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Eiskinder IV

Eiskinder IV

Eiskinder IV

 

- DAS ERWACHEN -

 

 

Mysterythriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

Was zuletzt geschah:

Die gefürchteten Eiskinder versanken - erstarrt in ihrem riesigen Eisblock - vor den entsetzten Augen der Menschen im dunklen Bett des Eissees. Ihre eigentliche Waffe, das Eis, hatte sie nicht mehr losgelassen und sie in sich fixiert. Man konnte nun endlich davon ausgehen, dass die Eiskinder Legende waren.

7 Jahre später ...

 

 

Freitag, 15. Dezember

 

 

Alfred Scharf geht es den Umständen entsprechend gut. Er trauert zwar nach wie vor um seine geliebte Erna, die damals von den Eiskindern getötet wurde, aber wie heißt es so schön:

 

Die Zeit heilt Wunden.

Nein, sie sollte Wunden heilen.

 

Und trotzdem brodelt es in ihm immer noch ganz gewaltig, wenn er an seinen furchtbaren Verlust zurückdenkt. Und gerade deswegen zieht es ihn nach wie vor an den allseits bekannten Eissee, den frühe-

ren Groschensee. Er denkt mit großer Schadenfreude an den Heiligen Abend zurück, an dem die Eis-

kinder in ihrem See untergegangen waren. Untergegangen im wahrsten Sinn des Wortes.

 

„Das hat euch wohl gar nicht gefallen, was, Eiskinder?“, schreit er durch sein Wohnzimmer. Aber er erhält keine Antwort. Er blickt sich verstohlen um und weiß nicht, warum.

 

Er geht in den Flur, zieht sich die warmen Winterstiefel an, wirft sich seine Jacke über, steckt sich eine Schachtel Zigaretten und ein Sturmfeuerzeug ein und marschiert los. Er geht gelegentlich auch gerne um den See herum, um sich zu vergewissern, dass auch alles in Ordnung ist. Ja. der Gedanke an die gefürchteten Eiskinder lässt ihn einfach nicht mehr los. Sie hatten schon damals, vor so langer Zeit, von seiner Seele Besitz ergreifen wollen. Ja, es war ihre Absicht gewesen, ihn für immer zu sich holen, um aus ihm ihren Knecht zu machen. Aber sie hatten nicht mit seiner ausgeprägten Bauernschläue gerechnet. Normalerweise zieht es den Täter ja an den Ort des Verbrechens, aber in diesem Fall ist es wohl umgekehrt.

 

Denn er ist der Geschädigte.

 

Sein Weg ist kurz. Nach etwa fünf Minuten steht er bereits vor dem dunkel schimmernden See, in dem die Eiskinder ihr spezielles Eis produziert hatten.

 

„Meine Schneeräummaschine liegt wohl immer noch zwischen euch auf dem Grund des Sees, Eiskinder!“, flüstert er und zündet sich eine Zigarette an.

 

Der Wind fegt aus westlicher Richtung, er bläst ihm direkt ins Gesicht, und er ist heute ziemlich stark. Aber das stört Alfred nicht. Im Gegenteil! Er mag diese frische, kalte Luft, die seine Lungen durchströmt. Und er fragt sich, wann die ersten Schlittschuhläufer über den See flitzen werden. Lange wird es wohl nicht mehr dauern bei diesen niedrigen Temperaturen, bis eine dünne Eisschicht den See bedecken wird, überlegt er.

 

Alfred ist ein armer, einsamer Mann. Er ist Witwer geblieben und er blickt verträumt, in Gedanken verloren, über den stillen See. Er stellt fest, dass die winzigen Wellen, die gerade noch da waren, trotz der kalten Brise auf einmal verschwunden sind. „Was ist das denn?“, fragt er sich. Das kann doch nicht möglich sein! Er reibt sich die Augen, denn er bemerkt plötzlich, dass der See vereist. Genau in dieser Minute. Eine dünne Schicht entsteht auf der Wasseroberfläche. Es passiert blitzschnell. Aus Wasser wird innerhalb von Sekunden ...

 

... Eis.

 

Er kann es nicht fassen. Gerade noch dachte er daran, wann der See gefrieren würde, und jetzt geschieht es direkt vor seinen verwunderten Augen. Von einem Moment zum anderen. Aber wie kann ein See so blitzartig gefrieren?

 

Alfred Scharf ist verunsichert.

Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut.

 

Die letzten Jahre kam er gerade im Winter fast täglich hierher, um sich zu vergewissern, ob die Eiskinder auch wirklich ausgeschaltet waren. Stundenlang stand er dann meist am Rande des Sees, am östlichen Ende, und starrte über die glatte Eisfläche, eine Zigarette in der Hand haltend. Es fror ihn nicht in diesen gewissen Stunden, denn die Zeit blieb für ihn dabei stehen. Er lauschte unbewusst nach dem hellen Sirren und Pfeifen, mit dem sich die Eiskinder immer angekündigt hatten. Und er dachte unwillkürlich an ihr schreckliches Todeslied, das sie gesungen hatten:

 

Eiskinder ... Eiskinder ... hallt es durch die Nacht ...“

 

Alleine bei diesem Gedanken jagte ihm jedes Mal eine Gänsehaut mittleren Ausmaßes über seinen Rücken. Ja, er fürchtet die Kinder bis heute, und er ist damit nicht alleine. Es gibt in Waldhütte, das sich in den letzten Jahren immens vergrößert hat, immer noch genügend Menschen, die das Wort „Eiskinder“

nicht mehr in den Mund nehmen. Zu furchtbar waren die Erfahrungen, die sie mit ihnen machen mussten.

 

Alfred blickt immer noch Richtung Westen. Die neu entstandene Eisfläche liegt so glatt wie ein Spiegel vor ihm. Alfred ist perplex. “Irgendetwas stimmt hier nicht!“, sagt er sich. Links von ihm ragt der Marmorberg steil empor. Das neue Eis schillert in der untergehenden Sonne geheimnisvoll und düster. Er weiß, dass ein normaler See unmöglich so schnell gefrieren kann. Und plötzlich überfällt Alfred ein seltsames Gefühl. Zuerst denkt er, dass er sich dieses Gefühl nur einbildet, aber dann wird es immer stärker. Er kann sich auf seine Empfindungen verlassen, denn er ist, im Grunde genommen, ein äußerst sensibler Mensch. Und dann hört er auf einmal dieses unnatürlich hohe Sirren und Pfeifen. Alfred denkt, er träumt.

 

„Das kann nicht sein!“, flüstert er.

 

Er hält sich dabei unbewusst die Hand vor den Mund, obwohl er völlig alleine ist. Und er bleibt am Rand des Sees stehen, also außerhalb der dünnen Eisfläche. Seine Augen sind hellwach. Er ist auf alles gefasst. Dies sind eindeutig die Töne der Eiskinder.

 

„Sie sind doch tot!“, sagt er sich.

 

Aber sein Unterbewusstsein erzählt ihm etwas ganz anderes. Seine Mundhöhle ist völlig ausgetrocknet. Und seine Hand, in der er eine Zigarette hält, zittert. So sehr er auch versucht, ruhig und gelassen zu bleiben: Es gelingt ihm nicht. Die alte, grauenhafte Angst ist wieder da. Sie packt ihn von hinten. Er kann nichts dagegen tun. Im Gegenteil! Je mehr er versucht, ruhig und gelassen zu bleiben, umso nervöser und angespannter wird er.

 

Und dann sind sie plötzlich da.

 

Sie kommen direkt aus dem eiskalten Wasser, besser gesagt, durch die gefrorene, hauchdünne Eisschicht des Sees, die sie bei ihrer Aktion selbstre-

dend nicht zerstören, und sie haben ihre Schlittschuhe, genau wie vor langer Zeit, immer noch an ihren Füßen. Sofort fällt ihm die neue Kleidung auf, die sie alle tragen. Ihre Jacken, Hemden und Hosen scheinen aus reinem Silber und Gold zu bestehen. Unwillkürlich muss er an Elvis Presley denken, der bei einigen seiner Auftritte auch solcherlei Kleidung getragen hatte. Jetzt schweben sie, die Eiskinder, einen halben Meter über der Oberfläche, wie sie es immer gerne taten, keine zehn Meter vom Rand des Ufers entfernt. Und sie singen ihr gewohntes, todbringendes Lied:

 

Eiskinder ... Eiskinder ... hallt es durch die Nacht ...

... Alfred hat an uns gedacht ...“

 

 

Sie, die sechs Kinder, halten sich an den Händen, und sie sehen nicht mehr so aus wie vor sieben Jahren. Sie sind zumindest optisch älter geworden, genau wie normale Menschen, und Alfred kann einfach nicht glauben, was er sieht.

 

„Sabine!“, ächzt er. Sein Gesicht ist vor Aufregung tief gerötet.

„Alfred!“, lacht sie zurück. Sie, der hübsche Teenager, wirkt unbekümmert und gut gelaunt. Ihr Haar ist blond und schulterlang. Ja, sie sind enorm gewachsen. Genau wie sie selbst. Und ihre schönen Augen findet Alfred äußerst reizvoll, obwohl er sich vor ihr fürchtet.

 

„Seid ihr nicht tot?“

„Was für ein seltsames Wort, mein Freund!“, antwortet sie selbstsicher.

„Freund?“

„Wie siehst du es denn?“

„Ich träume wohl?“ Ist seine ausweichende Antwort.

„Nein. Du träumst nicht. Wir sind zurück.“, antwortet Peter, der zum Mann gereift ist. Auch Richard und Ludwig sind inzwischen über zwanzig Jahre alt. Sie sind groß und schlank, diese Burschen, und sie sehen seltsamerweise sehr gesund aus. Aber sie alle sind sehr blass.

 

„Ihr wart sieben Jahre am Grund des Sees?“

„Nun ja.“, antwortet er ausweichend.

„Viele Menschen haben in den letzten Jahren dort unten getaucht, aber niemand hat euch gesehen!“

Sabine sagt: „Ich glaube, dass keiner bis ganz nach unten getaucht ist. Außerdem ist es am Grund des Sees stockdunkel.“

„Hat euch der Dämon zurückgeholt?“

„Ja, Alfred. Er hat uns in die bewusste Existenz zurückgeholt. Ansonsten würden wir ja noch schlafen.“

„In die bewusste ...“, plappert er nach.

„ ... Existenz.“, vervollständigt die kleine Eisfürstin.

„Ihr habt wirklich so lange geschlafen?“, fragt Alfred ungläubig.

Und Ludwig antwortet lachend: „Ja. Oder schläfst du nie?“

„Und was habt ihr jetzt vor?“

 

Alfred versucht, keine Angst zu zeigen. Aber es gelingt ihm nicht ganz. Er wirkt fahrig und nervös.

 

„Arbeitest du noch?“

„Ja, Sabine.“

„Wir haben beschlossen, dich zu uns zu holen.“

„Das habt ihr schon einmal versucht!“

„Wir haben es beschlossen. Punkt.“

„Ihr wollt mich wirklich zu euch holen?“

„Ja.“

„Lasst mich endlich in Frieden. Es genügt, dass ihr mir meine Frau genommen habt!“

„Erna?“

„Wen denn sonst? Ich hatte nur eine Frau!“

„Trotzdem. Du kommst zu uns.“

„Lieber sterbe ich.“

Sabine sagt leise: „Ich glaube es dir nicht mehr. Du hast uns damals hereingelegt, aber heute gelingt dir das nicht mehr. Du wirst unser Eis kehren, solange wir existieren.“

„Ich arbeite als Schreinergehilfe, und in ein paar Jahren gehe ich in Rente.“

„Vergiss es, Alfred. Du wirst so sein, wie wir es sind.“

„Ich will aber nicht!“

„Die Eiskönigin erzählte uns, dass du all die Jahre, in denen wir schliefen, an den See gekommen bist. Das sagt uns, dass es dir hier gefällt.“

„Nein. Ich möchte genau so bleiben, wie bisher. Und an euren See komme ich ab sofort auch nicht mehr.“

„Du bist also ein angehender Rentner. Alleine, vielleicht krank und schon sehr bald tot.“

„Ich bin nicht krank.“

„Noch nicht.“

„Was geht das euch an?“

„Bei uns wirst du - sagen wir einmal - sehr lange existieren.“

„Ich will leben, und nicht existieren.“

„Und du würdest nie krank werden!“

„Nie krank?“

„Du würdest auch dem Tod ein Schnippchen schlagen.“

„Was soll das heißen?“

„Weißt du denn nicht, dass es für uns den Tod - so wie ihr ihn seht - gar nicht gibt?“

„Ihr wollt unsterblich sein?“

„Sieh es, wie du willst. Du wirst nun endlich unser neuer Eisspezialist.“

„Niemals!“

„Doch, du wirst!“, sagt Sabine.

„Ich bringe mich lieber um, als ...“

 

Die Eiskinder schauen sich überrascht an. Ist das seine neueste Masche? Eine Selbstmorddrohung? Oder drohte er schon früher damit? Indirekt, und nicht so deutlich. Sabine nickt leicht. Was drückt sie damit wohl aus? Es ist ein geheimes Zeichen für ihre Freunde. Die ehemaligen Kinder, die mittlerweile so erwachsen wirken, was sie sicherlich nicht sind, kommen auf Alfred zu. Sie umkreisen ihn, sich an den Händen haltend. Er, der Gefangene, weiß nicht, was er gegen sie tun soll. Er schlägt nach ihnen, aber er trifft sie nicht, denn sie bewegen sich viel zu schnell. Er bittet, er klagt und er jammert, und dann fängt er an, zu fluchen:

 

„Verdammt! Lasst mich sofort in Ruhe! Ich werde euren See nicht räumen. Außer ...“

„Außer - was, Alfred?“, fragt ihn Sabine mit süß-säuerlicher Miene.

„Ich könnte eventuell kündigen!“

„Bei dem Schreinermeister?“

„Ja.“

„Und weiter?“

„Ich könnte dann für euch arbeiten! Jedoch als normaler Mensch!“

„Aber ohne Krankmeldung! Verstehst du mich?“

„Ja.“ Alfred atmet tief durch.

 

Er ist ein wenig erleichtert. Sie lassen ihn also, wie er ist. Er darf ein Mensch bleiben. Es sieht jedenfalls ganz danach aus. Er weiß, dass man den Eiskindern nie ganz trauen kann. Und an eine positive Veränderung glaubt er nicht.

 

Peter fragt: „Und auch ohne Bezahlung!“

Sofort hat Alfred Oberwasser: „Was? Wovon soll ich dann leben?“

„Wenn du existieren würdest, genau wie wir, bräuchtest du kein Geld. Überlege es dir also ganz genau, wie du es haben willst, Seehüter!“

„Ich bräuchte kein Geld?“

„Nein.“

„Ich möchte aber ein Mensch bleiben. Ihr müsst mir finanziell helfen, damit ich leben kann.“

„Sollen wir wieder eine Sparkasse überfallen?“

„Ja, zum Beispiel ...“

Peter grinst: „Du stiftest uns dazu an?“

„Nur, damit ich etwas Geld habe.“

Sabine sagt freudestrahlend: „Du passt so wunderbar zu uns, Alfred. Ein Sparkassenüberfall bedeutet dir nichts.“

„Eigentlich nicht.“

„Außer, es muss dabei jemand sterben!“

„Das ist etwas anderes.“

 

Die Eiskinder lachen. Sie freuen sich, dass Alfred so kooperativ ist.

 

„Aber bring dich ja nicht um, hörst du?“

„Nein, Eisfürstin.“

„Du kannst mich auch Sabine nennen!“

„Sehr gnädig.“

 

Wenn jemand vor einer Stunde zu Alfred gesagt hätte, was er jetzt, hier draußen am Eissee, erleben würde, hätte er ihm nur den Vogel gezeigt. Er war sich absolut sicher, dass die Eiskinder ein für alle mal vernichtet waren. Und jetzt diese unglaubliche Überraschung. Dieser tiefe Schock. Er ärgert sich maßlos, dass er überhaupt noch hierher gekommen ist. Wäre er dem verfluchten See fern geblieben, wie es die meisten seiner - von den Eiskindern geschädigten Freunde - taten, wäre ihm dies sicherlich nicht passiert. Die Kinder hätten sich dann wahrscheinlich irgendjemand anderen gesucht, der für sie den See im bevorstehenden Winter räumen würde.

 

Sie kamen also damals, bevor sie von ihrem Eis fixiert wurden, nicht dahinter, dass er es war, der die Schneeräummaschine manipuliert hatte. Wenn sie es bemerkt hätten, würde er schon lange nicht mehr leben. Das ist gewiss.

 

„Und was soll ich in den warmen Monaten tun?“, fragt er die kleine Eisfürstin lauernd. Er versucht, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

„Lass dir etwas einfallen!“

„Der See ist nur vier Monate zugefroren. Also, was soll ich in den restlichen acht Monaten machen?“

„Melde dich im Arbeitsamt, Alfred!“, grinst Dieter, der wohl der Schlimmste von allen ist.

„Und was soll ich denen sagen?“

„Dass dich die Eiskinder nur in den Wintermonaten brauchen! Sag ihnen, dass du ein Saisonarbeiter bist!“

„Ein Saisonarbeiter? Ich?“

 

Schallendes Gelächter ertönt. Die Eiskinder kreischen vor Vergnügen. Sie sind noch genauso albern wie vor sieben Jahren. Sie sind also nur äußerlich gealtert, überlegt Alfred für sich. Als erwachsen oder gereift kann man sie jedenfalls nicht bezeichnen. Das ist seine persönliche Erkenntnis.

 

Die Eiskinder finden Dieters Ausführungen ungemein lustig. Nur für ihn, den Geschädigten, ist die Sache alles andere als amüsant:

 

„Wer blöde Fragen stellt, kriegt blöde Antworten, nicht wahr, Dieter?“, fragt Alfred zynisch.

„Ja, Eisknecht.“

„Wie nennst du mich?“

„Eisknecht.“

„Willst du mit mir Streit?“, stänkert er.

„Was will man schon von einem gefrorenen Gehirn erwarten, Junge.“

 

Dieters Augen glitzern gefährlich. Er wirkt irgendwie angriffslustig.

 

„Noch so ein Spruch, Alter ...“

„Alter? Willst du mich etwa schlagen?“, tönt Alfred.

Sabine mischt sich ein: „Hört endlich auf mit euren Albereien.“

 

Dieter ist sofort ruhig. Er wirkt zwar äußerlich so viel älter wie Sabine, aber im Endeffekt ist sie ihm weit überlegen. Sie ist nicht umsonst die Anführerin der Eiskinder.

 

„Was soll ich also die restlichen acht Monate tun?“

Und Sabine antwortet: „Frage den Bürgermeister, ob du dich im Wald nützlich machen kannst!“

„Warum seid ihr zurückgekommen, Sabine?“

„Die Eiskönigin hat uns erweckt. Das sagte ich dir doch schon!“

„Wollt ihr Waldhütte immer noch vereisen?“

 

Die Eiskinder schauen sich irgendwie betreten an. Und Alfred spürt ihre ablehnende Haltung.

 

„Nein. Wir werden unseren damaligen Plan nicht ausführen.“, antwortet Sabine.

„Die vielen Seelen der unschuldigen Babys gaben euch wohl den Rest?“, stichelt Alfred.

„Reize mich nicht.“

„Sag schon, Sabine: Wie ist euer nächster Plan? Ihr habt doch sicherlich wieder etwas Schreckliches vor!“

„Wir möchten nur in aller Ruhe Schlittschuhfahren. Erzähle es den Menschen, Seehüter. Wer aber versuchen sollte, das Eis unseres Sees erneut zu betreten, oder es kaputt zu machen, wird von uns verändert.“

„Das Töten soll also weitergehen?“

„Wenn ihr uns in Frieden lasst, wird nichts geschehen.“

„Ein Kompromiss?“

„Es sieht so aus.“

„Das bin ich von euch gar nicht gewöhnt, Eiskinder!“

Erzürnt blickt sie ihn an: „Wir sind keine Kinder mehr!“

„Wie soll ich euch denn nennen? Eiserwachsene?“

„Nein. Das hört sich albern an. Belassen wir es bei den Eiskindern.“

„Wie du meinst.“

„Die Zeiten ändern sich, Alfred. Wir sind kompromissbereit geworden.“

„Der lange Schlaf hat euch geläutert?“

„Stelle nicht so viele Fragen. Sobald es schneit, bist du unser Mann.“

„Und wann soll ich kündigen, Eisfürstin?“

„Du kannst ja noch bei deinem Schreiner arbeiten, solange es nicht schneit. Aber dann brauchen wir dich hier bei uns. Und die Eiszerstörmaschine, die immer noch am Grund unseres Sees liegt, musst du zu einer Schneeräummaschine umfunktionieren.“

„Bringt ihr sie mir hoch?“

„Aber sicher. Oder willst du hinuntertauchen?“

 

Zynisch ist ihre letzte Bemerkung. Sabine hat sich nicht sehr verändert. Sie ist nach wie vor überheblich und arrogant. Wahrscheinlich ist sie jetzt noch schlimmer, als je zuvor, überlegt der geplagte Alfred.

 

„Ihr bezahlt mich also, Sabine.“

„Ja.“

„Aber ihr wisst: Wenn das Geld von einem Überfall ist, muss ich es wieder an den Staat oder an den Geschädigten zurückzahlen, wenn es herauskommt.“

„Mach dir mal keine Sorgen. Wir werden schon dafür sorgen, dass dies nicht mehr passiert.“

„Wenn Waldhütte erfährt, dass ihr zurück seid, wird es ein Chaos geben!“

„Wie schön!“, ruft Doris, die inzwischen siebzehn Jahre alt ist. Auch aus ihr ist ein sehr hübsches Mädchen geworden.

Und Sabine sagt: „Du musst nur dafür sorgen, dass niemand an oder auf unseren See kommt! Wir dul-

den das nicht mehr! Kein Schlittschuhlaufen, kein Eisstockschießen mehr. Nichts mehr! Verstanden?“

„Ich werde es so weitergeben. Aber garantieren kann ich für nichts. Ihr kennt die neugierigen Menschen!“

 

Sie hören ihm gar nicht mehr zu. Sie öffnen den Kreis und flitzen auf ihren Schlittschuhen, die ihnen seltsamerweise immer noch passen, über das frische Eis. Aber wahrscheinlich liegt es an ihren merkwürdigen Körpern, überlegt Alfred, dass sie ihnen nicht zu eng geworden sind.

 

Alfred ist völlig perplex, dass das Eis schon hält. Aber andererseits hatten die Eiskinder mit der Schwerkraft noch nie irgendwelche Probleme.

 

Sabine ruft zurück: „Du kannst dir die Maschine heute Abend abholen!“

 

Er dreht sich um und zündet sich die nächste Zigarette an. Er ist sehr aufgewühlt, der arme Mann, und er beschließt, nicht nach Hause zu gehen.

 

 

 

 

Bürgermeister Manfred Huber ist gerade über seinen schweren Schreibtisch gebeugt, weil er einen bestimmten Zettel sucht, als sich hinter ihm die Türe öffnet und seine Sekretärin Walburga Stumpf hereinkommt. Sie geht nicht, sondern sie eilt. Huber dreht sich halb um und fragt sie verwundert:

 

„Was ist denn mit Ihnen los? Was rennen Sie denn so? Das machen Sie doch sonst nicht!“

 

Ihr Gesicht ist knallrot. Ihre dunklen Augen sind weit aufgerissen und ihr Atem geht stoßweise:

 

„Herr Huber! Ich weiß gar nicht, wie ich es ihnen sagen soll ...“

„Jetzt reden Sie schon!“

„Es ist ja so furchtbar ...“

„Wollen Sie kündigen?“

„Wieso soll ich kündigen?“ Sie schnappt nach Luft.

„Ich dachte ja nur.“

„Möchten Sie denn, dass ich kündige?“

„Keine Suggestionsfragen, ja? Also, was ist denn nun?“

„Sie sind zurück.“

„Wer ist zurück?“

 

Die Eiskinder!“

 

Er greift nach hinten an die Lehne des Sessels, aber er fasst prompt daneben. Er, der schwere Mann, verliert das Gleichgewicht und stürzt rücklings zu Boden. Hart schlägt er auf den glücklicherweise mit dicken Teppichen ausgestatteten Fußboden. Er strampelt wie ein zu groß geratener Maikäfer. Walburga Stumpf gluckst. Er starrt sie von unten wild an und antwortet:

 

„Sie spinnen ja!“

„Ich spinne nicht!“

„Wer hat Ihnen denn diesen grandiosen Mist erzählt?“

„Scharf.“

„Was? Alfred Scharf? Dieser schwachsinnige Idiot?“

„Ich glaube, Sie unterschätzen ihn.“

„Werden Sie nicht pampig, ja?“

„Wieso?“

„Ich halte nicht viel von ihm.“

„Das ist Ihre Sache!“, antwortet sie schnippisch. Aber sie ist verunsichert.

„Hat er Sie angerufen?“

„Ja. Er sagte mir eindringlich, dass niemand mehr zum Eissee gehen darf. Die Eiskinder hätten ihm dies erzählt.“

„Sie glauben, dass er die Wahrheit gesagt hat?“

„Ja, Chef.“

 

Langsam steht er auf. Er klopft sich den Staub von der Hose und sagt: „Sie könnten wieder mal Staub saugen!“

„Ich?“

„Ja! Sie!“

„Ich bin doch nicht Ihre Putzfrau!“

 

Walburga Stumpf lässt sich von ihrem oft schlecht gelaunten Chef schon lange nichts mehr gefallen. Und sie hat eine ganz bestimmte Sache immer noch nicht gelernt: Sich zurückzuhalten. Sie posaunt alles hinaus, was sie hört oder sieht, obwohl der Bürgermeister sie immer wieder ermahnt, doch endlich den Mund zu halten.

 

„Das habe ich auch nicht gesagt!“

„Also, wenn ich es mir recht überlege, Herr Huber ...“

„Was denn noch? Wollen Sie doch Staub saugen?“

„Dieser Scharf geht tagtäglich in die Kneipe. Er trinkt meines Erachtens zu viel.“

„Was wollen Sie damit sagen, Frau Stumpf?“

„Dass ich seine Aussage nun doch etwas anzweifle.“ „Also, was nun?“

„Ich glaube ihm seine Geschichte doch nicht. Sie ist einfach zu phantastisch. Wieso sollten die Eiskinder nach geschlagenen sieben Jahren wieder zurückkommen? Sie waren doch vernichtet!“

„Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Bevor wir jetzt etwas unternehmen, möchte ich mit diesem Alfred persönlich reden.“

„Soll ich ihn anrufen?“

„Von selbst kommt er bestimmt nicht!“

 

 

Zur selben Zeit ...

 

 

Alfred ist auf dem Weg zu uns. Er ist Brunhilde und auch mir in all den Jahren ein guter Freund geworden, und er beabsichtigt gerade, auch mit uns über das neue Problem - nein, über sein Problem - zu sprechen. Er befindet sich noch dreihundert Meter von unserem Haus entfernt, als sein Handy klingelt:

 

„Scharf?“

„Hier Walburga Stumpf!“

„Was gibt es?“

„Der Bürgermeister möchte mit Ihnen über die Eiskinder reden!“

„Wann? Jetzt?“

„Ja, jetzt gleich. Bitte kommen Sie ins Bürgermeisteramt!“

„Sie haben noch geöffnet? Es ist doch schon nach zwölf Uhr!“

„Für Sie haben wir immer geöffnet!“

„Warum?“

„Kommen Sie, oder kommen Sie nicht?“

„Ja.“

„Also, bis gleich.“

„Moment noch! Was will er denn von mir? Ich habe Ihnen doch alles erzählt!“

„Er möchte mit Ihnen persönlich sprechen.“

„Nun gut. Wenn er meint.“

 

Alfred ändert die Richtung und geht Richtung Marktplatz. Nach ein paar Minuten erreicht er das Bürgermeisteramt, das sich im Gemeindehaus befindet. Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, denn er fürchtet die anzüglichen und respektlosen Redensarten seines ehemaligen Vorgesetzten. Er betritt das Vorzimmerbüro und sagt:

 

„Hallo, Frau Stumpf! Hier bin ich!“

„Gehen Sie gleich durch in das Büro des Bürgermeisters. Er wartet schon auf Sie!“

„Danke.“

 

Alfred betritt Hubers Büro. Er ist aufgeregt und sein Herz klopft stark. Er, der Bürgermeister, sitzt, eine dicke Zigarre im Mundwinkel, an seinem Schreibtisch. Er klopft mit seinen wulstigen Fingern nervös auf die Schreibtischplatte.

 

„Ha! Scharf! Nehmen Sie Platz!“

 

Alfred setzt sich an die Vorderseite des Schreibtischs. Aber er sagt nichts.

 

„Kaffee?“

„Ob ich Kaffee gekauft habe?“

„Nein. Ob Sie einen möchten!“

„Nein danke. Ein Bier wäre mir lieber.“

„Wir haben hier kein Bier.“

„Oder ein Schnäpschen. Es ist sehr kalt heute!“

„Schnaps? Haben wir auch nicht.“

„Schade.“

„Sie waren also am Eissee, wie mir Frau Stumpf erzählte?“

„Ja.“

„Und Sie haben die Eiskinder gesehen?“

„Ja.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Haben Sie mit ihnen auch gesprochen?“

„Aber sicher.“

„Sie kamen aus dem See?“

„Wer? Ich?“

„Scharf ...“

„Ich heiße Herr Scharf!“

„Natürlich. Herr Scharf.“

„Sie kamen direkt von unten, wie sie es immer taten.“

„Und sie haben wieder gedroht?“

„Sie sagten, dass sich niemand mehr ihrem Eissee nähern, oder im Winter darauf laufen soll. Nein, darf.“

„Und wenn trotzdem jemand ...“

„Sie drohten, jeden zu verändern, der ihrem See zu nahe kommen würde.“

„Verändern? Also töten?“

„Ja.“

„Sie sind wirklich zurück?“

„Ja, leider.“

„Haben Sie sich das auch nicht eingebildet?“

„Was denken sie denn von mir?“

„Nun, ich weiß nicht so recht.“

„Sie glauben, ich lüge?“

„Aber nein.&

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