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Eiskaltes Schwarz

Prolog

Wenn er später an den diesen Abend zurückdachte, war diese erste Konfrontation ein Fingerzeig für all die folgenden Zusammentreffen, bei denen er ihr begegnete. Sie alle waren verwirrende Erlebnisse, die sich aus diesem ersten, noch jungfräulichen Kennenlernen ergaben. Bereits an diesem ersten Abend passte keine seiner Vorstellungen, die er sich mühsam ersponnen hatte, zu der Wirklichkeit, wie er sie tatsächlich erlebte. Trotzdem hielt er an seinen Illusionen fest und ließ die Begegnungen so verblassen, dass im Nebel seiner Erinnerung nur der Ort und die Zeit schwach glimmten. In der Realität jedoch war alles ganz anders.

Eiskaltes Schwarz

Der Empfang fand wie jedes Jahr am gleichen Ort statt. Gedämpftes Licht tauchte die Räumlichkeiten des Kaiser-Franz-Saals in die vornehme Unwirklichkeit, die die Kronleuchter über dem jahrhundertealten Parkettboden zum Gleißen brachten. Schwarz-weiß gekleidete Belegschaften erschienen geräuschlos, boten Tabletts mit langstieligen Gläsern, in denen Champagner perlte, und Hors d'oeuvre feil. Die namenlosen Dienstboten verschwanden gleichsam wie sie gekommen waren.

 

Maximilian Mittereiner, Emporkömmling der Arbeiterklasse, stand umzingelt in einem Kreis gut situierter Herren. Er nahm an, dass es sich um seine zukünftigen Auftraggeber handelte. In ihrer blasierten Art hatten die Alten auf eine Vorstellungsrunde verzichtet. Sie gingen davon aus, dass Normalsterblichen, zu denen sie ihresgleichen zählten, ihre Gesichter und Namen aus der Presse bekannt sein dürften. Dass dem nicht so war, behielt Maximilian wohlweislich für sich. Morgen würde er in den Lokalnachrichten nachlesen können, wie hochrangig seine abendliche Gesellschaft angesiedelt war.

 

Jetzt verfolgte er amüsiert ihre Diskussion über seinen Entwurf zur Seeteufelshalle. Subtil stigmatisiert, nannte ein untersetzter Glatzköpfiger mit Nickelbrille die Bauweise des Gewölbes im Eingang. Gegenüber fiel eine Bemerkung zur verwegenen Wertestatik bei paralysierter Bogenführung. Maximilian unterdrückte ein Lächeln über die abgehobene Ausdrucksweise. Bei den Herren handelte es sich eher um Geldgeber als um Architekten, denn es war sein Entwurf, den sie zerlegten und sein Modell, mit dem er den Wettbewerb für Moderne Architektur gewonnen hatte. Diesem Sieg verdankte er nicht nur den Platz in der Unternehmensgruppe Schwarzenfelder Bergmann, seinen neuen Arbeitgebern, sondern er war gleichzeitig die Begründung für sein Erscheinen an diesem abendlichen Empfang. Eine Pflichtveranstaltung, die er bis zu diesem Zeitpunkt als eher lästig betrachtete.

 

In seiner Kleidung und seiner legeren Art trat Maximilian natürlich gewandt auf. Schwarzer Smoking, weißes Hemd, dunkle Haare. Eine Kombination, die zu ihm passte. Die Natur hatte sein Gesicht mit klassischen Zügen und ebenen Konturen geprägt. Dazu bescherte sie ihm fein geschwungene Brauen über glasklaren blauen Augen, mit denen er direkt und ohne Charme blickte. Er hätte Fotomodell sein können, wäre er nicht zum jungen Stararchitekten avanciert. Er war zeitlos elegant.

 

Die Runde, in der er stand, überragte er um Haupteslänge. Deshalb blieb er locker in den Knien, federte leicht nach, bemüht darum, seine Größe neben den Grauhaarigen herunter zu spielen. Ernsthaft nickte er ihren Kommentaren zu, auch wenn er immer wieder versucht war, belustigt zu wirken, blieb er dieser Mimik treu. Zur Unterhaltung steuerte er nur vereinzelte, nichtssagende Bemerkungen bei. Er war noch neu in dieser Gesellschaft und auf dem Wege, sich zu etablieren. Sein Ziel war es, die Persönlichkeiten seiner Gesprächspartner zu sondieren und herauszufinden, welche Bedeutung ihnen zukam.

 

Nach einer Weile glitt sein Blick durch den Saal, schweifte hoch zu den Kronleuchtern und irrte an deren lüsternen Steinen entlang. Die Grauhaarigen langweilten ihn. Das Funkeln der Steine ließ an vergangene Zeiten denken. Er begann sich Kaiser Franz auszumalen, der einst mit Prunk und Pomp in die gleiche Örtlichkeit einmarschiert war, gefolgt von langen Reihen eingeschnürter Begleiterinnen in prachtvollen Gewändern. Im Hintergrund spielte das Orchester und der Hofzeremonienmeister schlug den Takt dazu. Der Ball wurde mit einem Wiener Walzer eröffnet, dessen erster Tanz dem Kaiser und seiner erwählten Hofdame gebührte. Galant umfasste der Kaiser ihre schmale Taille, drehte sie auf Abstand haltend vor den Anstandsdamen über das Parkett.

 

Maximilian stellte sich selbst als Kaiser mit einer Auswahl von Hofdamen in eng anliegenden Abendkleidern vor. Ihre grazilen Körper waren in Korsagen gepresst, so dass ihre kleinen Brüste hoch gedrückt besser zur Geltung kamen. Er dachte daran, wie sich seine Hand auf den Stangen der festen Mieder fühlen würde. Bestickter Brokat über der Starrheit formender Unterkleider. Vermutlich ein angenehmes Gefühl. Hunderte dieser grazilen Taillen könnten in seinen Händen liegen.

 

Als erster Mann am Platze mit den schwebenden Schönheiten über das Parkett zu kreisen, stimmte ihn zufrieden. Doch als Kaiser wäre er dem Zwang unterlegen, einem Hofprotokoll nachzugehen. So würde auf ihm gleichfalls die Last liegen, außer all den zierlichen Schönen auch die wichtigen üppigen Matronen zu betanzen. Ihn schauderte bei der Vorstellung, fettleibige eingeengte Körper in seinen Armen halten zu müssen. Sich innerlich schüttelnd entstand vor ihm ein Bild mit aufgedunsenen Gesichtern und aus der Kleidung hervorquellenden Brüsten. Schnell verwarf er diesen Gedanken und kehrte zu den grazilen Damen zurück.

 

„Der Fundus an klassischen Details im subtilen Neuartdekor überragt in seiner einzigartigen Führung …“ klang es an sein Ohr. Maximilian, der in seinen Gedanken dabei war, die Zierlichen aus ihren Korsagen zu schälen, überlegte, welcher der Grauhaarigen diesen Satz formuliert hatte. Die Ausführung erschien ihm unsinnig, weshalb er seiner zuvor eingeschlagenen Art folgend, nichts sagend lächelte und ein „Ja natürlich, das ...

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