlichst nach einem Loch, in das Sabine gefallen sein könnte, absuchen. Ich belasse es dabei. Soll ich ihm von dem Licht unter dem Eis erzählen?

Ich sah im See einen Lichtschein, Herr Müller.“

„Licht? Sie sagen, im Eis?“

„Ja, unter dem Eis natürlich.“

„Das kann doch nicht sein. Hat sich etwa der Mond im Eis gespiegelt?“

„Nein. Der Himmel war mit Schneewolken verhangen.“

„War es vielleicht der Widerschein Ihrer Taschenlampe?“

„Nein.“

„Das hört sich ja sehr unglaublich an!“

„Ist es aber nicht.“

„In dieser Situation und in der stockfinsteren Nacht empfindet man gewisse Dinge völlig anders, als sie wirklich sind.“

„Sie brauchen mich nicht zu beruhigen. Ich war erstens stocknüchtern und zweitens hellwach.“

Völlig unverhofft fragt er mich: „Haben Sie etwa auch im See gebohrt?“

Verdammt! Wie kommt er denn auf diese Idee? Ist dieser Mensch ein Hellseher? Oder versetzt er sich nur in meine Lage? Ich räuspere mich, weil Brunhilde genauestens zuhört, und sage völlig harmlos:

„Ja, ein wenig.“

„Wie - ein wenig?“

„Nun, ich habe genau in der Mitte des Sees ein großes Loch gebohrt.“

Brunhilde schaut mich völlig perplex an.

Aber sie sagt nichts.

„Und? Wie dick ist das Eis? Zwölf Zentimeter? Vierzehn Zentimeter?“

„Mehr als fünfundfünfzig. Ich war nicht mehr in der Lage, noch tiefer zu gehen.“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Was glauben Sie mir nicht? Dass ich nicht mehr konnte, oder dass das Eis mehr als fünfundfünfzig Zentimeter dick ist?“

„Letzteres, Herr Münster. Letzteres. Sie müssen sich geirrt haben.“

„Habe ich nicht.“

„Nun gut, wie Sie meinen. Wir werden morgen Früh die Stärke des Eises kontrollieren.“

„Tun Sie das.“

„Sie sagten, Sie haben genau in der Mitte des Sees gebohrt?“

„Ja. Das Loch ist nicht zu übersehen.“

„Dann wünsche ich Ihnen schon mal eine gute Nacht.“

„Danke, ebenfalls.“

Brunhilde starrt mich an und sagt: „Du wolltest dich vergewissern, ob das Eis auch dick genug ist?“

„Ja.“

„Das verstehe ich.“

„Ich werde dir morgen das Loch, das ich gebohrt habe, zeigen. Du wirst dich wundern.“

„Ja. Ich gehe jetzt in mein Bett. Ich kann nicht mehr.“

„Ich komme auch gleich.“

Nach all dieser Aufregung brauche ich jetzt ein kühles Bier. Ich hole mir eine Flasche aus dem Kühlschrank und zünde mir eine Zigarette an. Im Ohrensessel sitzend, der im Wohnzimmer steht, sinniere ich über die vergangenen zwölf Stunden: Unsere Lage ist fatal. Lebt Sabine noch, oder ist sie schon tot? Wo könnte sie wohl sein? Ich würde alles dafür geben, zu wissen, wo sie im Moment ist. Mein Gott, bitte hilf uns aus dieser furchtbaren Situation.

Das Bier wirkt. Ich werde schläfrig. Und ich träume im Wachzustand von unserem guten Groschensee. Wie sehr hatten wir ihn bisher doch geliebt! Welch lustige Zeiten hatten wir am See mit unseren Freunden beim Baden verbracht! Und im Winter: All die herrlichen Nachmittage auf den Schlittschuhen! Ich war sogar im Eisstockclub mit dabei! Diese Fröhlichkeit und kindliche Ausgelassenheit! Und jetzt diese plötzliche, fatale Angelegenheit. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich muss Brunhilde völlig Recht geben:

Mit unserem See stimmt etwas nicht.

Warum ist das Eis so ungemein dick und hart? Wieso sah ich diesen Lichtschein unter der Eisschicht? Da unten kann doch nichts sein! Wieso diese Wasserspuren in Sabines Zimmer? Warum ist der Bär verschwunden? Verflucht! - Ich nicke ein. Und ich träume ganz fürchterliche Dinge. Es dreht sich alles um Schlittschuhe und um den Groschensee. Ich träume, dass ich bis zum Hals im Eis stecke und Brunhilde mit ihren Schlittschuhen über meinen Kopf hinweg fährt. Dabei lacht sie wild. Blut spritzt, und ich kann mich nicht bewegen. Ich habe fürchterliche Schmerzen. Sie dreht um und kommt erneut auf mich zu. Mit einer seitlichen Ausholbewegung versucht sie, mir mit ihrer Schlittschuhkufe den Kopf abzuschneiden.

Uaaah!

Ich werde wach.

Ich fühle mich elend, und mein Trainingsanzug klebt an meinem Körper, so sehr schwitze ich. Und mir ist hundeübel. Ein Blick auf meine Uhr: Es ist genau acht Uhr am Morgen. Ich blicke mich um. Nichts regt sich. Brunhilde schläft sicherlich noch. Ich bewege mich aus dem Sessel, in dem ich geschlafen hatte, dehne und strecke mich und gehe dann leise und vorsichtig hinauf, um einen Blick in Sabines Zimmer zu werfen. Man weiß ja nie...

Ich betrete vorsichtig ihr Zimmer.

Jedoch sie ist nicht hier.

Und ich fröstle plötzlich.

Nachdem ich mich im Bad frisch gemacht habe, bereite ich uns starken Kaffee zu. Brunhilde erscheint auf der Bildfläche. Sie wirkt sehr, sehr müde, und um Jahre gealtert:

„Guten Morgen, Günter.“

„Hallo, Brunhilde.“

„Es geht mir so furchtbar schlecht.“ Ihre Schultern hängen nach vorne.

„Zieh dich an, dann zeige ich dir mein Loch im See.“

„Ja, mache ich. Warst du schon in Sabines Zimmer?“

„Ja.“

Etwas später machen wir uns auf den Weg. Ich könnte jetzt, in dieser grausamen Situation, unmöglich arbeiten. Brunhilde hat sich bei ihrem Arbeitgeber, bevor wir das Haus verließen, telefonisch entschuldigt. Ich stand daneben, als sie angerufen hatte. Sie erzählte ihrem Chef, dass Sabine seit dem gestrigen Nachmittag spurlos verschwunden sei, und er hatte ihr den väterlichen Rat erteilt, sich krankschreiben zu lassen. Sie wird heute Nachmittag zu unserem Hausarzt, Herrn Dr. Victor Stampfer, gehen, wie sie mir sagt. Ich persönlich benötige ja keine Krankmeldung, weil ich als selbständiger Designgraphiker arbeite und niemandem Rechenschaft schuldig bin. Außer mir selbst.

Es schneit etwas, als wir uns auf den Weg Richtung See machen. Als wir dort ankommen, blickt Brunhilde über das Gewässer und sagt:

„Er wirkt jetzt plötzlich wieder so richtig unschuldig.“

„Meinst du den See, Brunhilde?“

„Ja. Wen denn sonst?“

„Es stimmt. Nachts hat der See eine völlig andere Ausstrahlung. Jetzt liegt er so absolut still und harmlos vor unseren Augen, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Aber wenn du nachts über ihn läufst, jagt es dir einen Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken.“

Sie nimmt mich an der Hand (wahrscheinlich deshalb, dass ich sie stützen kann, falls sie ausrutschen sollte) und sagt:

„Zeig mir das Loch, das du gebohrt hast!“

Wir laufen langsam über den völlig leeren See. Kein einziges Kind fährt Schlittschuh, da sie ja alle in der Schule sind. Klar. Und von den Erstklässlern in unserem Ort, die heute und morgen wegen der Erkrankung der Lehrerin Schulferien haben, ist auch keiner hier. Ob die Polizei wohl schon auf dem See war, und mein Loch besichtigt hat? Was werden sie wohl gesagt haben, als sie sahen, dass das Eis mehr als fünfundfünfzig Zentimeter dick ist? Müller wird meine Aussage als bestätigt sehen. Er wird sich wohl auch sehr wundern, wie so etwas überhaupt möglich sein kann...

Wir nähern uns langsam der Mitte des Sees. Brunhilde fragt: „Wo ist denn das Loch?“

Ich blicke mich um und sage: „Es muss hier irgendwo sein. Ich stand letzte Nacht genau in der Mitte des Sees.“

Wir laufen noch einige Minuten im Kreis, finden jedoch kein Loch. Brunhilde meint plötzlich:

„Ich habe ein Messer aus unserer Küche mitgenommen.“

„Wieso?“

„Weil ich auch ein Loch bohren möchte!“

Überrascht blicke ich sie an und sage: „Du hast mir nicht geglaubt?“

„Nun, es klang doch etwas merkwürdig: Fünfundfünfzig Zentimeter...“

„Müller glaubte mir sicherlich auch nicht, als er hier war und sich davon überzeugen wollte.“

„Ich bohre jetzt ein Loch.“

„Aber mein Loch muss doch hier irgendwo sein! Ich habe letzte Nacht bestimmt eine gute halbe Stunde, oder auch länger, gebohrt! Diese Öffnung kann unmöglich wieder so schnell zugefroren sein!“

„Ja, das kann sie sicherlich nicht, falls es überhaupt eine solche gab!“

„Was fällt dir ein? Bezichtigst du mich einer Lüge?“

„Nein, nein. Aber wir befinden uns Beide in einer absoluten Ausnahmesituation. Und da kann einem schon mal die Lunte durchbrennen.“

„Bei mir brennt überhaupt nichts durch, verdammt noch mal.“

„Beruhige dich. Möchtest du bohren, oder soll ich...“

„Gib mir das Messer“, sage ich barsch. Ich fühle mich hundeelend.

Und ich beginne erneut, ein kleines Loch zu bohren. Das Eis ist genau so, wie Eis sein muss: Zwar hart, aber lange nicht so hart, wie letzte Nacht. Schon nach kurzer Zeit habe ich ungefähr dreizehn, vierzehn Zentimeter Eisstärke durchbohrt. Und plötzlich sprudelt das Wasser aus unserem kleinen Loch. Ich werde verrückt! Das kann es doch nicht geben! Mir wird siedend heiß: Ab sofort bin ich absolut unglaubwürdig. Sowohl bei Brunhilde, als auch bei Kommissar Müller. Sie werden mich nicht mehr für voll nehmen. Ich höre Müller schon in seinem Büro zu seinem Mitarbeiter Hintergruber sagen:

„Der arme Herr Münster. Er kann einem schon leidtun. Was er sich da wohl eingebildet hat, als er von dieser immensen Eisstärke erzählte? Und das Licht, das er im Eis sah: Das war sicherlich das Mondlicht...“

Und Hintergruber wird boshaft lächelnd antworten: „Vielleicht spiegelte sich seine leuchtende Schnapsnase in dem Eis, hahaha...“

Ich muss mir unbedingt etwas einfallen lassen, um meine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, geht es mir durch den Kopf. Brunhilde steht wie festgefroren neben mir und sagt:

„Wenn wir nur wüssten, wo sich Sabine aufhält.“

Ich antworte nicht. Nimmt sie etwa an, dass Sabine irgendwo munter umher springt? Der Ausdruck „aufhält“ zeigt mir, dass sie immer noch an Sabines Rettung glaubt. Ich denke da leider schon etwas anders. Wenn unser Töchterchen letzte Nacht in der freien Natur verbringen musste, sieht es um ihr Leben schlecht aus. Urplötzlich verspüre ich wieder eine kalte Wut:

Wieso musste es gerade uns treffen?

Wieso denn wir?

Insgeheim hoffe ich immer noch auf eine Entführung. Wenn sie entführt wurde, besteht für sie immer noch eine gewisse Überlebenschance. Da aber bei uns zu Hause immer noch kein Anruf eingegangen ist, schwinden die Chancen zusehends. Nervös blicke ich Brunhilde an und sage:

„Hast du, als wir gingen, den Anrufbeantworter aktiviert?“

„Ja, natürlich.“

„Dann ist es ja gut.“

Was wird mit Sabine wohl geschehen sein? Wieso war sie in ihrem Zimmer und holte den Bären? War sie es, die sich bei uns eingeschlichen hatte, oder war es irgendein Fremder... - Fest steht, dass gestern noch irgendjemand in ihrem Zimmer gewesen sein muss, denn die Wasserspuren der Schlittschuhkufen waren nicht zu übersehen. Es müssen aber nicht unbedingt die Spuren ihrer Schlittschuhe gewesen sein! Und plötzlich komme ich zu der Überzeugung, dass wir auch dieses Geschehnis der Polizei mitteilen müssen. Ja, müssen. Denn falls irgendwann herauskommt, dass wir Kommissar Müller diese Tatsache verschwiegen haben, dann sehe ich für uns beide schwarz. Außerdem ist es bestimmt besser, wenn die Beamten alle Fakten kennen. Ich teile Brunhilde meine Gedanken mit, und kann sie davon überzeugen, dass es wohl so besser ist. Sie sagt zwar, dass wir ab jetzt als unglaubwürdig gelten würden (sie meint damit natürlich mein erstes Loch, das ich mir ja angeblich eingebildet hatte), aber auch sie ist der Meinung, dass wir nichts verheimlichen sollten, nur weil wir es nicht erklären können...

... nur weil wir es nicht erklären können.

„Lass sie doch denken, was immer sie wollen, Günter!“

„Du hast gut reden. Sie nehmen mich nach diesem Vorfall doch sowieso nicht mehr ernst!“

„Du meinst, weil sie dein Loch nirgends finden konnten?“

„Ja, natürlich.“

„Wenn du willst, rufe ich Müller an und erzähle ihm die Sache mit den Wasserspuren und Sabines verschwundenen Bären.“

„Das wäre mir schon sehr lieb, Brunhilde.“

Plötzlich schwenkt sie um: „Ich schlage vor, dass wir uns jetzt auf den Rückweg machen und bei Hintergruber vorbeischauen. Wenn man jemandem eine solche Geschichte persönlich erzählt, klingt sie doch ganz anders als am Telefon.“

„Eine gute Idee.“

Ich frage mich, wie gut sie sich seit dem frühen Morgen im Griff hat. Trotz dieser völlig undurchschaubaren Situation heult und klagt sie nicht. Sie blickt nach vorne, denn dies ist das einzig Richtige.

Auf dem Weg zur Polizeistation rätseln wir hin und her: Woher dieses seltsame Sirren kam, warum mein Loch über Nacht gänzlich verschwunden war u. s. w. Ich frage Brunhilde trotzdem noch einmal, ob sie mir denn nicht glaubt, dass ich dieses tiefe Loch gebohrt hätte, und plötzlich nimmt sie mir meine Geschichte ab:

„Ja, ich glaube dir, Günter.“ Sie blickt mich dabei ganz offen an, und ich weiß, dass es ihr Ernst ist.

„Du bist doch auch der Meinung, dass mit diesem verfluchten See etwas nicht stimmt!“

„Ja, ich bin davon überzeugt. Absolut. Denn wie hätte Sabine urplötzlich zwischen all den anderen Kindern verschwinden können? Wir wissen zwar noch nicht, was auf oder an dem See geschieht, aber wir werden es schon noch herausfinden.“

Oder im See. Unter dem Eis.“

Ihr Kopf ruckt herüber: „Im See...“

„Ich bin sehr gespannt, wie Hintergruber auf unseren Bericht reagieren wird.“, antworte ich unsicher.

„Es ist mir egal, was er denkt oder sagt. Wichtig ist, dass wir Beide wissen, dass es hier draußen nicht mit rechten Dingen zugeht. Da liege ich doch richtig, nicht wahr?“

„Ja, sicher.“

Hintergruber ist überhaupt nicht überrascht, als wir sein kleines Büro betreten. Er berichtet darüber, dass auf unserem Telefon kein Erpresser angerufen habe. Auch erzählt er uns, dass er schon frühmorgens, zusammen mit Herrn Kommissar Müller und einem weiteren Beamten, auf dem See war. Er bedauert, kein Loch gefunden zu haben.

Ich schaue ihn eindringlich an und sage: „Sie müssen mir glauben. Ich habe dieses Loch letzte Nacht wirklich gebohrt! Und ich war fünfundfünfzig Zentimeter tief im Eis.“

„Ja, das kann schon sein, Herr Münster“, ist sein ausweichender Kommentar. Er glaubt mir kein Wort.

„Sie glauben mir also nicht?“

„Entschuldigen Sie, aber diese Geschichte klingt leider ein wenig unglaubwürdig, nicht wahr?“

„Glauben Sie doch, was Sie wollen!“, antworte ich patzig. „Meine Frau hat Ihnen etwas zu berichten!“

Brunhilde schildert ihm die Sache mit den ominösen Wasserspuren in Sabines Zimmer und dem verschwundenen Bären. Hintergruber lässt sie ausreden, kratzt sich dann nachdenklich hinter dem Ohr, nimmt ein kleines Diktiergerät aus seinem alten, wurmstichigen Schreibtisch und beginnt zu sprechen:

„Donnerstag, 16. Dezember...“ - er blickt umständlich auf seine Armbanduhr und spricht gelassen weiter: „ ... die Eltern der am Mittwoch, den 15. Dezember verschwundenen Sabine Münster, sieben Jahre alt, erklären mir um...“ - er blickt erneut auf sein Uhr... – „10.47 Uhr, dass sie bei ihrer ersten Vernehmung am See vergaßen, dem zuständigen Leiter dieser Aktion, Herrn Kommissar Müller, mitzuteilen, dass... u. s. w.“

Er spricht den gesamten Sachverhalt, mit allen noch so kleinen Einzelheiten auf das Band, und als er damit fertig ist, schaltet er es ab. Er betrachtet uns abwechselnd und meint:

„Und Sie haben sich diesbezüglich nicht geirrt? Waren die Kufenspuren nicht schon vorher...“

Ich unterbreche ihn: „Aber ich bitte Sie! Natürlich waren diese Spuren erst da, als wir vom See zurück waren! Sabine hätte normalerweise unmöglich unbemerkt in ihr Zimmer laufen können!“

„Deswegen frage ich Sie ja so eindringlich! Verstehen Sie? Es ist doch unerklärlich...“

Brunhilde wird es wieder einmal zu bunt: „Sicherlich ist das unerklärlich! Die ganze Sache ist doch völlig unerklärlich! Denken Sie, dass wir den großen Stoffbären gebraten haben? Oder was? Als ich ihn ins Zimmer von Sabine brachte - also, nachdem Ihr Hund Benno diesen Bären als Hilfsmittel benutzt hatte - setzte ich ihn auf das Kopfkissen ihres Bettes. Er konnte nicht so einfach verschwinden! In unserem Haus halten sich lediglich Günter und ich auf! Niemand hätte den Bären unbemerkt aus dem Zimmer von Sabine stehlen können! Wir - oder zumindest ich - hätte es bemerken müssen!“

Verzweifelt schaut er uns an: „Ja, ja, sicher.“

Ich mische mich ein: „Hier läuft irgendeine Sache ab, die man nicht als normal bezeichnen kann!“

Und plötzlich sagt er: „Auch wir haben dieses seltsame Sirren am See gehört. Keiner von uns konnte eruieren, woher dieser Ton kam.“

„Na sehen Sie. Der Anfang ist ja nun wohl gemacht, oder?“, gifte ich ihn an.

Er antwortet: „Ich habe in meiner Karriere ja schon Vieles erlebt, aber so etwas Merkwürdiges sicherlich noch nie!“

Brunhilde sagt daraufhin: „Da sehen Sie mal...“

Und ich frage ihn: „Was können wir denn jetzt machen?“

„Wenn Sie es zu Hause überhaupt nicht aushalten sollten, dann suchen Sie doch in der näheren Gegend einfach weiter, nicht wahr?“

Brunhilde fragt ihn: „Haben Sie schon irgendwelche Hinweise von unseren Mitbürgern?“

„Ein paar Leute wollen Sabine gestern gesehen haben. Aber leider war kein einziger, nützlicher Hinweis dabei, der uns hätte weiterhelfen können. Wir haben ganz speziell für diese Aktion einen jungen, fähigen Beamten aus Bad Reichenhall angefordert, der sich ab sofort ausschließlich mit den Aussagen der Leute beschäftigen wird. Er ist also Ihr neuer Ansprechpartner, abgesehen von Herrn Kommissar Müller! Ja, er muss jeden Augenblick kommen...“

„Na, dann hoffen wir mal das Beste. Sie halten uns auf dem Laufenden, nicht wahr?“, frage ich.

Er lächelt uns freundlich an und antwortet: „Aber selbstverständlich. Und wenn sich bei Ihnen etwas tut, rufen Sie mich sofort an, ja?“

Wir drehen uns um, und Hintergruber ruft uns nach: „Ach, noch etwas. Es gibt Entführungsfälle, bei denen sich die Erpresser erst nach zwei oder drei Tagen meldeten. Psychologische Kriegsführung, Sie verstehen. Somit klopften sie die Angehörigen weich.“

Ich sage: „Sie glauben, dass es möglich sein kann, dass sich noch irgendjemand bei uns meldet?“

„Ja, sicher. Wir werden aus diesem Grund Ihr Telefon weiterhin abhören, nicht wahr?“

„Machen Sie das mal.“

Und Brunhilde stichelt: „Tun Sie sich keinen Zwang an!“

Der Beamte wird plötzlich sauer: „Hören Sie mal, Frau Münster! Wir tun alles Menschenmögliche für Ihre Tochter!“

„Das will ich auch hoffen!“, gibt sie unnachgiebig zurück.

Ich sage noch zu ihm: „Wie sollen wir uns eigentlich der Presse gegenüber verhalten?“

„Wieso?“

„Nun, wenn sich ein Reporter am Telefon meldet und ein persönliches Interview von uns will!“

„Ich würde ihn abwimmeln“, meint er lakonisch.

Wir verabschieden uns und Brunhilde geht direkt zu unserem Hausarzt, obwohl sie ihren Termin erst nachmittags hat. Ich laufe alleine zurück zu unserem Haus und blicke, als ich den Flur trete, sofort auf den Anrufbeantworter: Kein Anruf. Von innerer Unruhe angetrieben, marschiere ich die Treppe hoch und rufe nach Sabine. Aber ich erhalte keine Antwort.

Ich mache mir nun die Mühe, das gesamte Haus zu durchsuchen. Ich beginne auf dem Speicher und durchwühle den kompletten Dachboden. Dabei spüre ich die starke Prellung von letzter Nacht. Danach gehe ich die drei Zimmer im Obergeschoss und hinterher die Räume im Erdgeschoss durch. Ich blicke unter alle Betten, öffne sämtliche Schränke und Truhen. Kein einziges Plätzchen entgeht mir, in dem Sabine liegen könnte. Im Keller gibt es viele Möglichkeiten, sich irgendwo zu verstecken, oder etwas zu verstecken. Als ich mit meiner Arbeit schließlich in der Garage fertig bin, fühle ich mich etwas besser, obwohl ich nichts erreicht habe. Gar nichts. Aber eines steht wohl fest: Sabine befindet sich definitiv nicht in unserem Haus. Ich wundere mich jetzt im Nachhinein, dass uns Müller nicht aufgefordert hatte, das gesamte Haus auf den Kopf zu stellen. Aber sicherlich hätte er dies heute höchstpersönlich nachgeholt.

Ich gehe zurück in die Wohnküche, schenke mir eine Tasse Kaffee ein, und zünde mir eine Zigarette an. Oben, auf meinem Schreibtisch, liegt eine nicht erledigte Arbeit, die ich bis spätestens Sonntag fertig machen müsste. Wenn ich dies nicht tue - also, ohne triftigen Grund - werde ich vertragsbrüchig. Auch wenn ich den Leuten erzähle, wieso sich der Auftrag auf unbestimmte Zeit verschiebt, wäre ich diesen wichtigen Kunden für alle Zeiten los. Diese Geschäftspartner kennen keine Ausreden. Wer nicht so spurt, wie sie es vorgeben, fliegt. Ratz - Fatz - Ende. So ist das. Und nicht anders.

Ich mache mich also langsam nach oben auf und versuche, mich auf die Graphik zu konzentrieren: Es handelt sich um ein neues Haarshampoo, für das ich noch einen guten Namen brauche. Außerdem bin ich dafür zuständig, die weitere, graphische Werbung für dieses Produkt zu entwerfen. Ich überlege eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, aber mein Kopf ist leer. Und ich beschließe, diesen Auftrag abzugeben - an die Konkurrenz. Es ist mir momentan einfach nicht möglich, mich darauf zu konzentrieren. Ich bräuchte einen positiven, beeindruckenden Werbeslogan. So in etwa: Pflegen Sie Ihr Haar mit unserem neuen Flexi! Es wird es Ihnen danken! - Nein. Ich möchte mich nicht lächerlich machen. Lieber verzichte ich auf diesen Auftrag. Ich setze an meinem Faxgerät folgenden Text ab:

An die Geschäftsleitung! - Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir leider momentan aus privaten Gründen nicht möglich, den mir erteilten Auftrag hinsichtlich des neuen Shampoos für Sie durchzuführen. Ich hoffe, dass Sie sich bei Ihrer nächsten Auftragsvergabe aber trotzdem wieder für mich entscheiden. Verbindlichst, Ihr...“ - und ich setze das Fax ab. Senden...

Ich atme tief durch. Mir ist nun wesentlich wohler. Diesen zusätzlichen Druck im Hinterkopf hätte ich nicht länger ausgehalten. Brunhilde muss es ja nicht wissen. Andererseits wird sie sich vielleicht wundern, wenn ich momentan nicht arbeite. Ich beschließe, es ihr doch zu sagen, jedoch nur, wenn sie mich danach fragen sollte.

Kurz entschlossen werfe ich mich erneut in meine warme Jacke, ziehe die Stiefel an und marschiere los. Ziel: See. Versteht sich. Bevor ich das Haus verlasse, hole ich mir noch mein Nachtfernglas aus dem Schlafzimmer, stecke eine Schachtel Zigaretten und ein altes Sturmfeuerzeug ein, hinterlege Brunhilde einen kleinen Zettel mit dem Hinweis, wo ich bin, und verlasse das Haus. Auch mein Handy, das meistens auf meinem Schreibtisch liegt, stecke ich ein. Sicher ist sicher.

Auf dem Weg zum See gehen mir die unmöglichsten Ideen durch den Kopf: Ab morgen, Freitag, wird wie jedes Jahr, unser kleines Eisfest veranstaltet. Die Gemeindeverwaltung bzw. die Geschäftsleute werden höchstwahrscheinlich trotz des schlimmen Vorfalles auf dieses Ereignis nicht verzichten wollen. Zehn bis fünfzehn ansässige Händler (es können auch mehr sein!) werden dort - auf der östlichen Seite des Sees (immer am selben Platz seit Bestehen des Sees) - ihre weihnachtlichen Waren anbieten. Es gibt heißen Grog und köstlichen Weihnachtspunsch. Und man bekommt hier die wunderbarsten, selbstgemachten Lebkuchen. Dieses Eisfest dauert insgesamt nur drei Tage, also von Freitag bis Sonntag.

Eine fünfzigjährige Tradition!

Nun gut. Sollen sie ihre Buden doch aufbauen. Was stört es uns. Dieser kleine Markt hat ja mit dem Verschwinden von Sabine letztendlich nicht das Geringste zu tun. Außerdem müssen Brunhilde und ich ihn ja nicht besuchen. Nein. Das wäre ja wohl das Allerletzte. Die Leute würden mit den Fingern auf uns deuten: „Da! Seht sie euch an! Ihr kleines Mädchen ist wahrscheinlich tot, sie liegt sicherlich irgendwo erfroren in der Nähe des Sees, und die Alten stehen auf dem Weihnachtsmarkt und trinken Glühwein! Was sind das denn für gefühllose und niederträchtige Rabenel-tern! Treibt sie aus unserem Dorf! Hinaus mit diesem Gesindel!“

Ich erreiche den Groschensee. Majestätisch liegt er direkt vor meinem Auge. Eine Horde von Raben fliegt über den See hinweg. Wenn ich ein solcher wäre, könnte ich jetzt von oben alles überblicken. Gegen Abend werden sicherlich all die Verkaufsbuden aufgestellt, überlege ich. Aber da bin ich ja nicht mehr hier.

Ich betrete den verwaisten See und blicke mich um. Es ist völlig still hier draußen, und ich fühle mich irgendwie einsam. Kein sirrendes Geräusch ist im Augenblick zu vernehmen. Wenn wenigstens Brunhilde bei mir wäre! Ich beschließe, meine Suche an der unteren Seite des Sees zu beginnen. Ich laufe am Rand des Eises entlang und schlage dann die südliche Richtung ein. Mein Weg führt kreuz und quer durch den Wald. Hier befinden sich keine Gehwege, und so kommt es, dass ich mich nach der Sonne richte. Für einen alten Pfadfinder ist das wohl kein Problem. Ich entferne mich etwa einen bis eineinhalb Kilometer vom See und laufe einen großen Bogen. Immer, wenn sich der Wald lichtet, bleibe ich stehen und suche mit dem Fernglas die nähere Umgebung ab. Ich schlage einen Haken und laufe wieder zum See zurück. Nun nehme ich mir den westlichen Teil der Umgebung vor. Mit weit ausgreifenden Schritten geht es wieder durch ein Waldstück. Die Sonne fällt steil ins Holz und so mancher Schatten gaukelt mir etwas vor: Sofort nehme ich das Glas und schaue nach dem vermeintlichen Gegenstand. Aber es handelt sich meistens nur um einfache Schatten oder um irgend-welche Bodenerhebungen. Oder um große Ameisenhügel! Einmal sehe ich direkt vor mir ein junges Reh, das mich überrascht anblickt. Am liebsten würde ich es fragen, ob es ein kleines Mädchen gesehen hat...

Je länger ich durch die Gegend laufe, desto sicherer werde ich, dass mein Unterfangen sinnlos ist. Mein inneres Gefühl sagt mir, dass ich Sabine hier draußen, im zum Teil sehr dichten Wald, nicht finden werde. Nicht deswegen, weil ich sie nicht sehen kann! Nein! Eben, weil sich Sabine nicht im Wald aufhält. Sie liegt auch nicht irgendwo hier zwischen den riesigen Bäumen! Aber ich suche trotzdem weiter, um mein aufgewühltes Gewissen zu beruhigen. Immer wieder frage ich mich, wie sie aus unserem direkten Blickfeld hatte verschwinden können.

Und ich gebe mir - nein, uns - eine gewisse Mitschuld.

Je länger mein Fußmarsch andauert, desto bewusster wird mir, dass mich mein Gefühl nicht täuscht. Und genau diese Feststellung ist sehr ernüchternd. Sie ist erschreckend! Und so furchtbar ernst.

Mittlerweile spüre ich fast jeden Knochen: Der Sturz von letzter Nacht zeigt seine Wirkung. Egal. Ich marschiere trotzdem noch mehr als eine Stunde weiter und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, klingelt mein Handy. Ich erschrecke zutiefst, denn ich war völlig in düstere Gedanken vertieft:

„Münster?“

„Ich bin es.“

„Was ist, Brunhilde?“

„Nichts. Ich wollte nur wissen, wo du so lange bleibst!“

„Ich suche hier in den Wäldern.“

Es ist still am anderen Ende.

Sie überlegt.

Ich spüre es genau.

„Müller hat mich angerufen! Er möchte kommende Nacht mit dir auf den See gehen!“, erklärt sie mir.

„Warum das denn?“ Ich bin völlig überrascht.

„Das hat er mir nicht gesagt.“

„Und wann genau?“

„Um zweiundzwanzig Uhr wird er dich von zu Hause abholen.“

„Nimmt er seinen Hund auch mit?“

„Er sagte zwar nichts, aber ich denke schon.“

„Aber du bleibst zu Hause, ja?“

„Ja. Ich halte die Stellung und hoffe auf eine Entführung.“

„Ja, Brunhilde.“

Und sie beginnt, zu weinen.

Ich sage, um sie abzulenken: „Ich komme in einer guten halben Stunde heim. Mach bitte etwas zu Essen.“

„Ja, geht klar.“

Ich erlebte in meinem bisherigen Leben ja schon einige unangenehme Situationen, die äußerst negative Gefühle mit sich brachten, aber was uns hier passiert ist, ist mit nichts zu vergleichen. Vorbei sind all die Gedanken hinsichtlich Existenzsorgen, hinweg sind die Ängste, die wir uns in finanzieller Hinsicht machten. Wir sind wie paralysiert und denken nur noch an eines:

An das Leben von Sabine.

Oder an den Tod von Sabine.

Alles dreht sich ausschließlich um dies - und um nichts Anderes. All die täglichen Sorgen und Nöte sind wie weggeblasen. Nichts ist mehr wichtig, egal, worum es sich auch handelt. Und das bevorstehende Weihnachtsfest, auf das wir uns so sehr gefreut hatten, ist nur eine lästige, unumgängliche Nebensache. Ich überlege weiter: Wie wird es wohl mit Brunhilde werden, falls Sabine... verschwunden bleibt? Wird sie trübsinnig? Wird sie gar suizidgefährdet? Auch ich fühle in mir tiefste Trauer, obwohl ich noch gar nicht weiß, wie es wohl weitergehen wird. Ob sie noch lebt, oder nicht...

Vielleicht wird sie ja doch noch gefunden?

Jedenfalls sehe ich der kommenden Nacht - zusammen mit dem Kommissar - mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen. Was bezweckt er mit unserem gemeinsamen Ausflug auf den See? Und plötzlich komme ich dahinter: Er glaubt auch - genau wie wir - an unerklärliche Dinge. Er hat mir also meine Aussagen hinsichtlich des tiefen Eislochs und dem darunter scheinenden Licht doch abgenommen! Ihm ist klar geworden, dass ich kein Phantast bin! Dieser Mann denkt also auch in erweiterten Dimensionen! Wie gut für uns! Und ich hoffe innigst, dass wir bei unserer bevorstehenden, nächtlichen Besichtigung erneut dieses Licht unter dem Eis sehen... und diesen hohen, sirrenden Ton hören werden!

Als ich etwas später nach Hause komme, ist Brunhilde fix und fertig. Sie erzählt mir, dass Herr Dr. Stampfer sie gleich bis Silvester krankgeschrieben hätte, und ich frage sie, was denn daran so schlecht sei.

„Günter, du machst dir keinen Begriff, wie neugierig die Leute sind! Sogar im Wartezimmer haben mich die Menschen mit ihren Fragen gelöchert! Sie sind - durch die Bank - sensationslüstern! Manche taten zwar so, als ob sie Anteil nehmen würden, aber ich habe deutlich gespürt, dass dies nur eine Fassade war.“

„Ich glaube, das hast du dir nur eingebildet. Ich kann mir das nicht vorstellen.“

„Nein!“, schreit sie mich an. „Ich habe mir das nicht eingebildet! Wie die Geier hingen sie an meinen Lippen, und jeder wollte nur hören, wie schlecht es mir geht!“

„Ich bitte dich. Du musst das anders sehen: Wie würdest du dich denn verhalten, wenn irgendeine - von Leid geplagte Mutter - im Wartezimmer sitzen würde, von der du weißt, dass ihr Kind verschwunden ist?“

Sie schaut mich durchdringend an und sagt: „Jedenfalls wäre ich nicht so sensationsgierig, wie diese alten Schachteln.“

„Ich denke, dass alles, was man in solch einem Fall zu einem Betroffenen sagt, verkehrt ist.“

„Die Leute sind brutal. Eine Frau sagte, dass sie solch einen ähnlichen Fall kenne. Als ich sie fragte, ob man das Kind gefunden hätte, antwortete sie: Ja, es war grauenhaft verstümmelt. Man konnte es aufgrund seiner starken Verwesung nur noch an seiner DNA identifizieren.“

„Also, das finde ich auch äußerst geschmacklos. Vergiss die Leute. Wir müssen nur an uns denken.“

Sie schwenkt plötzlich um: „Ich bin ja gespannt, was Kommissar Müller mit dir heute Abend vorhat!“

„Ich meine, dass er mir all die Dinge nun glaubt, die ich ihm und Hintergruber erzählt habe.“

„Lassen wir uns überraschen.“

„Ja, lassen wir uns überraschen.“

Wir essen zusammen in der Küche und ziehen uns dann ins Wohnzimmer zurück. Und wir haben Beide ein schlechtes Gewissen, weil wir uns hier in diesem warmen, angenehmen Raum aufhalten dürfen. Es ist uns unmöglich, geistig abzuschalten. Aber wir versuchen, uns nicht gegenseitig zu nerven. Krampfhaft schneiden wir das ein oder andere Thema an, aber irgendwann führt jeder Gesprächsstoff wieder zum Ausgangspunkt zurück:

Zu Sabine.

Brunhilde klagt: „Weißt du noch, wie sie hier auf dem Teppich mit ihrem Bären gespielt hat?“

„Wir dürfen nicht in der Vergangenheit sprechen.“

„Vergangenheit, Vergangenheit. Sie ist nicht mehr hier bei uns!“

„Aber sie kommt vielleicht wieder!“

„Glaubst du denn daran, Günter?“

„Ja.“ (Ich lüge sie bewusst an, denn ich schwanke innerlich hin und her - wie ein Fähnchen im Wind)

Sie sagt: „Ich nicht.“

„Du glaubst nicht daran?“

„Es erscheint mir mittlerweile als ein Ding der Unmöglichkeit.“

„Vielleicht ist es doch eine Entführung?“

„Das kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen.“

Wir sind wieder einmal an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr vorwärts geht. Weder vorwärts, noch rückwärts. Es ist zum aus der Haut fahren.

Diese absolute Machtlosigkeit!

Dieses Verurteilt sein - zum Nichtstun!

Dieses schreckliche Abwarten!

Ich hole mir ein Bier. Ja, das muss jetzt sein. Das Telefon klingelt in unregelmäßigen Abständen. Jedes Mal erschrecken wir zutiefst, da wir noch immer auf eine Entführung hoffen, aber es sind nur unsere Verwandten, Freunde und die guten Bekannten. Sie versuchen, uns mit vielen Worten zu trösten, aber es gelingt ihnen nicht. Wir erwähnen kein einziges Wort von unseren übersinnlichen Vermutungen.

Brunhildes Eltern bieten sich an, für ein paar Tage zu uns zu kommen, und sie fragt mich, ob es mir recht wäre. Ich stimme selbstverständlich zu, und Brunhilde gibt mir ihre Mutter, die am Telefon ist:

„Junge“, sagt sie mitfühlend, „wir kommen morgen gegen Mittag zu euch. Bitte, macht euch keine Umstände. Wir bringen genügend Lebensmittel mit, damit ihr das Einkaufen nicht auch noch am Hals habt.“

Ich erkläre ihr freundlich, dass wir uns über ihren Besuch freuen würden und beende das Gespräch.

„Der Besuch deiner Eltern wird dir gut tun. Du kannst mit deiner Mutter spazieren gehen und Spiele machen. Und ich werde mich mit deinem Vater ablenken.“

„Spiele machen? Was denkst du denn von mir?“

Nachmittags melden sich am Telefon noch zwei große Zeitungen, die um einen persönlichen Termin bitten. Jedoch wir lehnen ab. Einer der beiden Sprecher versucht, uns klar zu machen, dass ein Interview auf der Suche nach Sabine behilflich sein könnte, jedoch wir sind nicht in der Lage, ein solches Gespräch zu führen. Außerdem versprechen wir uns nichts davon.

Als wir abends um kurz vor zwanzig Uhr den Fernsehapparat einschalten, fiebere ich in meinem Innersten schon dem Kommissar entgegen. Ich bin sehr gespannt, was er mit mir - dort draußen in der eisigen Nacht - auf dem See vorhat. Wir glotzen in die Röhre und die Sprecherin bringt zu unserer großen Überraschung gleich am Anfang der Nachrichten folgende aktuelle Meldung:

Sehr verehrte Zuschauer! Gestern Abend verschwand am Groschensee, der direkt an der Ortschaft Waldhütte in den Chiemgauer Alpen liegt, plötzlich das siebenjährige Mädchen Sabine M. Es war am frühen Nachmittag, als dies geschah. Sie befand sich inmitten anderer gleichaltriger und auch älterer Kinder, die mit ihr zusammen Schlittschuh liefen. Auch Sabines Eltern waren dort mit anwesend. Wie gesagt: Von einer Sekunde auf die andere war das Mädchen plötzlich verschwunden. Niemand hatte bemerkt, dass sie sich von der Gruppe der anderen Kinder entfernt hatte. Ein sofortiges Suchkommando der Bad Reichenhaller Polizei brachte leider keine weiteren Erkenntnisse. Auch ein deutscher Schäferhund der Polizei, der speziell auf Vermisstensuche abgerichtet ist, konnte das Mädchen nicht finden. Einige Kinder berichteten im Nachhinein davon, dass sie nach dem Verschwinden von Sabine beim Schlittschuhlaufen ein hintergründiges Sirren gehört hatten. Ein Kind erklärte seinen Eltern, dass es den Eindruck hatte, als ob dieser hohe Ton aus dem See gekommen war. Dies ist natürlich nicht möglich, aber die Polizei wird all den diversen Hinweisen gründlichst nachgehen. Wir bitten um Ihre Mithilfe! Wenn Sie die kleine Sabine in den letzten vierundzwanzig Stunden irgendwo gesehen haben, so rufen Sie bitte sofort Ihre nächste Polizeidienststelle an.“

Zwischen der Ansage wurde für längere Zeit Sabines Fotographie, die wir Hintergruber gebracht hatten, ganzseitig eingeblendet.

Die Sprecherin blickt hoch und man sieht, dass ihr jemand ein Blatt Papier reicht. Sie fährt fort:

Soeben bekommen wir die Mitteilung, dass ein zweites Kind auf dem See verschwunden ist. Es handelt sich um den vierzehnjährigen Ludwig S., der heute nachmittags, genau wie gestern, beim Schlittschuhlaufen am Groschensee bei Waldhütte war. Es kann natürlich möglich sein, dass das Abhandenkommen des Jungen in keiner Verbindung zu dem Verschwinden von Sabine steht. Wir werden, wenn wir mehr darüber wissen, ausführlichst darüber berichten.“

Brunhilde schaut mich an, und ich schaue sie an. Was soll man davon halten? Ob der Junge nur verspätet nach Hause kommt? Schließlich ist er schon vierzehn Jahre alt, und welcher Jugendliche kam noch nie zu spät nach Hause? Von ihm brachten sie (noch) kein Bild. Natürlich müssen die Verantwortlichen mindestens den morgigen Tag abwarten, bis sie sein Gesicht der Öffentlichkeit preisgeben. Das versteht sich von selbst. Ich überlege: Egal, wie es die Fernsehleute machen - es ist verkehrt.

„Ich habe die Befürchtung, Brunhilde, dass es sich bei diesem Ludwig um unser Pickelgesicht handelt!“

„Du meinst, dass er es ist?“

„Ja, es könnte sein. Auch er hieß Ludwig und war vierzehn Jahre alt. Sicherlich laufen auf unserem kleinen See nicht Dutzende vierzehnjährige Jungen herum, die Ludwig heißen.“

„Du hast recht. Er wird es schon sein. Wann kommen eigentlich meine Eltern?“

„Deine Mutter sagte mir vorhin, dass sie morgen gegen Mittag bei uns aufkreuzen werden.“

„War es richtig, dass wir ihnen zugesagt haben?“

„Aber natürlich.“

Ich bin innerlich ziemlich angespannt, und mein Blick wandert alle fünf Minuten auf die Armbanduhr.

„Sei doch nicht so aufgeregt, Günter. Was will der Kommissar schon machen?“

„Was er machen will? Genau das frage ich mich doch die ganze Zeit!“

„In einer Stunde kommt er.“

„Ja.“

„Nimm die andere Taschenlampe mit, und zieh dich warm an!“

„Ja. Mache ich.“

„Und vergiss dein Handy nicht!“

Vieles rast durch meinen geschundenen Kopf: Sicherlich stehen die kleinen Verkaufshäuschen schon auf dem See, wenn wir dort ankommen. Wenn die Polizei tatsächlich irgendwelche übernatürlichen Dinge in Betracht zieht, ist es von der Gemeindeverwaltung eigentlich unverantwortlich, das kleine Weihnachtseisfest trotzdem abzuhalten. Aber sicher sehen der Bürgermeister und seine Berater keinerlei Gefahr für die Leute. Nun ja, was soll denen auch schon groß passieren? Aber meines Erachtens steht der diesjährige Basar unter keinem guten Stern. Als ob Brunhilde meine Gedanken lesen könnte, sagt sie so nebenbei:

„Ich finde, dass man den Basar unter diesen Voraussetzungen hätte absagen sollen. Aber die Gier der Geschäftsleute ist eben nicht zu bremsen. Es ist ihnen sicherlich egal, dass hier - auf diesem See - vor einem Tag ein Mädchen abhanden gekommen ist. Ist es ihnen wirklich gleichgültig, dass hier eventuell ein Gewaltverbrechen geschah? Ja, es ist ihnen egal. Denn wenn sie etwas Pietät hätten, würden sie in diesem Jahr entweder auf den Umsatz verzichten, oder ihre Zelte woanders aufschlagen.“

„Ich bin ganz deiner Meinung, Brunhilde. Absolut.“

Ich bin irgendwie verbittert, genau wie Brunhilde. Und außerdem bin ich sehr, sehr traurig. Zugleich verspüre ich Zorn in mir aufsteigen. Der Mensch an sich ist doch wirklich ein Tier. Verflucht noch mal! Es geht ihnen nur um ihren Profit. Andererseits kann ich von all den Händlern - und auch von der Gemeindeverwaltung - nicht verlangen, dass wegen dieses Vorfalles das gesamte Dorf zu trauern hat.

Noch ist nichts entschieden.

Wie oft sahen Brunhilde und ich den Nachrichten, dass Eltern um ihre Kinder weinten, wenn diese entweder entführt, oder vergewaltigt und dann getötet wurden. Gut: Unsere Teilnahme war zwar vorhanden, aber sie hielt sich in Grenzen. Und wieso? Weil es uns nicht selbst betraf! Genau das ist der springende Punkt. Wenn es einen selbst erwischt, ist das Klagen groß. Eine Welt bricht plötzlich über einem zusammen, und man kann beim besten Willen nicht mehr klar denken. Man steht vor einer riesigen Wand und ahnt nicht im Geringsten, wie es wohl weitergehen soll...

Urplötzlich werde ich durch den Klang unserer schrillen Haustürglocke aus meinen Gedanken gerissen:

Kommissar Müller ist da.

Freundlich lächelnd steht er vor unserem Haus und ich schüttele ihm die Hand: „Guten Abend, Herr Müller.“

„Hallo, Herr Münster.“

„Ich muss mich nur noch schnell ankleiden. Kommen Sie doch bitte herein.“

Er tritt ein und sagt: „Schön haben Sie es hier.“

Brunhilde kommt aus dem Wohnzimmer und hält ihm traurig die Hand entgegen: „Mit Sabine wäre es noch viel schöner.“

„Ja, das verstehe ich“, sagt er ernst.

Sie taxiert ihn unauffällig (ich sehe es ganz genau): „Und? Wo haben Sie Ihren Hund gelassen?“

„Ich überlegte hin und her, was wohl besser wäre: Ihn mitnehmen, oder nicht. Aber ich kam dann zu dem Ergebnis, dass es wohl besser ist, wenn er zu Hause an seinem Platz bleibt.“

„Und wieso?“

„Weil er uns vielleicht stören würde. Durch seine Lautstärke!“ Er lacht.

„Sie halten ihn zu Hause?“

„Aber sicher.“

Sie meint: „Ich dachte immer, dass Polizeihunde in einem Gemeinschaftskäfig, zusammen mit anderen Artgenossen, sitzen.“

„Es wird ganz verschieden gehalten. Aber Benno gehört mir persönlich, und deswegen bleibt er auch bei uns.“

Ich mische mich ein: „Wir hörten vorhin im Fernsehen, dass ein weiteres Kind verschwunden ist.“

„Ja, so ist es.“ Er wirkt so, als ob er nicht gerne darüber sprechen würde.

Ich sage: „Somit fällt eine Entführung wohl aus.“

Er blickt mich durchdringend an und sagt: „Vorausgesetzt, die beiden Geschehnisse stehen in direktem Zusammenhang. Es könnte rein theoretisch möglich sein, dass der Junge von zu Hause ausgebüchst ist und vielleicht schon heute Nacht in sein Elternhaus zurückkehrt.“

Brunhilde sagt: „Glauben Sie daran?“

„Unter uns gesagt: Nein.“

„Und was denken Sie, Herr Kommissar?“ Ihr Blick klebt an seinen Lippen.

„Wir Kriminalbeamten haben nicht die Angewohnheit, bei einem aktuellen Fall zu mutmaßen. Wir müssen uns an Fakten halten, nur das zählt.“

„Fakten?“ Sie schaut ihn fragend an.

„Ja. Fakten, Fakten, Fakten. Diese Fakten werden systematisch zusammengetragen, zusammengesetzt, und irgendwann löst sich der Fall. Wie bei einem großen Puzzle. Sie verstehen.“

„Höhere Mathematik?“

„So könnte man es wohl auch nennen, Frau Münster.“ Er lächelt.

Ich hake nach: „Nun mal von Mann zu Mann: Wissen Sie schon etwas Genaueres über den verschwundenen Ludwig?“

Überrascht blickt er mich an: „Sie kennen ihn?“

„Nun, Brunhilde und ich haben den Jungen gestern Nachmittag kennen gelernt. Unten am See. Natürlich vorausgesetzt, dass es sich um diesen kleinen Ludwig handelt. Er war mit einem gleichaltrigen Freund namens Dieter Schlittschuhlaufen und die beiden Jungen sagten, dass sie Sabine von der Schule her kennen würden.“

Misstrauisch fragt er mich: „Zwei Vierzehnjährige und eine Siebenjährige?“

Brunhilde meint: „Ja. Wir haben uns auch ein wenig gewundert. Aber die Jungen erklärten, als wir sie danach fragten, dass sie sich vom Schulhof her kennen würden.“

Der Kommissar sagt: „Sie werden es ja sowieso erfahren: Der Junge heißt Ludwig Schrott, und sein Elternhaus steht im Norden von Waldhütte. Sein Freund heißt Dieter Engel. Auch er lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in Waldhütte.“

Ich frage ihn: „Was meinen denn Ludwigs Eltern zu seinem Verschwinden?“

„Darüber möchte ich jetzt nichts sagen. Ich habe Ihnen sowieso schon zuviel erzählt. Sie werden ja über die Presse mehr erfahren."

Nun gut. Er zieht seine Grenzen. Wir verstehen es. Schließlich unterliegt er über alle Geschehnisse in einem laufenden Fall absoluter Schweigepflicht.

Plötzlich, ohne die geringste Vorwarnung, nimmt Brunhilde den wartenden Kommissar am Arm und sagt:

„Herr Müller, glauben Sie an übersinnliche Kräfte?“

Ohne zu zögern, antwortet er: „Ja. Das tue ich.“

Sie atmet tief durch: „Und deswegen gehen Sie jetzt mit Günter zum See hinunter, nicht wahr?“

„Ja, das ist der Hauptgrund. Wir wollen und müssen wissen, was sich dort unten - gerade nachts - tut. Wie es scheint, stimmt an unserem See irgendetwas nicht.“

„Derselben Meinung sind wir auch.“

„Ist der Bär wieder zum Vorschein gekommen, Frau Münster?“

Sie zuckt zusammen und stöhnt: „Nein.“

„Sind wieder Wasserspuren von Schlittschuhen in Ihrem Haus aufgetaucht?“

„Nein. Nein.“

Er fragt mich: „Haben Sie das Haus gründlich durchsucht?“

Brunhilde ist völlig durcheinander: „Wegen des Bären?“

Müller antwortet nachsichtig: „Nein. Wegen Sabine. Sie könnte sich ja irgendwo versteckt halten!“

„Versteckt halten?“ Brunhilde ist völlig durch den Wind geblasen, wie es scheint.

Ich bin mittlerweile endlich komplett angekleidet. Außerdem habe ich mir noch eine kleine Spitzhacke aus meinem riesigen Werkzeugkasten, sowie eine neue Taschenlampe, Zigaretten und zwei kleine Fläschchen Rum geholt. Zum Aufwärmen. Versteht sich. Und ich habe ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Obwohl ich jetzt weiß, warum der Kommissar mit mir zum See gehen will, habe ich diese seltsame Empfindung. Wieso? Weil ich mir einfach nicht sicher bin, ob er nicht doch noch eine Überraschung auf Lager hat. Und plötzlich, ganz plötzlich, wird mir siedend heiß: Was ist, wenn die Polizei etwas ganz anderes vermutet?

Was ist, wenn sie uns in Verdacht haben?

Es könnte ja sein!

Die Beamten müssen schließlich alle Möglichkeiten in Betracht ziehen! Aber ich verwerfe den Gedanken sofort wieder, weil er mir ganz einfach als zu abstrakt erscheint. Jedoch der Beamte hat gemerkt, dass in mir etwas Schlimmes vor sich geht.

Er sagt völlig harmlos: „Geht es Ihnen soweit gut, Herr Münster?“

„Nun ja, es ging mir schon mal besser.“

„Lassen Sie uns gehen.“

Der nächste irre Gedanke macht sich meinem Gehirn breit: Hat dieser vierzehnjährige Junge vielleicht doch etwas mit dem Verschwinden von Sabine zu tun? Nein. Unmöglich. Denn er war ohne Unterbrechung auf dem See, als Sabine verschwand. Genau wie sein Freund Dieter. Diese Vermutung scheidet also auch aus...

Wir verlassen unser Haus. Fast gemächlich laufen wir zu unserem ehemals so geliebten See hinunter. Unsere starken Taschenlampen leuchten den unübersichtlichen Weg aus. Die Strahlen huschen hin und her, auf und ab. Und wir schweigen. Unsere Erwartungshaltung ist stark. Was hat er wohl vor, der gute Kommissar? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was er beabsichtigt...

Schon aus hundert Metern Entfernung können wir erkennen, dass all die bunten Verkaufsholzhäuschen in einem weiten Bogen - auf dem Eis - aufgestellt sind. Die Händler waren fleißig. Dem Eisfest, das morgen Vormittag beginnt, dürfte also nichts mehr im Wege stehen.

Der Kommissar sagt leise: „Man hätte das Eisfest absagen sollen.“

„Das finden wir auch.“

„Aber so ist das Leben.“

Übergangslos frage ich ihn, weil ich es fast nicht mehr aushalte: „Und? Was haben wir jetzt vor?“

„Wir gehen zusammen aufs Eis hinaus. Etwa in die Mitte des Sees.“

„Ja, und?“

„Wir werden ein Loch ins Eis hauen.“ Er zeigt mir sein großes Klappmesser.

Ich sage: „Ich habe es geahnt. Schauen Sie hier!“ Und ich zeige ihm meine kleine, handliche Spitzhacke.

Er grinst: „Ja, dieses Werkzeug ist natürlich wesentlich geeigneter als mein Messer.“

Ich überlege: Ja, ich gebe ihm die Spitzhacke. Soll er doch bohren! Ich bin ja schließlich nicht sein Knecht! Ich reiche ihm die Hacke und er nimmt sie an sich.

Er schaut mich an und sagt: „Darf ich Sie um etwas sehr Persönliches bitten?“

„Ja, um was denn?“

„Bitte schildern Sie mir Ihre innersten Gefühle und persönlichen Eindrücke. Egal, was passiert.“

„Was soll denn schon passieren?“

„Nun, normal ist es ja nicht gerade, wenn man unter dem Eis Licht sieht, oder?“

„Ja, ja...“

Wir kommen nun direkt zum See und genau in dem Moment, als ich das Eis betrete, verändern sich meine innersten Gefühle schlagartig zum Negativen. Aber ich sage nichts. Ich möchte ja schließlich nicht als hysterisch gelten! Ich betrachte den Kommissar, dessen Zigarette sein Gesicht etwas erleuchtet. Es wirkt sehr angespannt. Ja, dies ist mein Eindruck. Das Gehirn dieses Mannes läuft auf Hochtouren, aber er hat sich gut im Griff. Er hat ein gut geschnittenes, markantes Gesicht, dieser Kommissar! Und er wirkt auf mich unheimlich zäh. Wie altes Leder.

Wir laufen zwischen zwei Hütten hindurch und befinden uns nun auf der freien Eisfläche. Und wir bleiben plötzlich wie angewurzelt stehen: Dieser hohe, feine Ton erklingt. Ganz langsam schwillt er an, und dann wieder ab. Ich horche angestrengt: Der Ton hat sich etwas verändert. Er ist eine Nuance tiefer als beim letzten Mal. Am liebsten würde ich jetzt gleich die beiden Fläschchen Rum austrinken und umdrehen. Eine blöde Idee, dieser nächtliche Ausflug auf das Eis! Glaubt er wirklich an übernatürliche Kräfte? Nun, Brunhilde und ich sind davon überzeugt, dass es solche gibt!

Müller blickt mich von der Seite eindringlich an und sagt: „Dieser unheimliche Ton!“

„Ja, er ist wirklich sehr schaurig.“

„Wie fühlen Sie sich, Herr Münster?“

„Schlecht.“

„Haben Sie auch ein gewisses Beklemmungsgefühl?“

„Ja.“

„Glauben Sie, dass Sie den See neutral betrachten können?“

„Sie meinen, wegen Sabine?“

„Ja.“

„Natürlich sehe ich ihn subjektiv. Eine objektive Betrachtung ist mir momentan nicht möglich.“

Er sagt: „Woher wohl dieser hohe Ton kommt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und Sie haben letzte Nacht tatsächlich Licht im See gesehen?“

„So deutlich, wie ich Sie jetzt gerade neben mir sehe.“

„Sie haben also nicht überreagiert? Ich meine, wegen der körperlichen und psychischen Belastung während des Bohrens.“

„Nein.“ Meine Antwort ist klar.

Wir laufen etwas weiter. Ein kalter Wind zieht langsam über den See. Das Sirren hält an. Auf - ab, auf - ab. Der See liegt dunkel und gewaltig vor und unter uns. Er wirkt gerade nachts wesentlich größer als am Tag. Und irgendwie stark und bedrohlich. Hundert Gedanken überschlagen sich in meinem Gehirn. Es sind durchwegs negative Ideen. Ich spüre, wie unwohl sich auch Kommissar Müller bei unserem nächtlichen Ausflug fühlt. Ich frage ihn:

„Haben Sie auch eine solche Angst, Herr Müller?“

Ohne lange zu überlegen, antwortet er: „So könnte man es wohl nennen. Dieser See strahlt etwas Düsteres, Unwirkliches aus. Es kommt mir so vor, als ob hier etwas ganz Schreckliches geschieht.“

„Was denn?“

„Ich kann es nicht beschreiben. Aber dieser See, der uns Allen in den letzten fünfzig Jahren nur Freude brachte, hat sich zusehends verändert.“

„Finden Sie, ja?“

„Ja. Das finde ich.“

Wir nähern uns langsam der Seemitte. Der Kommissar flüstert: „Hier haben Sie also gebohrt, ja?“

„Wieso flüstern Sie?“, frage ich ihn.

„Das habe ich gar nicht gemerkt.“ Er hüstelt verlegen.

„Ja, hier ungefähr habe ich dieses große Loch gebohrt.“

„Dann werden wir jetzt noch ein Loch bohren. Ich glaube, Ihr Werkzeug ist besser als meines.“

Er geht in die Knie und beginnt mit der Spitzhacke zu arbeiten. Ich beobachte ihn dabei von oben und bin plötzlich davon überzeugt, dass das Eis nach zwölf oder dreizehn Zentimetern nicht durchschlagen sein wird. Und ich soll recht haben: Müller atmet schwer, und er schlägt ununterbrochen in das knochenharte Eis. Er flucht und das Loch wird, wie gesagt, im Durchmesser automatisch immer größer, aber kein Tropfen Wasser zeigt sich.

„Verflucht!“, schimpft er drauflos.

Ich stehe über ihm und leuchte mit der Taschenlampe in das Loch.

„Es ist genau so, wie es letzte Nacht auch bei mir war, Herr Müller.“

„Gut, dass wir diesen Test machen. Denn es klang doch etwas merkwürdig. Finden Sie nicht auch?“

Und dann geschieht etwas, womit wir beide nicht gerechnet hatten: Die ängstlichen Gefühle, die wir seit dem Betreten des Eises zeigten, verstärken sich. Urplötzlich. Eine Welle von unsichtbarer, komprimierter Gewalt umgibt uns. Ich sehe es Müllers erstauntem, ja, halb erstarrtem Gesicht an, als er mich kurz von unten anschaut.

„Was ist denn jetzt los, Herr Münster? Spüren Sie es auch?“

„Ja. Allerdings. Der gesamte See wirkt plötzlich so ungemein gefährlich auf mich. Ich kann kaum atmen.“

„Solch ein Gefühl hatte ich noch nie, solange ich lebe.“, antwortet er verstört.

Es ist unglaublich, dass dieser starke, selbstbewusste Mann plötzlich eine solche Angst verspürt. Man kann diese Welle nicht erfassen. Wie ein plötzlicher Windstoß umgibt uns dieses unerklärliche Etwas. Und ich frage mich plötzlich, ob wir uns das alles nur einbilden. Es kann doch nicht sein, dass völlig unverhofft und ohne Grund ein solch negatives Gefühl bei uns entsteht. Solche miesen Gefühle entstehen normalerweise nur durch die eigenen Gedanken, die man hegt. Es kann nicht möglich sein, dass etwas Unbekanntes, Imaginäres, das man weder sehen, fühlen, hören, schmecken oder riechen kann, unsere Sinne dermaßen beeinflussen.

Dieses Etwas umschlingt uns!

Es dringt in uns ein!

Müller schlägt trotzdem tapfer weiter und sagt: „Auch wenn Sie mich auslachen, aber ich habe eine Scheißangst.“

„Ich auch.“

„Aber wovor haben wir denn eine solche Angst?“ Er blickt wieder nach oben zu mir.

„Es ist nicht zu erklären. Und es ist auch für mich völlig neu, eine solche Empfindung zu haben.“

„Der gesamte See strömt etwas aus, was uns eine panische Angst bereitet.“

„Ja. So ist es.“

Er holt ein Metermaß heraus und misst: „Achtundvierzig Zentimeter. Stellen Sie sich das mal vor!“

„Das brauche ich mir nicht vorzustellen. Ich habe es letzte Nacht ja selbst erlebt. Es. Dieses Eisphänomen.“

Er schwitzt, stöhnt und knurrt: „Ich werde weiter schlagen. Ich muss wissen, wie dick das Eis ist.“

Und ich antworte: „Soll ich Sie ablösen?“

„Lassen Sie nur. Wenn ich nicht mehr kann, sage ich es Ihnen schon.“

Ich sage etwas unsicher: „Ich sehe heute kein Licht unter dem Eis.“

Er antwortet nicht.

Und er schlägt weiter.

Die kleinen Eisbröckchen fliegen rings um uns und glitzern leicht im Mondschein, und der Himmel ist völlig klar. Und wir spüren nun nicht mehr den geringsten Windhauch.

Müller schuftet immer weiter. Ich messe nach: Dreiundsechzig Zentimeter. Etwas später: Einundsiebzig Zentimeter.

Und Müller sagt: „Es kommt mir so vor, als ob uns irgendeine geheimnisvolle Kraft, die aus dem See kommt, festhalten will.“

„Genau dasselbe verspüre ich auch. Ich kann es nicht erklären, aber dieser angstvolle Zustand ist nahezu unerträglich. Ich sage Ihnen: Ich bin heilfroh, wenn wir wieder von hier wegkommen.“

Von einer Sekunde auf die andere wird es still. Der hohe, unheimliche Ton verstummt. Und es wird so ruhig, dass man es kaum beschreiben kann. Man könnte fast meinen, dass es hier in den Chiemgauer Alpen - und überhaupt - keine Geräusche gibt. Keine! Dass wir in einer völlig stillen Welt leben. Aber das ist natürlich Unsinn. Ich getraue mich aber nicht, diese Ruhe mit auch nur einem einzigen Wort zu stören. Wir empfinden schreckliche Angstgefühle. Fast andächtig schauen wir uns um. Und plötzlich flüstert mir Müller, der sich gerade aufgerichtet hat, sehr, sehr leise ins Ohr:

„Schauen Sie mal in westliche Richtung. Sehen Sie dort hinten auch einen Schatten auf dem Eis?“

Ich drehe mich um und antworte: „Ja, dort, fast am Ende des Sees, läuft jemand Schlittschuh.“

Er packt mich am Arm, dass es fast schmerzt, und zischt: „Wir müssen sofort hin! Kommen Sie!“

Wir setzen uns vorsichtig in Bewegung. Wie kann es möglich sein, dass jemand um dreiundzwanzig Uhr völlig alleine in Dunkelheit auf unserem See Schlittschuh fährt? Das kann doch gar nicht sein! Oder täuschen wir uns? Ich starre durch die Dunkelheit und versuche, zu erkennen, ob es ein Erwachsener oder aber ein Kind ist. Müller hat darauf bestanden, dass wir unsere Taschenlampen ausschalten, und so kommt es, dass unsere Sicht sehr eingeschränkt ist.

Er faselt etwas wie: „Wir dürfen die Person nicht erschrecken!“

Am liebsten würde ich lauthals „Sabine! Sabine!“ brüllen, aber ich halte mich mühevoll zurück. Der Beamte liegt sicherlich richtig, wenn er sagt, dass wir vorsichtig sein müssen. Wenn wir heute keinen solch vollen Mond hätten, dann wäre uns dieser Schlittschuh laufende Mensch dort hinten, der sich in etwa zwei- bis dreihundert Metern von uns entfernt bewegt, völlig entgangen.

Müller sagt leise: „Vielleicht ist es der vermisste Ludwig!“

„Oder Sabine.“, krächze ich. Ich denke, mir platzt der Schädel.

Wir nähern uns der Person und erkennen, dass es sich tatsächlich um ein Kind handelt. Es ist ein Junge, aber er ist immer noch sehr schwer zu erkennen. Ich werfe einen kurzen Blick zu Müller. Gerade will er ansetzen, zu rufen, als diese Person direkt vor unseren Augen verschwindet. Von einer Sekunde auf die andere. Wir rennen los. Müller verliert das Gleichgewicht und knallt auf das harte Eis. Er flucht erbärmlich. Ich laufe weiter und habe jetzt die Stelle erreicht, an der sich das Kind zuletzt - noch vor fünfzehn oder zwanzig Sekunden - befand. Ich schalte meine Taschenlampe ein und durchleuchte die gesamte Stelle. Wohin kann es verschwunden sein? Ein Ding der Unmöglichkeit! Ein Mensch kann sich nicht in Luft auflösen! Und ich schreie völlig enthemmt über das dunkle, glatte Eis:

„Sabine! Sabine! Sabine!

Kind! Wo bist du?“

Es kommt mir jetzt zusätzlich noch so vor, als ob mich dieser elende See auslachen würde. Ja! Genau so empfinde ich es. Müller hat mich mittlerweile auch erreicht und ächzt:

„Dieser See macht sich über uns lustig!“

„Ja. Er spielt mit uns Katz und Maus!“

„Sie haben auch dieses Gefühl, ja?“

Und plötzlich verschwindet bei uns beiden dieses unerträgliche Angstgefühl. Es ist wie weggeblasen, und wir schauen uns verwirrt an. Er sagt:

„Spüren Sie es auch?“

„Ja, es ist weg.“

„Wer kann das gewesen sein? Es war jemand hier. Schließlich haben wir Beide diese Person gesehen! Nicht wahr, Herr Münster?“ Er zweifelt offensichtlich an sich selbst!

„Ja. Aber sicher.“

„Kommen Sie. Es wäre jetzt sinnlos, nach dem Schlittschuhläufer zu suchen.“

„Herr Müller, ich fühle mich von dieser Person irgendwie hintergangen.“

Und er schimpft: „Hätte ich nur Benno mitgenommen. Er hätte den Jungen gestellt.“

„Meinen Sie, ja? Ich bezweifle es.“

„Ja?“

„Vielleicht war es ja dieser Ludwig!“

Er übergeht meine Vermutung und sagt: „Ich möchte noch ein bisschen an dem Loch weiterarbeiten. Ich muss wissen, wie dick dieses gottverdammte Eis ist.“

Und ich antworte: „Ist Ihnen eigentlich klar, dass das Eis tagsüber normal dick ist, also maximal fünfzehn Zentimeter, und es nachts unerklärlicherweise ungemein stark wird?“

Er fasst sich an den Kopf und meint: „Wenn ich das meinem Vorgesetzten erkläre, lässt er mich suspendieren.“

„Vergessen Sie es. Sie haben schließlich mich als Zeugen. Außerdem kann er sich ja gerne in einer der kommenden Nächte selbst davon überzeugen, dass es hier draußen, auf unserem ehemals so geliebten Groschensee...

... spukt.

Ja! Es spukt hier! Oder sehen Sie das Ganze anders?“

Betroffen blickt er mich an und meint: „Ja. Sie haben recht. Hundertprozentig. Es spukt hier wirklich!“

Ich greife in meine Tasche und reiche ihm eines der beiden Rumfläschchen: „Auf Ihr Wohl, Herr Kommissar!“

„Auf Ihres, Herr Münster.“

Wir laufen zurück zur Mitte des Sees und Müller beginnt erneut, das Loch zu bearbeiten, dessen Durchmesser mittlerweile bestimmt schon knapp einen Meter beträgt. Als wir schließlich bei einhundertzehn Zentimetern Eisstärke ankommen, hat er die Schnauze voll.

„Mir reicht es.“, schimpft er wütend. Er ist völlig außer Atem.

„Mir auch. Ich erfriere fast.“

„Einhundertzehn Zentimeter!“

„Es ist nicht zu fassen.“

Er meint: „Ich sehe aber kein Licht unter dem Eis.“

„Ich auch nicht.“

„Was geht hier vor sich?“

„Das kann ich nicht beurteilen.“

Und plötzlich sagt er: „Mal ganz offen - unter uns: Was denken Sie, wo sich Sabine befindet?“

„Da bin ich - ehrlich gesagt - überfragt.“

„Machen Sie sich wegen des Sees keine Gedanken?“

„Wie meinen Sie das?“

„Wenn es hier auf diesem Scheusal von See irgendeine unerklärliche Macht gibt, so könnte es doch sein, dass das Verschwinden von Sabine mit dieser Kraft irgendetwas zu tun hat.“

„Wenn Sabine dadurch am Leben wäre, hätte ich gar nichts dagegen.“, sage ich ungerührt.

„So gesehen, stimme ich Ihnen zu. Egal, was geschehen ist: Hauptsache ist, dass Sabine noch am Leben ist.“

„Sie meinen also, dass irgendeine, für uns nicht verständliche Macht, unsere kleine Sabine zu sich geholt hat?“

„Vielleicht ist sie unbewusst und unabsichtlich mit dieser Kraft in Berührung gekommen!“

„Meinen Sie, ja?“ Ich schaue ihn etwas blöde an.

Er gibt zurück: „Und wie erklären Sie sich unseren Schlittschuhläufer?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es ist mir auch nicht verständlich, dass ein Mensch von einer Sekunde auf die andere verschwinden, sich sozusagen in Nichts auflösen, kann.“

„Sabine ist doch auch direkt vor Ihren Augen verschwunden. Sogar die Kinder, die um sie herum waren, sahen nicht, wie dies geschehen konnte.“

„Ja. Das stimmt.“

„Sie wissen, dass sich Kommissare im Allgemeinen haargenau an Fakten und Daten halten. Halten müssen! All meine bisherigen Fälle wurden durch Präzision und Beharrlichkeit gelöst. Aber dieser Fall ist mit keinem anderen zu vergleichen. Hier gelten offensichtlich ganz andere Regeln.“

Die Regeln der Geister!“, antworte ich.

Er wirkt völlig perplex. Und überfahren. Aber er schweigt. Und ich kann mir an allen zehn Fingern ausmalen, dass er mir innerlich zustimmt. Hier gelten die Gesetze des Übernatürlichen. (Die unfassbaren Kräfte überirdischer Mächte.)

Und wir müssen uns unterordnen.

Wir kleinen Menschen.

Genau so ist das.

Und nicht anders.

Ich frage ihn von der Seite, als wir Schulter an Schulter über den See zurückmarschieren - hin zu den gespenstisch wirkenden Holzhütten - was er denn als Nächstes vorhat. Er schüttelt nur den Kopf, und erklärt mir, dass ich ihn etwas Leichteres fragen soll.

„Gleich morgen Früh werde ich unseren neuen, jungen Mitarbeiter Maximilian Springer, der aus Bad Reichenhall abgeordert wurde, um sich um all die Hinweise aus der Bevölkerung zu kümmern, zum See schicken. Er soll unser Loch überprüfen. Ich bin ja gespannt, was er mir berichten wird.“

„Wahrscheinlich wird er kein Loch finden, Herr Müller.“

„Ja, das befürchte ich auch. Es wäre natürlich interessant, zu wissen, wie sich dieses große Loch so schnell schließen kann. Aber zu dieser langwierigen Beobachtung habe ich erstens keine Zeit, und zweitens keine Muße.“

„Das verstehe ich voll und ganz.“

„Und wie sind Ihre weiteren Pläne?“

„Ich habe keine Pläne.“

„Aber Sie müssen doch arbeiten!“

„Ich muss gar nichts. Nur sterben.“

„Sie denken ans Sterben, Herr Münster?“ Misstrauisch blickt er mich an.

„Aber nein.“

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

„Ich bin selbständiger Designgraphiker.“

„Ach ja. Ich hörte davon. Kann man denn davon leben?“

„So recht und schlecht.“

„Ihre Frau ist Kindergärtnerin, nicht wahr?“

„Ja. Sie ist aber seit gestern krankgeschrieben.“

„Das ist ja wohl klar.“

Wir laufen den Weg zurück und sind heilfroh, dass wir unsere Taschenlampen bei uns haben. Als wir noch etwa dreihundert Meter von unserem Haus entfernt sind, sagt Müller:

„Ich bin ja gespannt, ob dieser Junge namens Ludwig wieder nach Hause gekommen ist.“

Ich antworte wie aus der Pistole geschossen: „Das glaube ich nicht.“

Er bleibt stehen und sagt: „Und wieso nicht?“

„Weil ich denke, dass ihn dasselbe Schicksal ereilt hat wie unsere Sabine.“

Schicksal?“

„Ja. Schicksal. Ich meine, dass auch er von diesem furchtbaren See - sagen wir mal... - vereinnahmt wurde.“

„Vereinnahmt. Ein gutes Wort. Gerade in diesem speziellen Fall.“

Ich taxiere ihn, und frage mich, ob er wohl das Gleiche meint wie ich.

Er sagt: „Sollen wir einen Taucher einsetzen?“

„Das halte ich für unsinnig. Denn man kann diese ganze Geschichte nicht mit normalen Maßstäben messen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich denke, es wäre der endgültige Untergang dieses Tauchers. Der See würde ihn nicht mehr freigeben.“

„Sie denken also in absolut höheren Dimensionen.“

„Ja. Das tue ich, Herr Kommissar. Genau wie Sie!“

„Somit können wir uns also auch die Fangschaltung an ihrem Telefon ab sofort ersparen.“

„Ja. Denn diese Mächte telefonieren nicht.“

„Und was würden Sie vorschlagen?“

Verwundert blicke ich ihn an: „Wie - vorschlagen?“

„Was sollen wir als Nächstes tun? Wir können es doch nicht so einfach hinnehmen, dass zwei unserer Kinder verschwunden sind!“

„Ja, ja, natürlich. Ich weiß nicht, was als Nächstes zu tun ist.“

„Sie sind also auch ratlos?“

„Ja.“

„Was würden Sie an meiner Stelle tun?“

„Den See beobachten.“

Er blickt mich fragend an: „Sollen wir ihn fürs Schlittschuhlaufen sperren?“

„Das wäre angebracht. Aber, ob sich die Kinder davon abhalten lassen?“

„Lassen wir es dahingestellt.“

„Unabhängig davon bin ich mir sicher, dass diese Kräfte, die dort draußen sind, sich von nichts abhalten lassen. Am allerwenigsten von einem lächerlichen Verbotsschild! Oder auch von mehreren!“

„Sie meinen, dass jeder einzelne Mensch, der sich in die Nähe des Sees wagt, in Gefahr ist?“

„So könnte man es wohl auch ausdrücken.“

„Dann müssten wir einen regelrechten Sperrbezirk einrichten, Herr Münster! Rings um den gesamten See!“

„Ja. Richtig.“

Er schaut etwas unschlüssig: „Das muss ich mir noch überlegen.“

„Man müsste somit auch das Eisfest abblasen.“

„Sie glauben...“

„Ja. Es wird bestimmt den ein oder anderen geben, der nicht nur an den Buden bleibt, sondern auch über den See laufen wird.“

Und plötzlich klatscht er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und sagt: „Ich bin inzwischen der festen Meinung, dass nur Kinder in Gefahr sind.“

„Da stimme ich Ihnen im Großen und Ganzen zu“, antworte ich.

„Sie stimmen mir zu?“

„Wenn ich es mir recht überlege: Voll und ganz, Herr Kommissar.“

Erst jetzt wird uns die Tragweite dessen bewusst. Dieser Teufelssee ist auf unsere Kinder aus! Bei uns Erwachsenen verursacht er nachts eine Höllenangst ein, wenn wir ihn betreten. Die Folge ist, dass wir es in Zukunft tunlichst vermeiden, den gefrorenen See zu besuchen. Tagsüber zeigt er diese übernatürlichen Kräfte nicht.

Nur nachts.

Besser gesagt: Wenn es dunkel wird.

Erst dann tritt er in Aktion.

„Glauben Sie nicht, Herr Müller, dass wir Beide uns in etwas verrennen, was es gar nicht gibt? Nicht geben kann?“

„Auf dieser Erde geschehen solch merkwürdige Dinge, dass mich fast nichts mehr erschüttern kann“, antwortet er.

„... nichts mehr erschüttern kann“, echoe ich ihn nach.

Freitag, 17.12.

Brunhilde ist natürlich noch wach, als ich gegen Mit­ternacht nach Hause komme. Ich spüre jeden Kno­chen, obwohl ich Müller bei seiner körperlichen Ar­beit ja gar nicht geholfen hatte. Ich erkundige mich, ob ein Anruf eingegangen sei, aber sie verneint:

„Es war wieder einer dieser neugierigen Reporter am Telefon, Günter. Aber ich habe ihn abgewimmelt.“

„Gut gemacht.“

„Er wollte bei uns vorbeikommen!“

„Das wäre ja noch schöner!“

Sie will wissen, was wir auf dem See erlebt haben, und ich erzähle ihr, dass Müller ein sehr aufgeschlos­sener Mensch sei. Auch berichte ich ihr von dem unheimlichen, nächt­lichen Schlittschuhläufer, bei dem es sich unserem Erachten nach um einen Knaben handelte.

„Vielleicht war es dieser Ludwig?“, meint sie nach­denklich.

„Ja, es könnte sein.“

„Ich bin mir fast sicher, dass er es war.“

„Dann müsste aber Sabine auch...“

„Wer weiß“, sagt sie leise.

„Brunhilde, ich bin todmüde. Lass uns schlafen ge­hen.“

„Ja, das machen wir.“

„Ich nehme vorsichtshalber das Telefon mit.“

„Ja, tu das.“

Ich bin überrascht, dass Brunhilde nahezu nicht über Sabine spricht. Aber ich weiß, worauf dies zurück­zuführen ist: Es ist ein Schutzschild für ihre furcht­bar verletzte Seele. Ja, es stimmt: Je mehr wir über unser kleines Mädchen reden würden, desto weiter würden unsere Wunden aufreißen.

In dieser Nacht schlafen wir Beide sehr schlecht. Je­de halbe Stunde werde ich wach, weil Brunhilde ent­weder laut aufstöhnt oder wirre Sätze spricht.

Am nächsten Tag erscheinen gegen Mittag meine Schwiegereltern in ihrem alten, roten Peugeot bei uns. Sie wirken geknickt - besonders er. Das kann man schon sehr deutlich erkennen, als sie aus ihrem Auto aussteigen, ihre beiden kleinen Koffer heraus­holen und langsam an unsere Haustür gehen. Wir begrüßen sie herzlich und bitten sie, einzutreten.

Sofort versucht Beate, meine Schwiegermutter, (eine mehr als theatralische Person) ihre Tochter psychologisch zu bearbeiten. Sie versucht, ihr möglichst schonend beizubringen, dass das Leben auch ohne Sabine weitergehen muss. Da sie jedoch von Psychologie nicht die geringste Ahnung hat, mi­sche ich mich gleich in das erste Gespräch ein, indem ich freundlich sage:

„Beate, wir glauben fest daran, dass Sabine noch am Leben ist.“

„Aber natürlich!“, flötet sie theatralisch. „Das sagte ich doch!“

Brunhilde antwortet: „Entschuldige, aber du hast genau das Gegenteil gesagt.“

„Aber ich habe es doch ganz anders gemeint! Man sollte sich nur immer auf das Schlimmste gefasst machen!“

Heinz lästert: „Ich weiß, wie posi­tiv du denkst, Beate. Also, lass es gut sein.“ Er zwin­kert mir zu.

Und sie wirkt empört.

Heinz ist mir persönlich hundert Mal sympathischer als meine Schwiegermutter. Er ist das genaue Gegenteil von seiner Frau. Sie singt in Rosenheim, wo sie wohnen, in einem Kirchenchor. Er ist ein ruhiger, bedächtiger Mann, der ein hartes Berufs­leben hinter sich hat. Er war Generalvertreter für Staubsauger und hatte dabei sicherlich nichts zu la­chen. Er hat kurzgeschnittenes Haar und das Auffälligste an ihm ist seine große Nase. Jetzt, in seiner Rentenzeit, geht er liebend gerne zum Fischen (er hasst Fisch!). Ich ver­stehe ihn. Brunhilde ist natürlich bekannt, wie sehr ich meine Schwiegermutter verehre.

Wir erzählen ihnen natürlich kein Sterbenswörtchen von den äußerst merkwürdigen Vorkommnissen am See, und als Beate spitzkriegt, dass seit heute Vor­mittag das Eisfest eröffnet ist, kann sie keiner mehr halten:

„Lasst uns doch gleich nach dem Essen zum See hin­untergehen.“

Mein Gott! Diese Frau ist wirklich mehr als vergnü­gungssüchtig. Es scheint, als ob sie völlig vergessen hätte, warum sie uns eigentlich besucht hat! Heinz schaut uns beschämt an, und man sieht ihm deutlich an, wie unangenehm ihm ihr Auftritt ist. Aber er sagt kein Wort.

Sie fährt fort: „Sabine war doch auch immer so gerne am See!“

Und Brunhilde fängt an, zu heulen.

„Heule nur, mein Kind. Dann geht es dir hinterher sicherlich besser.“

Diese Frau ist abgedroschen! Keine Oma auf dieser bösen Welt würde so herzlos daherreden! Aber gerade ich muss solch einen Drachen als Schwiegermutter haben. Wenn ich mir meine Brunhilde so ansehe, kann ich fast nicht glauben, dass sie die Tochter von Beate ist. Wie verschieden die beiden doch sind! Beate ist rundlich, Brunhilde ist schlank. Beate ist ein heller Typ, Brunhilde ist sehr dunkel. Ich schwöre mir ins­geheim, meinen Mund zu halten. Es würde weder mir, noch Brunhilde oder Heinz, etwas bringen, wenn ich sie in ihre Schranken weisen würde. Diese Frau kann man nicht mehr ändern. Ein völlig sinnloses Unter­fangen.

„Mutti“, sagt Brunhilde zu ihr, „wie sieht es denn aus, wenn wir als Eltern auf dem Eisfest umherlau­fen!“

„Ich würde nichts auf das geben, was die Leute re­den.“

„Ja, aber wir müssen hier leben!“

Heinz mischt sich ein: „Es geht mich ja nichts an, aber ich würde mir als Mitbürger, der in eurer Ort­schaft wohnt, nichts Negatives denken, wenn die El­tern der Vermissten zum See gehen, und sich dabei die Buden ansehen!“

Ich sage: „Meinst du?“

„Aber sicher. Und außerdem geht es niemanden etwas an, was ihr tut oder nicht tut!“

Wir beschließen, zusammen zum Eisfest hinunterzu­laufen. Müller ruft kurz bei uns an. Er erklärt mir mit einem Bedauern in der Stimme, dass er den See nicht sperren lassen kann. Man hat ihm vorgehal­ten, dass man aufgrund irgendwelcher Vermutungen, die weder Hand noch Fuß haben, nicht so einfach den See zum Sperrbezirk erklären kann. Wenn eines der Kinder ins Eis eingebrochen wäre, sähe die Sache schon ganz anders aus. Aber so! Nun gut.

Ich erzähle Brunhilde kurz (und leise, damit es ihre Eltern nicht mitkriegen), dass der See nicht gesperrt wird. Sie schüttelt nur den Kopf und sagt:

„Ich bin ja gespannt, ob die Waldhüttener Eltern ihre Kinder noch Schlittschuhlaufen lassen!“

„Wir werden es ja sehen.“

Die Sonne scheint heute, und man könnte unter normalen Umständen behaupten, dass es sich um einen herrlichen Wintertag handeln würde. Als wir zum Eisfest kommen, sehen wir sofort, dass in die­sem Jahr wesentlich mehr Leute anwesend sind, als in all den letzten Jahren. Wir laufen auf dem Eis langsam umher und mir fällt auf, wie viele Fremde sich hier - an diesem Platz - eingefunden haben. Brunhilde schaut mich an und sagt:

„Schau nur! Das sind alles nur Schaulustige!“

„Du meinst, sie sind wegen der Vorfälle auf dem See gekommen?“

„Ja, Günter.“

Es ist recht laut hier zwischen den Verkaufsbuden. Ja, viel lauter, als letztes Jahr. Manche Leute aber unterhalten sich verhalten, und der ein oder andere blickt verstohlen auf den ruhig daliegenden See hin­aus. Wenn ich ein neugieriger Mensch wäre, könnte ich mir schon vorstellen, hierher zu kommen, um mir mein ganz persönliches Bild zu machen.

Beate flüstert mir zu: „Es sieht so aus, als ob euer See noch sehr bekannt wird!“

„Ja. Aber nur wegen deiner Enkeltochter!“

Sie zuckt unmerklich zusammen: „Wo könnte sie wohl gerade sein?“

„Wieso gerade?“

„Nun, vielleicht lebt sie ja doch noch, und ist nicht an einem festen Platz!“

„An welchem Platz denn?“ Ich tue erstaunt.

„Was weiß ich denn“, antwortet sie etwas patzig. „Du stellst mir immer solch komische Fragen.“

Ich betrachte sie und wünsche mir, dass der See sie verschlingen würde. Ach, wie würde ich jauchzen und jubilieren, wenn sie plötzlich mit einem kurzen Auf­schrei unter der Oberfläche des Sees versinken wür­de! Für alle Zeiten! Heinz würde sich bestimmt ge­nauso freuen!

Wir laufen weiter und bleiben bei einem Stand ste­hen, an dem es duftenden Glühwein gibt. Heinz kauft vier Stück und reicht jedem von uns einen. Brunhilde steht dicht bei mir und sagt leise:

„Spürst du auch die Blicke der Leute?“

„Ja.“

„Sie reden über uns!“

„Lass sie reden.“, beruhige ich sie.

Eine etwas ältere Frau, die direkt neben uns steht, sagt plötzlich zu mir: „Herr Münster, es tut uns allen so furchtbar leid um Ihre Tochter.“

Ich will gerade höflich antworten, als Beate sagt: „Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Ange­legenheiten!“

„Wie meinen Sie das denn?“

„Wie ich es gesagt habe.“

Die Frau wirkt völlig verstört, aber sie ist ruhig. Je­doch platzt mir plötzlich der Kragen: „Beate, reiß dich gefälligst am Riemen, ja? Du benimmst dich wie die Axt im Walde!“

Sie läuft feuerrot an, sagt aber nichts. Und Heinz wechselt mit Brunhilde einen verzweifelten Blick, so, als ob er sagen möchte: „Ich entschuldige mich für meine unmögliche Frau.“

Wir trinken noch jeweils einen Glühwein, und danach will Beate unbedingt auf den See hinauslaufen. Ei­gentlich spricht nichts dagegen. Das Einzige, was ich hoffe, ist, dass das Eis unter ihr brechen wird. (Wie gesagt.) Die Damen gehen voraus, und ich laufe mit Heinz einige Schritte hinterher. Als wir zur Mitte des Sees kommen, werfe ich (und natürlich auch Brunhil­de) einen unauffälligen Blick aufs Eis. Genau hier, wo wir jetzt laufen, hatte Müller letzte Nacht dieses riesige Loch gebohrt. Jedoch es ist davon jetzt nicht mehr das Geringste zu sehen. Ein Gänsehautschauer jagt über meinen Rücken. Brunhilde dreht sich wortlos zu mir um und schüttelt den Kopf. Jedoch, was das Un­glaublichste für mich ist, ist die Tatsache, dass elf oder zwölf Kinder auf der westlichen Seite, genau da, wo Sabine verschwunden ist, Schlittschuh laufen. Was haben sie denn für merkwürdige Eltern? Wieso lassen sie ihre Kinder nach den beiden un­erklärlichen Vorfällen hier draußen auf dem Gro­schensee weiterhin Schlittschuhlaufen? Das kann doch nicht wahr sein! Sind das denn allesamt Igno­ranten? Ist ihnen denn nicht bewusst, was hier ge­schehen ist? Oder wollen sie mit Gewalt ihre Kinder loswerden?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Vorhin, als wir noch zwischen den Verkaufsbuden standen, konnten wir aus dieser weiten Entfernung nichts von den Kin­dern erkennen, weil dort drüben ein leichter Nebel­film über dem See liegt. Es ist nur eine Andeutung, aber sie ist vorhanden. Jedoch jetzt, wo wir nur noch zwei- dreihundert Meter von den Kindern entfernt sind, wird uns klar, dass die Einheimischen die Sache offensichtlich nicht so recht ernst nehmen. Es ist nicht zu fassen! Ich beschließe, mich nicht hinein­zusteigern, jedoch, als wir die Kinder erreicht haben und zwischen ihnen stehen, frage ich das nächstbeste Mädchen, das vielleicht neun oder zehn Jahre alt ist, ob es denn keine Angst hätte. Es versichert mir, dass ihr nichts passieren könne, weil ihr älterer Bruder auf sie aufpassen würde.

„Dein älterer Bruder, ja?“, mischt Brunhilde sich ein.

Die Kleine antwortet: „Ja, er ist sehr stark.“

Ich frage sie: „Wo ist er denn?“

Sie zeigt mit dem ausgestreckten Arm in westliche Richtung und lispelt (sie trägt eine Zahnspange): „Dort hinten ist er!“

„Ah ja“, antworte ich.

Meine Schwiegereltern stehen stumm daneben. Doch dann fragt Beate:

„Und du hast wirklich keine Angst?“

„Nein“, antwortet das kleine Mädchen. „Wovor denn?“

„Ihr wisst doch, dass Sabine verschwunden ist!“

„Ja, und Ludwig, das Pickelgesicht!“, verbessert sie Beate.

„Wie heißt du denn?“, frage ich sie freundlich.

„Barbara!“

„Und wie noch?“

„Frank. Barbara Frank.“

Ein anderes, kleines Mädchen stößt zu uns. Sie bremst scharf: „Ich bin die Doris!“ Und sie lacht frech mit ihren langen, blonden Zöpfen.

Ich sage: „Hast du auch deinen älteren Bruder da­bei?“

„Nein. Aber Barbaras Bruder Richard passt auch auf mich auf! Und außerdem haben wir jetzt Ferien!“ Trotzig schiebt sie ihr kleines Kinn vor.

Wir stehen im Kreis, und ich habe ein äußerst mulmi­ges Gefühl im Bauch. Eigentlich könnte jeden Moment eines der Kinder verschwinden! Ich wäre gar nicht überrascht! Und ich wäre schon wieder am Ort des Geschehens! Was sich Müller wohl denken würde? Im selben Moment blicke ich völlig grundlos nach unten. Einfach so. Und ich erschrecke zutiefst. Die Haare stellen sich mir auf. Ich sehe unter dem Eis Licht. Nur sehr matt, aber deutlich erkennbar. Rötliches, matt schimmerndes Licht. Ich nehme Brunhilde am Arm und flüstere ihr zu:

„Schau mal nach unten.“

Ihr Blick wandert auf das unter uns liegende Eis. Mein Blick folgt. Das Licht ist verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere. Das darf doch nicht wahr sein!

„Was ist denn dort unten, Günter?“

„Ich sah einen leichten Lichtschein.“

„So, so. Einen Lichtschein.“

Sie geht in die Knie und beseitigt an einer kleinen Stelle die leichten Schnee­spuren, die unsere jungen Schlittschuhfahrer ver­ursacht haben. Sie wischt mit der flachen, nackten Hand über das Eis, bis es völlig glatt ist.

„Dort ist aber nichts!“

„Dann habe ich es mir nur eingebildet.“

„Du hast es dir also nur eingebildet?“

„Höchstwahrscheinlich.“

Ich weiß zu hundert Prozent, dass ich mich nicht ge­irrt habe. Beate will, wie es nicht anders zu erwarten war, auch wissen, was wir hier tun, aber Brunhilde winkt nur ab. Nach dem Motto: Sei nicht so neugie­rig, Mutter!

Beate sagt: „Ins Eis kann Sabine nicht eingebrochen sein, Brunhilde.“

„Nein, Mutti.“

Sie fährt fort: „Es ist absolut stabil - dieses Eis.“

„Ja, Mutti.“

„Ich glaube eher an ein Gewaltverbrechen.“

Heinz platzt der Kragen: „Es ist völlig unerheblich, was du glaubst oder nicht glaubst, Beate! Kannst du nicht ein einziges Mal in deinem Leben etwas Pietät zeigen? Es ist zum Kotzen mit dir, gelinde ausgedrückt.“

Sie begehrt auf: „Was fällt dir ein?“

„Halte deinen Mund. Bitte.“

Darauf war sie nicht gefasst, denn bisher kannte sie ihren gutmütigen Heinz immer nur als geduldigen, alles verzeihenden Ehemann. Sie starrt ihn wortlos an und möchte ihn sicherlich am liebsten - jetzt so­fort - umbringen. Und sie schämt sich fürchterlich. Oder tut sie nur so?

Schon als wir am See ankamen, vermisste ich den hohen, singenden Ton. Ich lausche nun angestrengt, kann aber nichts hören. Nichts. Verflucht! Habe ich mir das alles nur eingebildet? Nein. Die Kin­der hörten es doch auch! Zum Glück hörte es auch der Kommissar, als er mit mir nachts auf dem Eis war. Gott sei Dank! Aber ich bin bisher der Ein­zige, der dieses ominöse Licht unter dem Eis sah.

Dieses unheimliche Licht.

Plötzlich packt Brunhilde mich am Arm und sagt: „Schau nur! Da kommt ein Polizeiwagen!“

Beate fragt hyperneugierig: „Wo?“

Und Heinz sagt genervt: „Da, verdammt noch mal!“ Er deutet mit der Hand in die angegebene Richtung.

Tatsächlich. Ein Kombifahrzeug nähert sich auf dem umliegenden Weg dem See. Was sie wohl vorhaben, überlege ich. Und ich spüre, wie Brunhilde (und auch ich) auf einmal sehr aufgeregt sind. Zu­erst steigt Müller aus dem Fahrzeug. Er steuerte das Auto. Danach öffnet sich die Heckklappe und aus dem Wagen steigt ein...

... Froschmann mit Schwimmflossen.

Ein richtiger, schwarz glänzender Froschmann! Müller hat meine Warnung also nicht ernst genommen! Oder musste er diesen Schritt gehen? Ja, ich bin mir fast sicher. Seine Vorgesetzten beauftragten ihn, den Taucher einzusetzen. Und er musste sich fügen. Ich überlege: Ob er ihnen überhaupt die volle Wahrheit erzählt hat? Also, ich an seiner Stelle hätte mir das schon sehr genau überlegt! Denn wie schnell wird man nicht mehr für voll genommen! Gerade in seiner Position!

Die Kinder sind hellauf begeistert. Müller, der eine kleine, elektrische Säge in der Hand hält, kommt di­rekt auf uns zu, begrüßt uns, auch die lieben Schwie­gereltern, und die jungen Schlittschuhläufer umrin­gen neugierig den Kommissar. Benno ist nicht dabei. Der Froschmann, der ja schon in voller Montur ist, bleibt am Rande des Sees stehen. Es ist ein grotes­kes Bild, das sich uns bietet. Mit den langen Flossen sieht er fast so aus wie ein Außerirdischer. Aber eben nur fast.

Müller ruft: „Alle mal herhören! Ich bohre jetzt dort hinten am Rand des Sees ein Loch ins Eis. Ich werde dieses Loch mit einem Band absperren, dass niemand hineinfallen kann. Habt ihr das alles verstanden?“

Und die Kinder johlen.

Er läuft zurück, hin zu seinem Taucher, und beginnt, ein kreisrundes Loch ins Eis zu bohren, etwa drei Meter vom Rand des Sees entfernt. Im Nu ist er mit seiner Arbeit fertig. Das Innenteil, das ausgeschnit­ten ist, kickt er mit dem Absatz nach unten. Es ver­schwindet unter der Eisfläche. Jetzt schwenkt er mit der Säge herum und ruft den glotzenden Kindern zu:

„Was gibt es da noch zu schauen? Zischt ab mit euren Schlittschuhen.“

„Schaut hin! Der Taucher sucht nach den Kindern!“, ruft Beate. Sie quillt vor Sensationslust fast über.

„Wir haben selbst Augen im Kopf!“, antwortet Heinz ungerührt.

Die Kinder stehen immer noch abwartend in unserer Nähe. Sie wollen sich dieses Schauspiel natürlich nicht entgehen lassen. Wir gehen langsam Richtung Loch und im selben Moment steigt der Taucher ins Wasser. Er hantiert am Rand (ich sehe nicht genau, was er da macht) und taucht unter. Weg ist er. Müller geht zurück zu seinem Wagen. Er holt sechs Stück etwa eineinhalb Meter lange Eisenstan­gen, die er um den Rand des Lochs, mit einem Durch­messer von drei Metern, platziert. Mit einem schwe­ren Hammer treibt er eine Stange nach der anderen ins Eis. Ich biete mich an, ihm zu helfen, aber er meint freundlich, dass er schon alleine zurechtkom­men würde. Nun bringt er das rote, breite Band an den Stangen an, das davor warnt, der Öffnung zu nahe zu kommen. Er zieht dieses Band von Stange zu Stan­ge rund um das Loch. Es ist nun unübersehbar.

„Ich konnte nichts machen, Herr Münster.“, knurrt er verärgert.

„Sie meinen, wegen der Sperrung des Sees?“

Er schüttelt missmutig den Kopf und sagt: „Ja. Auch deswegen. Ich hätte den Taucher nicht eingesetzt, erstens, weil ich mir davon nichts verspreche, und zweitens wegen der Gefahr für ihn. Vielleicht muss ja noch mehr passieren!“

Meine Schwiegereltern stellen sich bei ihm vor. Ga­lant nimmt der Kommissar Beates Hand, und diese ist von dem Charme des Beamten sofort hellauf entzückt.  

Brunhilde meint: „Wir finden es von der Gemeinde­verwaltung unverantwortlich!“

„Ja, das finde - ich persönlich - auch.“ Müller schaut sehr ernst.

Ich mische mich ins Gespräch: „Hat Ihr junger Beam­ter heute Früh den See nach dem Loch abgesucht, das Sie letzte Nacht gebohrt haben?“

„Sie meinen Maximilian Springer, den großen Sprintmeister?“

„Er ist Sportler?“

„Ja. Er war noch vor einigen Jahren ein professioneller Leichtathlet.“

„So, so.“

Müller schmunzelt: „Ja. Ihn meine ich.“

„Aber er hat wohl nichts gefunden.“

„Er sagte, dass er sich von mir verarscht fühle.“

„Warum? Erzählten Sie ihm denn, dass Sie das Loch gebohrt hatten?“

„Ja.“

„Der arme Kerl. Man versetzt ihn aufs Land, um sich um die Meldungen der Leute zu kümmern, und dann schickt ihn sein Vorgesetzter aufs Eis.“

„Ja, so in etwa.“

Beate platzt in unser Gespräch: „Ist dieser kleine Junge wieder aufgetaucht, Herr Kommissar?“ Sie blitzt ihn mit ihren Katzenaugen auffordernd an. Heinz sieht es, aber er kennt sie ja zur Genüge.

„Nein. Er ist noch immer verschollen.“

„Vermuten Sie ein Gewaltverbrechen?“, will sie von ihm wissen.

„Darüber darf ich verständlicherweise keine Auskunft geben, Frau Mangold.“

Und plötzlich sagt Heinz zwar leise, aber so, dass wir es alle hören können: „Dieser See wirkt irgendwie geheimnisvoll auf mich.“ Paff. Jetzt haben wir den Salat.

Heinz ahnt etwas...

Und Kommissar Müller lenkt bewusst ab: „Ich bin ja gespannt, Herr Münster, was der Taucher zu berich­ten hat. Er war der Einzige, der sich bereit erklärte, hinunter zu gehen. Normalerweise gehen die Taucher immer mindestens zu zweit nach unten, um sich ge­genseitig zu helfen, wenn irgendetwas Unerwartetes passiert, aber es fand sich leider kein weiterer Kol­lege.“

„Und wieso nicht?“, bohrt Beate neugierig.

Heinz sagt: „Weil es da unten so kalt ist!“

„Sind denn die Taucher auch Beamte?“, fragt sie un­geniert, ohne auf Heinz` Scherz einzugehen.

„Aber ja.“, antwortet Müller mit einer stoischen Ruhe.

Ich bewundere ihn. Er ist ein solch bedächtiger, aber hochintelligenter Mann, den ich mir gut als Freund vorstellen könnte. Als er vorhin zu uns stieß, be­fürchtete ich zuerst, dass er vielleicht eine Anspie­lung hinsichtlich des merkwürdigen Sees äußern wür­de, aber ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht. Er weiß, dass es uns - also Brunhilde und mir - nicht recht gewesen wäre, wenn er meinen Schwiegereltern gegenüber so offen gesprochen hätte. Schließlich wusste er ja nicht, was wir ihnen erzählt hatten - oder auch nicht. Da Müller gerade sehr günstig steht - nämlich direkt neben mir - flüstere ich ihm klamm­heimlich zu:

„Ich blickte vor einer Viertelstunde zufällig nach unten. Und da sah ich wieder dieses unheimliche Licht. Genau zwischen meinen Beinen.“

Er registriert meine Behauptung, ohne ein Wort zu erwidern, und ändert das Thema - in gewisser Weise:

„Der Taucher wird in spätestens zwanzig Minuten wieder oben sein. Mal sehen, was er alles gesehen hat!“

Ich frage ihn überrascht: „Wir dürfen das erfahren?“

Er sagt leise: „Nur das Offizielle. Sie verstehen. Aber Sie erfahren von mir persönlich auch das In­offizielle. Falls es ein solches überhaupt geben wird!“

Beate drängt sich schon wieder in den Vordergrund: „Wieso sucht hier eigentlich ein Taucher den See ab, Herr Kommissar?“ Sie fährt sich mit der Zunge über ihre knallroten Lippen. Es wird langsam peinlich mit ihr.

„Es hat mit den Kindern nichts zu tun, Frau Man­gold.“ Müller lächelt höflich.

„Womit dann?“

„Das darf ich Ihnen leider auch nicht sagen.“

Wir schauen uns an, und ich sehe, wie Heinz in sich hinein lächelt. Er denkt sich bestimmt: Ihre Neugier wird sie noch einmal umbringen! Hoffen wir, dass sie so neugierig bleibt!

Exakt zehn Minuten später - wir rauchen mittlerweile ein paar Zigaretten und unterhalten uns über dies und das - erscheint plötzlich der schwarze, gummi­glänzende Kopf des Tauchers im ausgesägten Loch. Mühselig steigt er aus dem (fürchterlich) kalten Was­ser und watschelt zu dem Polizeidienstfahrzeug hin­über. Dort zieht er sich um und kommt dann recht locker auf uns zu. Wir alle sind aufs Äußerste ge­spannt, besonders Brunhilde und ich. Er grüßt, zün­det sich eine Zigarette an und sagt:

„Chef, kann ich offen reden?“

„Nur, wenn es nichts Besonderes gibt, Schulte. Sie verstehen!“

Mein Herz klopft rasend schnell. Meine Erwartungs­haltung ist riesengroß... und die von Brunhilde ge­nauso. Ich sehe, wie sie den Beamten fixiert. Dieser Taucher - er ist so um die Dreißig - ist ein völlig abgebrühter Hund. Das sehe ich ihm sofort an. Mit ihm würde ich mich niemals anlegen. Er sieht so rich­tig abenteuerlich aus mit seinen langen, zerzausten Haaren und dem dicken Schnurrbart.

„Ich habe ein altes Fahrrad, ein kaputtes Holzboot mit zwei Paddeln, eine silberne Stehlampe, eine leere Holzkiste und allerlei Unrat entdeckt.“

„Unrat, ja?“, sagt Müller.

Plötzlich faselt Beate erneut drauflos: „Entschuldi­gen Sie, aber wie haben Sie wieder zu dem Loch zu­rückgefunden?“

Er lacht: „Ich hatte an der Kante des Lochs ein Seil befestigt, das ich hinter mir herzog.“

„Wie raffiniert!“, meint Beate anzüglich. „Und was wäre gewesen, wenn das Seil gerissen wäre?“

Er grinst: „Im Notfall hätte ich von unten ein Loch ins Eis gebohrt!“

„Hatten Sie denn einen Bohrer dabei?“

„Das sagte ich doch!“

Ich frage den Taucher: „Wie tief ist der See eigent­lich?“

„Ungefähr achtzehn Meter. Die tiefste Stelle ist in der Mitte des Sees.“

Ich entgegne: „Achtzehn Meter? Das hätte ich ja nie gedacht!“

„Im Durchschnitt ist er sechs bis zehn Meter tief. Mehr nicht.“ Gekonnt zwirbelt er seinen nassen Schnurrbart.

Müller nimmt ihn kurz zur Seite. Sie tuscheln ge­heimnisvoll. Dann kommen sie wieder zu uns zurück. Der Kommissar erklärt:

„Verzeihen Sie, aber ich musste ihn noch etwas In­ternes fragen.“

Und Beate platzt heraus: „Ob wohl dort unten eine Leiche liegt, nicht wahr, Herr Kommissar?“ Ihr Blick spricht Bände.

Brunhilde schaut mich an. Auch ich bin entsetzt. Ist sie so kaltherzig, oder tut sie nur so? Und der Kom­missar ist zum ersten Mal sprachlos.

„Eine Leiche, sagen Sie?“

„Ja, eine Kinderleiche. Die von Sabine oder von dem Jungen! Das ist doch der Grund, dass Sie den Tau...“

Brunhilde wird blass. Sie ist entsetzt und schimpft: „Mutti, ich bitte dich, wenn wir nach Hause kommen, sofort unser Haus zu verlassen.“

Jetzt schlägt es aber Dreizehn.

Heinz brüllt plötzlich: „Bist du denn vollkommen übergeschnappt, du alte Fregatte? Wie kannst du so brutal und hartherzig über die Kinder sprechen?“

„Wieso? Es war doch nur eine ganz normale Frage!“

Ich sage: „Herr Müller hätte es uns schon gesagt, wenn Herr Schulte die Leichen gefunden hätte. Aber du musst ja deinen Senf überall dazugeben!“

Müller und Schulte stehen schweigend daneben. Man sieht, wie peinlich ihnen Beates Auftritt ist.

Beate hat es also auf den Punkt gebracht. Sie wollte es wissen: So oder so. Aber ich bin mir fast sicher, dass der Taucher zu uns nichts gesagt hätte, vorausgesetzt, die Kinder wären gefunden worden. Aber wir hätten es dann sicherlich von Müller persönlich erfahren...

Der Kommissar nimmt mich kurz zur Seite: „Im Grun­de genommen ist dies ja nur eine Alibi-Aktion. Au­ßerdem konnte Schulte in der kurzen Zeit unmöglich den gesamten See absuchen. Wir werden, wenn sich zwei weitere Männer bereit erklären, zu dritt hin­unter zu gehen, also eine zweite, intensivere Suche starten. Nur, damit Sie Bescheid wissen, Herr Müns­ter. Aber bitte behalten Sie das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, ganz für sich.“

„Aber natürlich. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass Sie im See keine Kinderleichen finden werden.“

„Nicht?“

„Aber sicher. Wie hätten sie denn unter das Eis gera­ten sollen? Oder haben Sie ein Loch entdeckt, in dem sie verschwunden sein könnten?“

„Nein. Wie gesagt: Es ist nur Absicherung der Absi­cherung. Stellen Sie sich vor, wir unternehmen dies­bezüglich nichts, und hinterher werden die Kinder im See gefunden!“

„Ich verstehe. Ja, natürlich.“

Die allgemeine Stimmung ist aufgewühlt. Ich nutze die Gunst der Minute und sage leise zu Schulte:

„Ha­ben Sie dort unten wirklich nichts Merkwürdiges ge­sehen?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Kein Licht?“

„Kein Licht.“

Er starrt mich irritiert an. Ich weiß, was er sich denkt: Ob ich wohl kurzzeitig verrückt geworden bin!

Ich fahre unbeirrt fort: „Ja, ein Licht. Ein rötliches, schimmerndes Licht.“

Er antwortet: „Aber ich bitte Sie...“

„Es war ja nur eine Frage, Herr Schulte.“

Müller hat meine Fragen mitbekommen, obwohl ich sehr leise gesprochen hatte. Aber er sagt nichts. Sicher­lich ist ihm klar, dass ich unbedingte Gewissheit ha­ben möchte. Man sieht ja schließlich nicht jeden Tag rötlich schimmerndes Licht unter einem zugefrorenen See!

Heinz verabschiedet sich höflichst von den beiden Männern und auch Beate versucht, zu retten, was noch zu retten ist. Sie reicht Müller die Hand, aber er übersieht sie geflissentlich, ohne unhöflich zu wirken. Schulte läuft schon Richtung Wagen, und wir Vier marschieren zurück Richtung Verkaufsbuden. Beate versucht, sich bei Brunhilde einzuschmeicheln, aber sie schreit sie plötzlich an:

„Du bist mir keine Hilfe. Verstehst du? Du kaltherzi­ges, altes Luder!“

Das Luder ist perplex. Wahrscheinlich sieht sie die ganze Situation völlig anders. Eben aus ihrer Sicht. Heinz entschuldigt sich bei mir für seine „Fregatte“, wie er sie nannte, und ich biete ihm an, doch noch ein paar Tage bei uns zu bleiben - also ohne sie. Er jedoch wehrt ab und sagt:

„Ich fahre mit ihr zurück. Wir sitzen schließlich in einem Boot. Was soll`s?“

Der Abend bricht bereits herein, als sich meine Schwiegereltern von uns verabschieden. Die Stim­mung zwischen Brunhilde und Beate ist auf dem Null­punkt. Nein, darunter. Die beiden Senioren halten wieder ihre Köfferchen in der Hand, als sie in ihr Au­to einsteigen. Heinz tut mir irgendwie leid. Brunhil­de sagt mir, als sie abfahren, dass sie mit ihrer Mut­ter nie mehr in ihrem Leben auch nur ein einziges Wort wechseln würde... - reagiert sie übertrieben?

Oder ist sie im Recht?

Samstag, 18.12.

 

 

Der Tag endet genauso bescheiden, wie der gestrige. Da ich diesen andauernden, psychischen Druck nicht mehr länger aushalten kann, hole ich mir aus unserer Schrankbar eine volle Flasche Cognac, dazu zwei Schwenker und dann widmen wir uns der allgemeinen Betäubung. Der Appetit ist uns auch restlos vergangen, und so kommt es, dass wir nach zwei Stunden ziemlich angetrunken sind. Brunhilde meint:

 

„Ich glaube, ich werde mich jetzt öfter besaufen.“

„Das wäre der Anfang vom Ende.“

Sie klagt: „Ich fühle mich so furchtbar schlecht. Ich glaube, ich werde nie mehr lachen können.“

„Warte ab. Wer weiß, was sich in den nächsten Tagen so alles ergeben wird.“

„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten wollen, dass Sabine morgen oder übermorgen irgendwann vor unserer Haustür stehen wird - den Bären unter dem Arm, und unschuldig dreinschauend!“

 

Ich beschließe, meinen Mund zu halten. Denn egal, was ich ihr antworten würde: Es wäre verkehrt. Doch dann sage ich doch:

 

„Wir haben bis jetzt nicht den geringsten Anhaltspunkt, ob sie noch lebt, ob sie sich irgendwo aufhält...“

Sie fällt mir ins Wort: „Oder ob sie wirklich mit übersinnlichen Kräften in Berührung gekommen ist.“

Ich versuche, sie zu beschwichtigen: „Wir müssen fest daran glauben, dass sie noch lebt.“

„Mal ganz ehrlich: Glaubst du tief in deinem Innersten daran?“

„Es fällt mir sehr schwer, aber ich versuche, zu hoffen.“

„Wäre es nicht besser, wenn wir uns damit abfinden würden, dass sie tot ist? Und dieser kleine Junge auch?“

„Ja, es könnte sein, dass es uns dann etwas besser gehen würde. Aber ich gebe nicht gerne auf. Du kennst mich ja!“

„Ich besaufe mich jetzt.“

„Tu das!“

Plötzlich schaut sie mich intensiv an und sagt: „Wieso war heute am See keines dieser seltsamen Geräusche zu hören?“

„Ich verstehe es auch nicht so recht. Aber vielleicht hängt es mit dem Eisfest zusammen.“

„Wie - Eisfest?“

„Ich weiß es nicht. Capito? Ich habe keine Ahnung! Ich vermute nur!“

„Wahrscheinlich will der Urheber dieses Geräusches nicht, dass das gesamte Dorf und darüber hinaus jeder weiß, das es dort draußen spukt!“

 

Du meinst, dieses „Unbekannte“ kann denken?“

 

Erzürnt meint sie: „Was weiß ich denn? Aber ich finde es doch ziemlich hinterlistig, dass dieses Geräusch heute nicht zu vernehmen war!“

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll - oder nicht, Brunhilde.“

„Ton hin, Ton her. Langsam wird mir alles scheißegal. Dieser gottverdammte See hat unser Lebensglück zerstört.“

 

Noch ist nichts entschieden.“

 

Wir gehen wieder sehr spät zu Bett. Auch diese Nacht wird für uns beide sehr unruhig. Wir werden von Albträumen geplagt, und am nächsten Tag - es ist der dritte Tag seit dem Verschwinden von Sabine - schlafen wir bis Mittag. Sowohl Brunhilde, als auch ich, fühlen uns wie gerädert, als wir endlich aufstehen. Auf dem Anrufbeantworter, der wie verrückt blinkt, sind neun Anrufe. Drei Gespräche sind von Beate, und die restlichen sechs von verschiedenen Verwandten, Freunden und Reportern. Wir hören sie alle ab: Beate bedauert ihr Verhalten, aber Brunhilde lenkt nicht ein. Sie will mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben. Ja, und die anderen Anrufe bestehen allesamt aus ein- und derselben Frage:

 

Was gibt es Neues von Sabine?

 

Da wir nicht die geringste Lust haben, zurückzurufen, löschen wir die Anfragen einfach. Ach ja, eine Lösegeldforderung ist leider nicht dabei.

 

Ich stehe gerade im Badezimmer und rasiere mich, als es an unserer Haustür klingelt.

 

„Brunhilde! Kannst du mal aufmachen?“

„Ja, mache ich.“ Ihre Stimme klingt gefährlich rau und hart. Die Folgen ihres Besäufnisses... gemischt mit zu vielen Zigaretten...

Nach einer kurzen Weile rufe ich neugierig: „Wer ist es denn?“

„Unsere Nachbarin, Frau Degenhart.“

„Was will sie denn?“

„Komm endlich aus dem Bad! Sie hat uns etwas mitzuteilen!“

 

Ich beeile mich, ziehe mir den Morgenmantel über, schlüpfe in meine karierten Pantoffeln, und schlendere Richtung Küche. Ich höre, wie sich die Beiden angeregt unterhalten. Frau Degenharts Stimme klingt aufgewühlt. Ich trete ein und sage:

 

„Hallo, guten Morgen, Frau Nachbarin!“

Sie geht auf den „Morgen“ nicht ein, denn sie hat ganz andere Sorgen: „Herr Münster, hören Sie mir zu! Stellen Sie sich vor, was letzte Nacht passiert ist!“

„Ja, was denn, um Gotteswillen?“

„Unser Sohn Peter ist verschwunden!“

„Jetzt regen Sie sich mal nicht auf! Er ist doch schon sechzehn Jahre alt! In diesem Alter war ich mit meinen Freunden oft nächtelang unterwegs.“

Sie fängt an, zu schluchzen: „Er ist doch erst fünfzehn!“

Ich antworte: „Fünfzehn oder sechzehn. Das spielt doch keine Rolle! Die heutigen Jugendlichen sind mit fünfzehn genauso reif, wie wir damals mit achtzehn!“

„Darf ich mich setzen?“

 

Brunhilde schiebt ihr einen Stuhl zu. Sie nimmt Platz, stützt sich mit beiden Ellbogen auf den Küchentisch und klagt:

 

„Letzte Nacht kam mein Mann wieder einmal betrunken vom Weißen Ochsen heim. Er erzählte mir folgendes“ (sie schnieft): Als er sich unserem Haus näherte, sah er zwei Kinder vor dem Fenster unseres Jungen stehen. Nachts um ein Uhr! Stellen Sie sich das mal vor!“

„Merkwürdig“, gebe ich zurück.

 

Wir setzen uns, weil wir aufs Äußerste gespannt sind. Und wir hören ihr zu...

 

„Mein Mann ging, nein, er torkelte auf die Beiden zu. Es war recht düster. Sie müssen wissen, dass unsere Straßenlaterne schon seit einer Woche kaputt ist!“

Ich antworte: „Ja, das ist uns bekannt.“

 

Brunhilde, die vor Anspannung fast explodiert, kann sich nur mühsam beherrschen. Doch jetzt platzt sie heraus:

 

„Jetzt reden Sie schon! Machen Sie es doch nicht so furchtbar spannend!“

F

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